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Full text of "Die Judengemeinde des Mittelalters: Insbesondere die Judengemeinde der Reichsstadt Ulm. Ein ..."

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Die Judengemeinden 



des Mittelalters, 



insbesondere die Judengemeinde der Reiclisstadt Uim. 



Ein Beitrag 



cor 



deutschen Städte- nnd Wirtschaftsgeschichte 



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Elisen Kübüng. 




ULM, 1896. 

Verlag von Gebrüder Nflbling. 



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Die Judengemeinden 



des Mittelalters, 



insbesondere die Judengemeinde der Reichsstadt Ulm. 



Ein Beitrag 



rar 



deatschen Städte- nnd Wirtschaftsgeschichte 



von 



Eilten KübUn^. 




ULM, 1896. 

Verlag von Gebrfider Nfibling. 






Dm VeberMtmiiginelit In firtmde Bpnehen wird Torbehalten. 



Inhalts-yerzeichiii& 



9«lto 

Dellen ^ 

»nrort 'X 

inleitmig. 

I. Die politiselie nnd wirtichaftliche Bedeatnng dei Joden« 
tnnis seit dem Anfang unserer SSeitrechnang. 

a. Von Kaiser Augnstos bis Kaiser KonsUnÜn (81 y. Chr. 

bis 828 n. Chr.) XVII 

b. Von Kaiser KonsUntin bis Kaiser Jostinian (828-525) XXIV 
c Von Kaiser Jostinian bis Kaiser Karl dem Grossen 

(625-789) XXVin 

d. Von Kaiser Karl dem Grossen bis Kaiser Friedrich 

Barbarossa (769 - 1151) XXX 

IL Die Stenenrerhaitnisse der Joden. 

a. Der Jodenscbots XXXVI 

b. Die eioielnen Steoerleistongen« 

a. Die Reichssteoem XXXVII 

ß. Die VogieigebOhren XU 

/. Die Landfriedensgebohren XLII 

m. Der Gewerbebetrieb der Joden. 

a. Der freie Gewerbebetrieb XLII 

b. Die sfinftige Gewerbeth&tigkeit des Joden. 

flt. Der Unterschied Ton Zins ond Wocher .... XLIV 

ß. Die öffentlich-rechtliche Gestaitong des Darleih- 

gesch&fts L 

rV. Der Kampf der Kirche gegen die Joden im 18. ond 

14. Jahrhondert. 

a. Das 13. Jahrhondert LX 

b. Das U. Jahrhondert IJCV 

V. Die Grondscholdenablösong in Schwaben LXXIII 

VI. Der RQckgang des abendländischen Jodentoms seit dem 

15. Jahrhondert LXXXVI 

Vn. Die allm&hliche Besserong der Lage der abendl&ndischen 

Joden seit dem 17. Jahrhundert XCn 






Kurzer BKck auf die Stellung der Ulmer Juden bis sum Beginne 

des 14 Jahrhunderts 1 

Die Uimer Judengemeinde des 14. Jahrhunderts bis zum Juden- 
krawall Ton 1848 16 

Die Einrichtungen der Jndengemeioden des 14. Jahrhunderts. 

a. Das Judenborgerrecht und der Judengemeinderat .... 26 

b. Das Gerichtswesen der Juden 29 

c. Die Synagoge 88 

d. Die Schule 36 

e. Der Friedhof 89 

f. Das SpiUl 45 

g. Das Bad, der Brunnen und das Tanzhaus 46 

b. Das Schlachthaus 47 

i- Der Lebensmittelverkauf und das Judenbackhaus .... 50 



— IV — 

4. Die bMchrftokenden Vortchriflen gegen die Jaden des Mittelelteri. 

a. Die Kleiderordnung der Jaden 5fi 

b. Die Beicbriakang der Jaden an christlichen Feiertagen . . 54 
c Die Beschriakang der Juden betreffi ihres geselligen Ver- 
kehrs mit Christen 56 

6. Der Gewerbebetrieb der Jaden 56 

a. Die freie Qewerbeth&ttgkeit der Jaden. 

a. Der Grosshandel der Jaden 56 

ß. Die Jadea als HandelsTennittler 65 

/• Die Jaden als Sklavenhändler 74 

d» Die Jaden als Aerste Si 

b. Die Jadengemeiode als Darleibergenostenschaft 89 

c. Der Wettl^werb der Lombarden aud Kowertschen .... 99 

6. Die EntwieklangBgeschichte des Darlehensgeschäfts bis snin 
JadenkrawaU Tom Jshre 1348. 

a. Das Darleheosgesehäft bis snra 11. Jahrhandert 106 

b. Die Jodenverfolgang von 1096 122 

c- „ „ „1146 196 

d. ,, ^ „1196 1S2 

e. Die französische Graodscholdenablösang Ton 1289 .... 134 

f. Die Lage der deatschen Jadeagemeinden während des 18. Jshr* 
hiinderts 140 

g. Das Darlehensgeschäft in der ersten Hälfte des 14. Jahrhanderts 147 

7. Die sanehmende geselischafüicbe Beschränkung der Jadeo- 
gemeinden rom 18. Jahrhandert bis zum Jadenkniwall von 1848 152 

8. Das Pfandrecht der Jaden. 

a. Die Judenschalden der deatschen Grundbesitzer 173 

b. Die Judenschalden gegen fahrende PfiUider. 

or. Das Darleihen auf Kirchengut 165 

ß. Das Darleihen auf Tiere, Harnische, blutige und feuchte 
Gewänder 191 1 

c. Das Personalpfand und das BQrgschaftsrecht 196 1 

d. Die Förmlichkeiten des Judendarleihgeschäfts. | 
a. Die Gerichtszuständigkeit, der zeugenbeweis und der { 

Reinigungseid der Juden 197 

/)• Der Uebergang der jadischen Pfandgerichstbarkeit an die 

gemeinen bürgerlichen Gerichte 200 

e. Die allgemeinen pfandrechtlichea Grundsätze des Mittelalters 20S 

f. Der Zinskleiahandel der Juden , . 216 

g. Die Beschränkung des Zinsfnsses 225 

h. Die Haftpflicht des Pfandinhabers und die Heimzahlung der 

Darlehen 23T 

9. Die Steuerverhältnisse der Jadengemeinden im Allgemeinen und 
die Reichskammerknechtschaft 241 

10. Die einzelnen Steuerleistui^en der Juden. 

a. Der goldene Opferpfennig ^ 

b. Die Schätzungen der Jndengemeinden 2w 

c. Das Dienstgeld (servitium) der Juden 261 

d. Die ümlegung der Judenstener 2^ 

e. Das Zogsrecbt der Juden 27v 

f. Die Grund- und Gebäudesteuer der Juden 2?1 

g. Das Judengeleitgeld 2^ 

h. Die JndenschutzTogtei des Papstes ^ 

i. Das Freiheitsrecht der Juden auf den Landfrieden - • • • ^ 

11. Die Judenkrawalle von 1848 281] 

12. Die weitere Entwicklung der Judengemeinden vom Jadenkrawall 
des Jahrs 1348 bis zur Judenschätzung des Jahrs 1873 ^ 
a. Die Folgen der Judenkrawalle von 1348 ^ 



— V — 

8«ite 

b. Die Rflckkehr der Jaden nach Frankreicb 810 

c Die Aufnahme der Jaden in den Schatz der Landesherrachafteu 
auf bestimmte Zeit 816 

d. Die znnehmende wirtschaftliche Erstarkong der Juden . .818 

e. Die steigenden Anforderungen der Reichskammer an die 
Stenerkraft der ReichsbOigeigemeinden und der Reichajuden- 
gemeinden • 819 

13. Die Jndensch&tzung Ton 1373 828 

14. Der Judo J&cklin und der Kauf der Herrschaft Werdenberg 
durch die Stadt Ulm 827 

15. Der Verkauf der Herrschaft Helfenstein an die Stadt Ulm . . 843 

16. Das Vorgehen der Reichsregiemng bebufs AbKVsung der Juden- 
schulden im Jahre 1885. 

a. Blick auf die ZeitTerh&ltnisse 862 

b. Die ersten Schritte der Reichsregierung gegen die Juden . 867 

c. Die JudenschuldenablOsung von 1885 874 

17. Das weitere Vorgehen gegen die Juden im Jahre 1890. 

8. Der Pariser Judenkrawall vom Jahre 1887 887 

b. Die Judenschuldentilgung vom Jahre 1890 • 891 

c. Das Abdienen des Schuldrestes seitens der Schuldner . . . 898 

d. Die weitere Durchfahrung der JudenschuldentUgung im Aus- 
lande, am Rhein, in Sachsen, Franken und Bayern .... 402 

e. Die DurchfOhrang der JudenschuldentUgung in Schwaben. 

er. Die Schulden der Grafischaft Wirtemberg 413 

ß> Die Schulden der Herrschaft Landau und die Blaubeurer 
Fehde 419 

}• Der Ausgleich zwischen der Grafschaft Wirtemberg und 
der Reichsstadt Ulm 428 

18. Die Steuerverhaltnisse der Juden im 15. Jahrhundert 

a. Die Jahressteuer und der goldene Opferpfennig unter König 
Ruprecht (1400-1410) 485 

b. Die Landfriedenssteuer oder das Judengeleite, die Kieiderstener 

und das Reichskanzlergef&ll 442 

c. Das Reichsjudenhochmeisteramt 444 

d. Die Konzil- und Kriegssteuem König Sigmunds 446 

e. Die Hauszinsen der Juden 462 

f. Die Judensteuer unter König Rudolf U. (1488-1439) und 
unter Kaiser Friedrich m. (1489-1498) 465 

19. Die Juden des Auslands im 15. Jahrhundert 467 

20. Die zunehmende Beschrilnkung der deutschen Judengemeinden 
seit dem 15. Jahrhundert. 

a. Die räumliche, politische und gesellschaftliche Abgrenzung 

der Judengemeinden 475 

b. Die Glaubensverfoigungen der Juden im 15» Jahrhundert • 481 

21. Die Austreibung der Juden aus den deutschen St&dten. 

a. Die ersten Judenanstreibungen in Köln, Augsburg u. s. w. • 489 

b. Das Aufkommen der öffent&chen Darlehenskassen .... 497 

c Die Judenanstreibungen in Nfimberg und Ulm 502 

d. Die Ulmer Jndengrabsteine 508 

22. Die Verhältnisse der Juden Ins zum Ulmer Judenfreiheitabriefe 
Tom Jahre 1541. 

a. Die Ulmer Judenyerh&ltnisse bis zum Jahre 1541 .... 513 

b. Die Glaubensyerfolgungen der Juden im 16. Jahrhundert. . 516 

23. Die Freiheitsrechte der liBidisstadt Ulm wider die Juden Tom 
Jahre 1541, 1561 und 1571. 

a. Das Dimer Jndenfreiheitsrecfat Kaiser Karis V 522 

b. „ n „ „ Ferdinands L . . . 524 

c. „ „ „ „ MaTJmiliang HL . . . 584 



— VI — 

24. Die Schicksale der Ulmer Jaden im 17. und 18. Jahrhundert ^^^ 

a. Die ülmer Juden im 17. Jahrhundert 541 

h» ,1 ti ,, w 18. „ 543 

25. Die Schicksale der Ulmer Juden im 19. Jahrhundert. 

a. Die Ulmer Juden bis zum Judengesets vom Jahre 1828 • • 549 

b. Die Eingabe des Ulmer Handelsstands gegen die Jnden vom 
Jahre 1828 . 554 

c. Die Neuentwicklung der Ulmer Judengemeinde seit dem 
Jahre 1828 561 

Schlusswort 563 



Quellen. 



a) Benutzte Handschriften. 

Bazing und Yeesenmeyer, Ulmisches Urkundenbuch, Bd. 2. Manuskript 
ini Besitz des ehemaligen Stadtbibliothekars Professor Dr. G. Veesen- 
meyer des Jüngern in Ulm. 

BOrgerbuch, Ulmer, yon 1885. Manuskript, Ulmer Stadtarchiv. 

Freiheitsbriefe der Stadt Ulm wider die Juden Ton 1541, 1551 und 1571. 
Manuskript, Ulmer StadtbibUothek. 

Gesetzbuch, Zweites, der Stadt Ulm, Manuskript aus den Jahren 1420 bis 
1510. Ulmer Sudtarchiy. 

Handwerksordnungen, Ulmer, Gesammelte Manuskripte. Ulmer Stadt- 
bibliothek. 

Jahresregister, Nürnberger, tou 1381—1896. Manuskript Nürnberger 
StaatsarchiT. 

Ratsprotokolle, Ulmer, Register, Artikel Juden, Manuskript, Ulmer Archir. 

Rotes Buch, Uteste Gesetzsammlung der Stadt Ulm. Manuskript KgL 
Württ StaatsarchiT. Abschrift Tom f Pr&lat tou Schmid auf der 
Ulmer Stadtbibliothek. Eine weitere Abschrift befindet sich im 
Ulmer Stadtarchir. 

Steuerbericht, Ulmer yon 1497. Manuskript, Ulmer Stadtarchiv. 

Urkunden- und Yertragsbuch, Ulmisdies, Manuskript, Ulmer Stadtarchir. 

b) Benützte Druckwerke. 

Adam, Mömpelgard, Württ. Yierteljh. für Landesgeschichte Stuttgart 

Eohlhammer, 1884. 
Ahmann und Bemheim, Ausgewfthhe Urkunden zur YerfSEunungsgeschichte 

des Mittelalters. Berlin 1895. 
Aronius und Dresdner, Regesten zur Geschichte der Juden im frftnkischeu 

und deutschen Reiche bis zum Jahre 1278. Herausgegeben Toa 

der Hist Kommission für Geschichte der Juden in Deutschland. 

Berlin 1890. 
Bazing, Das Ulmer Stadtrecht Württ Yierteljahrh. för Landesgeschichte. 

stuttmt issa 

Bazing und veesenmeyer, Urkunden zur Geschichte der Ulmer P£srrkircbe. 

Ulm 1890. 
Bibel, oder die heilige Schrift, Makkabfter. 



— VII — 

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Bonrqoelot, Les loires de la Champagne, Paris 1868. 

BQcher, Die BeyOlkerang von Frankfort, TQbincen 1886. 

Christoiann, Das Ulmer Wengenkloster, Ulm 1797. 

Depping, Die Juden im Mittelalter, Stuttgart 1884. 

Diepenbrock, Heinrich Suso, Regensburg 1829. 

Dietericb, Beschreibung Ton Ulm, Ulm 1825. 

Eingabe, Gedruckte, der Ulmer Handels- und Gewerbsleute an die wartt. 
Stftndekammer betr. den Gesetzentwurf über die öffentlichen 
Verhältnisse der Israeliten« Verfasst Ton Theod. Ulrich KQbling, 
Ulm 1828. Ulmer Stadtbibliothek. 

£nnen, Geschichte der Stadt Köln, Köln 1868. 

Fischer, Sebastian, Ulmer Chronik ans dem 16. Jahrhundert. MQnchner 
Keichsarchiv. Herausgegeben von Professor Dr. Veesenmeyer dem 
Jungem. Ulm 1896. 

Fischer, Geschichte des teutschen Usndels, 4 Bde., Hannover 1785. 

Fnnk, Zins und Wocher, Tübingen 1868. 

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Zeitschrift für Geschichte der Juden in Deutschland, Bd. 1. 

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Kommission für Geschichte der Juden, Berlin 1888. 

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Meyer, Stadtbnch von Augsburg, Augsburg 1872. 

Meyer, Urkundenbuch der Stadt Augsburg, Augsburg 1874. 

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Bd. IX, Leipzig 1890. 

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„ „ Fleischereiwesen» „ „ 1892. 

„ „ Lebe n sm it telgewerbe „ „ 1896. 

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Preasel, Oeaduchte der Jaden in Ulm, Ulm 1873. 
PreBsel, Ulmisches Urkondenbucb, Bd. 1, Stuttgart 1873. 
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Bescher, Geschichte der Nationalökonomik, Manchen 1874 
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Schmeller, Bayerisches WOrterbach, Stuttgart 1827. 
Schmidt, Schw&bisches Wörterbuch, Stuttgart 1831. 
SchOnhnt, Chronik Ton Reichenau, Konstanz 1886. 
Schürer, Geschichte des jOdischen Volks im Zeitalter Jesa Christi, 

Berlin 1890. 
Schultes, Chronik ron Ulm, Ulm 1881. 
St&liD, Wirtemb. Geschichte, Stuttgart 1856. 

Stern, Die israelitische BevölkeruDg in Deutschland, Heft 1^8. Kiel 1894. 
T. Stetten, Geschichte Ton Augsburg, Augsburg, Frankfurt 1743. 
T. Stetten, Geschlechtergeschicnte ron Augsburg, Augsburg 176SL 
Stobbe, Die Juden in Deutschland, Brannschveig 1866. 
Veesenmeyer, Prof. Dr. G. Etwas Ton dem ehemaligen Aufenthalte der 

Juden in Ulm. Programm des Ulmer Gymnasiums, Ulm 1797. 
Veesenmeyer der JQngere, Tractatus fratris FeUcis Fabri de ciTitate 

Ulmensi, de ejus origine, online, regimine, de dvibus ejus et stato. 

Schriften der Bibl. des LiU. Ver., Bd. 186. Tübingen 1889. 

Veesenmeyer der Jüngere, Mitteilungen in Ulm-Oberschwaben, No. 2. 
Veesenmeyer der Jüngere, Mitteilungen in den Verhandlungen des Vereins 

für Kunst und Altertum 1871. 
Vischer, Der Schwäbische Bund, GOttiogen 1861. 
Vorstellung des Ulmer Handelsstands an die kgl. württ Regierung wegen 

der Juden vom Jahre 1815. Verhandlungen des kOnigl. württemb. 

Landtags. 
Wagner, Die wirtschaftlichen VerhUtnisse der Stadt Ulm in Württ. 

Viertejjh. ftkr Stotistik und Landeskunde, 1895. 
Weber und Holtnnann, Geschichte des Volks Israel, Ijeipsig 1867. 
Weizsäcker und Kerler, Reichstagsakten, herausi<egeben Ton der kgL 

bayer. bist. Kommission, München 1867'-18S^. 
Weyermann, Mitteilungen im Armenfreund und Unterhaltungsblatt, Stutt- 
gart 1817-1824. 
Weyermann, Nachrichten von Gelehrten und Künstlern der ehemaligen 

Reichsstadt Ulm, Ulm 1798 und 1829. 
WürflBl, Andreas, Diakonus in Kirchenstettenbach , Hist Nachrichten von 

der Judengemeinde, welche ehehin in der Reichsstadt NOmbeif 

angerichtet gewesen. Nürnberg 1753. 



Vorwort 



Der Verfasser wollte ursprünglich nur ein kleineres 
Heft bearbeiten, das die Ulmer Jadennrknnden enthalten 
sollte, welche sich seit der schon im Jahre 1878 erfolgten 
Heraasgabe der Pressel'schen Ulmer Jadennrknnden- 
sammlang noch vorgefunden hatten, und im Anschlnss 
hieran eine knrzgefasste Darstellung der Verhältnisse der 
alten, im Jahre 1499 aufgehobenen Ulmer Judengemeinde 
geben» In dieser Absicht wurde das Schriftchen begonnen, 
als unter der Arbeit dem Verfasser bei seinem Bestreben, 
noch ungeklärten Dingen nachzuspüren, immer neuer Stoff 
zuwuchs, aber ihm auch die Thatsache immer bestimmter 
vor Augen trat, dass eine lesbare zusammenfassende 
Behandlung gerade der Wirtschaftsgeschichte des 
Judentums im Mittelalter für die heutige Zeit ein 
dringendes Bedürfnis ist. Die beiden Werke, welche 
wir in Deutschland heute für ähnliche Zwecke, wie sie 
das vorliegende Buch verfolgt, besitzen, sind veraltet : das 
Depping'sche Buch über die „Juden im Mittelalter** 
stammt in seiner deutschen Uebersetzung vom Jahre 1884, 
das Stobbe'sche Werk über die „Juden in Deutsch- 
land** vom Jahre 1861. Beide Arbeiten sind wie die 
Heg er sehe Abhandlung über die Judenschuldenablösung 
von 1385/92 nicht mehr den Anforderungen der Zeit 
entsprechend, weil seither die Forschungen von Aronius 
und Wiener, die Untersuchungen von Höniger, Stern, 
Weizsäcker und anderen ein reichhaltiges neues Material 
zu Tage gefördert haben. 

Seit bei den Juden selbst sich mit der Erstarkung 
ihrer wirtschaftlichen Macht auch der Sinn für die hoch- 
interessante Geschichte ihres Volks neu belebt hat, seit sie 
es wieder wagen, sich öffentlich als Juden zu fühlen, 
statt aus Elugheitsgrfinden ihre Zugehörigkeit zum Juden- 
tum thunlichst zu verschleiern, ist viel Neues gefunden 
worden. Qerade darum schien es dem Verfasser aber 
auch an der Zeit, einmal offen darauf hinzuweisen, dass 
die Sage von der unsäglich schlechten Behand- 
lung, welche das Judenvolk im eigentlichen Mittel- 
alter erfahren haben soll, ein Märchen ist und die 



— X - 

eigentlich schlechte Behandlung der Jaden erst 
mit der Beformationszeit beginnt Der Jade hat 
es hente, und wir wollen ihm das herzlich gönnen und 
uns mit ihm darttber freuen, nicht mehr wie in den 
Zwanzigerjahren notwendig, seine Stellang durch die Er- 
regung des christlichen Mitleids zu verbessern. 
Wenn sich die Juden in irgend etwas als Meister der 
sogenannten „Närnbergerei^, d. h. der sophistischen 
Verdrehungskunst, wie sie auf der Nttrnberger Judenhoch- 
schule des 15. Jahrhunderts im Schwang war, erwiesen 
haben, so ist es in der Verschleierung der wahren Ent- 
wicklung ihrer Geschichte. Um so angezeigter ist es aber 
darum auch, daraufhinzuweisen, dass der Jude in alten Zeiten 
kein so bedauernswertes Geschöpf war, wie sich der Durch- 
schnittschrist den „Juden des Mittelalters'' ausmalt 
Der Jude hat unter den Karolingern und den Sachsenkaisern 
wie unter den Saliern genau die gleiche bevorzugrte 
Stellung eingenommen, die er heute wieder geniesst, and 
auch die Ereuzzüge des 12. und 18. Jahrhunderts haben 
ihm nur vorübergehend schlimme Tage gebracht, wie 
auch das 14. Jahrhundert trotz der Judenhetze von 1349 
den Juden uns in mächtiger Stellung zeigt. Erst das 
15. Jahrhundert hat seine Stellung erschüttert und ihn 
in jene Lage gebracht, welche die Zeiten der Re- 
naissance ihm bescheerten. Die Wiedergeburt des 
Bomanismus, d. h. des politischen und wirtschaftlichen 
Abschlusses der romanischen Völker von Byzanz and 
der Levante, das Aufhören des internationalen, gross- 
römischen Weltreichs mit Byzanz als Weltmittelpunkt, 
wie es die Entdeckung des Seewegs nach Indien and 
Amerika mit sich brachte, der endgültige Sieg der Türken 
und Tartaren, des Halbmonds über das Kreuz, des 
Silbers der Levante über das Gold der Ponente, wie 
es die Entdeckung der Goldfelder am Cap und in 
Venezuela herbeiftkhrte, hat als Folge des Abschlusses 
der griechischen Kirche und des Protestantismus 
von Bom in den romanischen Ländern den Lombarden 
an die Stelle des Juden gesetzt 

Die Art der Behandlung des Stoflßä, die der Verfasser 
gewählt hat, war das System, vom Einzelnen aufs All- 
gemeine zu kommen, d. h. im vorliegenden Falle vom 
Gesichtspunkte der Erforschung der Geschichte einer 
einzelnen Judengemeinde der Geschichte des ganzen Juden- 
tums näherzutreten und so zu allgemeinen Schlüssen zu 
gelangen. Aus diesem System heraus ist die vorliegende 
Arbeit entstanden und wenn der Verfasser das Gesamt- 
bild, das sich ihm dabei vor Augen gestellt hat, kurs 



— XI — 

zasammenfassen soll, so möchte er zunächst betonen, dass 
die so oft namentlich von sogenannter „antisemitischer^ 
Seite aufgestellte Unterscheidung ihm durchaus verfehlt 
erscheint, als ob die Judenfrage des Mittelalters ausschliess* 
lieh eine Religions frage gewesen, die Judenfrage der 
Gegenwart und Zukunft dagegen lediglich eine Rassen-, 
Sitten- und Eulturfrage sei. Die Judenfrage ist nach 
Auffassung des Verfassers, so lange es eine solche giebt 
— und eine Jsdenfrage hat es thatsftchlich gegeben, seit 
es Juden giebt, — stets dieselbe gewesen, die sie noch 
heute ist, nämlich eine Sittenfrage. Ist Sitte die 
Summe von sittlichen Grundsätzen, nach denen eine 
bestimmte Vereinigung von Menschen zu leben pflegt, so 
ist damit gesagt, was den Juden von jeher vom Nicht- 
jaden geschieden hat: nicht das Dogma, nicht die Form 
seines Gottesdienstes, sondern der anders geartete Inhalt 
seiner Lebensanschauung. Diese Lebensanschauung 
aber gerade ist ein untrennbarer Teil der Volksseele, sie ist 
eine unvermeidliche Folgerung der Sitten und Gebräuche 
einer bestimmten Volksart oder Rasse, und deshalb ist 
noch zu allen Zeiten jedem Renegatentum der Fluch 
des Unglücks aufgedrückt gewesen. Der Mensch soll sich 
geben als Erzeugnis des Bodens und der Einflüsse, aus 
denen er sich heransentwickelt hat; jedes Abweichen von 
diesem Entwicklungsgang ist eine Störung der innem 
Einheit des Einzelwesens, welche äusserlich und innerlich 
abschreckend wirken mnss. 

Die natürliche Zuchtwahl, die Wichtigkeit der Rein- 
haltung der Rasse, auf die der Landmann bei seinem 
Stück Vieh mit Recht alles hält, ist sie der Mensch nicht 
in erster Linie sich selbst schuldig, mag er nun ein Nicht- 
jude oder ein Jude sein? Was die Rassenkreuzung 
für Früchte zeitigt, daftr sollte uns doch der Spanier als 
abschreckendes Beispiel dienen. Dort hat man die Ver- 
schmelzung der semitischen Rasse mit dem Eaukasier prak- 
tisch durchgeführt: das Ergebnis ist namentlich in Bezug 
auf den Charakter kein zur Nachahmung ermunterndes 
gewesen. Der reine Rassenspanier heisst sich nicht um- 
sonst „Hidalgo'*, d. h. „Sohn von Einem"; der Geringste 
nach Chara]d;er aber, auf den der reinere Eastilianer 
mit Verachtung herabsieht, ist der Katalane, jener Misch- 
ling aus wes^otisch-maurisch-jüdischem Blute. Mögen 
also lieber Eaukasier und Semite sehen, wie sie neben 
einander auskommen; es wird am besten gehen, wenn 
jeder hübsch in seinem Rahmen bleibt und der Hofherr 
dafür sorgt, dass die beiden Teile keinen Grund zur Klage 
wegen Bevorzugung haben. 



— xn — 

Wenn man sich firagrt, was dem Jaden zn allen Zeiten 
seine heryorragende Stellang im politischen and 
wirtschaftlichen Leben der Völker verschafft hat, so geht 
die Antwort dahin, dass er dies seiner Eigenart rer- 
dankt Der Jade ist der geborene Grossh&ndler, d. h. 
Exporteur und Importeur; er nimmt dem Prodazenten 
des einen Lands sein Erzeagnis ab and giebt ihm dafBr 
die Ware des andern Lands ,• bringt die gekaufte Ware 
in das Land, wo sie mangelt, und nimmt daf&r die 
entbehrlichen Erzeugnisse des andern Lands. Er nimmt» 
was man gerne los sein m(k^hte, und giebt, was man 
gerne haben möchte. Geschieht die Handelsth&tigkeit 
des Juden in dieser Weise, so ist sie berechtigt und 
segensreich Ar die Völker beider Länder wie fflr den 
Juden, der in den beiden Ländern als Einkäufer waltet 
und deshalb als willkommener internationaler Oast 
erscheint 

Ist so die Aufgabe des Juden, den Warenaustausch 
zu vermitteln, so erscheint als notwendiges Hilfsmittel zu 
dieser Thätig^eit des Juden eine gewisse Summe von 
Freibandeisrecht und das Bestreben des Juden ist 
deshalb auch — und man kann ihm das yon seinem Stand- 
punkte aus nicht verdenken — zu allen Zeiten gewesen, 
diese Summe von Freihandelsrecht möglichst umfassend 
zu gestalten; denn jede Beschränkung seines Frei* 
handelsrechts durch nationalwirtschaftliche Massregeln ist 
eine Einschränkung seiner Thätigkeit Solche Massregeln 
werden indes nur durchgef&hrt, wenn sich die Bewohner 
des einen oder andern Lands durch die Thätigkeit der 
Juden erheblich geschädigt fUüen und das Verlangten 
nach solchen beschränkenden Massregeln, wenn es erheb- 
lich geäussert wird, muss deshalb, zumal wenn damit 
eine erhebliche jüdische Bevölkerungszunahme ver- 
bunden ist, den Machthabem der Länder immer ein Zeichen 
sein, dass die Thätigkeit des Juden als Austauschvermittler 
nicht im Interesse des Lands vor sich geht; denn 
diese Thätigkeit des Juden bedarf wegen ihrer hervor- 
ragenden Wichtigkeit ftir die Wirtschaft der Völker genauer 
Aufsicht in der Richtung, dass sie nicht zum Vorteil der 
Juden auf Kosten des Volks geschieht, sie muss vielmehr 
derart geordnet sein, dass das betreffende Land dabei 
mögliebst viel, der Jude möglichst wenig Nutzen hat 

Als Mitglied der Nation aber wird der Jude nie 
betrachtet werden dürfen, seine Aufgabe ist eine inter- 
nationale, soll der Jude national gemacht werden, so 
muss er aus der Haut fahren und aufhören, Jude zu sein. 
Wohl hat auch der Jude ein nationales Bewusstsein, auch 



— xm — 

er kennt das Geffihl der Treue; ja diese Treue ist oft bei 
ihm entwickelter als beim Landesbewohner, aber 
des Jaden Treue ist nar Treue zum Juden, nicht 
Treue zum Lande, zur Heimat: „Ubi bene, ibi patria!^ 
Der Jude ist überall zu Hause und nirgends, das ist sein 
Schicksal yon jeher gewesen. Das „Unstät* und Flttchtig- 
sein" ist der Fluch gewesen, der ihn von jeher in die Welt 
getrieben hat, es ist aber auch seine Freude gewesen, denn 
der Jude hat es so gewollt. Wie es deshalb verkehrt er- 
scheinen muss, den Juden national machen zu wollen, von 
ihm Vaterlandsliebe, Regententreue u. s. w. zu verlangen, 
yon ihm zu erwarten, dass er Freud und Leid mit dem an- 
gestammten Fürstenhause und den Volksgenossen teile, 
80 muss es unrecht erscheinen, den Juden deshalb zu 
verachten, weil er diese Eigenschaften nicht besitzt. 

Es ist von jeher das charakteristische Merkmal der 
Juden gewesen, dass sie, geeint durch ihre alle NichtJuden 
verachtende Weltanschauung, inmitten von Feinden 
allen Angriffen zum Trotz sich als ein zusammen- 
gehöriges Volk erhalten haben, dass sie in oft heldenhafter 
Abgeschlossenheit gegen die Nichtjuden durch eine be- 
wundernswerte Geduld und Geschicklichkeit sich 
allen Widerwärtigkeiten entgegen immer wieder grossen 
Reichtum verschafften und sich damit ihren Verfolgern 
immer aufs neue unentbehrlich zu machen und sich die 
wirtschaftliche Herrschaft über dieselben zu verschaffen 
wnssten. Diese Zähigkeit, mit der sie inmitten fremder 
Völker mit anderen Lebensgewohnheiten an ihren ange- 
stammten Sitten festhalten, gereicht den Juden im höchsten 
Ghrade zur Ehre und wenn man dem Juden darum schon vor- 
warf, dass er anderes Brot als die ihn umgebenden Landes- 
bewohner esse, dass er bestimmte Fleischsorten verschmähe, 
dass er nur seinen koschem Juden wein trinke, dass er 
andere Ansichten in Bezug auf geschlechtliche Sitte und 
Beligion habe, so musste man doch — und mochte man 
nun von diesen Dingen denken, wie man wollte, — immer 
einräumen, dass dieses Festhalten an seinen dem Juden 
heiligiNi Gebrauchen eine Willensstärke ersten Rangs 
verriet Thatsächlich war es denn auch, wenn hierüber 
£lage gefuhrt wurde, nicht sowohl der Neid und Aerger 
der nichtjüdischen Kreise darüber, dass es den Juden 
mit Hilfe dieser Dinge und des bei ihnen in höchster 
Weise entwickelten Genossenschaftsgefühls, des Ein- 
tretens für den jüdischen Nächsten, aber eben auch 
nur für diesen, gelang, über den weniger genossen- 
schaftlich veranlagten Landesbewohner Herr zu werden, 
sondern es war die hässliche Kehrseite dieses 



— XIV — 

Genossenschaftsgefbhls , die traarige Thatsache, dass dem 
Jaden dem Nichtjaden gegenüber jedes Mittel erlaubt 
schien. Diese Gepflogeäieit, mit welcher der Jude, wenn 
er derselben huldigte, der Jadengenossenschaft den Stempel 
der Ver&chtlichkeit aufdrückte, ist es denn auch 
gewesen, welche die Völker von jeher als Ausfluss der 
spezifisch pharisäisch -talmudischen Lehre aufs 
schärfste als gegen die gute Sitte und das Völker- 
recht verstossend bekämpften. Dieser verirrte Standpunkt 
aber, gegen den sich die jüdischen Sadducäer, die 
Karaiten, vergeblich gewehrt haben, ist es auch immer 
wieder gewesen, welcher der mit so viel Mühe und 
Fleiss aufgebauten wirtschaftlichen Stellung der Juden 
den Hals gebrochen hat, welcher ihnen bei aller Achtung 
vor ihren schätzenswerten Eigenschaften und Talenten den 
Fluch der Nationen zugezogen hat Erklärlich freilich 
ist dieser Standpunkt des Jaden recht wohl aus seiner 
Beschäftigung. Sein Geschäft ist ein internationales, 
erlaubt also kein Vaterland. Verfehlt ist es deshalb auch, 
dem Jaden ein Vaterland geben zu wollen. Wir brauchen 
den Juden so, wie er ist, als internationalen Juden, 
warum sollen wir ihn also durchaus als national and 
unsersgleicben betrachten ? 

Ist das ausgeprägte jüdische Nationalitätsge- 
fühl von jeher des Juden Stärke gewesen, so hat er 
den Bückhalt, den ihm dieser feste Bund mit seinen 
Glaubensgenossen gewährte, mit bewandemswerter Schlau- 
heit auszunützen verstanden: Indem er allen Nichtjaden 
den Eosmopolitismus , das Weltbürgertum, predigte, 
machte er die „nationale Genossenschaft^ zu einem 
jüdischen Monopol und siegte so, in der Einheit 
stark, über die zersplitterten Gegner. Der einzige 
Gegner, der sich dem Juden gewachsen zeigte, war deshsdb 
auch die ascetische Scholastik und Mystik des Mittel- 
alters. Nar die scharfen Speise- und Mässigungsgesetze 
der christlichen Kirche konnten mit ihrer willenstärkeudeu 
Kraft ein Geschlecht zeugen, welches die jüdische Rasse 
und den auf ähnlichen Grandsätzen aufgebauten Mosaismus 
derselben übertrumpfte und dem darch seine Bedürfnis- 
losigkeit die Hilfe des Juden entbehrlich wurde. 
Der kommunistische Gedanke der internationalen 
römischen Kirche hat dem Socialismus des inter- 
nationalen Judentums stets den erfolgreichsten Wettbewerb 
bereitet, ja dasselbe zeitweise völlig in die Ecke gedrückt ; 
am schlimmsten aber ist es den Völkern gegangen, wenn 
beide internationale Genossenschaften, Kirche und Juden- 
tum oder Beamtentum und Judentum — denn das 



— XV — 

Beamtentam der nachkircblichen Zeit entspricht inhaltlich 
der Kirche des Mittelalters — im festen Bunde ein Volk 
gemeinsam beherrschten. 

Wenn man die Geschichte des Jndenyolks am 
geistigen Ange yorttbergleiten lässt, kann man sich in der 
That das schwere Bedauern nicht versagen, dass ein so 
hoch begabtes Volk durch seine Masslosigkeit, seine 
Unfähigkeit, sich selbst zu beherrschen und zu beschränken, 
immer wieder selbst zerstören muss, was es mit beispiel- 
losem Fleisse und Geschick geschaffen hat Will man 
aber im Besondem die Stellung der Juden zum 
deutschen Volke betrachten, so sagt der Volkswitz 
wohl nicht umsonst: „Jedes Volk hat die Juden, die es 
verdient" So hat sich auch das heutige deutsche Volk 
die jüdische Herrschaft, unter der es steht, durch seine 
politische und wirtschaftliche Einsichtslosigkeit selbst zu- 
gezogen. Die Selbstsucht, die alt hergebrachte Trunksucht, 
Völlerei und Liederlichkeit, das den Nächsten im Stiche 
lassende Wesen, die leider heute, teilweise durch schwere 
Fehler der massgebenden Kreise, einen nicht unbedeutenden 
Teil des deutschen Volks wie mit einem Bann umstricken 
durften, haben die Herrschaft der Juden gezeitigt, 
die wir heute in Deutschland wieder haben. Segen aber 
hat noch niemand vom Juden gehabt und am besten ist 
stets der gefahren, welcher sich so eingerichtet hat, dass 
er des Juden nicht bedurfte. Das gilt vor allem für 
diejenigen Staatsmänner, welche ihren Fürsten und dem 
Volke gegenüber die Verantwortung für die herrschenden 
Regierungsgrundsätze tragen. Möge das so oft mit Becht 
als Muster gerühmte deutsche Beamtentum nicht das gleiche 
traurige Ende nehmen wie die deutsche Ministerialität des 
Mittelalters. Die Erhaltung der Bechtsbegriffe , des Ver- 
ständnisses für die Bedürfnisse und Forderungen, welche 
der gesunde Volksgeist an seine Vögte von Gottes Gnaden 
und deren Ministerialen stellen muss, sollte stets der 
oberste Leitsatz der Staatsraison sein und darf nicht 
durch ein System fiskalischer Plusmacherei ersetzt werden. 

Zum Schluss möchte der Verfasser noch denjenigen 
herzlich danken, welche ihm bei dem Zustandebringen 
seiner Arbeit mit Bat und That zur Seite gestanden 
sind. Vor allem dankt er seinem hochgeschätzten Lehrer, 
Herrn Universitätsprofessor Dr. Gustav Schmoller in 
Berlin fEbr die freundliche Beratung, die er ihm durch 
Angabe von Quellen u. s. w. zu teil werden Hess. Dank 
schuldet der Verfasser weiter dem Herrn Oberstudienrat 
Dr. Julius Hartmann in Stuttgart, der ihm durch 
gütigen Hinweis wertvolle Nachrichten fBr die Ge- 



— XVI — 

schichte der Ulmer Juden des 14. Jahrhunderts verschaffte. 
Weiterer grosser Dank gebtthrt dem Herrn Professor 
Dr. Gustav Veesenmeyer, dem bewährten langjährigen 
Vorstand der Ulmer Stadtbibliothek, der seitens der Stadt- 
behörde mit der Bearbeitung des zweiten Bands des 
Ulmer Urkundenbuchs beauftragt, dem Verfasser in 
liebenswfirdigster Weise den jederzeitigen Einblick und 
die Benützung der ihm zur Verfügung stehenden Urkunden, 
Begesten u. s. w. ermöglicht hat Herzlichen Dank schuldet 
der Verfasser endlich dem Ulmer StadtbibUothekar, Herrn 
Präzeptor C. F. Müller, der ihm das reiche Material 
der Ulmer Stadtbibliothek in umsichtiger Weise zugäng- 
lich machte und namentlich den seither unbekannten 
Judenfreiheitsbrief der Stadt Ulm vom Jahre 1541 dem 
Verfasser herbeischaffte. 

Ist dem Verfasser vielleicht gelungen, manche seither 
weniger genau festgelegte Thatsache der Judengeschichte 
des Mittelalters sachgemässer zur Darstellung zu bringen, 
so steht doch fest, dass noch unendlich viel gerade auf 
diesem (Gebiete zu thun ist, und so wäre des Verfassers 
schönster Dank fiir seine Mühe, wenn die vorliegende 
Arbeit Anlass zu weiteren Lokalforschungen und 
Einzelarbeiten gäbe. Die Geschichte der Herren von 
Landau, eine Geschichte der Pfandschaft Beichenweiher, 
Aalen u. s. w., weitere Einzeluntersuchungen über die 
Grundschuldenablösung von 1385—1392, über die Steuer- 
gesetze Kaiser Sigmunds u. s. w. wären vortreffliche 
Aufgaben, wert der Behandlung durch berufene Federn. 

So übergiebt der Verfasser das Werk langer arbeits- 
voller Jahre der Oeffentlichkeit mit der Bitte, die Arbeit 
so aufzunehmen, wie sie gemeint ist: in sachlicher Weise 
die Wahrheit zu fördern. 



Ulm, im März 1896. 



Dr. Eugen Nfibling. 



Einleitung. 



I) Die politische und wirtscliaftiiclie Bedeutung des 
Judentums seit dem Anfang unserer Zeitreclinung. 

a. Von Kaiser Augnstas bis Kaiser Konstantin (81 t. Chr.— 828 n. Chr.) 



Man kann den lebhaften Einfluss, den das Jaden tnm 
seit den ältesten Zeiten anf den Gang der inneren nnd 
äusseren Dinge ausgeübt hat, nicht hoch genug anschlagen. 
Weil die Juden immer da sind, wo der Mittelpunkt 
des Weltverkehrs ist, sind sie auch stets im Mittel- 
punkt des geistigen Lebens, der wirtschaftlichen Fragen 
und der Politik. Längst ehe das römische Reich 
die Judengemeinde in Jerusalem aufhebt und die dortige 
Judenstadt mit Fremden bevölkert, sehen wir mit dem 
Schwinden der Bedeutung Jerusalems als Welthandels- 
mittelpunkt die jüdischen Eaufleute sich nach den Orten 
ziehen, welche die Stelle Jerusalems übernommen haben, 
und so ist nicht nur in Bom zur Zeit der Geburt des 
Heilands längst eine ansehnliche Judenstadt jenseits des 
Tiber, sondern auch in den beiden anderen grossen Welt- 
städten, welche damals als gefährliche Nebenbuhler der 
Stadt Bom zur Seite treten, in Alexandria und An- 
tiochia am Orontes, sind grosse Judengemeinden. Soll 
doch Aegypten damals eine jfidiBche Bevölkerung von 
1 Million Seelen gehabt haben. Aber auch sonst findet 
man die Juden fiberall. Sie begleiten die römischen Heere 
als Armeelieferanten bis nach Mesopotamien 
und Persien, nach Syrien, Armenien und Kappadocien, 
nach Aegypten nnd Mauretanien, nach Spanien, GaUien 
und Germanien, nach Bhätien und den Donauländern. 
Sie sind rechtsfähig im ganzen Beiche und haben das 
Recht, eine Beihe von wichtigen Aemtern zu bekleiden.^) 

Trotzdem sind sie schon damals wenig zufrieden mit 
ihrer äusseren Lage. Ihr Ideal ist die vor 1000 Jahren ge- 
wesene Zeit König Davids nnd Salomos, als Jerusalem den 
Mittelpunkt des Weltverkehrs bildete, als hier die Waren 
aus Aegypten, Phönicien und Arabien aus einer Hand in die 
andere wanderten und sich eine gewaltige Fülle politischer 

iSchfirer, Geschichte des jOdischen Volks im Zeitalter Jesu Christi, 
8. 498 IT. 

11 



— xvin — 

niid wirtschaftlicher Macht in der Hand der Herrscher 
dieser Stadt vereinigte. Es ist den Juden ein Dom 
im Ange, dass fiberall , wo ihre Geschäftsinteressen in Be- 
tracht kommen, der römische Zoll- nnd Steaerpächter sitzt 
nnd seine Gebühren namens des Reichs erhebt, Gebflhren, 
welche in hohem Grade den freien Handelsverkehr 
des jüdischen Weltvolks beschränken. So spielt schon 
damals ein scharfer Kleinkrieg zwischen den römischen 
G^neralpächtem, den „Zöllnern und Sündern", und dem 
jüdischen Handelsvolk, welches sich gegen die Tempel- 
ond Vermögenssteuern, Hanszinsen und Umgelder des 
römischen Reichs wehrt, bis die römische Beichsregierang 
den jüdischen BandenfÜhrem wie dem Ganlonäer Judas 
immer schärfer entgegentritt und mit dem Beichsland- 
pfleger Pontius Pilatus in Gäsarea ein Mann nach 
Palästina kommt, der das jüdische Tempelstift namens 
des Reichs in Besitz nimmt, den römischen Adler auf 
demselben aufrichtet nnd das Patronat auf das Hohe- 
priesteramt mit den hiezu gehörenden Gefallen *) für das 
Reich einzieht. Aber schon im Jahre 40 wieder erklärt 
es P. Petronius, der Reichslandvogt von Syrien, für ge- 
fährlich, die Juden zu einer feindseligen Stimmung gegen 
Rom zu reizen, und als unter Kaiser Vespasian der Krieg 
gegen die Juden erneut ausbricht, drohen ernste Feind- 
seligkeiten der Juden jenseits des Euphrat'), bis schliesslich 
Titus im Jahre 70 die Judengemeinde in Jerusalem 
völlig aufhebt, wobei der Tempel in Flammen aufgeht 

Wie wir so die Juden in Jerusalem im Hader mit 
dem Reiche um die Steuerleistungen sehen, so finden 
wir ähnliche Kämpfe im zweiten Mittelpunkte der damaligen 
Judenschaft, in Alexandria. Hier und in Cyrene ist 
der Hauptsitz der politischen Machenschaften des Juden- 
tums gegen das Römerreich. Im Jahre 89 befiehlt Kaiser 
Galignla, sein Bild in den Synagogen von Jerusalem und 
Alexandria aufzustellen, um damit das römische Reich zum 
Patronatsherm der betreffendenTempelgefäUe zu erklären und 
die Würde des römischen Staatsoberhaupts als Augustus 
oder oberster Religionsherr des Reichs festzustellen. 
Aller Widerstand der Juden gegen diese Verordnungen 
ist vergeblich; umsonst macht sich eine Gesandtschaft 
unter Führung des Hochmeisters Philo aus Alexandrien 
namens der Alexandriner Judengemeinde auf den Weg: 
die Reichsregierung beharrt bei ihrem Beschluss.*) 

Weitaus den stärksten Prozentsatz an jüdischen Be- 
wohnern hatte Syrien mit seiner Hauptstadt Antiochia 

«) Vergl. Makkabfter, Buch 1, Kap. 10, V. 28-45. 
■} Scbarer, Geschichte der Juden, Bd. 2, S. 500 ff., 510. 



— XIX — 

am Orontes, wie anch Damaskus and andere Städte 
dieses Lands Tansende von Jaden z&hlten and aach in 
den Städten Eleinasiens eine Unmasse von Jaden bis in 
die hintersten Winkel des Schwarzen Meers wohnte, 
während in Italien namentlich Bom der Sitz einer 
starken Jadengemeinde war. Mit dem römischen Bürger- 
rechte beschenkt, siedeln sich hier die Jaden schon anter 
Pompejus jenseits des Tiber (Trastevere) an. Beim Tode 
Cäsars klagen sie an seinem Scheiterhaufen, anter Kaiser 
Aagastas ist die Gemeinde bereits 8000 Seelen stark 
and nnter Kaiser Tiberias wird im Jahre 19 die ganze 
Jadengemeinde aas Bom verwiesen, weil sie zahlreiche 
begüterte heidnische Bürger zum üebertritt bewogen, ihnen 
grosse Summen ids Tempelsteuern abgenommen und nach 
Jerusalem geschickt hatte, so dass sich die römische 
Reichskammer in ihren Gefallen geschädigt gesehen 
und 4000 waffenfähige Juden durch den jadenfeindlichen 
Burggrafen Sejan zur Bekämpfung der dortigen Auf- 
ständischen nach Sardinien geschafft hatte.®) Es ist 
darum auch sehr wahrscheinlich, dass die Juden an dem 
im Jahre 31 erfolgten Sturze des Burggrafen Sejan 
einen hervorragenden Anteil hatten; wenigstens wird be- 
richtet, dass Kaiser Tiberius nach dem Sturze Sejans ein- 
gesehen habe, dass die Juden von diesem bei ihm verleumdet 
worden seien, und den Befehl erliess, die Juden künftig 
überall im Reiche zu dulden und an der Ausübung ihrer 
Gebräuche nicht mehr zu hindern. So kehren die Juden 
wieder nach Rom zurück und zur Zeit Kaiser Galigulas 
(37—41) ist die Gemeinde wieder sehr stark, ja die 
Kegierung des Kaisers Claudius (41 — 54^ beginnt mit 
einem allgemeinen Toleranzedikt für die Juden, dem 
freilich später einschränkende Bestimmungen folgen, ver- 
anlasst durch Unruhen, welche die steigende Bedeutung 
des Christentums in den Judengemeinden hervorruft. 
Wie die Juden in diesen grossen Weltmittelpunkten 
die Grosshandelsthätigkeit in Händen haben, so sind sie 
ebendaselbst mannigfach wenn auch nicht die öffentlichen, 
so doch die thatsächlichen Leiter der grossen geistigen 
und politischen Bewegungen der Zeit Jüdische 
Gelehrte sind es, welche auf der alezandrinischen Hoch- 
schule den neuplatonischen Ideen mit ihrem inter- 
nationalen Eklekticismus zum Durchbruch verhelfen. Es 
ist ein Gemengsei von jüdischen, persischen und griechischen 
Gedankenschnipfeln, das hier in gewandter Mache zu einem 
religiös-philosophischen Weltsystem zusammengearbeitet 
wird, ein wissenschaftliches Vermittlungsgeschäft, bei dem 
jeder seine Rechnung finden soll, bis man schliesslich einsieht. 



dass der ^Spiritus sum Teufel^ ist JAdische M&nner sind 
es, welche in Jerasalem, Antiochia a. s. w., scharf be- 
aufsichtigt Ton der Reichsgewalt, die ersten Christen- 
gemeinden gründen; in Jerasalem streiten sich der 
heidenfreondliche Apostel Panlus and der mehr dem 
Judentum zuneigende Petrus um die wichtige Frage, ob 
man es lediglich dem Gewissen des Einzelnen ttberlaseen 
dflrfe, dem Menschen den Weg zum Heil zu weisen, oder 
ob dazu die Beobachtung einer Reihe von Gesetzen zu 
verlangen sei, ob auch f&r den Christen die jüdischen 
ascetischen Speisegesetze gelten sollen, Fragen, die 
sp&ter wiederholt lebhafte Meinungskämpfe zwischen den 
mehr paulinisch denkenden Griechen und den Lateinern 
hervorrufen. 

Bereits ist denn auch das Judentum derart mit dem 
römischen Reich verwachsen, dass die kaiserlichen Erlasse 
gegen dasselbe nicht mehr von dauernder Wirkung sind. 
Fehlt es schon zur Zeit des Kaisers Augustus nicht an 
politischen Beziehungen der Juden zum römischen 
Hof e, so wird ihre Stellung zur Zeit Kaiser Neros (54 — 68) 
noch einflussreicher. Im Bunde mit dem Alexandriner 
Josephus gelingt es der dem Judentum ergebenen 
buhlerischen Kaiserin Poppäa, auf den dem Magismas 
und der Dämonologie zugeneigten Kaiser Nero einen 
schwerwiegenden Einfluss auszuüben, der darauf hinzielt, 
den Hoflereisen eine bessere Meinung über die Juden 
beizubringen, eine Thatsache, der gegenüber die Streitig^- 
keiten des Apostels Petrus mit dem Magier Simon, 
die sich in der Legende bis nach Rom vor den Kaiser 
fortpflanzen % ebenfalls einen politischen Beigeschmack be- 
kommen. Der Magier Simon gilt als Stammvater der 
Simonie, der Zuwendung öffentlich-rechtlicher Vorteile 
um Geld, und man hat von Seiten der Anh&nger des 
Petrus bekanutlich der Lehre des Apostels Paulus vor- 
geworfen, dass sie Simonie treibe, wenn sie, den Glauben 
in den Vordergrund stellend, die Aufnahme in die Gemein- 
schaft lediglich von der Bezahlung der Gemeindesteuer 
abhängig mache und nicht auch die Beobachtung des 
Gesetzes verlange, und so ist dieser legendenhafte Streit 
um die Gunst des Kaisers Nero ein interessantes Problem 
auch für die Wirtschaftsgeschichte. 

Immer schärfer treten damals gerade die wirtschaft- 
lichen Fragen in den Vordergrund. Die entscheidende 
Stimme des Staatswesens haben die selbstherrlichen Kaiser, | 
welche wie Nero als Freunde des persischen Magismus j 



^) KurU, Lehrlmch der Kircheogetchichte, Bd. 1, 8. 60. 



— XXI — 

mit dem Begriff des persönlichen Gottes auch den 
Begriff des Herrschertums von Gottes Gnaden ver- 
binden. Sie ziehen daraas die wirtschaftliche Folgerang, 
dass sie anf Grand ihrer Unyerantwortlichkeit gegenüber 
den Menschen ohne weitere Bficksicht auf die Würdigkeit 
des Bewerbers die Aemter des Beichs nach Gatdttnken 
vergeben dürfen, and laden so den Vorwarf der Simonie 
aaf sich. In der äassem Politik je nach Gutdünken der 
hinter ihnen stehenden Interessenkreise national oder inter- 
national betrachten sie die Geifälle des BOmerreichs als ein 
ihnen kraft göttlicher Verleihung gebührendes persönliches 
Recht, mit dem sie thnn and treiben dürfen, was sie wollen. 
Sie öffnen das Beich der fremden Einfahr oder hemmen die- 
selbe, indem sie das Beicbsgebiet mit der grossen Zoll- 
schranke des Limes nmgeben and von der Skotengrense 
in Britannien zur Porta Westphalica, zam Bhein-Donaalimes 
and zam Botentarmpass bis hinüber zur Porta Gaspia and 
zar modischen Maoer im Eaphratthal einen Kranz von 
Zollbargen ziehen, der dem freien Handelsverkehr 
hemmend im Wege steht.^) 

Neben ihnen steht das Judentum. Den Nationalis- 
mus als Domäne des jüdischen Priesterstaats betrachtend, 
predigt es allen Nichtjnden den Internationalismus, möchte 
thunlichst alle Schranken niederreissen und das Beich 
der freien Einfuhr der innerasiatischen Waren aus 
Kaschmir, Hindostan und Turkestan öffnen und begünstigt 
deshalb den Zerfall der nationalen Beichsgewalt und die 
Kleinstaaterei. Scharf bekämpft von den Persern, 
welche darin fllr ihren seitherigen Handelsverkehr mit 
dem Westen den Untergang ihres Handelsmonopols 
erblicken, wird das Judentum unterstützt von den 
Parthern und Griechen und man begreift es, wenn 
im Jahre 114 unter Kaiser Trajan der Parther krieg 
dadurch als besonders gefährlich erscheint, dass sich 
im Bücken der Bömer die reichen Juden Mesopo- 
tamiens in Nehardea und Nisibis erheben, weil Kaiser 
Trajan den Krieg an Parthien erklärt; man versteht 
es aus diesen Gründen heraus, wenn die Juden der 
partherfeindlichen Haltung der Begierung entgegen 
auf Gypern, in Cyrene, in Palästina Aufstände 
erregen^, bis Kaiser Hadrian im Jahre 135 die Juden- 
gemeinde in Jerusalem erneut aufbebt, die dortige 
Judenstadt mit NichtJuden bevölkert und scharfe Gesetze 
gegen das mosaische Gesetz und dessen Lehren erlässt, 
die zwar von Kaiser Antoninus Pius gemildert, aber 

") Herd, Geschichte des LevantehaDdeU, Bd. 1, 8. 5 ff. 
") BcnOrer, Geschichte der Jaden, Bd i, 8. 497. 



— XXTI — 

Yon Kaiser Markns Aurelius wieder verschärft werden. 
Man begreift aber aach die furchtbare Strenge, mit welcher 
die römische und die persische Staatsgewalt gegen die ge- 
lehrten Häupter der damaligen reUgiös-philosophischen 
Parteien yorgeht Diese geistigen Bestrebungen, wie sie 
sich in den Alexandrinern Philo und Josephus, in den 
Lehren des gotisch-parthischen Kaufmanns Manes, 
wie sie sich nicht zum wenigsten im Christentum zeigten, 
hatten eben auch ihre ganz bestimmte wirtschaftspoli- 
tische Bedeutung: Sie waren epochemachend auch f&r 
den Durchbruch neuer wirtschaftlicher Ideen, wie z. B. die 
Lehren Leckes für die Physiokratie und damit die 
Emanzipationder Juden und desKapitals im 18. Jahr- 
hundert Jedes dieser religiös-philosophischen Systeme 
hatte auch seine wirtschaftspolitischen Folgerungen. Der 
Paulinismus, welcher die christlichen Onadenmittel als 
Gtewissenssache des Individuums, d. h. nach damaliger 
politischer Auffassung entsprechend der Auffassung der 
Reform ationszeit der Landesherrschaft (cujus regio, 
ejus religio) betrachtete, läugnete das Aufsichtsrecht 
des Augustus als summus pontifex und erschien darum 
reichsgefährlich, den Absolutismus der Kleinen be- 
günstigend. Man hielt ihn f&r wirtschaftlich-kosmopolitisch 
und damit universell-freihändlerisch, und so ergieng es ihm 
wie dem Frelmaurertum des 18. Jahrhunderts. Der Petri- 
nismus dagegen war wirtschaftlich national, nur setzte er 
an die Stelle der weltlichen Staatsgewalt die Macht der 
Kirche. Ein „Kauft nicht bei Juden, bei Parthem, bei 
Oriechen'* konnte es nicht mehr geben , wenn diese Völker 
im universell-paulinischen Sinne von den einzelnen Landes- 
herren ohne Zustimmung des römischen Reichs aus 
„Barbaren^ zu „Nächsten^ gemacht wurden, und der 
nationale Beichsgedanke söhnte sich deshalb mit dem 
Christentum erst aus, als es durch Kaiser Konstantin zur 
Beichsreligion erhoben und damit entsprechend der 
Lehre des Petrus der Begriff des „Nächsten'' dem Begriff 
„römischer Reichsbfirger'' gleichgestellt wurde. Damit trat 
der „Ketzer'' an die Stelle des „Barbaren" und man war 
wieder auf dem alten national-wirtschaftlichen 
Boden angelangt. 

Dem römischen Cäsarentum erschien als gefährliche 
wirtschaftspolitische Beigabe aller dieser neuen Richtungen 
die Gefährdung des absoluten Königtums und der 
Macht der Krone und so sehen wir als wirtschaft- 
liches Seitenstück zum politischen Kampf zwischen 
priesterlichem Mosaismus und weltlichem Cäsarentum und 
dem als versöhnende Kraft zwischen beide tretenden gallisch- 



— xxm — 

Iiellenischen Christentiim im wirtschaftlichen Kampf 
zwischen Juden und Heiden als Ausgleich den gallisch- 
hellenischen Freihandelsgedanken. Dieser Gedanke 
aber hat zwei Bichtongen, den heidenchristlichen nniyersell- 
paulinischen and den jndenchristlichen national-petri- 
nlschen. Wie es der erstere dem Gewissen des Indi- 
viduums, d. h. praktisch kirchenrechtlich gesprochen dem 
Landesbischof, ttberlässt, sich selbst das Gesetz zu geben, 
80 muss er auch wirtschaftlich liberal wirken. Der Petrinis- 
mus aber beschränkt das commercium auf diejenigen, welche 
das „Gesetz** halten, identifiziert seit Kaiser Konstantin 
die christliche Kirche mit dem römischen Beich und 
damit wirtschaftlich mit dem Kontinentalzollverband 
des römischen Reichs, eine Einrichtung, wie sie der Cäsaris- 
mus des ersten Napoleon neu aufleben liess. SeiÜier bilden 
die Griechen und Lateiner eine kirchliche und wirt- 
schaftliche Interessengemeinschaft gegen die nicht dem 
Romanismus eingegliederten Völker, die sich aber nur 
kurze Zeit aufrecht hält, bis um das Jahr 896 mit dem 
Aufhören der wirtschaftlichen Interessengemeinschaft auch 
der politische Verband zwischen Bom und Byzanz wieder 
zerfällt 

Der grossrömische oder romanische Kirchenstaats- 
gedanke beruhte auf der persönlichen Verbindung der 
beiden Schwerter, des kirchlichen und des weltlichen, auf 
der Vereinigung von Augustus und Kaiser (Cäsar). 
FlUirt der Augustus als „tribunus'^ die Aufsicht über die 
innere oder Markungssicherheit und übt das wichtige, 
gerade vom jüdischen Hohenpriestertum so viel um- 
strittene Asylrecht der Tempelstätten, ist er als 
„pontifex^ Herr über den Landfrieden, das „jus circa 
Sacra'' die „treuga Dei'', und bezieht die Binnenzölle 
für die Instandhaltung und Sicherung der Brücken und 
Wege, die Münze und Wage u. s. w., so sorgt der Kaiser 
als Herr in den Burgen, als „summus praetor'', für die 
äassere oder Beichssicherheit und bezieht die Grenz- 
zölle. So ist die Vereinigung beider Aemter eine Ver- 
bindung yon summus pontifex und summus praetor, von 
Bischofsgewalt und Grafengewalt, yon Civilverwaltung 
und Militärrerwaltung , yon geistlichem Landfrieden und 
weltlichem Beichsfrieden , yon Kreuz und Hand, wie sie 
uns in den Bischofsstädten des Mittelalters als getreues 
Spiegelbild altrömischer Verhältnisse in neuem Gewände 
entgegentritt Zu Grunde aber geht im Bömerreich diese 
Verbindung daran, dass der Westen, in welchem der 
Bischofsgewalt die erste Bolle zukommt, dem Osten, 
in welchem die Vogtsgewalt tonangebend ist, nicht 



— XXIV - 

mehr die Mittel gewährt, die barbarischen, die ketzerischen 
Völker abzuhalten, und so der Brach zwischen Westrom 
nnd Ostrom erfolgt 

Sind seit der Aufrichtung des römischen Kreuzes 
in Palästina die von dort vertriebenen Juden mit Vor- 
liebe nach Parthien, Innerasien und China gezogen, 
wo sie in Eaifongfu eine grosse blühende Gemeinde 
gründen, hatten sie von Mesopotamien aus die Parther 
gegen das sie verfolgende römische Reich gehetzt, 8o 
bessert sich seit Kaiser Septimius Severus (193 bis 
211) ihre Stellung im Bömerreiche wesentlich. Die 
zunehmende wirtschaftliche Bedrängnis der Reichs- 
regierung zwingt dieselbe, den Juden gegenüber sich zu 
Einräumungen herbeizulassen, um deren Hilfe zu erhalten. 
So gelingt es den Juden wieder, im römischen Reiche 
nicht allein Duldung ihrer Religionsgebräuche, 
sondern auch erneut in steigender Anzahl das römische 
Bürgerrecht zu erhalten. Als römischer Bürger aber 
ist der Jude frei von jeder unmittelbaren Steuer 
(tributum) und darf mit keiner entehrenden Strafe belegt 
werden; er ist reichsunmittelbar, freier vollberechtigter 
Genosse des Reichsverbands, der keinem Landesherm 
zu Diensten verpflichtet ist, sein Gerichtsherr ist der 
Viztum, der Procurator des Kaisers; gefällt ihm dessen 
Spruch nicht, so steht ihm das Recht der Berufung 
(provocatio) an das Reichskammergericht zu. Der Jude 
ist auch zur Erwerbung von Aemtem berechtigt, d. h. er 
kann Münzstätten, Zollstätten u. s. w. pachten und namens 
des Reichs verwalten, und darf nicht gezwungen werden, 
in eine öffentliche Körperschaft einzutreten. Es 
sind die ersten Bestimmungen über die bürgerlichen 
Rechtsverhältnisse der Juden, welche uns die Juden in 
geradezu bevorzugter mächtiger Stellung zeigen. Die 
Juden machen von dieser Stellung denn auch ausgiebigen 
Gebrauch, indem sie ihre zum Christentum übergetretenen 
Landsleute in Palästina in harter Weise verfolgen.'^ 

b. Von Kaiser Konstantin bis Kaiser Jastinian (d28— 527). 

Seit dem 3. Jahrhundert sind neben Rom, Galiläa 
und Syrien vor allem die Euphratländer die Mittel- 
punkte des Judentums. Hier wohnen die gelehrtesten 
Talmud isten, hier sitzen die reichen jüdischen Gross- 
händler und vermitteln den Warenaustausch der Völker. 
Rom zehrt als Hauptstadt des Reichs nur noch vom 
alten Ruf, es hat die alte Ehrenstellung bewahrt, die 

*) Depping, Jaden im Mittelalter, S. 26. 



— XXV — 

fentlichen beiden wettbewerbenden Reichsmittelpankte 
er sind Antiochia am Orontes nnd Byzanz, während 
exandrien immer mehr in den Hintergrand tritt Wie 
Antiochia der Jnde anter Kaiser Heliogabal and der 
nobia tonangebend ist, so spielt er in Byzanz eine her- 
rragende Bolle. Immerhin aber geht man, seit die Jaden 
re Thätigkeit mehr in das den Oriechen feindliche 
rsische Sassanidenreich verlegen, denselben im 
mischen Beiche immer schärfer anf den Leib. 

Seit anter dem im deatschen Trier geborenen Kaiser 
on st antin (328—387) die Römer die Herrschaft daaernd 
ch Byzanz verlegt haben and das erste gallisch- 
5llenische Kaisertam im Osten fest begrflndet worden 
t, haben sich der Staat and die christliche Kirche znr 
igenseitigen Wahrang ihrer Interessen zasammengefanden 
id die weltlichen Machthaber sehen sich veranlasst, die 
acht der Vertreter der Heilandslehre als gleich- 
srechtigten Machtfaktor neben der göttlichen 
acht des Aagastas anznerkennen. Um den wachsenden 
astritten aas der christlichen Oemeinschaft za 
eaem, wird der Uebertritt zam Jadentam mit Ver- 
ögenseinzag belegt, damit die Steaerkraft der 
hristlichen Bischofsgemeinden nicht noch mehr 
eschmälert wird, man hebt das Heiratsrecht zwischen 
aden and Christen anf, man beschränkt den Wacher 
arch gesetzliche Massnahmen, man schQtzt die zam 
hristentam Qbergetretenen Jaden gegen ihre jüdischen Ver- 
»Iger. Die Jadengemeinden, welche seither anter ihren 
adenbischöfen den Christengemeinden and ihren Christen- 
ischöfen in den Reichskolonien gleich gestanden hatten, 
erden der Vogtei der Christengemeinden anterthan, 
nt Kaiser Konstantin das Christentam zar Staats- 
eligion erhoben and damit alle NichtChristen za 
lossen Beisitzern gemacht hat Der Aafenthalt 
i Jerasalem wird den Jaden verboten; ihre Hinter- 
issen za beschneiden oder christliche Hintersassen 
1 haben, wird ihnen nntersagt and im Jahre 321 in 
^öln bestimmt, dass die Jaden ebenfalls zam Eintritt 
I die Zwangskörperschaften and zar Teilnahme an 
en städtischen Lasten verpflichtet sein and nar 
bis 3 Jadenfamilien gemeindesteaerfrei als Reichs- 
ammerknechte in der Stadt sitzen dflrfen sollten. Es war 
ffenbar der Schlnss einer Reihe von harten Kämpfen 
er christlichen Bürgergemeinden gegen die 
teaervorrechte der römischen Reichsbürger, 
kämpfe, die anter Kaiser Jnlian (361—368) freilich 
inen RAckschlag erfahren, welcher, der wirtschaftlichen 



— XXVI — 

Unterstfttzang der Jaden bedürftig, ihnen die Gründung 
neuer Judengemeinden, namentlich in Jerusalem, 
gestattete.®) 

So ist das 4. Jahrhundert eine der glänzendsten 
Zeiten des Judentums im römischen Itoiche und unter 
Kaiser Theodosius (379 — 395) dem Grossen, welcher 
ebenfalls wie Kaiser Julian der wirtschaftlichen Hilfe 
der Juden dringend bedarf, kommt es denn auch, wie schon 
unter Kaiser Julian, wegen der Steuerbevorzugungen, 
welche die Juden als unmittelbare Beichskammerknechte 
in den Städten geniessen, in den Jahren 384 und 390 in 
Mailand, Saloniki, Alexandria und anderen Frei- 
städten des Reichs zu grossen Jadenkrawallen.®) Die 
athanasischen Bischöfe zeigen sich^ dabei als heftige 
Gegner der Juden und hintertreiben den Befehl der 
Reichsregierung zum Wiederaufbau der Synagogen und 
namentlich veranlassen der Bischof Ambrosius von 
Mailand und der italienische Feldhauptmann Stilich o 
scharfe Gesetze gegen die steigende Einfuhr 
griechischer und levantischer Erzeugnisse nach 
Italien. Die Juden dagegen gebrauchen die griechisch- 
arianische Gegenpartei zu ihren Zwecken und als im 
Jahre 408 der hellenen- und jndenfeindliche Parteigänger 
Stilicho ermordet wird, bringen sie es dahin, dass in 
Italien das seitherige Einfuhrverbot fbr griechische 
Waren aufgehoben, so dem Einfuhrmonopol der Perser 
nach Italien ein Ende bereitet und allen griechischen 
Kaufleuten und damit auch den Juden die Niederlassung 
in Italien erlaubt wird.®) Seither schärft sich freilich in 
Byzanz der Kampf mitPersien, dessen Handelsinteresse 
durch diese Einräumungen an die Parther und Goten 
schwer geschädigt wird. 

Hatten die Judengemeinden des Reichs seither wie 
die Christengemeinden ihren Reichshochmeister oder 
Patriarchen gehabt, der den Titel „illustris" ffthrte 
und den Judenbann selbstständig verhängte, so standen 
sie in Streitigkeiten unter sich zunächst unter dem 
Gericht der Judengemeinde, von dem aber eine 
Berufung an das Reichskammergericht möglich war, 
während bei Streitigkeiten mit Andersgläubigen das 
bürgerliche Gericht zuständig war. Eine Verordnung 
der Kaiser Honorius (395 — 423) und Arkadius (395 
bis 402) erneuerte die Freiheitsrechte der Synagogen- 
vorstände und sicherte ihnen erneut den bestrittenen 
gleichen Rang mit den christlichen Kirchenvor- 

") Depping, Juden im Mittelalter, S. 28 f. 
*) Fischer, Deutsche Handelsgeschichte, Bd. 1. 



— xxvn — 

Händen. Man erlaubte den Jaden wieder, christliche 
Leibeigene als Schaldsklayen zn haben, nur sollten 
diese nicht an der Ansflbnng ihrer Beligion gehindert 
(werden, Zustande, die im Frankenreiche im 6. Jahr- 
Imndert zn schlimmen Folgen führten. Dagegen wurde 
jie Gründung neuer Judengemeinden und der 
Bau weiterer Synagogen untersagt und den Juden 
die Erwerbung der Bitterwflrde verboten, ohne dass 
dies jedoch ihrem Ansehen schaden sollte, wohl weil die 
Christen sich weigerten, gemeinsam mit Juden Heeres- 
dienste zu leisten, während ihnen das Becht, Aemter zu 
erwerben, nach wie vor erhalten blieb. 

Wie immer, wenn es ihnen schlecht geht, suchen 
auch diesmal die Juden Hilfe gegen ihre Feinde bei aus- 
wärtigen Völkern, und wie es im 3. und 4. Jahrhundert 
die tartarischen Part her und die türkischen Hunnen sind, 
die ihnen Hilfe bringen, so baut sich ihreHoffiiung im 5. und 
6. Jahrhundert auf die Goten und Alemannen, deren 
Fürsten sich in ihrer schweren Geldnot den Juden zur 
Verfügung stellen und mit der Juden Geld ganz Gallien 
diesseits und jenseits der Alpen wie die spanischen Länder 
erwerben. In Orleans, Arles, Barcelona, Toledo u. s. w. 
entstehen jetzt erneut unter dem Schutze der Goten blühende 
Jadengemeinden. So ist die Stellung der Juden in den 
gotisch-arianischen Gebieten damals wesentlich besser 
als im katholischen Bömerreiche und es scheint die 
Ansicht Menzels nicht unberechtigt, der den Wunsch 
der Italiener, wieder unter die Herrschaft der 
Byzantiner zu kommen, darauf zurückführt, dass sich 
die Italiener von der dortigen Begierung kräftigeres 
Auftreten gegen die Juden versprachen.*®) 

Unter dem Schutze der Goten entwickelt sich denn 
auch vor allem in Spanien und der Provence eine 
neue Litteraturperiode der Juden, die, wenn auch 
durch harte Verfolgungen unterbrochen, die besten Blüten 
der jüdischen Litteratur und Poesie zeitigt. 
Den Juden ist diese Zufluchtsstätte in Spanien um so 
erwünschter, je mehr ihnen sonst der Boden damals 
unter den Füssen schwindet; denn wesentlich ungünstiger 
als die arianischen Völker des Nordens stehen den 
Juden die engverbundene römische Staatsgewalt und 
römische Kirche gegenüber. Kaiser Justinian I. 
(527—565) ist kein Freund der Juden. Seine Gesetzgebung 
beraubt im „Titulus de Judaeis^ die Juden auf ewige 
Zeit des Bechts, öffentliche Aemter zu erwerben 

^*j Deppiog, Jaden im Mittelalter, B. 27, 81 f. 



— xxvm — 

and Zeagnis vor Gericht gegen einen Christen ab- 
zugeben, and verbietet den Jaden, ihre zum Christentum 
flbergetretenen Kinder des Pflichtteils zu berauben, i?fthrend 
ihnen das Becht unbenommen bleibt, in Olaubenssachen 
sich selbst Recht zu sprechen.*^) Auch die rOmische 
Kirche geht seit dem 5. Jahrhundert immer schärfer 
gegen die Juden vor. Sie verbietet den Christen, mit 
Juden gesellig zu verkehren, untersagt die Ehe mit 
Juden, verbietet den Juden, an christlichen Feiertagen die 
Häuser zu verlassen ; sie zwingt die Juden zur Ehrerbietung 
gegen die katholischen Geistlichen, wahrt das Asylrecht 
der Kirchen, verbietet den Juden, Steuer- und Zollpächt«r 
zu werden. Papst Gregor I. (590—604) verlangt zwar, 
dass man den Juden die gemachten Zusagen ehrlieh 
halte, er macht den ehrlichen Schiedsrichter in der 
Steuerstreitigkeit der Jndengemeinden von Rom und 
Sizilien; aber als er erfährt, dass der Jude Nasas dem 
Elias Christenblut opfere, giebt er der Präfektar 
Sizilien strengen Auftrag, in der Sache einzuschreiten, 
und verbietet allen Juden ernstlich, heidnische Leibeigene 
zu beschneiden und zu Juden zu machen. Getaufte 
Juden bevorzugt der Papst in jeder Beziehung, in- 
dem er ihnen zwei Drittel bis drei Viertel ihrer seit 
herigen Steuern erlässt und ihnen geschäftliche 
Vorteile zuwendet, wie man auch solche Konvertiten 
schon seit dem 4. Jahrhundert in den höchsten Kirchen- 
stellen findet. 



c. Von Kalter JastiDian bii Kaiser Karl dem Grossen (525-769^. 

Hatte, nicht zum wenigsten infolge der jfldischen Bei- 
hilfe, im 5. und 6. Jahrhundert die römische Kirche nicht 
vermocht, mit den am Arianismus hängenden Ooten 
fertig zu werden, so wird es freilich im 7. Jahrhundert 
anders, als die Goten, um dem steigenden Druck der 
Juden he rrschaft zu entrinnen, sich um Hilfe an den 
Krummstab wenden. Die Goten, die ursprünglich die 
Juden günstig behandeln, treten ihnen aufs schärfste 
gegenüber, als sie um das Jahr 600 vom Arianismus zom 
Katholicismus fibergehen. Das damals neu bearbeitete 
westgotische Gesetzbuch nennt die Juden eine flach- 
würdige Sekte, untersagt ihnen, ihre Feste zu begehen 
und die Beschneidung rituell zu vollziehen, und befiehlt 
ihnen, Schweinefleisch zu essen und keinen Unterschied 
zwischen reinen und unreinen Gerichten zu machen. 
Ehen zwischen Juden und Christen sind nichtig, 
jüdische Leibeigene, die Christen werden, sind frei- 
zulassen. Die Aufsicht über den Vollzug dieser 



— XXIX — 

Gesetze f&hrt die Kirche, deren Strafen allen welt- 
lichen Richtern in Aassicht gestellt werden, die sich, 
dnrch Oeschenke oder andere Gründe veranlasst, als 
Jnden freunde beweisen. Kein Christ darf ferner 
Patron eines Juden werden und alle christenfeindlichen 
Bücher, vor allem der Talmud, werden verboten.*') 

Ebenso wenig günstig wie das 5. und 6. Jahrhundert 
ist den Juden, wenigstens zeitweise, das 7. Jahrhundert 
in Byzanz. Ist der zum Kaiser ausgerufene Feld- 
hauptmann Phokas (603—610) ihnen freundlicher gesinnt, 
so ist ein um so schärferer Gegner der Juden der 
Kaiser Heraklius der Karthager (610 — 641V weshalb 
die griechischen Juden von Palästina dem König 
Kosru IL von Persien zur Eroberung dieses Lands 
verhelfen.'*) Als freilich bald darauf Mohammed die 
Glaubensfahne gegen die Juden und ihre persischen 
Schutzherren erhebt, geht ihnen diese Heimstätte verloren ; 
wenn wir aber sehen, wie die Araber im Jahre 672 
den Koloss von Rhodus an einen jüdischen Alteisen« 
händler auf den Abbruch verkaufen, so zeigt uns das schon 
damals das wirtschaftliche Verhältnis des Araberreichs 
in wenig günstigem Lichte und so steigt der Stern der 
Juden ganz erheblich im 8. Jahrhundert. In Spanien 
ist man den Juden, welche das Erbkönigtum als Feld- 
zeichen gegen die das römische Wahlkönigtum ver- 
teidigende Kirche aufgepflanzt haben, bei Hofe derart 
verpflichtet, dass diese ein Vorgehen der Regierung gegen 
die katholische Kirche veranlassen können, bis eine 
Verschwörung der katholischen Partei unter dem Grafen 
Roderich gegen den Hof die Austreibung der 
Juden durchsetzt, was die Judenschaft damit beant- 
wortet, dass sie die Araber ins Land ruft, welche nun- 
mehr seit dem Jahre 710 5 Jahrhunderte lang das Land 
für sich und die Juden behaupten.*') Ebenso günstig ge- 
staltet sich die Lage der Juden in Byzanz, wo der Kaiser 
Leo m. der Isaurier (717—741) den Juden derart ver- 
pflichtet ist, dass er, um ihnen und den Parthem zu Willen 
zu sein, angeblich um ihnen die Bekehrung zum Christentum 
zn erleichtern, mit roher Gewalt den dem Volke in Fleisch 
und Blut übergegangenen Bilderdienst abschafft, um 
die Macht der Kirche zu schwächen, während die katho- 
lischen Geistlichkeit von Damaskus aus unter dem Schutze 
des Islam gegen dieses Vorgehen des griechischen Staats 
Verwahrung einlegt.**) 

") Depplnff, Jaden im Mittelalter, 8. 84, 14. 

'*) Kam, Lehrboch der Kirchengeachichte S. 836. 



d« Von Kaiier Kari dem Gronen bis Eaiier Friedrich Barbanma 

(769-1161). 

Wie die arabischen Abbasiden in Persien, nament- 
lich der Ehalif Harnn al Raschid za Bagdad, im unter- 
schied zu dem ihnen feindlichen Hanse Omar in Damaskus 
die Jaden als ihre besonderen Lieblinge behandeln, wie sie 
ihnen einen besondem Exilarchen mit dem Fflrstentit^l 
„Oeon'* geben, so ist es anch unter dem Freonde des EhaUfen 
and der Perser, dem fränirischen Kaiser Karl dem Grossen. 
Die Jnden sind es, welche die damals neu eröffneten 
Handelsbeziehungen zwischen dem Frankenlande 
und Persien anbahnen, ein Jude ist es, der die fränkische 
Gesandtschaft zum Ehalifen nach Bagdad bringt; die 
Juden sind es, welche von Persien aus seit dem 8. Jahr- 
hundert, als der Welthandel sich wieder seine Bahn durch 
Innerasien schaiFt, in zunehmender Menge nach dem 
parthischen Gasaren- oder Zigeunerlande an der Wolga 
strömen, wo sie ein grosses yom Easpisee bis zu den 
Earpathen sich erstreckendes Reich mit der Hauptstadt 
Itil oder Astrachan gründen, dessen Ffirstenfamilie dem 
jüdischen Glauben angehört, bis im Jahr 969 der 
Russenzar Swätoslaas von Eiew sich dieses Reichs be- 
mächtigt, wie auch das grosspolnische Reich des 
Franken Samo jüdischen Einflüssen unterworfen gewesen 
zu sein scheint^') 

So stehen seit der Mitte des 9. Jahrhunderts die 
Juden mächtiger als je da. Ihre Macht ist wieder 
einmal auf einem Höhepunkt angekommen, der einen 
Rückschlag als unausbleiblich erscheinen lässt, und in 
der That zeitigt das 9. Jahrhundert die ersten Erschei- 
nungen dieses Rückschlags. Seit in Byzanz die Mace- 
d onier an der Spitze der Regierung stehen, weht dort eine 
judenfeindliche Luft Man will die Juden helle- 
nisieren, man bringt die Bilder in die Eirchen 
zurück und schränkt die Juden erneut ein. Auch im 
Frankenreiche wird ihre Stellung immer schwieriger. 
Wohl haben sie eine eifrige Schfitzerin an Judith von 
Bayern, der Gemahlin Eaiser Ludwigs des Frommen, 
welche ihnen am Hofe die Stange gegen die Bischöfe 
und die SJrche hält, ihnen erneut volle Freizügigkeit 
und bürgerliche Gleichstellung, Bevorzugung ihrer Handels- 
thätigkeit und eigene Vertretung durch das Amt eines 
obersten Judenhochmeisters, ähnlich dem Bagdader 
Exilarchen, verschafft, aber schon der Vertrag von 
Verdun bringt mit seiner erhöhten Stärkung der 

t«) Deppiag, Juden im Mittelalter, S. 49 ff. 



~ XXXI — 

Kirche Angriffe auf die Jaden and Schritt am Schritt 
gewinnen ihnen Männer wie die Erzbischöfe Agobard 
und Amnlo von Lyon den Boden ab, indem sie ent- 
schieden gegen den Menschenhandel and Grand- 
wacher der Jaden auftreten. Sie erzwingen die 
Aafhebnng des Gesetzes, dass jfidische Eigenleate aar 
mit Einwilügnng ihrer Herren getaaft werden dürfen; 
sie setzen es durch, dass den Metzgern verboten wird, 
die von der ifidischen Religion den Jaden zam Verzehren 
verbotenen Fleischteile anfzakaafen, da man den Jaden 
nachsagt, dass sie diese Teile vorher darch Urin ver- 
unreinigen, um die Christen zu verderben; sie bewirken, 
dass den Juden verboten wird, die christlichen Beligions- 
gebräuche lächerlich zu machen, dass die Märkte nicht 
mehr der jüdischen Feiertage wegen auf andere Tage 
verlegt werden, dass den Juden das Halten von christ- 
lichen Dienstboten verboten wird. Nicht mit Unrecht 
sieht man in der Judenschaft den Schuldigen daf&r, dass 
es an billigen Arbeitern auf dem Lande fehlt, dass 
die Landwirtschaft immer schlechtere Erträge gewährt. 
Bittere Klagen ertönen namentlich seit dem 10. Jidir- 
hundert, dass manche Bischöfe ihr Amt haben nieder- 
legen müssen, weil sie nicht mehr die Mittel besitzen, 
ihre den Juden verpfändeten Güter und Eigenleute bei 
den jüdischen Gläubigem auszulösen, dass zahlreiche 
weltliche Grundherren nur dadurch sich über Wasser haben 
halten können, dass sie einen grossen Teil ihres 
Grund und Bodens an die Juden verkauft und damit den 
Best gerettet haben, und in Born ist man entrüstet, dass 
die karolingischen Herrscher den Juden die Erwerbung 
von Grundeigentum gestattet haben, dass fiberall neue 
Judengemeinden in Menge entstehen, dass die Begierung 
den Menschenhandel der Juden aus Frankreich nach 
Spanien und den Barbareskenstaaten stillschweigend duldet, 
ja dass christliche Geistliche zum Judentum übertreten. Das 
alles aber kann die Kirche nur erreichen, wenn es ihr 
gelingt, die Macht der Juden bei Hofe zu brechen. 
Der Grund des Mangels an Arbeitskräften in 
den alten Ländern Europas ist die zunehmende, nicht zum 
wenigsten von den Juden geförderte Erschliessung 
neuer Kulturländer. Wie die Juden sich seit dem 9. Jahr- 
hundert in Südrussland und an der Wolga festsetzen, 
so strömen sie seit derselben Zeit, nachdem durch die 
Besiegung der Sachsenstämme durch das Frankenreich 
die Bahn für sie freigeworden ist, in Scharen aus 
dem Frankenlande und Alemannien nach dem eigentlichen 
Germanien, nach den Ländern nördlich dem Thüringer- 



— xxxn — 

wald and den ostelbischen Ländern, die bis dahin 
eine von Grossgrandbesitzern and deren Söldnern schwach 
bevölkerte Landschaft mit extensivem Wirtschaftsbetrieb 
gewesen waren, am von den dortigen L&ndereien Besitz 
za nehmen, dort Handel za treiben and Geld aaszaleihen. 

Je mehr die Zafahr von Bodenerzeagnissen aas den nen- 
erschlossenen östlichen Bohstoffländern steigt, am so mehr 
verlassen die alten Staaten Enropas die seitherige Betriebs- 
weise and beginnen die Waid wir tschaft, die Forst- 
wirtschaft and den Flachsbaa. Wo seither der Wind darch 
die Boggenhalme gestrichen war, waidet seit den Sachsen- 
kaisern das deatsche Pferd, das gesachte wertvolle Hand- 
werkszeag des jetzt za erhöhter Bedeatang gelangenden 
deatschen Beiters; man findet es einträglicher, den Pferde- 
hedarf im Lande selbst za decken, statt ihn wie seither 
ans Ungarn za kaafen. Der darch diese Betriebsänderang 
flberflfissig gewordene Landbewohner aber zieht nach den 
Städten, welche jetzt in immer grösserer Menge entstehen 
and in welchen sich seit den Sachsenkaisern jene erste 
Blütezeit des deatschen Indastrialismas entwickelt, welche 
ihren Zasammenbrnch mit dem Aaf hören des Absatzes 
nach Innerasien im 13. Jahrhnndert findet. Die Donaa- 
länder, Bnssland and Innerasien sind die Länder, nach 
welchen die gewerblichen Erzeagnisse der Abendländer 
seit dem 10. Jahrhnndert wandern, and so ist es der 
Bedeatang vor allem Spaniens als Aasfahrland ent- 
sprechend, dass dort immer wohlhabendere Jndengemeinden 
entstehen, deren Babbiner and Hochmeister sich ans den 
Spitzen der geistigen Kräfte der Enphratländer, 
Aegyptens and Syriens ergänzen and welche dort eine 
neae Blütezeit der hebräischen Li tteratar zeitigen, 
während mit dem wirtschaftlichen BQckgang der per- 
sischen Jadengemeinden eine Ebbe anch in den littera- 
rischen Leistnngen der dortigen gelehrten Jadenschaft 
eintritt, die erst im 12. Jahrhnndert einer nenen geistigen 
and wirtschaftlichen Hochflat des dortigen Jadentmns 
Platz macht 

Die Zeit städtisch-gewerblicher Blüte, wie sie 
das 10. Jahrhnndert im Abendlande zeitigt, ist freilich 
nar von knrzer Daaer. Schon mit Kaiser Heinrich IH. 
hat sie ihren Höhepnnkt erreicht and im notleidenden 
Volke gährt es gegen die Jaden, welche bei all der 
Not der Zeit sich immer mehr bereichern, während der 
gemeine Mann mit der Verzweiflang ringt Während in 
Persien die seitherige bevorzagte Stellang der Jaden 
immer mehr notleidet, während man ihnen dort ihre be- 
vorzugte Stellang nimmt, klagt im Abendlande die Kirche 



immer schärfer, wie die Jadenschaft ihren Bilder- 
dienst und den Glauben an einen persönlichen Gott ver- 
höhne, wie sie die Heilkraft der Reliquien anzweifle. 
In Syrien und Aegypten, den Mittelpunkten des da- 
maligen Welthandels, zanken sich Christen und Juden 
um die schmäler werdende Beute, und als in Persien die 
jadenfreundlichen Abbasiden im 10. Jahrhundert die Herr- 
schaft verlieren, ziehen die Juden sich in steigendem Masse 
nach Gyrene, Marokko und Spanien. Da der abendländische 
Absatz nach den Donauländern und Innerasien stockt, 
sieht sich der Kaufmann des Westens veranlasst, selbst 
nach den seitherigen Absatzgebieten zu reisen, dort seine 
Erzeugnisse abzusetzen und dafür die Erzeugnisse Inner- 
asiens einzutauschen. So wachsen seit dem 10. Jahrhundert 
die persönlichen Beziehungen der Abendländer zu 
den romanischen Ländern, zu Griechenland, Syrien und 
Aegypten. In Deutschland wie in Italien, Gallien, Spanien 
and Britannien wächst das Interesse fDr die griechische, 
syrische und hebräische Sprache und Litteratur und 
in den Pflanzstätten des damaligen Wissens, den Kloster- 
schnlen der Benediktiner, wie St Gallen, sind fleissige 
Mönche, wie Ekkehard, eifrig bestrebt, dem neuen Zuge 
der Zeit gerecht zu werden und von geistreichen 
Juden den Judäo-Hellenismus des Alexandriners Philo 
and den Geist der Romantik, vor allem Piatos, wie 
die Geheimnisse der levantischen Sprachen sich beibringen 
ZQ lassen. 

Mit dem Schwinden der Ausfuhr der westlichen 
Länder nach der Levante sinkt aber auch die seit der 
zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts so mächtige Stellung 
der Juden in den westlichen Ländern und mit dem 
Schwinden der wirtschaftlichen Stellung der Juden 
als gesuchter Aufkäufer der Landeserzeugnisse hört 
auch die Blüte ihrer geistigen Kultur auf. Der erste 
Zusammenbruch der westeuropäischen Wirt- 
schaftsverhältnisse erfolgt am Ende des 11. Jahr- 
honderts. In Antiochia und Byzanz, in Rom und 
Venedig hasst man die Juden wie in Deutschland, 
wo sie den besten Grundbesitz, Salzsiedereien, Bergwerke 
a. s. w. in Händen haben. Man beschuldigt sie, die 
Zerstörung der Heiliggrabkirche durch die Araber 
veranlasst zu haben, man zwingt sie zur Taufe; der Staat 
zankt sich mit der Kirche, in deren Schutz sie stehen, 
tun ihre Steuer gefalle. Schon unter Kaiser Heinrich IV. 
müssen die Juden um das Jahr 1060 von den gegen sie 
erfolgenden Angriffen des Volks geschützt werden. 
Kaiser Heinrich IV. ist ihnen wenig günstig gesinnt und 

m 



— XXXTV ~ 

die Jnden stellen sich deshalb auch im Kampfe zwischen 
Vater und Sohn aof die Seite des jungen Kaisers 
Heinrich V. nnd verraten an diesen die Stadt Nürnberg 
znr Ansplfindemng , eine Hilfeleistung, die Heinrich Y. 
damit belohnt, dass er allen durch Zwang znr Taofe 
veranlassten Jnden die Rückkehr zum Judentum frei- 
stellt") 

Der steigende Druck, den die damals fortwährend 
wachsende Einfuhr aus den Ländern der Levante 
auf die Warenpreise der wie Spanien von jüdischen 
Ministern regierten westlichen Länder übt, hat seine 
Schuldigkeit gethan: der Landedelmann wie der Bauer 
sind wirtschaftlich zu Grunde gerichtet und zu jeder That 
bereit; auf dem Handwerker der Städte, der auf den 
innem Markt angewiesen ist, lastet erschreckend die 
mangelnde Kaufkraft des Landes. Es gilt, die west^ 
europäischen Länder von diesen gefährlich gewordenen Be- 
völkerungsklassen zu säubern, indem man ihnen Gelegenheit 
verschafft, im fernen Osten ein neues Heim zu finden. 
So haben die Kreuzzüge auch ihre gute wirtschaftliche 
Bedeutung, so hat aber auch die damit verbundene erste 
grössere Judenverfolgung ihren erklärlichen wirtschaft- 
lichen Hintergrund. Der Durchmarsch der fränkischen 
Heereskörper nach der Levante bringt auch für die 
Rheinlande und Alemannien starke Quartierlasten, welche 
die Stadtgemeinden und deren Juden mit Geld ablösen, 
so dass die Truppen vorwiegend dem platten Lande 
zur Last fallen und damit grosser Unwille erregt 
wird. Trotz allen Bemühungen können die Truppen- 
führer Ausschreitungen der ausmarschierenden, meist 
schwer verschuldeten Landedelleute und ihrer in der 
gleichen Lage befindlichen bäuerlichen Hintersassen nicht 
ganz verhindern. Es geht beim Durchzug meist über die 
Juden her, welchen die Ausziehenden die Schuld zu- 
schieben, dass sie die angestammte Scholle verlassen 
müssen, um im fernen Kleinasien und Syrien ein geföhr- 
liches Würfelspiel um Tod oder Leben auf neuer wirt- 
schaftlicher Grundlage zu wagen. Die Folgen dieser ersten 
Judenkrawalle sind denn auch lediglich vorübergehende. 
Sobald die gefährlichen Gäste im fernen Syrien sind, 
blühen fiberall die Judengemeinden wieder herrlicher 
denn zuvor, und beim zweiten grossen Bauernabschub 
vom Jahre 1146 geht die Sache wesentlich glimpflicher 
ab, da die Behörden bei Zeiten die nötigen Yor- 
sichtsmassregeln treffen. Die Führer erklären ihren Aus- 
wanderern, man könne von den Juden doch wahrlich 

^*) Würfel, NOmbergs Jadengemeinde, S. 11 and 170 t 



— XXXV — 

nicht mehr yerlangen, als dass sie den Ansmarschierenden 
ihr Kapital standen; wenn man die Jaden ans dem Lande 
jage, werden es gewisse Christen noch schlimmer als die 
Jaden treiben. 

Die grossen Kriege aber mit ihren Lösegeldem and 
Entschädigangen wie ihren Qnartierlasten für die 
Klöster, die prankvollen Ritterspiele and Volksfeste, 
welche der Hof der Hohenstaafen dem Volke veranstaltet, 
das flotte Leben der adeligen Kleriker, die gestiegene 
ansprachsYoUe Lebenshaitang weiter Beyölkerangskreise 
haben die wirtschaftliche Abhängigkeit farchtbar gesteigert. 
Bischofsinsignien and Altargeräte liegen neben Sceptem 
and Kronen in den Trnhen der Städtejnden, fast alle 
Klöster and Stifter mfissen den Jaden Zinsen. In Scharen 
setzen sich anter den Hohenstaafen die Jaden in Frank- 
reich, England, Polen and Lombardien in den bischöf- 
lichen Städten fest. In der Provence vor allem sind 
sie mächtiger als irgendwo; in Arles, Marseille, Nar- 
bonne, Beziers, Montpellier, Genna, Barcelona 
a. s. w. giebt es grosse Jadengemeinden mit berühmten 
Jadenhochschalen. In London stellen ihre Häaser des 
Königs Palast in Schatten, ganz Unteritalien and 
Sizilien ist voll von Jaden; in Palermo and Neapel, 
in Capaa and Amalfi, in Benevent and Trani 
haben sie grosse Gemeinden, deren Mitglieder den reich- 
entwickelten Grossyerkehr zwischen Spanien and der 
Provence einerseits and der syrisch-ägyptischen Küste 
anderseits vermitteln. Ganz Syrien, vor allem 
Damaskas, ist deshalb aach von Jndeo belebt wie 
Persien, Medien and die Enphratländer, nar Jera- 
salem begnügt sich mit einem einzigen Jaden. Aber 
aach die Donanländer mit ihrem lebhaften Handels- 
verkehr nach dem Osten, der Handelsmittelpankt 
Regensbnrg, dann Böhmen, Polen, Bassland nnd 
Armenien sind wirtschaftlich in den Händen des aaser- 
wählten Volks, welches einen seltsamen Stern, der am 
Himmel erschienen ist, als Botschaft des näherkommenden 
Messias and der Weltherrschaft des Jadenvolks 
betrachtet. Im heiligen Lande f&hrt das christliche Janker- 
tam im Bande mit dem jüdischen Grosskapital ein zügelloses 
Schlemmerleben, so dass die Moslems den Krenzfahrcm höh- 
nend znrofen, mit welchem Bechte sie das heilige Grab an- 
sprechen, da sie doch die Mörder des Heilands bei sich füttern, 
von denen es jetzt in Palästina wimmle, nnd immer lanter 
geht die Klage, dass verschaldete Christen den jüdischen 
Glaaben annehmen, am sich wieder aaf die Beine za 
helfen. Wie die Stellang der Jaden im Westen aber immer 

m* 



— XXXVI — 

m&chtiger wird, so blQht jetzt eine nene jüdische Litteratnr« 
Periode empor. Geht die BlOte des spanischen Talma- 
dismus mit Maimondes am das JiJir 1200 za Ende, so 
gedeiht jetzt die Fracht der kabbalistischen Stadien 
in der Provence and in Sfiddentschland, z. B. in 
Botenbarg a. d. Taaber, das seither einen hervorragenden 
Mittelpankt des dentschen Jadentams bildet 



II) Die Steuerverhftitnisse der Juden. 

a. Der Jadenichats. 

Wohl die wichtigste Folge der Ereazzttge and des 
darch sie bewirkten BevOlkerangsabschabs ist, dass 
es die Jaden seit dem 11. Jahrhnndert für richtig finden, 
vom Lande mehr nach den bischöflichen Städten za ziehen 
and sich dort anf den ihnen verpfändeten reichssteaerfreien 
Besitzangen niederznlassen. Die Jaden thnn dies einmal 
der bessern Sicherheit wegen, dann aber, am auf 
diese Weise das f&r sie jetzt immer wichtiger werdende 
Marktrecht in den Bischofsstädten za erhalten. Nach 
dem reinigenden Gewitter der Kreazzfige and der damit ver- 
bandenen GrandschaldenenÜastang nimmt die Bedeatang 
des Eornbaas wieder za and der Bewohner des platten 
Lands bedarf deshalb des Jaden nicht mehr derart, wie 
der nnnmehr immer mehr notleidende St&dter. Dieser 
Wegzag der steaerkräftigen Jaden vom Lande schädigt 
freilich die Einkünfte der gräflichen Landes- 
herren ganz gewaltig and erhält seither als Pf ahl- 
bttrger frage eine steigende Bedeatang in dem Kampfe 
zwischen Staat and Kirche, zwischen Land and Stadt 
Wie im 11. Jahrhnndert der wirtschaftliche Zu- 
sammenbrach der Landwirtschaft erfolgt ist, so 
fallt jetzt im 12. Jahrhnndert der städtische Wohl- 
stand im Abendlande znsammen, die Jaden aber sitzen 
stolz wie die Könige als wirtschaftliche Machthaber der 
Nationen anf ihren gemeindestenerfreien Höfen sicher hinter 
Maaer and Tarm wie die Edelknechte and Klosterpfaffen. 

Aach der Jade amgiebt wie der Klosterpfaffe nnd 
Edelknecht seit dem 11. Jahrhnndert seinen fSreihof aus 
Sicherheitsgründen mit Maner nnd Tarm; wie diese 
hat anch der Jade seine Hänser, Höfe, Gärten, Weinberge, 
Aecker nnd Eigenlente, seine Synagogen, Friedhöfe, 
Spitäler, Bäder, Tanzhäaser, Schlachthäaser, Backöfen und 
Keltern anmittelbar vom Beiche za Lehen. Der Jade ist 
stolz daranf, Beichskammerknecht za sein, niemands 
Dienstmann als des Königs; er hat volle Handelsfreiheit im 



— xxxvn — 

ganzen Belebe, zahlt nnr die Eeichszölle nnd Reichsstenern, 
kein Landesherr oder kirchlicher Stadtherr, kein Bischof 
oder Abt darf Zölle, Steuern, Quartier- oder Spann- 
dienste von ihm fordern. Seinen Hof bewacht er mit seinen 
Eigenlenten um sein eigen Oeld, dem Christen giebt er 
Becht nach Judenrecht; seinen Babbi, Hofmeister und Ote- 
meinderat setzt der Burggraf des Orts namens des Königs, 
seine Streitigkeiten mit Christen schlichtet der Burggraf, 
seine Streitigkeiten mit Juden der Judenhofmeister. Und 
wie seit dem 12. Jahrhundert die der Beichskammer steuer- 
pflichtigen Bürger in den Beichsburgen und die landesherr- 
lichen Handwerker in den Vororten dieser Burgen, nachdem 
sie die Pfandschaften auf die Beichsämter erworben haben, 
beginnen, ihre Vorsteher selbst zu wählen und so aus 
Beichskammerknechten Freileute, bezw. aus Leib- 
eigenen Beichskammerknechte werden, indem sie aus 
ihren Bürger- und Handwerkskörperschaften adelige 
Zwangsgenossenschaften bezw. Zünfte machen, so 
legen sich auch die jüdischen Beichskammerknechte teilweise 
die freie Wahl ihrer Hofmeister zu, bis der Meister 
der Bürgergemeinde sich über die Handwerkszunftmeister, 
den Judenmeister, die Elosterherren und Freihöfe erhebt, 
denen er ursprünglich gleichstand, indem er sich das 
Bnrggrafenrecht und damit das fürstliche^Becht auf 
die freie Wahl des Beichsyogts erwirbt, die seither 
meist der am Orte angesessene oder reichbegüterte Bischof 
oder Abt yomBeiche zu Lehen gehabt hatte, so dass mit 
der Zeit aus zahlreichen Beichsstädten , d. h. dem Beiche 
steuerpflichtigen Städten, Freistädte, d. h. steuerfreie, 
im Fürstenrang stehende Städte werden. Wie unter 
den Karolingern und Sachsen das Beich in seiner wirt- 
schaftlichen Not seine burggräflichen Bechte und Vogtei- 
gebühren an die geistlichen Herren hatte abtreten müssen, 
so müssen diese jetzt in ihrer wirtschaftlichen Not diese 
Oebühren den demokratischen Stadtkörperschaften zurück- 
geben und so kommt es, dass z. B. König Ludwig der 
Bayer den Juden solche Bechte einräumen muss, dass das 
Volk murrt, und dass die Juden mit den Städten, in 
deren Patronat sie treten, solch günstige Schutzy ertrage 
schliessen, dass das Beich nicht mehr die rechtliche Mög- 
lichkeit hat, ausserordentliche Schätzungen bei ihnen zu 
erheben oder ihre Jahressteuer zu erhöhen. 

b. Die einzelnen Steaerleistongen. 
or. Die Seiokssteaen. 

Unter den einzelnen Steuerleistungen der Juden 
ist die erste der goldene Opferpfennig, die alte, für 
arme und reiche Juden gleiche Tempelkopfsteuer. 



— xxxvm — 

S[ai8er Titas hatte diese Eopfstener im Jahre 70 fBr das 
römische Reich eingezogen and aaf ewige Zeit dieses zum 
Oberlehensherrn oder Patron fbr das Hohepriesteramt ge- 
macht and seither war der Jade Reichskammerknecht, 
„servas*' des römischen Reichs wie der Edelknecht and der 
Reichsstadtbürger, kein Leibeigener eines Landesherm. Sein 
Leib and seine Habe gehören dem Reiche; wo er in dieson 
wohnt, ist der Reichskammer gleich, er hat Freizügigkeit 
im ganzen Reiche, nar mass er im Reiche bleiben 
and diesem Steaer zahlen. Wohnt er im Gaa, d.h. in 
der freien Reichspirsche, so schätzt ihn der Oaograf 
oder Landgraf and dessen Vogt als Patronatsherr namens 
des Reichs, wohnt er in einer Reichsstätte, so schützt 
ihn der Barggraf dieser Stätte and dessen Vogt ebenfalls 
namens des Reichs; gefällt dem Jaden der Patron nicht 
mehr, so sacht er angehindert einen andern Wohnort Stellt 
er sich wie der Edelknecht and der Reichsbfirger seit dem 
10. Jahrhandert mit Vorliebe in den Schatz der Kirche 
and verschafft deshalb dieser die Pfandschaften aaf die 
kaiserlichen Barggrafenämter, so erwerben im 18. and 
14. Jahrhandert die Reichsstädte wieder die Barg- 
grafenämter and damit den Jadenschatz and der Ertrag 
wird zwischen ihnen and dem Reiche geteilt, eine 
Teilang, die indes nar die Jahressteaer, die 
Gerichtsgebtiihren and Erbschaftsstenem betrifft, während 
der Opferpfennig stets dem Reiche bleibt. Das 
Reich zieht diese Reichsgefälle teils anmittelbar darch 
Reichsbeamte ein, teils ttberlässt es den Einzag jüdischen 
Generalpächtem and von allen ReichsjadengefaUen bezieht 
das Erzbistum Mainz ein Zehntel als erblicher Lehensherr 
des Reichskanzleramts zar Bestreitang der Kosten der 
Reichskanzlei, eine Leistang, die übrigens schon anter König 
Raprecht scharf bestritten wird. Bald aber bemächtigen 
sich die Landesherren wieder des Opferpfennigs, die Reichs- 
städte der dem Reiche gehörigen Hälfte der Jahressteaer, 
so dass das Reich immer mittelloser wird and die 
„Reichsstädte'* sich za steaerfreien „Freistädten^ 
heransbilden. 

Nachdem so die ordentlichen Einnahmen des Reichs 
yerschleadert sind, bleibt nichts übrig, als den Reichs- 
bedarf dnrch aasserordentliche Stenererhebangen 
aafzabringen , sogenannte „Schätznngen^, wie sie seit 
dem 14. Jahrhandert immer mehr ankommen. Christen 
and Jaden leiden gleichmässig anter diesen Stener- 
erhebangen, welche als abgeschätzter Wert schaldiger 
persönlicher Dienste (servitia) oder Ablösangsgelder 
anter dem Namen Krönangsstenern , Kreazzagssteaem, 



— XXXIX — 

Beichskriegssteaem, Bomfahrtstenern, Eonzilssteuern a.s.w. 
namentlich seit Kaiser Sigmund eine immer weitere 
Ansbildnng erfahren. Za diesen Serviüen oder Ablösungs- 
geldem gehörte auch das Federlappengeld, die Betten- 
besorgong, wenn der König kam, die Pfeffer- and Ingwer- 
lieferang für den Hof, die Edelmetalllieferang f&r die 
Mfln2e, die Kleiderstoffliefemng fQr die Hofstaaten, das 
Quartier-, Wachen- und Befestigungsgeld. Die letzte Steuer 
endlich war die Kl ei der Steuer der Juden, eine Zahlung, 
welche die Juden dafOr leisteten, dass man ihnen ge- 
stattete, ohne das vorgeschriebene Judenabzeichen 
öffentlich zu erscheinen. 

Die Umlage der Judensteuern besorgte die Juden- 
gemeinde, die Gemeindegenossdn waren solidarisch haftbar. 
Das freie Zugsrecht der Juden endlich wurde mannig- 
fach dadurch beschränkt, dass die Juden nicht eher aus dem 
Schntzverband entlassen wurden, bis sie die vorhandenen 
Landesschulden, soweit sie an denselben beteiligt waren, 
bezahlt hatten. Die Zusammenfassung der Juden nach 
Provinzen u. s. w. zu einem Reichs verband ist ernstlich 
nie vorhanden, sie geht über den Landesverband nicht 
hinaus. Anläufe zu einer politischen Zusammenfassung 
der Beichsjudenschaft, wie sie unter König Ruprecht 
erfolgen, verlaufen im Sande. 

Die Erhebung der „Schätzung'', die bei den 
freien Reichsständen meist als Vermögenssteuer 
in Gestalt des 100. Pfennigs geschah, erfolgte bei den 
Juden, die als Knechte keinen Grundbesitz hatten, als 
Einkommenssteuer vom dritten Teil ihres gesamten 
Zins- und Geschäftsertrags; Hausgeräte u. s. w. war dabei 
ausgeschlossen. Die Steuer traf nur die reichen Stadt- 
jnden, nicht die armen Schacherjuden auf dem Lande. 
Die Steuererträge der einzelnen Judengemeinden betrugen 
z. B. im 15. Jahrhundert von 900 Gulden (Ulm) und 
weniger bis zu 12000 Gulden (Nürnberg) und 84000 Gulden 
(Köln), was ein Gesamteinkommen der Juden dieser Stadt 
von 252,000 Gulden und dies als 15prozentige Rente 
vom Vermögen gerechnet ein Gesamtvermögen der Kölner 
Juden von 1,680,000 Goldgulden darstellen würde, eine 
Summe, die, den Goldgulden zu rund 50 Mark Ge- 
brauchswert gerechnet, etwa einem heutigen Vermögen 
von 84 Millionen entspräche. Wie reich in der That 
einzelne Juden in den Städten damals noch waren, 
zeigt das Beispiel des Juden von Windsheim in Franken, 
der 2400 Gulden Schätzung bezahlte, also ein Renten- 
einkommen von 7200 Gulden und ein Vermögen von 
48,000 Goldgulden, d. h. nach heutigem Gebrauchswert 



— XL — 

2,4 Millionen hatte, wobei anzunehmen ist, dass wie heute 
auch damals wohl vielfach zu nieder fatiert wurde. 

Die Juden gewährten diese Schätzung indes nur unter 
der Bedingung, dass künftig nie mehr eine derartige 
ausserordentliche Steuer, sondern lediglich die her- 
gebrachte Jahressteuer von ihnen sollte erhoben werden 
dürfen und dass niemand, auch das Beich nicht mehr, 
jemand einer Judenschuld sollte ledig sagen und 
damit die Judengemeinschaft nötigen dürfen, diese Schuld 
dem betreffenden Judengläubiger zu ersetzen. Femer sollte 
kein Jude mehr anderswo als an seinem Wohnsitze 
verklagt werden und niemand mehr einen höheni 
Geleitzoll von den Juden erheben dürfen, als von 
den Christen. Niemand sollte weiter bei Fehden die 
Juden einer feindlichenHerrschaft als Geiseln behandeln 
dürfen, auch durfte niemand mehr die Hauszinsen 
der Juden steigern und die Wuchergebühren for 
ihre Darlehen herabsetzen. Verpfändete das Reich 
eine Judengemeinde, so durfte nur der regelmässigeStener- 
betrag verpfändet werden. Als Steuer aber sollte künftig 
statt des seitherigen, nur bei ausserordentlichen 
Veranlassungen, also unregelmässig, erhobenen dritten 
Pfennigs vom Einkommen jeder Jude alljährlich 
regelmässig den zehnten Pfennig seiner gesamten 
Habe mit Ausnahme der Nahrungsmittelvorräte, Bett-en, 
Kleider und Hausgeräte geben. Es haben eine Beihe 
von Gelehrten diese Steuern vom dritten und vom zehnten 
Pfennig entsprechend dem 100. Pfennig der Beichsstände 
als Vermögenssteuer aufgefasst. Der zehnte Pfennig 
war dies thatsächlich nicht, sondern er war ein „Zehnter*' 
vom Einkommen') und so ist es wohl sicher auch mit dem 
„Dritten" gewesen. Der Jude besass keine Liegenschaften 
wie der freie christliche Reichsstand oder „römische Bürger^ 
und war schon aus diesem Grunde steuertechnisch anders zu 
behandeln als ein freier Beichsstand. Er war Reichskammer- 
knecht und deshalb zehntenpflichtig wie jeder andere 
Eammerknecht Die Steuer wurde deshalb vom Juden 
in der Art erhoben, dass man ihm alljährlich den zehnten 
Teil seiner gesamten Barschaft abnahm, d. h. den zehnten 
Teil der Beträge, welche er als Rente aus seinen Pfand- 
briefen bezog. Dem Juden alle Jahre den zehnten Teil 
seiner Pfandbriefforderungen zu konfiszieren, wäre denn 
doch ein Verfahren gewesen, wie es selbst im Mittelalter 
undenkbar erscheint, und eine Einkommenssteuer von 
Zehn vom Hundert war gewiss schon drückend genug. 

>) Lang, Hist. Entwicklang der deutachen StenenreHlaBSiing. 



— XLI — 

Von diesen Reichsgefällen sah die Beichskammer freilich 
in der Begel keinen Pfennig; sie wanderten unmittelbar 
in die Hände der jüdischen Generalpächter der- 
jenigen grossen Landesherren, welche das Geld zum Kriege 
vorgeschossen hatten* 

ß* Die YogUigiMluni. 

Keine eigentlichen Stenem waren die Hanszinsen 
der Jaden y ein Mittelding zwischen privatrechtlicher 
Leistung und Grundsteuer. Hatten die Juden schon im 
10. Jahrhundert den besten Grundbesitz in den Städten, 
meist unmittelbar yom Reiche zu Lehen gehende und des- 
halb landesherrlich steuerfreie Häuser, im Besitz gehabt, 
so hatten sie es seit diesem 10. Jahrhundert, dem Beispiel 
der Edelknechte und anderer Leute folgend, aus wirt- 
schaftlichen und Sicherheitsgründen vorgezogen, ihre 
Liegenschaften in den Schutz der Kirche zu stellen, weil 
eben „unterm Krummstabe^ damals „am besten wohnen" 
war. Seit im 13. Jahrhundert dieser Schutz indes immer 
weniger kräftig wurde, schössen die Juden der Beichs- 
gewalt das Geld vor, die Judenhäuser von der Kirche 
einzulösen, und kamen so in den Schutz der Beichs- 
bttrgergemeinden, welche die Burggrafenämter in den 
Städten von der Geistlichkeit erworben hatten. Es geschah 
das namentlich, weil die Kirche begonnen hatte, die Juden 
wegen allzuhoher Wuchergebühren zu strafen, und es 
erhob sich ein scharfer Streit zwischen Staat und Kirche, 
ob die Ejrche das Becht habe, einen Juden um Geld 
zu strafen, oder ob sie lediglich ihm das „commercium" 
mit den Christen entziehen, d. h. den geschäftlichen 
Boykott über ihn verhängen dürfe. Seither wohnt 
der Jude wieder lediglich im Schutze des Beichs 
und ist ausschliesslich Beichskammerknecht, d. h. 
reichssteuerpflichtig, nicht landessteuerpflichtig. Er zahlt 
dem Belebe durchschnittlich für ein Judenhaus mit 
3 Familien Wohnungen wöchentlich einen Gulden Haus- 
zins oder 52 Gulden jährlich, was rund einem Ge- 
brauchswert von 2700 Mark entsprochen haben mag; 
reiche Grossjuden zahlen wesentlich mehr, weniger 
bemittelte Juden wesentlich weniger. Zieht ein Jude 
neu an, so muss er am letzten Aufenthaltsort abgerechnet 
haben und schwören, dass er alles erhalten hat, was 
man ihm früher schuldig gewesen ist, damit es keine 
Streitigkeit mit der frühern Schutzherrschaft giebt 
Fällt dem Juden Grundbesitz zu, so hat er ihn, wie der 
Geistliche, binnen Jahresfrist an einen Stadtbürger zu 
verkaufen. Li der Begel ordnete der Jude sein Steuer- 



— XLH — 

yerhältnis zur Reichsstadt darch eine „Lösung^ (sors), 
d. h. er kontingentierte seine Gesamtleistung yertrags- 
massig auf eine bestimmte Snmme, so dass die Stadt, 
wenn das Reich höhere Anforderungen an die Steuerkraft 
der Juden stellen wollte, selbst sehen musste, wie sie mit 
dem Reiche in der Sache zurechtkam. Die Schlichtung 
der hiedurch entstehenden Streitigkeiten erfolgte meist 
durch Vergleiche, wie z. B. seit 1394 die Juden dahin 
gebracht wurden, dass sie an der Abtragung der 
hochangeschwollenen älteren städtischen Verpflichtungen 
entsprechenden Anteil nahmen, oder in der Art, dass die 
Juden sich zu ausserordentlichen „Schätzungen'' zu be- 
sonderen Zwecken freiwillig verstunden. 

/• Di« La]idM«d«isgt1>ft]ix«ii« 

Keine eigentliche Reichssteuer endlich war der 6e- 
leitzoll der Juden. Er war der Beitrag derselben zu den 
Landfriedenskosten und gehörte dem betreffenden 
Landfriedensyerband. Die Juden standen wie die Laien 
der Städte sowie alle Geistlichen, Mönche, Nonnen, Bauern, 
Jäger und Fischer im Schutze des Landfriedens, der dem 
Versicherten gegen sein Geleitgeld entschädigungspflichtig 
war, wenn ihm unterwegs ein Schaden erwuchs ; der Jude 
trug deshalb auch wie alle die genannten Personen keine 
Wehr wie der nichtstädtische Laie. Dieser Königs fr ieden 
der Juden wurde dem Kaiser Vespasian zugeschrieben, 
der bekanntlich den Friedenstempel in Rom erbaut und 
damit eine Art „Gottes frieden" geschaffen hat, wie er 
tausend Jahre später wieder in christlicher Form auf- 
gelebt ist, und die Juden waren stets bestrebt, es dahin zu 
bringen, dass von ihnen kein höherer Geleitzoll als von 
anderen Personen hiefOr gefordert wurde. Eine besondere 
Rolle spielten dabei die zahlreichen Judenleichen, 
welche bei der Seltenheit geweihter Judenfriedhöfe oft 
grosse Strecken geführt werden mussten, um ihre letzte 
Stätte zu finden, Transporte, welche gerne zu hohen Zoll- 
forderungen benOtzt wurden. 



III) Der Gewerbebetrieb der Juden. 

a. Der freie Gewerbebetrieb. 

Der Gewerbebetrieb der Juden des Mittelalters 
scheidet sich in deren freie Gewerbethätigkeit und 
in deren zünftigen Gewerbebetrieb. Zu der freien Ge- 
werbethätigkeit gehörte vor allem der Grosshandel 
und das Wechselgeschäft wie der Beruf des Arztes 



— XLm — 

und Gelehrten, zur zflnftigen Gewerbethätigkeit das 
Discontgeschäft, d. h. der Zwischenhandel mit 
Forderungen oder der Ankauf von anerkannten 
Forderungen zum Zweck des Wiederverkaufs mit Ge- 
winn. Von jeher haben die Juden als Grossh&ndler, 
d. h. als Eaujfleute, welche sich damit befassen, den fbr den 
innem Kleinbedarf nicht erforderlichen Ueberschuss an 
Erzeugnissen eines politischen Bezirks nach einem andern 
politischen Bezirk auszuführen und dagegen die fbr den 
Eleinyerkehr des eigenen politischen Bezirks erforder- 
lichen Erzeugnisse des Auslands einzutauschen und einzu- 
fUiren, die ausschlaggebende Bolle gespielt und wir sehen 
dabei die ganze Unternehmungslust, den weiten gesch&fts- 
männischen Blick der Juden im hellsten Lichte, so dass 
man ruhig sagen kann, die Geschichte des Welt- 
handels ist die Geschichte des Judentums und die 
Geschieh teder Welthand eis wegeist die Geschichte 
der Wanderungen des Judenyolks. Wo der Mittel- 
punkt des Welthandels ist, da ziehen die Juden hin. 
Als unter Alezander dem Grossen das Easpimeer erhöhte 
Bedeutung f&r den Weltverkehr erhält, erscheinen dort die 
Juden; als unter Kaiser Vespasian sich der Welthandel 
nach Persien zieht, füllt sich dieses mit Juden, als unter 
Kaiser Markus Aurelius der Seeverkehr mit Indien 
und China w&chst, wandert der Jude nach diesen Ländern. 
Im 8. Jahrhundert blühen die Juden in Spanien, Frank- 
reich und Südrussland, im 9. Jahrhundert sind sie 
am Rhein, im 10. in Venedig, im 11. im heiligen 
Lande, im 12. in der Provence, im 13. in Bom und 
London, in Wien und Madrid, im 14. in Franken 
und Alemannien. Die Juden werden reich im Lande, 
die Bauern werden arm, schreibt schon im 13. Jahr- 
hundert ein kastilianischer Schriftsteller und ebenso klagen 
die Oesterreicher über ihren Handel. Wo es etwas zu 
handeln giebt, steht der Jude lange unübertroffen da als 
Grosshändler, als Einfuhrhändler und Ausfuhrhändler. 
Wflrzwaren, Seidenzeuge, Kattune, Brokate führt er aus 
Indien, Persien, Griechenland und Aegypten im frühen 
Mittelalter über das rote Meer und Aegypten ein und 
holt dafür die Erzeugnisse des Abendlands, um sie nach 
der Levante zu führen. Gold ist dabei das Tauschmittel, 
dessen er sich im internationalen Verkehr bedient 

Eine weitere Thätigkeit ist dieHandelsvermittlung 
des Juden, die Maklerei und Agentur, als ergänzende 
Thätigkeit des Einfuhrhandels. Die Ware an den Mann 
zu bringen, ist die interessanteste Aufgabe des gewandten 
Jaden; der HoQude des Mittelalters ist der unvermeidliche 



— XLVI — 

zweifelhaften Rente oder Dividende wnrde ein Teil 
als fester Zins oder Zehnte aasgeschieden und vor- 
weggenommen and zwischen den Herrn der darch den 
Gebraach nicht yerzehrbaren Sache, des capat, den Kapi- 
talisten, and den Gebrancher der Sache, den Arbeiter, 
trat eine dritte Person, der Zinsmann oder Unternehmer. 
Der Unternehmer bezieht jetzt das Gesamterzengnis , den 
nsasfractas, fiberlasst dem Arbeiter den Arbeitslohn 
(frnctas^, zahlt dem Kapitalisten den Zins (censas) nnd 
behält aen Kest, den nsas minns censas, als Unternehmer- 
gewinn. Nehmen wir ein Beispiel: Der Eigentümer einer 
nicht yerzehrbaren Sache, z. B. der Grandherr eines 
Ackers, leiht diesen Acker einem Zinsmann oder Dienstmann 
and erhält dafßr die Schätznng, den censas, wahrend 
der Dienstmann als Unternehmer das Recht aaf den 
Wirtschaitsertrag des Ackers erwirbt, den er sich dadarch 
verschafft, dass er den Acker darch einen Söldner bestellen 
lässt, diesem den fractas daftir überlässt and den asas 
einstreicht 

Man sieht, aach der Ohrist darf im Mittelalter 
Zins kanfen. Was aber darf er nicht? Verfolgen wir 
das Beispiel weiter. Der Dienstmann kann den censas, 
d. h. die festgesetzte Anzahl Garben, Weihnachtshtthner, 
Landesmünze oder ähnliches, nicht bezahlen, weil die 
Schätzung des Natzens (usas^ fbr das laafende Jahr za hoch 
war; da er nan Gefahr länit, dass ihn der Zinsgläabiger, 
also in diesem Falle der Grandherr, vom Acker jagt, wenn 
er mit dem censas drei Jahre im Rückstande bleibt, so geht 
er daranf ein, dass der Eigentümer des Ackers sich vom 
gewerbsmässigen öffentlichen Natzangshändler oder 
asararias die rückständige Summe heranszahlen lässt, und 
verpflichtet sich, dem asararias die Nutzung oder den usus 
des von ihm gepachteten Guts, also seinen Untemehmer- 
gewinn, seinen Arbeitslohn als Unternehmer, so lange zu 
überlassen, bis die Forderung des Juden an den Gutsherrn 
zuzüglich der Gebühr des usurarius für die Stundung 
der Schuld, aus dem Ertrage des Guts oder sonstwie 
gedeckt worden ist So tritt zum census des Gutsherrn 
die usura des Darleihers, der Schaden, der dem Zins- 
gläabiger infolge der verspäteten Zinszahlung 
dadurch entstanden ist, dass er das Geld beim Darleiher 
holen musste. 

Das Recht des usurarius besteht also in dem An- 
kaufe von fälligen Fordernngen für Nutzungen zum 
Zweck der Stundung gegen eine Stundungsgebühr 
(usura) und der Zweck des usurarius ist, die Folgen des 
jährlich wechselnden Wirtschaftsertrags, welcher die Ein- 



— XLvn — 

nahmen des Kapitalisten gefährdet, für den Kapitalisten 
dadurch weniger ffthlbar zu machen, dass der nsararius 
gegen Verpfändung künftig zu erhoffender bes- 
serer Wirtschaftserträge dem Gutsherrn die aus- 
gebliebenen Barmittel zur Verfügung stellt. Der dominus 
oder signore wälzt das Odium des Pfändungsge- 
schäfts auf den usnrarius ab, der sich nun mit den 
Zinsleuten des Herrn herumschlagen kann, wenn ihnen der 
Hagel die Felder verwüstet hat, und es ist' darum 
auch der Wert des usurarius für die Gesundung einer 
notleidenden Wirtschaft immer ein sehr zweifelhafter 
gewesen, da er notwendig stets eine erhöhteBelastung 
der Wirtschaft herbeiführte. Eine kluge Regierung hat 
es deshalb stets vorgezogen, durch Herabminderung 
der Zinslasten und Steuern selbst eine Gesundung 
zu ermöglichen, als nach dem Kezept der englischen 
Physiokraten und des Liberalismus mittelst des usurarius 
vom Begen in die Traufe zu kommen. 

Derünterschied zwischen census und usura ist also 
der, dass der Zins oder census das im Voraus abgeschätzte 
Entgeld für die Ueberlassung einer Nutzung oder den usus 
einer nicht verzehrbaren Sache, der Wucher oder die 
usura aber das Entgeld für die Nutzung einer verzehr- 
baren Sache, eines zum Lebensunterhalt bestimmten 
Arbeitslohns, des Unternehmergewinns, ist Zins 
(census) ist die Gebühr fQr eine überlassene Nutzung (usus), 
ist die fallige Forderung, Wucher (usura) ist die Gebühr 
für die Stundung eines fälligen Zinses (census) oder einer 
überlassenen Forderung und der grundlegende Unterschied 
zwischen beiden mit Bücksicht auf die Weggabe an einen 
andern ist der, dass die Ueberlassung einer Beute (usus) 
an einen Unternehmer gegen einen Zins, also der Kauf 
einer Forderung als Entgeld fDr das Darleihen einer 
nicht verzehrbaren Sache, der Ankauf des voraussieht* 
liehen Ueberflusses am Gesamtertrag der Sache über 
den Untemelunergewinn ist, die Ueberlassung eines dem 
Kapitalisten zustehenden Zinses oder einer anerkannten 
Forderung an den öffentlichen Darleiher, also der Kauf 
einer verzehrbaren Sache wie Landesmünze als 
Entgeld für die Abtretung einer Forderung, aber in der 
Begel die Wegnahme von zum Leben notwendigen Ein- 
kommensteilen des Schuldners nach sich zieht und damit 
zu Not und Elend führen kann. 

Census und usura, Zins und Wucher, seit Auf- 
hebung des Wncherverbots gleichbedeutend, 
sind also im Mittelalter grundverschiedene Dinge. 
Census, Zins, Zehnter, Dienst, ist die fest vereinbarte 



— XLvm — 

Leistung des Beliebenen f&r eine dargeliehene, durch den 
Gebrauch (usus) nicht yerzehrbare Sache; es kommt 
her von censere, und heisst auf deutsch Schätzung, d. h. 
durch Schätzung im Voraus in Naturalien, Oeld oder 
persönlichen Diensten festgesetzter Itentenanteil au einer 
nicht yerzehrbaren Sache (res inconsumptibiUs). Es ist 
dabei aber, vollends in Zeiten mit sinkendem Warenpreise 
und steigendem Geldpreise durchaus notwendig, dass der 
Beliehene die als eigentlicher Nutzungserzeuger wirkende 
unyerzehrbare Sache selbst empfängt Der Einwand ist 
dabei nicht stichhaltig, dass der Nutzeffekt derselbe sei, 
wenn z. B. ein Unternehmer mit der dargeliehenen Landes- 
währung des Kapitalisten ein Schiff kaufe; denn dieses 
werde ihm Bente (usus) tragen und er werde einen Teil 
dieser Bente als Zins dem Kapitalisten geben, den andern 
als Untemehmerlohn selbst behalten können. Dies stünmt 
deshalb nicht, weil dann der Unternehmer dem Lehens- 
herm eben kein Sehiff, sondern Landesmünze schuldet 
und bei steigendem Geldpreise und sinkendem 
Warenpreise bei der Bückgabe des Lehens dadurch in 
Schaden kommt, dass er sein Schiff mit Verlust wieder in 
Geld umsetzen muss. Man sieht daraus, der Feudalismus^ 
d. h. die Lehenswirtschaft, die Beschränkung der 
Darleihe auf durch den Gebrauch nicht verzehrbare Güter, 
erhält den Unternehmer und damit denjenigen, der 
zwischen Kapitalist und Arbeiter steht, den Mittel- 
stand; die freie Darleihe aber, die Geld Wirtschaft, 
die Aufhebung der Wucherbeschränkung, der Liberalismus, 
zerreiben das Unternehmertum und zerstören den 
Mittelstand und damit auch den Ast, auf dem die Ar- 
beiterschaft sitzt, zum Nutzen des Kapitals. 

bt also Zins das Entgeld für eine nicht durch den 
Gebrauch yerzehrbare Sache, so ist Wucher (usura) das 
Entgeld für eine durch den Gebrauch yerzehrbare Sache. 
Verbraucht der Beliehene das dargeliehene Gut nicht zur 
Beschaffung yon Bente tragenden, yon produktiyen Werten, 
sondern yerwendet es zum Lebensunterhalt, so ist das 
dargeliehene Gut durch den Gebrauch yerzehrt. Wucher 
fusura gleich Gebühr für einen usus, eine Nutzung) ist 
deshalb nach mittelalterlichem Begriff die allwöchentlich 
fällige Gebühr des Beliehenen für eine gestundete durch 
den Gebrauch yerzehrbare Sache (res consumptibilis) wie 
Landesmünze, Getreide, persönliche Arbeitsleistung u. s. w. 

Hat diesen durchaus berechtigten unterschied zwischen 
beim Gebrauche yerzehrbaren und nicht yerzehrbaren 
Dingen das heutige Becht auf die Seite geworfen, so spielte 
er im Mittelalter die grösste Bolle. Zu den durch den 



— IL — 

Gebrauch nicht yerzehrbaren Dingen gehörten nicht nur 
alle liegenden Gfiter, sondern aach alle freien 
Grosshand elsgfiter wie Tücher, Leinwand, namentlich 
aber auch gemünztes Gold in Silberwährnngsländern, 
kurz alle Dinge, welche keinen obrigkeitlich 
festgesetzten Wert hatten. Man nannte diese 
Sachen freie oder Abenteuer guter, und jedermann 
dorfte mit ihnen thnn und treiben, was er wollte, im 
Unterschiede zu den zünftigen oder Währungsgütern, 
welche nur der hiezn von der Obrigkeit besonders berech- 
tigte Monopolist im Lande einkaufen und unter Zuschlag 
einer Bemühungsgebühr wiederverkaufen durfte. Alle 
diese Dinge, die sogenannten Währungsgüter, hatten einen 
obrigkeitlichen Marktpreis, eine Taxe, und zu ihnen ge- 
hörten namentlich die Landesmünze, Getreide, Eisen, Salz, 
Brot, Vieh u. s. w., vor allem aber die persönliche Arbeits- 
kraft des Nebenmenschen. Mit ihnen sollte der mit ihrem 
Vertrieb Beliehene keinen Handels- und Eonjunkturen- 
gewinn machen, sondern er sollte lediglich bei dem 
Handel mit denselben eine ein gewisses Mass nicht über- 
schreitende Gebühr für seine Bemühung erhalten. Man 
sieht, der Socialismus des Mittelalters hat nicht nur 
das Getreidemonopol des Staats, sondern auch 
den Staatshandel mit allen im Lande selbst zu be- 
schaffenden Erzeugnissen vollständig durchgeführt 
gehabt und das Mittelalter hat in Europa den Socialismus 
thatsächlich praktisch zur Geltung gebracht. 

Ein Zinsen verbot, d. h. ein Verbot, ein Entgeld für 
dargeliehene Sachen zu nehmen, hat es also auch im Mittel- 
alter nie gegeben, sondern nur ein Wucherverbot. 
Jedermann hatte auch im Mittelalter das Becht, einem 
andern eine Sache zu leihen und sich dafür ein festes Ent- 
geld in Landeswährung auszubedingen, nur durfte es eben 
keine Sache sein, welche durch den Gebrauch verzehrt 
wurde, kein Währungsgnt. Man durfte einem andern 
einen Acker, ein Haus, ein Schiff, ein Trinkgefäss, eine 
freie Handelsware wie Gold, Tücher u. s. w. gegen Entgeld 
leihen, nicht aber eine bestinmite Menge Landesmünze, 
Getreide, Vieh, wie man auch niemand seine persönliche 
Arbeitskraft zur Herstellung von Marktware auf feste 
Zeit abkaufen durfte, ausser man war hiezu als Angehöriger 
der damit beliehenen Zwangskörperschaft oder Zunft von 
der Behörde ausdrücklich monopolisiert. 

Der Grund dieser Unterscheidung war, dass zwischen 
dem Gebrauch der nicht verzehrbaren und der verzehr- 
baren Dinge ein grundlegender Unterschied besteht Das 
nicht verzehrbare Gut lässt einen wiederholten Ge- 

IV 



_ L — 

braach (secandas asns) zu, das yerzebrbare Gut nur einen 
einmaligen Gtobranch (primas asns). Man dnrfte im 
Mittelalter einem andern eine Anzahl Tachballen oder 
Ooldstücke leihen und sich dafttr die Bezahlang einer 
bestimmten Menge Landessilbermünze, Gtotreide oder eines 
andern Wfthrangsgats aasbedingen, das war kein Wacher, 
denn der Beliehene konnte mit dieser vertretbaren Sache 
als „Unternehmer^ einen Handelsgewinn (fenns 
jnstnm) machen, während das bei einem mit festem Preis 
versehenen Währangsgnt nicht möglich war. So hatte das 
Darleihen also anch im Mittelalter keine Schwierigkeit fnr 
den Christen, solange er sich mit einem jus tam fenas, dem 
gemeinen Kaufmannsnntzen, dem obrigkeitlich genehmigten 
Gewinnsatz begnügte. Streng verboten aber war es d^n 
Christen, bei einer rückständigen Forderang eine Oe- 
bfihr fQr die Stnndnng zn nehmen; dazu war nur der 
öffentliche Darleiher, der nsararias pnblicus, befugt 
Enrz, Zinsgeschäfte dnrfte anch der Christ machen, 
Wachergeschäfte nor der Jade, d. h. aach der Christ 
durfte nicht durch den Gebraach verzehrbare Dinge einem 
andern gegen Entgeld verleihen, nur der Jade aber 
durfte durch den Gebrauch verzehrbare Dinge einem andern 
gegen Entgeld standen. Die Leihgebfthr fQr nicht 
verzehrbare Dinge biess Zins, die Leihgebühr für 
verzehrbare Dinge hiess Wucher. 

ß^ Bio SflbatUoli-nolitliolit Gtitoltaag d« DttUihgMobifti. 

Das Handwerksrecht des öffentlichen Darleihers, des 
usurarius publicus, war ein öffentliches Lehen wie jedes 
Hand Werksmonopol. Nur dem privilegierten Wucherer 
stand der Zwischenhandel mit Forderungen, der 
Aufkauf von anerkannten Schuldforderungen zum Zweck 
der Stundung gegen Gewinn, zu. Die Sicherang 
dieses Rechts der öffentlichen Darleiher geschah dadurch, 
dass der Wettbewerb auswärtiger Darleiher ver- 
boten wurde. Für dieses Recht hatte der öffentliche 
Darleiher aber auch die Pflicht, das Geldbedftrfnis 
der Landesherrschaft und ihrer Hintersassen gegen ge- 
nügende Pfandsicherheit ausreichend zu befriedigen, 
wie der zünftige Metzger und Bäcker die Pflicht hatten, 
genügende Fleisch- und Brotmengen zu beschaffen. Der 
öffentliche Darleiher hatte die Aufgabe, dem Geldbedürfnis 
jedes Angehörigen des betreffenden politischen Bezirks 
jederzeit bis zu den mit ihm obrigkeitlich vereinbarten 
Grenzengegen doppelte Sicherheit gerecht zu werden, 
wobei die Aufnahme von Staats- und Gemeindeanlehen 
meist bei der Gesamtheit der Darleiher als Darleiher- 



- LI - 

genossenschaft unter solidarischer Haftbarkeit der Genossen 
für die Beschaffung der Anleihe erfolgte. 

Da also der Christ nur nicht verzehrbare Dinge gegen 
Entgeld (Zins) ausleihen, nur der öffentliche Darleiher 
aber durch den Gebrauch verzehrbare Dinge wie Landes- 
münze gegen Entschädigung stunden durfte, so war 
es allgemeine Sitte, dass der Käufer der Leistung bei 
allen Zeitgeschäften, also wenn eine Leistung yon 
Währungsgut wie Landesmftnze, Getreide, persönlichem 
Dienst u. s. w. auf einen spätem Zeitpunkt vereinbart 
wurde, also auch der Darleiher einer nicht verzehrbaren 
Sache, sich ausbedang, dass falls der Verpflichtete mit 
der Zahlung, also z. B. mit dem Zinse, im Rückstande 
blieb, der Gläubiger das Recht haben sollte, den ihm 
hiedurch entstandenen Schaden dadurch auszugleichen, 
dass er sein Forderungsrecht an einen öffentlichen 
Darleiher (usurarius) verkaufte und dieser das Recht 
erhielt, die rückständige Forderung zuzüglich seiner Dar- 
leihergebühr (rückständiger census als caput + usura) 
beim Schuldner nötigenfalls mit Gewalt einzutreiben. 

Hiess die Gebühr ftkrUeberlassung einerNutzung 
als abgeschätzte Entschädigung für den dadurch dem 
Weggebenden entgehenden Vorteil der eigenen Benützung 
(lacrum cessans) census, so hiess die weitere Forderung, 
welche der Gläubiger bei Nichteinhaltung des Zahl- 
ungstags geltend machte, im Mittelalter der Schaden 
(damnum emergens), weil sie durch den Nachteil entstand, 
der dem Gläubiger dadurch verursacht wurde, dass er 
sein Geld nicht zur Verfügung bekam. Die Forderung 
dagegen, welche der öffentliche Darleiher für seine Be- 
miihung geltend machte, hiess das „Gesuch^ (provisio), 
weil sie die Unkosten darstellte, welche der jüdische Dar- 
leiher durch das Suchen des nötigen Bargelds auf sich 
nahm. Blieb der Schuldner auch beim Darleiher mit der 
Zahlung im Rückstande, so entstand diesem ebenfalls ein 
Schaden (damnum emergens), weil er sein fällig ge- 
wordenes Gild nicht anderweitig verwenden konnte, und 
so setzte sich die Wuchergebühr (usura) aus dem 
„Gesuch*' (provisio, lucrum) und „Schaden" (damnum) 
zusammen. Der öffentliche Darleiher des Mittelalters 
war also wie der heutige gewerbsmässige Wechsel- 
händler gewissermassen eine Art Gerichtsvollzieher, 
VoUstreckungs- oder Pfändungsbeamter, der die Ein- 
treibung vonForderungen gewerbsmässig besorgte, 
wie jener die Eintreibung von Wechselforderungen. Der 
öffentliche Geldwechsler des Mittelalters entsprach 
der heutigen Reichsbank, für den öffentlichen Dar- 

IV* 



— LH — 

leiher des Mittelalters giebt es heate noch kein Gegen- 
stttck, da das Hypotheken- nnd Lombardgeschäft 
noch nicht öffentlich-rechtlich organisiert ist 

Die Einrichtung der Darleiherkörperschaften 
erfolgte ans der Erkenntnis heraus, dass ein politischer Be- 
zirk sich nicht mehr in der wirtschaftlichen Lage fflhlte, den 
Wechsel der Eonjanktar selbst za tragen ; die Einrichtung 
von Darleiherzfinften war deshalb auch, wie fiberhanpt 
die Einrichtung von Handwerkszfinften oder öffentlichen 
Monopolbetrieben, ein Stück Socialismus, wie sie nur 
wirtschaftlich sinkende Zeiten einem Volke bringen. 
Wirtschaftlich steigende Zeiten bedttrfen derartiger Ein- 
richtungen nicht, erst das Sinken des Wohlstands schafft 
für ein Volk mit seinem Eleinerwerden der wirtschaftlichen 
Durchschnittsportion die Oefahr des Priyatmonopols 
und durch diese Entwicklungsstufe hindurch sieht sich 
endlich der Staat veranlasst, lieber Staatsmonopole zu 
schaffen, wie das öffentliche Bordell vom Staate eingerichtet 
wird, weil sich dieser nicht in der Lage sieht, die Bordelle 
ftberhaupt aus der Welt zu schaffen und darum das 
kleinere Uebel dem grossem vorzieht Es ist deshalb 
auch dieselbe Erwägung, mit welcher die Kirche fort- 
während die Duldung des jüdischen öffentlich-rechtlich 
gestalteten Darleihermonopols rechtfertigt, dass wenn 
man die Juden heute verjage, die Christen es morgen 
doppelt so schlimm treiben werden. 

War die Gefahr für den öffentlichen Wechsler und 
Zinshändler, sein Qeld wieder zu erhalten, nicht 
gross, so war die Aussicht, dasselbe durch gericht- 
liches Vorgehen zu erpressen, eine Sache, welche 
eine gewisse Härte des Gemüts bedingte, und dies hat 
das Darleihergewerbe von jeher zu einem anrüchigen 
gemacht und den Vertretern desselben, den Juden, 
den „Schand fleck'' aufgedrückt, wie man die rote 
Judenbrnstscheibe des Mittelalters, das Judenabzeichen, 
nicht umsonst taufte. Es lag nun aber bei diesem 
Darleihermonopol wie bei jedem Handwerksmonopol die 
Gefahr nahe, dass die damit Beliehenen es im Ueber- 
masse ausnützten, und diese Gefahr war es denn 
auch, welcher die Kirche mit ihren Wuchergesetzen 
entgegenarbeitete. Was die Kirche bezweckte, war, den 
Gewinnanteil des Darleihers nicht übermässig 
werden zu lassen. Die Kanonisten giengen davon aus, 
dass niemand mehr erhalten solle, als er zu seinem 
Lebensunterhalt bedürfe. Dieser berechtigte Anteil am 
nationalen Wirtschaftsertrage hiess fenus justum; jeder 
Mehrbezug war ungerecht Die Gebühr für UeberlaMong 



— Lm — 

einer Nutzung, der „census^ eines „usus'', sollte deshalb 
eigentlich keine im Voraus festgesetzte Höhe haben, 
sondern sie sollte thunlichst einen Anteil am wirklichen 
Ertrage bilden. Schon beim Naturalzehnten war 
dies, sofern er nicht einen yerhältnism&ssigen Anteil 
am Ertrag, sondern wie dies seit dem Jahre 1420 meist 
vereinbart wurde, die alljährliche Leistung einer festen 
Anzahl Garben, Früchte, Oeflügel, Haustiere u. s. w. be- 
traf, wie bei der Gfiltenleistung, d. h. der Leistung in 
barem Gelde, in der That nicht mehr der Fall. Wenn 
dem Gutspächter viel wuchs, so kam er gut weg, wenn 
dem Pächter aber wenig wuchs, so kam er schlecht 
weg. Die Kirche hätte darum am liebsten auch den 
festen Zins vollständig verboten, der eben thatsächlich 
nichts anderes ist, als Spekulation, als Verkauf einer 
Sache um festen Preis, welche noch nicht vorhanden ist, 
ein Verkauf einer bestimmten Menge Frucht auf dem 
Habn mit der Gefahr, dass sie der Wirtschafter liefern 
muss, auch wenn ihm ein Hagel die Hoffnung vernichtet. 
Da dies aber sich als praktisch undurchführbar erwies, 
war sie redlich bestrebt, die Auswüchse des Zins- 
geschäfts thunlichst zu beschränken, indem sie sich 
bemühte, den Gewinnanteil (census) des Kapitalisten 
an den Nutzungen (usus) nicht übermässig werden 
zu lassen. Der Zins, die feststehende Leistung des mit 
der Nutzung eines nicht verzehrbaren Guts beliehenen 
Mietmanns, sollte keine drückende Abgabe sein, die den 
Pächter zu Grund richtete, sondern lediglich der Ausdruck 
der Verbindung des bedürftigen Wirtschafters mit dem 
Lehensherm zu einer Erwerbsgesellschaft mit gemeinsamer 
Tragung von Nutzen und Schaden. 

Lag die Gefahr der Verwischung dieses Verhältnisses 
schon dadurch nahe, dass z. B. der Grundherr den Boden 
um eine feststehende Leistung verpachtete und so 
dem Pächter als Unternehmer die Folgen des Kon- 
jnnkturenwechsels des Jahrgangs zuschob, indem er diesem 
die zweifelhafte Menge des usus gegen die feststehende 
Menge des census verkaufte, so wurde es noch schUmmer, 
wenn der census so hoch angesetzt wurde, dass der usus 
nicht mehr ausreichte, um dem Beliehenen die Begleichung 
des census und die Bestreitung seines Lebensunterhalts zu 
gewähren, und es war deshalb ein Schritt weiter auf der 
schiefen Ebene, wenn der Wirtschafter in der Hoffnung 
auf künftige bessere Zeiten die Nutzung dieser Zukunft 
im Voraus an einen Darleiher verkaufte und dafür 
diesem eine Gebühr bezahlte. Das Natürlichste, erklärten 
die Kanonisten, sei dieGütergemeinschaft und niemand 



— LIV — 

sollte eigentlich mehr haben, als er zum Lebensanter- 
halt brauche. Beichtom sei gerade keine Sflnde, aber 
eine Oefahr fBr die Seele, der Eigennutz als Triebfeder 
sei verwerflich. Das negotium, die Spekulation, der 
Handel mit freiem Gut, im Unterschied zur mercatura, 
zum Handel mit Wfthrungsgnt, mit Waren, welche 
einen durch staatliche Taxe festgesetzten Preis haben, 
und bei denen es deshalb keinen Eonjunkturenwechsel 
gebe, raube dem Menschen den Frieden. Des Menschen 
vornehmste Beschäftigung sei der Ackerbau; Industrie und 
Kaufmannschaft missfallen zwar Gott nicht, Spekulation 
aber sei ihm nicht wohlgefällig: das waren die Grund- 
gedanken der christlichen Eigentumslehre. Der praktische 
Versuch zur Durchführung dieses kommunistischen Ideeds 
war der ungeheure Eirchenbesitz des Mittelalters mit 
seinem „Noblesse oblige'^ gegenfiber dem Zinsmann, der 
„unterm Erummstab am besten wohnen^ sollte. 

Jeder Mehrgewinn Ober den landesfiblichen 
Eaufmannsgewinn, den gemeinen Gewinnanteil, galt 
als Wucher (usura). Mehr als den usus, als des 
thats&chlichen Ertrag der Grundrente oder Eapitalrente 
zu nehmen, war dem Christen verboten. Wer dies that, 
ohne wie der öffentliche Darleiher hiezu berechtigt zu sein, 
war selbst ein usurarius und damit ein unehrlicher Mann, 
ein Dieb und Bäuber. Wer einem andern etwas verkaufte 
oder lieh, sollte nur soviel dafür nehmen, als die Sache 
zuzüglich des ihm durch die Weggabe entstehenden Ge- 
winnentgangs wert war. Der Gläubiger sollte ausser 
der dargeliehenen Sache (caput) nichts weiter beanspruchen 
als den Verlust (Interesse), der ihm nach gemeinem Urteil 
(judicio bonorum mercatorum) dadurch entstanden war, 
dass er sein Gut nicht selbst verwaltet hatte (iucrum 
cessans et damnum emergens). Beides zusammen, Hanptgnt 
(caput^ und entgangener Gewinn (Interesse), bildeten die 
Dchuldsumme (sors, Lösungssumme^. üeber diese hinaus For- 
derungen zu stellen, war dem Christen verboten, und unter 
keiner Form sollte er dafQr eine Entschädigung nehmen, 
dass der Schuldner mit der Heimgabe im Rflckstande 
blieb (Stundungsgebfihr), sondern er hatte, wenn dieser 
Fall eintrat, lediglich das Recht, seine Forderung an einen 
öffentlichen Darleiher zur Eintreibung zu ver- 
kaufen, der dann dem Gläubiger die Summe auszahlte 
und dieselbe vom säumigen Schuldner gerichtlich eintrieb 
oder dem Schuldner die Summe gegen eine obrigkeitlich 
festgestellte Gebfihr (usura) länger stundete. 

Dabei war es bis auf Justinian dem Darleiher erlaubt, 
falls der Schuldner mit der Stundungsgebühr (usura) im 



— LV — 

SOckstande blieb, diese znm Kapital zu schlagen und 
StandungsgebOhr Ton der Standungsgebühr (asora asorarom) 
za nehmen, seit dem 5. Jahrhundert wurde dies verboten. 
Wenn deshalb ein Christ etwas verkanfte and dabei den 
Preis höher stellte, weil die Zahlung später erfolgte, so 
galt er als Wacherer, ebenso wenn er den Preis niederer 
stellte, weil die Zahlung früher erfolgte» Sconto, d. h. 
Abzug der Zeit wegen, Säumnisgebühr, war Wacher und 
eines Christen unwürdig. Wer mehr als den usus nimmt, 
d. b. die Entschädigung f&r den entgehenden Oebraach, 
ist ein asnrarius, dem die Kurchengemeinschaft verboten 
wird and der kein ehrliches Begräbnis erhält, und es ist 
Grundsatz, dass der Staat nicht gestatten soll, dass za 
viel Grundzinsen entstehen, d. h. dass die Schätzung, 
der census, der Anteil des Darleihenden am Nutzen 
(usus) der dargeliehenen Sache, zu hoch angesetzt wird, 
da sonst eine üeberschuldung des Lands entsteht. 
In dieser Erwägung galten namentlich die Leibrenten, 
die Lebensversicherungen des Mittelalters, fttr unsittlich, 
weil sie auf den frühen Tod spekulierten. 

Verstand die Bechtssprache des Mittelalters unter 
fenus jedes Wechselgeschäft mit der subjektiven 
Hoffnung auf Gewinn, mochte es nun gegen Landes- 
münze als Kauf oder gegen Ware als eigentlicher Aus- 
wechsel erfolgen, so war das fenus jedermann gesiattet, 
nur galt bis zum 5. Jahrhundert der Grundsatz, dass 
der Handel sich für den Geistlichen nicht schicke und 
den Laien zu überlassen sei. Aber schon seit dem 
6. Jahrhundert findet die Kirche nichts mehr dahinter, 
wenn die niedere Geistlichkeit Handelsgeschäfte 
treibt. Verboten war dagegen auch den Laien das über- 
mässige fenus. Edelleute, galt im 8. und 9. Jahr- 
hundert als Grundsatz, sollen nicht mehr als 4 vom 
Hundert, Bürger nicht mehr als 6, Kaufleute nicht mehr 
als 8 vom Hundert als fenus oder Ebtndelsnutzen nehmen 
und unter Konstantin galt als fenus justum oder be- 
rechtigte Nutzungsabschätzung (census des usus) 
die centesima, der 100. Pfennig im Monat, also ein 
Handelsgewinn von 12 vom Hundert oder der halbe 
Jahresertrag bei Früchten. Man bestimmte dies damals, 
weil mannigfach sogar Geistliche das Wncherverbot durch 
die Pfandnutzung umgangen hatten. 

Ist also das Nehmen von fenus jedermann gestattet, 
60 hinge es ein fenus justum bleibt, so ist es Sünde, so 
bald fenoris redundantia, also übermässiger Nutzen, 
vorliegt Man umgieng nämlich vielfach das Wucherverbot 
dadurch, dass man sich ein benutzbares Pfand geben Hess 



— LVI — 

und sich am Ertrage desselben schadlos hielt, weshalb die 
Kirche bestimmte, dass der Ertrag des Pfands nur bis 
zur Höhe des fenns jnstnm dem Darleiher gehören, aller 
weitere Natzen aber dem Schuldner an der sors abge- 
zogen werden sollte. Ein anderer Weg zur Bewnchenmg 
war, dass man den Schuldner mehr unterschreiben 
liess, als er erhalten hatte, oder dass der Oeldbedflrftige 
vom Kapitalisten eine Ware gegen Kredit über dem 
Marktpreise kaufte, um sie sofort gegen bar um weniger 
Oeld wiederzuverkaufen, oder dass der Geldbedürftige ein 
sogenanntes Handgeld gab. Die S^irche schritt gc^n 
alle diese Umgehungen dadurch ein, dass sie die Darleiber 
schwören liess, die ganze Summe ausbezahlt zu haben, 
und dass sie bis zum Jahre 1420 grundsätzlich verlangte, 
dass auch das liegende Pfand, nicht nur das fahrende 
Pfand, stets in den Besitz und die Verwaltung des 
Gläubigers überzugehen habe, der davon den gesamten 
usus (Rente) und fructus (Arbeitsertrag) bezog, seine Kosten 
für entgangenes justum fenus und Verwaltung abzog und 
den Rest, falls sich ein solcher ergab, dem Schuldner 
an der Forderung abschrieb bezw. die Mehrkosten 
demselben belastete, wenn solche eintraten. Erst seit dem 
Jahre 1420 wurde es gestattet, dass das liegende Pfand 
im Besitze und der Verwaltung des Schuldners blieb 
und trotzdem mit einem dinglichen, also gerichtlich klag- 
baren. Rechte auf einen jährlichen festen Rentenertrag 
(census als geschätzter Durchschnittsusus) belastet wurde; 
eine Einräumung, welche die Kirche damit rechtfertigte, 
dass der Schuldner ja bei einem liegenden Pfände aus dem 
Pfandgegenstande die Rente beziehe und diese deshalb wohl 
verpfönden könne. Der Grund war der, dass die Verpflichtung 
des Gläubigers, das Gut selbst zu bewirtschaften, bei dem 
damaligen Sinken der Grundrente viele Kapitalisten 
abschreckte, überhaupt Geld zu leihen. Strenge verboten 
bUeb dagegen die sogenannte „Satzung^, d. h. der Ver- 
kauf eines Guts an einen andern mit dem Recht der 
Wiedereinlösung. 

Was die Förmlichkeiten des Darleihgeschäfts 
betrifft, so galt als Grundsatz bei der Judenanleihe 
doppelte Sicherheit. Als Pfänder dienten Liegen- 
schaften, Fahrnis oder persönliche Bürgschaft. 
Den Pfandbrief fertigte bis zum 13. Jahrhundert die 
Judenkanzlei mit ihrem Siegel aus, seither musste, um 
Betrügereien zu verhindern, der Pfandbrief von einem 
königlichenNotar beglaubigt sein, wenn er gerichüich 
klagbar sein sollte, wobei der Jude schwören musste, 
lediglich die gesetzliche Wuchergebühr zu nehmen 



— Lvn — 

Blieb der Schuldner mit der Wuchergebfihr oder der 
Heimzaliluiig im Bückstande, so durfte der Jude das 
Pfand verkaufen. Hatte die Wuchergebühr die Höhe 
des Darlehens erreicht, so dass also der volle Wert des 
zur Hälfte beUehenen Pfands erreicht war, so musste 
abgerechnet, d. h. die Oesamtrfchuld heimbezahlt oder 
das Pfand verkauft werden. Die rückständigen Wucher- 
gebühren zum Kapital zu schlagen und davon wieder 
Wuchergebühr zu nehmen, durfte nur mit Oenehmigung 
des Beichs geschehen, wie dies im Jahre 1885 in Deutsch- 
land, im Jahre 1387 in Frankreich geschah. Gieng ein 
Pfand verloren, so musste der Olftubiger nach ale- 
mannischem Pfandrecht den Verlust dem Schuldner 
ersetzen. Nach romanisch -heutigem Rechte ist dies be- 
kanntlich umgekehrt und das untergegangene Pfand dem 
Schuldner verloren. Das für den Juden gültige tal- 
mudischeBecht, das am härtesten namentlich in Frank- 
reich im 13. Jahrhundert angefochten wurde, machte den 
Gläubiger nur verantwortlich bei Verlust durch Dieb- 
stahl und Fahrlässigkeit, nicht aber bei Feuers- 
brunst und üeberschwemmung, eine Auffassung, die 
namentlich in dem Falle eine Hauptrolle spielte, wenn 
Schuldner, deren Judenschulden die Beichsregierung 
übernommen hatte, ihre Pfandscheine mit Gewalt 
herausverlangten. Die Juden zündeten dann ihre 
Häuser an und konnten so auf Grund des Talmud 
nicht mehr wegen Herausgabe der Pfandscheine belangt 
werden, die dann einige Zeit nachher als Inhaberpapiere 
in Venedig oder bei anderen auswärtigen Gerichten 
gegen beliebige deutsche Beichsangehörige geltend gemacht 
wurden. 

Betreffs der Heimzahlung galt der Grundsatz, dass 
wenn der Schuldner dem Gläubiger das Geld brachte, das 
Pfand zurückzugeben war. That er dies nicht, so durften 
weiter keine Leihgebühren berechnet werden. Brachte 
der Jude sein Pfand dem Christen und dieser gab nicht 
das Geld zurück, so hatte er jeden Schaden zu tragen, der 
dem Pfände fortan zustiess. 

Man muss, um diese ganze Entwicklung richtig zu 
verstehen, in Betracht ziehen, dass das Judenpfand des 
Mittelalters ein reines Inhaberpapier und der Schuldner 
jedem Pfandinhaber erfüllungspflichtig war. Während 
sonst jeder angebliche Schuldner sich durch den Eid, dass 
er nichts schulde, von der Klage frei machen konnte, war 
dies anders, sobald der Gläubiger einen Pfandschein hatte. 
Mit diesem in der Hand stand dem Gläubiger das Becht zu, 
seinerseits zu schwören, dass er darauf eine bestimmte 



— Lvm — 

Forderung habe. Durfte der christliche Gläubiger dabei 
lediglich dieEapitalfordernng beschwören, so durfte der Jude 
auch die Stundungsgebührenforderung in seinen 
Eid einbeziehen. Hatte der Christ seinen Zins, seine Gülte, 
Miete oder sonstige Forderung nicht erhalten, so blieb 
ihm nichts übrig, als dd!6 Pfand zu verkaufen und sich so 
zu decken oder seine Forderung an einen Juden zn Ter- 
kaufen, der dann sehen musste, wie er mit dem Schuldn«' 
einig wurde. Der christliche Gläubiger liess sich die im 
Bfickstand befindliche Summe yom Juden unter Bürgschaft 
seinerseits für den Eingang der Forderung ausbezahlen 
und überliess dafür dem Juden seinen Pfandbrief. Es 
war, wie man sieht, der gleiche Hergang, wie wenn man 
heute einen Wechsel beim Bankier „discontiert*". 
Löste dann der Schuldner den Pfandschein nicht ein, 
so hielt sich der Jude wie heute der Bankier an den 
Garanten, der ihm denselben yerkauft hatte. Der Jude 
hatte deshalb auch ganz wie heute der Wechselglänbiger 
beim Konkurs das erste Becht. 

Die Darlehensverträge schieden sich nach ihr^ 
Beschaffenheit in zwei Arten, einmal in solche mit be- 
schränkter Haftpflicht, bei welcher lediglich das 
Pfand haftete, und dann in solche mit unbeschränkter 
Haftpflicht, bei welchen das ganze Vermögen des 
Schuldners haftete. Bei ersteren durfte der Gläubiger das 
Pfand verkaufen, sobald der Schuldner seinen I%ichten 
nicht nachkam, doch hatte er das Pfand erst dreimal 
yor Gericht aufbieten zu lassen; bei letzteren hatte der 
Schuldner gelobt, die volle Schuld zu bezahlen, und war 
hiezu mit seinem ganzen Vermögen verbunden. 

Wie der Metzger, der Bäcker, der Sattler Meisttaxen 
hatten, so hatte eine solche auch der Jude. Sie betrug 
für den Goldgulden im 13. Jahrhundert bis zu 4 Pfennig 
und sank im 16. Jahrhundert bis auf 1 HäUer. Bei Qülten 
und Grundzinsen wie sie auch der Christ kaufen durfte. 
war das Maximum 10 vom Hundert im Jahre. 

Strenge verboten war den Juden schon seit den Karo- 
lingern das Darleihen auf Kirchengut, wie kirchUche 
Gewänder, Altarkelche, Reliquien u. s. w., da sie schon 
damals begonnen hatten, die Kirchen und Klöster zn 
plündern, wie früher in Spanien die Moscheen. Ebenso 
war den Juden das wissentliche Leihen auf ge- 
stohlenes Gut, auf Militärausrüstungsstücke, auf 
blutige und nasse Gewänder und auf zerdrückte 
Edelmetallwaren verboten. War es alemannischer 
B^chtsbrauch gewesen, dass auch der gutgläubige Käufer 
eine gestohlene Sache ohne Entschädigung heraus- 



— MX — 

geben mosste, so hatte allmählich der Jnde das talma- 
discbe Gesetz dorchgebracht, dass er ein&ch schwören 
durfte, die gestohlene Sache gntgläabig erworben zu 
haben, um Entschädigung beanspruchen zu dürfen. Seither 
wurden denn auch die Juden die straflosen Helfers- 
helfer bei den zahllosen Ba üb anfallen auf Eirchen- 
gut und Haustiere, welche jene wilden Zeiten mit 
sich brachten, und diese Bestimmungen haben nicht zum 
wenigsten zu den Verboten des talmudischen Bechts 
und zum Hass des Volks gegen dieses Becht gefUhrt 
Das schlimmste Pfand aber war das Personalpfand 
oder die Bürgschaft. Es ist die gefährlichste Klippe 
ftlr die deutsche Freiheit gegenüber den Juden. Kann der 
Schuldner nicht bezahlen, so muss er oder der Bürge in die 
Schuldknechtschaft wandern. Es ist ein altdeutscher 
Eechtsbrauch , der nach jüdischem und nach römischem 
Becht nicht zulässig ist. Während der christliche Gläubiger 
deshalb den Schuldner im Hause bei Wasser und Brot fest- 
setzt, darf der Jude seinen Schuldner nur einem ehrsamen 
Christenmann in Gewahr geben und es entwickelt sich 
hieraus im 14. Jahrhundert die sogenannte Leistung, 
indem der Bürge auf Ehrenwort verpflichtet ist, so lange 
in einem bestimmten offenen Gasthause zu wohnen, bis 
der Schuldner bezahlt, bis das Gesetz bestimmt, dass der 
Jade die Kosten dieses „Einliegens^ bezahlen müsse. 

Am schwersten hielt es für die Juden, ihre Staats- 
a n 1 e h e n zurückzuerhalten. Verschuldeten Landesherr- 
schaften musste meist die Beichskasse die Schulden 
abnehmen, was daraufhinauskam, dass die reichen Beichs- 
städte die Schulden des platten Lands heimzahlen 
mnssten, das sie ausgewuchert hatten. Da die grössten 
Steuerzahler der Beichsstädte aber wieder die Juden 
waren, so kam also die Sache praktisch darauf hinaus, 
dass die Begierung den Juden in der Gestalt von Steuer- 
schätzungen den Baub wieder abnahm, den sie yorher 
an den leichtfertigen Edelleuten vom Lande ausgeübt 
hatten, wenn es der Jude nicht verstand, sich rechtzeitig 
durch Wegzug zu drücken. 

Der Gerichtsstand des Juden war der Patronats- 
herr. Streitigkeiten von Juden mit Juden gehörten vor 
das jüdische Gemeindegericht, Streitigkeiten von Christen 
mit Juden vor das bürgerliche Gericht. Seine Eide schwur 
der Jude vor dem Judengericht, der Christ vor dem 
Christengericht; erst seit dem 18. Jahrhundert erhielt der 
Jadeneid auch vor dem bürgerlichen Gericht eine mehr 
religiöse Form und damit auch ftr den Christen 
erhöhte Sicherheit, wie auch die jüdische Pfandge- 



— LX — 

richtsbarkeit seither der Aafsicht der bflrgerlichen 
Gerichte unterlag. 



IV) Der Kampf der Kirche gegen die Juden 
im i3. und 14. Jaiiriiunderi 

a. Das 18. Jahrhandert. 

So ist die Macht des Judentums am Anfang des 
13. Jahrhunderts eine geradezu furchtbare geworden. 
Ueberall in Westeuropa, in England, in Spanien, 
in Frankreich, am Bhein, vor allem aber in Oester- 
reich und in den Donauländern, dem klassischen 
Boden des Judenwuchers und der unterwertigen 
Währung, sind die Juden die allmächtigen General- 
pächter und Münzmeister und stehen als solche an 
der Spitze der Finanzverwaltung , während die Klagen 
fiber den Mangel an sittlichem Halt innerhalb der 
Christenheit wie über den Uebermut der Juden 
und die Missachtung, welche die Juden und Araber 
der christlichen Kirche zu teil werden lassen, taglich 
wachsen. Die Wuchergebühr hat eine erschreckende 
Höhe erreicht und schwankt von 30 — 87 vom Hundert, die 
verlotterte Staatsgewalt ist machtlos gegen die Juden. 
Bitter klagt die Kirche, wie die städtischen Aemter, 
die seither die Bischöfe und Aebte im Besitze gehabt 
hatten, mit Hilfe dienstwilliger Juden in die Hände der 
Städtebfirger und des Beichs zurückkehren, wie die 
Kirche, welche sich seither aus wirtschaftlicher Not der 
Juden angenommen hatte, wenig Segen von diesem Dienste 
erfahre. 

Diesen Schäden tritt der thatkräftige Papst Inno- 
cenz in. mit gewaltiger Hand entgegen. Neben die 
versumpften Benediktiner treten die kampfesfreudigen^ 
von sittlichem Ernst getragenen Bettelorden, voran die 
rede- und schriftkundigen Dominikaner, um mit Wort 
und Schrift den christlichen Glauben gegen die zer- 
setzende Kritik des Judentums in Schutz zu nehmen. 
Man errichtet hebräische Lehrstühle, man veranstaltet 
Beligionsgespräche, wo christliche und jüdische Ge- 
lehrte vor den Gebildeten der Nationen ihre gegenseitigen 
Ansichten verteidigen; man erneuert die allmählich ausser 
Gebrauch gekommenen, schon aus dem 3. Jahrhundert 
stammenden Einschränkungen des gesellschaftlichen 
und geschäftlichen Verkehrs zwischen Christen and 
Juden, man hebt die rechtliche Giltigkeit des Talmud 
als Gesetzbuch auf, bestraft die Juden, wenn sie die 



— LXI — 

Einrichtnngen der christlichen Kirche, namentlich 
den Bilderdienst, verhöhnen, man verbietet bei Todes- 
strafe den Bücktritt von zum Christentum übergetretenen 
Jaden zum Mosaismas. Verlangt ein Jade zu hohe 
Wuchergebühren oder nimmt er sonst übermässigen 
Geschäftsgewinn, so verbietet die Kirche allen ihren An- 
gehörigen den Geschäftsverkehr mit demselben, woraus 
sich allmählich ein vollständiges kirchliches Wucher- 
recht heraasbildet; hat ein Jude Kirchenzehnten durch 
Pfandschaften an sich gebracht, so verlangt die Kirche, 
dass die betreffende kirchliche Körperschaft für den da- 
durch entstehenden Einnahmeausfall schadlos gehalten wird. 
Als Mittel, den bedrängten Schuldnern zu helfen, gebraucht 
die Kirche seit den Kreuzzügen vor allem die Auf- 
hebung der Stundungsgebühren. Diese Aufhebung 
geschieht in der Art, dass der Gläubiger nur den wirk- 
lichen Nutzen der Pfandschaft, den usus, über die 
Dauer der Stundung beanspruchen darf. Beicht der Ertrag 
der Pfandschaft, welche im Besitz des Gläubigers stehen 
mass, wenn sie rechtsgültig sein soll, zur Deckung der 
Wucherforderung nicht aus, so ist dies der Schaden des 
Gläubigers. Die Kirche bringt auch diese Einräumung bei 
den Juden dadurch zu stände, dass sie über jeden Juden, 
der sich nicht auf die Stundung über die Dauer der 
Abwesenheit des Schuldners einlässt, den Geschäfts- 
boykott verhängt 

Die Staatsgewalt verhält sich diesem Vorgehen 
der Kirche gegenüber anfänglich durchaus ablehnend. 
Ein Aufruf des Papstes an die Landesherren, worin er 
diese auffordert, der Kirche im Kampfe gegen die Juden- 
schaft beizustehen und nicht länger zu dulden, dass die 
Geitslichen schlechter gestellt seien als die Edelknechte 
und Beichskammerknechte, macht anfänglich nur wenig 
Eindruck und nur langsam gelingt es der zielbewussten 
Arbeit der Bettelorden, der Dominikaner und Franziskaner, 
den Juden den Pfandbesitz des westeuropäischen 
Bodens abzujagen und ihn mit Hilfe der Lombarden 
in die Hände der Kirche zu bringen. Es ist wiederholt 
ein Stück Grundschuldenablösung, deren Durch- 
führung die Kirche gegen die verjudete Staatsgewalt 
übernimmt, ein Stück praktischer internationaler 
Kommunismus, der, im Geiste der ersten Christen- 
gemeinde des Petrus und Jakobus durchgeführt, den 
national-jüdischen Socialismus übertrumpft und der 
Kirche damals nicht umsonst den Buf einträgt, dass 
„unterm Krummstabe gut wohnen^ sei. Immer 
mehr tritt der bessere Teil der Ellostergeistlichkeit, dem 



- Lxn — 

es in den Tom Feadaladel bewohnten, geistig und sitüich 
veijudeten, prassenden Benediktinerstiften nicht mehr 
gefällt, in die neu aufkommenden judenfeindlichen Bettel- 
orden über und der Kampf ist ein so thatkräftiger, 
dass die Judenschaft, ihrer alten Gewohnheit folgend, von 
einem Uebermass ins andere, vom Uebermut in die Unter- 
würfigkeit gerät Sie sieht ein Ende mit Schrecken vor 
sich, wenn es so weiter geht, und sucht darum den Schutz 
der Kirche, den sie seither höhnend zurückgewiesen 
hatte, jetzt mit immer dringenderen Vorstellungen nach 
und dieser Schutz wird ihr denn auch in reichem Masse 
zu teil. Je weniger sich die Staatsregierungen in der 
Lage sehen, den ihnen obliegenden Judenschutz der 
yon der Kirche losgelassenen Volksmacht gegenüber zu 
handhaben, um so mehr zeigt sich die Kirche in der Ver- 
fassung, diese Bewegung einzudämmen. Sie hat den Juden 
die Peitsche gezeigt, sie kann auch das Zuckerbrot reichen, 
wenn ihr der Jude den Willen thut. Sie yerbietet deshalb 
strenge, die Juden zur Taufe zu zwingen, sie zu 
schmähen, wenn sie sich taufen lassen, oder sie am 
Laubhüttenfeste zu misshandeln. Dabei stellt sie den 
Grossjuden, die sich taufen lassen, die höchsten 
Kirchenstellen zur Verfügung, so dass gar bald derartige 
Benegatengestalten in Menge sich zeigen und eine 
zum Teil recht hässliche Bolle spielen. 

Immerhin bilden diese Uebertritte yon Juden zum 
Christentum die yerschwindende Minderheit und der Jude 
zieht es yor, sein Vermögen noch mehr als seither statt 
in den Schutz der gräflichen Landesherren in den 
Schutz der unter dem Begiment der Kirche stehenden 
städtischen Burggrafen zu stellen, indem er sein steuer- 
freies Grundeigentum der Kirche schenkt unter 
der Bedingung, dass sie ihm dasselbe gegen einen massigen 
Pfeffer-, Ingwer-, oder sonstigen Jahreszins als Erblehen 
zurückgiebt, oder dass er seine bewegliche Habe dadurch 
anlegt, dass er steuerfreies Gut der Kirche damit als 
Lehen erwirbt 

Beeinflusst yon der Geistlichkeit erfolgt denn auch 
jetzt namentlich in Frankreich yon Staatswegen 
eine Ablösung der unerträglich gewordenen Grund - 
schulden, indem die Begierung alle Leihgebühr- 
forderungen für ungültig erklärt, die nicht älter als 
ein Jahr sind, und alle über 5 Jahre alten Pfand - 
schulden derart ablöst, dass die Patronatsherr- 
schaften der Juden diesen ihre Forderungen an 
Hauptgut und rückständigen Leihgebühren unter Abzug 
yon einem Drittel der Forderung heimzahlen und sich 



— Lxm — 

dafBr deren Pfandbriefe ausfolgen lassen, deren Aus- 
lösung nun die Schuldner binnen drei Jahren in 
bestimmten Baten vornehmen mussten. Zur Durchffihrung 
der Massregel wurden alle Juden in ganz Frankreich „g e- 
heimt'', d.h. es wurde ihre Patronatsherrschaft oder 
Landeszugehörigkeitfestgestellt, worauf im Jahrel239 
alle Judenpfandbriefe, betreffs deren eine Verst&n- 
digung der Patronatsherrschaften des Schuldners und des 
Gläubigers nicht zu erzielen gewesen war, fQr gericht- 
lich unklagbar erklärt wurden. Es war genau derselbe 
Weg, der 100 Jahre später auch in Deutschland betreten 
wurde und den Thomas von A quin o damit rechtfertigte, 
dass er erklärte, wenn es zu einem solchen Zwangsyergleich 
gekommen sei, so sei das die eigene Schuld der Juden 
and die Regierung habe zweifellos das Becht, einen solchen 
gerichtlichen Zwangsyergleich mit Ledigsagung eines 
Teils der Forderungen durchzuführen Nur werde es sich 
empfehleu, dass der Staat hiebei durchaus mit Mässigung 
yerifahre, da es Pflicht des Christen, also auch des christ- 
lichen Staats, sei, sich mit Andersgläubigen wohl zu 
yertragen, damit das Ansehen der Kirche nicht geschädigt 
werde. Das Bichtige werde darum sein, den Juden ausser 
ihrer althergebrachten Jahressteuer keine weitere 
Steuerleistung zuzumuten, ihnen aber all' das wieder 
abzunehmen, um was sie durch Nehmen allzuhoher 
Leihgebühren ihre Schuldner in ungesetzlicher Weise 
geschädigt haben. Diese Summen seien dann denjenigen 
heimzugeben, denen sie die Juden abgenommen haben, 
auch wenn die Geschädigten im Auslande wohnen. 

Dem Zwangsyergleiche yom Jahre 1239 folgte eine 
weitere Massregel in Frankreich im Jahre 1260. Auch 
diesmal hatte die Patronatsherrschaft dem jüdischen 
Gläubiger zwei Drittel der rückständigen Hauptsumme 
samt Zinsen namens des Schuldners auszuzahlen, während 
der Schuldner seine reduzierte Schuldsumme in zwei 
Jahreszielem an den Patron heimzuzahlen hatte, und kein 
Jade sollte mehr das Becht haben, sich durch Zwangs- 
yoUstreckung oder Gefangensetzung des Schuldners 
eigenmächtig Zahlung zu yerschaffen. AUen ünterthanen 
aber wurde weiter strenge verboten, künftig wieder 
Geld bei Juden au&unehmen, und kein Jude sollte mehr 
das Becht haben, Geld gegen eine Stundungsgebühr 
auszuleihen, wie auch kein französisches Gericht mehr 
einen jüdischen Darlehensvertrag besiegeln durfte und 
Staatsyerträge mit den benachbarten Ländern ge- 
schlossen wurden, nach denen diese sich yerpflichteten, 
keine Klage eines Juden gegen einen französischen 



- LXIV — 

ünterthanen wegen einer in Frankreicii eingegangenen 
Schnldyerpflichtang anzunehmen. Dagegen wurde allen 
Juden nach wie vor der Aufenthalt in Frankreich unter 
der Bedingung gestattet, dass sie ein Handwerk oder 
die Kaufmannschaft wie die christlichen Ünterthanen 
ausübten. Es ist der gleiche Weg, den schon die lici- 
nische Gesetzgebung im alten Rom im Jahre 367 
T. Chr. beschritten hatte. Man zog die von den Gläubigem 
zu viel erhobene Leihgebühr von der Schuld ab und 
verlangte yon den Schuldnern, dass sie den Rest in 
drei Jahreszielem abtragen.^) 

War es den Juden seit dem 9. Jahrhundert gelungen, 
die alten Kleid ervorschriften allmählich in Abgang 
zu bringen, so leben auch diese jetzt wieder aufs neue 
auf. Die Kirche verlangt, dass der ortsangesessene Jude 
wieder den vorgeschriebenen roten Juden hu t, den roten 
Judenmantel und die Judenscheibe, der fremde Jude 
aber die gelbe Judenkappe und die gelbe Scheibe und die 
Judenfrau die himmelblaue Judenborte am Kleide trage. 
Die Erneuerung der Vorschrift entspricht dem damaligen 
Zuge der Zeit, der Abgrenzung der Stände auch 
äusserlichen Ausdruck zu geben, und wie die Kirche vom 
Ordenspriester verlangt, dass er sich des Ordenskleids 
bediene, dass er die „Uniform" trage, statt in „Civil" 
galanten Abenteuern nachzugehen, so sollen auch der Ritter, 
der Stadtgeschlechter, der Zunftbürger, der Jude durch 
eine eigene Tracht kenntlich sein. Die Landestracht 
und Standestracht verdrängt die Weltmode der vorüber- 
gezogenen grossen Zeit der Kreuz zu ge. So ist auch der 
rote Mantel keine Judentracht, sondern eine Standes- 
tracht für den „öffentlichen Darleiher", den „usurarius 
publicus," der „Freimann" ist wie der Henker und dem 
deshalb die rote Tracht wie diesem gebührt. 

Neben der alten Kleidervorschrift erhalten die Juden 
die Auflage, christliche Gasthäuser und Bäder zu 
meiden. Da der Jude die Speisen der Christen verschmähe, 
da er anderes Fleisch, andern Wein, anderes Brot geniesse, 
da er andere Begriffe von Reinlichkeit habe als der 
Christ, erklärt die Kirche, so zieme es sich nicht, dass 
der Christ mit ihm zusammen speise und bade, und es 
wurde deshalb auch den Metzgern verboten, die von den 
Juden verschmähten Fleischteile anzukaufen und an 
Christen wiederzuverkaufen, sondern dieses „Juden- 
fleisch" durfte nur auf der Freibank vom Judenmetzger 
mit rotem Judenhut verkauft werden. 

^) Ut dedocto eo de capite^ qaod uBaria penmmeratoin esset, id quod 
tuperesset, triennio aequis portionibos penolveretur. 



- LXV — 

Ebenfalls wieder schärfer angewendet wurden die 
Beschränkungen der Juden an christlichen Feier- 
tagen. Sie durften an Fasttagen kein Fleisch mehr 
essen, da sich der Bflrger sagte, dass auch der Jude die 
Pflicht habe, sich der zur Erhaltung des Viehstands 
nötigen Schonzeit fDr dasselbe zu fQgen, und durften sich 
bei der Fronleichnamsprozession nicht mehr auf die Strasse 
stellen; auch war es ihnen verboten, öffentlich über den 
Christenglauben zu sprechen oder zu schreiben. 

Des weitern wurde der Ghettozwang mehr 
and mehr durchgeführt; Zaun und Mauer trat zwischen 
Christen und Juden, eine gegenseitige Liegenschaftsbe- 
reinigung förderte die Durchführung der Massregel in 
den Städten. Verboten wurde ferner erneut strengstens 
die Heirat zwischen Christen und Juden und der 
geschlechtliche Verkehr mit Juden, da der Christ 
Ober das Weib anders denken sollte, als der Jude, der 
seine Tochter wie eine Sklavin verkaufe. Strenge unter- 
sagt wurde endlich, mit Juden im gleichen Hause zu 
wohnen oder Dienstbote oder Amme bei einem Juden 
zu sein. Unterstützt wurden diese kirchlichen Vorschriften 
durch die öffentlichen Predigten der Geistlichkeit 
gegen die Juden, üeberall ermahnten die Priester das 
Volk, sich nicht durch die Lästerreden der Juden im 
Glauben wankend machen zu lassen. Man solle den Juden 
nicht zu nahe treten, lehrten die kirchlichen Wander- 
prediger, denn sie seien auch Menschen und der Blut- 
aberglauben, den man ihnen nachsage, habe insofern 
mit ihrer Religion nichts zu thun, als der Mosaismus 
denselben verbiete und die Juden selbst im Glauben 
uneins seien, wie die Christen vielerlei Glauben haben; 
man solle sie darum schützen an Leib und Leben, aber 
jeden weitem Verkehr mit ihnen meiden. 

So war die Lage der Juden um die Mitte des 
13. Jahrhunderts eine ziemlich bedrängte geworden und 
mit Freuden begrüssten die Juden die anstürmenden 
Tartaren, Gasaren oder Zigeuner, welche sie als 
Nachkommen der von Alexander dem Grossen nach 
dem Easpisee verbrachten Judenkolonisten hielten 
und von denen sie deshalb hofften, dass sie der ihnen 
allzu machtig gewordenen abendländischen Eirchen- 
gewalt den Garaus machen werde. 

b. Das 14. Jahrhundert. 

Im Jahre 1306 geht man in Frankreich erneut gegen 
die Juden vor. Man verschlechtert die Währung, 
um den Schuldnern durch Hebung der Warenpreise 

V 



— LXVI — 

die Heimzahl ang za erleichtem, zahlt den Juden 
von Belchswegen ihre Forderungen aus und verweist sie 
dann des Lands, nachdem alle nicht zur Auszahlung ein- 
gereichten Jndenpfandbriefe für klaglos erklärt sind. 
Dabei dürfen die auswandernden Juden ihr Vermögen 
lediglich in Waren, nicht aber in Edelmetall ausfühien. 
In Scharen strömen jetzt die Juden aus Frankreich 
nach Burgund, den Bheinlanden und dem übrigen 
Deutschland herein, aber schon im Jahre 1315 haben sie 
es durch ihren Einfluss am französischen Hofe dahin ge- 
bracht, dass ihnen das Aufenthaltsrecht in Frankreich 
erneut auf 12 Jahre, also bis zum Jahre 1327, eingeräumt 
wird. Sie dürfen Kaufmannschaft und Handwerk treiben 
und Geld auf Pf&nder leihen, aber die rückständige 
Wuchergebühr nicht zum Hauptgute schlagen. 
Ihre früheren Synagogen und Häuser dürfen sie von 
den Personen, an welche sie die Krone verkauft hatte, 
wieder einlösen, dagegen sollte das talmudische Recht 
keine Gültigkeit haben. Wird ihr Aufenthaltsrecht 
im Jahre 1327 nicht verlängert, so haben sie ihr Ver- 
mögen flüssig zu machen und binnen Jahresfrist das Land 
zu räumen. So sitzen die Juden bald in Frankreich 
wieder fester als je. Sie sind nicht mehr dem Sterbfall- 
recht, d. h. der Erbschaftssteuer, unterworfen und 
ihre Besteuerung darf nur noch im Verhältnis zum 
Vermögen erfolgen; bei Verfehlungen sind sie gegen 
Bürgschaft freizulassen. 

In den Jahren 1320 und 1321 erneut vertrieben, be- 
nützen die französischen Juden die wirtschaftliche Not der 
Krone, wie sie sich als Folge der Gefangennahme König 
Johanns durch den Vertrag von Bretigny im Jahre 1353 
einstellt, um wiederholt die Rückkehr nach Frank- 
reich durchzusetzen. Den Abschluss des Vertrags besorgt 
der jüdische Generalpächter und Hofbankier Manasse 
von Vesoul, der zum Seichsjudenkommissär von 
Frankreich ernannt wird, während Seichsjudenvogt 
ein Fürst von Geblüt wird. Die Bedingungen sind dies- 
mal noch günstiger als beim letzten Vertrag. Die Juden 
sind von allem Zwang zum Anhören der christlichen 
Predigten und von jeder Verpflichtung zur Anwohnung 
bei den christlichen Gottesdiensten befreit und der 
Talmud wird ihnen als Gesetzbuch erneut gestattet 
Im Jahre 1363 kommt ein neuer Vertrag zu stände, in 
dem bestimmt wird, die Juden sollen noch drei weitere 
Jahre in Frankreich bleiben dürfen, aber künftig wieder 
das Judenabzeichen tragen. Während im Jahre 1370 
die Juden ausBrabant, im Jahre 1374 aus dem Elsass 



— Lxvn — 

aasgetrieben werden, erhalten sie ihre Stellung in Frank- 
reich, dank der einflussreichen Persönlichkeit Manasses, 
unangefochten aufrecht, bis im Jahre 1380 auch in Paris 
das Volk die Judenyiertel stürmt und die Juden sich 
immer mehr aus Frankreich ziehen und sich wieder im 
Elsass (Strassburg 1382) und in Burgund (1384) oder 
in Polen und Italien eine Unterkunft schaffen, nachdem 
ihnen im Jahre 1392 in Frankreich entschieden entgegen- 
getreten wird. Man hebt damals die Bestimmung auf, nach 
der jeder Jade, der sich taufen liess, sein Vermögen 
der Judengemeinde abtreten musste, da diese eine 
eigene körperschaftliche Steuergenossenschaft bildete, 
welche der unmittelbaren Besteurung der Erone und 
nicht der Kirche unterstand. Diese Bestimmung wird 
jetzt abgeschafft, wodurch den Judengemeinden der Grund- 
pfeiler ihrer Macht verloren geht. Aber auch das Recht des 
Personalpfands, d. h. der Yerhängung der Schuldhaft 
über saumselige Schuldner, wird den Juden genommen, 
wie auch ihre Pfandbriefe nur dann noch gerichtliche 
Gültigkeit haben sollten, wenn sie auf den königlichen 
Kanzleien ausgefertigt waren. Jetzt löste sich die Juden- 
herrschaft in Frankreich auf. Der Sohn des Grossjuden 
Manasse von Yesoul und zahlreiche andere reiche Juden 
traten zum Christentum über; die strenggläubig ge- 
bliebenen Juden von Paris antworteten mit Gewaltthätig- 
keiten und es gab zahlreiche Klagen, dass die Juden ihre 
getauften Genossen umbringen. Von christlicher Seite 
dagegen gieng man gegen die Juden wegen Wucherge- 
bühren Überforderung vor und im Jahre 1394 wurden sie 
wegen Vergehens gegen die Gesetze der christlichen Kirche 
auf immer aus Frankreich ausgewiesen. KeinJnden- 
pfandbrief hatte mehr gerichtliche Gültigkeit, sondern die 
Krone trieb selbst alle Judenforderungen ein, zog davon 
die Forderungen ab, welche die Staatsglänbiger für die 
ihnen verpfändeten Judensteuern hatten, und folgte 
den Juden den Rest aus. An die Stelle der Judenschaft 
aber trat als öffentlicher Darleiher die lombardische 
Orossfinanz. 

Wie im eigentlichen Frankreich, so sassen auch 
im englischen Aquitanien an der Garonne und in 
der Provence die Juden als reiche Grosshändler und 
drückten durch Einfuhr fremder Schafwolle für 
die dortigen Webereien derartig die Wollpreise, 
dass in den Jahren 1320 und 1321 die Schafhalter 
(pastourenx) einen grossen Aufstand erregten, gegen 
den sich alle Bannbullen der Kirche als unwirksam 
erwiesen. Ebenso wurde in Deutschland jetzt die 

V* 



— Lxvm — 

Stimmung gegen die Jaden immer erregter. ^Die 
Habsucht der Gliristen und der Juden heimliche 
Sünden haben die Juden erschlagen", melden die Zeit- 
genossen von den grossen Judenkrawallen des Jahr- 
hunderts. Das Beich hat einer Reihe von schwerver- 
schuldeten Landesherrschaften dadurch zu helfen 
gesucht, dass es die Schulden dieser Beichsstände oder 
Einzelstaaten bei den Juden, welche in erster Linie 
durch die gesteigerten Anforderungen des Reichs, 
namentlich durch die furchtbar angeschwollene Heeres- 
last, entstanden waren, auf die Reichskammer über- 
nommen hatte, und den Reichsstädten lag nun die 
wenig erfreuliche Aufgabe ob, den dadurch entstandenen 
Abmangel der Reichskammer zu decken, diese For- 
derungen namens des Reichs heimzuzahlen und die ihm 
vom Reiche dafür überlassenen Scbuldobligationen der 
bankerotten Reichsstände bestmöglichst zu liquidieren. 
Die Juden waren von dieser Transaktion indes keines- 
wegs erbaut; ihnen schien die Fortsetzung des seitherigen 
Schuldverhältnisses der kleinen Reichsstände weit vor- 
teilhafter, als die Zwangsliquidation durch die Reichs- 
städte. So flüchteten sie ihre Schuldobligationen und ihre 
Person in den Schutz der Reichsstädte und erklärten, 
sie haben ihre Pfandbriefe an Christen verkauft, worauf 
nach einiger Zeit die Pfandscheine bei irgend einem 
Landgerichte eingeklagt und Vollstreckungsbefehle gegen 
die verschuldeten Reichsstände ausgewirkt wurden, da 
der Judenpfandschein des Mittelalters völlig der heutigen 
Obligation au porteur, dem Inhaberpapier, entsprach. 
Wohl schon damals lebte in Ulm, wenn sie auch erst 
im Jahre 1376 erstmals urkundlich vorkommt, eine der 
interessantesten Figuren der reichbewegten Judengeschichte 
des 14. Jahrhunderts, der Ulmer Grossjude Jäcklin. 
In Ulm wohnhaft ist er lange Zeit der allmächtige Geld- 
geber der Stadtgemeinde wie namentlich der tief ver- 
schuldeten benachbarten Landesherren, der Grafen von 
Wirtemberg, von Werdenberg, von Helfenstein, 
von Landau-Markgröningen. Seine Frau war die 
Tochter des Grossjuden Moses von Ehingen, seine Söhne 
waren grosse Geschäftsleute in Strassburg und Ried- 
lingen und die Geschäftsteilung der Familie fand offenbar 
in der Art statt, dass Moses von Ehingen aus die 
Finanzen des vorderösterreichischen Hauses Habsburg 
dirigierte, während Jäcklin von Ulm aus die Herrschaften 
Helfenstein, Werdenberg und Wirtemberg, der 
Strassburger das Haus Mömpelgard und der Ried- 
linger das Haus Landau bewucherte. Schwer hatte 



~ Lxrx — 

namentUch Wirtemberg seit Jahrzehnten nnter den 
gewaltsamen Pfändungen des Städtebnnds, den 
sogenannten „Judenbränden", gelitten und schon im 
Jahre 1346 hatte das Seich die elsässische Herrschaft 
Reichenweiher auf das Beich übernommen und Wirtem- 
berg von der Pflicht befreit, den Bärgen auf diese Pfand- 
schaft die ihnen von den Juden auferlegten Leistungen 
za ersetzen. Mit dieser Ledigsagung war die be- 
treffende Landesherrschaft, war das Haus Wirtem- 
berg seiner Zahlungspflicht gegenüber den Juden für 
das Gebiet des deutschen Seichs enthoben und an 
seine Stelle die Seichskammer getreten, aber den 
solidarisch haftbaren Bärgen war damit nicht geholfen 
and auf diese richteten sich deshalb jetzt die Angriffe 
der jüdischen Gläubiger. Dabei war ausserdem auch für 
den Schuldner, das Haus Wirtemberg, selbst bei der Eigen- 
schaft der in Betracht kommenden Judenpfandscheine als 
Inhaberpapiere, als acceptierte Wechsel, die Ge- 
fahr nicht ausgeschlossen, dass ein beliebiger Geschäfts- 
mann mit einem solchen Pfandschein in der Hand von 
einem ausländischen Gericht, z. B. in Venedig, 
Beschlag auf das Eaufmannsgut deutscher Seichs- 
angehöriger legen Hess. So blieb, wenn der Zweck der 
Massregel, die Sicherung der verschuldeten Seichsstände 
vor weiteren gerichtlichen Zugriffen, erreicht werden 
wollte, nichts übrig, als sich der betreffenden Jnden- 
pfandbriefe mit Gewalt zu bemächtigen, und dieser 
Grund scheint es in der That in ersten Linie gewesen zu 
sein, der die grossen Judenkrawalle der Jahre 1848 
und 1349 in den deutschen Seichsstädten hervorrief. 

Als Mittel, die Erbitterung weiterer Bevölkerungs- 
kreise gegen die Juden hervorzurufen, diente die Be- 
hauptung, die Juden haben die Brunnen verunreinigt 
und so den schwarzenTod, die Cholera des Mittelalters, 
ins Land gebracht. Die Behauptung mochte nicht ganz aus 
der Luft gegriffen sein. In steigender Menge war damals 
das fremde Volk namentlich aus Frankreich ins Land 
hereingeströmt und seine Unreinlichkeit war bald un- 
angenehm aufgefallen. Man zieh die Juden, dass sie ihre 
Nachtstähle in die öffentlichen Brunnen leeren, 
dass sie die von ihnen nach ihren Speisegesetzen ver- 
schmähten Fleischteile mit Urin verunreinigen, ehe 
sie dieselben an die christlichen Metzger zum Verwursten 
verkaufen, man erzählte sich, die Mauren und Juden und 
Bonstigen Aussätzigen aller Länder haben sich ver- 
schworen, alle Christen zu verderben, und steigerte so den 
Haas gegen die Juden. Vergeblich waren die Proteste 



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- LXX — 

der Juden gegen diese Beschuldigungen. Unter den 
Medizinern waren zwei schroflf getrennte Lager, das der 
Lokalisten und das der Kontagionisten, und obgleich 
die Juden durch die bedeutendsten gelehrten Autoritäten 
der Kontagionisten erklären Hessen, dass die Pest lediglich 
auf Ansteckung beruhe und nicht durch ortliche 
Ursachen entstehe, so stellte sich doch das Volk auf 
die Seite der Lokalisten und erschlug, von fanatischen 
Geisselbrttdern erregt, die Aerzte samt den Juden, 
obgleich die Kirche durch Bullen feierlich erklärte, die 
Juden seien unschuldig an der Pest, denn sie sterben 
daran wie die Christen. 

Bevor der Sturm ausbricht, haben sich meist die 
Zünfte in den Städten an die Spitze der Begierung gesetzt. 
Die Bürgermeister und Stadträte werden abgesetzt 
und in Anklagezustand gebracht , weil sie mit den Juden 
unter der Decke gesteckt und die Städte leicht- 
fertig in Schulden gestürzt haben, und an die Stelle 
des seitherigen verlotterten, in den Händen reicher 
jüdischer Hintermänner befindlichen Regiments der alten 
verschuldeten Stadtgeschlechter tritt die Herrschaft der 
Zünfte. Der gesunde, sittlich unverdorbene Mittel- 
stand nimmt das Regiment in seine kräftige Hand and 
die Grundlage der Stadtverwaltung wird eine andere. Da 
bei den Krawallen indes vielfach die Häuser der Juden, 
vielleicht absichtlich durch Brandstiftung seitens der Juden 
selbst, in Flammen aufgehen, steht den Juden bei den 
nach Ledigsagung der verschuldeten Reichsstände 
erfolgenden Klagen derselben gegen ihre jüdischen 
Gläubiger auf Herausgabe ihrer Pfandscheine der 
Rechtseinwand zu, dass diese Pfandscheine durch höhere 
Gewalt ans ihrem Besitze gelangt seien. So ist der Jude 
der Pflicht enthoben, das vom Schuldner rechtskräftig 
zurückgeforderte Pfand zu ersetzen, das dann nach 
einiger Zeit anderwärts gerichtlich zur Vollstreckung 
präsentiert wird und nach talmudischem, im Ver- 
kehr mit Juden gültigem Rechtsgrundsatz eingelöst werden 
muss, da der Kläger beschwört, dass er die Forderung 
gutgläubig erworben habe. 

Man hat sich die Entwicklung der städtischen 
Judenkrawalle der Jahre 1348 und 1349 also in der 
Art zu denken: Die Stadtgemeinden kommen in grosse 
Verlegenheit, als die Schuldner, welche das Reich ihrer 
Schuld ledig gesagt hat, von ihnen als Patronatsherren 
der jüdischen Gläubiger ihre lediggesagten Pfandbriefe 
herausverlangen. Da die Städte hiezu nicht in der Lage 
sind, weil die Juden erklären, die Pfandscheine nicht mehr 



— LXXI — 

zu besitzen, mttssen sie fttr diese Forderungen aufkommen, 
deren anderweitige Geltendmachung jeden Augenblick 
droht So erscheint als einfachstes Mittel, sich der Juden- 
pfandscheine mit Gewalt zu bemächtigen, und die 
Städte bringen dieses Mittel nach dem Sturz der Be- 
gierung der alten verjudeten Stadtgeschlechter zur 
Anwendung. Sind damit die Judenpfandscheine teilweise 
in die Hände der Stadtgemeinden gelangt, so steht dieser 
Forderung der Stadtgemeinden an die verschuldeten 
Landesherren die Gegenforderung dieser Landesherren 
für geleistete Beichsdienste gegenOber und das 
Beich weist diese Summen den Landesherren auf die 
Steuern der Judengemeinden an. Es sind darum bei 
dem Judenkrawall vom Jahre 1848 zweierlei Inte- 
ressen im Spiele, einmal das Literesse der Landes- 
herren, denen die Judensteuern fBr ihre Beichsdienste 
verpfändet sind, und dann die Beichsstädte, welche 
als Patronatsherren der Juden fBr die Ledig- 
sagung der Landesherren zu sorgen haben. Der Aus- 
gleich der Sache geschieht darum auch in der Weise, 
dass zwischen den Landesherren und den Beichs- 
städten ein Abkommen dahin getroffen wird, dass sich 
beide Teile verpflichten, künftig nie mehr einen Juden 
eines andern Teils ohne Einwilligung des andern Teils 
insPatronat aufzunehmen, worauf die Stadtgemeinden 
ihren Juden deren Forderungen bei den Landesherren 
durch Erlass der den Städten vom Beiche fiberlassenen 
Jndensteuern auf eine Beihe von Jahren heimzahlen 
und so das Patronat Ober die Juden erwerben, wobei 
die Beichskammer sich verpflichtet, künftig die Juden- 
steuem an niemand mehr höher zu verpfänden, als die 
gewöhnliche Jahressteuer betrug. 

Auf Grund dieses Ausgleichs entstehen wenige Jahre 
nach der Zerstörung vom Jahre 1348 wieder überall in 
den Beichsstädten blühende Judengemeinden und 
J n d en h ö f e. Man überlässt den Juden lehensweise reichs- 
stadtische Plätze zu ihren Synagogen und Friedhöfen, 
Tanzhäusern und Badstuben; das Beich erklärt die 
Jaden aller ihrer Steuerpflichten gegen ihre seitherigen 
landesherrlichen Patrone ledig und bestimmt, dass 
die Juden künftig wieder lediglich Beichskammer- 
knechte sein und ausschliesslich der Beichskammer und 
den Beichsstädten zu „dienen" haben (servire gleich 
Steuer zahlen) sollen. Wo sich ein königlicher Burggraf 
befindet, also in den „reichssteuerfreien Städten", beziehen 
jetzt das Beich, das Burggrafenamt und das städtische 
Anmiansamt je den dritten Teil der Judengefälle, wo kein 



— Lxxn — 

solcher ist, also in den „Reichstädten", bekommt die eine 
Hälfte das Reich, die andere Hälfte die Stadt Betreffe 
des Gerichtsstands der Juden wird bestimmt, dieselben 
sollen nnr vor dem königlichen Gericht der betreffenden 
Reichsstadt Recht zn geben und zu nehmen schuldig sein. 
Kurz die mit dem Rechte zur Aufnahme von Juden be- 
liehenen Reichsstädte haben jetzt auf Zeit ein ähnliches 
Recht im Besitz, wie es im Jahre 1355 durch die goldene 
Bulle Kaiser Karls IV. den Kurfürsten auf ewige 
Zeiten verbrieft wird. Die Aufnahme von Juden seitens 
der Städte erfolgt lediglich auf Zeit, meist auf 10 Jahre, 
während deren der jüdische „Pfahlbürger" sein Bürger- 
recht nicht aufsagen darf, wie dies bei den Edelknechten 
und Klosterpfaffen ebenfalls gehalten wird. Bei aus- 
wärtigen Kriegen hat der Judenbürger keine Beihilfe 
zu leisten, wohl aber hat er an den Kosten fEkr die In- 
standhaltung der Stadtbefestigung und deren Bewachung 
seinen Anteil zn tragen. 

Im Jahre 1370 sind die Juden bereits wieder so 
mächtig in den deutschen Reichsstädten, dass das Reich 
bei der Stadt Nürnberg Klage führt, weil die dortigen 
Juden angefangen haben, ihren Vorsteher ohne Ein- 
willigung der Burggrafschaft zu wählen, sich eine 
eigene Ordnung gemacht und ein eigenes Gericht 
gewählt haben. Es ist eine Bewegung, wie sie entsprechend 
der zünftigen Entwicklung der Handwerkerkreise auch 
die Juden damals ergriffen hat. Je mehr die Anfor- 
derungen des Reichs, des Staats, der Gemeinden 
an die Steuerkraft der Einzelnen wachsen und je mehr 
gleichzeitig die Erwerbsverhältnisse zurückgehen, 
um so mehr schliesst sich das Volk zur Selbsthilfe in 
Zünfte unter selbstgewählten Vorstehern zusammen, 
da die alten Handwerksämter unter von den Be- 
hörden gesetzten Vorständen sich nicht mehr be- 
währen, und so tritt auch an die Stelle der alten Hand- 
werkskörperschaft der „usurarii publici'' unter einem vom 
Reiche gesetzten Meister die freie Judendarleiher- 
zunft des 14. Jahrhunderts. 

Es ist die wilde Zeit, in welcher der Kampf um die 
Steuervorrechte der Ausbürger und Pfahlbürger, 
vor allem um die reichen Steuerquellen der Judenhöfe, 
Klosterhöfe und Herrenhöfe zwischen der Kirche 
undd er Reichsgewalt immer schärfer tobt Die Reichs- 
städte verlangen von den als römische Reichsbürger 
gemeindesteuerfreien jüdischen Reichskammerknechten, 
Edelknechten und Pfaffen die gleichen „Dienste" wie von 
den Angehörigen der Gemeinde und so verlieren diese 



— Lxxm — 

Kategorien immer mehr das Secht, gemeindesteuer- 
freien Besitz in den Reichsstädten zu haben, nnd 
werden gezwungen, entweder in den Oemeindeverband 
einzutreten oder auf das Land zu ziehen. So wird der 
Streit zwischen den gräflichen Vögten der kirchlichen 
Landesherren einerseits nnd den Reichsstädten 
andererseits immer schärfer. Die Städte wollen die 
Klöster, auf deren Grand die Jaden in den St&dten 
wohnen, in ihre Vogtei zwingen, die Landesherren 
wehren sich gegen den Verlust dieser Vogteirechte. 
Seit dem Jahre 1381 werden alle geistlichen Körper- 
schaften, welche das Stadtbürgerrecht nicht annehmen 
wollen, aus den Städten geschafft, so die Cisterzienser 
von Bebenhausen und die Benediktiner von 
Seichenau in Ulm, die beide in wirtembergischer 
Vogtei stehen, wie die in werdenbergischer Vogtei 
befindlichen Augustiner zu den Wengen sich der 
Vogtei der Gemeinde f&gen müssen. 



V) Die GrundsGhuldenablösung In Schwaben. 

Je härter seit den 70er Jahren des 14. Jahrhunderts 
die Zeiten werden, je schmäler die Durchschnittsportion 
des Einzelnen sich gestaltet, je mehr die Steuerbedörf- 
nlsse des Reichs wie der landesherrlichen Elostervögte 
nnd der Stadtgemeinden wachsen, um so schärfer wird 
derAerger gegen das fremde Volk, das es versteht, in 
dieser allgemeinen Notlage nicht nur aufrecht zu bleiben, 
sondern sich immer mehr zu bereichem. Man ist empört, 
dass die Juden nur noch auf Gold, Silber und Edelsteine 
leihen wollen, dass sie das Geld kippen und wippen, 
d. 1l die Stücke auslesen, die guten Stöcke aus dem 
Lande führen und dieses dafür mit unterwertig 
geprägtem Geld überschwemmen. 

Ln Jahre 1370 klagt Baden beim päpstlichen 
Stahl wegen der allzuhohen Wuchergebühren, welche 
die Juden von Strassburg nehmen, worauf der Papst 
die Stadt Strassburg mit dem Interdikt belegt, weil sie 
dies ihren Juden gestattet, auch in der Ulmer Gegend 
ist der ganze hohe und niedere Adel in den Händen der 
Juden. Dem Bestreben der reichen Grossjuden, die 
Städte zu verlassen und sich in das Patronat benach- 
barter verschuldeter Landesherren zu begeben, treten 
ihre jüdischen Gemeindegenossen hindernd entgegen, da 
die Judensteuern in einer nahezu unerschwinglichen 
Höhe auf Jahre hinaus an einzelne Landesherren für 



— LXXIV — 

Leistoiigen im Dienste des Reichs verpfftndet sind 
and die jüdischen Gemeindegenossen keine Lost haben, 
ihre Steuerkraft darch den Wegzog der reichsten 
Steuerträger geschmälert zu sehen. Im Jahre 1876 erklagt 
Graf Eberhard von Wirtemberg beim Reichshofgericht 
4000 Oalden gegen den Juden Jäcklin and die Stadt 
Ulm^ welche diese zu zahlen verweigert hatten« Die 
Summe war wohl eine Forderung f&r nicht ausgefolgte, 
vom Reiche lediggesagte Judenpfandscheine der 
Grafschaft Wirtemberg. Die Folge dieser Auflehnung der 
Stadt gegen die Reichsgewalt war, dass Kaiser Karl IV. 
mit den Bayern, Wirtembergern und der Reichs- 
armee vor die Stadt zog, um wie im Jahre 1354 yor 
Zürich mit Spott und Hohn abziehen zu müssen, und der 
Friedensschluss brachte der Stadt Ulm und dem 
Juden Jäcklin die Aufhebung der Reichsacht 
Ulm löste namens des Reich bei dem Juden JäckUn die 
diesem verpfändete Stadt Langenau der Grafen Wer- 
denberg ein und brachte deren Herrschaft Alb eck 
durch Kauf an sich, indem sie Jäcklin hiefür den Ertrag 
der Ulmer Thorzölle verpfilndete. Kaum war dies Ge- 
schlecht um Hans und Hof gebracht, so geriet das Haus 
Helfen stein in gleiche Not und auch dessen wichtigste 
Gebietsteile löste Ulm bei Jäcklin ein, so dass dieses 
seither den Grafen von Wirtemberg an Macht gleich- 
gestandene Haus teilweise buchstäblich an den Bettel- 
stab kam. Beide Vorgänge waren typische Beispiele für 
die Berechtigung der im Jahre 1385 erfolgenden allge- 
meinen Grundschuldenablösung durch das Reich; 
denn wenn auch nicht so schlimm wie diese zwei Familien 
so doch schlimm genug waren Hunderte von anderen 
grossen und kleinen Edelleuten den Juden verschuldet. 
Die Reichskammer, welche bei der abnehmenden 
Steuerkraft dieser Edelleute wie der Reichsstädte, deren 
Reichssteuergefälle auf Jahre hinaus verpfändet waren, 
sich nicht anders zu helfen wusste, schlug in ihrer Not 
eine alljährlich zu zahlende Reichsjudeneinkommen- 
steuer von Zehn vom Hundert vor, die später sogenannte 
„Kowertsche".*) Die Judengemeinden aber stützten sich 
auf die Schutzverträge mit den Städten, nach denen ihre 
Steuerleistungen an das Reich genau festgesetzt waren, 
und weigerten sich, die Steuer zu zahlen. So waren die 
Städte in einer Zwickmühle. Das Reich drohte, es werde 
die Juden einzeln vorladen und die Steuer ohne Hilfe 
der Städte einziehen, die Juden beharrten auf ihrem Schein. 

^) Lang, Bist. Entwicklung der deutseben Stenerverfassung. 



— LXXV — 

Das Beicb, die Landesherrschaften, die SUldte, die kleinen 
Beichsstände, die Landedellente wie die Stadtebflrger und 
Bauern aber sind derart mit Pfandschnlden überlastet, 
dass an eine Heimzahlong nicht zu denken ist 

Der Grand dieser Erscheinung war der, dass durch 
den Abschluss aller dieser Pfandverbindlichkeiten in 
Gold bei dem fortwahrenden Steigen des Goldwerts und 
dem Sinken der Warenpreise der Ertrag der yer- 
pfandeten Domänen und Grundstücke derart zurückge- 
gangen war, dass er dem seitherigen hohen Zinsfasse nicht 
mehr gerecht zu werden vermochte. Es war eine Ueber- 
beleihung des Volksvermögens eingetreten und so 
eine Menge künstlicher Werte geschaffen worden, 
welche nicht effektiv vorhanden waren, deren scheinbares 
Vorhandensein aber auf den Leihgeldmarkt drückte, und 
80 blieb nichts übrig, als entweder die Leihgebühr 
herabzusetzen oder durch Abschreibung eines Teils 
der Grundschuldenforderungen den Leihgeldmarkt 
zn erleichtem. Die Reichsregierung schlag zunächst den 
letzten Weg ein, indem sie im Jahre 1385 auf einem 
Städtetag in Ulm zwei einschneidende Masregeln vor- 
nahm. Sie führte einen allgemeinen Zwangsvergleich 
durch, welcher alle rückständigen Leihgebühren für 
Grundschuldforderungen und Jaden forderungen auf 
fahrende Pfänder dem geliehenen Kapital zuschlug und 
sodann die neugebildete Gesamtford er ung des Gläabigers 
am 25 vom Hundert kürzte, so dass dieser also nur 
75 vom Hundert seiner Forderung bekam, und nahm weiter 
eine Aenderung des Münzwesens dahin vor, dass sie 
die seitherige Verpflichtung des Schuldners, eine in Gold 
eingegangene Verbindlichkeit in diesem bezw. in Silber 
nach dem laufenden Marktwertverhältnis zu be- 
zahlen, aufhob und bestimmte, dass künftig alle neuen 
Schulden nach einem ein für allemal festgesetzten 
Wertverhältnis zwischen Gold und Silber bezahlt 
werden, alle älteren Goldschulden aber nach dem Wert- 
verhältnis heimbezahlt werden sollten, das an dem Tage 
der Eingehung der Schuld zwischen Gold und Silber 
geherrscht hatte. 

Die Durchführung der Massregel erfolgte mit 
grosser Energie. Im ganzen Reiche wurden an einem 
bestimmten Tage alle Juden „geheimf^, d. h. man stellte 
ihre Heimatsverhältnisse fest und bestimmte, dass kein 
Beichsstand vor Ablauf eines Jahrs einen Juden eines 
andern Beichsstands solle aufnehmen dürfen, so dass also 
das Freizugsrecht der Juden ein volles Jahr aufgehoben 
wurde. Dann wurden alle Papiere und Bücher der 



— LXXVI — 

Juden darch die Steuerbehörden mit Beschlag belegt, 
eine genaue Aufnahme ihrer Schuldforderungen auf- 
genommen, alle nicht landesangehörigen Juden in ihre 
Heimatgemeinde abgeschoben. Die Pfandbriefe der 
Juden aber wurden diesen abgenommen, es wurde eine 
genaue Aufstellung gemacht, was jeder Jude an ausgeliehenen 
Kapitalien und rückständigen Leihgebühren zu fordern hatte, 
und diese Forderung wurde dann in der Art neu berechnet, 
dass zunächst bei allen Forderungen, die nicht älter als 
ein Jahr waren, die LeihgebOhrforderung gestrichen und 
nur noch das Kapital gerichtlich anerkannt wui'de, bei 
allen älteren Forderungen aber die rückständige Leih- 
gebühr zum Kapital geschlagen und dann von dieser neu 
gebildeten Schuldsumme der Betrag von 25 vom Hundert 
abgezogen wurde. Die so festgestellten Forderungen 
zogen nun die Stadtgemeinden von den einzelnen Reichs- 
ständen, Landesherren, Edelleuten u. s. w. ein, indem sie 
ihnen dafür die von den Juden abgelieferten Pfandbriefe 
ausfolgten. Die Bezahlung seitens der Schuldner konnte 
aber natürlich nur in den wenigsten Fällen in barem 
Gel de erfolgen, sondern sie geschah dadurch, dass sie 
die den Städten schuldig gewordenen Summen durch neue 
Pfandscheine auf ihre Festen, Städte, Dörfer u. s. w. 
versicherten und sich verpflichteten, diese Pfandschaften 
bis zum Jahre 1887 einzulösen und in der Zwischenzeit 
mit 10 vom Hundert zu verzinsen. 

Betrachtet man den Wert dieser Massregel, so war 
dieselbe sicher eine grosse Erleichterung für die 
Schuldner; denn erstens wurden sie 25 vom Hundert ihrer 
Schuld los, zweitens hatten sie nur noch 10 vom Hundert 
Zins zu zahlen, während sie seither oft 20 vom Hundert 
hatten den Juden bezahlen müssen. Aber dies war nicht 
der einzige Weg der Heimzahlung. Viele Reichsstände 
hatten Gegenforderungen an die Reichsstädte bezw. 
an deren Judengemeinden, indem ihnen die Reichskammer 
als Bezahlung für ihre persönlichen Dienste und die Dienste 
ihrer Hintersassen die Erträgnisse der Judensteuern 
der einzelnen Städte verpfändet hatte. Diese Gregen- 
forderungen für verpfändete Judensteuern betrugen allein 
für die dem schwäbischen Städtebund angehörigen 
Judengemeinden 40 000 Goldgulden und das Reich benutzte 
die Gelegenheit, sich dieser Schulden ledig zu machen, 
indem es die Judengemeinden zwang, diese Steuern fQr 
das Reich wieder einzulösen. So gestaltete sich das 
ganze grossarfcige Abrechnungsgeschäft folgender- 
massen: Die verschuldeten Edelleute u. s. w. zahlten 
den Städten ihre Schulden bei den Städtejuden heim, die 



— liXXVU — 

Städte benützten dieses Oeld, soweit sie es hieza bedurften, 
dazn, der Reichskammer ihre verpfändeten Judensteaern 
einzulösen, und die Reichskammer entband dafür die 
Städtejuden nach der Tilgung aller seitherigen Steneryer- 
pflichtungen auf zwei weitere Jahre aller Steuerver- 
pflichtungen gegen das Reich und versprach, sich in 
alle weitere Zukunft mit der Hälfte der von den 
Städten seither erhobenen Judensteuern und der alther- 
gebrachten Reichsjudenkopfsteuer, dem Opferpfennig, 
zu begnügen. So stand den Forderungen der Juden an 
die Städte fflr ihre ausgelieferten Pfandbriefe die For- 
derung der Städte an die Juden für deren eingelöste Juden- 
stenern gegenüber und der zu Gunsten der Juden sich 
ergebende Saldo wurde in der Art ausgeglichen, dass die 
Städte den Juden ihre Hauszinsen und Steuergefälle 
auf eine Reihe von Jahren erliessen. 

Dass das Gesetz von 1385 keine Judenberaubung 
war, erhellt z. B. aus den Nachrichten über die Herren 
von Hornstein in Bussmannshausen bei Ulm. Der 
Bitter Magnus von Hornstein war dem Juden Moses 
in Ulm die Summe von 400 Goldgulden schuldig gewesen 
und hatte diese auf Grund des Reichsgesetzes im Jahre 1385 
diesem Juden unter Abzug von 25 vom Hundert bei Häller 
und Pfennig bis auf 37 Gulden heimbezahlt, welche im 
Hockstände blieben. Das Geld hiefflr hatten ihm die Stadt 
Ulm und der reiche Ulmer Geschlechter Ritter Heinrich 
Eaib gegen Pfandsicherheit auf die Homstein'schen 
Festen und Dörfer vorgestreckt, dem er es noch im 
Jahre 1393 nach der Judenschuldentilgung schuldig war. 
Von einer Beraubung der Juden kann also bei der 
Sache keine Rede sein. Es war ein schwerer Staats- 
bankerott, wie er auch zu anderen Zeiten vorgekommen 
ist, der auf einem Vergleich mit 75 vom Hundert beruhte, 
was bei einem Zinsfusse von 20 vom Hundert gewiss sehr 
anst&ndig war, und der das deutsche Reich zwar von 
seinen unerträglich gewordenen Schulden befreite, aber 
auch seiner wichtigsten Steuergefälle, der Ein- 
kommenssteuer der reichsten Staatsbürger, der 
Städtejuden, auf zwei Jahre ganz und auf ewige 
Zeiten zur Hälfte beraubte. 

Dass es nicht möglich war, mehr zu bieten, dass im 
Gegenteil die Verhältnisse einen noch stärkern Eingriff 
bedingt hätten, zeigte die weitere Entwicklung. Die Heim- 
zahlung seitens der Schuldner an die Reichsstädte, 
in denen die Juden wohnten, sollte bis Lichtmess 1388 
erfolgen; geschah das nicht, so lag es im Belieben der 
Städte, den Betrag noch länger zu stunden oder die Pfand- 



— Lxxvm — 

Schäften unter den Hammer zu bringen. Während also der 
Jude verpflichtet war, den Vergleich yon 75 vom Hundert 
anzunehmen, stand es dem Schuldner frei, dies zu than 
oder zu unterlassen. Nur gieng er, wenn er sich gegen 
den Vergleich sperrte, auch der Wohlthat des Nach- 
lasses yon 25 vom Hundert der Schuld verlustig. Die 
Massregel wirkte denn auch entschieden reinigend und 
der Nachlass von 25 vom Hundert gewährte zahlreichen 
Schuldnern wenigstens wieder einige Luft. Diese Art 
der Heimzahlung der Judenschulden brachte es denn 
auch mit sich, dass alle sogenannten Freistädte, wie 
Regensburg, Zürich, sowie alle Fürsten, wie die 
Eurfflrsten, Markgrafen u. s. w. nicht in das Gesetz 
einbezogen wurden. Da diese Stände, entsprechend den 
senatorischen Provinzen des alten Römerreichs, reichs- 
steuerfrei waren, so konnten die Forderungen ihrer 
Juden auch nicht durch Einlösung der betreffenden Jnden- 
reichssteuern ausgeglichen werden, wie dies bei den 
kaiserlichen Provinzen, den Reichsstädten, der Fall 
war, und so fiel die Grundlage der ganzen Massregel 
allen freien Reichsständen gegenüber weg. 

Weitere Schwierigkeiten entstanden indes, als es sich 
im Jahre 1888 zeigte, dass bei zahlreichen Schuldnern 
trotz der gewährten Erleichterung an eine Heimzahlung 
nicht zu denken war, und den Städten fiel nun die 
schwierige Aufgabe zu, den christlichen Geldherren 
der Städte, welche den Edelleuten die nötigen Summen zur 
Heimzahlung ihrer Judenschulden dargeliehen hatten, 
dadurch zu ihrem Rechte zu verhelfen, dass sie diese 
dargeliehenen Gelder bei den Schuldnern eintrieben. 

Die Durchführung dieser Schuldeintreibung 
führte denn auch mannigfach zu gezwungenen Ge- 
bietserwerbungen der Reichsstädte, wenn die 
Schuldner nicht in der Lage waren, die nötigen Geldmittel 
zu beschaffen, und ganze Grafschaften fielen auf diese Weise 
den Reichsstädten zu, indem die Städte den anderen 
Gläubigern ihre Forderungen herauszahlten. In den meisten 
Fällen freilich klopfte der städtische Gerichtsvollzieher 
vergeblich an die Burgthore der Schuldner und die Folge 
waren neue Jndenbrände und Viehbeschlagnahmen 
und endlich der Schrecken des grossen Städtekriegs, 
bis die Schlacht bei Dö ff in gen den Städten einen Damm 
entgegensetzte. 

So versteht man es, wenn auf dem grossen Reichs- 
tage zu Nürnberg, einem der wichtigsten jener interes- 
santen Zeit, auf welchem König Wenzel empört über die 
Haltung der auf ihren Geldsack pochenden Städteboten 



i/V AI A 

vom Throne aufstand, sein Pferd befahl und in loderndem 
Zorn unter Verwfinschungen gegen die jeden höhern Ge- 
sichtspunkts bare Interessenpolitik der verjudeten Städte 
anf seine nahe Feste ritt, Graf Eberhard der Greiner sich 
bitter Ober seine Gläubiger in den Reichsstädten 
beschwerte, welche sein Land mit Pfändungen ver- 
wüsten und seinen Edelleuten und Bauern das Vieh im 
Zwangsverfahren wegtreiben. Der Reichstag bestimmte 
deshalb, es sollen die Reichsstädte alle verpfändeten Festen 
und Dörfer der Grafschaft Wirtemberg und ihrer Hinter- 
sassen herausgeben und die gegenseitigen Fordernngs- 
ansprüche dann durch ein Schiedsgericht erledigt 
werden, inzwischen aber die Gläubiger das Haus Wirtem- 
berg mit den Zinsen massig halten. 

Wie im Jahre 1387 in Paris ein wilder Haufen die 
Jadenviertel stflrmt und die Pfandbriefe derEdel- 
lente vernichtet, so dass die Gerichte die Juden dem 
talmudischen Recht zufolge der Verpflichtung entbinden, 
fftr diese ihnen gewaltsam abgenommenen Pfandscheine 
Ersatz zu leisten, wenn sie von den Ausstellern zu- 
rückverlangt werden sollten, so kommt es im gleichen 
Jahre in Nördlingen zu einem Sturm auf das Juden- 
viertel. Auch hier werden eine Reihe von wichtigen 
Pfandbriefen der Juden vernichtet und zahlreiche 
Jaden erschlagen, aber auch hier greifen die Reichsbe- 
hörden mit kräftiger Hand ein und der Nördlinger Rat 
mass die Pfandbriefe der erschlagenen Juden zum 
grossen Aerger des Städtebunds unmittelbar der 
Beichskammer abliefern, welche diese Summen namens 
der Hinterbliebenen den Landesherrschaften der 
Schuldner gegenüber geltend macht. So ist z. B. der 
Ulm er Geschlechter Hans Er äfft von seinem Vater her 
dem Juden Jäcklin 400 Goldgnlden schuldig, die der 
Jude so lange gestundet hatte. Jetzt verlangt das 
Reich, wahrscheinlich durch die Grafen von Wirtemberg, 
Zahlung dieser Schuld von der Stadt Ulm, die nicht 
erfolgt und zu einem Rechtsstreite führt, der erst mit 
dem allgemeinen Friedensschluss im Jahre 1393 seine 
Erledigung findet. Der Erfolg des Nördlinger Krawalls 
war also jedenfalls, dass eine Anzahl wichtiger Pfand- 
briefe den Händen der Nördlinger Juden entrissen und 
in die Hände des Reichs gebracht wurde. 

Wie man in Frankreich damals alle Stundungs- 
briefe erloschen erklärt, so ist dies auch in Deutsch- 
land auf Lichtmess 1388 beabsichtigt, nachdem auch in 
Deutschland wie in Frankreich den Juden die Wucher- 
forderung zum Kapital geschlagen worden ist, 



und wie in Frankreich die Juden aas der Massregel er- 
neute Kraft gewinnen, so ist es auch in Deutschland der 
Fall. Die Luft ist wieder rein geworden. Immer mehr 
macht sich aber jetzt in den Städten eine entschiedene 
Strömung gegen die Juden geltend. Die Juden 
haben es klug verstanden, ihre Forderungen auf die 
Stadtgemeinden und ihre christlichen Mitbürger Aber- 
zu wälzen und diese den nötig gewordenen Streich 
gegen die verschuldeten Edelleute führen zu lassen. 
So ist auch der Zweck der Massregel wohl begreiflich, 
die am 25. August 1387 auf dem Esslinger Städtetag 
beschlossen wird und dahin geht, kein Städtekaufherr 
solle künftig mehr weder in Deutschland noch in 
Welschland einem Juden einen Wechselbrief ab- 
kaufen und niemand solle mehr erlaubt sein, Edel- 
metall nach Welschland auszuführen. Man wollte um 
jeden Preis verhindern, dass die Juden ihre ung&ltig 
erklärten Pfandscheinean christliche Personen abstiessen 
und diese dazu benützten, ihre Forderungen einzutreiben. 
Weniger war man freilich mit dem sonstigen Verlauf des 
Esslinger Tags einverstanden. Nürnberg nameatlich 
klagte bitter über diese Verhandlungen. Die verschuldeten 
Edelleute, meinten die Nürnberger, hätten gerne ihre 
Streitigkeiten ausgeglichen, aber die Städte sitzen kleinlich 
auf den letzten schuldigen Pfennig hinauf und überlegen 
nicht, dass sie die Zahlungsunfähigkeit der Landesherren 
durch die Ausbürgeraufnahmen selbst verschuldet 
haben. Jeder einzelne städtische Kapitalist verlange wo 
möglich, dass man seiner Forderung wegen Krieg anfange, 
und übersehe dabei, dass die im Schutze der Städte 
stehenden Wucherer z. B. dem Hause Wirtemberg 
20 vom Hundert Wucher abgenommen haben. Wohl mit 
Recht beschwerte sich Nürnberg, dass die Reichsstadt 
Nördlingen nach dem dortigen Judenkrawall im 
Jahre 1887 dem Bundesbrief zuwider die Pfandbriefe 
der erschlagenen Juden unmittelbar an das Reich 
ausgefolgt habe, statt diese Pfandbriefe an den 
Schwäbischen Bund nach Ulm abzuliefern, so dass 
die Reichskanmier diese Forderungen nunmehr namens 
der Hinterbliebenen der erschlagenen Juden bei der 
Bundeskasse geltend mache. Die Mahnung war vergebens, 
die Städte gaben nicht nach, bis die Schlacht bei Döf- 
fingen zu Gunsten der Edelleute entschied und die 
Städter gefügiger machte. Des Greiners einziger Sohn 
freilich, Graf Ulrich, lag entseelt auf der Wahlstatt, aber 
auch die Städter hatten ihren Stadthauptmann Heinrich 
Besserer verloren. Nun kam die Heidelberger Ueber- 



— LXXXI — 

einkauft zu stände, der Krieg war zu Ende, die Ed ei- 
len te nnd Elosterffaffen, die seither in zunehmender 
Zahl in die Vogte' der Städte und des Reichs als 
Ansbfirg er übergetreten nnd so mit ihrer Stenerkraft 
den Landesherren entgangen waren, mnssten wieder 
ans den Städten austreten nnd die Städte dem Hanse 
Wirtemberg eine Entschädignng zahlen. Der Krieg hatte 
die Städte viele Tansende gekostet und die Steuern 
wachsen ins Ungeheure, so dass jeder, der es machen 
konnte, das Land aufsuchte nnd die Stadträte verordnen 
mnssten, dass kein Jude oder Christ 10 Jahre lang 
mehr sein Bürgerrecht sollte aufgeben dürfen, bis die 
Kriegsschulden heimbezahlt seien. 

Die Niederlage hatte die Städte gefügig gemacht, auf 
die Pläne König Wenzels einzugehen, der nichts anstrebte, 
als die wuchernden Schösslinge des Grosskapitals zu be- 
schneiden, und in seinem Streben, es beiden Teilen Recht 
zu machen, zwischen zwei Stühle sass, so dass die gross 
angelegte Natur des Fürsten, vom Ekel gegen seine Zeit 
erfasst, sich dem Trünke und der Jagd ergab. Im 
Februar 1390 setzte die Reichsregierung den Städte- 
abgeordneten in Nürnberg auseinander, wie es so nicht 
weiter gehen könne, wie die Fürsten und Freiherren 
ihren Grund und Boden verlassen und ausser Land 
werden ziehen müssen, wenn man so weiter wirtschafte, 
und wie auf diese Weise das Reich seine erprobtesten 
und treuesten Kriegsleute und Beamten verlieren 
werde, und man kam überein, die Edelleute u. s. w. 
sollten den Städten, denen sie Geld schuldig seien, eine 
Abschlagszahlung machen und den Rest ihrer Schulden 
darch persönliche Leistungen im Dienste des Reichs 
and seiner Städte abverdienen. 

So kam das wichtige Grundschuldentilgungs- 
gesetz vom Jahre 1390 zu stände. Es erfolgte zunächst 
eine allgemeine Abrechnung; jede Reichsstadt 
verhandelte mit den einzelnen Schuldnern und stellte 
die Höhe ihrer Forderung an Hauptgut und rück- 
ständigem Wucher, an Leibrenten u. s. w. fest; hatte 
man sich auf diese Weise vereinbart, so wurde die Höhe 
der Anzahlung des Schuldners und die Art der Dienst- 
leistung festgesetzt, welche gewöhnlich in der Art erfolgte, 
dass der Schuldner als Kastenvogt, Burgvogt oder in einer 
ähnlichen, eines Edelmanns würdigen Stellung gegen 
festes Jahrgehalt auf eine Reihe von 6 bis 8 Jahren in 
den Dienst einer Reichsstadt trat und die Reichsstadt 
die Hälfte des Gehalts zur Schuldentilgung ver- 
wendete. DafElr hatte dann die Reichsstadt die Pflicht, 

VI 



— L 

den Gläubigern deren Forderungen heimzuzahlen. Die 
Reichsstädte ziehen jetzt je nach Bedarf von ihren Hinter- 
sassen, welche den Juden Geld schulden, 15 bis 30 
yom Hundert der Schuld ein und lösen damit yon der 
Beichskammer die von derselben yerpfändetenjuden- 
steuern ihrer Judengemeinden ein, ferner zahlen sie 
allen ihren Hintersassen, welche Geld bei anderen 
Reichsständen oder deren Hintersassen zu fordern haben, 
mit denen eine Vereinbarung zu stände gekommen ist, 
deren Forderungen aus; reicht der Betrag nicht aus, so 
wird ein Anlehen bei den städtischen Juden gemacht 
und damit die Sache heimbezahlt Nach Abwicklung dieser 
Geschäfte zwischen den einzelnen Städten und Landes- 
herrschaften spricht dann das Reich beide Teile aller 
ihrer Judenschulden ledig und bestimmt durch 
Reichsgesetz, dass alle auf diese Weise heimbezahlten 
Judenschulden gerichtlich klaglos gemacht sein sollen. 
Das alles war aber nur dann möglich, wenn eine Ver- 
einbarung mit den Schuldnern zu stände gebracht 
und yon diesen eine annehmbare Anzahlung geleistet 
werden konnte, wie z. B. Wirtemberg seine sämtlichen 
Mühlen, Häuser, Gärten, Vogteirechte u. s. w., die es in 
der Stadt Ulm und der Vorstadt Schweighofen (Neu-Ühn) 
hatte, mit Ausnahme des Patronats auf die St Georgs- 
kirche, an Ulm abtrat und dem Reiche eine Barzahlung yon 
2000 Goldgulden machen musste, ehe der Graf Eberhard 
der Milde und seine Hintersassen ihrer Judenschulden 
ledig gesagt wurden, so dass die Stadt Ulm mit Recht 
diesen Ausgleich einen „guten Brief*' nannte. 

Wie schwierig diese Abrechnungen zum Teil waren, 
zeigen gerade die schwäbisch-wirtembergiscben 
Verhältnisse, welche bis zum Jahre 1393 bedürfen, 
um endlich in Ordnung zu konunen, das zeigt der Streit 
der Stadt Ulm mit dem Grafen von Wirtemberg- 
L and au um die yerpfändete Feste Ruck bei Blaubeuren. 
Die halbe schwäbische Ritterschaft ist bei dem Fall als 
Bürge und Selbstzähler und leistungspflichtig 
beteiligt und die neuerfundenen Kanonen brummen wieder- 
holt yon und nach der Feste, bis der Ulmer Rat and der 
hauptsächlich beteiligte Ulmer Grosskapitalist, der Ritter 
Eaib, ihre Pfandschaft in Besitz nehmen können. Zahl- 
reiche andere Schulden bei den Juden aber konnten 
überhaupt nicht getilgt werden^ indem jegliche Grundlage 
zu einem annehmbaren Vergleich fehlte: in diesem Falle 
bestand die Forderung einfach fort und es kam mannigfach 
das 15. Jahrhundert heran, bis alles endlich in Ordnung 
gebracht war. 



— Lxxxrn — 

Das Beicb hatte sich bei dem ganzen Rechtsgeschäft 
den Städten gegenüber verpflichtet, flr jeden Schaden 
einzustehen, der ihnen aus bestrittenen Pfand- 
s chaftsf ordernngen, Zahlangsanfähigkeit der Schuldner 
n. s. w. entstehen sollte. Blieb also ein Schuldner im 
finckstand, so zog die Stadt ihre Forderung der Beichs- 
kammer ab. Das Reich aber trat den Städten, nachdem 
diese die verpfändeten Jndens teuer n der Reichskammer 
eingelöst hatten, erneut das Recht ab, Juden zu halten 
gegen Ablieferung des Opferpfennigs und der halben 
Steuer-, Gerichts- und Erbschaftsgefälle an die 
Reichskammer, während die Städte sich den Juden gegen- 
über verpflichten mussten, das Eigentum derselben künftig 
an niemand mehr verpfänden zu lassen. Bei Streitig- 
keiten mit Bürgern sollte sich der Jude mit dem bürger- 
lichen Stadtgericht begnügen müssen und bei keinem 
Hof- oder Landgericht Berufung einlegen dürfen. 
Alle Judenforderungen für Handelsgeschäfte blieben 
gültig, nar alle vor der Vereinbarung abgeschlossenen 
wucherpflichtigen Judenforderungen wurden un- 
gültig erklärt, soweit eine Vereinbarung zu stände kam, 
und wer sich gegen eine solche getroffene Vereinbarung 
auflehnte und einem Juden half, wurde wegen Land- 
friedensbruchs bestraft Ferner wurde bestimmt, es 
soUe bei der Heimzahlung von den Schuldnern kein 
Aufgeld wegen der inzwischen verschlechterten 
Goldwährung verlangt werden dürfen. Betreffs der 
Stundung der Schuldbeträge hatten die Städte als 
Gläubiger freie Hand. Hatte sich ein Schuldner nach 
Inkraf^eten des Gesetzes mit seinem Judengläubiger 
unmittelbar derart abgefunden, dass der Jude das Pfand 
verkauft und sich damit bezahlt gemacht hatte, so blieb 
es dabei und der Schuldner hatte kein Elagrecht mehr 
auf das Pfand. War ein Städtebürger nach Inkrafttreten 
des Gresetzes einem fremden Juden noch Geld schuldig, 
so hatte diese Schuld keine Gültigkeit mehr, sondern 
der Jude hatte sich diesfalls an seine Landesherr- 
schaft zu halten und diese hatte für seine Bezahlung zu 
sorgen. Alle Pfandsicherheiten, die vor dem Tage 
des Inkrafttretens des Abkommens des Reichs mit dem 
betreffenden Reichsstand, also z. B. vor dem 1. Oktober 1390 
eingegangen worden waren, hatten die Juden auszufolgen 
und mit der Landesherrschaft zu verrechnen. Hatte der 
Jude das Pfand nicht mehr im Besitz, so hatte er eine 
rechtsgültige Ledigsagung auszufertigen. Weigerte 
sieb der Jude, weil er angeblich den Pfandschein sdion 
vor dem Tage der Uebereiakunft an einen Christen 

VI* 



— LXXXTV — 

verkauft hatte, and der Schuldner bezweifelte die 
Angabe, so hatte sie der Jade zu beschwören. Eonjit« 
er das nicht, so hatte er den Pfandwert dem Schuldner zu 
ersetzen. Alle Schuldner, welche von der Ledigsagung 
ihrer Schuld bei den Juden Gebrauch machen woUten. 
hatten deshalb dies der Landesherrschaft, ihres 
Judengläubigers anzuzeigen, worauf sie Stundung 
ihrer Schuld nach Vereinbarung erhielten. Hatte der Jade 
sein Pfand in eine Freistätte geflüchtet, so war 
es von derselben auszufolgen. Die Kosten des Ver- 
fahrens hatten die Judengemeinden zu zahlen. 
Borgern, welche frOhere Judenschulden an sich 
gebracht hatten, waren diese von den Städten zu ersetzen. 
Die Termine der Ledigsagung waren sehr verschieden; 
bei einzelnen Städten erfolgte die Ledigsagung auf den 
1. Oktober 1890, bei anderen auf den 9. März 1391, wie 
eben die Verhandlungen zustande kamen. Wer sich bis 
zu dem betreffenden Zeitpunkt nicht mit der Landesherr- 
schaft seiner Gläubiger verständigt hatte, blieb vorerst 
zur Bezahlung seiner vollen Schuld verpflichtet; kam 
nachträglich noch ein Uebereinkommen zu stände, so 
war die Judenforderung ungültig. Keine Stadt aber 
durfte mehr eine Herrschaft, welche dem Gesetz beigetreten 
war, wegen einer Forderung ihrer Juden anfordern, dagegen 
hatte jede Stadt volle Macht, die Schulden ihrer EUnt^r- 
Sassen bei ihren eigenen Juden nach Belieben ohne 
Einspruch des Reichs zu stunden oder ganz aufzuheben. 
Man sieht aus dem ganzen Verlaufe, dass es sich auch 
bei diesem Staatsgeschäft in keiner Weise um eine Be- 
raubung handelte; es war eine nötig gewordene Zwangs- 
liquidation grössten Massstabs, die freilich teilweise den 
Gläubigern schwere Verluste brachte und einen allgemeinen 
Staatsbankerott darstellte, aber die ganze Abwicklung 
der Massregel war eine gesetzlich durchaus korrekte 
und unantastbare. Wäre das nicht der Fall gewesen, so 
hätten die Städte doch nicht die Judenforderungen 
mit solcher Strenge einkassieren können, wie sie es 
thatsächlich den Edelleuten gegenfiber gethan haben. Die 
Massregel brachte denn auch zahllose Schwierigkeiten mit 
sich. Vor allem gieng die Klage der verschuldeten 
Edelleute dahin, dass die Städtejuden ihnen ihre 
Pfandscheine nicht ausfolgen, nachdem sie sich mit 
den Stadtgemeinden der Juden verständigt hatten, und es 
kam deshalb teilweise bis zu Fehdebriefen an die 
Städte, in deren Schutz die jüdischen Gläubiger standen, 
weil die Juden die Pfandbriefe verschleppt hatten 
und sie anderwärts durch Christen gegen die Edelleute 



— LXXXV — 

einklagen Hessen. Dann nahmen manche Schuldner an, 
auch die nach dem Gesetzerlass eingegangenen Schulden 
seien ungfiltig, weshalb das Reich erklärte, das sei nicht 
der Fall, wie denn auch z. B. die Stadt Nürnberg über 
diesen Punkt mit ihren Juden wegen eines städtischen 
Anlehens streitig wurde. 

Wohl eine der letzten Herrschaften, mit der die Ver- 
einbarung zu Stande kam, war die Grafschaft Wirtem- 
berg. Am 18. März 1392 hatte Graf Eberhard der 
Grein er die Augen mitten im besten Wirken geschlossen 
und sein Enkel, Graf Eberhard der Milde, war ihm 
gefolgt. Die Aussöhnung mit den Städten verzögerte sich, 
weil die Ulmer Grossjuden sich weigerten, einen erheb- 
lichen Teil der gewaltigen Eriegskosten zu zahlen, 
welche das Zwangsverfahren gegen Wirtemberg ge- 
bracht hatte, weshalb das Reich der Stadt am 5. Juni 1392 
erlaubte, diese Steuer mit Gewalt von den Juden zu 
erheben. Erst am 11. August 1392 traten Ulm und Augs- 
burg der Vereinbarung bei und schlössen Frieden mit 
dem Reiche. Das Reich verzieh den Städten, was sie im 
Städtekrieg gethan hatten, und erlaubte ihnen, auch 
ferner Juden zu halten und zu besteuern gegen Ab- 
tragung der halben Steuergefälle an das Reich. Die 
Stadt aber erklärte alle fremden Edelleute ihrer 
Judenschulden bei den Ulmer Juden ledig, während 
die Pfandschaften, welche diese Edelleute der Stadt 
neuerdings gesetzt hatten, in Kraft bleiben sollten. Hatte 
ein Jude eine Pfandschaft nicht ausgefolgt, so musste 
der Schuldner denselben beim Ulmer Stadtgericht einklagen 
und sich mit dessen Spruch begnügen, der Stadt aber 
sollte der Ausgleich keinen Schaden bringen und das 
Reich gestattete ihr, zur Heimzahlung ihrer Schulden- 
last 10 Jahre lang ein Um gel d zu erheben. Am gleichen 
11. August 1392 schloss Augsburg einen ähnlichen 
Frieden mit dem Reiche. In Masse aber zogen jetzt die 
christlichen und jüdischen Grosskapitalisten aus der Stadt 
aufs Land und aus dem Lande, um nicht die steigen- 
de nStenerlasten der Städte tragen zu müssen, so dass 
die Städte mit schweren Strafen gegen solche ungesetz- 
liche Auswanderungen vorgiengen, das Vermögen der 
Juden genau aufnahmen und sie Bürgschaft für ihr 
ferneres Bleiben stellen liessen, wie auch ein schlimmes 
Nachspiel für die Stadt Ulm war, als am 15. August 1392 
der Ritter von Landau die Stadt Blaubeuren durch 
einen Handstreich eroberte, so dass die Ulmer das 
Nachsehen hatten. 



— LXXXVl — 

Vi) Der Rflckgano des abendlintllechen Judentuns mH 

dem 15. Jahrhundert 

Mit dem 15. Jahrbnndert hat die Stellung des 
Jadentums in Westeuropa endgültig ihren Höhe- 
punkt erreicht Seither geht es mit der Macht der Juden 
im Westen rasch abwärts. 

Blickt man nach den einzelnen L&ndern, so ist 
ihre Stellung in Spanien und Portugal noch am 
Anfang des 15. Jahrhundert eine sehr mächtige. An- 
dalusien und Portugal sind der Mittelpunkt des 
Judentums und des Welthandels. Hier trifft man 
ihre gelehrtesten Talmudisten, Mediciner, Mathematiker, 
Dichter und Philosophen; Lissabons Judenhoch- 
schule ist der Mittelpunkt der geistigen Bestrebungen 
der damaligen Judenschaft Aber auch hier geht es 
mit ihnen seit dem 15. Jahrhundert rasch abwärts. 
Im Jahre 1413 ist ein grosser Weltkongress in Tor- 
te sa, auf dem sich die hervorragendsten christlichen und 
jüdischen Theologen mehrere Monate streiten. Ein ge- 
taufter Babbi, Joseph Lorka ans Murcien, der Vertraute 
des Gegenpas tes Benedikt Xlli., war der Veranstalter 
des Tiel Geschrei yerursachenden öffentlichen Schauspiels, 
das nach 89 Verhandlungen zahlreiche üebertritte yon 
Juden zum Christentum herbeifOhrte. Seither yerbietet 
man den Christen immer schärfer den Umgang mit Juden 
und das Betreten ihrer Häuser , die Juden dürfen keine 
christlichen Dienstboten mehr haben, man yerschliesst 
ihnen alle zünftigen Berufe, namentlich die Heil- 
kunde, das Apothekergewerbe, den Lebensmittel- 
handel, die Gastgeberei, den Zollpacht, nimmt 
ihnen den Titel Herr, unterstellt sie den bürgerlichen 
Gerichten und Steuerbehörden, kurz hebt ihre 
politischen Staatsverbände auf und macht sie ledig- 
Uch zu Gemeindeverbänden; sie dürfen sich nicht 
rasieren lassen, keine Prunkgewänder tragen, müssen 
abgesondert wohnen. Man verbietet strenge den 
Talmud und die Anwendang der talmudischen Rechts- 
vorschriften, alle neu erbauten Synagogen werden 
geschlossen, man verlangt, dass die Juden jährlich 
drei christliche Predigten anhören, man wirft ihnen 
Lasterhaftigkeit und Blutaberglauben vor. Die 
zahlreichen getauften Juden erhalten zwar, wenn sie 
sich durch grosse Geldmittel auszeichnen, hohe Staats- 
ämter, führen aber ein trauriges Leben voll Kummer und 
Sorgen. In Menge wandern darum die Juden namentlich 
aus Eastilieu nach Afrika, Portugal und Syrien aus, 
wo sie die Araber gegen die Christen hetzen, oder nach 



— LXXXVll — 

Sizilien und Neapel, Florenz und Venedig, während 
Genna and Mailand nichts von den Jaden wollen. 

In ähnlicher Weise geht es den Jaden in der Pro- 
vence zanächst noch recht gnt anter König Ben6, denn 
der ästhetisch angelegte Tronbadoarfürst braacht Oeld för 
seine „Liebeahöfe." Aber aach hier steigert sich wie 
überall der Hass gegen die Jaden. Der Städter wirft ihnen 
vor, dass sie das Getreide aas dem Lande fähren 
and so das Brot yerteaern and die Löhne steigern 
und dass sie darch ihre Haas i er er den angesessenen Ge- 
schäftsleaten die Nahrang nehmen, während der Landmann 
klagt, dass sie ihm zn wenig t&r seine Fracht zahlen. 

Da die Begierangen that- and verständnislos der 
bedrohlichen Entwicklang der wirtschaftlichen Verhältnisse 
zusehen, greift das Volk anter dem klagen Beistand der ein- 
sichtsvolleren Kirche zur Selbsthilfe, indem es der 
Macht der Jaden darch ein Vorgehen die Spitze abbricht, 
welches auf denselben Grandsätzen wie die Jadengemein- 
schaft aufgebaut ist, durch die genossenschaftliche 
Gestaltang des Darlehensgeschäfts. Dieselbe zeigt 
sich in ihren ersten Anfängen in der zweiten Hälfte des 
14. Jahrhanderts in der burgundischen Freigrafschaft 
und in der Lombardei, von wo aus sie sich dem Zuge 
der Zeit auf freiwillige körperschaftliche Gestaltang des 
Erwerbslebens folgend immer kräftiger herausbildet. 

Ist diese Organisation des Hilfskassenwesens 
der Thätigkeit der Franziskaner zu danken, so werden 
weit gefahrlicher f&r die Judenschaft die Dominikaner. 
Dir Einfluss bringt es zu stände, dass der reichste und 
massgebendste Jude der damaligen Zeit, der Grossjade 
Abarbanel, aus Lissabon nach Kastilien fliehen muss, 
bis auch hier die Dominikaner unter Arbues und Tor- 
qaemada das Oberwasser gewinnen. Wie in der Pro vence 
die Stadt Marseille die Juden ausweist, so geht man 
in Spanien und Kastilien gegen dieselben vor. Auch 
hier dürfen die Juden nur Wechselbriefe und Waren 
mitnehmen, kein Edelmetall. Die Städte lösen die 
verpftndeten Judensteuern auf Kosten ihrer Juden ein 
und weisen die Juden aus dem Lande, die sich meist 
nach Navarra, Biskaja und Portugal wenden, bis 
sie aach dort, wie in der Provence und in Frankreich, 
aasgewiesen werden und nach der Levante oder 
nach Avignon, Oranien und Neapel wandern, von 
wo z. B. der reiche jüdische Grossbankier Abarbanel nach 
Venedig zieht und dessen Finanzen beherrscht 

Gleichzeitig beginnt auch die deutsche Juden- 
ausweisung. Man schafft eigene Gerichtshöfe für 



~ Lxxxvm — 

Jadenwnchersachen unter Mitgliedern des west- 
phäÜBchen Gerichts. Missionsprediger Sachen die 
Juden zum Uebertritt zu bewegen, man raubt Jaden- 
kinder, um sie zu taufen, und bezichtigt die Jaden der 
Kirchenschändung und des Bitaalmords, so dass 
die Juden offen mit Bache am Hause Habsbarg 
durch fremde Kriege drohen. 

Die Juden hatten trotz aller Massregeln der Behörden 
bei der Schuldentilgung yom Jahre 1390 noch eine 
Menge yon Pfandbriefen zurückbehalten und es 
kamen immer wieder neue Forderungen durch Christen zu 
Tage, welche erklärten, sie haben diese Pfandbriefe yor 
dem Tilgungstermin von den Juden erworben. 
König Buprecht bestätigte deshalb das Gesetz von 1390 
und erklärte nochmals alle zurfickbehaltenen Pfand- 
briefe fbr ungültig und alle Zugriffe auf Grund solcher 
Pfandbriefe fürLandfriedensbruch. Man sieht daraus, 
wer das Baubrittertum gezeitigt hat Im Jahre 1421 
werden die Juden aus Steiermark und Kärnten ver- 
trieben, im Jahre 1424 aus Zürich, 1426 aus Mähren, 
aus Köln, 1429 aus Bayensburg, 1439 aus Augsburg, 
1454 aus Znaim, Brunn, Wien. Die Gründe der 
Ausweisung sind Getreidewucher, Geldwucher, 
persönlich anmassendes Auftreten. Nach der Aus- 
treibung werden die Synagogen in Kirchen yerwandelt, 
die Friedhöfe niedergelegt und deren Grabsteine zu 
öffentlichen Bauten verwendet, die dem Bei che gehörigen 
Judenhäuser aber an Privatpersonen verkauft 

In Ulm sind nur noch 6 Judenfamilien in 11 Juden- 
häusem. Die dortige Judengemeinde hat der Stadt 
6000 Gulden unverzinslich zu leihen oder 800 Gulden 
Jahressteuer zu zahlen. Ausserdem zahlt jeder er- 
wachsene Jude 2 Gulden Kopfsteuer, nur der Schul- 
rufer und der Friedhofaufseher der Gemeinde sind 
steuerfrei, während für die Synagoge und den Fried- 
hof die 6 Juden 312 Gulden Hauszins, also den Gold- 
gulden zu 50 Mark Gebrauchswert gerechnet 15,600 Mark 
aus 312,000 Mark Kapital zahlen. Heilbronn will da- 
mals seine Juden ausweisen, Esslingen nimmt neuerdings 
solche auf. Sie dürfen nur noch einen Pfennig Wucher- 
gebühr die Woche erheben; die Männer müssen gelbe 
Schäublein tragen, die Frauen blaue Schleier. Bald 
darauf hat U 1 m nur noch 3 Juden, alle dauernd ansässigen 
fremden Juden werden aus der Stadt geschafft 
Wollen sie dennoch in die Stadt kommen, so unterliegen 
sie dem Geleitszwang und einer Tagessteuer von 
einem Gulden, während der angesessene Jude 1 Gulden 



— LX 

Wochensteaer zahlt. Im Jahre 1457 befiehlt das Reich den 
Städten, die Juden nicht durch ungerechte Steuern 
ZQ drficken, da diese sonst aus den dem Reiche steuer- 
pflichtigen Reichsstädten aufs Land ziehen und so 
die Steuerkraft des Reichs notleide. Die Städte 
klagen demgegenüber, sie kommen durch die Pflicht, ihren 
Juden die Forderungen einzutreiben, in schlimme Händel 
mit den Edelleuten, femer unterstützen die Juden die 
Diebe und sie wären dieselben deshalb am liebsten ganz 
los. Gesteigert wird diese Stimmung gegen die Juden 
auch in Deutschland in erster Linie durch die Bettel - 
orden. Die Barfüsser und Dominikaner yerbieten 
den Bäckern, den Juden zu backen, den Metzgern, ihnen 
zu schlachten u.s.w., man verhöhnt die Stadträte, die sich 
der Juden annehmen, die Bauern verlangen ein Jubel- 
jahr mit Schuldentilgung und so treibt eine Stadt um die 
andere die Juden aus ihren Mauern. Im Jahr 1496 verlassen 
sie Neapel, 1499 Aschaffenburg, Nürnberg, Ulm. 
Was den Juden ihre seither so mächtige Stellung 
raubt, ist, dass man sie nicht mehr braucht. Die 
riesigen Edelmetallfunde des 15. Jahrhunderts hatten 
eine ungeheure Geldentwertung geschaffen, das Geld 
lag auf der Strasse, die Warenpreise stiegen: so 
war der Jude entbehrlich. Die öffentlichen Dar- 
lehenskassen, die „montes pietatis^, versorgten den 
kleinen Mann mit Geld und bald nahm man den Juden 
ein Recht um das andere. Sie durften keinen Grund- 
besitz mehr erwerben, womit ihnen der wichtigste Teil 
des Pfandgeschäfts, dieDar leihe aufliegende Pfänder, 
verloren gieng und die Judengenossenschaften ihren 
Charakter als Hypothekenbanken verloren, den sie 
seither dadurch bewahrt hatten, dass sie zwar auf liegende 
Pfander hatten darleihen dürfen, aber dieselben binnen 
eines Jahrs wie die Geistlichen hatten wieder- 
verkaufen müssen. So hatte der Jude jederzeit einen 
gesetzlichen Entschuldigungsgrund, wenn er in hart 
wirkender Weise mit dem Zwangsverkauf vorgieng. Jetzt 
aber hatte der Ueberfluss an Leihgeld den Zinsfus 
ungeheuer gedrückt Die Fruchtpreise stiegen unter 
diesem Verhältnis von Jahr zu Jahr und erhöhten den 
Wert der Grundstücke, so dass die Schuldner immer 
mehr in die Lage kamen, der Judenhilfe sich zu ent- 
schlagen. So ward der einst so gesuchte Jude rasch 
unwert, seit Geld um 3Vs Prozent in Menge zu haben 
war, seit die Kirche den Christen die Belastung eines 
Grundstücks mit einem dinglichen Recht gestattet hatte, 
ohne dass dieses in den Besitz des Gläubigers übergieng. 



— xc — 

Da die Leihgebühr sank, konnte der Jnde nicht mehr 
mit Gewinn arbeiten, es gieng ihm mit seiner Handels- 
ware, dem Geld, wie in Zeiten des Warenpreisdrncks 
dem Unternehmer mit seiner Ware. Er verlor danUf 
statt zn gewinnen. Trotzdem haben noch im Jahre 1490 
die Jaden in Ulm eine grosse Macht nnd noch im 
Jahre 1510 erklärt ein Begensbnrger Jade dem 
dortigen Bat feierlich die Fehde, aber immer mehr 
ziehen sich die reichen Grossjaden der Stftdte ans 
dem Lande nach den nen erschlossenen Rohstoff- 
ländern des Westens nnd Südens and nnr die armen 
Schacherjaden bleiben aaf dem Lande zarück, um 
hier ein mehr oder minder kflmmerliches Dasein welter 
zn fristen, bis andere Zeiten dem Treiben der Jaden auch 
im dentschen Lande wieder nene Bahnen erschliessen. 
Hat so das 15. Jahrhundert die Stellang der Jnden 
in Westenropa TöUig erschfittert, so zieht das 
16. Jahrhandert die Folgerungen dieses VerfiEÜirens: 
es ist die schwerste Zeit des Jadentnms. Der Jnde, 
der znr Stadt kommt, darf nur einkaufen, nicht yerkanfen. 
Bleibt er, z. B. in Ulm, länger als 3 Tage, so mass er 
täglich einen Gulden Aufenthaltssteuer zahlen. Kauft ein 
Bfirger einem Juden etwas ab, so hat der Bflrger 10 Oulden 
Strafe zu geben. Klagt der Jnde in Ulm, so unterliegt 
er dem Anwaltszwang und kann sich nicht selbst ver- 
teidigen wie der Bärger. Einzelne Jnden dürfen in den 
Landstädten der Herrschaft Ulm ausnahmsweise 
Wohnung nehmen, aber nur gegen fahrende Pfänder 
leihen, nicht auf Grundeigentum. Die Wuchergebühr 
beträgt nur noch 1 Häller für Ortsangesessene, 1 Pfennig 
für die Angehörigen der Herrschaft Ulm, 2 Pfennig f&r 
ausser Lands wohnende Personen, wie auch der Gülten- 
zins Ton früher 10 vom Hundert auf 5 yom Hundert 
herabgesetzt ist, seitdem die Wald-, Fischerei- und Waid- 
rechte den Gemeinden überwiesen worden sind. Von 
sonstigen Gewerben dürfen die Juden nur noch Kleinhandel 
mit wertvollen Einfuhrwaren, nicht aber mit eigentlicher 
Krämerware oder Währungsgut und zünftigen Erzeugnissen 
treiben, wie ihnen überhaupt jedes zünftige Gewerbe 
verboten ist. Auf Wein am Stock und Frucht auf 
dem Halm darf der Jnde nicht leihen, gestohlene 
Güter muss er herausgeben. Er ist umgeldpflichtig, 
feuerwehr- und stadtdienstpflichtig und muss deshalb 
in Kriegsfallen die Stadtsoldner unterhalten helfen. 
Nachts darf er nicht ausgehen. Sein Wohnhaus 
erstellt der Bat, da der Jude keine eigene Liegenschaft 
haben kann, und der Jude zahlt dafür Hauszins und 



— XCI — 

Ballkostenbeiträge und leiht gewisse Summen unyerzins- 
lich auf einige Jahre. Pfandbriefe müssen in der 
Batskanzlei gefertigt werden, am gerichtlich gültig zu 
sein. Eifrig ist man dabei auf christlicher Seite immer 
mehr bestrebt, die Jaden znm Glaubensübertritt za 
veranlassen, und zahlreiche Gelehrte, namentlich getaufte 
Jaden, aber auch Theologen wie Beuchlin suchen die 
Jaden durch den Hinweis zum Christentum za bestimmen, 
dass die Eabbala dasselbe lehre. 

Der formelle Grund zur Ausweisung ist auch in 
Dentschland meist die Bezichtigung des Bitualmords, 
80 in der Mark und Berlin, wie diese Anklage aach in 
Baden, Bayern, Ungarn, Polen, Galizien, Frank- 
reich, Rassland damals eine grosse Bolle spielt 
Daneben aber ist die Erläge über die allzuhohen Wacher- 
gebühren der Juden die Haupttriebfeder, welche gegen 
die Juden arbeitet Im Jahre 1530 werden die Juden 
auch ans Wirtemberg ausgetrieben, das damals 
unter österreichischer Herrschaft steht, wie auch 
Herzog Christoph, ein Feind der Juden ist; während 
Bayern denselben günstiger gegenübersteht Ulm erhält 
im Jahre 1541 ein besonderes „Priyileg wider die 
Jaden", nach dem künftig kein Jude mehr ohne Ein- 
willigung des Rats einem Ulmer Hintersassen Geld 
leihen durfte and alle solche Klagen an fremden 
Hof- und Landgerichten ungültig sein sollten; nur 
in Ulm durften solche Klagen angebracht werden. Ln 
Jahre 1551 bestätigte Kaiser Ferdinand das Privileg Tom 
Jahre 1541 und erweiterte es dahin, dass kein Jude bei 
Strafe von 10 Mark Gold und Verlust seiner Forderung 
einem Uhner Hintersassen mehr etwas sollte leihen dürfen. 
Es wurde infolge dessen allen Juden in den Herrschaften 
der Umgegend verlesen, sowie den umliegenden Land- und 
Hofgerichten eine Abschrift zugestellt Alle Herrschafts- 
gerichte waren verpflichtet, ihre Juden vorzuladen und 
ihnen das Privileg zu verkünden und die Juden mussten 
bei Verlust der Forderung genau nach Ulm berichten, 
was sie noch zu fordern hatten. Die Publikation verlief 
meist so, dass nur die Juden erschienen, welche keine 
Forderungen hatten, die anderen aber ausblieben, und 
die erschienenen Juden erklärten, sie haben ebenfalls 
Privilegien vom Reiche, die sie sich nicht nehmen lassen. 
Da die Juden dieses Privileg aber alsbald dadurch um- 
giengen, dass sie die Schuldner schriftlich auf ihr Klag- 
freiheitsrecht verzichten Hessen, so bat im Jahr 1559 
Ulm um Abhilfe beim Reiche, worauf ein solcher Verzicht 
als rechtsungültig erklärt wurde. 



— xcn — 

Vil) Die alliiifthliche Besserung der Lage der abend- 
iftndlschen Juden seit dem 17. JahrliunderL 

War so das 16. Jahrhundert ffir die Judenschaft 
Westearopas eine schlimme Zeit gewesen, so gestaltete 
bereits das 17. Jahrhundert ihre Lage wieder etwas 
besser. Da die noch vorhandenen wenigen Juden meist 
unbemittelte Leute waren, so stellte die Erklärung der- 
selben, zum Christentum übertreten zu wollen, meist 
den letzten verzweifelten Schritt sittlich und wirtschaftlich 
verkommener Existenzen dar, der wenig Aussicht auf 
bessernde Wirkung versprach. Von Bitualmorden ver- 
lautet jetzt in Schwaben wenig mehr; die vorkoromendeo 
Fälle betreffen meist die slavischen Länder, Nieder- 
deutschland, Oestereich, Lothringen. 

In den einzelnen Ländern Deutschlands bilden die 
Juden auch damals noch politische Körperschaften unter 
ihren Landesrabbinern und gewählten Gtomeindevorständen. 
In der Ausübung ihrer Religion sind die Juden auch 
in dieser für sie feindlichsten Zeit nicht gehindert. 
Mit Steuern und Abgaben sind sie genau so über- 
lastet wie der einheimische Bürger und Landmans. 
Sie zahlen ihre Reichssteuem , ihre Landessteuem , ihre 
Gemeindesteuern, ihr Geleitgeld an den Landfrieden, den 
sogenannten Leibzoll, wenn sie verreisen, die Wehr- 
steuer für die Freiheit vom Heerdienst, das Silbe rgeld 
an die Münze, das Federlappengeld für die Befreiung 
vom Jagddienst. War ihnen der dauernde Aufenthalt 
in den Städten auch verboten, so hielt sie das nicht ab, 
Einlass in die Städte zu erlangen. Die Kreistage des 
schwäbischen Landfriedens z. B. führten stets eine 
Menge von Juden in die Bundeshauptstadt Ulm, wo 
sie als Proviantfaktore und Geschäftsträger des 
Kaisers und der einzelnen Fürsten eine hervor- 
ragende Bolle spielten, so dass der Ulmer Rat gegen den 
Uebermut der mit Weibern und Kindern und zahlreicher 
Dienerschaft sich breit machenden, in ritterlicher 
Tracht mit dem Degen an der Seite auftretenden 
fremden Gross Juden thatkräftig einschritt. 

Vollends aber seit dem 18. Jahrhundert beginnt auch 
in Deutschland das Judentum sich immer kräftiger 
ans der tiefen Kluft herauszuarbeiten, in die es das 
Reformationszeitalter, die Renaissance, die Wiedergeburt 
des Romanismus geworfen hatte. Der Mittelpunkt der 
jüdischen Thätigkeit liegt deshalb damals auch ausserhalb 
des grossrömischen Interessenkreises, in den vom Katho- 
lizismus abgefallenen Ländern. Die Türkei, Russland, 



— xcin — 

Polen, Sachsen, Preussen, Holland, die Schweiz sind die 
Gegenden, wo der Jude seine Rechnung findet, es sind 
die Länder, wo sich die Kitualmordbeschnldignngen 
gegen ihn finden, Beschuldigungen, welche deshalb auch 
wirtBchaftspolitisch bedeutsam sind, weil sie immer 
dort erschallen, wo der Jude sich wirtschaftlich un- 
angenehm fühlbar macht. 

In Deutschland hält man zunächst noch an den 
alten Einschränkungsbestimmungen gegen die Juden 
fest. Noch die Halsgerichtsordnung vom Jahre 1709 setzt 
auf den Rücktritt eines getauften Juden zum Juden- 
tum den Tod. Aus den Städten ist der Jude meist 
ausgeschlossen, aber es ist ihm gelungen, an Markttagen 
wenigstens wieder Zulassung zu erhalten, wo er bald als 
Rosskamm und Viehkäufer eine grosse Rolle spielt 
Dagegen erlaubt der Merkantilismus der Zeit mit 
seiner Begünstigung des kleinen Manns, des Mittelstands, 
dem Juden in keiner Weise das Hausieren mit verar- 
beiteten Erzeugnissen, den Kleinhandel mit Waren. 
Vom Kleinhandel und Kleingewerbe mit Währungs- 
gut, d. h. vom zwangskörperschaftlich geordneten Gewerbe- 
betrieb, von der Zunftangehörigkeit, ist der Jude ausge- 
schlossen. Bierbrauereien, Branntweinbrennereien 
zu besitzen oder Staatsgefälle zu pachten, ist ihm 
verboten, ebenso der Erwerb von Grundbesitz und 
das Ausleihen von Geld auf solchen. In den Städten 
darf der Jude Häuser nur in bestimmten Stadtteilen, auf 
dem Lande nur solche besitzen, die schon von Alters her in 
jüdischem Besitz waren. Schuldurkunden über höhere 
Beträge sind nur gültig, wenn sie vor dem Richter ausge- 
fertigt worden sind. Der ordentliche Schutzjude kann 
sein Schutzrecht nur auf ein Kind vererben, jedes weitere 
Kind muss sein Schutzrecht neu erkaufen. Fremde Juden 
werden nur hereingelassen, wenn sie sehr bemittelt sind 
und eine gute Steuerquelle bilden. Ausserordent- 
liche Schutzjuden und die Knechte und Mägde der 
Juden dürfen nicht heiraten. Bei dem Schutzerwerb 
muss der Jude eine bestimmte Menge Landeserzeug- 
nisse aus den grossen Staats fabriken übernehmen. 
Fabriken anzulegen ist ihm gestattet, dagegen 
verboten, mit Getreide und sonstigen Landeser* 
Zeugnissen zu handeln; denn der Jude soll Handel und 
Industrie heben, den Bodenbau aber dem Christen 
lassen, damit jeder an seinem Platze bleibe. Nimmt die 
Anzahl der Juden allzusehr zu, so werden die ärmsten 
und unsittlichsten aus dem Lande geschafft Der Jude 
zahlt das Rekrutierungsgeld und die Stolgebühr 



— XCÜV — 

und ist in Bezug auf dieReligionsAbnng anbeschrankt 
wie sein Rabbi weitgehende Befugnisse in Ehe-, Erb- 
schafts- und Yormundschaftssachen hat, dag^en 
ist sein Zeugnis vor Gericht nicht voUgflltig. 

Erst seit den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts be- 
ginnen sich diese Verhältnisse allmählich zu ändern. Man 
hebt den Leibzoll der Juden auf und gewahrt ihnen, 
erst zögernd, dann immer rascher, eine Erleichterung nach 
der andern. Im Jahre 1750 erhalten die Juden im Ulmer 
Städtchen Leipheim das Recht, auf den dortigen Markten 
auch mit Waren zu handeln, während sie sonst nur mit 
Vieh handeln durften. Auch in Ulm selbst hält sich 
schon damals wieder ein privilegierter Jude aaf und 
die Kriegsjahre 1799 und 1800 bringen zahlreiche 
jüdische Armeelieferanten mit den österreichischen 
Truppen in die Stadt herein, indem namentlich die reiche 
Hofjüdin Kauila des Fürsten von Hohenzollern in 
Hechingen grosse Abschlüsse mit der österreichisdien 
Kriegsleitung macht Laut klagen die ehrsamen Bfirger, 
wie die reichen Juden die besseren Bürger zum Hazard- 
spiel verleiten, während die armen Juden stehlen and 
hehlen, wo es etwas zu stehlen und zu hehlen gebe, und 
die Spione für die Franzosen machen. Welche Rolle 
schon damals der Jude wieder im polititschen Leben 
der Deutschen spielt, zeigt der Jude Süss, der berüchtigte 
Finanzminister des Herzogs Karl Alexander von 
Wirtemberg. 

Als dann Ulm im Jahre 1805 seine Reichsfreiheit 
verliert und unter bayerische Herrschaft kommt 
hört sein Judenfreiheitsrecht auf und im Jahre 1806 
siedelt sich der erste Ulmer Jude wieder dauernd in 
der Stadt an. Auch als Ulm im Jahre 1810 württem- 
bergisch wird, geht es mit der Zuwanderung neuer 
Juden sehr langsam. Im Jahre 1815 verleiht König 
Friedrich auf Empfehlung des Hofjuden Kauila 
einem weitern Juden das Ulmer Schutzbürgerrecht^ 
was grosse Aufregung in der Stadt verursacht und den 
gesamten Handelsstand zu einer Beschwerde beim 
Landtage in Stuttgart veranlasst, die aber vergeblich 
ist, obgleich sie die schlimme Wirksamkeit der Juden 
als Hausierer und Schleichhändler scharf zeichnet 
Man klagtflber die bayerischen Zollsehranken, welche 
den Ulmer Kanfleuten den Absatz an die bayerischen 
Landkrämer geraubt und diese den bayerischen 
Juden ausgeliefert haben, man schreibt den Juden die 
Schuld zu, dass die Liederlichkeit und Untreue der 
Dienstboten zunehmen, man betont, dass unter Bayern 



— xcv — 

80 etwas den Ulmern nicht angethan worden sei. Man 
bittet dringend, bei der Yerfttgang Ober das Bürgerrecht 
mehr auf die angesessene Bürgerschaft zu hören 
und den gewerblichen Zwangskörperschaften ihr 
wohlyerbrieftes altes Becht zu lassen. 

Im Jahre 1816 werden die Jnden in Hessen in die 
bürgerlichen Zwangsgenossenschaften oder Zünfte 
zngelassen. Die seitherige Jndenznnft hört auf und an 
ihre Stelle tritt dieSynagogengemeinde. Bahnbrechend 
für die Aufnahme der Juden in dem neuen Königreich 
Württemberg und damit in der neuen württembergischen 
Kreisstadt Ulm war das Gesetz vom Jahre 1828 über 
die bürgerliche Gleichstellung der Juden. Der 
Gesetzentwurf von 1827 über die bürgerlichen Rechte der 
„Israeliten'^, d. h. auf deutsch „Gotteskämpfer ^ , wie 
jetzt die Schwäche einer den christlichen Staat yer- 
läugnenden Kegierung dem Christentum zum Hohn die 
Judenschaft amtlich benannte , fand seitens der Ulmer 
Landtagsabgeordneten und des Ulmer Handelsstands leb- 
haften Widerspruch. Man sah in Ulm nicht ein, warum 
man Preussen und Bayern vorauseilen sollte, statt 
die Sache gleichmässig durch einen Bundesakt zu 
ordnen; man wies darauf hin, wie in Bussland und 
Polen die Juden eingeschränkt werden, und be- 
tonte, dass die deutschen Juden kein Haar anders seien, 
als die polnischen; man war nicht gegen den Versuch, 
die Juden zu bessern, aber man wies auf die schäd- 
liche Wirkung hin, die ein schroffer Uebergang von 
der seitherigen weitgehenden Judenbeschränkung zur 
Judenfreiheit auf den Charakter der christlichen 
Staatsbürger ausüben müsse, da böser Umgang gute 
Sitte verderbe. Betonte der Regierungsentwurf selbst, 
es fehle den Juden an Ehrgefühl, am Gemeinsinn 
gegenüber den NichtJuden, er strebe nicht nach wahrer 
Herzensbildung und widerstrebe den Sitten und 
Gebräuchen des Lands, er scheue alle eigentlich 
erzeugende Arbeit und wolle nur handeln und der 
Schacherhandel sei sein Begleiter, so ftgten diesen Be- 
weggründen die Ulmer bei, die Juden seien Diebshehler, 
üe kaufen den Dieben und Baubem ihre Beute ab und 
fordern so das Verbrechen, treiben Falschmünzerei, 
Wacher, Güterzerstückelung, Gauklerei, Zau- 
berei; die Kinder und Eindeskinder der christ- 
lichen Bevölkerung werden diesem Schritt der 
^iernng dereinst fluchen und die Begierungs vorläge 
sei eine weitgehende Umwälzung der seitherigen 
Verhältnisse, die von den schwersten Folgen sein 



— XCVI — 

werde. Nur mit Abschea könne sich der Christ von 
dieser gewaltsamen Vermischung mit dem Jadenyolk 
abwenden. Man solle doch für die Jaden eine eigene 
Jadenstadt mit eigener Markang in der Nähe von 
Stattgart baaen; das sei besser, als sie ins ganze Land 
hereinzalassen. Wenn sie dort dann im Laufe der Zeit 
anter Aafsicht des Staats za anstandigen Menschen ge- 
worden seien, könne man ihnen allmählich mehr Rechte 
einräamen. Die Herrenhater and Qaäcker wohnen ja 
aach in eigenen Dörfern. Dann aber erscheine es 
bedenklich, die Jaden als yollgAltige Zeagen vor Ge- 
richt zazalassen, während doch ihre Glaabwürdigkeit 
vor Gericht sehr zweifelhaft seL Wenn man den Jaden 
bessern wolle, branche das doch nicht so za geschehen, 
dass man den Christen opfere. Die Erziehang des 
Christen erfordere einen wirtschaftlichen Anfwand, 
mit dem der Jade nicht za rechnen habe, deshalb sei er 
im Yorzng, der Christ dürfe nicht dem Nichte bristen 
gegenüber lügen, betrügen und wachern wie der 
Jade, ohne anfzahören, ein Christ za sein. Daram 
werde es so kommen, dass der Christ werde sein müssen 
wie der Jade, wenn der fiegiernngsentwarf darchgehe. 
Aach diese Vorstellang freilich war vergebens, das Gesetz 
kam za stände, 5 Jsihre bälder als in Hessen, wo die 
Juden erst im Jahre 1838 ins Bürgerrecht zuge- 
lassen wurden. 

Mit dem Gesetz von 1828 war den Juden in Würt- 
temberg die Bahn frei und bald wurde auch die „gute 
Stadt Ulm" einer der bevorzugtesten Unterkunfts- 
orte für den neuen Staatsbürger, so dass im Jahre 1845 
in Ulm ein jüdischer Filialgottesdienst eingerichtet 
werden konnte, nachdem die Gemeinde auf 57 Köpfe 
angewachsen war. An der Spitze der Filialgemeinde stand 
ein Anwalt, später ein Kirchenvorsteher. Heute hat 
die Ulmer Gemeinde wieder eine eigene Synagoge mit 
eigenem ßabbiner und ist mit 645 Köpfen eine der 
blühendsten des Lands. 

Damit glaubt der Verfasser dem Leser in kurzen 
Zügen eine Uebersicht über den Inhalt des vor- 
liegenden Werks gegeben zu haben, in dem derselbe 
systematisch geordnet der Oeflfentlichkeit wiederzugeben 
suchte, was er in jahrelangem Sammeln an Nachrichten 
über die Judengemeinden überhaupt und über die Juden- 
gemeinde der Stadt Ulm im Besondern gefunden hat 



1) Enrser Bllek mnf die Stellung der ülmer Jaden Ms 
snin Beginne des 14. Jnhrliiuiderts. 

Mit den römischen Eanflenten sehen wir auch die 
Juden seit Eroberung der neuen Provinzen jenseits der 
Alpen in Scharen nach Rhätieu und Wendelicien 
hereinstr5men , wie die in unserer Gegend gefundenen 
Jadendenkmale aus dem 4. Jahrhundert hinlänglich 
beweisen^) und es ist deshalb die Nachricht des Ulmer 
Chronisten Felix Fabri, der um das Jahr 1490 schrieb, 
nicht unwahrscheinlich y dass sich in Ulm schon längst 
Yor der Geburt des Heilands eine blühende Juden- 
gemeinde befunden habe. Der Chronist meldet , man 
habe, als man nach dem Judenkrawall des Jahrs 1349 
die Hinterlassenschaft der erschlagenen Hebräer geordnet 
habe, unter anderen Schriftstücken Briefe aus der Zeit 
der Hinrichtung des Heilands entdeckt, in welchen die 
Judengemeinde Jerusalem diese Thatsache der Ulmer Juden- 
gemeinde mitgeteilt habe^, eine Legende, die immerhin 
zeigt, dass man im Jahre 1349 mannigfach der Ansicht 
war, dass es in Ulm schon in solch früher Zeit Juden 
gegeben habe. Ueber die Schicksale jener ältesten Zeiten 
dieser etwaigen Judengemeinde freilich weiss man nichts. 
Sind durch schwäbische Judengrabsteine des 4. Jahr- 
hunderts schwäbische Juden in dieser Zeit nachgewiesen, 
80 mag es auch damals, als Kaiser Julian der Abtrünnige, 
von Paris kommend, da, wo die Donau schiffbar wird, 
ein Schiff bestieg und, mit kleinem Gefolge dem Heereszuge 
der gallischen Legionen vorauseilend, auf dem Strome nach 
Belgrad (Sirmium) fuhr, in Ulm eine Judengemeinde 
gegeben haben, wie auch unter den Alemannenherzögen 
und unter den Karolingern in einem so wichtigen 
Eeichsweiler wie Ulm mit seiner Kaiserpfalz, wo 
wiederholt Hoftage stattfanden, auch die für den Hof 
unentbehrlichen jüdischen Hofagenten und Faktore 
nicht gefehlt haben werden. 

Die ersten eigentlichen Nachrichten von Ulmer 
Juden geben uns die gefundenen Judengrabsteine, 

>) Stalin, WirtembergiBche Geschichte, Bd. 1, S. 106. Jftger, ÜIm*8 
Verfaflsungtleben im Mittelalter, S. 6. 

*) Veesenmeyer, Tractatns Felicia Fabri, S. 17. 

1 



— 2 — 

welche der Leser im spätem Laufe der Darstellang ge- 
legentlich der Schilderung der Aufhebung des Ulmer 
Judenfriedhofs näher beschrieben erhält Der älteste dieser 
Judengrabsteine stammt vom Jahre 124S und meldet den 
Tod der Tochter des Rabbi Salomon Halevy. Weitere 
Grabsteine aus den Jahren 1255, 1274, 1305, 1306, 1307, 
1331, 1341, 1342, 1344 bestätigen uns das Vorhandensein 
eines Judenfriedhofs und damit einer Judenge- 
meinde in Ulm um jene Zeit Wann dieser älteste 
Ulmer Judenfriedhof — denn es kann sich auch in 
Ulm je nachdem wie in Nürnberg und anderen Orten um 
zweierlei Jndenfriedhöfe handeln, Ton welchen der 
zweite erst angelegt worden wäre, nachdem der erste 
zerstört worden war — in Ulm entstanden ist und 
wo er sich befand, lässt sich freilich nur vermuten 
und es kommt für diese Vermutung eine Anzahl yon 
Nachrichten in Betracht, welche uns die Urkunden bieten. 
Im Jahre 1183 übergiebt der Edelmann Witegau 
yon Alb eck zu seinem Seelenheile und zu dem seiner 
Angehörigen den Michaelsberg bei Ulm mit allen seinen 
Zubehörden dem Kloster Reichen au und der Kirche mit 
allem Eigentum und allen Besitzrechten. Dem Kate geist- 
licher Männer folgend bestimmt er dabei, dass dieser Berg 
in ewige Zeiten zu einem Hospital für arme Sieche, d. h. 
Kranke, und Fremde gemacht werden und dass der Propst 
dieses Spitals und dessen Kanoniker der Regel des heiligen 
Augustinus angehören sollten. Die Brüder des Spitals 
sollten das Recht haben, den Propst frei zu wählen, dem 
Abt von Reichenau aber sollte das Recht der Investitur 
zustehen. Sollten die Brüder aber bei der Wahl keine 
Einigung erzielen, so sollte der Abt yon Reichenau unter 
Beirat des Schutzvogts des Spitals die Entscheidung 
treffen. Die Schutzvogtei sollte als ewiges Mannlehen 
den Herren von Alb eck zustehen und jeder Hintersasse 
dieser Herrschaft sollte das Recht haben, seine fahrende 
oder liegende Habe zum Heile seiner Seele dem neuen 
Kloster zu übertragen. Allen Hintersassen der Abtei 
Reichenau, den Eigenleuten wie den freien Knechten 
(Ministerialen) aber sollte erlaubt sein, freien Markt- 
verkehr mit dem St. Michaelspital mit all' ihrer liegenden 
und fahrenden Habe durch Schenkung, Wechsel und Ver- 
kauf zu unterhalten.^ Der Aufenthalt der Augustiner auf 
dem St. Michaelsberge dauert freilich nur kurze Zeit, 
denn schon in der Zeit zwischen 1190 und 1206 gestattet 
der Bischof Dithelm von Konstanz als gleichzeitiger 

*} Presse], ülmiscbes Urkundenbucb, S. 25. 



— 8 — 

Abt TonBeichenaa den Augastinern von St Michael 
in Ulm, ihre Wohnstfttte nach freier Wahl vom Berg 
herab an einen geeigneten Ort in der Ebene zu verlegen, 
bestätigt dem Kloster den freien Marktverkehr mit 
den Ulmer Hintersassen der Abtei Beichenau und be- 
droht alle mit dem Kirchenbann, welche sich künftig 
wieder unterstehen sollten, das ülmer Aagnstinerkloster 
an diesem freien Marktverkehr zu hindern. Worin 
diese Behindemng des commerciom bestand, zeigt eine 
weitere Urkunde vom 8. Mai 1199, in welcher Papst 
Innocenz UL das Ulmer Angostinerkloster in den Schatz 
der Kirche nimmt nnd das dem Kloster angefochtene 
Begrftbnisrecht seiner Hintersassen bestätigt.^) Seither 
ist das Kloster nicht mehr auf dem Michaelsberg bei Ulm, 
sondern auf der Blauinsel westlich der Stadt, die man 
die „ferne Wenge^ nannte, und hiess deshalb Wengen- 
kl oster, und da zu dem Kloster eine Fruchtmühle, ein 
Eisenhanuner und eine Bierbrauerei gehörte, lag dieses 
Kloster wohl an der Stelle des heutigen Kupfer- und 
Eisenhammer beim sogenannten „Blumenschein.^ 

Nun ist aber Thatsache, dass der im Jahre 1499 in 
üfan aufgehobene Judenkirchhof in jener Gegend und 
zwar wahrscheinlich an der Stelle des heutigen Post- 
gebäudes am Bahnhofplatze, stand, wo erst im Monat 
Dezember 1895 eine Menge von menschlichen Knochen 
zu Tage gefördert wurden, und so liegt immerhin eine 
kleine Wahrscheinlichkeit vor, dass es sich bei dem be- 
strittenen Begräbnisrecht des Klosters um den 
Judenfriedhof gehandelt haben könnte, da die Juden 
ja mit Vorliebe ihre Friedhöfe der bessern Sicherheit 
wegen in den Schutz der Kirche stellten. Es spricht 
f&r diese Annahme die weitere Thatsache, dass sich Graf 
Eberhard der Milde von Wirtemberg im Jahre 1392 
bei seinem Friedensverträge mit der Stadt Ulm 
darüber beschwert, dass die UMer im Jahre 1376 ohne 
seine Erlaubnis das Augustinerkloster auf der Wengen- 
insel abgebrochen haben, wo die mit ihm verbündeten 
Grafen von Werdenberg-Albeck Begräbnisrechte 
gehabt haben, und dass ihn die Ulmer an Christen und 

*) „Specialiter antem coDoesaonem super sepeliendiB Testris fratribns, 
coDTerBis et familia**! Pressel, Ulmer ürkandenbnch, 8. 82 Der 
Amdmck „conrerais** der Urkunde namentlich legt die Vermutung nahe, 
dau es sieb hier um sogenannte „Kowertschen**, wie man die ^Darleiher'* 
vielfich nannte, gehandelt; haben könnte nnd wäre in diesem FaUe ein 
Beitrag zu der yiel umstrittenen Frage, woher der Name „Kowertsche"' 
kommt indem er dafQr sprftche, dass das Wort vom lateinischen ^con- 
mmr^ d. h. Zugewandter, freier Beisitzer, Hintersasse, herkommt Yergl. 
ipiter den Absclmitt über die Kowertschen^ 

1» 



— 4 — 

Juden geschädigt habeiL^) Man sieht, die Saehe ist 
zweifelhaft, wenn auch die Lage des Ülmer Jaden- 
friedhofs seine Zugehörigkeit zum Beichenauischen 
Augustinerstift auf den Wengen nicht unwahrscheinlich 
macht Immerhin darf diese Vermutung wohl als solche 
hier eine Stelle finden, wobei freilieh in Betracht zu 
ziehen ist, dass es sich bei dem Begräbnisrecht der Grafen 
Yon Albeck ebensowohl um ein Familienbegräbnis der 
Stifter als um einen Judenfriedhof oder auch um beides 
gehandelt haben kann. 

Aber nicht nur die steinernen Denkmale des Jaden- 
friedhofs bezeugen das Vorhandensein einer entwickelten 
Judengemeinde in Ulm im 13. Jahrhundert, auch das älteste 
Ulmer Stadtrecht vom Jahre 1274 zeigt uns die Ulmer 
Judengemeinde als privilegierte Darleiherge- 
nossenschaft, indem sie bestimmt, dass alle Pfänder, 
welche gerichtlich mit Beschlag belegt und dem Verkauf 
ausgesetzt werden, sofort bei den Juden der Stadt 
angelegt werden sollen, falls dies möglich sei, falls 
dies aber nicht angehe, verkauft werden sollen, wovon 
dem Eigentümer sofort vor Zeugen Mitteilung zu machen 
sei, und bei gegen Wucher verpfiLndeten Streitgegen- 
ständen einmalige Gerichtsladung als genügend 
erklärt wurde. ^) Ebenso war zur Ehre Gottes verboten, 
von der Septuagesima bis zur Osteroktave einen Eid in 
Schuldsachen zu schwören. £>ie während dieser Zeit 
beim Gericht anfallenden Eide wurden vorgemerkt, mit der 
Ableistung aber bis zur Osteroktave gewartet Klagte 
ein Bürger während dieser geschlossenen Zeit gegen einen 
andern Bürger in Sehuldsachen, so musste eine einstweilige 
Verfügung getroffen werden, wodurch eine Sicherung 
des Klägers durch ein bei den Juden zu hinter- 
legendes Pfand erfolgte; die hiedurch entstehenden 
Kosten wurden dann den Kosten des Hauptverfahrens 
zugeschlagen, so dass derjenige, welcher schliesslich Recht 
behielt, von diesen Kosten freiblieb. 

Ist also zweifellos in Ulm im 13. Jahrhundert eine 
blühende Judengemeinde vorhanden, so weiss man 
darüber nichts, ob auch die Ulmer Juden unter den da- 
maligen Ausbrüchen der Volkswut gegen die Juden in 
den süddeutschen Städten zu leiden gehabt haben. Bis zum 
Ende des 13. Jahrhunderts ist thatsächlich der gesamte 
Zwischenhandel, namentlich der Aufkauf von Korn, Wein, 
Schafwolle, Flachs bei den Klöstern und Bitterorden in 

^) Kornbeck, Vergleich der Grafen Ton Wirtemberg mit der Btadt 
Ulm, in Üim-Oberschwaben, Ulm 1877. 

^ Pressel, ülmisches Urkundenbach, S. 284. 



— 5 — 

Deutschland, Frankreich, England, Spanien and 
der Verkauf dieser Gegenstände an den Fabrikanten, aber 
auch der gesamte Geldhandel yöllig in den Händen der 
Juden und Lombarden''). Dem letzten Bamberger, Herzog 
Friedrich dem Streitbaren von est erreich, wird Torge- 
worfen, dass er die Verwaltung seiner Kammer den Jaden 
überlassen habe, welche das Volk durch hohe Steuern drücken *), 
und mit Hilfe der Mauren und Juden behauptet sich etwas 
später König Alphons X. von Deutschland-Kastilien 
gegen seine Gemahlin Jolanthe und den agrarischen Adel 
des Landes. So bestimmt das Stadtrecht, das König Philipp 
Ton Schwaben im Jahre 1207 der Stadt Regensburg ver- 
leiht, dass jeder, der in der Stadt Gewerbe oder Handel 
treiben wolle, er möge Jude, Geistlicher oder Welt- 
licher sein, die städtischen Steuern zu bezahlen haben 
solle *). Man sieht aus dieser Voranstellung der Juden, welche 
herTorragende handelspolitische Stellung dieselben 
damals eingenommen haben. Auch die deutschen Könige 
begünstigten die Juden, weil sie von ihnen grosse 
Einkünfte durch jährliche Kopfgelder und andere Abgaben 
bezogen. Doch war der Jude, auch in Deutschland niemals 
in froherer Zeit ein vollberechtigter Staatsbürger. 
Als Fremder stand er im reichsherrlichen Schutze und 
der König bezog von ihm als Gegenleistung für diesen 
Schutz ein jährliches Schutzgeld als Judenschutz- 
vogt, wie er auch dem mittelalterlichen Fremden- 
recht entsprechend im Falle des Ablebens eines Juden, 
wie überhaupt jedes Fremden, das Recht auf die 
Erbschaft, den sogenannten „SterbfalP* hatte ^^). Indem 
die Juden so im kaiserlichen Schutze standen, war ihre Auf- 
nahme und das Recht zum Bezug der hiefür von den Juden 
bezahlten Gebühren auch ein kaiserliches Reservat, so dass 
niemand ohne Erlaubnis des Reichs das Recht hatte, Juden 
bei sich aufzunehmen und zu schützen. So verleiht z. B. 
Kaiser Friedrich I. dem Herzog Heinrich in Oesterreich das 
Recht „tenendi Judaeos et usurarios^, also Juden und öffent- 
liche Geldverleiher zu halten, „sine imperii molestia et 
offensa^^^). Der Jude hatte also gewissermassen ein ö£Eentliches 
Amt inne, das darin bestand, Geld gegen Entgeld an andere 
Personen auszuleihen, ein Amt, dessen Ausübung allen anderen 
Personen verboten war. Da die Juden „kaiserliche 

^ Flacher, DeatBche Handeliffeschichte, Bd. 2, S. 4 f. und 86 f. 

^ Gemeiiier, Begentburger Chromk, Bd. 1, S. 336 f. 

*) Gemeiiier, Begensborger Chronik, Bd. 1, S. 295. 

*^ Fucher, Deutsche Haodelsgeschichte, Bd. 1, S. 266. 

*') Lambeana, Bibliotheca Yindobonenaia, Bd. 2, Kap. 5. Hoffmann, 
DUaert de advocaüa ünperaiorla Jadaica, TQbüigen 17i8. Ayrer, De jure 
Jadaeoa zedpiendi, Goängeii 1741. 



— 6 — 

Eammerknechte*^''), cL h. anmittelbare Unter- 
gebene des Monarchen waren, zahlten sie deshalb auch 
bis ins 13. Jahrhundert hinein keine städtischen Abgaben, 
auch wenn sie in den Städten Handel und Gewerbe trieben *). 
Beginnen die Aosnahmsgesetze und die feindliche Haltung 
der deutschen BcTÖlkerung gegen die Juden also auch 
schon Tor den Kreuzzügen, so nehmen sie einen weitem 
Umfang doch erst um die Mitte des 13. Jahrhunderts an, 
als die zunehmende Entwicklung Deutschlands dieses mehr 
und mehr den Charakter eines Bauern- und Eriegerstaats 
verlieren und die Gestalt eines Industrie- und Handels* 
Staats annehmen lässt Seit dem 13. Jahrhundert erfolgen 
mehr und mehr allerlei beschränkende Verordnungen 
gegen die Juden. Im Jahre 1216 verordnet das lateranische 
Konzil Papst Innocenz IIL, dass die Juden und Jüdinnen in 
allen christlichen Ländern eine besondere Tracht haben 
sollen und im Jahre 1267 verordnet das Konzil von Vienne, 
dass die Juden die in Form eines Halbmonds aufge- 
krämpten roten Hüte, welche sie aus eigener Macht- 
vollkommenheit abgelegt hatten, bei Geldstrafe durch 
den Landesherm wieder tragen sollen, damit man sie von 
den Christen unterscheiden könne; man verbietet ihnen, in 
die von Christen besuchten Wirtshäuser, Zechstuben 
und Bäder zu gehen, der Verkauf von geschächtetem 
Fleisch in den christlichen Fleischbänken wird 
verboten, es wird den Juden untersagt, an den gebotenen 
Fasttagen Fleisch zu essen, zu ihren geselligen 
Vergnügungen, Gastereien und Hochzeiten Christen 
einzuladen, sich bei der Fronleichnamsprozession 
auf die Strasse zu stellen, es wird der Bau wei- 
terer Synagogen verboten und den Juden strenge 
anbefohlen, mit Christen nicht über Glaubens- 
sachen zu streiten und jeden Versuch zu unterlassen, 
Christen zum Judentum zu bekehren; schwere 
Strafe wird endlich jedem Juden angedroht, der sich bei- 
kommen liesse, mit Christinnen zu verkehren^"). Dagegen 
läset sich eine gesetzliche Beschränkung und räum- 
liche Geschlossenheit der Judenviertel um jene Zeit 
nicht nachweisen. Das geschlossene Zusammenwohnen 
bestinunter National-, Gewerbe- oder Handelskörperschaften 
entspricht einfach dem allgemeinen mittelalterlichen 

**) Die Bezeiclmnng „SerroB camerae specialis^* kommt schon im Jahre 
1237 vor. Yergl. Diplomatae Vindobonenddae , 1287. Der Aoadrack 
„Knecht'' hat dabei dnrchans nichts herabaetiendoB. Die 
damalige Amtssprache nennt den Jnden ,fEammerknecht'' als Hinter- 
sassen der Bdchskammer, wie sie den adeligen Hintersassen einen „Edd- 
Imecht** nennt, 

^ Gemeiner, Begensbnrger Chronik, Bd. 1, S. 896 f. 



- 7 - 

Gebraach and hat mit dem spätem gesetzlichen Ghetto- 
zwang der Jaden orsprünglich nichts za than'^). Wie in den 
grossen Handelsmittelpankten Syriens, Griechenlands and der 
ProYence die Städte ans einer Reihe von selbstständigen 
nationalen Einzelgemeinden bestehen ^^), so verhält es sich 
anch mit den deutsdien Jadengemeinden. Die Juden leben 
iiadi ihrem eigenen Gesetze, sie haben einen eigenen „magi* 
Stratos^, eigenes „consiliam^* and eigenen „episcopos'S sie haben 
eine Synagoge, eigene Schalen, ein eigenes Spital and ein eigenes 
SaÜiaos, wo sie ihre Yersammlangen, Hochzeiten, Festgelage, 
Balle and ähnliche Dinge abhalten, aber das alles haben um 
jene Zeit die anderen Genossenschafken auch; auch die 
Deatschordenskommende, die Klöster and Klosterhöfe, die 
Herrenhöfe, die Herrenzechen wie die Zünfte haben ihre eigenen 
Gesetz, ihren Meister, ihren Rat, ihren Genossenschaftspriester, 
ihren Altar, ihr Genossenschaftshans, wo sie ihre Yersamm- 
Inngen, Hochzeiten, Kindstaufen, Leichenschmäuse halten, und 
wie diese Genossenschaften um jene Zeit die eigene Gerichts- 
barkeit sich erkämpfen, so gelingt diess gleichzeitig auch 
den Juden. Während z. B. in den ältesten Eintragungen dos 
Kölner Judenschreinbachs gegenüber den gleichzeitigen Be- 
urkandungen über christlichen Grundbesitz ein Unterschied 
nicht za Tage tritt und die Amileute der vorgesetzten 
Lanrenzpfarre die gemeinschaftliche Urkundsbehörde für die 
Christen and die Juden bilden und nur in streitigen Fällen 
des Erbrechts, des ehelichen Güterrechts oder des Vormund- 
schaitswesens eine Mitwirkung der Judengemeinde stattfindet, 
wo bei christlichen Rechtsgeschäften ein Urteil der Schöffen 
^tscheidety so beginnt seit Anfang der 60er Jahre des 13. 
Jahrhunderts, zunächst vereinzelt, der Vollzug der Rechts- 
gesdiäite vor der Synagoge zu geschehen und die hebräisch 
^efasste Urkunde hierüber wird dann der öffentlichen Stelle 
übeigeben, welche bezeugt, dass der Käufer in Gegenwart der 
jüdischen Gemeindevertretung die hebrilische Urkunde den 
Bürgern übergeben liat, welche dazu bestellt sind, die Schrift- 
stüdie und Siegel über den Verkauf Ton Grundstücken auf- 
zubewahren, damit es in ihrer Hand za einem wahrhaften 
Zeugnis sei, bis seit dem Ende der 80er Jahre des 13. Jahr- 
hunderts die Bezugnahme auf die hebräischen Urkunden zur 
Begel wird und die Amtleute einfach noch bezeugen, dass die 
n^Yersitas Judaeorum Coloniensium per magistratum et con- 
^um eorum" das betreffende Rechtsgeschäft vorgenommen hat 
Die massgebende Behörde ist seither die jüdische, der „episcopus 

^ HOoigei:, Zur Geschichte der Juden DentBchlands im firOheren 
MitteUter. Zdtichrift Iftr Geschichte der Juden iu Deutschland, Bd. 1, 
8. 77. 

") Beyd, Levantehandel, Bd. 1, 8. 864 ff. 



— 8 — 

(Jadenbischof), magistratos Jadaeomm ac oniTersi Jadaei ciTi- 
tatia Goloniensia'S das ^^Sdiremsamt^ ist nur die Boglaubigongs- 
behörde, knrzomder gesonderte Gerichtsstand ist jetzt, 
soweit es sich am Rechtsgeschäfte anter Jaden 
handelt, TöUig durchgeführt Das Schreinsamt kommt nur 
in Betracht, wenn der Verkäufer ein christlicher Bürger ist, dann 
findet die Verhandlung Tor dem Schreinsamt statt; das 
hebräische Zeugnis fehlt dann und die Eintragung erfolgt 
nicht im Judenschrein, sondern in den für christliche Rechts- 
geschäfte bestimmten Schreinsbüchem ^*). Man sieht, es ist eine 
Aenderung, die keine Beschränkung, sondern yielmehr eine 
Erweiterung der gerichtlichen Befugnisse der Judengemeinde 
bedeutet, wie sie dem allgemeinen Entwicklungsgang des 
damaligen Verfassungslebens entspricht Wie z. B. am 
28. August 1292 in Ulm eine Bürgeraufnahme und Steuer- 
festsetzung lediglich durch den Oberzunftmeister (capitaneus), 
die Zunftmeister und die Gemeinde ohne Mitwirkung des könig- 
lichen Amtmanns erfolgt ")^ so besorgt auch die Ulmer Juden- 
gemeinde jetzt ihre Angelegenheiten selbstständig. Wie der 
Rat und das Gericht die ILGuidwerksämter der einzelnen an- 
erkannten Zunftgenossenschaften besetzen, so besetzen sie aoch 
die Aomter der Judengtnossenschalt. So bestimmt das Nürn- 
berger Judenrecht betreffs des Rats und der Rechnung 
der Jud en , da nach altem Herkommen in Nürnberg die Bürger 
Tom Rate und die Schöffen alle Aemter, die es in der Stadt 
gebe und die zu der Stadt gehören, alle Jahre neu besetzen und 
entsetzen, haben diese auch das ausschliesslicho Recht, alljährlich 
den Juden der Stadt ihren Rat einzusetzen und ihren Rechner 
zu ernennen, damit diese im Gemach und im Frieden unter 
einander bleiben, und es solle desshalb jeder Jude, der gegen 
die Gewohnheit und das Recht der Bürger vom Rate, der 
Schöffen und der Gemeinde der Stadt das Amt eines Juden- 
rats annehme oder deren Rechner wähle, der Stadt eine 
Besserung von 200 Pfd. Hlr., wer sich aber von den Juden 
in dieser ungesetzlichen Weise wählen liesse, 100 Pfd. Hlr. 
bezahlen müssen, ausser der Besserung und Entschädigung 
für etwaige Elagekosten, welche den Bürgern daraus entr 
stünden ^^l Man sieht, der Rat von Nürnberg ist ebenso be- 
strebt, sich das Recht zur Ernennung der jüdischen Genossen- 
schaitsbeamten zu erhalten, wie er das Recht zur Ernennung 
der Beamten der einzelnen Handwerksgenossenschaften wahrt 

'*) Quellen zur Geschidite der Juden in Deutschland, herausgegeben 
durch die historische Kommission für Geschichte der Joden in ]>eut8ch- 
land, 1 Bd., Höniger, das Judenschreinsbuch der Laurenzpfane wa Köln. 
Berlin 1888, & X. 

*^ Capitanens, 10 in Yulgari dicti „sunftmaestet^* et uniTerritas d- 
Tiom. PresseL Ulm. Orkundenbuch, S. 202 f. 

*") WOrfel, Nürnberger Judengemeinde, 8« iL 



— 9 — 

Die Zeit ist damals in den Tagen der untergehenden 
Hohenstanfenh^Tschaft und des Zwischenreichs eine sehr 
ernsta Das Haupt des letzten Hohenstaufen, König 
Konradins von Sicilien, ist auf den Machtbefehl König 
Karls Ton Anjou geüedlen, auf Deutschlands Königs- 
thron sitzt ein englischer Fürst, der sich mit dem 
jndenfreondlichen König Alfons X. von Spanien um die 
Herrschaft streitet; englische und spanische Handels- 
interessen kreuzen einander im deutschen Reiche; schwere 
^rirtsdiaftliche Gegensätze und Yorteilskämpfe durchtobon das 
Land. Immer weitere Notstände legen sich in zunehmendem 
Masse auf die Völker Europas, Erdbeben, Stürme, Uober- 
schwemmungen, Kriege und infolge davon Hungers- 
nöte, Tor allem aber die Pest lasten sdiwer auf den Ländern 
mid losen die geseUschafüichen Bande ^'). Die nähere Be- 
rährong mit den innerasiatischen Ländern hatte den 
europäischen Völkern die gefährliche Krankheit gebracht, 
welche seither als „Schwarzer Tod^* den Schrecken der Leute 
bildetei Schon im 13. Jahrhundert geht in der Donaagegend 
der ,,gr08se Sterb^^ herum; so im JaJhre 1235, als die Donau 
weite Gregenden überschwemmt hatte und der blutige Krieg mit 
Herzog Friedrich dem Streitbaren von Oesterreich tobte. 
Am schlimmsten aber trieb es die Seuche seit dem 14. Jahr- 
hundert Im Jahre 1347 erscheint sie in Messina, Marseille 
nnd anderen Hafenstädten des Mittelmeers, im Jahre 1348 
wfitet sie in Spanien, Frankreich, Deutschland, England, im 
Jahre 1349 in Schweden, Norwegen, Polen, im Jahre 13Ö1 in 
Rnasland. In den Jahren 1348^1350 soll Europa 25 Mil- 
lionen Menschen durch die Seuche yerloren haben. Die 
Kranken starben in der Regel binnen 3 Tagen nach dem 
Erscheinen der Pestbeulen. Allgemein sah man die Seuche 
^ göttliches Strafgericht für den damaligen Uebermut der 
Mensdien an — wohl nicht mit Unrecht, denn ein lieder- 
lidiGres, unmässigeres Leben, als es jene Zeiten einer ein- 
seitig industriellen Entwicklung der earopäischen Völker mit 
ihrem ungesunden Hasten und Jagen nach Gewinn, äenuss 
nnd Sinn^ust gebracht hatten, war lange nicht mehr da- 
gewesen und wenn jeder Krankheitskeim seinen Nährboden 
biaacht, so hatte die Menschheit damals jedenfalls ihr 
Mißlichstes gethan, um diesen Nährboden zu schaffen. Nach 
der aügemeinen Anschauung der Zeit war die Einschleppung 
der Seudie durch die Juden erfolgt, welche damals in 
grosser Anzahl aus anderen Ländern wie Frankreich, Eng- 
land, namentlich aber aus dem Osten, aus den slayiscben 
Landern, nach Deutschland hereinströmten und den be^ 



»' 



) Gemeiiier, Begenilrarger Chronik, Bd. 1, S. 385 f. 



— 10 — 

kannten Schmutz mitbrachten, so dass die Ansicht eit- 
stand, sie haben die Brunnen Ter giftet. Auch Ulm 
wird damals Ton der Seuche hart betroffen; so wütet 
im Jahre 1350 ein grosser „Sterbet*^ in der Stadt, so dass 
täglich manchmal 100 Mensdien dahingerafft werden und der 
Totengräber Wechteler mit seinen I^echten kaum fertig 
wird, und im Jahre 1357 wütet der Sterb im bayerischen 
Donauland; die Leute bekommen Drüsengeschwülste und 
Schwindel im Kopf und sterben am dritten Tag^). Gleich- 
zeitig kommt an Martini 1357 ein Erdbeben, das 8 Tage 
lang währt und wie das vom Jahre 1349 die Menschen in 
Schrecken und Angst jagt'^). Der tiefe Ernst solcher Zeiten 
war es denn auch, welcher das Aufkommen jener Sekte 
yeranlasste, welche den gewöhnlichen kirchlichen Sühnungs- 
mitteln zum Trotz und im Widerspruch mit der Kirche 
durch Geisselungen und Geisseiaufzüge den Zorn 
Gottes yersöhnen wollte. Unter dem Läuten der Glocken 
zogen die Geissler mit prächtigen Fahnen in ihren rotbe- 
kreuzton Mänteln und Hüten in die Ortschaften ein, geisselten 
sich bis aufe Blut, sangen ihre Lieder und predigten von der 
Rache des Himmels ^^. Neue Gedanken durchzucken das Volk; 
Bettelorden und Predigermönche dringen Ton allen 
Seiten herein und ein schneller Uebergang yom Un- 
glauben zum Glauben Tollzieht sich im Herzen 
des schwergeprüften deutschen Volksgemüts. 
Man sieht ein, dass es mit der herrschenden allgemeinen Un- 
ordnung nicht weiter gehen kann und darf und ist ernstlich 
bestrebt, durch Ordnungen und Gesetze dem aUgemeinen 
Wirrwarr zu steuern**). 

Nicht zum wenigsten war es bei der damaligen Entwick- 
lung dem Einfluss des Judentums zuzuschreiben 
gewesen, wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse 
schwer notgelitten hatten. Hatten die Juden seither 
den Kleinhandel in den Städten fast ausschliesslidi in 
ihrer Gewalt gehabt, so hatten sie jetzt angefangen, den hie- 
durch erworbenen Ileichtum durch wucherische Geld Ver- 
leihungen weiter zu vermehren; die hiedurch erzeugten 
wirtschaftlichen Krebsschäden waren es denn auch, welche 
das Vorgehen der scholastigen Theologen gegen das 
Grosskapital und das Zinsen nehmen heryorrief, so 
dass es schliesslich zu Vermögensbeschlagnahmen, entehrenden 
Strafen und Hinrichtungen wegen Wuchers kam'^). Welche 

*^) Sebastian Fiflcher'a Chronik, S. 109. Manuskr. Manchen. Beichs- 
archiT. 

") Gemeiner, Regenabniiger Chronik, Bd. 2, 8. 102. 
«^ St&lin Wirteml)erfi;i8che Oeachichte, Bd. 3, S. 246. 
s^ Gememer, Regenaburger Chronik, Bd. 1. S. 895. 
*«) Flacher, I>eatache HandelageKhichte, Bd. 8, S, 8 iL 



— 11 — 

SteUnog ab Geldmacht die Jaden im 13. Jahrhundert 
einnehmen, erhellt z. B. ans der Bestimmung des Ulmer Stadt- 
rechte Tom Jahre 1274, dass anerkannte Pfandrechte so- 
fort bei den Juden sicherzustellen soien'^). Christ- 
liche Banken kommen also damals in Ulm überhaupt 
nicht in Betracht So steigert sich der Groll weiter Be- 
TÖlkerungskreise g^en das im Lande lebende fremde Volk 
nnd die Klagen gegen dasselbe werden immer allgemeiner. 

Die Vorwurfe, welche man gegen die Juden namentlich 
seit dem Ende des 13. Jahrhunderts Torbrachte, waren mannig- 
&dier Art. Das Volk erklärte, sie haben Hostien in Mörsern 
zeretossen, sie haben den Heiland und die Lehren der christ- 
lichen Kirche Terhöhnt, sie haben unmündige Kinder zu rituellen 
Zwecken grausam gemartert und getötet Der Hauptbeweggrund 
bei dem Vorgehen gegen die Juden waren natürlich nicht diese 
wohl TieUach erfundenen oder stark übertriebenen Beschul- 
digungen, sondern die wirtschaftliche Triebfeder der 
Selbsterhaltung. So geht gleich der erste Landfrieden 
des grossen Rheinischen Bunds thatkräftig gegen den 
Wacher der Juden Tor, indem er in § 26 yerordnet, dass 
kein Jude künftig von 10 Pfund kölnisdier, hällischer oder 
etnssburgischer Währung wöchenüich mehr als 2 Pfg., also Ton 
2400 Hallem jährlich 104 Häller oder rund 6 Piozent, oder 
wenn das Darlehen auf ein Jahr geschehen sei, mehr als 
4 Unzen jährlich an Zins solle nehmen dürfen '*). Die Folgen 
dieser gesellschaftlichen, gesundheitlichen und wirt- 
schaftlichen Vorschriften zeigen sich auch alsbald. 
So bauen sich z. B. im Jahre 1290 die Juden in Augsburg 
eine eigene Badeanstalt und ein eigenes Gesell- 
Bchaftshaus und wie unbehaglich es schon damals den 
Juden auch in Deutschland wurde, beweist, wenn wir sehen, 
wie im Jahre 1290 sich die Juden in Augsburg erbieten, 
zum Dank für den guten Sdiutz, den sie während der Ver- 
folgnngen der letzten Zeit seitens der Bürger von Augsburg 
genossen haben, einen Teil der neuen Augsburger Stadt- 
mauer auf ihre Kosten bauen zu lassen und im 
Jahre 1308 die Augsburger Juden yersprechen, dem dortigen 
Bat in zwei Zielem ÖOO Pfund Augsburger Pfennige zum Dank 
fnr den guten Schutz zu bezahlen, den ihnen dieser habe 
angedeihen lassen. Um dieselbe Zeit hat die Augsburger 
Judongemeinde das Recht auf eigenes Siegel, wie das 
anch in Ulm später durchw^ der Fall ist, woraus man 
die geachtete Stellung derselben ersieht Schon im Jahre 1247 
hatte es einmal in Augsburg Streit zwischen König Konrad 



12 PmasI, UlmiicteB JlrkmdeiibDch, 8. m 



, Fisdier, Deutsche Blandelsgeschichte, Bd. 1, S. 402 nnd 888 f^ 
Bi 2, S. 100. 



— 12 — 

Ton DentBchland, dem Sohn Kaiser Friedrichs IL, der sich 
damals riel aaf dem Eönigsschloss Gonzlech an der Ledi- 
mündnng anihielt, und der Stadt Augsburg wegen der Be- 
steuerung der Augsburcer Juden gegeben und König Konradin 
befreite im Jahre 1266 die Angsburger Juden gegen eine 
Aversalsimime auf 5 Jahre von allen weiteren Yerpflichtungea 
gegenüber der Beichskammer'^). Gegen Ende des 13. Jahr- 
hunderts mehren sich denn auch die Angriffe auf die Juden. 
Im Jahre 1287 werden in England die dort wohnenden 
16,000 Juden wogen Falschmünzerei des Landes Ter- 
wiesen und ihr Vermögen wird vom Staate einge- 
zogen und nicht besser geht es ihnen in Frankreich, 
Spanien und anderen Ländern. Durch dieses Einschreiten 
g^en die Juden, namentlich in Frankreich, wo im Jahre 
1242 24 Wägen mit talmudischen Schriften verbrannt und die 
Juden im Jahre 1306 durch König Philipp IV. ausgewiesen 
werden, dann wieder zurückkehren dürfon, um im Jahre 1320 
von den wirtschaftlich schwer bedrohten Bauern und Schäfern 
zu Hunderten erschlagen zu werden *^), und das Vorgehen gegen 
sie in anderen Ländern nehmen die Juden damals in Deutsch- 
land sehr stark zu. Grösseren Umfeing erreichten die 
Verfolgungen der Juden in Deutschland erstmals im Jahre 
1298, wo das Volk sich namentlich in den schwäbischen 
und fränkischen Städten, in Würzburg, Nürnberg, 
Rotenburg an der Tauber, Amberg, Neumarkt und 
anderen Städten gegen sie erhoben hatte, während es ihnen 
in Regensburg und Augsburg glimpflicher ergangen 
war. Immer mehr beginnt man jetzt, auch bei den Juden das 
Nehmen Ton Zinsen, das seither nur den Christen yerboten 
war, thunlichst einzuschränken oder durch Zinsennachlassnngen 
Bewncherungen seitens der als allmächtige (reldherren schal- 
tenden Juden auszugleichen. So schreibt am 10. März 1300 
König Albrecht Ton Oesterrcich von Heilbronn aus dem 
„pontifex^* der Juden, allen Juden des Reichs und nament- 
lich dem Ananias, dass das Klostor Eberbach TOn allen Zinsen 
über die Hauptschuld befreit und etwaige darauf bezügliche 
Bürgschaften rechtsungültig sein sollen '*). 

Mit der zunehmenden Verschuldung dos Reichs seit dem 
14. Jahrhundert werden wie alle anderen Reichsgetälle, z. B. 
die alljährlichen Roichssteuern der christlichen Bürger 
der Reichsstädte, die Erträgnisse der Reichsmünz- 
stätten, der Reichszölle, der Gerichtsgobühren, der 
Reichsweinsteuer (Umgeld), auch die Roichssteuern 
der Judengemeinden in den einzelnen Reichstädten ein 

'^ Stetteo, Augsburger Chronik, 8. 64, 75, 79 f., 84 f. and 89 f. 
^) Zimgibf, Bayerische Handeligeichichte, 8. 589. 
**) Böhmer, Acta imperii, 8. 402 t 



- 13 - 

beliebter VerpfändnngBgegenstand der deutschen Baiduh 
kammer und wie die chnsüichen Reichsstädtebürger haben 
auch die Jadengemeinden unter diesen Yerpfandangen yiel sn 
leiden. So erlässt am 20. März 1312 König Heinridi von 
Lnxembnig von Pisa aus dem Beichslandvost Konnid von 
Weinsberg und dessen Sohn Eonrad ihre Schulden bei den 
Juden, weist ihnen 300 Pfund Hbr. vom Ertrag der jährlichen 
Jadensteuer ihrer Beichslandvogtei an und bestätigt ihnen die 
Veipfändung der Reichsstadt Weinsberg unter Erhöhung der 
seitherigen Pfandsumme, damit sie dem Grafen Eberhard dem 
Erlaochten von Wirtemberg und anderen Reichsfeinden besser 
Widerstand leisten können ^. Die Folge einer solchen Erlassung 
TOn Jndenschulden seitens des Reichs ist selbstverständlich 
nicht, dass damit die Juden der betreffenden Stadt ihres 
RechtBanspruchs yerloreu gehen, sondern nur, dass ihnen an 
Stelle des seitherigen landesherrlichen Schuldners das Reich 
als Schuldner gegenübersteht, so dass die Sache that- 
Schlich auf ein Zwangsanlehen des Reichs bei den betreffenden 
Judengemeinden hinauskommt So ist im Jahre 1323 der 
Ertrag der Reichssteuer der Regensburger Judenge- 
meinde seitens des Reichs an die Herzöge Heinrich, Otto und 
Heinrich von Bayern verpfändete^) und am 10. November 1324 
Terpfandet in Donauwörth König Ludwig der Bayer den Grafen 
Ludwig und Friedrich von Oettingen für 1000 Pfd. Hb:., 
welche ihnen das Reich für Kriegsdienste schuldig ge- 
worden ist, die Erträgnisse der Reichssteuern der Juden- 
gemeinden von Ulm und Nördlingen"). Am 30. Dezember 
1324 vapfandet König Ludwig der Bayer dem Ulmer Bürger 
Heinrich Bot den Ertrag der Korngülten und der Reichs* 
Steuer der Judengemeinde der Stadt Lauingen'^; am 
30. September 1326 bescheinigt König Ludwig der Bayer der 
Jndengemeinde in Donauwörth den Erhalt von 100 Pfd. 
Hlr. als für 2 Jahre vorausbezahlte Reichssteuer und ende 
des Jahres 1326 weist König Ludwig der Bayer den (Ge- 
brüdern 6ü8S in Leipheim den Ertrag der Reichssteuer der 
dortigen Judengemeinde als Zahlung für Kriegsdienste an"^); 
im Jahre 1333 erhebt der Rat von Regensburg bei der 
dortigen Judengemeinde in seiner und des Reichs Geldnot 
eine Benötigung von 1000 Pfand Pfennigen, nach deren Be- 
zahlung Kaiser Ludwig der Bi^er und die bayerischen Her- 
zoge beurkunden, dass es künftig bei der gewöhnlichen, auf 
Hutini falligen Jahresreichssteuer der Ro^msburger Juden- 

"^ Böhmer, Acta imperii, S. 451. 

**) Gemeiner, B^;ensbarger Chronik, Bd. 1, S. 528 f. 

") Baiing und Veesenmeyer, Ulmer Urkandeoboch, Ifakpt 

2 Sttlin, Wirtembergitehe GeMhichte, Bd. 8, B. 167. 

**) üayer, Oeachichte Ton Laningeo, 8.12. 



— 14 — 

gemeinde von 200 Pfand Pfennigen sein nnahanderK 
Bewenden haben solle '^). Dass es in dieser Beziehung den 
christlichen Städtebiirgern kein Haar besser gieng, 
dass auch diese seitens der Reichsgewalt und der 
landesherrlichen Vögte xl s. w. bei jeder Gelegen- 
heiten geschröpft wurden, um die Kosten for die end- 
losen Kriegszüge zu bezahlen, ist durch Hunderte Ton 
Beispielen erwiesen. Wie traurig es damals mit den 
wirtschaftlichen Verhältnissen der städtischen GemeinweKn 
bestellt war, sehen wir, wenn in den Jahren 1311 und 1318 
die Reichsstadt Esslingen den König Ludirig wiedeiholt 
darum angehen moss, ihren Bürgern auf 2 Jalu^ Stundung 
ihrer Schulden bei den Juden zu gewähren, damit sie ihre 
Verhältnisse wieder in Ordnung bringen können, worauf ihnen 
dann der König die Gnade bewilligt, dass die Juden in seinem 
Machtgebiet wegen Forderungen , die sie an Esslinger Burger 
haben, bis Martini 1317 kein Klagrecht haben sollen'*). So 
mehrt sich z. B. im Jahre 1315 in München die dbrtige 
Jadengemeinde in seither nicht gekannter Weise und da die 
Art und Weise, wie die Mitglieder dieser (xemeinde ihr Ge- 
werbe betreiben, den Bürgern von Mündien grossen Nachteil 
bringt, so schränkt König Ludwig der Bayer die der dortigen 
Judengemeinde zustehenden FreUieitsrechte in der Art ein, 
dass er den Bürgern von München das Recht gibt, ihrer 
Jndengemeinde gegenüber alle jene Rechte geltend zu machen, 
welche die Bürger von Angsborg gegenüber der dortigen 
Judengemeinde haben ^^. Wie sehr vollends die Fürsten selbst 
in den Händen der Juden waren, ersieht man z. B. 
daraus, dass zur Zeit Ludwigs des Bayer die Kleinodien des 
Hauses Abensberg in den Kästen der Truhen der Juden 
von Regensburg verpfilndet liegen'^). Auch die Städte- 
yerwaltungen sind durchweg des Judengeldes dringend 
benötigt; so hat z. B. im Jahre 1368, ab in Augsbui^g der 
Aufstand der Handwerkergemeinde ausbricht, die Stadt eine 
Schuld bei den dortigen Juden von 2000 Gulden**), auch die 
Stadtgemeinde Strassburg steckt damals in erschwerter Weise 
in den Taschen der Juden'*), wie im Jahre 1369 am Ende des 
verderblichen Kriegs um den Besitz von Tirol die bayerische 
Rentkammer völUg leer und das Land mit Judenschulden 
belastet*^) und der Ertrag der Ulmer Thorzölle im Jahre 1369 
an die Juden von Ulm verpfändet ist^^). 



*^ Gemeiner, Regentbnrger Chronüt, Bd. 1, S. 565 u. Bd. 2, S. 165. 

'^) Böhmer, Acta imperii, S. 488 f. 

*^ Zimgibl, Bayerische Handelsgeschichte, 8. 589. 

s«) Stetten, Augtbarger Chronik, S. 118 f. 

**) Glosener, Strassburger Chronik, B. 107. 

*•) Jftger, Ulm, S. 870. 



— 15 — 

2) Die JJlmm Jndengtnieiiide des U. Jibrhimdertt bis 

zum JndeBknirftU toh 1S48. 

Die erste Nachricht, die wir Ton den Ulmer Juden im 
14. Jahrhundert erhalten, stammt aus dem Jahre 1316. Auch 
in Ulm toben damals wie überall in den Städten die Kämpfe 
w^en der Steu erpflicht der Bewohner. Auch um die 
Ulmer Altstadt, um die befestigte Wohnstätto der „inneren 
Bürger,^^ hat sich längst ein dichter Kreis von Gebäuden gelegt, 
deren Bewohner als nicht zum politischen Bezirk der Altstadt 
gehörig Immunität oder Freiheit Ton den städtischen Diensten 
und Lasten geniessen; auch Ulm mit seinen Klosterhöfen, 
seinen Geschlechterburgen, seiner Deutschordenskommende 
besteht aus einer Reihe von selbstständigen oder inununen 
politischen Körperschaften, tou denen jede ihre eigene hof- 
rechtliche Verwaltung hat, und je mehr die gemeinsamen An- 
forderungen bei der zunehmenden Herausbildung städtischen 
Lebens wachsen, je mehr die Ulmer Stätte aus einem Konglomerat 
Yon Einzelhöfen zum städtischen Gemeinwesen sich heraus- 
gestaltet, um so schwerer wird es, die gemeinsamen Interessen 
unter einen Hut zu bringen. Um der zunehmenden Grund- 
steuerlast zu entgehen, beginnen die notleidenden altfreien 
Geschlechter der Stadt, ihre Liegepschaften an die steuerfreien 
kirchlichen Körperschaften der Stadt zu übertragen und die- 
selben dann von den letzteren als Lehen zurückzunehmen, 
wodurch die Güter aus der Steuer kommen; zu den Bedürf- 
nissen der Stadt trug eben nur derjenige bei, welcher von 
dem Marktrecht Gebrauch machte, d. h. Gewerbe und 
Handel trieb, der Hausbrauch des Marktgenossen, des im 
Marktverband Befindlichen ist steuerfrei, die Steuer ist eine 
Last, die auf dem Gewerbebetrieb ruht, sie ist ein Entgelt 
für das Marktrecht ^). Schon Kaiser Rudolf verbietet desshalb 
auch im Jahre 1291 den geistlichen Körperschaften, künftig 
in den dem Reiche gehörigen Städten weitere Ghrundstücke zu 
kaufen, und bestimmt, dass die geistlichen Körperschaf ten von 
allen Grundstücken, welche seit Uebergang der einzelnen Orte 
an das Reich von ihnen erkauft worden seien, die Reichssteuer 
zu bezahlen haben sollen^, und auch ftir Ulm erlässt Kaiser 
Albrecht von Oesterreich am 17. Juni 1300 ein Gesetz, nach 
dem künftig alle Güter, welche seither Steuer bezahlt haben, 
diese auch dann bezahlen sollen, wenn sie an geistliche Körper- 
schaften übergehen, und alle Güter von Personen, die ins 



^) Fischer, Deutsche Handelsgeschichte, Bd. 2, S. 106. Jftger, Ulm, 
S. 855 ff. Pressel, Ulm. Urkundenbnch, 8. 84 f., 95 and 248 f. Weyer- 
nttn, Nachrichten, Bd. 2, 8. 288. 

^ Böhmer, Acta imperii, 8. 864 f. 



- 16 — 

Kloster gehen, binnen Jahresfrist an Dimer Bürger zu yer- 
kaufen sind, da nnr solche in Ulm Liegenschaft besitien 
können *). 

limRSt war es anch in Ulm eine HauptUage der 
Burger der Altstadt, dass TOr den Mauern der zu eng 
werdenden Stadt immer grössere Vorstädte entstanden waren, 
deren Besitzer nicht an den öffentlichen Lasten teilnahmen, 
und das Bestreben der Bfirger gieng desshalb dahin, das Recht 
zur Besteuerung dieser Vorstädte und ihrer Freihöfe zu er- 
langen, sie in den politischen Bezirk der Stadtrerwaltniig 
einzuziehen. Diese Freihöfe ausserhalb des alten Mauerrings 
gehörton teils altfreien Edelleuten, wie den Krafften, welche 
ihren Hof an der Stelle des Amtsgerichts und des Nübling'schen 
Hauses hatten, oder den Roten und den Strölin, oder es waren 
Klostcrhöfe wie der Hof des Benediktinerklosters Beichenau 
auf dem grünen Hofe, des Cisterzienserklostera Salmannsweiler 
beim Krenprinzen, das Augustinerkloster zu den Wengen beim 
Blumenschein, die Deutsdiordenskommende am Blaueinfluss, 
das Barfässerkloster auf dem Münsterplatz am Löwenthor 
mit der Sammlung der Franziskanerinnen, der königliche 
Stadelhof oder das Dienstgut, das „Gebröde*' des Reichs- 
amtmanns oder Roichsschultheissen der Stadt, der heutige 
Weinhof, der Judenfreihof, d. h. der Dienstsitz der Ver- 
waltung der königlichen Ulmer Judengemeinde, der Spital- 
freihof und seit neuester Zeit ri318) das Kloster der Predigor- 
mönche auf dem grünen Höre. So gestattet König Ludwig 
am 23. November 1331 der Stadt Bopfingen, ein Oesetz zu erlasse 
demzufolge niemand vor ihren Mauern einen Bau errichten 
durfte, ohne dass er sich verpflichtete, die gleichen Lasten an 
Steuern, Wachen u. s. w. zu tragen, wie die Bürger in der Stadt 
selbst^). Alle diese Besitzungen genossen ursprünglich Steuer- 
freiheitsrechte erheblichster Art gegenüber den Bewohnern der 
Innerstadt, welche einen sehr kleinen Raum umfasste, indem die 
Stadtmauer damals vom Löwenthore am Barfusserkloster, dem 
alten Gymnasium, die Langestrasse ^) hinunter nach dem grünen 
Hofe lief, wo das zweite Thor der Stadt, das Schnitzerthor, 
war, um dann der Donau und Blau folgend wieder den Lauten- 
berg hinauf sich an das Löwenthor zu ziehen. Alles andere 
war Vorstadt In der Löwenthorvorstadt, d. h. in der Hirsch- 
gasse bis zum späteren Glöcklerthor hinaus tl s. w., wohnten 
die Kaufleute, dann kamen gegen Norden die Freihöfe des Bar- 
fusserklosters , der Sammlungsfrauen, der Gisterzienser von 

*) Presiel, Ulm. ürkundenbuch, S. 265 f. Dieterich, Ulm, 8. 17a 
SchBud, Rötet Bach, Mgpt Ulm. Stadtbibl. Bl. 102. 

*) BtiUio, Wirtembo^Bche Geachichte, Bd. 8, S. Id5. 

*) „Vicas longuB.** VergL Veeaenmeyer, Tractatus frttrii Felicis 
Fabn, i. 19 ff. 



— 17 — 

• 

Bebenliaiiseii anf dem heutigen Schuliausplatze, dann der Juden- 
frailiof, der Krafitenhof, der Salmansweilerhof, das Ptediger- 
kloster, der Spitalhof, der Baichenauerhof u. s. w. Dass sich 
Ton allen diesen steuerbevorrechteten Gruppen der Hass der ge- 
werbetreibenden Bürger mit am meisten gerade gegen die Juden 
richtete, war begreiflich, da ihre Thätigkeit eben dem bürger- 
lichen Gewerbsmann am meisten zusetzte, womit übrigens 
nicht gesagt ist, dass der Kampf der Innerstädter gegen die 
Elosterhöfe und die Herrenhöfe ein weniger scharfer gewesen 
wäre; auch ihnen gegenüber &nd er sein Ende erst damit, dass 
diese Höfe sich a]Ue in den ToUen Burgverband auhidmien 
lassen mussten, und wenn die Ulmer im Jahre 1376 das 
Augostinerkloster auf der Wengeninsel beim Blumenschein aus 
Jortifikatorischen Gründen^* niederreissen ^) und die Mönche 
zwingen, in die jetzt erweiterte neue Stadt hereinzuziehen, 
wenn sie das den Grafen Ton Wirtemberg gehörige Schweig- 
hofen, das heutige Neuulm, und den ebenfalls unter gräflich 
wirtembergischer SchutZTOgtei stehenden Bebenhäuser Cüster- 
zienserhof und das Sammlungsstift dem „Munstarbau^* zu lieb 
unter lebhaftem Widerstände des Grafen Eberhard des Greiners 
niederlegen*^, so ist der wirtschaftliche Grund derselbe gewesen, 
wie bei der Zerstörung des Judenfireihofs: „Wer Marktrecht 
haben will, soll Marktsteuer, soll Gemeindesteuer 
bezahlen.^ Will der Jude in Ulm Geldhandel treiben, soll 
er nicht nur Beichssteuer, sondern auch Gemeindesteuer 
leisten, will der wirtembergische Unterthan in Schweighofen 
sein Eom verkaufen, will der Bebenhäuser Gisterzienser seinen 
Wein in Ulm vom Zapfen schenken ^, soll er auch das Umgeld 
bezahlen *). So ist das Vorgehen des damaligen Bürgertums in 
den Städten gegen die beyorrechteten Interessentengruppen nichts 
anderes als ein Kampf um die Rechtsgleichheit aller 
Bürger. Dass bei diesem siegreichen Kampfe das Judentum 
die schärfisten Hiebe wegbekam, hieng eben damit zusammen, 
dass in seinen Händen die bevorrechtigte grosskapitalistische 
Wucherpflanze ihre üppigsten Schösslinge gezeitigt hatte. 

Wie unangenehm man damals schon in vielen Städten 
die wirtschaftliche Uebermacht der Juden emp&nd, 
beweisen mannig&che Nachrichten. So erhält im Jahre 1337 

*) Bazing und Veesemiieyer, Uhn. Urkondenbnch, Mapt. 

^ Vergleich der Grafen Ton Wirtemberg mit der Stadt Ulm. Ur* 
Inmde vom Montag Tor Ambrosientag 1891; Kombeck in ,,Ulm-Ober- 
KhirabeD'*, 1877, 8.57 ff. Bazing a.yee8enme7er. Ulm. Urkondenb., Mspt 

^ Yeeaenmeyer, Tractatoa fratris Felids Fabri, S. 24 f. 

^ „Nee est hodie civitas in imperio, aadaeter dico, liberior quam 
UJnta, in qoa nulloB princeps, nnllus epiacopua, nalluB abbas qaicqoam 
babet niai gab cenau ciTitatia^ berichtet atola am Ende dea 15. Jahr- 
hunderts der Predigermench Felix Fabri Ton aeiner Heimatatadt Vergl. 
Yeeaenmeyer, Tractetoa, 8. 144. 

2 



— 18 — 

die Stadt Augsburg von Kaiser Ludwig dem Bayen 
die Erlaubnis, einige Juden, welche sich beim Kaiser mebrere 
für die Stadt Augsburg «ehr nachteilige FreiheitBrechie za 
yerschaffen gewusst hatten, so lange in Yerhaft zu nehmeo, 
bis die Augsburger Judengemeinde die hierüber vom KaiBer 
erhaltenen Briefe dem Augsburger Bat eingebändigt oder für 
deren Einhändigung Bürgschaft geleistet habe, und die kaiser- 
lichen Beauftragten in der Angelegenheit, Graf Berthold tod 
Neufifen, Heinrich von Gumppenberg, Peter yon Hoheneck, 
Beichslandvogt tou Augsburg, und Friedrich tou Freibetg 
verpflichteten sich infolge dessen der Stadt g^enüber, die tob 
ihnen auf Befehl des Kaisers gefänglich eingesogenen Joden 
nicht eher freizulassen, als bis sie der Stadt die betreffenden 
Trostbriefe herausgegeben oder andere genügende Sicherheit 
gestellt haben, und im Jahre 1340 sieht sidi die Stadt Augsburg 
infolge der grossen Unkosten, welche ihr Gemeinwesen bei den 
unruhigen Zeiten hatte, veranlasst, eine neue bessere Einrichtung 
des städtischen Haushalts vorzunehmen, welche hauptsächlich 
darin besteht, dass zur Befriedigung der Juden, hei 
denen die Stadt grosse Summen zu Gemeindezwecken 
aufgenommen hatte, ein Anlehen bei den Bürgen gegen 
Leibrenten aufgenommen wurde, und zwar in der Art, dass 
für 6 Pfund Pfg. 1 Pfand Leibrente verkauft wurda ^®) Aber 
nicht nur die Reichsstädte, auch die Landesherren sind 
damals den Juden grosse Summen schuldig. Im Jahre 1338 
nehmen die ekässisdien Städte Strassburg, Kolmar, Schlett- 
Stadt, Hagenau, Ehnheim, Rossheim, Mühlhausen, Eaisers- 
berg, Türkheim, Münster, Breisach und Neuburg die Juden 
gogen die Angriffe eines gewissen Amioder in Schutz ^^) und am 
27. März 1346 erlässt Kaiser Ludwig der Bayer in Marhach 
dem Grafen Eberhard dem Greiner von Wirtemberg und 
seinem Bruder, Graf Ulrich, alle Schulden, welche ihr Vater 
Graf Ulrich lU. bei den Juden in Kolmar und Schlett- 
stadt gemacht hatte, und gebot diesen Juden, welche 
im Bunde mit den genannten beiden Städten, deren 
Bürger sie waren, die Grafen von Wirtemberg 
durch Söldnerscharen mit Krieg überzogen hatten, 
diese Fehde einzustellen und die betreffenden Schuldver- 
schreibungen den Grafen von Wirtemberg auszufolgen. ^') Man 
begreift, wenn bei solchen Verhältnissen sich beim Hause 
Wirtemberg allmählich jener Hass gegen die Jaden heraus- 
bilden konnte, wie er sich später in dem bekannten Juden- 
testament Herzog Eberhards im Bart findet'^) 

>*) StetteD, Aagsb. Chronik, S. 98 und d8. 
") Fischer, DenUche Handelsgeschichte, Bd. 2, 8. 290. 
") SUÜiD, Wirtembergische Geschichte, Bd. 8, 8. 228. 
^*) Hersog Eberhard im Bart war bekanntlich ein grimmiger Feind 
der Jaden, die er in sttnem Testament die „nagenden Wfirmer am Banne 



— 19 — 

Zu diesem Zündstoffe, wie er sich seit dem Ende des 
13. Jahrhunderts immer mehr anhäuft, kommt seit dem Tode 
Kaiser Heinrichs von Luxemburg der Kampf der Hänser Bayern 
und Oesterreich um den Besitz der Reichskrone, weldier 
eine Zeit lang in der Markgrafschaft Burgau, der 
Gegend zwischen Augsburg und Ulm, spielt «Während Augs- 
burg und Esslingen von Anfang an fest zu Bayern stehen, 
halten Ulm und Konstanz bis zur Entscheidungs- 
schlacht bei Mühldorf und der 6e&ngennahme König 
Friedrichs des Schönen von Oesterreich am Hause Oester- 
reich fest und bei der Wichtigkeit Ulms fassen die Bayern 
desshalb den Plan, sich der Stodt durch einen Ueberfall 
zu bemächtigen, den sie am 20. April 1316 zur Ausführung 
bringen. Zweimal an einem Tage versuchen sie es unter 
Hilfe der in der Stadt vorhandenen bayerischen Partei, an 
deren Spitze die mächtige Geechlechterfamilie Kunzelmann 
steht, sich dar Stadt zu bemächtigen, ohne indess ihren Zweck 
zu erreichen, da es den Ulmem mit Hilfe des tapfem 
österreichischen Landvogts der Markgrafschaft Burgau, 
des Ritters Burkhardt von Erbach, und des Grafen Berg von 
Schelklingen gelingt, die Feinde wieder aus der Stadt zu 
treiben, wobei sich namentlich die Ulmer Mamer- oder Woll- 
kämmerzunft tapfer geschlagen hatte. Bei diesem bayerischen 
Anschlag nun war es ein Jude gewesen, mit dessen Hilfe es 
den Bayern gelungen war, in die Stadt einzudringen ^^), womit 
indess nicht gesagt ist, dass die Juden damals mehr zu 
Bayern als zum Hause Oesterreich gehalten haben, wie z. B. 
König Ludwig der Bayer, nachdem er am 24. November 1315 
der Stadt Esslingen die Bürgschaft, welche sie gegenüber 
den Juden von Ueberlingen eingegangen hatte, erlassen 
hatte, am 31. Januar 1316 die Esslinger von allen Schulden 
und Bürgschaften g^en diejenigen Juden befreit, welche 
sich auf die Seite der Oesterreicher gestellt 
hatten.") 

Die nächsten beiden Nachrichten, welche wir von der 
Ulmer Judengemeinde haben, stammen aus den Jahren 1324 

des Yolkswohls'* nennt und betreffs derer er allen seinen Nachfolgern zw 
Pflicht macht, keinen derselben im Lande zn dulden. Vergl. Zimmer- 
mann, Wirtemb. Geschichte, Bd. 1 S. 860. Man hat bei Bearteilong 
dieses Anssprachs selbstrerst&ndlich die Zeit schärfster wirtschaft- 
licher Oegensfttse an berücksichtigen, in welcher der betreffende Fflrst 
lebte. 

^) Anonyme Chronik, yergl. Pressel in Yerhandl. des Vereins fdr 
Konst- and Altertum. 1870, S. 42, Hertenstein, De Ulma, 8. 15. Stetten, 
Angsborger Qeschlechtergeschichte, 8. 118 f. Erlanger Univ. Bibl. Cod. 
man. Nr. 855. 8t&Un. Wirtemb. Geschichte, Bd. 8, S. 145. Jäger, Ulm, 
8. 141. Weyermann, Nachrichten, Bd. 2, S. 57. Basing nnd Yeesenmeyer, 
Ulm. ürkundenbnch, Mspt. 0>Jadaeo perfido ipsis aioiliante.*') 

") Stalin, Wirtembergische Geschichte, Bd. 8, S. 146. 

2* 



— 90 — 

und 1331. Am SO. Dezember 1324 Terpfandet König Li^wig 
der Bayer den beiden Grafen von Oettingen, wddie ihm 
bei der vorhergegangenen Bekgerung Ton Bnrgau Kri^gB- 
dienste geleistet hatten, zur Entschädigung ihrer Analagra 
den Ertrag der Reichssteuer der Ulmer Judenge- 
meinde ^*) und am 9. Februar 1331 schenkt Kaiser Ludwig 
der Bayer in Nürnberg dem Edelmann Berthold, Grafen Ton 
Graisbach und Bfarstetten genannt von Neuffen, seinem lieben 
Heimlichen, dem damaligen Lehensherm der Stadt Ulm, und 
allen seinen Erben als rechtes Eigentum das Judenhaus 
in der Judengasse zu Ulm, das er früher dem Ulrich 
Kunzelmann gegeben hatte, so dass Neuffen und seine 
Erben dasselbe innehaben sollen und damit alles sollen 
thun dürfen wie mit ihrem eigenen Gut^^ Audi in 
Ulm besteht also damals wie in yielen anderen Sädten neben 
der christlichen unter einem Kapitän, Bürgermeister oder 
Oberzunftmeister stehenden Bürgergemeinde eine eigene ,fJuden- 
gemeinde'S welche sicherlich schon damals sehr umfang- 
reich gewesen ist. Die Zeiten in Ulm waren damals sehr 
bewegte. Hatte die Stadt bei den Kämpfen der beiden Gegen- 
könige, welche ihren Streit teilweise in der unmittelbaren Nähe 
der Stadt, in der österreichischen Markgrafschaft Burgau 
hatten, bis zur Entscheidungs-Schlacht bei Mühldorf am 
28. September 1322 unter Führung ihres Reichsamtmanns 
Heinrich von Hall fest zu Oesterreich gehalten, so trat 
jetzt der grosse Umschlag ein und nach den Kämpfen um 
die Feste Burgau im kalten Dezember 1324 und im Januar 
1325 hatte sidi König Ludwig mit den Ulmem verständigt, 
er hatte den Ertrag des Ulmer Reichsamtmannnsamts 
gegen ein Darlehen von 400 Pfund Häller auf 6 Jahre an 
den Ulmer Bürger Heinrich Bot verliehen und am 17. März 
1325 hatte der österreichische Landvogt von Burgau, Bitter 
Burkhard von Erbach einen einjährigen Waffenstillstand mit 
Bavem abgeschlossen, währenddessen die bekannte Aus- 
söhnung mit Oesterreich und die Freilassung König 
Friedrichs aus Schloss Trausnitz in der Oberpfalz erfolgt 
war. In Ulm war die bayerische Partei Herr geworden und 
mit ihrer Hilfe war es der Familie Kunzelmann gelungen, 
den bayerischen Parteigänger Ghrafen Werdenberg von Albeck 
unter dem heftigsten Widerstände der Oesterreicher zum 
Reichslandsvogt in Oberschwaben zu machen, und das Ulmer 
Reichsamtmannsamt war dem Ulrich Kunzelmann zugefallen, 
wie dieser auch vom Reich ein diesem zugehöriges Judenhaus 
in der Judengasse zu Lehen erhalten hatte. Die österreichisdien 

^') Baiing d. VeeMnineyer, Ulm. Urkondenbacb, Mspt Jftger, Ulm. 
im Mittelalter, 8. 22S. 

«*) Badiig und Vecienmeyei, Ulm. Urkondenbucb, Mspt 



— 21 — 

Familien der Rote, Krafit, Strölin, Hall n. 8. w. aber waren ans 
der Stadt vertrieben worden, wobei ee nicht ohne Totschläge, 
Niederxeissen Yon Hausem n. s. w. abgegangen war und der Land- 
friede in schwerster Weise notgelitten hatte, bis am 4. Oktober 
1330 der Kaiser nach der Rückkehr von Italien ein grosses 
ostschwäbisch -bayerisches Landfriedensbündnis veran- 
staltet hatte, zu dessen Hauptmann der Graf von Neuffen 
ernannt worden war. Zur Ausgleichung für seine 10,000 Pfd. 
Hallar betragende Fordemug an die Reichskammer hatte so- 
dann dieser Reichsbeamte, einer der vertrautesten Räte des 
Kaisers und Statthalter von Lombardien, denn auch am 9. Fe- 
bruar 1331 vom Reiche den Ertrag der Ulmer Reichs - 
Steuer und am 20. September 1332 den Ertrag der Augs- 
burger Reichssteuer verpfändet erhalten"). Da derlei Ver- 
pfändungen in der Regel darauf hinausliefen, dass die be- 
treffende Stadt den Pfandschilling bezahlen musste, war es 
in Ulm zu ernsten Aufständen gekommen, die damit geendet 
hatten, dass am 27. Februar 1331 Kaiser Ludwig in R^gens- 
burg den Ulmem die Totschläge, Häusereinreissungen und 
andere Landfriedensvergehen der letzten Zeit in Gnaden verzieh 
und bestimmte, dass künftig über das Vermögen der Gemeinde 
vom Reiche nur noch mit deren Einwilligung solle verfugt 
werden dürfen^*). Es war denn auch im Interesse des Friedens 
und Wohlergehens des Fleckens eine lautere und ewige Sühne 
zwischen den äusseren und inneren Bürgern desselben zu- 
stande gekommen und bestimmt worden, dass beide künftig 
wieder wie früher einen Teil bilden sollten, worauf am 
29./30. Mai 1331 der Kaiser bestimmt hatte, dass alle Briefe, 
welche seither, so lange der Bürgor Kunzelmann die Gewalt 
in der Hand gehabt hatte, ausgestellt worden waren, rechts- 
ungültig sein sollten, sofern sie nicht die rechtskräftige Zu- 
stimmung der Gemeinde gefunden hatten. Die Führer beider 
Parteien aber waren wegen Landfriedensbruchs nach München 
gebracht und ihr Vermögen mit Beschlag belegt worden und 
am 18. Juni 1332 hatte der Kaiser in Donauwörth die seit- 
herige Pfandschaft des Grafen Neuffen auf den Ertrag der 
Ulmer Reichssteuern in eine regelrechte Beleihung bis 
zum Tode des Kaisers verwandelt Die Folge waren neue 
Aufstände in der Stadt, die der Graf mit Gewalt unterdrückte 
und am 8. Mai 1333 war die Stadt dem Reich au& neue 
unterworfen, die seither bestandene Zunftverfassung wurde 
aufgelöst, die Erneuerung von Rat und Gericht in die 
Hand des Reichspflegers Ghrafen Neu£Fen gelegt und 
diesem das Recht eingeräumt, eine Burg in der Stadt zu 

**) StftÜD, Wirtembergische Geschichte, Bd. 8, 8. 192. Nübling, Ulnu 
Eanlhaai, 8. 106 f. 

«•) Böhmer, Acta imperii, S« 606. 



— 32 — 

baaen and aber die Thonchltiflsel und die Stnnn^kMke lu 
gebieten. Die Häupter dee Aufistands aber, die 5 Brüder 
Uran egg (Graniggel), mufisten Urfebde schwörtti und die 
Geecblediterfamilien der Rote, Hall, Strölin, Gossold, 
Rammingen, Koprell (Kapoll?)und Obser miusten Büig- 
schaft nach GeiBselschaftarecht steUeo« Am 16. November 13^ 
endlich war ein neuer Vergleich zwischen der Stadt und ihrem 
Reichepfleger zustande gekommen, nach dem der Reichfisteuer- 
betrag deroelben ein für allemal auf 750 Pfund Häller kon- 
tingentiert und das Ulmer Reichsamtmannsamt, das dem 
Bürger Kunzelmann abgenommen worden war, mit allem, waB 
dazu gehörte, dem Grafen Neuffen bis zum Tode des Kaisen 
verbleiben sollte. Wie wenig die Ulmer Bürgerschaft mit 
der damaligen Reaktionszeit einverstanden war, zeigen die 
fortwährenden Aufstandsversuche derselben gegen ihren Rüdis- 
pfieger, wie z. B. am 4. Juli 1336 der Amtmann, der Rat ond 
die Gemeinde bestinunen, dass jeder, der künftig wieder gegen 
den Willen von Kaiser oder Reiohspfl^er und Rat „Auf- 
werfungen, Aenderungen oder Stösse^' mache, als Aechter und 
schädlicher Mann behandelt werden und sein Gut halb d^n 
Reiche, dessen Reichslandvogt und der Gemeinde zu ilirem 
Feetungsbau verfallen sein, die andere Hälfte aber seinen 
Leibeserben verbleiben solle '^. 

Man findet solche Ueberlassungen von dem Reiche 
gehörigen Judenhäusern damals mannigfach. Die Juden 
sind Sd^utsguden, welche ohne in den Gremeindeverband 
aufgenommen zu sein in gemeindesteuerfreien Reichsgebänden 
wohnen und hiefur als Hintersassen des Reichs der Reichs- 
kammer einen Zins als Lehensleute bezahlen *^). Der Jude kann 
wie der Handwerker das volle Bürgerrecht erhalten, wenn er 
in Grund und Boden angesessen ist. Dann ist er nicht nur 
Schutzbürger, sondern Yollbürger, er kann aber auch lediglich 
als Zinsmann auf fremdem Grund und Boden wohnen, dann 
ist er Hintersasse des betreffenden Grundbesitzers und steht 
im Schutze seines Patrons. So weist im Jahre 1084 der 
Bischof von Speier den Juden Land zur Ansiedlung an, so 
stellt im Jahre 1184 in Würzburg der Jude Yivis sein Haus der 
besseren Sicherheit halber und um das Marktrecht (gratia) zu 
erhalten, gegen Zins in den Schutz einer geistlichen Stiftung'*). 
Der Jude wohnt also in diesem Falle auf königlichem Grund 
und Boden oder auf dem Boden eines andern Grundherrn 
und die Judengasse oder der Judenfreihof gehört dem 
Reiche und erst mit der Abschaffung der Hörigkeit und 

*^ Bazing o. VeeBenmever, Ulm. ürkondenbach, Mspt. Stiülin, 
Wirtembergiiche Geschichte, Bd. 8, 8. 196 f. 

'^ Mauxer, Deutsches St&dtewesen, Bd. 2, S. 232 und 239. 
^ Maurer, Deutsches St&dteweseo, Bd. 2, S. 499 und 601. 



— 28 — 

der Aendenmg der Schatzhenschaft kommen alle Hinter- 
sassen unter den Schatz der Stadt und werden Beisitzer der- 
selben *'). So bestimmt z. B. das Ulmer Stadtredbit vom 9. August 
1296, dass Bürger, welche einem andern Bürger eigen seien, 
ihrem Herrn alljäJirlich an Martini 12 Pfennige bezahlen 
sollen, wogegen beim Tode des Eigenmanns die Erben des- 
selben zur Leistung eines „Sterbegelds^' oder Leistungen auf 
Grund des ,3terbfiEkllrechts'' nicht sollten angehalten werden 
dürfen. Ebenso sollten alle Zinsbürger alljährlich an deu 
Altar ihres Schutzherrn 2 Pfennige zum Heile ihrer Seele 
opfern. Zogen Bauern, Angestellte (ministri) oder Müller in 
die Stadt, so mussten sie das Bürgerrecht erwerben und vor- 
her mit ihrem Herrn abrechnen. War diess geschehen, so 
standen sie für ihre Person und ihre Habe im Schutz und 
Geleite der Stadt Hauser, welche keine Lehen waren, galten 
als Eigentum *% So wurden also die Juden Hintersassen oder 
Schut^örige entweder der Stadtbürger oder der Gemeinde 
selbst, indem allmählich ausser dem Reich auch die Kurfürsten 
oder einzelne Landesherren und endlich auch einzelne Stadt- 
gemeinden das Recht erhielten, Juden in ihren politischen 
Machtbezirk als Hintersassen aufzunehmen**). So sind z. B. 
im Jahre 1200 in Köln der Jude E^eberth und der Bürger 
Hartwig Bauermeister (magistri vicinorum) von St. Laurenz; 
so erhält die Stadt Augsburg im Jahre 1270 das Recht, 
Juden aufzunehmen, so dass also seither in Augsburg die 
Juden nicht mehr gezwungen sind, im Freihofe irgend eines 
Grundherrn, wie des Bischofs oder des Reichs, zu wohnen, 
sondern in den Bürgerverband der Stadt eintreten und dort 
entweder als Grundbesitzer, Vollbürger oder als Hintersassen 
eines Bürgers Schutzbürger werden können *^). So bekräftigt z. B. 
am 14. Februar 1303 Herr Konrad Yorchtä vor dem Schult- 
heissen und den Schöffen des Gerichts der Stadt Nürnberg 
mit einem Eid gegenüber den Juden Bon&nt Simelin und 
Jakob, dass er seine Mauer nicht weiter überbaut habe, als 
ihm erlaubt gewesen sei, und am 3. Juli 1315 erlaubt König 
Ludwig der Bayer dem Schuliheissen, den Ratmannen und der 
Gemeinde der Büiger zu Nürnberg, die Hälse der Keller, 
Kammern, Lauben und andere Angebäude vor den Häusern 
der Nürnberger Juden, welche die allgemeine Strasse ver- 
hindern, abzubrechen und gebietet, diese Vorhälse und 
Schwellen, welche die Stadt verkrümmen, abzuehmen und 
künftig nicht mehr zu bauen und wenn sie Widerspänstigkeit 
finden, das Gebot des Reichs auszuführen^*). So beginnt in 

^ Manier, Deutsches Städteweseo, Bd. 2, 8. 240 und 501. 
"^ Pressel, Ulmisches ürkondenboch, 8. 284 ff. 
*) Maurer, Deutsches St&dtewesen, Bd. 2, 8. 282 and 602. 
**) WOrfel, NOmbergs Judengemeinde, 8. 125 ff. 



— 24 — 

Köln, seit im Jahre 1321 die wesentlichaten Hohdtsredite 
endgültig vom Erzbischof aaf den städtiechen Rat äberg^angen 
sind^ gleichzeitig eine räumliche Ausdehnung des Jn- 
denviertels über die alten Grenzen hinaus*^, was 
offenbar daher rührt, dass zu diesen Hoheitsrechten, welche 
der Bat erworben hat, auch das Recht gehört, Juden in 
seinen politischen Verband aufiEunehmen, und im Jahre 1328 
wird in Schweidnitz bestimmt, es solle kein Hof und 
kein Erbe mehr an einen Juden verkauft werden, ausser 
an die bereits in Grund und Boden angesessenen Juden. 
Die „geerbt^^ in der Stadt angesessenen Juden aber sollec 
mit den Bürgern „schozzen und wachen** und zu anderran 
Nutzen der Stadt helfen wie die Bürger^^ und am 5. Mai 
1333 erlaubt König Ludwig der Bayer, nachdem seine und 
des Reichs Juden aus Nürnberg flüchtig geworden seien, 
damit diese wieder an das Reidb gebracht werden, zum 
Nutzen und zur Ehre des Reichs dem SchultheLssen, dem 
Rat und der Gemeinde der Stadt Nürnberg, dass sie ferner 
des Reichs Juden und Kammerknechte, die jetzt bei ihnen in 
Nürnberg sitzen oder künftig dort sesshaft werden, schirmen 
sollen für ihn, für seinen Vikar, wenn er einen solchen habe, 
und für alle seine Amtleute und Diener. Die Stadt sollte das 
ohne Arglist halten, so lange er lebe, und es soUte dieses 
Gebot nidit über£Ediren oder widerrufen werden ; sollte dies aber 
dennoch geschehen oder sollten der SchultheiBS und die Bürger 
oder beide etwas thun, was dem Gebot entgegen wäre, so 
sollte den Juden diess dem Reiche oder sonst jemand gegenüber 
keinen Schaden bringen weder an Leib, an Treue, noch an 
Ehre oder Gut '*) Wie entwickelt schon damals die G^neinde- 
yerhältnisse der Juden in den einzelnen Städten waren, sieht 
man z. B. daraus, dass im Jahre 1338 die Aufnahme neaer 
Juden in Freiburg nur mit Einwilligung der Judengemeinde 
gestattet ist"^ So giebt es z. B. am Donnerstag nach dem 
Frauentag 1338 in Nürnberg eine Judengemeinde von 212 
steuerzahlenden Bürgern (zuzüglich der selbstständigen Witwen 
u. s. w. '*) Rechnet man auf jede Feuerstelle nur 4 Personen, 
so ergiebt dies 848 Juden. Bedenkt man, dass Nürnberg im 
Jahre 1449 rund 20,000 Einwohner zählt und dabei nur noch 
eine Judengemeinde von zusammen löO Köpfen hat '*), so sieht 

*^ Höniger, Jodenscbreinsbach, S. XIII. 

^ Maortr, Deutsches St&dtwesen, Bd. 2, S. 796. 

**) WOrfel, Nflmbergs Jadengemeinde, 8. 14, 41 £., 127 ff. 

*^ Maurer, Deutsches St&dtewesen, Bd. 2, 8. 502 and 796. 

M) Bücher, BeTÖlkerong von Frankfort, S. 88. Ulm hzt heute bei 
einer EinwohnerEahi Ton rand 30,000 (ohne Soldaten) 668 Juden. 
Sch&tit man die BeTÖlkerong Ton Nürnberg im Jahre 1888 auf nmd die 
Hftlfte, also 15,000, so hätte es nach dem heutigen Ulmer YerhAitnis nur 
881 Juden staU 848 haben dürfen. 



— 26 — 

man den Bädcgang der dortigen Jndengemeinde binnen des 
Jahrhunderts, aber man begnsift auch den Anasprach des 
Nürnberger Geschlechters V. Stromer, den dieser im Jahre 1360, 
als er in, Angelegenheiten der Stadt bei König Karl IV. in den 
Niederlanden weilte, diesem Fürsten gegenüber that Als 
nämlich der König die Stadt Nürnberg ob ihrer schönen G^ebände, 
ihrer weiten Gassen und anderen guten Gelegenheiten rühmte 
und meinte, wenn er das Reich erst in Buhe und Frieden 
gebracht habe, hoffe er, dort seine Wohnung ständig auf- 
schlagen zu können, weil die Stadt für die Krone Böhmen so 
geschieh an der Hand liege, erwiderte Stromer, das sei schon 
richtig, es sei nur schade, dass die Ju den gerade die schönsten 
Häuser und wohlgelegensten Orte der Stadt inne haben, so 
dass man nicht wisse, ob Nürnberg eine jüdischeoder christ- 
liche Stadt sei.'*) Seit das Reich und die Landesherren kein 
Grundeigentum mwr in den Städten besitzen, können sie keine 
Juden mehr in dieselben setzen ^) und so bekonunen um jene 
Zeit immer weitere Städte das Recht, Juden aufininehmen, 
so z. B. im Jahre 1.S40 die Stadt Hall und im Jahre 1347 
die Stadt Spei er und die Gleichstellnng der Juden mit den 
übrigen Bürgern betrefib der bürgerlichen Rechte und Pflichten 
schreitet in zunehmendem Masse fort So wird z. B. im 
Jahre 1340 in Rain im Herzogtum Bayern bestimmt, dass 
wer mit den Bürgern Wasser und Waide geniesse, auch 
die gleichen Steuern solle bezahlen müssen, er möge Jude 
oder Christ sein.'^ 

Schon damals freilich macht sich in einzelnen Städten 
auch bereits das Bestreben geltend, die Juden in ihren 
erworbenen bürgerlichen Rechten wieder einzuschränken. So 
erfolgt in Köln im Jahre 1341 das Verbot einer weiteren 
Ausdehnung des jüdischen Grundbesitzes'*) und am 
20. Juli 1344 giebt Kaiser Ludwig dem Rat in Nürnberg die 
Versicherung, dass weder er nodi jemand der Seinen künftig 
wieder dazu Beihilfe thun wollen, dass das Haus eines Christen 
in die Hände der Juden komme, wie er diess mit dem Hause 
des Heinrich Holzschuher am Salzmarkt gethan habe.*') 



8) IMe Einrielitiiiigeii der JadeBgemelndeii des 

14. Jahrhunderts. 

a. Dm JidA&Vfliftmolit nd dtr JsdtagtntiidtiEt. 

Wie wir gesehen haben, hatten die Juden von Alters her 
das Recht, das römische Bürgerrecht zu erwerben, und 
dieses Recht ist ihnen auch im Mittelalter verblieben, wesshalb 
man auch überall in den deutschen Städten des Mittelalters 

^ Höniger, JadenicbreinBlmch, S. XIY. 



— 26 — 

findet ') Wir haben weiter icoBehen, dA8B ancfa im 
romischen Reiche Karls des Ghrossen wie im arabischen Bmcfae 
eine Art „Exilarch^, ein Beicherjadenschutsvogt oder Jadenober- 
Zunftmeister, eingerichtet worden war, der die besondere Auf- 
gabe hatte, namens des Beichsoberhanpts, des romisch^i 
Kaisers oder Königs, die Juden zu schützen nnd zu schinn^i. 
Dieses Amt sehen wir denn auch in der spätem Zeit des 
Mittelalters weiter bestehen und zwar ist es der Erzbischol 
▼on Mainz, der als Reichserzkanzler die Aufgabe hat, 
den Jndenschntz nnd Jndenschirm statt des Kaisers und 
Königs zu handhaben und dafür den Zehnten von allen aus 
ganz Deutschland eingehenden Judensteuern erhält, *) wess- 
halb auch zu jeder YerpfiLndung von Judenreichssteuem, wenn 
diese rechtsgültig sein soll, seine Genehmigung einzuholen ist. ') 
Ist so die gemeinsame Vertretung der Reid^udenschaft mit 
dem Erzbistum Mainz und dem Reichskanzleramt verbunden, 
so stehen die Judengemeinden der einzelnen Städte im 14. 
Jahrhundert ziemlich selbstständig da und ihr politisches 
Leben ist in ähnlicher Weise genossenschaftlich entwickelt, 
wie das der einzelnen christlichen Genossenschaften. Wie die 
Weber in der Webergasse, die Gerber in der Gerbergasse, die 
Goldschmiede in der Goldschmiedsgasse u. s. w., so wohnen 
die Juden in ihrer Judengasse. So finden sich derartigB 
Judengassen in Speier, Worms, Köln, Bonn, Frankfurt, Heidel- 
berg, Ulm,^) Augsburg, Schweidnitz und zahlreichen anderen 
Städten. *) Nicht um die Juden in hasserfullter Weise abzu- 
sperren, werden schon in früher Zeit diese Judenviertel mit 
Mauern und Türmen umgeben, sondern um sich bei den damaligen 
bewegten Zeiten die eigene Sicherheit zu gewährleisten, um- 

feben auch die Juden ihre Ansiedlung, ihren Freihof^ mit einer 
esten Mauer, sie bauen sich einen Turm mit Thorbogen, wie 
dies jede Klostergenossenschaft, jedes altfreie Geschlecht am Orte 
ebenso macht So wird z. B. in Speier schon im Jahre 1084 
das Judenviertel zum Schutze vor Angriffen mit einer 
Befestigungsmauer umgeben,') so ist auch in Köln im Jahre 
1231 und 1246 die Judenstadt mit einem Thor und einem 
Wachhause versehen, ebenso ist es bis zum Jahre 1591 in 
Regensburg, in Worms und auch in Ulm finden wir im Jahre 
1413 einen Judenturm urkundlich erwähnt^) Als Schutz- 
verwandte sind die Juden Freie, haben desshalb das Recht 
der Einigung und ihre Genossen sind „pares^S *) wesshalb wir 
auch überaU, wo eine genügende Anzahl von Juden wohnt, 

M Wftrfel, NQmbergB JadeDgemeinde, S. 89, 51, 67. 
*) Maurer, Deutsches Stftdtewesen, Bd. 2, S. 80, 86, 501, 50i 506. 
^ Stobbe, Die Juden in Deutschland, S. 46 ff. Speuer, Historia 
Germaniae, T. 2, B. 2, Kap. 8. 

*) Baiing n.yeeseiime7er, Ulmer Pfarrkirchenork., No. 78, 106,289,326. 



— 27 — 

• 

eine wohlgegliederte JudeDgemeinde finden. „UniTermtas judae- 
orom," ,,die gemain der Jnden'S „die Jadenschaff S^ „die 
Jüdischheit*' (in Ukn^) sind die amtlichen Bezeidmnngen, 
unter denen die Jndengemeinden des Mittelalters uns vor 
Augen treten. Jede Judengemeinde hat ihren Vorsteher, 
welcher verschiedene Namen fuhrt; So heisst derselbe in 
Köln, Trier, Worms, Mainz, Nürnberg „Judenbischof*, in 
Bamberg, in Frankfurt a.M., in Begensbmrg fJudenmeister'S 
in Speier Archisynagog, in Mainz Hofmeister und 
Korrektor, *) in München „Oberparnese'**). Die Stelle 
des Richters der Judengemeinde hat der Hauptrabbiner 
des Orts und er unterschreibt auch in dieser Eigenschaft mit 
den zwei ihm beigegebenen Monatspamesen, Batsälteren, Kon- 
suln, Einungem oder regierenden Bürgermeistern der Gemeinde 
alle beglaubigten Urkunden, während zwei andere Juden vom 
Bäte als Büchsenmeister oder Kassierer, Bechner oder Gemeinde- 
fuhrer fungieren, die Steueranlagen der Gemeinde besorgen, 
das Geld einsammeln und die Auslagen bestreiten.^) Was die 
Anzahl der Judenkonsuln oder Pamsen betrifft, so waren es 
deren wie bei den Zunftverwaltungen in der Begel 12, so dass 
man ebenso von Judenzwölfmeistem sprechen kann, wie man 
von den Zwölfem irgend einer Handwerksgenossenschaft redet 
So besteht in Worms der Judenrat aus 12 Mitgliedern, unter 
denen das Amt des Konsuls oder Pamesen monatlich wechselt 
und welche wie den Judenbischof der Bischof von Worms er- 
nennt ^) So hatte der Bat von Nürnberg seiner Judengemeinde 
ebenfalls vor Alters solche Batsieute und Bichter sowie Bechner 
gegeben. Sie wurden alljährlich nach Pfingsten entlassen und 
vom Nürnberger Bat neu ernannt; nur der Haupt- oder Stadt- 
rabbi als Bichter des Judenrats blieb unenüassen und 
das Pflichtbuch der Stadt Nürnberg bestinunt über die ObUegen- 
heiten des dortigen Judenrats, wer zum Judenrat erwählt 
werde, solle geloben und schwören, alles, was darin verhandelt 
werde, zu verschweigen, wenn nicht der Bat beschliesse, dass 
die betreffende Sache an die Gemeinde gebracht werde; was 
mit Stimmenmehrheit beschlossen werde, solle getreulich 
gehalten und von jedem BatsmitgUede ohne Gefährde dazu 
geholfen werden. Der Judenrat solle die Umlage der Steuer 
uDter den einzelnen Genossen nach altem Herkommen vor- 
nehmen und über alles Geld, das der Judenrat ausgebe, solle er 
nach altem Herkommen beschliessen, aber nur bis zu 10 Gulden; 
mehr zu bewilligen, solle nur der ganzen Judengemeinde gestattet 
sein. Was die Zuständigkeit des Bats der Judengemeinde 
betrifft, so erstreckte sich diese auf alle Ehesachen, l^bsachen 

^) J&ger, Ulms Yerfassong, 8. 396. 

*) Tom chaldäiflcheD „Pames** Gemeindevorsteher. 

") Manier, Deatgches Stadtewesen, Bd. 2, S. 506. 



— 28 — 

und gegenseitigeii Streitigkeiten der Genossen, wahrend alle 
Greldsachen, wie Bürgschaften, „bös gewordene Kapitalien und 
derlei Irrungen*^ sowohl mit Juden als mit Christen, vor das 
Stadtgericht bezw. Landgericht gehörten. Nadi altem Rechte 
mnssten auch in Nürnberg wie in Köln alle Kaufs- und Verkaufs- 
briefe ordentlicher Weise vor dem Stadtgericht gefertigt werden 
und es war desshalb, wenn die Juden solche Briefe nach ihrer 
Art ausfertigten, die Hinterlegung der betreflEenden Briefe bei dem 
öffentlichen Gerichte notwendig. Die Sitzungen des Juden- 
rats £Euiden in der Judenkanzlei statt ') 

Alle Juden, die als Bürger oder Schutzverwandte in 
eine Stadt aufgenonunen wurden, mussten den Eid der Treue nadi 
Judenart leisten und sich zu den allgemeinen Bürgerpflichten be- 
reit erklären. So schwuren z. B. die Nürnberger Juden, den 
Schöffen und dem Rat in Nürnberg die Treue zu halten und 
in keiner Weise etwas gegen die Stadt und die Ihrigen zu 
thun ohne alle Gefihrde. Wenn sie etwas miteinander ausr 
zufochten hatten, so mussten sie sich mit dem Christenrecht 
der Stadt zu Nümberff begnügen; waren es aber Sachen, welche 
ihren jüdischen Glauben und ihr jüdisches Recht betrafen, so 
mussten sie sich mit dem ,,schlichten Judenrechte vor dem 
Judenmeister in Nürnberg und den Juden, welche die Bürger 
▼om Rate dazu eingesetzt hatten^', begnügen. Alle Juden aber, 
die in Nürnberg das Bürgerrecht oder den Schutz erlangten, 
mussten für die „Reception^' eine bestimmte Summe erlegen 
und zur Sicherheit zwei Bürgerbürgen stellen. Verheirateten 
sich die Kinder von in Nürnberg bürgerlichen Juden, so 
mussten sie bei ihrer Verheiratung um das Bürgerrecht nach- 
suchen, auch wenn der Vater Bürger war, sobald sie in Nürn- 
berg haussässig werden wollten, oder bei Strafe von 1 Gulden 
für jeden Tag binnen 4 Wochen, nachdem man sie zu- 
sammen gelegt hatte, die Stadt räumen; verheiratete ein 
Jude sein Kind hinaus aus der Stadt an andere Juden, so 
durften diese bei Strafe von 1 Gulden für jeden Tag nicht 
länger als 14 Tage in der Stadt bleiben. Wollte ein Jude 
oder eine Jüdin, die in Nürnberg bürgerlich waren, ihr Bär- 
gerrecht wieder aufgeben oder sagte ihnen der Rat ihr Bürger- 
recht auf, so durften sie trotzdem nicht von der Stadt weg- 
ziehen und einem Landesherm oder einer andern Stadt 
schwören, ohne dass sie vorher vor die Bürger im offenen 
Rat gegangen waren und dort amtlich ihr Bürgerrecht aufge- 
geben hatten und ihren Verpflichtungen gegen die Stadt nach- 
gekommen waren bei Strate von 1000 Gulden und Verlust 
aller Forderungen, die sie in der Stadt hatten, und jeder, der 
sein Bürgerrecht aufgab , war verbunden, den nächsten Zins 
für das Jahr darauf zu geben. ®) 

") WOrfel, Nürnbergs Jadengemeinde, 8. 84 f., 43 f., 48 f. u. 66 ff. 



— 29 -^ 

b. Bm OtrloktivMti dir Jtd«i. 

Was die Oerichtszuständigkeit der Oenossen der 
^adeDgemeinde betrifft, so war der «Judex oompetens^ für 
[nden die Landesobrigkeit, in deren Schutz sie standen. S6 
;ehörten z. B. in Berlin zur Kompetenz des Hausvogts bis 
n die neuere Zeit die Judensachen ^ und schon im Jahre 1090 
ferden die Juden von der Verpflichtung frei erklärt, sich der 
Jurisüichen Feuer- und Wasserprobe zu unterwerfen.*) Doch 
latten sie, wie die anderen Genossenschaften, die Vergünstigung, 
n Fällen, die ihre Sitten und Gewohnheiten betrafen, Bats- 
ind Schiedsleute aus ihrer Mitte zu wählen und diese Bats- 
ieate übten mit Genehmigung der Landesherrschaft, in deren 
Schutz sie standen, über die Jhrigen in der Judengemeinde 
in gewissen Fällen eine , jurisdictio mandata*' aus. So meldet 
z. B. das alte Nürnberger Stadtgeeetzbuch vom Jahre 1290 
betrefb des „Unfugs der Juden*^ die Judengemeinde zu Nürn- 
berg sei an den Bat gekommen und habe gebeten, ihr ein 
Gesetz über ihren „Unfug^^ um des Friedens willen zu machen, 
und der Bat habe desshalb auf Bitte der Juden und zur 
Mehrung des guten Friedens unter den Juden folgende Gesetze 
gemacht, die aber den Bichtem und der Stadt an ihren alten 
Rechten keinen Schaden bringen sollten: Schlägt ein in Nürn- 
berg angeseesener Jude den andern oder rauft sich im Zorn 
mit ihm, so hat der, welcher der Anheber war, dem Bichter 6, 
der Stadt aber 10 Pfd. Hlr. Busse ^^) zu geben, der andere aber, 
der sich nur gewehrt hat, muss nidhts geben; wehrt sich 
aber der andere nicht nur zur Not, sondern mit verdachtem 
Mut, so muss er dieselbe Busse zahlen. Wird ein Jude 
wegen eines Unfugs vom Bichter und den Bürgern gerichtet, 
80 hat er die Besserung zu geben, wenn er sich nicht mit 
Semem Eide freimachen laam. Wer straffällig wird und dss 
Geld nicht geben kann, muss die Stadt versdiwören, bis er 
die Besserung bezahlt hat. Wer zuerst geschlagen oder ge- 
rauft wird und bei dem Bichter oder bei den Bürgern klagt, 
der soll wegen dieser Klage keine Missethat gegen seinen 
Oenossen begangen haben. Schlagen oder raufen sich Kinder 
unter 15 Jahren oder schlägt oder rauft ein alter Jude ein 
Kind, das unter 15 Jahren alt ist, so erfolgt hiefür keine 
Strafe. Schlagt oder rauft ein Bürger einen Juden oder 
(iaat oder ein Gast einen Bürger oder ein Gast den 
andern, so hat derselbe die erstere Busse zu geben. 
Kann ein Missverständnis durch gütlichen Vergleich nicht 
gehoben werden und man nur durch den Eid hinter die 
Wahrheit kommen, so ist dem Juden, wenn er der Ange- 

^ Maarer. Deutsches St&dtewesen, Bd. 4, S. 2d2, 505. 
^1 Bosse ist molcta pecnniaria, qwBB penditnr laesis. Weimer, Ob- 
mationeB practicae. 8. 68 t 



— 80 — 

schuldigte war, das «goramentam porgatorium^, der Bemignoga- 
eid anfisulegen. Hat ein fremder Jode einen Rechtsstreit mit 
einem in Nürnberg eingebürgerten Juden oder einer de^eichen 
Jtidin, so muss er sich mit dem Christen- bezw. Judenrecht 
der Stadt begnügen; wer das nicht thut, dem darf kein Jnde 
Ton Nürnberg oder einer, der in ihrer Gewalt steht, weder 
heimlich noch öffentlich etwas zulegen, ihm raten oder ihn 
schirmen. Wird eine Judenstrafe auf einen Nürnberger Jad«i 
gelegt, so darf kein Nürnberger Jude einen solchen Bestraften 
in der Stadt halten, sondern einer muss dem andern trea 
beistehen, damit dieser bei seinem Recht bleibt auf Koste» 
dessen, den die Sache angeht, bei Strafe von 100 Gulden an 
die Stadt oder höherer Strafe an Leib und Gut in gefähr- 
lichen Fallen. AUe seitherigen Bündnisse der Juden unter- 
einander aber sollten gänzlich abgethan sein und auch künftig 
sollten die Juden keine Bündnisse machen und sich keiner, 
der in der Stadt wohnte, ohne Lösung des Rats unter eine 
andere Obrigkeit stellen.") 

Sehen wir also die Juden betreflb der niedern Gerichts- 
barkeit bei Streitigkeiten unter sich ihrer Gemeindogenossen- 
schaft unterstehen, so standen sie betreib der höheren 
Gerichtsbarkeit und betreflEs aller Streitigkeiten mit ausserhalb 
ihrer Gemeinde stehenden Personen in der Regel wenigstens 
unter dem landesherrlichen Grericht. So galt nadbi dem Augs- 
burger Stadtrecht vom Jahre 1276 der Grundsatz, dass 
wenn ein Christ eine Klage gegen einen Juden habe, diess 
der Vogt auf ihrer Schule mit einem aus Bürgern und 
Juden zusammengesetzten Grericht ausrichten solle. Standen 
sich die Parteien mit Vorsprechem, d. h. mit Verteidigen, 
gegenüber, so sollte der Vogt den Christen fragen und der 
Judenrichter den Juden und das Urteil hatte nach dem 
Mehrheitsbeschluss der Richter zu erfolgen. Sollte der Jude 
schwören, so mussten ihm zur Ablegung des Eids dreimal 
vierzehn Nächte Zeit gelassen werden und die AblQgung des 
Eids hatte vor dem Vogt auf der Judenschule nach jüdischem 
Recht zu eriolgen. Wollte ein Christ den Wahrheitsbeweis 
gegen einen Juden führen, so hatte er diesen durch drei 
Zeugen zu fuhren, von denen einer ein Jude sein musste. 
Klagte ein Jude gegen einen Christen vor dem Gericht des 
Stadtvogts oder des Burggrafen, so musste er dort den Eid 
des Christen nehmen. Wollte der Jude den Wahrheitsbeweis 
fuhren, so konnte er dies durch drei Zeugen thun, nämlich 
durch sich selbst und zwei Christen. ^^ Man sieht hieraus, 
das rechtliche Verhältniss zwischen Cnristen und Juden ist 
ähnlich, wie man es im Mittelalter überall findet, wo sich 

") Würfel, Nürnbergs Jadengemeinde, 8. 48 f., 06, 129 f. 
^^ Meyer, Sudtbiieh von Aagtbnrg, S. 62 H. 



— 31 — 

Angehörige verschiedener Nationalitäten gerichtlich gegen- 
übästehen. Einen Beleg hiefür bietet das spätestens dem 
12. Jahrhnnd^ angehörige Stadtrecht für die deutsche 
Gemeinde in Prag, in welchem es heisst: Hat ein Böhme 
einen Bechtstreit mit einem Deutschen, welcher durch 
zwei Zeugen zu entscheiden ist, so hat der Böhme gegen den 
Deutschen zwei Deutsche und einen Böhmen anzuführen, 
ebenso wie der Deutsche, welcher einen Böhmen überfuhren 
will, zwei Böhmen und einen Deutschen anzuführen hat, wie 
das ebenso mit den Wälschen und mit den J uden gehalten 
werden sollte.**) Besonders weit gehende Vorrechte in Bezug auf 
den Gerichtsstand genossen seit dem Jahre 1335 die Juden Ton 
Köln; dort musste nämlich jeder Christ, der gegen einen 
Jaden klagen wollte, diese Klage unter Ausschluss jeder andern 
geistlichen oder weltlichen Gerichtsbarkeit beim Kölner Juden- 
bischof und dessen Kapitel, wie man dort den Bat der Juden- 
gemeinde hiesB, anbringen und sich mit deren Urteil begnügen, 
wie auch in Köln der Judenbischof nicht Yon der Landesbe» 
börde ernannt, sondern von der Judengemeinde alljährlich 
gewählt wurde. Auch war der Erzbischof als Landesherr 
Terpflichtet, den Bann über jeden Juden aussprechen, den 
das Gericht der Judengemeinde geächtet hatte. Diese weit- 
gehenden Vorrechte waren der schlimmen wirtschaftlichen 
Lage entsprungen, in welcher sich damals das Erzbistom be- 
fand und wel<£e den Erzbischof völlig den Händen der Kölner 
Jaden ausgeliefert hatte. So kann man es begreifen, wenn 
die Heiren vom erzbischöflichen Kapitel in den Jahren 
1335—1341 in Köln bitter Klage darüber führen, dass man 
dem Grundsatz, nach dem ein Rechtsstreit stets vor dem Ge- 
richt des Beklagten zu fuhren sei, auch den Juden gegenüber 
stattgegeben habe; es sei denn doch mit der Würde eines 
Prälaten oder Domherrn nicht vereinbar, bei Rechtsstreitig- 
keiten mit Juden in die Synagoge gehen zu müssen. Der 
Erzbischof musste denn auch zugeben, dass er mit Eingehen 
dieses Freiheitsrechts zu weit g^^angen sei, dass die Be- 
stimmung „von dem Schicklichen und den sonstigen Begebt 
abweiche,^^ imd versprach, wenn künftig wieder die Juden- 
privilegien erneuert werden sollten, Ausnahmen von 
diesem Gesetze für die Herren vom Domkapitel und 
die Geistlichkeit auszubedingen. Er habe eben in 
seiner Geldverlegenheit und in der Bedrängnis, in der er 
sich mit dem Stift befunden habe, nichts machen können, 
weil ihm die Judengemeinde grosse Summen vorge- 
streckt habe. So genehmigte schliesslich das Kapitel das neue 
Jndenprivilegium. ^<^) So bestätigt z. B. am 27. August 1348 

>^ Stobbe, Jaden üi DeoticbUnd, S. 152 und 06 & 



— 88 — 

der Landrichter Nikolaus von Pmkberg in Nürnberg, daas 
dem Landschreiber Frits Ebner gegen den Jnden Gnmbredit, 
den Sohn dee Höherlein Snaemann, wegen 40 PAind Häller und 
des Schadens durch Gerichtsurteil Anleit auf dessen Lob und 
all sein liegendes oder fahrendes Gnt gegeben worden seL^^) 
So waren in Köln Diebstahl, Fälschung, Verwundung 
und Ehebruch der Juden dem Gericht des Erzbischofs 
als Landesherm zur Entscheidung übertragen;'') so verordnet 
das Augsburger Stadtrecht vom Jahre 1276, wenn ein 
Jude einen Diebstahl begehe und auf offener Tluit erwischt 
werde, so solle über ihn nach dem Recht der Stadt yerfahren 
werden, werde er aber eines solchen beschuldigt, solle er 
nach bestehendem Recht dieses Bezichts überwiesen werden. 
Schlage ein Christ einen Juden tot oder ein Jude einen 
Christen oder verwunde einer den andern oder thue ihm 
Gewalt an oder begehen Juden untereinander derartige Dinge, 
so solle diesä vor dem Stadtvogt nach dessen R^ht ver- 
handelt werden.'*) Besonders streng bestraft wurden die 
Fleischesverbrechen zwischen Juden und Christen. Ehen 
zwischen Juden und Christen waren ungültig; der Christ, 
welcher seine Tochter einem Juden gab, die Christin, welche 
sich mit einem Juden verheiratete, wurden mit Kirchen bann 
bestraft. Auch die Unzucht zwischen Juden und Christen 
galt als Kapitalverbrechen und wurde auf Grund des Schwa- 
benspiegels durch Verbrennen bestraft.") Im Allgemeinen 
galt betrefiia des Strafrechts der Juden der Grundsatz, dass 
der Jude die Verbrechen, welche er begieng, ebenso büssen 
sollte, wie der Christ; ") doch kam bei der Strafvollstreckung 
der religiöse Unterschied in der Weise zum Ausdruck, dass 
für die Juden ein besonderer Galgen benützt wurde, wie 
wir z. B. in Mainz einen eigenen Judengalgen finden, ^^) 
während man in Nürnberg die Juden ausserhalb des 
christlichen Galgens zu hängen pflegte.*^) Besondere Vor- 
schriften bestanden auch für den Judeneid. Der Schwaben- 
spiegel, Artikel 263, bestimmte hierüber, der Jude solle, 
wenn er den Eid leiste, auf einer Schweinshaut stehen und 
die rechte Hand auf die fiinf Bücher Mosis legen. An 
anderen Orten bestanden wieder andere Vorschriften.") Wichtig 
war des weitem namentlich das Recht der Juden, sich 
vom Duell frei zu machen. Wohl schrieb der Schwaben- 
spiegel, Artikel 260, theoretisch vor, dass wenn es ein Qirist 
verlange, der Jude mit ihm kämpfen müsse, ebenso wie der 
Jude den Christen zum Zweikampf fordern durfte, aber es 

^^) Würfel, NOmbergs Jadengemeinde, 8. 129 und 92. 
^^ Stobbe, Jaden in Dentschknd, 8. 95, 159 ff. und 155. 
**) Meyer, Stadtbach von Aagtborg, 8. 56 f. 
*^ SdiMb, QeMihichte der Jaden, S. 185. 



— 38 — 

war den Joden gelungen, eich hiegegen Freiheitarechte zu 
erwerben, durch welche ihnen gestattet wurde, von der per- 
sönlichen Gestellung beim Zweikampf abzusehen und sich 
durch einen um Geld gedungenen Stellvertreter er- 
setzen zu lassen. Wie fär den Christen, so bestand auch für 
den Juden die Strafe des königlichen Banns, mit dem 
einzelne Juden oder ganze Gemeinden belegt werden konnten 
und durch den der davon betroffene von jeder Rechtsge- 
meinschaft ausgeschlossen wurde. Mit ihm pflegten nament- 
lich solche Juden oder Judengemeinden belegt zu werden, 
welche mit der Steuerzahlung im Rückstände blieben. Zu 
diesen weltlichen Strafen der Juden konnten wie bei den 
Christen noch kirchliche durch den Judenbischof hin- 
zutreten, wie denn schon im Jahre 1245 auf einer Rabbiner- 
synode bestimmt worden war, dass weder der Rabbiner ohne 
Zuziehung der Gemeinde noch diese ohne den Rabbiner be» 
rechtigt sein sollte, den Bann über einen Juden zu verhängen. 
Dieser Bann konnte der leichte Bann sein, der jeden traf, 
welcher sich den religiösen oder behördlichen Anordnungen 
ist Judengemeinde widersetzte, oder der schwere Bann, 
in den jeder verfiel, der sich binnen 30 Tagen nach Ver- 
hängung des leichten Banns nicht gefugig zeigte. Dieser 
schwere Bann vereinsamte den davon Betroffenen völlig von 
seinen Glaubensgenossen, seine Frau und seine Kinder waren 
aus der Synagoge und Schule ausgeschlossen, seine Toten 
wurden nicht bestattet, seine Kinder nicht in die Glaubens- 
gemeinschaft angenommen. *^) 

0. Die SyBAfog«. 

Wir haben gesehen, wie im Laufe der Zeit die Juden- 
freihöfe, welche ursprünglich nur in losem Verbände mit 
den städtischen Gemeinwesen stehen, allmählich wie die 
übrigen ähnlichen Anwesen, die Höfe der altfreien Grundbe- 
sitzer und die geistlichen Höfe, gezwungen werden, sich als 
zugehörige Glieder dem städtischen Verband anzusdiliessen. 
So wird z. B. im Jahre 1188, als Kaiser Friedrich Barbarossa 
dem Erzbischof den Schutz der Kölner Juden ülxnriässt, 
durdi Vertrag zwischen dem Erzbischof und der Kölner 
Judengemeinde den Juden die Verpflichtung auferlegt, ein 
Thor bis auf einen Thürflügel niederzureissen und den 
Stadtgraben an vier Stellen 400 Fuss lang zuzuschütten, 
doch sollten sie das Recht haben, jederzeit, wenn sie es 
wollten, den früheren Zustand wieder herznsteUen. Der 
Judenfreihof wird also zu einem Teil der Stadt gemacht 
und die Judengemeinde muss einen Teil der hiedurch 
entstehenden Baukosten auf sich nehmen. Seither bildet 

**) Stobbe, Juden ia Deotschland, S. 168, 161 f. 

8 



— 84 — 

das Köluer Jadenyiertel einen TeQ d^ Stadt, wie denn andi 
das Kölner Stadtbach Yom Jahre 1341 beetimmt, der Stadt- 
bote solle die Schlüssel zum grossen Jadenthor and zur kleineD 
Thüre haben ^ beide bei Sonnenuntergang zuschliessen nnd 
morgens mit der Primiz wieder aufischliessen^ wofür die Juden 
jährlich 20 Mark zu bezahlen haben; dagegen sollen die 
Schlüssel zu der engen Judengasse in den Händen des Juden- 
bischofa sein.^*) Wie in Köln, so findet man es denn auch 
überall, nicht nur in Dentschland, sondern auch im Auslande. 
So haben im Jahre 1196 die Juden in Dijon zwei eigene 
Judengassen, vier Synagogen und einen Judenkirch- 
hof; so besteht in London seit ältester Zeit eine eigene 
Judengasse. So findet man in allen grösseren Städten 
Italiens die Judengassen oder Judenviertel; sie heiasen dort 
„Judaea" oder „Judaica,*' woraus die Italiener später „Giu- 
decca^^ machten, eine Bezeichnung, die man bekanntlich noch 
heute in Venedig und Palermo findet, während in Ferrara 
diä Judengasse „Zneca'* heisst^); so hat sich in Rom die 
Judengasse seit den Tagen der alten Kaiserzeit forterhalten; 
sie lag jenseits des Tiber, in Trastevere, und ihre Ver- 
bindung mit der Stadt erfolgte durch die ,4^udenbrücke.'' 
Man bekommt einen interessanten Einblick in die Blüte des 
jüdischen Gemeindelebens im früheren Mittelalter, wenn man 
die Schilderungen der zeitgenössischen Schriftsteller sich vor 
Augen fuhrt. So gehören unter König Richard Yon England 
den Juden in London die schönsten Paläste der Stadt, so 
dass sie mit ihren Häusern die Burg des Königs in den 
Schatten stellen.'®) So gibt uns ein ausführliches Bild über 
die Entwicklung des zeitgenössischen jüdischen Gremeinde- 
lebens der bekannte Jude Benjamin von Tudela in 
Spanien, welcher um das Jahr 1170 eine grosse Weltreise 
macht Er schildert uns den tref&ichen Stand der Judenge- 
meinden von Barcelona und Gironne, von Narbonne 
mit seinen 300 Feuerstellen, von Beziers, Montpellier, 
Lunel mit seiner Judenunirersität und 300 Ange- 
hörigen, von Beaucaire (Pothikires) mit seiner Judenschule, 
von Marseille mit 2 Synagogen und 300 Feuerstellen, von 
Nogres; dann kommt er nach Italien, wo er in Genua 
eine Gemeinde mit 20 Judenfamilien findet, während Lucca 
40, Rom aber 200 FamiUen und eine treffliche Juden- 
hochschule besitzen; dann nennt er Capua mit 300 Haus- 
haltungen, vor allem aber Palermo mit 500 und Neapel 
mit 600 Haushaltungen : weiter Amalfi, Benevent, Malchi 
und Trani, letzteres mit 200 Familien, der bedeutendste 



^*) Stobbe, Die Juden in Deatschland, S. 94. 

*•) Deppiog, Jaden im Mittelalter, S. 128, 125, 129, 181, 126. 



— 36 — 

Einschiffangsplatz nach Syrien; ferner Taren t mit 200 Hans- 
haltnngen, dann Barnedi, wo die Juden die Purpur- 
färberei treiben, und Otranto mit 500 Juden. Man 
sieht, das Königreich Neapel als Welthandelsmittel- 
punkt ist auch der Hauptsitz des Judentums. Auch 
in Griechenland und Syrien, wohin sich Benjamin von 
hier aus wendet, findet er überall entwickelte Judengemeinden ; 
weniger gjit steht es mit denselben im heiligen Lande, in 
Palästina. In Sichem oder Naplusa findet er 
100 Samaritaner, am Euphratufer strömen die Juden 
aus Persien und Medien zusammen, um dem Grab des 
Ezechiel Verehrung zu zollen. Ein anderer jüdischer 
Reisender, der Rabbiner Petachia von Regensburg, ist 
uns als deutscher Jude noch näherstehend. Er besucht im 
Jahre 1175 den Orient, indem er durch Böhmen und Polen 
nach Russland reist und Taurien durchwandert, wo die 
Juden durchweg der Sekte der Karaiten angehören, welche 
dem orthodoxen Juden als Ketzer gelten. Dann kommt er 
nach Nisibis in Armenien, wo eine grosse Judengemeinde 
mit 3 Synagogen besteht, und Mossul mit 6000 Juden, dann 
nach Babylon und Bagdad mit 1000 Juden und ent- 
wickelter Judenhochschule. Petachia besucht ebenfalls das 
Grabmal des Ezechiel in der Wüste, anderthalb Tag- 
reisen von Bagdad, wo sich am Laubhüttonfest aU- 
jährlich 60 — 80,000 Juden aus allen Ländern zusammenfinden. 
Dann kommt er nach Nahardea am Euphrat mit Synagoge, 
nach Hill ah mit dem Grab des Rabbi Meir Yon der Mischna, 
nach Susa, wo nur noch 2 Juden wohnen. Dagegen gibt 
es in Damaskus, der Hauptstadt Syriens, damals 
10,000 Juden und eine jüdische Hochschule, während die 
Judengemeinden in Palästina sehr schwach sind, so dass 
es in Jerusalem nur noch 1 Juden gibt*^) 

Wie die anderen selbstständigen Genossenschaften oder 
Lxmiunitätsbezirke der Städte, wie die Klostergemeinschaften 
und die Herrenhöfe, haben auch die Judengemeinden in den 
Städten des Mittelalters ihre eigenen Gemeindeanstalten 
aller Art Hierher gehört vor allem der Mittelpunkt des 
ganzen jüdischen Lebens, die Synagoge. „Judaeorum sectam 
niilla lege prohibitam esse satis constat^* heisst es im „Codex 
Theodosianus." Die Juden hatten desshalb auch das Recht, 
Synagogen aufzurichten und darin ihren äusserlichen Gottes- 
dienst abzuhalten.*^ So lag die in Köln im Jahre 1426 be- 
schlagnahmte Synagoge gegenüber dem städtischen Rat- 
hanse''); so war in Nürnberg das Judenyiertel ursprünglich 



3 



Depping, Jaden im Mittelalter, S. 186 f. und 139 f. 
, Wonel, NOmbeigs Jadeugemeinde. 8. 58 und 56 f. 
n Stobbe, Juden in Deatschuaid, S. bi f. 

3 



— 36 — 

unweit der Sebaldskirche am Fusse der Beichsbnrg und die 
Synagoge stand bis zum Jahre 1349 da, wo jetzt die Marien- 
kirche steht Wenig Glück hatte die neue Sjnagoge der Nürn- 
berger Judengemeinde; am 23. Juli 1451 schlug das Wetter 
in ihr ein, so dass sie durch einen heftigen Brand beschädigt 
wurde.'*) So soll die Ulm er „Synagoge^* dereinst in der Mitte 
des Judenhofs und das „Judentanzhaus*^ an der Stelle 
gestanden sein, die heute der „Golschenkeller*^ einnimmt, 
das alte Schauhaus der Ulmer Leinwandschau, heute 
das Verkaufshaus der Ulmer Schreinergenossenschaft 

d. DU 8oh«U. 

War der Zweck der Synagoge der, allen Angehörigen 
der Judengemeinde, Gelehrten und Ungelehrten, Mannern 
und Weibern, Gelegenheit zu geben, zusammen das Gebet 
zu verrichten, so hatte einen engeren Zweck eine weitere 
wichtige Veranstaltung mancher Jndengemeinden, die »Ju den- 
hochschul e^' oder das Judengymnasium. Seine Bestimmung 
war, einem beschränkteren Kreis von Gemeindeangehörigen 
Gelegenheit zu geben zur Erkenntnis des Gresetzee, zum 
Studium des Talmud und anderer Weisheitschriften der rab- 
binischeu Gelehrsamkeit, und man findet desshalb derartige 
jüdische Hochschulen im Mittelalter an allen Orten Yor, wo 
grössere jüdische Gemeindeyerbände bestanden.'^ So hatte die 
Judenhochschule in Regensbnrg einen grossen Namen und 
eine Reihe geachteter Judenlehrer und Judengelehrter sind 
aus ihr für ganz Deutschland hervorgegangen.'^) Ebenso be- 
stand eine derartige Judenhochschule in Worms '^), femer 
genoss namentlich hervorragendes Ansehen in den jiidischen 
Gelehrtenkreisen die Judenhochschule zu Nürnberg. Rektor 
derselben war der jeweilige Hauptrabbi der Synagoge , neben 
dem aber eine Reihe weiterer Lehrkräfte den jüdischen Stu- 
denten zur Verfugung stand. So kam im Jahre 1406 die 
Nürnberger Judengemeinde wegen allzu grossen Anwachsens 
der jüdischen Studenten in Nürnberg beim Rate um die Er- 
laubnis ein, ein weiteres Gymnasium zu errichten, wurde 
aber mit diesem Gesuch abgewiesen.") So erhielt — in welchem 
Jahre ist leider nicht gesagt — der Rabbi Jakob Weil bei 
seinem Aufenthalt in Nürnberg vom „Mehari** d. h. Oberrabbi, die 

*^) Ipai Jadaei apad nostram dntatem „stadiam generale" ab antiquo 
babaemnt. Gemeiner, Begensburger Chronik, Bd. 8. 8. 617. Diese Regens- 
bnrger Judenuniversit&t soll im Jahre 1519 nach Fürth verlegt worden 
sein. Zo8t, Geschichte der Jaden, Bd. 8, S. 189. Falck, Neues Staats- 
bürgerliches Magasin, Bd. 1, 8. 778 f. Maarer, Dentsches 8tftdteweseo, 
Bd. 2, 8. 608. 

^) Jbn jähr 5882 bin ich kommen hieher in die heiUge gemeine ca 
Wirmeyso , zu lernen anf der hohen schul , das selbigmal ist rabbioer 
gewesen der vortrefliche und hochwürdige alte EU.** Bchaab, Geschichte 
der Juden in Mains, 8. IL Maurer, Deutsches St&dtewesen, Bd. 8, 8. 608. 



— 87 — 

Erlaabnis, neben dem seitlierigen Lehrer Rabbi Salomon Koben, 
der dort schon längere Zeit wirkte, ebenfidls als Lehrer thätig 
zu sein; so wirkten eben dort nebeneinander die Rabbiner 
Israel und Kuppelmann in Terträglichster Weise. Immerhin 
that es in der Regel auf die Länge nicht gut, wenn mehr 
ab ein Lehrer vorhanden war, indem leicht deijenige, welcher 
sich mehr „applausnm^^ erwarb, vom andern, dem er die 
„Lehrlinge^^ wegnahm, angefeindet wurde und so aus Neid 
Uneinigkeiten unter den Lehrkräften ausbrachen, die beim 
kritischen Geist, welcher dem Judentum innewohnt, manchmal 
zu harten geistigen Zweikämpfen führten. So kam um das 
Jahr 1406, zur Zeit des Rabbi Kuppelmann, ein weiterer ge- 
lehrter Rabbi nach Nürnberg, der ebenfalls Vorträge hielt und 
grossen Beifall fand. Rabbi Kuppelmann suchte infolge dessen 
den Wettbewerber zu drücken und dieser Streit der beiden 
Amtsgenossen drang in weitere Kreise über die Grenze der 
Nürnberger Judengemeinde hinaus, so dass der Mehari Weil 
ein Mahnschreiben an die Nürnberger Judengemeinde erliess, 
die aus Neid entstandene Streitigkeit und Unordnung in der 
Gemeinde einzustellen und alles zu vermeiden, was die Ge- 
meinde in der Leute Mund bringen könnta Die guten Ab- 
sichten des Rabbi Weil fruchteten indess bei Rabbi Kuppel- 
mann nichts, so dass der Rat in Nürnberg einschreiten musste 
und bestimmte, dass alle Juden, die in Nürnberg bürgerlich 
seien, das Recht haben sollen, ilure Kinder von dem fremden 
Rabbi in ihren Häusern unteorweisen zu lassen, da dies von 
Alters her so gehalten worden sei. Der fremde Meister und 
der Rabbi Kuppelmann sollen je einer einen Tag auf dem 
Gemeinhause lesen und der andere den andern Tag tmd wer 
dann nur den einen hören wolle, solle es thun, wer aber 
beide hören wolle, solle dies auch dürfen.'^ 

Auch in Ulm bestand offenbar schon frühe eine jü- 
dische Hochschule und das geistige Leben an derselben 
war ein sehr reges, wenigstens lässt hierauf ein Streit 
schlieesen, der am An&ng des lö. Jahrhtmderts, in einer Zeit, 
in welcher das Judentum woU seine glänzendsten Tage 
in Deutschland hatte, sich zwischen dem Rabbi Simelin 
zu Ulm und drei anderen daselbst befindlichen Rabbinern, 
nämlich zwischen dem Rabbi Seligmann, dem Rabbi Lafen 
und dem Rabbi Gereon, wegen einer Sache spielte, welche 
der Rabbi Simelin nicht gemäss der Ordnung der Nürn- 
bergischen Rabbiner hatte befolgen woUen, obgleich 
Simelin diese Ordnung selbst unterschrieben hatta Es gab 
dadurch Streit zwischen ihm und den anderen Lehrern in 
Ulm, der sich auf die Gemeindegenossen ausdehnte, und 

*^ WflrÜBl, NOnibergs Judengemeinde, S. 56 ff. 



— 38 — 

das „MiflSferständnis^^ frass immer weiter, indem SimeUn nicht 
nur gegen seine drei G^egn^ schimpfliche und ehrenrührige Worte 
ansstiess, sondern andi zahlreichen anderen Leuten , weldie 
sich ihm entgegengestellt hatten, bei der Obrigkeit üble Dinge 
Torwarf^ so dass der Ulmer Gemeindeforstand schliesslich kdnen 
Rat mehr wusste, was er mit dem Simelin anfEmgen sollte, und 
den Entschluss fasste, mit ihm nach Nürnberg eu reisen 
und der dortigen Gemeinde den Fall zum Schiedsspruch za 
übertragen. Die jüdische Hochschule in Nürnberg 
erkannte denn auch in dem Streitfalle zu Recht, dass der 
Rabbi Simelin „wegen seiner grossen und yielfältig 
begangenen Sünden'^ nicht eher Vergebung zu hoffen habe, 
bis er wahre Busse wirken werde. Es hatten sich infolge 
dessen der ganze Ulmer Judengemeinderat und der Rabbi 
Simelin am Peterstage wieder nach Nürnberg zu verfugen 
und da hatte sich Simelin mit denen zu versöhnen, die er 
durch seine Hartnäckigkeit beleidigt hatte. Der R^ctor der 
Nürnbergs Hochschule, Rabbi Weil, sdirieb dem Rabbi 
Simelin die Art und Ordnung der Busse und Aussöhnung 
genau vor unter dem Beifügen, dass bei Nichterfüllung dieser 
Vorschriften der Bann üb^ ihn erfolgen werde. Das Er- 
kenntnis hatte folgenden Wortlaut: Du, Simelin, sollst gehen 
auf den „Migdal*^'*^ zwischen dem Gebet Asdire und Lsr 
menazeach und sollst also sagen: „Höret mir doch zu, ihr, 
meine Rabbiner I Ich, Simelin, bin ein Verräter gewesen, ich 
habe gebrochen die Verordnungen, welche die Rabbiner ge- 
macht und wobei ich mich selbst nebst ihnen unterschrieben 
habe. Ich bitte Euch alle um Verzeihung meiner Sünden.'' 
Diese öffentliche Abbitte des Rabbi hatte in den drei Juden- 
schulen von Ulm, Nürnberg und Konstanz zu erfolgen.'^) 
Ob sich der Rabbi Simelin derselben in der That unterworfen 
hat, ist nicht angegeben. Was bei dieser Angelegenheit, deren 
nähere Untersuchung nicht in das Gebiet der Wirtschafts- 
politik gehört, aber sicherlich des Schweisses eines geeigneten 
jüdischen Litterarhistorikers wert wäre, von besonderem In- 
teresse erscheint, ist die Thatsache, dass damals in der Zeit 
der geistigen Kämpfe im christlichen Lager, in der Zeit der 
Hussitenkämpfe und des Konstanzer Konzils, auch in 
den j üdischen theologischen Kreisen ein geistiger Kampf geführt 
wird, dass wir hier gleichlaufende Erscheinungen haben, welche, 
dem allgemeinen Kriticismus des Zeitabschnitts entsprungen, 
im Christentum wie im Judentum ihre Folgen äussern. In- 
teressant ist weiter, dass entsprechend ähnlichen Verhältnissen 

*^ „Migdal'S eigentlich Tonn, ist der erhöhte Ort in der Jadenschale, 
von welchem aas diu Gesetz verlesen wird, also soviel als Kansel, 
theatram, ^banzl, pro rostris, hebräisch dachan oder bimah. 

**) WQrfel, Nflrabergs Jadengemeiade. S. 60 ff. 



im christlichen Glaabenastreitlager auch bei den jüdischen 
Geisteskämpfem sich damals unter Führung der Nürnberger 
Hochschule eine Art Yon schnlmässiger Disputierknnst heraus- 
bildete, welche, unter dem Namen „Nümbergerei^^ berüchtigt, 
darin bestand, dass der Streitende eine Sache, die anfänglich 
deutlich war, durch allerlei gewandte Einwendungen derart 
verwirrte, dass sidi der Gegner nicht mehr zurecht fand und 
so abgeführt wurde. '^ 

•. Der Fiitdbot 

Wie die Judengemeinden ihre eigenen Erbauungs- 
häuser und Erziehungsanstalten haben, so besitzen 
sie auch ihre eigenen Friedhöfe. So bestätigt im Jahre 1266 
der Erzbischof von Köln der dortigen Judengemeinde ihre 
altbergebrachten Freiheitsrechte, lässt dieselben zum besseren 
Gredächtnis in zwei Steintafeln einmeisseln und diese in der 
Schatzkammer des Domkapitels einmauern. In diesem Privileg 
nun wird den Juden seitens des Erzbischofs zugesichert, sie sollen 
ohne Rücksicht auf die Todesart und ihre etwaigen 
Verbrechen, gleichviel woher sie kommen, ohne 
irgend eine Abgabe auf dem Judenkirchhof ausserhalb 
der Mauern von Köln begraben werden; ausgenommen sollten 
hievon nur diejenigen sein, welche im Judenbanne ge- 
storben oder zum Tode verurteilt worden waren. Auch 
sollte kein Amtmann oder Kichter von Köln auf dem Juden- 
kirchhofe oder in solcher Nähe desselben, dass es als Schmadi 
für die Juden erscheinen konnte, ein Todesurteil an Juden oder 
Christen vollziehen lassen dürfen.^) So wird im Jahre 1296 
vom König von Aragon der Judengemeinde von Montpellier 
bei dessen Anwesenheit in der Stadt das Recht erteilt, einen 
eigenen Kirchhof zu haben. *^) Wie die Häuser und Hofstätten, 
so waren auch die Synagogen und Friedhöfe der Judenge- 
meinden im Mittelalter meist nicht Eigentum der betreffenden 

^*) Compellimnr credere, Judaeos, qni f aondam Noiimbergae habita- 
bant, Itaine ante ceteros tribolea penpicacia ingemi et doctrinae aingolarig. 
Quippe in praesena ua^ue tempoa (nee dabiam in omne volubUe aeTom 
idem hoc anratanim) in eonmdem academiis, qnas Polonia freqaentei 
habet, ^Vnemberger** vocantar difficiüora loca, in qniboa, qnod prins 
certom quodammodo erat, fit deinde incertum et ex matao conflictn ra- 
tionum utrinque allatarnm ezorinntor pronns ineztricabiles. WagenaeU, 
Gommentarios de dYitate Noiimbergae, Gap. 21. Als praktisches Beispiel 
fUr diese Art von Dispatterkunst wird angeführt: Ein Bauer führt einen 
schwer beladenen Wagen Stroh an Markt, dem ein anderer begegnet 
Er fragt: „Bauer, was führst du gen Markt?** Der Bauer antwortet: 
^ e JLT Der Andere antwortet: Das ist doch kein Heu, sondern Stroh. 
Der Bauer fertigt ihn ab, indem er säst: Wenn dn es weisst und siehst, 
warum fragst du dennoch? Wfirfel, NOmbeigs Judengemeinde, S. 64 ff. 

**) Stobbe, Jnden in Deutschland, S. 91. 

*^) Aigrefenille, Geschichte von Montpellier, Buch 6. Depping, Juden 
im Mittelalter, 8. 166 f. 



— 40 — 

Jaden, sondern irgend eines hohen geistlidien oder weUüduB 
Lehensherm , sie waren reichdehenher und standen dann im 
Schntie des Reichs, oder sie gehörten einem Bischoi, einem 
Abte, einem Ghrafen n. s. w. und standen dann in desaen 
Schnts, wie dies im Mittelalter allgemeine Sitte war. Es ist 
derselbe Grund des bessern Schutzes, der die Joden veran- 
lasst, auf eigenes Grrundeigentam zu verzichten und in der 
Miete des Reichs oder eines sonstigen Machthabers zu wohnen, 
welcher damals Tausende von kleineren Grundbesitzem ver- 
anlasste, sich in den Schutz jener Grossen zu begeben. Was 
manchem minder mächtigen alten Edelmann bei den damaligen 
bewegten Zeiten begehrenswert erscheinen muaste, der Schatz 
eines geistlichen oder weltlichen hohen Landesherm, wie vid 
mehr muste diess dem fremden Juden begehrenswert sein?'^ 
So kaufen im Jahre 1283 die Juden von Paris dem KanonikDS 
Meister Gilbert dessen Garten ab und machen einen Kirchhof 
daraus. Da der betreflfende Kanonikus diesen Garten sb& 
von der Krone zu Lehen trägt, bestätigt diese den Kau!**) 
So bezahlen im Jahre 1283 die Juden der proven^alischen 
Städte Aiz, St Mazimin, Lambesc, Pertuis und der 
Dörfer Istres, Cadenet, Tretz und Lanson dem Erz- 
bischof von Aiz einen Jahreszins von grobem oder fieinem 
Pfeffer von einem halben bis zwei Phind für die Erlaubnis, 
eine Synagoge, ein Gesetzbuch, eine ewige Lampe und 
einen Kirchhof zu haben.*") So weigert sich im Jahre 1333 
die Judengemeinde des Dorfes Malaucene, Diöceee Yaison, 
in der Provence, gegen den Rat ihrer Vorsteher, künftig 
für ihre Schule und ihren Kirchhof die seitherige Abgabe 
von 1 Pfund Pfeffer, 1 Pfund Ingwer und 2 Pfund Wachs 
zu bezahlen.'^ So gehören die Synagoge und der Judenkirchhof 
in Schweinfurt dem Reiche, ebenso ist es in Bamberg, wo 
König Mazimilian dieselben im Jahre 1487 auf 10 Jahre einem 
Juden zu Lehen gihi^); so gehört auch die Ulm er Synagoge 
samt dem Friedhofe nicht etwa der Ulmer Judengemeinde, 
sondern zwei Ulmer Geschlechtem, welche die betreffende 
Liegenschaft der Ulmer „Jüdischheif* mietweise über- 
lassen. Am 5. Mai 1354 verleihen der Ritter Konrad (Rot?) 
der Seffler tmd Krafffc, der Sohn des seligen Lutz Krafft, 
Bürger zu Ulm, der Judengemeinde in Ulm und ihren 

*^ Unde priocipes, barones et comites et nobiles, meldet Felix Fabri, 
der Ülmer Gbronist. se et soa dominia sponte monasterüs sabjidebant 
et vehementer dolebant, quibos impedimenta erant, quod religiosu dari 
non poterant, quia in tractatiboi et diaetis nobiliom prae oeteris lioiion- 
bantor iUi, qoi monaateriis inoorporati erant Veesenmeyer, Tractatns 
FeUcis Fabri, 8. 28. 

"*) Depping, Joden im Mittelalter, ^. 188 and 268. 

■«) Wiener, S. 211, No. 706 und S. 96, No. 124. Stobbe, Jaden in 
Deutadüand, 8. 169. 



— 41 — 

Nachkommen die Synagoge mit dem dieselbe umgebenden 
Schnlhofe bis an das Hans des Zimmermanns Heinrich und in 
derselben Weite hemm um die Synagoge bis an die Bfaner, an 
der firüher das Tanzhaas der Jnden stand, und weiter die 
Hof statte von der Mitte dieser Mauer bis an den Weg YOr, mit 
dem Keller, der dazwischen ist bis an die Synagoge. Die 
Jaden sollen diese liegenschaiten ewig rahig gemessen und 
lediglich yerbonden sein, 11 Pfund gute Häller Zins nach 
Zinsrecht jährlich zu geben, und zwar 40 Häller weniger 
als 6 Vfd. Hlr. den Ulmer Bürgern und dem Pfaffen zu 
St Moritz in Augsburg 13 Seh. 4 Hlr., die dieser aus 
der Hofslätte mit dem Keller bei dem Brunnen an der 
Synagoge als Zins erhält, und die übrigen 4Vs Pfd. Hlr. sollen 
sie den Vermietern oder ihren Erben jährlich nach Zinsrecht 
halb zur Sonnenwende und halb zu Weihnachten mit der Be- 
dingung bezahlen, dass sie das Recht haben, diese 4 Vi Pfd. 
Hlr. alunilösen, und zwar je 1 Pfd. mit 13 Pfd. Hlr., während 
die übrigen 6^/2 Pfd. aus der Synagoge und der Hofstätte 
ewig bleiben soUen. Die Stadt erhält also 6 Pfd. weniger 
40 Hlr., also 5 Pfd. 16 Seh. 8 Hb., nach Augsburg müssen 
bezahlt werden 13 Seh. 4 Hlr. und an die beiden Vermieter 
Seffler und Krafit 4 Pfd. 10 Seh., was zusammen 11 Pfd. 
ei^bt. Weiter wurde bestimmt, die Mauer, an welcher früher 
das Tanzhaus gewesen sei, solle eine gemeinschaftliche Mauer 
sein, so dass man beiderseits daran bauen dürfe, die übrige 
Ho&tätte aber BoUe niemals bebaut werden und kein „Privet^^ 
oder eine andere „schamUche und unredliche Sache" dort 
errichtet werden. Und da die Juden Sorge haben, dass der 
Pfaffe zu St. Moritz in Augsburg sie wegen des Zinses 
kränken könnte, den er seither aus der Synagoge und aus 
ihrer Gemeinde und einigen Ho&tätten erhalten hatte, so 
kommen die Vermieter mit der Judengemeinde überein, dass 
sie diese 4^2 Pfd. alljährlich nach Augsburg bezahlen 
wollen. Die Vermieter versprechen dabei, die Hofslätte und 
deren Zinsen nie anderweit zu verleihen, zu versetzen oder 
za verkaufen, ohne dass der Pfaffe zu Augsburg und die 
Ulmer Jndengemeinde ihre Einwilligung dazu gegeben haben; 
sollte aber der Augsburgcr Zins abgelöst werden, so sollten 
sie den etwaigen höheren Zins, den sie dafür erhalten, behalten 
dürfen, nur sollte der Pfaffe jederzeit seinen Zins zuerst er- 
halten. Kamen aber die Vermieter mit dem Pfaffen zu Augs- 
burg dahin überein, dass dieser die Ulmer Juden ihres Zinses 
entband, so sollten die Vermieter mit ihren Hofstätten und 
Zinsen anderweitig an&ngen dürfen, was sie wollten, ohne dass 
die Juden sie daran hindern durften. Ausserdem wurde ab- 
gemacht, dass wenn die Juden die 4 Vi Pfd. Hlr. ablösen 
wollten, diese Summe einem ehrbaren Kramer ausgefolgt 



— 48 — 

werden nnd dieeer sie in Händen behalten sollte, bis die Ver- 
mieter oder ihre Erben dieselbe wied^ anderswo an 2m 
gelegt haben, nnd es sollten dann diese Zinsen den Juden und 
dem Pfiiffen zu Augsbnrg als Haftung für die Zinsen dienen, 
die sie abgelöst hatten. Als Bürgen wurden von den Ver- 
mietern den Juden gegenüber eingesetzt der derzeitige Boigor- 
meister Lutz K rafft und die Bürger Peter Er äfft, KomA 
Erafft und Peter you Giengen mit der Bestimmung, dass 
wenn die Vermieter den übrigen Zins nicht ohne Schaden für 
die Juden bezahlen, diese das Recht haben sollten, die be- 
treffenden Bürgen zu mahnen, dass „sie selbst oder ihie 
Boten zu Haus und Hof und unter Augen leisten^\ und es 
sollten ihnen diese nach der Mahnung unverzüglich mit 
guten ehrbaren Pfändern Bürgschaft leisten müssen, so dass 
der übrige Zins vollständig und ohne Schaden entrichtet würde. 
Sollte aber ein Bürge mit Tod abgehen, „da Gott vor sei^, 
so sollte binnen 14 Tagen auf Mahnung der Juden diesen 
ein anderer Bürge gesetzt werden. Bürgermeister und Bat 
siegeln die Urkunde.*^) Ebenso verleihen im Jahre 13ö6 da: 
BürgermeiBter Ulrich Bot, der Sohn des Otto Bot, in Ulm und 
Walter Bitterlin der „Jüdischheit daselbst^' den Judenkirch- 
hof vor dem Neuen Thore als Zinslehen und die Ulmer Juden 
stellen einen Gegenbrief dafür aus ^^) und am 4. Dezember 1354 
verkauft der Ubner Bürger Krafft am Eommarkt an die 
Juden daselbst das Nachbarrecht, das er gegen das Haus des 
Zimmermanns Heinrich hat'^) Am 24. August 1360 beurkundet 
die „gemeine Jüdischheit**, cL h. die Judengemeinde in Ulm, 
Reiche und Arme, dass sie mit dem bescheidenen Juden 
Fiflin von Memmingen, Bürger zu Ulm, betreffs dessen Hauses 
und Hofraite bei ihrer Synagoge und ihrem Schulhofe 
dahin übereingekommen ist, dass sie dem Fiflin erlaubt hat, 
dieses Haus zu kaufen und darauf zu bauen, wie er es jetzt 
„bezimmert und beheimt'* hat, und dass sie ihn weder mit 
jüdischem noch weltlichem Recht oder sonst in irgend einer 
Weise hierin verkümmern werde. Fiflin soll das Li cht recht 
zu seinem Hause in den Judenschulhof haben, doch muss 
er alle seine Lichter in der Art vergittern, dass man gerade 
noch mit der Faust durch die Gitter stossen kann, und nie- 
mand darf von seinem Hause aus etwas in den Judenschulhof 
schütten oder werfen. Sollten Fiflin oder seine Erben das 
Haus verkaufen wollen, so sollten sie es zuerst der Ulmer 
Judengemeinde zum Kaufe anbieten müssen; soUte diese dann 
das Haus nicht kaufen wollen, so sollte er es einen Monat 
lang den anderen Juden zum Kaufe anbieten müssen und 
erst wenn es keiner derselben woUte, sollten sie es ander- 



'*) Baiing und Veeienmeyer^ Uknisches Urkundenbuch, Mipt 



— 48 — 

»tig Terkanfen dürfen. Der Kaufpreis, welchen Fiflin der 
imer Jadengemeinde für das Hans erlegt, beträgt 13 Pfand 
ite Haller und die Judengemeinde behält sich das Becht 
r, ihre Synagoge höher zu rüsten und zu bauen, als sie 
ither ist; ferner seil Fiflin die Verpflichtung haben, die 
nne zwischen der Synagoge und dem von ihm erkauften 
luse zu unterhalten. Zeugen und „Satzleute" bei diesem 
iuiVertrage sind die drei Ulmer Bichter und Bürger Er äfft 
1 Kommarkt und Ulrich und Eonrad Bot, welche alle drei 
)geb, wie auch Bürgermeister und Bat ihr Oemeinsiegel 
idrüdcen.**) Eine weitere Nachricht endlich erhält man 
n der Ulmer Judengemeinde unterm 22. Januar 1386, an 
ilchem Tage Biainz Walle, Bürger zu Ulm, in den Dienst 
or Juden in Ulm als deren Eirchhof- und Hausdiener 
itt") 

Betrachtet man die Verhältnisse, wie sie sich aus diesen 
achrichten ergeben, so bekommt man Licht in einige Stellen 
» Friedensvertrags der Stadt Ulm mit der Graf- 
3haft Wirtemberg vom Jahre 1392. Da nämlich die 
eichenauer Elosteryogtei in Ulm den Grafen yon 
urtemberg gehörte, welche dieselbe am 4. Januar 1259 nach 
Bm Tode des Ghrafen Albert von Dillingen von den Vor- 
lündem des Eönigs Eonradin von Hohenstaufen in Wasserburg 
n Idb nebst der Würde und Gewalt eines Marschalls in ganz 
chwaben und dem Ulmer Pirschgeiicht zu Lehen erhalten 
atten^^), so versteht man es, wenn Graf Eberhard der Milde 
on Wirtemberg nach dem Tode Graf Eberhards des Greiners 
ich in dem Friedensverträge, den er am 15. März 1392 mit 
ier Stadt Ulm schliesst, darüber beschwert, dass die 
Jimer die Vorstadt Schweighof en, das heutige Neu-Ulm, 
^kochen haben, wo ihm als Schirmvogt das Herbergsrecht 
uid der Gerichtsstab zustehe, dass man die der Familie Bot 
;ehörigen Häuser, Höfe und Gärten, welche von Wirtemberg 
:u Lehen gehen, niedergerissen und die neue Pfarrkirche, 
'• h. den Münsterbau, an deren Stelle gesetzt habe, 
^ man das Haus des Peter Bot samt Hofraite und Baum- 
a^urten abgebrochen und das neue „Salzhaus*' oder Eauf- 
'^ans, die „Gret", dort erbaut habe, dass die Stadt die in 
Hm wohnenden, im wirtembergischen Schutzverbande 
^henden Christen und Juden durch Verlangen übermässiger 
Renate, Leistungen und anderer Dinge schwer geschädigt 
habe. '*) (jehen diese Gesässe durch die Abfindungen der Stadt 

P Preuel, Geschichte der ülmer Joden, S. 80. 

12 Buing and Veeaenmeyer, ülmiiches Urkondenbucb, Mspt. 

2 StUin, Wirtembergiache Geschichte, Bd. 2, S. 488. 
. 1 Fressel, Dlmisches Urkondenbuch, S. 95. Jftger, Ulms Ver- 
^, 8. 168. 



— 44 — 

mit dem Kloster Reichenau im Laufe des 16. JalulmiidartB 
an das Reich üb Besitserin der Stedt Ulm über, so ergibt od 
aachf dass Kaiser Maximilian in Tollem Recht war, wenn er 
nach der Answeisnng der Ulmer Jndengemeinde im Jahre 1^ 
den Jadenfriedhof samt dem darauf stehenden Hanse 
namens des Reichs an die Ulmer Stadtgemeinde teilaiift. 
Derselbe war bei der „alten^* Schwestermohle tot dem Neaen- 
thore an der Ringmauer der Stadt an der Blau neben den 
, JLohstocke** und die Stadt überliess denselben im Jahre 1499 
der Mamerzunft, um darin ihre Rahmen zum Ausspanneii 
der Mamertücher aufzuschlagen.^ 

Auch in Nürnberg findet man einen grossen Juden- 
friedhofl So sterben im Jahre 1367 in Nürnberg so 
viele Juden am schwarzen Tode, dass ihr Leichenhof 
erweitert werden muss, und ebenso sterben daselbst im 
Jahre 1407 yiele Juden an den Blattern, so dass der 
dortige Leichenhof wiederholt vergrössert wird; andi im 
Jahre 1437 sterben so yiele Juden in N&mbcffg an den 
Blattern, dass der Friedhof abermals erweitert wird. ^^ Nidit 
jede Jndengemeinde hatte übrigens ihren eigenen friedhot 
wie auch nicht jede Gemeinde ihre eigene Synagoge hatte. 
Unter König Philipp IV. Yon Frankreich (1285—1314) 
dürfen die Juden in keiner Diözese mehr ab einen Kiidihof 
haben und in England haben ursprünglich die Juden das Be- 
erdigungsrecht nur in London/^ Die Folge war denn auch, 
dass manche Gemeinden genötigt waren, ihre Leichen aus- 
wärts auf einem andern Judenkirchhofe zu bestatten« So 
erhalten im Jahre 1325 die Juden des Herzogtums Bayern 
die Freiheit, ihre Toten zollfrei auf dem Judenfriedhofe su 
Regensburg zu begraben; so war im Jahre 1370 die Be- 
gräbnisstätte fQr die Juden des Herzogtums Schweidnitz 
der Judenfriedhof in Schweidnitz; so hatten die Juden des 
Bheingaus ihren Begräbnisplatz auf dem „Judensande'' zu 
Mainz; ebenso dienten der Worms er und der Frank- 
furter Judenkirchhof einem grossem Gebiete als Begräbnis- 
stätte und im Jahre 1394 erlaubt die Stadt Basel der 
dortigen Judengemeinde, einen neuen Kirchhof zu erwerben 
und auf demselben auch auswärtige Juden zu beerdigen; 
ebenso gestattet im Jahre 1381 der Rat von Zürich seiner 
Judengemeinde, fremde Juden auf ihrem Friedhofe zu be- 
graben, und im Jahre 1383 erteilt der Bischof von Konstanz 
der dortigen Judengemeinde eine diesbezügliche Ordnung für 

*^ Urkunden- und Veriragsbacb, Bd. 8, Bl. 1224. Mspt Ulm. Stadt- 
arcbit. Viertes Gesetzbuch, B]. 284b, Mspt Uhn. Stadurehiv. Miller, 
Ulms Wasserwerke, S. 20. Jager, Ulms Yerfassung, 8. 409. 

*M Würfel, NQmbergs Judengemeinde, 8. 77 und 95. 

«*) Deppng, Juden im Mittelalter, 8. 184 und 125. 



— 46 — 

ihren Judenfiriedhoi Für die Beerdigung der Jaden war 
deeahalb anch eine bestimmte Abgabe seitens der betreffenden 
Grandherrschaft eingesetzt, welcher das Grabrecht zustand. 
So bezog im lö. Jahrhundert der Erzbischof YOn Mainz 
Ton jedem Juden unter 13 Jahren, der in Mainz begraben 
wurde, 1 Gulden, von jedem Juden über 13 Jahren 2 Gulden, 
in Frankfurt am Main kostet das Begräbnis eines Juden- 
kinds einen halben Gulden, eines ledigen Juden 1 Gulden, 
eines verheirateten Juden 2 Gulden.^*) Daneben erwuchsen 
den Angehörigen noch Kosten für die Geleitsicherung der 
betreffenden Leichname auf dem Wege zum Friedhofe. So 
beträgt im Jahre 1311 das Geleitgeld für einen toten Juden 
for die Strecke von Passau nadi Straubing ein halbes 
Pfand Passauer Pfennige und ein Pfund Pfeffer. In Augs- 
burg sind im Jahre 1276 für jeden toten Juden, welcher 
nach der Stadt gebracht wird, 30 Pfennige zu erlegen, wäJhrend 
im Jahre 1433 die Taxe einen rheinischen Goldgulden be- 
trägt; in Löwenberg zahlt jeder, der einen fremden toten 
Jaden hereinführt, einen „Vierding/' ^^ So erhebt die Stadt 
Ulm im lö. Jahrhundert nach der Eirchberger Jller- 
brückenordnung von jedem Judenleichnam (ain toter Jud), 
der Ton auswärts zum Begräbnis auf den Ulmer Judenkirch- 
hoi gebracht wurde, einen Brückenzoll Yon 6 SchilL 8 Hlr.^^), 
au der Ulmer Herdbrücke einen solchen von 3 SchilL 4 Hlr. 
imd an der Geislinger Zollstätte 1 Pfd. Hlr.^^) Dagegen 
stellen sich die älteren Zollordnungen des 13. Jahrhunderts 
in dieser Beziehung auf einen judenfreundlicheren Standpunkt 
So bestimmt der Judenfreiheitsbrief der Herzöge von Oester- 
reich: „Yon rechte sal kein iodde czoln noch mauten, her 
sie lebende oder tod, wenn also ein christenmann; wo sie die 
zcolner ober daz twingen, daz ist ein roub;^' ebenso war in 
Köln den Judenleichen Geleitfreiheit eingeräumte^ 

t Dm Spitil. 

Zu nennen ist hier femer der „Juden spital", wo 
die kranken Genossen der (Gemeinde oder fremde Juden ihre 
Pflege erhalten, wie wir dies in Ulm sehen oder in Mar- 
seille, wo im Jahre 1471 der Jude Bonias Salemas den 
beiden jüdischen Spitälern einen Jahreszins von 4 Mass 
Wein und 1 Mass Oel vermachtet) Wer einen Juden eine 
Nacht in der Stadt oder Yor derselben beherbergt, der 
nicht das Geleite hat, bestimmt das Nürnberger Judenrecht, 
mii88 für jeden Juden einen rheinischen Gulden Strafe be- 

^ Stobbe, Juden in Deutschland, S. 270. 
n Eid- und Ordnongsbuch C, Mspt., Ulmer StadtarehiT. 
*^) J&ger, Ulm im Mittelalter, 8. 899 und 410. Maurer, Deutadies 
Stldteweieo, Bd. 2, S. 609. Deppmg» Jaden im Mittelalter, S. 265. 



— 46 — 

zalden und Niemand darf bei der Strafe Ton 1 Gnldra 
ffir jeden Tag einen Jaden oder eine Jüdin länger bd ndi 
behalten, als ihm die Bürger das Geleite gegeben habeo, 
ebenso wie kein Jude bei Strafe von 1 Pfd. Hlr. einen Christen 
über Nacht bei sich beherbergen darf, der nicht sein ge- 
dingter Ehehalte ist^*) Das Ihlten von christlichen Dieostr 
boten war also auch in Nürnberg wie in Ulm den Juden im 
14. Jahrhundert noch gestattet und ist ihnen wohl auch dort 
wie im ganzen Reiche erst am Anfang des lö. JahrhundertB 
wieder yerboten worden.^*) 

g. Dm Bftd, d« BruBfB vid du Vuiktat. 

Weiter gehört hierher das „ J u d e n b a d.^* Nach kanonisdiem 
Rechte durfte kein Jade in einem „gemeinen^, d. h. öfientlidieD 
Bade baden und so errichteten die Juden fast überall, wo sie 
eine Ansiedlung gründeten, ihre eigenen Badehäuser, wie wir 
solche z. B. in Köln, Augsburg, Speier und Ulm finden.^^ 
So bestimmt z.B. die Nürnberg er Judenordnung, die Juden 
sollen bei Strafe von 1 Pfd. Hlr. für den Juden oder die 
Jüdin und 60 Hlr. für den betreffenden Badmeister nur in 
ihren Judenbadstuben baden dürfen, während allen christlichen 
Männern und Frauen das Baden in den Badstuben von Juden 
bei Strafe von 60 Hlr. verboten war.^^ So bestimmte auch das 
Augsburger Stadtrecht vom Jalire 1276, dass die Juden 
nicht bei den Christen baden sollen, und im Jahre 1290 
erlaubte der Rat von Augsburg den Juden aaf ihre dringende 
Bitte, ein eigenes Bad haus zu errichten, in welchem sie und 
ihre Kinder und ihr Gesinde, auch das christliche, und 
fremde Juden sollten baden dürfen. Nur sollte der Bad- 
meister bei 5 Schill. Augsb. Pfg. verpflichtet sein, keine andere 
Christen dort baden zu lassen, als solche, welche im jüdische 
Dienst standen.^^) So dürfen in Marseille die Juden die 
öffentlichen Bäder nur am Freitag, und die Freudenmädchen 
und Sklaven diese Bäder nur am Montag besuchen.^") So waren 
auch genaue Bestimmungen über die Reinhaltung der 
Judenhäuser getroffen. Die Juden müssen ihre Gassen und 
Häuser rein halten, heisst es in der alten Nürnberger Juden- 
ordnung und dürien keinen „Eersel^*, d. h. Kot, oder andern 
„Wust*^ in ihren Häusern oder an den Brunnen ausgiessen. 
Hat ein Jude einen „Krug^\ d. h. einen Abort, in seinem 
Hause, so soll er das Wasser und den Kersel mit dem Regen 
ablassen, und wenn es zu lange nicht regnet, soll er es bei 
Strafe von 60 Hirn, des Nachts fortschaffen und ausschöpfen 
lassen, damit es bei Nacht abrinne.^*) Auch hat ihr Viertel 

**) Würfel, Nürnbergs JudengemeiBde, 8. 75 and 88 f. 
*^ Maurer, Deataches Stadteweaen, Bd. 2, 8. 609. 
*n Meyer, Stadtbach von Aogabo», 8. 58. Depping. Jaden im 
Mittelaltar, 8. 855. 



— 47 — 

eisen eigenen «Jadenbrnnnen^^ wo sie ihr Trinkwasser 
holen^ wie wir einen solchen in Köln und Ulm finden ^') und 
in Montpellier, wo die Jnden schon im 10. Jahrhundert 
ihren eigenen Brunnen haben, der mit Kammern umgeben ist, 
die wahracheinlich den Judenfranen zur Reinigung dienten^, 
wie auch im Jahre 1419 im Dauphin^ befohlen wird, die 
Juden sollen künftig überall eigene Brunnen, Backöfen 
und Mühlen haben. ^ 

Endlich gehört hierher das ^Judenspielhau8^\ wie wir 
es z. B. im Jahre 1288 in Köln finden, oder das „Juden- 
tanzhaus^S wie es in Ulm heisst, wo die Genossen ihre 
Festmahle, Hochzeiten u. s. w. abhalten. ^^) 

h. Dm SoUMhthaw. 

Weiter ist Yon öffentlichen Anstalten zu nennen das 
Schlachthaus. Der Aufkauf von Vieh war den Juden 
nur auf den öffentlichen Viehmärkten gestattet; aller 
anderweitige Viehaufkauf war ihnen wie überhaupt jedem, der 
kein Ang^öriger der Metzgergenossenschaften war, verboten, 
seit diese Genossenschaften von den Stadtbehörden den 
Zwischenhandel mit Vieh zu Lehen erhalten hatten. 
So bestimmte die Nürnberger Judenordnung, kein Jude 
sollte, bei Strafe von 1 Pfd. Hlr. für jedes anderweitig gekaufte 
Stuck, Rindvieh in der Stadt oder in der Vorstadt oder ausser- 
halb der Stadt kaufen ausser auf dem Viehmarkt, wobei die 
Hälfte der Strafe der Käufer, die andere Hälfte der Verkäufer 
tragen sollte.^*) Besondere Vorschriften bestanden namentlich 
für den Fleischhandel der Juden, wie dies die von den 
christlichen Vorschriften betreffs des Fleischgenusses ab- 
weichenden Speisegesetze der Juden mit sich brachten. Da 
der Jude im Unterschied vom Christen nur ausgeblutetes oder 
geschächtetes Fleisch und auch von diesem Fleisch nur 
bestimmte Körperteile essen durfte, ergab sich hiedurch 
die Notwendigkeit besonderer Ordnungen für den Handel mit 
jüdischem Fleische. Schon in den Jahren 1254 und 1258 wird 
durch Konzilbesdüüsse den Juden verboten, Fleisch an den 
christlichen Fleischbänken zu verkaufen^) und im 
Jahre 1310 befiehlt König Heinrich von Luxemburg, da es sich 
gezieme, dass das Reich jedermann, der unter ihm stehe, Ruhe 
und Gtomach nach seiner Ordnung tmd seinem Wesen bereite 
und es desshalb „nicht unzienüich sei'S dass diejenigen, 
welche „das Gelübde und das Leben'* betreffs der Qemein- 

^ Stobbe, Die Juden in Deutschland, 8. 05. 
n Depping, Jnden im Mittelalter, 8. 169 und 162. 
*>) Ennon^Gesduchte der Stadt Köln, Bd. 1 , 8. 476. Baxing und 
VeewniDever, Ulm. ürkondenbuch, Mnrt. 

*^ WflrfiBl, MOmbergi Judengemebide, 8. 168. 



— 48 — 

scbaft und des Glaabens geschieden habe, zar Vermeidung 
▼on Aeigernis bei den Gläubigen, abgesondert und geschieden 
werden, dass alles Vieh, welches künftig von den Juden 
gefleischwerkt werde, nicht unter den Fleischbänken 
der Christen yerkanft werde, sondern in ordnungsmässiger 
Weise von den Juden in abgeschiedenen gesonderten Bänken 
▼erkauft werden solle. Da nämlich die Juden keinen 
hintern Teil yom Fleische essen dürfen, pflegen sie diese 
Teile um billiges Geld an die Christen zu yerkaufen und es 
wurde ihnen nun damals nachgesagt, sie haben derartigeB 
Fleisch angespieen und das Wasser darauf gelassen, damit 
die Christen den Tod daran schlucken.^*) So empfahl es sich 
im Interesse des Friedens zwischen beiden Nationen, in dieser 
Beziehung Vorschriften zu erlassen. Man hatto wegen dieser 
uralten Volksmeinung betreffs des Judenfleischs schon in 
alten Zeiten Gesetze erlasssen, welche den Verkauf Ton ge- 
schächtetem Fleisch an Christen untersagten; die Juden hatten 
es indess yerstanden, sich Freiheitsrechte zu yerschaffen, 
nach denen ihnen der Verkauf ihres Fleisches an Christen 
wieder gestattet wurde. So erlaubte der Bischof Rüdiger 
yon Speier, als er im Jahre 1084 das Dorf Altspeier mit 
der Burg yon Speyer zu einer politischen Körperschaft y er- 
einigte, den Juden, sich auch in Dorf Speier anzusiedeln, wies 
ihnen dort ein ummauertes Stadtriertel an, damit sie sidier 
leben können, tmd gab ihnen neben den Rechten zum fireien 
Handelsyerkehr, zur Erwerbung yon Grundbesitz, neben einem 
eigenen Begräbnisplatz, eigenem Gericht und dem Recht, chiist- 
lidie Dienstboten zu halten, das weitere besondere Vorredit, 
dasjenige Fleisch, welches sie selbst nicht essen 
dürften, an die Christen zu yerkaufen. Der Bischof 
bemerkte dabei ausdrücklich, das seien so günstige Rechte, 
wie sie die Juden nur in wenigen deutschen Städten be- 
sitzen.^^) So war z. B. in Nürnberg betreffs des Fleiach- 
handeis der Juden festgesetzt, wenn die Juden lebendes 
Vieh kaufen, soUen sie es heimtreiben und es daheim 
unter den Judenbänken schlagen und yerkaufen, nicht 
aber unter den Christenbänken. Jeder Fleischmann, der 
ihm selbst oder einem Juden gehöriges, yon den Juden ge- 
sdilagenes Fleisch unter der Hand oder unter den Christen- 
bänken yerkaufie, musste für jedes Rind 1 Pfd. Hlr., für 
jedes Kalb und jede Gaise aber 60 Hlr. Strafe geben oder 
er erhielt 1 Jahr lang Stadtyerbot. Dieselbe Strafe traf ihn, 
wenn er heimlich yon den Juden geschlagenes Fleisch kaufte, 
einsalzte oder unter anderes Fleisdi mischte und es heimlich 

*^ WOrfeL NOmbergB JadengemeiDde, S. 87 f. Bnxtorf, Svoagog« 
Judaica, Kap. äc, 8. 618. 

^) Stobbe, Joden in DeaUeUaad, 8. 9. 



— 49 — 

oder öffentlich feilbot, auch wenn ein Gast oder Ausmann 
geschächtetes Fleisch in die Stadt hereinführte, durfte er es 
nur unter den Judenfleischbänken verkaufen. Dem 
Rat von Nürnberg lag an der Einhaltung dieser Bestimmungen 
80 viel, dass er besondere Aufseher bestellte, welche zu ver- 
hindern hatten, dass irgend welches Judenfleisch unter den 
Christenbänken verkauft wurde. Daneben galten auch für den 
jüdischen Fleischliandel die allgemeinen Vorschriften der Stadt, 
nach denen alles Fleisch nach der in der Stadt gültigen 
Fleiflchverkaufs-Ordnung zu verkaufen war. Die Wage, das 
„Gelöt^*, mnsste auch unter den Judenfleischbänken das 
Eichzeichen der Stadt tragen und auch den Juden war es 
wie den Christen verboten, Kälber zu schlagen, die 
unter 4 Wochen alt waren. Das Fleisch, das die 
Juden nicht mehr für sich wollten, durfte niemand 
kaufen, um es wieder zu verkaufen, dagegen durfte 
es jedermann zum Hausbrauche kaufen, nur musste diess 
auf der Juden bank geschehen bei Strafe von 1 Pfd. Pfg. 
an die Stadt und Stadtverbot durch den Burggrafen. ^^) So 
bestimmt auch das Augsburger Stadtrecht vom Jahre 1276 
betreffs des Judenfleischs: Alles Fleisch, das die Juden 
schlagen, es mögen Rinder, Schafe oder Kälber sein, sollen 
sie selbst töten, für das Fleisch aber, das sie nicht essen, 
sollen sie eine eigene Judenbank haben, an der ein Jude 
mit einem Judenhute auf dem Kopfe steht '^^) Auch in 
Ulm galten schon im 14. Jahrhundert ähnliche Vorschriften: 
Wer Schweinefleisch feil hatte oder Fleisch, das finnig 
oder moderig war, ebenso wer Judenfleisch verkaufte 
oder wer Farren schlachtete, durfte so lange kein bank- 
mässiges Fleisch verkaufen, bis er diese nicht bankmässigen 
Fleischsorten verkauft hatte, und im Jahre 1490 wurde ver- 
ordnet, die Fleischschauer sollen ihr besonderes Augenmerk 
darauf haben, dass alles „arge*^ d. h. nicht bankmässige. 
Fleisch, wie finniges und moderiges Fleisch, Farrenfleif^ch und 
Juden fleisch, in denhiezu eingerichteten besonderen Ständen, 
den sogenannten „Freibänken'S verkauft werde und dass unter 
das gute Fleisch kein solches „arges Fleisch*^ gemischt werde. 
Das Fleisch, dessen die Juden bedürfen, sollen sie entweder 
ganz, d. h. als lebendes Vieh, auf dem Viehmarkte kaufen, 
oder wenn sie nur Hinter- und Vorderteil wollen, „unter dem 
Fell" den Metzgern abkaufen, indem sie einen Mezger er- 
suchen, er möge ihnen die nötigen Schlachttiere auf dem 
Viehmarkte beschaffen.^^ Das Fleisch aber, das ihnen übrig 

^ Wfirfe], Kflmbergs Judengemeinde, 8. 37. 



^ Meyer, Stadtbuch von Augsburg, 8. 67 f. 



, ülmer MetsgerorduuBg vom Jahre 1490. Zweites Geaetzbucb, 
B1.92b f. Ulm. Stadtardiiv, Mspt. NQbling, Ulms FleiscbereiweseD, 8.14. 
Jftger, Ulms Verfassung, 8. 628. 



— 60 — 

blieb, sollten sie lediglich im Hofe der Jadenschule feil 
haben und ebendort sollten sie auch das von ihnen erkaufte 
Vieh metzgen lassen und kein Metzger sollte ihnen an einem 
anderen Orte metzgen dürfen oder ihnen ihr übriges Fleisch 
anderswo feil haben. ^^) Weiter war den Juden schon sdt 
alter Zeit verboten, an christlichen Fasttagen Fleisch zu 
essen, ein Gebot, das namentlich unter König Philipp (1285 
bis 1314) in Frankreich strenge durchgeführt wird.^*} 

i. Dir LebanmittaUunf lad dit JadenbMkhna. 

Wie betreffs des Einkaufs von Fleisch, so unterlagen auch 
betreffs des Einkau fs ihrer sonstigen Genuss mittel die Jud^ 
schon frühe gewissen Einschränkungen, die aber um die Mitte 
des 13. Jahrhunderts Milderungen erfuhren. So bestimmt z. B. 
im Jahre 1264 Herzog Boleslaus von Polen, die Juden sollen 
alles frei kaufen und verkaufen und die Lebensmittel 
ebenso berühren dürfen wie die Christen; wer sie 
daran hindere, solle um Geld gestraft werden.^') Aber schon 
am Anfang des 14. Jahrhunderts machen sich auch auf 
diesem Gebiete Rückschläge bemerklich. So verordnet im 
Jahre 1310 König Heinrich von Luxemburg, es solle künftig 
an den gewöhnlichen Fasttagen niemand mehr während des 
Vormittags Fische an die Juden verkaufen, damit die 
Christen zu ihrer Fastenspeise kommen, und jedermann, der 
den Juden Fische ins Haus trage oder solche vor ihrer 
Schule feilbiete, statt dieselben aui den öffentlichen Markt zu 
bringen, solle 60 Hlr. Strafe zahlen. Man war eben bestrebt, 
den Büi'gern der Stadt die billige Beschaffung ihrer Bedürfnisse 
auf dem Markte möglichst zu gewährleisten. So war es 
auch in Nürnberg den Juden und Jüdinnen bei Strafe von 
1 Pfd. Hlr. verboten, die Eier und lebenden Tiere, 
welche sie bedurften, vor morgens 9 Uhr einzukaufen, während 
ihnen der Einkauf von Kraut, Buben, Obst, Knoblauch 
und Zwiebeln nach Gelegenheit überall gestattet war.*®) So 
war in Avignon den Juden und Freudenmädchen 
wegen der Furcht vor dem Aussatze verboten, die auf 
dem Markte zum Verkaufe ausgestellten Früchte und Brot- 
vorräte zu berühren; thaten sie es dennoch, so mussten 
sie dieselben bezahlen. Ebenso wird unter König Philipp von 
Frankreich (1285—1314) den Juden das Berühren der zum 
Verkaufe bestimmten Lebensmittel verboten.^*) So wurde 

■i ■ I ■ ■ ■ ■ 

^ „Dass die Juden das nichtzit begroppen noch begiifiPen und suUea 
denne dasselb koscher fleisch in dem judenschulhof mezgen und niendert 
anderswo." Ordnung Yom Jahre 1421. Schmid. Rotes Buch, Mspt, Ulmer 
Stadtbibliothek. Jäger, Ulms Verfassung, S. 401 und 402. 

''*) Depping, Juden im Mittelalter, S. 265, 184, 195, 256. 

"^ Würfel, Nürnbergs Judengemeinde S. 127 und 88 f. 



— 51 — 

auch in Ulm am 30. September 1421 bestimmt, die Judon sollen 
beim Einkaufe ihrer Esswaren wie Obst, Fische, Hühner 
n. 8. w. aaf dem Markte nichts betasten, ehe sie es nicht 
gekauft haben/^) Die Judengemeinden hatten desshalb auch 
meist ihren eigenen Gemeinde-Backofen, das „Judenback- 
haus", wie wir es z. B. in Mainz finden*'), einen Ofen, in 
dem die Gemeindegenossen die im Hause zubereiteten Brote, 
Kuchen u s. w. backen, wie wir diese Einrichtung noch heute 
in den ländlichen Gemeinden unseres Vaterlands überall 
antreffen. 

Wie iur den Genuss von Fleisch, so galten auch für 
den Genuss von Wein bei den gläubigen Juden des Mittel- 
alters zeitweise strenge Vorschriften, welche den Besitz eigener 
Weinberge und eigenerKeltereien wünschenswert erscheinen 
lieesen. Die jüdischen Kasuisten verwarfen nämlich den an 
einer jüdischen Kelter bereiteten Wein, wenn ein Christ dabei 
Hand angelegt hatte. Kein Jude sollte in Gesellschaft mit 
Christen andern Wein trinken als solchen, den ein Jude aus- 
gepresst hatte, und der Jude sollte dabei stets das Glas in 
der Hand behalten, damit es von keinem Christen berührt 
werde. Ebenso erschien dem gläubigen Juden jeder von 
christlichen Priestern geweihte Wein als unrein. 
So war es z. B. an der Mosel Sitte, dass der Ortsgeistliche im 
Herbste eine Mass Wein segnete und dass dann jeder Winzer 
Ton diesem gesegneten Weine ein wenig in jedes seiner Fässer 
gofis. Der so gesegnete Wein nun war den Juden ein Gegen- 
stand des Absdhous wie der Koscher wein den Christen und 
die Rabbiner untersagten ihren Gemeindeangehörigon den 
Genuss solchen Weins als „Nesech/^ Man findet desshalb 
auch in allen Weinberggegenden die Juden als Weinberg- 
und Keltereibesitzer. So haben im Jahre 12Ö5 die Juden 
Ton Tours eine Liegenschaft vom dortigen Erzbischof und 
dem Domkapitel zu Lehen, auf der sie ihren Kirchhof 
einrichten und zu der ein Weinberg und ein Haus gehören; 
sie bezahlen dafür einen Jahreszins von 5 Golddenaren im 
Werte von 25 Sous (Schillingen). So beklagen sich im 
13. Jahrhundert die Einwohner einiger Orte in Burgund, 
sie können keinen guten Wein mehr bekommen, seit die Juden 
die Weinberge besitzen, und die Geistlichen fanden es nicht 
schicklich, bei der Messe Wein zu weihen, den die Juden mit 
ihren Füssen ausgetreten haben.^') Durch diese religiösen 



**) ,,Da88 dekain jad Yon dehainerlei essenden Dingen nit roer hansen, 
^dlen, b^^roppen, begriffen noch ambziehen sol uf dem markte/* 
Ordnung vom Anermontag nach Michaelis 1421. Schmid, Rotes Buch, 
Mgpt, Üimer Stadtbibliothek. Jäger, Ulms Verfassung, S. 402. 

^ Schaab, Geschichte der Juden, S. 192 f. 

^ Depping, Juden im Mittelalter, S. 142 f. und 170. 

4* 



— 52 — 

Vorschi'iften war also auch für den HandelBYerkdir mit Wdo 
ein Unterschied gegeben, der es begreiflich macht, wenn wir 
z. B. im 15. Jahrhundert in Ulm finden, dass an der iem 
Rat gehörigen Herdbrücke jeder Wagen mit ,^adenwein'\ 
also mit koscher bereitetem Traubensaft, 8 HäUer, und jeder 
derartige Karren 4 Häller Thorzoll und Brfickraixoll zu be- 
zahlen hatte. ^) 



4) Dia basehrinkandan Tonelirlftaii gagan dia Jidei 

daa ■Ittabdtan. 

Die Kleidung der Juden entsprach auch im Mittelalter 
wie heute im Allgemeinen der üblichen Landestxacht, nur 
galten auch für die Juden wie für die anderen Teile der Be- 
völkerung bestimmte Kleidervorschriflen. Wie der Genosse 
des bürgerlichen Stadtverbands, der Ordensbruder, der zünftige 
Meister und seine Hintersassen bestimmten KleidervorsdirifieD 
unterliegen, so gilt dieser Grundsatz auch für die Angdiörigen 
der Judongemeinde, während für den fremden Juden wieder 
andere Kleidervorschriflen gelten, durch welche er als nicht 
zum Gemeindeverband gehöriger Jude kenntlich ist Die 
Vorschrift, dass die Juden bestimmte Kleidungsabzeichen 
tragen müssen, ist seit den ältesten Zeiten ita allen Ländeni 
nachzuweisen, wird aber je nach der wirtschaftlichen Macht- 
stellung, welche die Juden in den einzelnen Zeitabschnitten 
besitzen, mehr oder weniger scharf gehandhabt So wird z. B. 
im Jahre 1231 durch Konzilbeschluss den Juden verboten, 
weite Mäntel wie die Ordensleute und Aermel ohne 
Falten zu tragen, da diess zu unliebsamen Verwechs- 
lungen führe; so wird, als im Jahre 1276 König Ottokar 
von Böhmen als Herzog von Oesterreich durch die nieder- 
österreichischen Stände eine neue Judenordnung herausgibt, 
bestimmt, die Juden sollen künftig wieder die ihnen vorge- 
schriebene hohe und lange Kopfbedeckung, die sogenannte 
„Judenmütze*', tragen. So erneuert audi König Philipp 
von Frankreich (1285 — 1314) die alte Bestimmung, dass 
die Juden nicht ohne das Judenzeichen und ohne den 
aufgekrämpten Juden hu t ausgehen sollen, auch sollen sie 
künftig keine farbigen Kleider mehr tragen. Die Juden- 
mütze bat von gelber Farbe zu sein, das Judenzeichen 
besteht in einer auf der Brust aufgenähten roten Tnch- 
scheibe. So tragen auch in Rom die Juden gelbe Barette. 
Für die Verleihung des Judenabzeichens müssen die Juden 

^) Eid- und Ordnongsbuch C. Ulm. Stadtarchiv, Mapt 



— 53 — 

eine besondre Abgabe an die Beichskammer bezahlen, wobei 
einzelnen Jnden g^en Bezahlung gestattet werden kann, ohne 
das Zeichen zu erscheinen. Die Massregel hat, wie man 
sieht, namentlich einen fiskalischen Charakter und hatte in 
einer Zeit, wo der zünftige Werkmeister am Sonntag morgen 
ebenso stolz mit seinem Lederschnrz um die Lende und dem 
Zollstabe in der rechten Hand mit Weib und Kindern zur Kirche 
zog, wie der Rittersmann seine ,,lange Wehre*^ an der Seite 
führte, wenig auffiUligee an sich« Sicherlich gab es damals 
Jnden genug, welche ebenso stolz darauf waren, Juden zu 
sein, wie es der Ritter oder der Städtebürger auf ihren Stand 
waren, es gab damals, wenn man so sagen soll, einen Jnden- 
adel, wie es einen Ritteradel oder einen Bürger- und Zunft- 
adel gab. So befreit im Jahre 1279 der Abt von St Autonin 
die Juden von Pamiers am Fuss der Pyrenäen von der 
Verpflichtung, das französische Judenabzeichen zu 
tragen; statt dessen wurde ein Ring von Schnüren eingeführt, 
der hinreichen sollte, den Juden vom Christen zu unterscheiden ; 
so muss in der Provence jede verheiratete Jüdin einen 
genau vorgeschriebenen Kopfputz tragen, der „otales*^ heisst 
So hat im Jahre 1895 der Bischof von Malta das Amt eines 
Wächters der roten Scheibe, das ihm grosse Grebühren 
abvrirft') So darf nach der Nürnberger Judenordnung kein 
Jude bei Strafe von 1 Pfd. Hlr. eine Kappe tragen, wie sie 
die Nürnberger Bürger tragen, und den fremden Juden, die 
nach Nümbcorg kommen, ist verboten, ihre „Gugeln**, d. h. 
ihre Kaputzen oder Pelerinen, über den Mantel zu legen, 
weil hieidurch die Judenabzeidien unsichtbar werden.*) Im 
Jahre 1312 erneuert die Synode von Ravenna die alten 
Vorschriften wegen des Judenzeichens und es erfolgen 
darauf überall neue eingehende Verordnungen über diese 
Angelegenheit.^) So ist eine Zeit lang das Tragen von langen 
Barten ein ausschliessliches Vorrecht der Christen 
und den Juden ist verboten, solche zu tragen, wenigstens wird 
im Jahre 1343 den Juden in Nürnberg befohlen, sich min- 
destens alle 4 Wochen den Bart abnehmen zu lassen, damit 
man sie von den Christen unterscheiden könne.') So wird 
im Jahre 1412 den Juden in Valladolid verboten, Stoffe 
zu ihren Kleidern zu nehmen, von denen die Elle mehr als 
60 Marabotins kostete, und es wird ihnen geboten, über ihren 
Kleidern Mäntel zu tragen, die bei den Frauen vom Kopf bis 
zu den Füssen herabgiengen; ferner war ihnen verboten, 
Gold als Schmuck zu tragen.^) So müssen die Nürnberger 
Juden seit dem Jahre 1451 gelbe Ringe tragen und die 

») nepping. Jnden im Mittelalter, 8. 156, 197, 184, 254 f., 258, 182, 
255 f , 167, 365, 292. 

") Wftrfel, Nambeigs Judengemeinde, S. 81 and 25. 



— 54 — 

ifWeibspenonen** himmelblaae Bordfiren an die Sdileier 
nähen') und im Jahre 1458 beeiimmt der Nürnberger Rat, 
wenn fremde Juden in die Stadt kommen, solloa diese 
keine Jadenbarette oder Jadenhüte wie die Nürnberger 
Jaden, sondern nur Kappen und gelbe Ringe an den 
Kleidern tragen.^) So befiehlt Papst Paul IL (L464— 1471) 
dass die Juden rote Mäntel tragen, nur jüdische Aerzte 
und dicrjenigen Juden, welche „freie^', d. h« nicht einer 
Zunft als Monopol verliehene, Gewerbe und Künste 
ausüben, sind hievon befreit^) Man sieht, diese Juden- 
tracht ist eine Uniform, ein Abzeichen für den jüdisch- 
zünftigen Gelddarleiher, der nichtzünftige Jude hat es nicht 
zu tragen. So werden im 15. Jahrhundert in Ulm alle 
Pfaffen, Juden und Aerzte von der neuen, für die Bürger 
der Stadt erlassenen Kleiderordnung ausgenommen.') Man 
sieht, was den Juden in dieser Richtung geschah, war nicht 
schlimm ; denn ganz ähnliche Vorschriften gegen den Kleider- 
aufwand erfolgten auch den Bürgern gegenüber; auch ihnen 
waren z. B. betreffs des Tragens von Edelmetall, von wert- 
vollen Geweben u. s. w. Einschränkungen auferlegt, wie wir 
sie den Juden gegenüber eingeführt sehen. Es war der 
Aerger der in ihren Erwerbsverhältuissen zurückbleibenden 
bevorrechteten Stände über den übermässigen Aufwand der 
niederen Stände, der sich in diesen Beschränkungen Luft 
machte. Seit dem 15. Jahrhundert weht eben der Wind des 
wirtschaftlichen Rückschritts, die Brocken werden kleiner und 
die Verhältnisse an der grossen Völkertafel damit onerquiGklich. 



b. Di« BMobrftnkiiBgeB der Juden ta ohrUtliolieB 

Ebenfalls in die ältesten Zeiten zurück reichen die Be- 
schränkungen der Juden in Bezug auf ihr öffentliches Er- 
scheinen an hohen christlichen Feiertagen. Der 
Grund, der den Gesetzgeber zu dieser Massregel bestimmt 
hatte, war ein doppelter. Einmal lag der Behörde daran, dass 
die christlichen Feste nicht durch Verhöhnungen durch 
die Juden (interpellationes) gestört und dadurch bei der 
mannigfach gereizten Stimmung des Volks Grund zu Un- 
ruhen gegeben wurde, dann aber lag es im Interesse der 
persönlichen Sicherheit der Juden selbst wie der für 
diese Sicherheit verantwortlichen Behörden, dass derartige 
Vorfälle thunlichst vermieden wurden. Schon das kanom'sdie 
Recht schrieb vor, dass die Juden sich am Charfreitag 
den ganzen Tag über nicht auf der Strasse aufhalten 



*) GundÜng. HistoriBche Nachrichten von NQmberg, S. 252. 
*) Warfel, Nürnbergi Jadengemeinde, 8. 95. 
*) DeppinR, Jaden im Mittelalter, S. 366. 
') Jft^r, UIxub Verfassung, B. 510. 



— 56 — 

oder ein Fenster, einen Laden oder eine Hausthüre öffnen 
sollten, sondern sie sollten sich an diesem Tage von früh 
morgens bis znr Nacht mit ihren. Weibern, Kindern nnd ihrem 
Gesinde in ihren Häusern verschlossen halten.*^ So ist den 
Joden in Marseille verboten, an Sonntagen und christ- 
lichen Festtagen zu arbeiten. So rügt im Jahre 1295 Papst 
Innocenz III. dem König von Frankreich gegenüber, in Sens 
haben die Juden eine Synagoge unmittelbar neben eine Kirche 
gebaut und so laut darin gesungen, dass der christliche 
Grotteedienst gestört worden sei; am Ostertage zeigen sie sich 
auf den Strassen, statt nach altem Herkommen in ihren 
Hausem zu bleiben; sie verspotten die christliche Re- 
ligion, indem sie sagen, Christus sei nur ein gewöhnlicher 
Landmann gewesen. So wurde es im Jahre 1279 den 
Juden von Pamiers in den Pyrenäen verboten, sich am 
Sonntag an einem öffentlichen Orte zu zeigen, und wenn sie 
dies aus besonderen Gründen mussten, sollten sie es den zur 
Aufsicht bestellten Personen mitteilen.') So durfte in Nürn- 
berg kein Jude und keine Jüdin an einem Sonn- oder Feier- 
tage der Christen um etwas feilschen oder mit etwas 
Handel treiben und es war den Juden im Interesse der Sicher- 
heit ihres Eigentums streng befohlen, stets ihre Häuser gut 
verschlossen zu halten, so lange sie in ihre „Schule*^ gehen.*) 
Auch in Ulm darf am Fronleichnamstag kein Jude bei 
Strafe auf der Gasse gehen. ^^) 

•. Di« BMobrinkoBg d«r Jiden betnffli UuM gaieUigea YnUkn bH CRiiiitoD. 

Auch diese Vorschriften sind uralt. Schon das Konzil 
von Worms verbietet im Jahre 465 den Christen, mit 
Juden zu speisen, und ähnliche Verordnungen werden von 
der Kirche in den Jahren 506 und 517 erlassen. So ver- 
bietet im Jahre 1276 König Ottokar von Böhmen ak Herzog 
von Niederösterreich den Juden, mit Christen zusammen 
bei Mahlzeiten, auf Märkten, in Bädern und auf Hoch- 
zeiten sich einzufinden, ebenso wie es den Christen verboten 
ist, den Hochzeiten und Leichenbegängnissen von 
Juden beizuwohnen.^ Das Entstehen dieser Bestimmungen 
erklärt sich aus den mannigfach völlig anders gearteten An- 
schauungen, welche der Jude in Bezug auf die den geselligen 
Verkehr bedingenden Lebensgrundsätze hat In Betracht kommt 
hier in erster Linie die Art und Weise, wie der Jude die 



^ Jadaei diebus Dominids et aliis ChriBtianomin festiTitatibaB domi 
M oontineant, nee Ghristianos interpellant Wflrfel, NOmbergs 
JudeogemeiDde, 8. 92. 

*) Depping, Juden im Mittelalter, 8. 256, 153, 167, 45, 197, 282. 

*) WQrfel, NarnbergB Jadengemeinde, S. 81 f. 

n Jiger, Ulms YerfaBsang, 8. 401. 



- 66 - 

Stellung des Weibs gegenüber dem Manne aoflEasst 
Nach altem hebräischem Herkommen darf bekanoüich der 
Vater seine Tochter zur Ehe verkaufen ohne Ein* 
willigung der Braut Nur wenn das Mädchen keinen 
Vater mehr hat und seine Mutter oder seine Brüder es 
verheiraten wollen, darf es in Gregenwart von Zeugen 
den Gatten aussdilagen, eine AufiPassung, welche eine 
weitere Illustration durch die überwiegende Wichtigkdt o*- 
hält, welche der Jude der Geburt eines Sohns gegoiaber 
der Geburt einer Tochter einräumt Welcher Unterachied in 
dieser Beziehung gemacht wird, erhellt z, B. aus einer Ordoung 
welche die Judengemeinde von Pamiers am Fuase der 
Pyrenäen unter Genehmigung ihres Landesherm, des Abts Ton 
St Antonin, mit Zustimmung der Stadtbehörde im Jahre 1879 
erlässt Die Juden kommen darin überein, dass künftig kein 
Jude in Pamiers, dem ein Sohn geboren werde, diesem bei 
der Geburt ein höheres Geschenk als 10 Denare von Toulouse 
geben und mehr als 12 Personen bewirten solle; audi sollte 
der neugeborene Sohn kein Kleid von anderem Stoff als von 
Etamin oder von Schafleder erhalten, wie auch kein Jude 
Kostbarkeiten an seiner Kleidung tragen sollta") Mit dies^i 
Verhältnissen hängt zusammen das Verbot des geschlecht- 
lichen Verkehrs zwischen Christen und Juden. So wird 
im Jahre 1276 in Niederösterreich bestimmt, dass jeder 
Jude, der sich fleischlich mit einer Christin einlasse, luefür 
mindestens 10 Pfd. Silber zu zahlen haben und die betreffende 
„Weibsperson'* aus dem Lande verbannt werden sollte.'*) Der 
Grund auch dieser gesetzlichen Bestimmungen war ein doppelter. 
Der Gesetzgeber wollte einmal den Christen vor den schlechten 
diessbezüglicheu Gewohnheiten schützen, dann aber wollte er 
sich und die ihm zum Schutz unterstellten Juden vor allen 
Vorkommnissen bewahren, welche durch leichtfertige Thateu 
von Christen oder Juden die Sicherheit der letzteren gefährden 
und dem Schutzvogte Widerwärtigkeiten bringen konnten« 
Sehr alt ist femer die Verordnung, durch welche den 
Juden das Halten von christlichen Dienstboten unter- 
sagt wird, aber auch diese Verordnung wird je nach der 
wirtschaftlichen Machtstellung der Juden nach Zeit und Ort 
sehr mannigfach gehandhabt. So wirft im Jahre 1205 Papst 
Innocenz IIL dem König von Frankreich vor, wie er dulden 
könne, dass die Juden christliche Dienstboten und 
Ammen haben, gegen welche sie sich allerlei schamlose Dinge 
erlauben, indem sie dieselben zwingen, am Osterfeste nach 
EmpfiEtng des heiligen Abendmahls ihre Milch in den Abtritt 
zu giessen. So wird in den Jahren 1271 und 1280 den Juden 

") Deppiog, Juden im Mittelalter, 8. 808, 167. 
^*) Dopping, Juden im Mittelalter, S. 197. 



— 67 — 

in Frankreich von König Philipp dem Kühnen verboten, 
christliGhe Dienstboten zu hkben. So verbietet im Jahre 1276 
König Ottokar von Böhmen als Herzog von Niederöster- 
reich den Jnden die Einstellung von christlichen 
Handwerksleuten und Dienstboten.") So wird in Ulm 
am 30. September 1421, wie dies schon im Jahre 1387 ge- 
schehen ist, aufis neue allen Juden verboten, christliche 
Mägde, Knechte und Ammen zu halten bei Strafe des 
Stadtverbots für die betreffenden christlichen Angestellten.'^) 
Wie den Christen, so war auch den Juden alles Spielen 
um Geld verboten. Man sagte den Jnden nach, sie seien 
grosse Liebhaber des gewinnsüchtigen Spiels und sie haben 
die Ansicht, „eine Hand voll Karten und Würfel mit Ruhe 
haben, sei besser, als beide Fäuste voll Unruhe, wie der müh- 
same Seefahrer, der sich um den Wind bekümmern müsse 
und im Handumdrehen Leben und Out miteinander verlieren 
könne."^'^ So vnrd im Jahre 1269 den Juden von Pamiers 
an den Pyrenäen seitens ihrer Judenobrigkeit verboten, an 
Schach- und Würfelspielen teil zu nehmen, fiedls es sich 
hiebei um Geldwert handle, nur an Hochzeiten und ähn- 
lichen Festen war dies erlaubt^") Dass die Juden in der That 
gerade für das Spielen, namentlich auch für die den Scharf- 
sinn herausfordernden Geistesspiele, eine hervorragende 
Begabung haben, zeigen manche Nachrichten. So schreibt 
der Rabbiner Jeddaja, geboren 1250 in Katalonien, eine 
Abhandlung und ein Gedicht über das Schachspiel, über 
dessen Geschichte, Geist und Spielarten und König Alphons X. 
von Kastilien und Deutschland liess von ihm eine Schrift über 
das Schachspiel kastilianisch abfassen. Jeddiga will die 
Menschen durch das Schachspiel von dem lasterhaften Karten- 
und Würfelspiel abziehen. Es gab also schon im 13. Jahr- 
hundert in Toledo Kartenspiele, welche wohl aus dem 
Morgenlande dahin gekommen waren. Es ist damals die 
grosse Zeit des spanischen Judentums, als in To- 
ledo allein 12,000 Juden wohnen, als dort eine berühmte 
Judenhochschule blüht, welche sich namentlich durch ihre 
Mathematiker und Astronomen auszeichnet. König 
Alphons X« von Kastilien lässt hier seine Tafeln machen, 
chaldäische Schriften werden übersetzt, Juden und Mauren 
arbeiten zusammen. ^^ So hatten die Nürnberger Juden 



'*) Doping, Juden im BlitteUlter, 8. 158, 182, 197, 167, 274. 

'*) .,Wir hant forgenommen die harten sw&ren landslöffe and hant 
dammb Terboten allen Juden hie, das ir dehainer dehainerlei ehehalten, 
die Christen aieen, haben sulle.*' Ordnnnff Yom Aftermontag nach 
Michaelis 1421. Schmid, Rotes Buch, Mspt. Uim. Stadtbibl. J&ger, Ulms 
Verfassimg, S. 400 f. and 402. 

^ WOrfel, Nfirnbergs Judeogemeinde, S. 28. 



— be- 
im Jahre 1464 grosses Uebermaas im „Doppeb, BümpfeD, 
Paschen and in anderen Spielen getrieben^* und nach der 
grossen Bede des Franziskauerkardinals Gapristanas auf dem 
Spitalkirchhofe wurden ihnen vom Volke die Bretspiele und 
Karten abgenommen und ins Feuer geworfen. Man hatte . 
damals die Juden gezwungen, sich bei der Predigt einza- | 
finden, und die Zuhörer nötigten sie, ihre Bretspiel und Pasch- 
tische ins Feuer zu werfen. Dass das Verhältnis zwischen 
Christen und Juden damals trotzdem kein so schlimmes ge- 
wesen sein kann, beweist, wenn mau liest, dass an der Fast- 
nacht des Jahres 1458 die Nürnberger Schömbartläufer 
TOn der Mezgerzunft auch im Judenviertel tanzen und 
von den Bewohnern desselben mit Geldstücken und Bösen- 
Wasser beschenkt werden.^*) So verpflichtet sich im Jahre 1464 
der Jude Moses von Nevers bei Verlust der Hand gegenüber 
der Krone, weder mit Würfeln noch mit anderen Dingen 
zu spielen, ausser au seinem Hochzeitstage, am Hochzeitstage 
seines Bruders und an drei Tagen des Paffiafestes.^^ So hatte 
auch in Augsburg im Jahre 1464 Gapristanus die Leute 
durch seine I^edigten derart erregt, dass sie Schlitten, Würfel, 
Karten und andere Eitelkeiten verbrannten.^^) Auch in Ulm 
war schon im Jahre 1397 das Kartenspielen verboten 
worden ^*) und im Jahre 1481 wurde daselbst der Wirt im 
Griesbade bestraft, weil er in seinem Bade die Leute hatte 
um Geld spielen, kegeln und karten lassen, wie die Spielverbote 
damals in Ulm sich seit jener Zeit fortwährend mehren. *^) 



5) Der Chewerbebetriab der Juden. 

K Di« fn\% Oeworbetlittigkalt der Juden. 
a. Der Grosshandel der Juden. 
Was war nun, so lautet wohl die nächste Frage, nachdem 
wir die politischen, geselligen und sonstigen Einrichtungen der 
Judengemeinden des Mittelalters kennen gelernt haben, die 
Beschäftigung der Angehörigen dieser Gemeinden. Be- 
trachtet man die Nachrichten, welche betreffs dieser Frage zu 
Gebot stehen, so findet mau, dass es hauptsächlich zwei Diugc 
sind, mit denen sich die Juden beschäftigen, einmal der 
Grosshandel und das Wechselgeschäft, dann aber 
das Darleihen von Geld gegen Zinsen auf Pfand- 
sicherheit. 



^*) WQrfel, Nambergs Jadengemeinde, S. 28 und 95. 
^^ I>eppin«r, Jaden im Mittelalter S. 258. 
'*) Stetten, Aagsburger Chronik, S. 242. 
'*) EHetericb, Beschreibung von Ulm, 8. 162. 
^ RatsprotokoU Yom Freitag vor Margaretha 1481, Mspt Ulm. 
StadtardÜT. Ji^;er, Ulm, S. 429. 



— 59 — 

Welche Rolle als Grosshändler, d. h. als Kaufleote, 
welche sich damit befassen, den für den inneren Klein- 
bedarf nicht erforderlichen Ueberschuss der Erzeug- 
nisse eines politischen Bezirks nach einem andern politischen 
Bezirk auszufahren und dagegen für den Kleinrerkehr des 
eigenen politischen Bezirks erforderliche Erzeugnisse des 
Auslands einzutauschen und einzuführen, die Juden 
von jeher gespielt haben, geht aus zahlreichen Nachrichten 
herror und wir sehen dabei die ganze Unternehmungs- 
last, den weiten, geschäftsmänniscben Blick der Juden im 
hellsten Lichte, so dass man ruhig sagen kann, die Ge- 
schichte des Grosshandels ist zugleich die Geschichte 
des Judentums und die Geschichte der Welthandels- 
wege ist die Geschichte der Wanderungen des 
Jadenvolks. Wo der Mittelpunkt des Welthandels 
ist, da ziehen die Juden hin. Als nach der Zer- 
störung Jerusalems durch Kaiser Vespasian sich der 
Handelsverkehr in erhöhtem Masse nach Persien zieht, 
füllt sich dieses mit Juden, als sich in der folgenden 
Zeit unter Kaiser Marcus Aurelius durch die zunehmende 
Entwicklung der Seeschiffahrtstechnik der See- 
verkehr nach Indien und China dem Landverkehr eben- 
bürtig zur Seite stellt, sind es Juden aus Persien, welche 
inKaifongfu am Hoangho eine Judengemeinde gründen, 
welche noch heute besteht und deren Angehörige nodi heute 
ein persisch-hebräisches Gemisch sprechen.') So 
ist es auch im Mittelalter. Stets findet man die Juden 
mit dem Handelsverkehr und dem Geldwesen enge verbunden. 
Schon in den Kapitularien Karls des Grossen im Jahre 809 
ist von den Wohnstätten der jüdischen und christlichen 
Kaufleute die Bede und im Jahre 814 wird verboten, dass ein 
Jude eine Münze in seiner Wohnung einrichte, da das Becht, 
mit Währungsgeld Zwischenhandel zu treiben, lediglich den 
Genossen des Müuzhauses zustand.^) Im Jahre 945 wird in 
Venedig allen Schiffern verboten, Juden oder andere fremde 
Kaufleute an Bord zu nehmen.^) Man sieht, es ist schon da- 
mals zur Zeit der sächsischen Kaiser ein Interessengegensatz 
zwischen den einheimischen Geschäftsleuten und den fremden 
Kaufleuten vorhanden und diese fremden Kaufleute sind vor- 
wiegend Juden. Im Jahre 1084 erlaubt der Bischof von 
Speier seinen Juden, Gold und Silber zu vertauschen und 
alles, was sie irgend wollten, zu kaufen und zu verkaufen und 
im Jahre 1090 gestattet Kaiser Heinrich IV. denselben, inner- 
halb seines Reichs nach Belieben Handel zu treiben, zu 



^) Deppiog, Juden im Mittelalter, 8. 28, 85. 

*) Maurer, Deutschet StttdteweseD, Bd. 1, S. 286, 297, 304 f. u. 842. 



— 60 — 

reisen, zu kaufen und zu vericanfen«^ Wie es in jener aHen 
Zeit die Jaden verstehen, gerade aen Grosshandel, den 
Austausch der Erzeugnisse zwischen einzelnen Landern, zu 
betreiben, zeigt z. B., wenn wir sehen, wie im Jahre 1150 die 
Juden mit dem Erzbischof Ton Arles einen Vertrag ab- 
schliessen, nach dem ihnen das FreiheitBredit eingerännit 
wird, allen Kermes, (d. \l die getrockneten Weibchen der 
Kermesschildlaus , das wertvolle, wichtigste Erfordernis zur 
Herstellung der Purpnrstoffe wie zum Fälschen der 
roten Weine und Liköre), welcher in St Chamans und 
den anderen Orten seines Gebiets gesammelt wurde, aubn- 
kaufen und ins Ausland zu versenden/) So kann man es be- 
greiflich finden, wenn damals mannig&u^ wegen der Judeo 
die Märkte vom Samstag auf einen andern Tag verlegt werden 
mussten.*) So sind auch im IS. Jahrhundert die Mitglieder der 
Judengemeinde von Rom fi&st ausschliesslich Geldwechsler 
und Spezereigrosshändler und als Geldwechsler be- 
sorgten sie namentlich auch die Finanzen der päpstlichen 
Kammer oder sie hatten teil an den grossen Baukgesell- 
Schäften, welchen damals die Eintreibung der Staats- 
einkünfte seitens der Kammer fibertragen war. Unter 
Papst Gregor IX. f 1227— 1241) läset durch dieselben der 
römische Hof die Janrgelder und anderen Einkünfte einziehen, 
welche er in den verschiedenen Ländern der Christenheit an- 
zusprechen hat, 80 dass der Bischof von London, als er 
unter König Heinrich UL (1216 — 1272) den Bann g^gen einige 
Juden anspricht, wegen Beleidigung der Geschäftsträger 
des Papstes vor Gericht gestellt wird. So wird im 
Jahre 1219, als die Bürgerschait der Stadt Marseille sich 
von der Landesherrschaft des dortigen Bischofs fireimacht, 
allen Juden und Sarazenen erlaubt, gerade so wie fremde 
Christen in die Stadt zu kommen und dieselbe zu verlassen 
und darin nach Belieben Handel zu treiben.^ Aehnliche Ver- 
hältnisse wie am pästlichen Hofe finden wir gleichzeitig audi 
im Herzogtum Oesterreich, als dort im Jidire 1238 Kaiser 
Friedrich IL von Hohcnstaufen die Verhältnisse ordnet; unter 
dem Titel von Kammergrafen stehen damals in Oester- 
reich die Juden als Generalpächter der Staatskammer- 
einkünfte an der Spitze der Fiuanzverwaltu ng. 
Nicht anders ist es in der Provence; bitter beklagt sidh 
im Jahre 1241 das Kapitel von Narbonne, wie der Erz- 
bischof sich durch die Geschenke der Juden verleiten 



*) Stobbe, Jaden in Deutschland, S. 9 f. 

^) PapoD, Geschiebte der Provence, Bd. 2, 8. 866. Depping, Joden 
im Mittelalter, 8. Ul f. 

'») Maorer, Deutsches St&dtewesen, Bd. 1, 8. 286. 
•) Depping, Juden im Mittelalter, 8. 182, 177, 197. 



— 61 — 

lasse, die Juden ssam Nachteil der Christen zu be- 
günstigen; Papst Innocenz III. ist empört über den Grafen 
Raimund von Toulouse, welcher den Juden die Besorgung 
der öffentlichen Aemter seines Lands anvertraue, und 
verweigert diesem so lange den Ablass, bis er sich ver- 
pflichtet, keine Juden mehr in seiner Herrschaft aufzu- 
nehmen, wofür 16 Freiherren Bürgschaft leisten müssen, wie 
auch dem Nachfolger dieses Fürsten, dem Grafen Raimund VII, 
vom heiligen Stuhle zur Pflicht gemacht wird, den Juden 
die öffentlichen Aemter zu nehmen, die sie durch Pfand- 
schaft in ihren Besitz gebracht haben. Seither erfolgen denn 
auch überall Erlasse der Regierungsbehörden, durch welche 
die Verpfändung von Vogteien oder Amtmanns- und 
Schultheissenämtern an Juden strenge verboten wird.^) 
Eine Freistätte fanden die Juden namentlich auch bei den 
Päpsten in Avignon, denen sie ihre Greschäfte als gewandte 
Finanzmänner besorgten, wie auch im Jahre 1800 der Jude 
Joseph das Schatzamt von Kastilien verwaltet, während 
der Jude Samuel die königliche Münze in Pacht erhält mit 
der Verpflichtung, die Mark Silber nicht teurer als um 
125 Maravedis zu kaufen. Die Härte, der Stolz, der Betrug 
dieser Juden zieht ihnen aber auch hier bald den Hass der 
Grossen und des Volks in höchster Weise zu, obgleich der 
König den Juden hilft, wo er kann, und völlig in ihrer Macht 
ist, und man wird sagen können, dass seit dem Ende des 
13. Jahrhunderts die Juden mehr und mehr aus dem Besitze 
solcher öffentlicher Stellen wieder verdrängt werden. So ver- 
bietet im Jahre 1276 König Ottokar von Böhmen als Herzog 
von Niederösterreich allen Juden dieses Lands, öffent- 
liche Aemter zu erwerben, und auch in Spanien bringen 
es die schlechten Erfahrungen, welche man dort mit der Zu- 
lassung von Juden zum Besitze von Staatsämtem macht, endlich 
dahin, dass die gesetzgebenden Gewalten biegten vorgehen. 
So beschliessen im Jahre 1316 die Reichsstände (Cortes) von 
Burgos, die königlichen Steuereinnehmer sollen künftig 
nur noch aus den ehrbaren Bürgergeschlechtern der 
verschiedenen Orte genommen werden und keine Edel- 
leute, Priester oder Juden mehr sein dürfen.'^) Die Juden 
werden reich im Lande, die Bauern werden arm, meldet 
eine Nachricht ans Kastilien aus der Mitte des 13. Jaluv 
hunderts''); es ist wie überall, wo der Jude hinkommt, und der 
österreichische Dichter HelbUng klagt um dieselbe Zeit, dass 
es eine Sünde und Schande sei, dass man so viele Juden im 
Lande habe; in jeder Stadt wohnen ihrer mindestens 30.^) 

^iDe^ttg, Joden im Mittelalter, S. 192, 206, 169 f., 269, 284 f. 
' ") Btobbei Juden in Dentaehland, S. 168. 



— 62 — 

So spielen in Trier unter Elrzbischof Heinrich (1260 bis 
1286) die Juden eine hervorragende Rolle im erzbifidiöflicilem 
Rate und unter Erzbischof Balduin treten auch hier jüdische 
Banquiera völlig an die Spitze der Finanzverwaltung. Der 
erste diesbezügliche jüdische Finanz Verwalter heisst Muskin 
oder Mussechiu (Moses?); er ist vom Jahre 1323 bis 1336 
nachgewiesen, in welchem Jahre er den Koblenzer Moseboll 
für 88,000 Mark in Generalpacht nimmt; 1339 lebt er nicht 
mehr. Sein Nachfolger ist der Jude Jakob Duiiels (1336 
bis 1341); dann folgt sein Sohn Michael, vermutlich bis 1349, 
wo der Judenkrawidl der Herrschaft dieser Lieute ein Ende 
bereitet Interessant sind hiebei namentlich die erhaltenen 
genauen Nachrichten über den Juden Jakob Daniela Er 
hat seine eigene Kanzlei mit hebräischer Buchfuhrang 
und eigenem jüdischem Kanzleivorstand, dem Scriptor ja- 
daeus, und heisst amtlich Judaeus domini. Die ganze Finanz- 
verwaltung des Erzstifts erfolgt auf der Grundlage des 
jüdischen Einkommens im Lande. Bedarf das Erzbistam 
Greld, so streckt diese der betreffende Kammerjade aas 
eigenen Mitteln oder durch Aufnahme von Anleben 
seinerseits bei anderen Judengemeinden, z. B. 
denen von Strassburg und Metz, vor. In der Kanzlei 
des jüdischen Greneralverwalters laufen nahezu sämtliche 
Einnahmen des Erzbistums zusammen und von hier ans er- 
folgen nahezu sämmtliche Ausgaben teils auf Anweisung des 
Landesherm, teils auf Anweisung seiner Beamten, z. B. des 
Küchenmeisters, des Almosners, der Lehensgelderverwaltong, 
des Marschalls, des Palastkellners, der Reisemarschälle. Ab- 
gesondert dagegen ist die geistliche Intraden- und Subsidien- 
verwaltung. Alljährlich am 1. Oktober, wo man die Ein- 
nahmen und Ausgaben des Landes ungefähr übersehen kann, 
erfolgt ein vorläufiger erster Bechnungsabschluss der Juden- 
kanzlei. Die Prüfungsbehörde für diese Abrechnung bildet 
eine Kommission von Kaplänen und bischöflichen Bäten, 
welche dem Landesherm einen lateinischen Bericht erstattet 
Etwaige Beanstandungen werden in einer Nachtragsauf- 
Stellung der Judenkanzlei verrechnet, dann wird diese Nach- 
tragsaufstellung wieder von der Kommission begutachtet, die 
lateinische Aufstellung mit der hebräischen verglichen, in 
Zweifelsfällen Erhebung aus den Akten , wie den Zollrech- 
nungen, den Lehensregistem , den KeUnereirechungen ge- 
pflogen und dann auf Grund beider Rechnungen, der Haupt- 
rechnung und der Nachtragsrechnung, der Endjahresabschloss 
vorgenommen. Die ganze Arbeit ist bei der Schwierigkeit, 
welche das Rechnen mit römischen Ziffern verursacht, 
keine geringe, und es war desshalb ein ganz gewaltiger Fort- 
schritt, weldien das von den spanischen Juden hauptsächlich 



— 63 — 

darchgefulirte ^Umähliche Eindringen der Rechnung mit 
arabischen Ziffern bedeutete. Im Jahre 1353 freilich 
sind auch in Trier die Juden aus dieser tonangebenden 
Stellung verschwunden und an ihre Stelle ist ein erz- 
bischöflicher Rentmeister (Reddituarius) getreten.*) 

Thatsächlich haben die Juden stets das meiste Aergemiss 
da erregt, wo es ihnen gelang, öffentliche Aemter in ihren 
Besitz zu bringen, und von jeher sehen wir, dass sich 
der Gegendruck der öffentlichen Meinung dann am stärksten 
geltend macht, wenn dies der Fall ist. Wie wenig sich 
die Juden w^en ihres Eigennutzes gerade zu öffenüichen 
Stellen eignen, zeigt, dass sich auch Klagen über schlechte 
Kassenfiihrung von Amtleuten der Judengemeinden finden. ^^) 
Diese übergrosse Selbstsucht des Juden, sein Mangel an Gre- 
Qossenschaftssinn, sein auf Kosten des sozialen Pflicht- 
gefühls übermässig entwickelter Jndividualismus 
waren es offenbar auch, was ihn von jeher bei allen schätzens- 
werten sonstigen Eigenschaften mehr zum Einreissen und 
Zerstören als zum Aufbauen geeigenschaftet machte, was ihn 
verhindert, das zu erreichen, was er seit Jahrtausenden als 
letztes Id^ erstrebt hat, den jüdischen Nationalstaat als 
Grundlage der Weltmacht 

Ihr Grosshandel mit Würzwaren, welche die Juden 
meist ans dem Osten bezogen, vor allem aber mit den 
Seidenzeugen, Kattunen, d. h. gefärbten Baumwoll- 
stoffen, und Brokaten, welche die Webereien von Indien, 
Persien, Griechenland und Aegypten im frühen 
Mittelalter in grosser Menge erzeugten und nach dem Westen 
verkauften, setzte dabei lebhafte Verbindungen mit dem Osten 
voraus, namentlich so lange die in Westeuropa gehandelten 
Gewürze fast ausschliesslich aus Indien über das Rote Meer 
und Aegypten in die Stadt gelangten, und dieser Handel der 
Juden nahm erst ein Ende, als es den Kaufleuten von Venedig, 
Genua und Pisa gelang, die Versorgung Westeuropas mit 
den Erzeugnissen des Ostens völlig in die Hand zu bekommen, 
wie überhaupt in Lombardien die Juden im Mittelalter am 
wenigsten Aufsehen erregt haben. Es rührte dies daher, 
weü die Italiener als Leute, die selbst ausserordentlich ge- 
schäftsgewandt waren, sie am wenigsten nötig hatten. Der 
Jude fand hier einfach keinen Boden, auf dem er wirtschaft- 
lich gedeihen konnte, desshalb werden auch die Juden in 
Venedig durch das ganze Mittelalter in jeder Beziehung 
gut behandelt; sie belästigen eben nur wenig, hß Jahre 1298 



^Lamprecht, Deutsches Wirtschaftsleben im Mittelalter, Bd. I, 2, 
8. 1472 ff. 

k'") I>epping, Joden im Mittelalter, S. 289, 182, 858. 



— 64 — 

stehen sie unter einer Aufsichtsbehörde von 5 Gesdüediteni 
(nobili), welche den Judenschntz namens der Rqpablik hand* 
haben. ") 

Aber mehr und mehr sehen sie sich doch schon damals 
in ihrer Thätigkeit als Grosshändler gehemmt So wird 
schon in den Jahren 1254 und 1258 durch Konzilbeschlüsse 
den Christen bei Strafe des Banns yerboten, sich mit Jaden 
zu Handelsspekulationen su yerbinden, und im Jahre 1328 
yerbietet der Rat von Barcelona dem Konsul von Alex an- 
drien, im „Alfondech'*, d. h. dem ^^Fonticum^S des Konsulats 
einen Mauren oder Juden aufzunehmen. Man sieht, ein Verbot 
au die Juden, sich mit dem (}rosshandel zu befassen, erfolgt 
nicht, da dieser ein freier Handel ist, d. h. jedermann bk 
steht, und dass auch die Juden nach wie vor den Oroes- 
handel stark betreiben, ist reichlich erwiesen. So bezahlen 
z. B. in Malaucene in der Diözese von Vaison die Jaden 
au den Bischof eine Steuer von Wachs, Ingwer und 
Pfeffer für ihre Schule und ihren Kirchhof, was auf eine 
Thätigkeit derselben als Gewürzhändler hinweist, und als 
im Jahre 1245 unter Papst Innocenz IV. das Konzil Ton 
Lyon den Kaiser Friedrich IL wegen Ketzerei mit dorn 
Kirchenbann belegt, erwidert der kaiserliche Kommissär Thad- 
däus von Suessa, sein Gebieter habe doch Massregeln g^en 
die Ketzer getroffen, indem er in seinem Reiche weder Ge- 
würzhändler noch Wucherer dulde. Papst Innocenz IV. 
begünstigte bekanntlich offen die Juden, welche nnt^ 
seiner Regierung das ganze Geld- und Spezereigeschäft 
in der Hand hatten und mit scheelen Augen sahen, wie ihnen 
gegenüber die Lombarden immer mehr Boden gewannen. ^^ 

Wie es die Juden damals verstanden hatten, überall die 
geschäftliche Macht an sich zu reissen, ist durch zahlreiche 
Nachrichten erwiesen. So bestätigt der Burggraf (vicomte) 
Amalrich von Narboune den dortigen Juden um die einmalige 
Summe von 1000 Sous und gegen eine Jahressteuer von 
10 Narbonner Sous das Recht, Läden zu haben und Hänaer 
in dem Viertel, das sie bewohnten und das man die „(rroese 
Judengasse^^ hiess, zu besitzen. Aehnliche Verhältnisse finden 
wir in Aragon, als in der Zeit der Blüte dieses Reichs 
unter König Jakob der Handel und die Schiffahrt hocdi 
entwickelt sind, als das Land einen Handelsvertrag mit 
Tunis abschliesst und die Katalonischen Schiffe alle 
Häfen des Mittelmeers besuchen, ids Barcelona ein grosses 
Arsenal, ein Schiffahrtsgesetzbuch erhält und überall 
in der Levante, in Aegypten, Tunis, Sevilla wie aaf 
den Märkten der Champagne katalonische Kaufleute in 



11 



) Depping, Juden im MitteUater, 8. 896 f., 162, 802, 244, 168, 168. 



— 65 — 

eigeuen Viertelu mit eigenen Voi*8täudou oder Konsuln 
wohnen, als Katalonien dem König von Marokko die Stadt 
Genta erobern hilft Eine Menge Juden wohnen damsds 
in Aragonien; Juden und Mauren sind eng verbunden 
und zahlreiche Uebertritte finden aus beiden Religionen statt, 
so dass die K^ierung hiegegen einschreitet und diesen 
Wechsel verbietet In Marseille ist den Juden verboten, 
am Sonntag zu arbeiten und in grösserer Anzahl als zu Vieren 
sich auf dem gleichen Schi£fe nach der Levante einzuschiffen, 
damit sie nicht stärker als die Christen seien; auch 
wird ihnen befohlen, sich bei ihren Expeditionen vorher in 
Verteidigungsstand zu setzen. In Paris leben die Juden in 
verschiedenen Vierteln verteilt Die jüdischen Kaufleute 
wohnen bei den Markthallen oder Bänken, welche den 
Namen Judenhof führen (place des juifs) und ganz wie 
die Judenviertel in Metz und Avignon gebaut sind, 
während die Darleiher in der Hauptstrasse zwischen den 
beiden Brücken oder in der Lautengasse, der Lombarden- 
gasse oder in der Gasse von Quincampoix wohnen. Auch in 
der Provence treiben die Juden noch im Jahre 1385 Uaudel 
mit Gewürzen der Levante und Wachs des Landes, 
welches sie zum Verkaufe zurichten, oder mit ita- 
lienischem Wachs, mit dem sie die Kirchen verseheu.^') 

ß. Die Judeu als Haadelüvermitütir, 

Eine weitere Gewerbethätigkeit, in welcher wir die Juden 
seit ältester Zeit mit Vorliebe sich bewegen sehen, ist die 
Handelsvermittlung, das Maklergeschäft und Agen- 
turwesen. Hier ist der um Gründe nie verlegene Judo so 
recht in seinem Element und er setzt den ganzen Stolz 
darein, seinen Zwedc mit allen überhaupt ersinubaren Mittehi 
zu erreichen, wobei er qualitativ wenig wählerisch ist „Helf, 
was helfen mag^^ ist sein Grundsatz. Wie alt gerade diese 
Art der jüdischen Thätigkeit ist, die mit der Beschäftigung dei* 
Juden als grosshandelnde Einfuhrkaufleute wie als 
Darleiher eng zusammenhieng, insofern der Jude damit den 
Absatz der Wertgegenstände erreichte, welche er selbst 
oder andere Mitglieder seiner Gemeinde mit Gewinn zu ver- 
äussem bestrebt waren, ist aus mannigfachen Nachrichten 
ersichtlich. Die Einfuhr seltener Erzeugnisse aus 
anderen Ländern bildete eben nur den ersten Teil der 
geschäftlichen Thätigkeit, durch welche es den Juden 
gelaug, sich die einflussreichsten Kreise der Bevölkerung, unter 
der sie sich festgesetzt hatten, dienstbar zu machen; der 
zweite und vielleicht schwierigste, aber bei der Charakter- 

^ Depniog, Jaden im Mittelalter, 8. 293, 265 f., 182 f , 254. Sanval, 
Antiquit^ de Parii , Th. 2, Bd. 10. 



— 66 — 

yeranlagang des Juden für ihii wohl interessanteste Teil 
der Auffpsk^ war, die eingeführten kostbaren Eraengniase an 
den Mann su bringen. Auch über diese Art der Thatig- 
keit der Juden geben die Urkunden reichen Aufschlnsa. So 
schickt schon im Jahre 473 Sidonins ApoUinaiis dem Pa- 
tricius Magnus Felix von Rom swei Briefe durch den Juden 
Oozolas.^*) So verstehen es die Juden im Jahre &51— 571 sehr 
gut mit dem Bischof Cautinus von Clermont, der ihnoi 
kostbare Ware abkauft, wenn sie ihm in kriecherischer 
Weise schmeicheln.^*) Zu welchem Zwecke derartige Em- 
kaufe vielfjAch erfolgten, xeigt eine weitere Nachricht, nach 
welcher im Jahre 571 der Stadtpfaner Euphrosius nach dem 
Tode des Bischofs Cautinus von Clermont dem Konige zahl- 
reiche Kostbarkeiten sendet, die er den Juden abge- 
kauft hatte^ um der Nachfolger des Cautinus zu werden.^*) 
Ebenso gehört hierher ein Bescnluss des Konzils von M&con 
vom 1. November 581, welcher bestimmt, nur Männer von 
bewährter Tugend und vorgerücktem Lebensalter BoVLea die 
Fr auenklöster betreten, aber keine gdieimen Unterredungen 
mit den Nonnen haben und nur in das Sprechzimmer kommen. 
Namentlich aber sollen keine Juden bei Gel^^nheit Ton 
Geschäften die Nonnen heimlich sprechen oder die 
Vertrauten spielen und längere Zeit verweilen.'*) So ist 
im Jahre 581 ein Grossjude namens Priscus der Ge- 
schäftsagent des Königs Chilperich und liefert ihm seinen 
Bedarf an Levante waren. '') So befiehlt in der Zeit 
zwischen 787 — 813 Kaiser Karl der Grosse einmal einem 
jüdischen Kaufmann, der öfter Palästina besuchte, 
um von dort kostbare und unbekannte Gegenstände 
nach dem Abendlande zu bringen, den Erzbisdiof Richulf Ton 
Mainz zum Scherz zu täuschen, worauf diesem der Jude {iir 
hohen Preis eine Maus als kostbares aus Judäa mitge* 
brachtes Tier verkauft.^') 

Aber auch sonst finden wir die Juden damals schon 
überall, wo es gilt, durch Gewandtheit, Findigkeit, Welter- 
fahrung bestimmte praktische Ziele zu verfolgen. Man 
sieht aus diesen Fällen, wie es überall die seltenen Le- 
vantewaren sind, welche das Spinnengewebe bilden, 
mit denen die erkorenen Opfer der edeln Kreise gefangen 
werden. Dann folgt der weitere Akt Die Forderung des 
Juden für seine gelieferten Erzeugnisse muss gedeckt werden 
und dazu bedarf der Käufer bares Geld. Doch auch hier 
weiss der Hofjude Rat, indem er als hilfsbereiter Dar- 
leiher der nötig gewordenen Ba^rmittel gegen Verpfändung 
von dem Geldbedürftigen augenblicklich entbehrlichen 



it 



) Aroniot, Regetten rar Geicbichte der Joden, 8. 6, 18 K, 16. 



— 67 — 

bewet^dien oder nnbeweglicfaeD Wertgegenständen helfend 
znr Seite tritt So schickt im Jahre 797 Kaiser Karl der 
GhxMse die Vasallen Lantfried nnd Sigmund mit dem Jnden 
Isak znm „Perserkönig*^ Hamn al Raschid^ woza Isak 
als erfahrener Reiseführer sehr geeignet erschieoi denn 
der Handelsverkehr der französischen Juden nach Asien 
war damals sehr entwickelt Im Oktober 801 kehrt indess 
der Jude Isak allein aus Asien zurück, da Lantfried und 
Sigmund auf der Beise gestorben sind; er landet in Porto- 
Vener e, muss aber in Vercelli den Winter durch bleiben, 
da er wegen des Schnees nicht über das Gebirge kommen 
kann, uud trifft desshalb erst am 20. Juli 802 in Aachen 
ein, wo er dem Kaiser die Geschenke des Khalifen überreicht, 
uud im Jahre 800 schickt der Khalif Harun al Raschid, den 
Kaiser Karl der Grosse gebeten hat, ihm aus Babylon einen 
gelehrten Juden zuzusenden, den Rabbi Machor, worauf 
der E^aiser denselben zum Rabbiner und Vorsteher der Juden- 
hochschule von Narbonne macht ^^) So befindet sich auch 
bei der Gesandtschaft, welche der Khalif von Cordova 
um das Jahr 970 nach Deutschland schickt, ein Jude 
namens Ibrahim- ihn -JakubJ^) So verordnet weiter im 
Febmar 832 König Lothar I., dass die gerechten und alten 
Zölle bei den Brücken wie von den Schiffen und 
Märkten von allen Kaufleuten erhoben, neue ungerechte 
Zölle aber nicht eingeführt werden sollen, und diese Be- 
stimmung solle auch för alle Juden gelten, die des Handels 
wegen ihr Eigentum von einem ihrer Häuser nach einem 
andern oder zur Gerichts statte oder zur Heeres Ver- 
sammlung schaffen ^^), und um das Jahr 12U0 setzt das 
zweite Strassburger Stadtrecht fest, dass beim Ausmarsch 
der Bürgerschaft die Juden die Fahne zu liefern habeu.^^) 
Man sieht, es sind die Juden, welche überall, wo es sich 
um Lieferungen für den Staat und das Heerwesen 
handelt, die gewandten Handelsvermittler sind. So 
wird weiter am 13. Juli 982 Kaiser Otto n. nach der 
Schlacht von Gotrone durch den Juden Kalonymus 
dadurch gerettet, dass dieser ihm ein Pferd yerschafft 
Ein Schiff, auf das der Kaiser zuschwimmt, nimmt ihn 
nicht auf, worauf der Kaiser an das Ufer zurückkehrt, wo 
ihn der Jude erwartet hatte.^^) Weiter gehören in diesen 
Bahmen jene zahlreichen Nachrichten, nach welchen die 
Juden durch ihre Hilfe die Uebergabe oder Einnahme 
Yon belagerten Burgen oder Städten durch ihre List 
herbeiführen. So yerraten z. B. im Jahre 608 die Juden von 
Arles die Stadt an die Franken und Burgunder^^), 

^) Aronins, Regelten zur Geschichte der Jaden, 8. 85 ff, 66, 158, 
42, 56, 7. 

5» 



— 68 — 

80 gewinnt im September 1105 König Heinrich V. die 
Stadt Nürnberg durch den Verrat eines Juden, 
während er die Burg nicht erobern kann^^), so wird ja 
auch die Stadt Ulm im Jahre 1316 mit Hilfe eines Juden 
gewonnen. So meldet der Levite Judas, Sohn des DaTid 
und der Sephora, aus Köln, der im Jahre 1128 zum Chri- 
stentum übertritt und den Namen Hermann erhalt, in 
seiner Lebensbeschreibung wie er schon mit 20 Jahren mit 
allerlei Waren aus Köln nach Mainz gezogen sei, 
denn alle Juden liegen dem Handel ob, weil sie 
nur durch Handel ihr Leben fristen können. Man 
sieht, der Warenhandel ist auch damals vorwiegend noch 
die Hauptbeschäftigung der Juden. Aber daneben ist 
das Geldgeschäft, d. h. das Pfandgeschäft, von An- 
fang an in ihrer Hand und es haben sich bereits feste 
Gewohnheiten für Darlehensgeschäfte der Juden 
ausgebildet, indem sie stets ein Pfand yom doppelten 
Werte des Darlehens nehmen.'^) 

Welcherlei Art die seltenen Einfuhrgegenstände 
waren, mit denen die Juden die Kauflust der hohen und 
niederen Kreise erweckten, zeigen uns mannigfache Nachrichten. 
So beschreibt um das Jahr 850 der arabische Schriftsteller 
Ibn-Khordadbeh die Handelswege der gewöhnlich „Rad an iten'* 
genannten jüdischen Kaufleute. Diese Kaufleute sprechen 
persisch, romanisch, arabisch, fränkisch, spanisch 
und slavisch; sie reisen bald zu Lande, bald zu Wass^ 
vom äussersten Westen bis zum äussersten Osten und zurück. 
Aus dem Westen bringen sie Eunuchen, Sklavinnen, 
Knaben, Seide, Pelzwerk und Schwerter. Ihr gewöhn- 
licher Handelsweg ist, dass sie in Frankreich zu Schiff 
gehen und von dort nach Far am a bei Pelusium am östlichen 
Nil fahren; dort werden die Waren auf Lasttiere geladen 
und gehen dann zu Lande nach Kolzum (Suez), eine Strecke 
von 20 Farsakhs, wozu man 5 Tage gebraucht Von hier 
geht es zu Schiff auf dem roten Meere nach EUDjar, 
Ton dem es dann noch drei Tagemärsche bis nach Mediua 
sind, und nach Djeddah, und Yon hier nach dem Lande 
Sind (Sandelholz, Zendal), Indien und China. Aus dem 
Osten zurück bringen sie dann Moschus, Aloe, Kampher 
und Zimmt. Yon Farama (Pelusium) aus reisen dann noch 
manche Juden auf dem Rückwege über Konstantinopel, 
andere aber kehren auch unmittelbar nach Frankreich 
zurück. ") 

Wie sehr es die Juden verstandeu, sich durch Wohl- 
dienerei den hohen einflussreichen Kreisen beliebt 
zu machen, zeigt auch die Mühe, die sie sich geben, um 

<*) Aromas, Regetten Eur Geichichte der Joden, S. 108 f , 60. 



— «9 — 

bei öffentlichen Anlässen ihr Interesse für diese Per- 
sonen an den Tag zu legen. So beklagen am 22. Mai 551 
die Jnden den Tod des Bisdiofs Gallns von Clermont und 
folgen der Leiche mit brennenden Fadceln.'*) Im Jahre 1002, 
als sich alle Herzoge von Deutschland nach den verwirrten 
Zeiten unter Kaiser Otto ni. dem Kaiser Heinrich ü. 
unterwerfen, bringen die deutschen Juden dem neuen 
Kaiser ihre Wünsche in hebräischer Sprache dar.^*) Am 
13. August 1012 wird die Leiche des Erzbischofs Walthard von 
Magdeburg von der gesamten Geistlichkeit und zahlreichen 
Juden eingeholt ^^) Um das Jahr 1015 beweinen die Juden 
den Tod des ihnen äusserst wohlgesinnten Bischofs Adalbert 11. 
Ton Metz (984— 1004). >^ Ende Juni 1051 beklagen die 
Mainzer Juden den Toa des Erzbischofs Bardo. '*) Am 
4. Dezember 1075 beklagen die Juden von Köln den Erz- 
bischof Anno, indem sie beim Morgengrauen in ihrer Synagoge 
ein lautes Wehgeschrei unter Ausrufung von Annos Namen 
anstimmen und seine Rechtlichkeit und seinen reinen Lebens- 
wandel preisen; sie hatten allen Grund gehabt, mit dem 
hohen Herrn zufrieden zu sein, der in seinen letzten Lebens- 
tagen sich noch von den Verwaltern des bischöflichen Ver- 
mögens das feierliche Versprechen hatte geben lassen, dass 
sie bei Bezahlung seiner sehr beträchtlichen Schulden ohne 
Ansehen der Person für ihn eintreten und Juden wie 
Christen alles zurückerstatten wollen.'*) Sind dies Bei- 
spiele f&r die Thätigkelt der Juden als Handelsver- 
mittler in den obersten Kreisen, so zeigt uns freilich 
die spätere minder glänzende Zeit die Juden im 
gleichen Lichte, aber in bescheideneren Verhältnissen. So 
erzahlt einmal im 15. Jahrhundert ein Kanzelredner, wie ein 
Jode, der den Auftrag erhalten hatte, den Heiratsver- 
mittler zu machen, dem Vater des Mädchens die Vorzüge 
seines Schutzbefohlenen geschildert habe. Als nun der Vater 
schliesslich erklärt habe, seine Tochter sei mit einer Haut- 
krankheit behaftet, habe der Jude geschrieen: „Oh, mein 
JDuger Mann ist räudig bis über die Ohren und ganz mit 
Aussatz bedeckt ^^ 

Welche Erfolge diese Thätigkeit für die Juden und 
Christen ,mit sich bringt, beweisen zahlreiche Beispiele. 
Schon im Jahre 768 schreibt Papst Stephan HL dem 
Erzbischof Aribert Yon Narbonne, er sei zu Tode er- 
schrocken durch dessen Mitteilung, dass man im Franken- 
reiche den Juden gestattet habe, auf dem Lande und in 
den Vorstädten erblichen Grundbesitz zu erwerben, 

'*) Aronius, Regesten snr Geschichte der Jaden, S. 11« 61, 68, 65, 
68f 59. 

^^ Depping, Jaden im Mittelalter, 8. 254. 



— 70 — 

daas die Ghristen Weinberge und Aecker toh Juden be- 
stellen und Christen nnd Christinnen in den Städten dims 
Reichs nnd anf dem Lande bei ihnen in den Hansem wohnen, 
bei Tag nnd Nacht ihre gotteslästerlichen Reden hören und 
ihnen Dienste leisten.'') Welchen Reichtum in der Thit 
einzelne Juden oft besessen haben, zeigt jener Jude Podi- 
win, der epäter Christ wird und im Jahre 1063 die Bmg 
Podiwin in der Nähe von Lundenburg in Mähren besitit.^^ 
Welcher Sittenzerfali im 9. Jahrhundert eingetreten war, be- 
weist, wenn im Blärz 806 Kaiser Karl der Grosse den BiscÜi£Ni, 
Aebten und Aebtissinnen befidblt, die Kirchenschatse stets 
sorgfaltig zu beaufsichtigen, damit nicht durch die Uniedlidi- 
keit oder Nachlässigkeit der Wächter etwas Yerloren gehe 
Mau habe ihm beriditet, dass jüdische und andere Kaof- 
leute sich rühmen, sie können alles, was sie wollen, bei des 
Kirchendienern kaufen.'') 

Besonders leicht unterliegen die Juden im 13. Jahr- 
hundert wie auch schon in früherer Zeit der Yersuohiingi 
durch Ausgabe you falschen Münzen unerlaubten OewiDu 
zu machen. Sie kommen auf dem Gebiete desMünzweaens 
infolge dessen bald in Streitigkeiten mit den die Ausprägimg 
und den Zwischenhandel mit Währungsmünze als 
Zunftrecht in Besitz nehmenden Münzerhausgenosaen- 
schaften. Schon in frühester Zeit findet man die Juden 
in mannigfachen Beziehungen zu den Mflnzern, wozu 
ihre Stellung als Lieferanten des für die Mfinzer 
nötigen Edelmetalls Veranlassung gab. So besitzt noch 
im Jahre 555 der Jude Priscns die Münze in Chalona an 
der Saone. Aber schon die Verordnungen Kaiser Karls des 
Grossen und Ludwigs des Frommen bestimmen, kein Jude 
solle bei Gefängnisstrafe und Vermögensyerlust eine Mfinze 
in seinem Hause haben. In den Jahren 960—1028 erklärt 
der Rabbi Salomo, es sei nicht gestattet, es so zu machen, 
wie es jetzt in Deutschland geschehe, dass man Jemand 
für eine Kölner Silbermünze von 12 Unzen bei der Rück- 
kehr Yon der Messe in Mainz oder Worms 13 Unzen geben 
lasse. Das dürfe man nur, wenn der Gläubiger die Ware, 
welche der Schuldner für das Geld gekauft habe, auf seine 
Wagnis bis zu dem Orte schaffe, wo er das Geld empfange.(?)^^ 
So wird in dem Schutzvertrage, den um das Jahr 1090 
Kaiser Heinrich IV. mit der Judengemeinde in Worms ab- 
schliesst, ausdrücklich festgesetzt, die Juden sollen das 
Recht haben, jedermann überall in der Stadt Geld xn 
wechseln, nur vor der Münze und wo die Münzerhans- 
genossen ihre Wechselstuben haben, solle ihnen das 



'*) AnminB, Regesten xor Geichiclite der Jaden, 8. 2i f., 60, 26, 68 f. 



— 71 — 

Wechseln von Qeld bei Strafe von 12 PCI Gold ver« 
boten sein '*) und am 24 September 116ö bestätigt Kaiser 
Friedrich L den Mfinzerhausgenossen in Worms ihr 
Recht, dass niemand in der Stadt berechtigt sein solle, Geld 
zu wechseln ausser ihnen, da sie für dieses Recht einen 
festen Zins bezahlen, nur den Jaden sollte ihr alther- 
gebrachtes Recht vorbehalten bleiben.**) Man sieht, 
schon damals geraten die nicht zünftigen Juden betreflEs 
des Wechselgescbäfts in Interessengegensatz mit der christ- 
lich-zünftigen Genossenschaftsbank der Stadtgemeinde. 
So fibertr&gt im Jahre 1164 der Bürger Wergand von 
Wien, bevor er mit dem Erenzheere fortzieht, dem 
Kloster Formbach einen Weinberg, den dieses be- 
sitzt, bis der Herzog Leopold V. von Oesterreich 
den Juden Salomo (Schlom) zu seinem Mflnzmeister 
macht Dieser erhebt alsbald Anspruch auf den Wein- 
berg, der ihm gehöre, da Wergand nur in seinem Dienst 
gestanden habe, wird aber trotz wiederholter Be- 
Btechungstersuche abgewiesen; wie auch Herzog Friedrich, 
der Nachfolger Herzogs Leopold, dieselbe Entscheidung fällt 
Das Ende ist ein Vergleich, demzufolge Schlom gegen einen 
Jahresertrag und 20 Pfd. allen weiteren Ansprüchen ent- 
sagt^*) So stirbt im Jahre 1205 in Köln der wegen seiner 
Habsucht berüchtigte Kanoniker, Münzmeister und Münzer- 
hansgenoese Gottfried zu St Andreas. Ein Geistlicher hat 
dabei die Vision, Gottfried liege vor der Münze zu Köln 
auf dem Ambos, während der Judenbischof, d. h. der 
Vorstand der Judengemeinde, Jakob, sein Freund, mit 
einem Hammer auf ihn losschlägt, bis er so dünn geworden 
ist als die Kölner Heller damals waren« So ist in den 
Jahren 1207—1223 der Jude Jechiel Münzmeister des 
Bischofs Otto ton Würzburg. So setzt femer am 9. März 
1207 König Philipp von Schwaben in einem Freiheitsbriefe 
für die Bürger ton Regensburg fest, wenn ein Geistlicher, 
ein Laie oder auch ein Jude (die Juden werden bereits in 
letzter Linie und nur einschränkend genannt) ron 
Regensburg G6ld oder Waren ausserhalb der Stadt zu 
einem Geschäfte gebe, solle er mit den anderen Bürgern 
der Stadt alle Lasten tragen müssen.^*) Am 30. Juni 
1230 dagegen bestätigt König Heinrich VIL den Juden in 
Regensburg nur das Recht, daselbst Gold und Silber 
zu kaufen und zu YOrkauifen. '*) Vom Warenhandel 
ist keine Rede. So bestimmt am 19. April 1240 der 
Bischof Heinrich I. von Konstanz in einer Münzordnung 



'*) AroDins, Begesten lor Oescbichte der Jaden, S. 75^ 186, 166, 
197, 151, 168 f^ 188 f. 



— 72 — 

für seine MimzstäUen in Konstanz, 8t Gallen, Radolfs- 
Zell, Ueberlingen, Ravensburg und Lindau, kein 
Jude oder Christ solle eine Wage in seinem Hause haben, 
um dieselbe zum Ein- und Verkauf oder zum Wiegen für 
andere zu benützen. Nur die Wage des Münzmeisters solle 
hiezu und zwar kostenfrei benützt werden. Allen Christen 
und Juden aber ist das Geldwechseln rerboten, nur dem 
Münzmeister ist es gestattet^) So bestimmt im Jahre 1264 
der Herzog Boleslaus ron Polen, die Münzmeister sollen 
keinen Juden wegen Falschmünzerei oder anderei* Ver- 
brechen ohne Zustimmung des Hofgerichts oder inG^enwart 
ehrbai'er Bürger gefangen nehmen dürfen.'^) So werden im 
Jahre 1287 die Juden in England wegen Falsch- 
münzerei des Landes verwiesen. So bestimmt die Ulmer 
Judenordnung vom 15. Mai 1425: „Auch mugen die 
iuden und iüdin wol redlichen, ungefiUirlichen Wechsel 
mit rinischem, ungrischem, böhmischem und wel- 
schem geld trieben, wan das alles afentur haisset und 
ist*^*') Hier wird also die Berechtigung der Juden, welchen 
der filandel mit Kaufmanns- oder Währungsgut unter- 
sagt ist, zum Wechseln der genannten Münzsorten 
ganz logisch damit begründet, dass die genannten Münz- 
sorten nur Abenteurergut und kein Währungsgut sind. 
Der Zwischenhandel mit Währungsmünze gehOrt den 
Münzern, der Handel mit fremder Münze ist ein 
freier Handel; ihn darf auch der Jude ti-eiben. So heisst 
es ferner an einer andern Stelle dei-selben Ordnung: ^Was 
den iuden unter solicher afentur e an gold, silber und 
kleinoten, das gebrochen, geschlagen oder sonst als arg- 
wönig fürkomet, das sullen sie an die goldschau bringen, 
ob sie rechtfertig sie", und in der Ulmer Goldschmied- 
ordnung vom 14. November 1394 wird bestimmt: „Wo 
fürbas aubenteurer herkument mit ir aubenteur, die 
fail hätten und soUiche nit für aubenteur, sondern für 
recht kaufmannschaft hingäben und verkauften, dass 
soUichs die goldschmied ufheben sollen und mugent das 
einem burgermaister und raute überantworten.'^'*) Durch 

'*) Aronius, Regesten zur Geschichte der Juden, 8. S25. 

*M Depping, Juden im Mittelalter, S. lU f., 182, 197. 

*') OrdnuDir vom Äftermontag vor Auffahrstag 1425. Jftger, Ulms 
Verfassung, 8. 892. NQbling, Ulms Fischereiwesen, 8. 8. 

**) Ordnung von 8t Katharina abend 1894. Jäger, Ulms Verfassung, 
8. 892 und 669. In einer Stelle in Manessens Minnesängern heisst es: 
„Die aventure spottet mein'*; hier hat das Wort also den Sinn von For- 
tuna-Zofkll, was auf den Begriff des Abentenergutes vollständig passt, bei 
dem der Käufer nicht weiss, ob er etwas Gutes oder etwas Scblechtea 
erworben hat. 8o erlässt der Rat am 18. Oktober 1489 ein „Gesetx der 
Abenteuertuche halber^, welche einige Barchentweber im »lääu^*, d. h. 
auf dem Lande, wirken. Nobling, Ulms Fischereiwesen, 8. 8. 



— 73 — 

das ganze spatere Mittelalter spielt die Frage nach der Be- 
schaffenheit der Ware eine ganz andere Rolle als heat- 
zntage nnd fortwährend sieht man die Obrigkeiten bei jeder 
Gelegenheit eifrig bemüht, dem Käufer, welchem an guter 
Ware gelegen ist, Grelegenheit zu geben, sich solche auf die 
möglidbst bequeme Weise zu verschaffen. So bilden sich im 
gesammten Verkehr fiu: alle wichtigeren Handelsgegenstände 
obrigkeitliche Einrichtungen heraus, welche den Zweck haben, 
eine möglichst weitgehende Gewähr für gute Beschaffenheit 
der Waren zu geben, und hiedurch entsteht der Unterschied 
zwischen „Kaufmann sgut^^ Wehrschafts-, Währungsgut, 
Ware schlechtweg, mercatura (marca-Schauzeichen), d. h. Ware, 
bei welcher dem Käufer durch irgend welche amtliche Mass- 
r^el einer Behörde oder Korporation, z. B. durch Schan^eichen, 
wie Tor allem beim Metallgäd, aber auch bei den Goldwaren, 
der Leinwand, dem Barchent, den gestempelten Häringenu.s.w., 
Sicherheit fär gute Beschaffenheit der Ware gegeben ist, und 
zwischen „Abenteuergut^S adventnra, d. h. Gut, das von 
auswärts kommt, bei welchem diese Sicherheit nicht gegeben 
ist, das keine Prüfung durch die Behörde bestanden hat.'^) 

Dass die Juden neben ihrer Thätigkeit als freie Gross- 
händler mit Waren, fremder Münze und Sklaven als 
zünftiges Privileggewerbe nicht ausschliesslich das 
Darleihgeschäft auf Pfänder gegen Zinsen betreiben, 
dass wiederholt Versuche gemacht werden, sie zu anderweitigen 
Thatigkeiten zu bewegen, zeigen mannigfache Nachrichten. 
80 werden namentlich in Frankreich wiederholt Versuche 
in dieser Richtung gemacht König Philipp der Kühne er- 
neoert die Bestimmung König Ludwigs IX., die Juden sollen 
Handwerk oder Handel treiben, sich aber mit dem Dar- 
leihgeschäit nicht mehr befassen. '') Der Grund für die 
allmäüiche Umbildung der Juden in zünftige Darleihge- 
Bossenschaften ist die zunehmende genossenschaftliche 
Gestaltung des Erwerbslebens. Seit der innere Zwischen- 
bandd oder Kleinhandel innerhalb der politischen Staats- 
gebiete des Mittelalters seitens der Staatsgewalt an einzelne 
Erwerbsgenossenschaften zu Lehen gegeben wird mit der 
Befugnis, diesen Handel gegen ein Entgeld an die Staats- 
kammer ausschliesslich auszuüben, sieht sich der jüdische 
fieiwokner neben dem Grosshandel mit fremden und ein- 
heimischen Erzeugnissen und dem Wechselgeschäft mit fremden 
Münzen immo: mehr auf das Gelddarleihgeschäft be- 
schränkt und die Judengemeinden werden zu Darleiher- 
genossenschaften, wie es Metzger- und Bäckerge- 
nossenschaften gibt So war es denn auch folgerecht, 
wenn z. B. in Nürnberg bestimmt wurde, kein Jude solle 

^) Nabling, Ulms FisehereiweMa im Mittelalter, 8. 8. 



— 74 — 

bei Strafe von lOPid. Hlr. eine Kaufmannschaft treiben; 
nur Fleisch und Pferde sollten sie kaufen und yerkaufen. 
Wein oder Bier aber den Christen zu geben oder mit Gewürz 
„nach dem Gelote^ Kaufmannschaft zu treiben, d. h. daaselbe 
im Kleinen auszuwägen, war den Juden Yerboten*^), 
wie auch im Jahre 1276 König Ottokar Yon Böhmen ak 
Herzog von Niederösterreich allen Juden dieses Lands 
strenge verbot, Es s waren und Qetränke zu verkaufen. 

/. Die Juden als Skla?enhiodler. 

Eine besondere Seite der jüdischen Grosshand els- 
thätigkeit, welche eingehenderer Behandlung bedarf, war 
der Sklayenhandel, insofern er seit den frühesten Zeiten 
gewissermassen die Grundlage des jüdischen Gross- 
handelsverkehrs bildet Die Entwicklung dieses Han- 
delsverkehrs hieng eng zusammen mit der Schuldknechtr 
schalt, in welche der Freie gewöhnlich dadurch verfiel, 
dass er im Kriege gefangen wurde und nun in der Zwangs- 
lage war, entweder seine Freiheit durch Erlegnng eines 
Lösegelds wieder zu erlangen oder in die Sklaverei zu 
wandern. Beispiele für dieses Verhältnis finden sich in 
Menge. So verwendet im Jahre 508 der Bischof Casarius 
von Arles nach der Vertreibung der Franken durch 
die Goten die Kirchengeräte zum Loskauf d^ Ge- 
fangenen, damit keiner wegen seiner Schulden Arianer 
oder Jude werde. Man sieht, die Juden sind es, welche 
nach dem Siege der römisch-katholischen Katalonier 
über die ketzerischen Franken diesen die Gefangenen 
abgekauft haben und die jetzt die Kirchengeräte 
der proven$alischen Christen gegen Freilassung dieser Ge- 
fangenen in die Hände bekommen. Da solche Käufe aber 
eine gegebene Grenze haben, sieht sich die Kirche veran- 
lasst, hiegegen einzuschreiten, wesshalb im Jahre Ö41 das 
vierte KonzU von Orleans die Bestimmung erneuert, dass 
christliche Sklaven, wenn sie aus einem Judenhanse 
in eine Kirche fliehen, von den Juden freigelassen 
werden sollen, wenn die Christen einen angemessenen 
Preis bezahlen. Man sieht, die Juden hatten in allzu- 
weitgeheuder Ausnützung der Zwangslage, in welcher sich 
der in Schuldknechtschaft Gefallene befand, derartige 
wucherische Lösegeldforderungen gemacht, dass das 
öffentliche Interesse ein gesetzliches Einschreiten durch ein 
Wuchergesetz erforderlich machte. Wenn ein Jude einen 
Fremden zum Juden macht, bestimmte dann weiter dasselbe 
Konzil, oder einen Christen zum Judentum verfuhrt oder eine 
Christensklavin erwirbt, oder einen christlichen Sklaven 

"») Wttrfy, NOrnbergs Jadeocemeinde, 8. 87. 



— 76 — 

g^ndasVerspreclien der Freiheit zum Juden macht, 
80 soll er znr Strafe den Sklaven yerlieren»**) Fortwährend ist 
es denn auch seither die Frage der christlichen Schuld- 
sklaten der Juden, welche gewissennassen den Kern- 
punkt der damaligen Bewegung gegen das Judentum 
bildet. So trifft im Jahre 576 der heilige Grermanus auf der 
Reise von Tours nach Severiacus, einem Gute in der Nähe, 
den Amantins an, der von einigen Juden in Ketten geführt 
wird, weil er sich den jüdischen Gesetzen nicht unterwirft, 
lud befreit denselben, indem er das Kreuzeszeichen über 
ihn macht und ihn so zum Christen weiht'*) Die Juden 
freilich wehren sich mit allen Mitteln gegen diese Neuerung, 
welche die katholische Kirdie gegen sie einführt und welche 
ihre weit^e kirchengeeetzliche Ausbildung dadurch findet, dass 
am 1. November 571 das Konzil von M&con bestimmt, da die 
Juden in den Städten sich mannigfach weigern, ihre 
christlichen Sklaven den kanonischen Gesetzen zu- 
folge gegen entsprechende Bezahlung freizu- 
lassen, 80 solle in Zukunft kein Christ mehr Sklave bei 
einem Juden sein, sondern jeder Christ das Recht 
haben, einen solchen Sklaven zum Preise von 12 Soldi 
für einen guten Sklaven zur Freiheit oder zu 
weiterer Knechtschaft loszukaufen; denn diejenigen, 
welche Christus mit seinem Blute erlöst habe, 
dürfen nicht in den Ketten der Verfolger desselben 
bleiben. Weigere sich der Jude, so solle der betreffende 
Sklave so lange bei Christen wohnen dürfen, wo er wolle. 
Werde ein Jude überfuhrt, einen christlichen Sklaven durch 
Ueberrednng zum Judentum bekehrt zu haben, so solle er 
den Sklaven und das Testamentsrecht verlieren'*), also 
dem Sterbfallsrecht in seinem vollen Umfange unterliegen. 
Fortwährend ist seither denn auch die römische Kirche eifrig 
bestrebt, die christlichen Sklaven aus der Sklaverei der Juden 
ireiziikaufen. So erfährt im Hai 597 der Papst Gregor von 
einem gewissen Dominikus, die Juden zu Narbonne haben 
dessen vier Brüder aus der Gefangenschaft losgekauft 
und als Sklaven zurückbehalten, weeshalb er befiehlt, 
diese loszukaufen, und im Juli 599 fordert derselbe Papst 
Gregor die Königin Brunhilde von Burgund und die Könige 
Dietrich und Dietbert von Frankreich auf, den Juden das 
Halten von Christensklaven zu verbieten.'*) Im Jahre 624 
bestimmt das Konzil von Reims, dass Qiristen nicht an 
Jaden oder Heiden verkauft werden sollen. Verkaufe ein 
Christ aus Not seine Sklaven an Heiden oder Juden, so 
BoUe er aus der Kirche ausgestossen werden, der Kauf aber 



**) Aroniiu, Regesten lur Geechichte der Jaden, S. 11, IB, ISf., 19, 20. 



— 76 — 

ungültig sein. Wenn Juden ihre Cbristensklayen zum 
Judentum bekehren wollen oder rie martern, sollen die 
Sklaven der Staatekammer zufallen.'^) 

Wie weit hinein ins Mittelalter dieser jfidische Sklaven- 
handel eine Rolle spielt, zeigen zahlreiche weitere Machrichten. 
Wir haben oben gesehen, wie es auch im 9. Jahrhundert vor 
allem Eunuchen, Jungfrauen und Knaben sind, welche 
die Juden von Südfrankreich aus als begehrte Handels- 
ware nach der Levante verfrachten.*®) Woher sie diese 
Handelsgfgenständo bezogen, zeigen mehrfache Beispiele. So 
kommt um das Jahr 826 ein Mann ans Gordova zum Erz- 
bischof Agobard nach Lyon geflohen, der erzählt, die Juden 
haben ihn vor 24 Jahren ids kleinen Knaben in Lyon 
geraubt und verkauft, er sei aber jetzt mit einem Ge- 
nossen, den die Juden vor 6 Jahren geraubt haben, ent- 
flohen. Massenhaft werden gegenwärtig christliche 
Gläubige von Christen an die Juden verkauft und die 
Juden verüben Dinge, die viel zu schändlich seien, 
um sie niederzuschreiben.*'^) So schliesst um das Jahr 825 
Kaiser Ludwig der Fromme einen Schutz vertrag mit dem 
Rabbi Domatus und dessen Neffen Samuel ab, durdi welchen 
unter anderem den beiden Juden ausdrücklich gestattet 
wird, fremde Sklaven zukaufen und innerhalb des Reichs 
wiederzuverkaufen, währ^id ein weiterer Schntzvertrag, 
den Kaiser Ludwig der Fromme mit dem Juden Abraham aus 
Saragossa abschliesst, bestimmt, dem betreffenden Juden 
solle das Recht zustehen, fremde Sklaven zu kaufen, 
doch solle er sie dsim nicht wieder ausführen dürfen, 
sondern sie innerhalb des Reichs verkaufen müssen.'^ 

Es ist die bewegte Zeit, als in den Jahren 822—825 der 
Erabischof Agobard von Lyon seine Thätigkeit gegen 
die Uebergriffe des Judentums beginnt, indem er 
sich an die Edelleute Adalhard und Wala und den Kanzler 
Helisachar wendet Als er mit ihnen in der Kaisorpfala ge- 
sessen sei, erzählt der Bischof, habe er sich gegen die juden- 
freundliche Haltung einiger Höflinge ausgesprodien 
und diese haben ihn infolge dessen beim Kaiser ange- 
schwärzt Agobard fragt nun an, wie er sich verhalten 
solle, wenn seither heidnische Sklaven von Juden sich 
taufen lassen. Der Judeumeister, d.h. der Amtmann der 
Judengemeinde, in Lyon mache ihm Schwierigkeiten in 
dieser Sache und es wäre sicherlich zu dem ganzen Sireite 
gar nicht gekommmen, wenn dieser Beamte sich nicht 
so masslos und unvernünftig verhalten hätte.*'') In 
einem weitern Schreiben an den Erzkaplan Hilduin und 

*^ AroniuB, Begesten zur Geschichte der Juden, S. Sl, 89,90, 88, 84 ff. 
•^ \vTgl 8. 68. 



— 77 — 

den Abfc Wak beklagt sich daan der Enbiacshof 
einen neuen Erlass der Reichsregierang, nach dem 
jüdische Sklaven nur mit Einwilligang ihrer jü- 
dischen Herren sollen getanft werden dürfen. E^ne 
getaufte Jüdin werde auf Grund dieses Erbsses jetzt Yon 
den Juden schwer yerfolgt; der Erlass yerstosse 
gegen die Kirchengesetze und bringe ihn so in einen 
Gewissensstreit''') Die Autwort ist, dass die Beiohs- 
regierung den Grafen Ton Lyon anweist, dem Jaden- 
meister Yon Lyon Beistand gegen den Erzbischof 
zu leisten, worauf der Erzbischof in einem Schreiben 
an die Reichskanzlei erklärt, er könne diesen Befehl nicht 
als echt halten, der den Uebermut der Juden von 
Lyon aufis höchste gesteigert habe. Der Erfolg ist 
aber lediglich, dass ein kaiserlicher Sendbote namens 
Eberhard und spätem zwei weitere Reichskommissäre, Gerrich 
und Friedlich, in Lyon erscheinen, um den Juden weitern 
Beistand zu leisten, so dass die Juden noch mehr die 
Oberhand erhalten. Bitter beklagt sich der Enbischof, die 
Juden wagen es ungescheut, den Christen Un- 
glauben zu predigen, und schmähen Gott und den 
Heiland straflos, nachdem die Sendboten erklärt 
haben, die Juden seien nicht dem Kaiser zuwider, 
sondern er sei ihnen sehr gnädig gesinnt, wie auch die 
Dienerschaft der Sendboten überall erzähle, dass 
man bei Hofe die Juden den Christen vorziehe. Man 
verfolge ihn, weil er den Christen predige, sie sollen den 
Juden keine christlichen Sklaven verkaufen, und 
weil er nicht zugeben wolle, dass die Juden Christen 
nach Spanien verkaufen oder als Lohnknechte in 
ihren Häusern haben, weil er verboten habe, dass christ- 
liche Frauen den Judeasabbath feiern, am Sonntage 
für die Juden arbeiten und in der Fastenzeit mit den 
Juden speisen, und weil er den christlichen Tag- 
löhnern der Juden verboten habe, an Fasttagen 
Fleisch zu essen; weil er nicht erlaube, dass die Christen 
Fleisch von den Juden kaufen, um es au Christen 
wiederzukaufen, und dass die Christen Judenwein 
trinken. Er habe dazu aber seine guten Gründe; denn es 
sei Sitte bei den Juden, nur dasjenige Fleisdh an die 
Christen zu verkaufen, das sie selbst als unrein verschmähen 
und das sie dessbalb „Christenvieh^^ nennen, und den 
Wein, den sie lediglieh zum Verkauf an die Christen 
und nicht zum Haasgebrauche halten, vorh^ zu 
verunreinigen. Dazu schmähen sie täglich in ihren 
Gebeten den Heiland und die christliche Kirche. 
Dessbalb habe er die Christen aufgefordert, sich in Speise 



— 78 — 

QDd Trank Ton den Jaden zn sondern; im ftbrigen aber, 
da die Juden nnn einmal da seien, wolle er nicht, dass 
man schlecht gegen sie handle oder sie an Leben, Ge- 
sundheit und Vermögen schädige, sondern man solle sich 
ihnen gegenüber als Christ benehmen. Zum Schaden des 
Christentums, fährt dann Agobard fort zu klagen, dürfen sich 
die Juden rühmen, sie seien dem Kaiser wegen der Erz- 
väter lieb, sie verkehren hochgeehrt bei Hofe und 
erklären, es stehe nichts in den Kirchenordnungen, dass man 
den Juden keinen Wein abkaufen und nicht mit ihnen essen 
und trinken solle. Die Prinzessinnen und Hofdamen 
schenken den Judenfrauen kostbare Kleider und 
überall bauen die Juden neue Synagogen, man habe die 
Märkte den Juden zulieb vom Samstag auf andere Tage 
verlegt, was nur den Juden nützlich sei; denn die in dier 
Nähe Wohnenden kaufen am Samstag i^re Lebensmittel und 
haben dann am Sonntag Zeit für die Messe und Predigt, die 
aus der Feme Kommenden aber treffen einen Abend- und 
einen Morgengbttesdienst an. Agobard beruft sidi dann auf 
den heiligen Hilarius, der ebenfalls das Speisen mitJuden 
und das Grüssen von Juden für unschicklich eiUärt 
habe. Die Folge des Zusammenwohnens von Christen 
und Juden sei, dass manche Christen bereits den Sabbath 
feiern, dagegen am Sonntage von der Kirche verbotene 
Geschäfte verrichten und die Fasten nicht mehr halten, 
sowie dass die Juden chrisÜidie Frauen, die sie als Mägde 
oder Taglöhnerinnen in Dienst nehmen, in schändlicher 
Weise verführen. Agobard schickt desshalb dem Kaiser 
eine Schrift ein, in welcher er mit Hilfe einiger anderer 
Bischöfe alles zusammengestellt hat, was gallische Könige 
und Bischöfe seit alter Zeit über den Unterschied zwischen 
den Christen und den Juden festgesetzt haben. Der 
Erfolg dieser Thätigkeit ist denn auch, dass im Jahre 829 
in Lyon eine Synode unter Vorsitz des Erzbischofs Agobard 
stattfindet, in der die Judenfrage einen der Hauptpunkte 
gespielt zu haben scheint'*) 

Ebenso eifrig in der Judenfrage wie Agobard ist sein 
Nachfolger auf dem Lyoner Bischofssitze, der Erzbischof 
Amulo; auch er ist redlich bestrebt, die Macht des Juden- 
tums einzudämmen. Er schreibt im Jahre 846 ein Buch 
gegen die Juden, weil ihr verabscheuungswürdiger 
Unglaube und der Schaden für das Christentum, der 
durdi den Verkehr mit ihnen entstehe, selbst bei 
vornehm und gebildet sein wollenden Leuten, namentlich in 
Gegenden, wo keine Juden wohnen, noch viel zu wenig 
bekannt sei. Er gibt darin Anleitung, wie sich der Christ 

**) Aronias, Regesten zur Geschichte der Juden, 8. 86 bis 42. 



— la- 
den Jaden gegenüber za verhalten habe. Amulo 
erklärt die Jaden für Ketzer; man müsse desshalb than- 
liehst vermeiden, mit ihnen in Verkehr zu treten, 
sich mit ihnen zu unterhalten, bei ihnen zu sitzen, mit 
ihnen zu gehen, sie zu küssen, wodurch manche Christen 
ihnen schmeicheln. Die Juden seien noch schlechter 
als die Ketzer und Schismatiker, weshalb auch die 
Kirche an der Passion für sie erst nach den Genannten bete. 
Seit in Lyon und in zahlreichen anderen Reichsstädten sich 
so viele Juden angesiedelt haben und sprechen und thun 
dürfen, was sie wollen, haben die Seelen der Christen 
schweren Schaden gelitten, da bereits viele Christen 
gegen die Lehren der Bibel und die kanonische Ordnung 
ihnen völlig zugefidleu seien. Man gehe mit ihnen um, man 
diene ihnen in ihren Häusern und auf den Aeckem. Weil 
sie keine Christensklaven halten dürfen, haben sie freie 
Christen als Lohnknechte, auf die sie derart einwirken, 
dass viele bereits sagen, die jüdischen Ansichten seien 
besser als die der christlichen Oeistlichen; ihre 
Taglöhner und Taglöhnerinnen feiern den Sabbath 
and arbeiten am Sonntag, brechen das Fasten an den 
gebotenen Tagen, und geben sich den Juden zur Unzucht 
hin. Dann vergiften die Juden überall mit ihren ab- 
sichtlich gefälschten Weinen die Leute und mit 
solchen Weinen werden meistens noch die göttlichen 
Opfer gefeiert Amulo erzählt, wie getaufte Juden ihm 
berichtet haben, dass einige Juden, die in den Städten 
unerlaubter Weise als Zöllner eingesetzt seien, an abge- 
legenen Orten die Christen betrügen und sie zur Verleug- 
nung des Heilands überreden, wie sie den getauften 
Jaden nachstellen und so der Christenglauben erschüttert 
werde. Ein Beispiel sei der Uebertritt des alemannischen 
Diakonus Bodo zum Judentum.*^) Forner fordert Amulo 
alle Bischöfe auf, in gemeinsamer Arbeit es bei den 
Königen dahin zu bringen, dass überall die Vorschriften gegen 
die Juden zur Durchfuhrung kommen und weist die Könige 
darauf hin, dass sie dereinst vor Gott werden Rechen- 
schaft geben müssen, ob sie auch den Christenglauben 
geigen die Befleckung durch die Juden geschützt und 
die Schlechtigkeit der Juden geziemend hintange- 
balten haben, und dass sie sich nidit den Vorwurf zu- 
ziehen dürfen, sie haben den Jahressteuern und Ge- 
schenken der Juden zu lieb den Christenglauben 
▼emachläesigt Denn auch sie haben, wie er bei aller 
schuldigen Ehrfurcht offen ausspreche, kein grösseres Reich 
oder eine gewaltigere Macht, als die alten frommen Fürsten, 

"^ Arcminf, Eegesten aar tietchichte der Juden, 8. 4A f. 



— 80 — 

welche die ckristlickeH Vorsckriften befolgt und 
trotzdem dieselben Leistungen Ton den Juden 
erhalten haben. Wenn ein christlicher Königs- 
sklave einen Nachbar an seinem Acker oder Weinberg 
oder Vieh schädige, werde man ihn gewiss nach dem welt- 
lichen Gesetze bestrafen and den Nachbar entschädigen; 
um wie yiel mehr mflssen diese nnglänbigen Sklayen, 
die den Acker des Herrn, die Kirche, schwer ver- 
letzen, durch des Königs Machtund der Kirche Becht 
im Zaum gehalten werden. Dann liest Amulo dreimal 
öffentlich ausrufen, kein Christ in der Stadt oder 
auf dem Lande solle künftig mehr einem Juden 
dienen dürfen, sondern diese sollen mit ihren Hei de n- 
sklayen ihre Arbeit selbst yerrichten und niemand 
solle mehr Speise und Trank yon den Juden nehmen^ 
und es wird strenge yerboten, Christensklayen an 
Heiden oder Juden zu verkaufen, wie auch jeder 
christliche oder nichtjüdische Sklave, den ein Jude 
kaufte und beschnitt, frei sein sollte. Man sieht ans 
diesem Ausrufe, dass auch hier den Kernpunkt der 
ganzen Streitfirage die Frage der jüdischen Arbeits- 
kräfte bildete. Es ist ein Stück Arbeiterfrage 
ersten Bangs, das sich in diesem Hachtstreite 
xwischen römischer Kirche und Judentum vor 
tausend Jahren abspielt'^) 

War mit diesen Verordnungen dem Handel der Juden 
■lit christlichen Sklaven im fränkischen Beiehe ein 
kräftiger Damm entgegengesetzt worden, so gieng der 
Handel der Juden mit nichtchristlichen Sklaven un- 
entwegt weiter. Auch im 10. Jahrhundert sehen wir die 
Juden den Sklavenhandel im grossen Masastabe 
treiben. So machen um das Jahr 949 die Kauilente Ton 
V er dun Knaben in grosser Menge zu Eunuchen und 
veikaufen sie nach Spanien.*^) Immerhin scheinen aber 
die obigen Oesetaesbestinmiungen die Folge gehabt xn 
haben, dass sich die Ausfnhrthätigkeit in diesem Handels* 
gegenstände weniger mehr des Wegs durch die Provenee 
und das Mittelmeer bedient, sondern dass der Haupt- 
Strom der Sklavenausftihr sieh mehr durch die Donaa- 
länder nach dem Osten bewegt So erneuert um das 
Jahr 906 König Ludwig das Kind auf die Bitte der 
bayerischen Bischöfe, Aebte, Grafen und aller, die laek 
Osten reisen, die Bestimmungen der bayerischen Zölle. 
Dabei wird bestimmt, dass alle Juden und anderen Kaaf* 
lernte den gesetzlichen Zril für ihre Sklaven und Waren 

*^) Aronios, Regetten rar Gescbidile der Juden, S. 47, öl. 



— 81 — 

"wie in alten Zeitoi zahlen sollen.**) Man sieht ans der Vor- 
anstellung der Juden Tor die anderen Kaufleute, dass 
die Jnden auch damals noch die Haoptvertreier anf dem 
Gebiete des Sklavenhandels wie des Warenhandels sind. 
Wie stark entwickelt im 10. Jahrhundert der Sklavenhandel 
gerade in Böhmen ist, zeigt eine weitere Nachricht, nach 
welcher im Jahre 989 der heilige Adalbert das Bistum Prag 
anfgibt, weil er nicht alle Christensklaveu mehr los- 
kaufen kann, welche die Juden dort aufgekauft haben.*') 
Man sieht, eine der Hauptaufgaben der damaligen Landes* 
herren ist die Befreiung von Sklaven; wer dieser Aufgabe nicht 
gewachsen ist, muss auf seine Stellung verzichten, eine 6e- 
pflogenhdt, die auch noch im 11. Jahrhundert ihren Fortgang 
nimmt So wird im Jahre 1009 der Markgraf Gunzeliu von 
Meissen bei Kaiser Heinrich IL verklagt, dass er die Leib- 
eigenen anderer Personon an die Juden verkauft und gegen 
den Befehl der Regierung nicht befreit habe.**) So 
kauft im Jahre 1085 Judith, die Gemahlin des Herzogs 
Wladislaus von Polen, mit ihrem Gelde viele Christen 
von der Sklaverei bei den Juden los.**) Es ist ein 
Stock Grundverschuldung, das sich damals schon 
abspielt und seiue Erledigung dadurch findet, dass die 
Schulden der betreffenden christlichen Schuldner den Juden- 
gläubigem seitens der Landesherrschaft herausbezahlt wei'den, 
so dass der ganze Vorgang, sobald man statt des Namens 
des betreffenden Landesherm die neuzeitliche Bezeichnung 
Staatsregierung setzt, als eine öffentliche Grund- 
schuldenablösung bezeichnet werden kann. So erfolgt 
z. B. am 22. Juli 1124 in Böhmen der Sturz des Juden 
Jakob, der bei dem Herzog Wladislaus L das Amt eines 
Viztums bekleidet hatte. Getauft, lallt er vom Christen- 
tum wieder ab, zerstört nächtlich den in der Synagoge er- 
richteten Altar und wirft dessen Reliquien in seinen Abtritt 
Der Herzog lässt ihn ergreifen, zieht sein Vermögen ein, gibt 
ihn aber gegen 3000 Pfd. Silber und 100 Pfd. Gold wieder 
frei, worauf mit dem Gelde des Juden alle christ- 
lichen Schuldsklaven von den Juden losgekauft 
werden mit der Bestimmung, dass künftig den Juden kein 
Christ mehr solle Dienste leisten dtirfeu. Da dieser Zweck 
auf keine andere Weise zu erreichen ist, als wenn den Juden 
das Halten auch von freien christlichen Lohnkiiechten 
odor Mägden verboten wird, da die Juden seither sich 
dadurch geholfen hatten, dass sie sich statt der ihnen ver- 
botenen christlichen Leibeigenen freier christlicher 
Lohnbediensteten bedienten, so verbietet die Kirche die 
Anstellung christlicher Dienstboten durch die Juden, 

**) Axooiui, Breiten zur Geschichte der Jnden, S. 52, 58, 59 f., 71, 101. 

6 



— 82 — 

ein Vorgeben, dem freilich die weltliche Beichsgewalt 
der salischen Kaiser sofort entschieden entgegentritt. 

Sind also die Verbote des Haltens von Christensklaven 
seitens der Jaden bis in die ältesten Zeiten zu yerfolgen, so 
ist es anders mit dem Halten yon freien christlichen 
Dienstboten seitens der Juden. Wohl bestimmt schon 
im Jahre 809 Kaiser Karl der Grosse, kein Jude solle am 
Sonntag einen christlichen Taglöhner mieten**), aber 
während der Woche scheint das Halten Ton freien christlichen 
Angestellten den Juden bis zum Ende des 12. Jahrhunderts 
ni(£t untersagt gewesen zu sein und auch nachdem derartige 
Bestimmungen seitens der Kirche eingeführt worden sind, 
unterliegen sie je nach der mehr oder weniger kräftigen wirt- 
schaftlichen Stellung der Juden strengerer oder weniger scharfer 
Durchführung. So bestimmt der Schutzvertrag, den um das 
Jahr 1090 Kaiser Heinrich IV. mit den Juden von Worms ab- 
scbliesst, dem Bischof solle kein Becht zustehen, Einspruch zu 
erheben, dass die Juden christliche Mägde und Ammen 
halten'^; so bestimmt noch um das Jahr 1150 eine Ver- 
ordnung des Papstes Gratian lediglich die Stellung der Sklaven 
der Juden, die Ehen und den Verkehr zwischen Christen und 
Juden, den Uebertritt der Juden u. s. w.'*) Dagegen ver- 
bietet in den Jahren 1159 — llHl Papst Alexander lU. allen 
Christen, dauernd gegen Lohn bei Juden dienen; 
auch sollen die Hebammen und Ammen die Kinder von 
Juden nicht in den Judenhäusern nähren dürfen, da die 
Sitten der Juden und Christen nicht übereinstimmen, damit 
diese nicht vom Judenglauben abgebracht werden.*') Erst am 
19. März 1179 beschliesst das dritte lateranische Konzil, die 
Juden und die Sarazenen sollen weder zur Erziehung 
ihrer Kinder, noch zu Knechtesdiensten, noch aus anderen 
Gründen christliche Dienstboten in ihren Häusern haben 
dürfen und jeder, der bei einem Juden wohne, solle aus 
der christlichen Kirche ausgestossen werden.**) 

Dass übrigens auch damals noch nicht nur in den öst- 
lichen slavischen Ländern, sondern auch im deutschen 
Westen der Sklavenhandel der Juden sehr entwickelt 
war, beweist eine Bestimmung vom Jahre 1100, nach welcher 
an der dem Simeonsstifte zu Trier gehörigen Zoll statte zu 
Koblenz die Juden für jeden verkäuflichen Sklaven 
vier Denare Zoll bezahlen mussten"), und wie lange der 
Sklavenhandel weitergieng, beweist, dass als im Jahre 1226 
der Bischof Lorenz von Breslau mit Genehmigung des Her- 
zogs Kasimir von Oppeln die alten Zölle zu Rosenberg 
und Siewierz aufis neue festsetzt, bei den Polen für jede 
verkaufte Frau und jeden verkauften Knecht ein Skot 

•*) Aromas, Regelten lor Geachichte der Jaden, 8. 26, 76, 115, 187 f., 96- 



— 88 — 

Slber za zahlen ist und jeder durchreisende Jude, der 
aber nickt yerkanft werden darf, ebensoviel zahlen muss. 
Fremde Reiter und Fussgänger mit Waren, Christen oder 
Juden, zahlen zwei Oppe^er Groschen, einheimische Reisende 
sind frei. Die betreffende Handelsstrasse gieng aus Mähren 
nach Kujawien. '^) 

Weitere Maenregeln der Kirche gegen das Halten yon 
christlichen Dienstboten dur(£ die Juden erfolgen 
namentlich seit dem Beginne des 13. Jahrhunderts. So 
wirft im Jahre 1205 Papst Imiocenz III. dem König TOn 
Frankreich vor, wie er dulden könne, dass die Juden 
christliche Dienstboten und Ammen haben. '^) Auch 
die Dekretalen des Papstes Gregor IX enthalten die Be- 
stimmungen betreffs der christlichen Sklayeu, Diener 
und Ammen der Juden und am 4. März 1233 beklagt sich 
Papst Gr^or IX. bei der deutschen Geistlichkeit über die 
Ausschreitungen der deutschen Juden. Diese halten sich 
christliche Dienstboten, welche sie beschneiden lassen 
und gewaltsam zu Juden machen; sie nehmen christ- 
liche Ammen und Dienerinnen in ihre Häuser auf, 
welche jene bekannten ungeheuerlichen Dinge bei ihnen 
yerüben, die den Hörer mit Abscheu und Schrecken erfüllen. '^) 
Die Folge dieser Erlasse des pästlichen Stuhls sind denn auch 
eine Reihe von Verordnungen der deutschen Kirchenprovinzen 
in der Sache. So schliesst im Jahre 1233 das Mainzer 
Provinzialkonzil alle Christen, welche bei Juden als 
Dienstboten wohnen, aus der christlichen Kirchengemein- 
schaft aus."^) So bestimmt im Jahie 1259 das Mainzer 
Provinzialkonzil in Fritzlar, die Juden sollen sofort alle 
ihre christlichen Dienstboten entlassen. Folgen die 
Juden an einem Orte nicht, solle der christliche Gottesdienst 
an diesem Orte so lange eingestellt werden, bis die betreffenden 
Fürsten und Vornehmen das Gebot durchfuhren und das 
ungläubige und elende Volk zum Gehorsam zwingen; die 
Juden selbst aber solle man durch Vermeidung sJles Ge- 
schäfts- und Gesellschaftsyerkehr zum Gehorsam bringen 
und damit kein Christ sich mit Unkenntnis der Verfügung ent- 
schuldigen könne, sollen in allen Pfarreien die Bestimmungen 
unter der Messe bekannt gemacht werden.'^) So wird am 
9. Februar 1267 im Erzbistum Gnesen-Polen bestimmt, 
kein Jude solle künftig mehr christliche Knechte oder 
Mägde oder Ammen oder sonstige Dienerschaft bei 
Tag oder Nacht in seinem Hause halten.'^) So wird in den 
Jahren 1271—1280 den Juden in Frankreich Ton König 

**) Aronins, Regelten zur Geicbichte der Jaden, 8. 192 f., 202, 204, 
271,802. 

**) DeppiDg, Jaden im Mittelalter, S. 16. 

6» 



— 84 — 

Philipp dem Kühnen yerboten, christliche Dienstboten zu 
halten und ähnliche Verbote erfolgen im Jahre 1276 in 
Böhmen und Niederösterreich.**) Man sieht das Mittel 
der Kirch e, die Juden ihrem Willen zu unterwerfen, ist, 
dass den Angehörigen der christlichen Kirche der 
Geschäftsverkehr mit bestimmten Juden rer- 
boteu wird. 

d. Die Jaden als Aente. 

Ein weiterer Gewerbetrieb, dem sich die Juden seit den 
ältesten Zeiten mit Vorliebe zuwenden, ist die Heilkunde. 
Aber auch auf diesem Felde wird ihnen schon in frühester 
Zeit Ton den kirchlichen Behörden entgegengetreten, wobei 
sich indessen das Verbot nicht darauf richtet, den Juden 
die Ausübung der Heilkunde, welche stets ein freies 
Gewerbe geblieben ist, zu untersagen, sondern darauf^ 
den Christen den Gebrauch jüdischer Aerzte und 
jüdischer Heilmittel unmöglich zu macheu. So meldet 
eine Chroniknachricht, im Jahre 576 habe der erblindet ge- 
wesene Erzhelfer Leonast Ton Bourges durch ein Wunder 
in der Martinskirche in Tours plötzlich das Augenlicht er- 
halten, habe sich aber, nach Hause heimgekehrt, von einem 
jüdischen Arzte überreden lassen, sich Schröpfköpfe 
auf die Schultern setzen zu lassen, um die wieder erlaugte 
Sehkraft noch mehr zu stärken, worauf er aber aufe neue 
TÖllig erblindet sei.''') Ist in dieser Erzählung eine Spitze 
gegen die Thätigkeit der jüdischen Aerzte yorhanden, so 
zeigen uns weitere Nachrichten aus dem 8. — 12. Jahrhundert, 
dass die Juden damals die Heilkunde völlig unbeschrankt 
ausüben. So bittet in einem Schreiben ohne Adresse aus 
den Jahren 798 bis 821 ein ungenannter Erzbischof einen 
Grafen, ihm und einem anderen Bischof einen jüdischen 
oder slavischen Arzt, um den er ihn früher schon mündlich 
gebeten hatte, jetzt zuzusenden.'^ So besiegt im Jahre 1031 der 
spätere Bischof Wazo von Lüttich bei einer Disputation einen 
Juden, derw^en seiuergepriesenen ärztlichen Kenntnisse 
und als trefflicher Bibelkenner bei Kaiser Konrad II. sehr be- 
hebt war. So gibt ein Schutzbrief, den am 19. Februar 1090 
Kaiser Heinrich IV. den Juden Judas, des Kalonymos Sohn, 
DaTid, des Massulam Sohn, Moses, des Guthiel Sohn, und deren 
Genossen und Kindern für seine Speirer Besftzungen aus- 
stellt, diesen Juden ausdrücklich das Becht, dort ihre Weine, 
Kräuter und Arzneien an die Christen zu verkaufen. So 
hat in den Jahren 1102 — 1124 der Erzbischof Bruno yon 
Trier, der viel an Fussgicht und Unterleibsbeschwerden 



•5 Vergl. oben 8. 56 f. 

**) AroDiu, Beseiten lor Gstchichte der Joden, S. 14, 29 f., 64, 72. 



— 86 — 

leidet, einen tiel begehrten Judenarzt namens Josna, der 
nebenbei ein gelehrter Kenner der hebräischen Geschichte und 
Litteratur ist und stets in Rittertracht geht, sich schliess- 
lich auch zur Taufe herbeilässt und den Namen Bruno erhält'') 
So lebt um das Jahr 1215 der jüdische Minnesänger 
Süsskind Ton Trimberg. Er gesteht in seinen Liedern 
sehr naiv, dass er nur aus Not sich der Minnesängerei zu- 
gewendet habe. Ob er ursprünglich ein Gelddarleiher 
oder ein Arzt war, wie einige annehmen, weil er einmal 
Ton einer „Tugendlatwerge^' spricht, ist nicht zu sagen. 
Er zog nach Minnesängerart an Fürsten- und Herrenhöfen 
herum, litt aber dabei samt den Kindern, die er hatte, 
derart not, dass er unter bitteren Klagen über die 
Kargheit, welche die betreffenden Edelleute ihm 
gegenüber an den Tag legten, sich entschloss, die 
undankbaren Herrenhöfe künftig zu meiden und 
sein Geschäft als Minnesänger zu liquidieren. Er verwandelte 
sich dann wieder in einen Juden, liess sich einen langen 
grauen Judenbart wachsen, zog den langen Juden- 
mantel an, setzte den Judenhut auf und gieng wieder 
demütig einher.*') 

Der Anfang des Vorgehens der christlichen Kirche 
gegen die ärztliche Thätigkeit der Juden fällt in das 
13. Jahrhundert Durch Konzilbeschlüsse wird damals den 
Christen bei Strafe des Banns verboten, sich jüdischer 
Aerzte zu bedienen, worauf alsbald die einzelneu Pix)- 
vinzialsynoden durch hierauf bezügliche Erlasse vorgehen. 
So wird am 1. März 1227 auf einer Provinzialsynode in 
Trier beschlossen, die Priester sollen allen Gläubigen ver- 
bieten, Tränke oder Heilmittel von Juden anzunehmen, 
und allen Landesherren wird befohlen, die Juden durch 
Strafen zu zwingen, dass sie die Ausübung der Heilkunde 
bei Christen aufgeben und keinem Christen mehr ihre Tränke 
reichen.'') So wird im Jahre 1235 in Fr ejus in der Provence 
den Christen verboten, in Krankheitsfällen einen 
jüdischen Arzt zu rufen und die von diesem ver- 
schriebenen Mittel zu nehmen. '*) So verbietet am 
10.— 12. Mai 1267 das Wiener Konzil allen Juden, kranke 
Christen zu besuchen und denselben ärztliche Hilfe 
zu leisten''), wie auch im Jahre 1276 in Niederösterreich 
von König Ottokar von Böhmen als Herzog allen Juden 
dieses Lands verboten wird, die Arzneikuust bei Christen 
auszuüben.") So wird in den Jahren 1326 und 13b7 auf den 
Konzilien von Avignon den Juden verboten, Christen 

**) Aronios, Regesten zur Geschichte der Juden, S. 102 f., 178 f., 
194i 801. ' «^ 

"^ Deppisf, Joden im Mittelalter, 8. 256, 197. 



— Se- 
als Aerzte oder Wundärzte zu dienen^) nod im Jahre 1368 
erneuert das Konzil zu Layaar die alten Verfügungen, welche 
den Christen yerbieten, sich jüdischer Aerzte und Wund- 
ärzte zu bedienen; nur im äussersten Not&lle sollte dies 
erlaubt sein.^) Das Verbot richtet sich also teils an die 
Christen, teils an die Juden; der Christ macht sich strafbar, 
der sich eines jüdischen Arztes bedient, und der jüdische Arzt 
wird bestraft, der einem Christen seine Hilfe angedeihen lasst 
Trotz dieser Vorschriften sehen wir indess die Juden in 
den verschiedensten Gegenden das ärztliche Geweibe ausüben 
und es sind namentlich hochgestellte Personen, welche 
sich bei Erkrankungen mit Vorliebe an die jüdischen 
Aerzte um Hilfe wenden und diesen ihr Vertrauen den 
Vorschriften der Kirche zum Ti*otz zuwenden. So bedient 
sich um die Mitte des 13. Jahrhunderts der Graf Alphons yod 
Poitiers eines jüdischen Augenarztes aus Aragon«^) 
So geniessen einen hervorragenden Ruf der französische Juden- 
arzt Jakob von Lunel und der Wundarzt Dolan Bellan 
in Carcassone^) und im Jahre 1304 wird aus Messina 
von einem jüdischen Arzte Aron berichtet, der mit der 
jüdischen Kirchenbehörde in Streit gerät und desshalb von 
dem dortigen Oberrabbiner Aron Favi mit dem Juden- 
banne belegt wird, womuf er sich um Hilfe an die könig- 
lichen Gerichte wendet und von diesen freigesprochen wiid.^; 
So hatte im Jahre 1369 die Königin Johanna von Frank- 
reich als Leibarzt einen als Mediziner, Mathematiker und 
Sterndeuter in grossem Ansehen stehenden Juden aus 
Arles, namens Bendieh Abin, der sich derart der Gunst 
der Königin erfreute, dass sie ihn und alle seine Nachkommen 
von allen Steuern befreite.^®) Ebenso hatte im 15. Jahr- 
hundert König Rene von Aujou beständig jüdische Aerzte 
um sich. Einer derselben, Peter von Nostredone, der Stamm- 
vater der Familie Nostradamus, war ursprünglich Stadtaizt 
von Arles; da er jedoch seine Arzneien selbst bereitete 
und au die Kranken verkaufte, erregte er den Neid der 
dortigen Apotheker, vnirde beim Rate beschuldigt, dass er 
gefälschte Spezereiwaren abgebe, und wurde darauf abge- 
setzt Er trat nun in den Dienst des Herzogs von Galabrien, 
von wo er einen Ruf an den Hof des Vaters dieses Herzogs, 
des Königs Rene von Anjou, erhielt Hier trat Nostradamus 
zum Christentum über und ward bald der geheime Ver- 
traute des Königs, der mit ihm viel über „himmlische Dinge" 
sprach.^®) Ein anderer berühmter Arzt und philosophischer lUt- 
geber König Renes war der Jude Abraham Salomou von Saint 
Maximin; audi dieser genoss vollständige Steuerfreiheit^®) 



«•) D«pping, Juden im Mittelalter, 8. 268, 283, 165, 282, 865 f., 264. 



— 87 — 

Man sieht, den Ebaptbeweggrnnd bei dem Vorgehen gegen 
die jüdischen Aerzie im 13. Jahrhundert bildet das wirt- 
schaftliche Intereßse der in allzu grosser Anzahl yor- 
handcDen christlichen Aerzte und Apotheker. 

Sehen wir so die Juden im 13. Jahrhundert auch in ihrer 
Thätigkeit als Aerzte wesentlich eingeschränkt, so wird die Be- 
handlung der jüdischen Aerzte im 14. Jahrhundert entschieden 
besser, insofern jetzt die Staatsregierung im Gegensatze zur 
Kirche nichts melir gegen die Ausübung der ärztlichen Praxis 
durch die Juden einwendet, sofern diese denBefähigungs- 
nachweis hiezu erbracht haben. So erlässt im Jahre 1331 
König Jakob von Aragon ein Gresetz, wonach die Ausübung der 
Heilkunde im Gebiete von Montpellier ohne vorherge- 
gangene Prüfung und Erhebung zum Licentiaten allen 
Christen und Juden verboten wird und am 27. Dezember 1362 
gestattet die Krone Ton Frankreich allen Juden im Süden, 
welche die Heilkunde und Chirurgie ausüben wollen, 
dies unter der Bedingung, dass sie die Torgeschriebene 
Staatsprüfung yor dem Reichsland vogt (sSnechal) Ton 
Beaucaire bestanden haben; alle entgegenstehenden Ver- 
bote von Konzilien, Synoden und Stadtbehörden sollten 
liichtig sein.^') Während seit der Mitte des 14. Jahrhunderts 
die jüdischen Hochschulen in Montpellier und Narbonne 
aufhören, geniessen damals namentlich die jüdischen Hoch- 
schulen der Langue d'oc und derProTence einen hervor- 
ragenden Ruf als Pflanzstätten der Heilkunde; woneben aber 
zahlreiche Juden mit Vorliebe als Mediciner die christlichen 
UniTersitäten, namentlich die berühmte Fakultät tou 
Montpellier, besuchen, wohl um ihrer Verpflichtung zur 
Ahlegung der staatlichen Prüfung besser nachkommen zu 
können, wobei indessen der Fall mannigfach yorgekommen 
za sein scheint, dass sich die Juden weigerten, sich der 
staatlichen Prüfung zu unterwerfen. Solässt im Jahre 1391 
die UniTensität Paris einen Juden vor Grericht laden, weil 
er die Heilwissenschaft ausgeübt hatte, ohne Licentiat zu 
sein; der Jude berief sich zwar darauf, die französischen 
Jnden haben das Recht, alle Handwerke und Gewerbe aus- 
ZQuben, allein das Geridit entschied für die Anschauung der 

üniYersität") 

Was bei aller Sachkenntnis und Grewandtheit, die man 
den jüdischen Aerzten offenbar zutraute, immerhin bedenklich 
erschien, waren die oft recht zweifelhaften Dienste, zu welchen 
sie sich manchmal gebrauchen lieesen. So liefert z. B. im 
Jahre 1480 ein jüd^her Arzt dem Edelmann Johann von 
Vega Oift, um seinen älteren Bruder zu töten, dessen 



'') Depping, Jnden Im Mittelalter, 8. 281 f., 246, 827. 



— 88 — 

Erbschaft dieser wünscht; das Verbrechen wird ab^ entdeckt 
und die Folge ist, dass der Edelmann das Ordenskleid 
nehmen muss, während der Jade sich selbst entleibt, am den 
Foltern der öffentlichen Hinrichtang za entgehen/') 

Was die Ulmer Verhältnisse betrifft, so war, w^gstens 
am Aasgange des lö. Jahrhanderts , aach hi^ den Vor- 
schriften des kanonischen Rechts entsprechend den Christen 
der Gebrauch von jüdischen Aerzten yerboten: 
so heisst es z. B. in einer AafenthaltsverwilUgang, welche 
der Rat Ton Ulm am 9. Jani 1494 dem Jaden Jakob Ton 
Haigerloch ausstellt, dass dem betreffenden Juden der 
Aufenthalt nur unter der Bedingung eingeräumt werde, „dass 
er nitarzneie, so lang er hier seie/^^*) Gleichwohl war auch 
in Ulm, namentlich in den angeseheneren Kreisen, der Glaube 
an die jüdischen Aerzte sehr gross, so dass sich z. B. im 
Jahre 1450 der Ulmer Geschlechter Heinrich Besserer, als 
er gefangen und krank inGünzburg lag, von einem jüdischen 
Arzte namens Seligmann behandeln liess.^^ Vollends in 
späterer Zeit, seit der Durchführung der Reformation, fragte man 
nach diesen kirchlichen Geboten nichts mehr und die jüdischen 
Heilkundigen konnten jetzt ihrem Grewerbebetrieb ungestört 
nachgehen. So nimmt z. B. am 28. Januar 1536 der bdcannte 
Ulmer Bürgermeister Bernhard Besserer, der Freund der 
Reformation, einen Juden als Leibarzt in seine Dienste, za 
welchem Zweck er mit demselben einen regelrechten Dienstr 
yertrag abschliesst, laut dem der Jude David, ein „sipphafter 
berühmter*^ Arzt, sich auf zwei Jahre als Leibarzt in die 
Dienste Besserers stellt. Er verpflichtet sich, bei Besserer zu 
erscheinen, so oft dieser ihn rufen lässt, und erhält hiefür ein 
Jahrgehalt von 50 Gulden. Was es mit dieser Bestallung für 
eine Bewandtnis hatte, darüber geben weitere urkundliche 
Nachrichten Aufschlass. Auf der Rückseite des BestaUungs- 
briefe stehen nämlich die Worte: „Nota. In der geheimen 
handlang fiudst, warumb dise bestallung uffgericht worden^, 
und in einem Verzeichnis der durch die Roseubergische Fehde 
vom Jahre 1536 verursachten Kosten steht: „So haben alsdann 
auch meine herren mit Davidt iuden ein bestalung getrofen 
also, dass sie ime alljärlich zwei iar lang ie des iars 50 gülden 
raichen, im auch, wenn er Hans Thoman erwürg oder 
um bring, 1000 gülden verhaisen." Femer heisst es dort: 
„Uf anbringen meine« herm Bernhards Besserers ains iuden 
halb, der ain arzt und bestallt ist, und was derselbig ge- 
handelt, ist daruf geschlosen, dass mein gnädiger herr Jörg 

**) Urkunde vom Montag nach Medardoa 1494, Mspt J&ger, Ulms 
VerfasBUDg, 8. 448. 

**) Schreiben vom Samstag vor Math&us 1460. Jftger, Ulms Ver- 
fassung, 8. 896. 



— 89 — 

Bflflserer diser Sachen halben mit dem lantgrafen handek 8ol; 
dabi 8ol dem iuden sin halb dinstgelt geben werden/* Ferner 
heisBt es in einem alten Registerbuche: ,4tem so ist bei ein- 
ander gebunden ain gehaim handlnng, wie mit etlichen ver- 
trauten personen im stillen gehandelt, welcher massen Hannss 
Thoman von Bosenberg niedergeworfen oder abgeleibt werden 
mochf ^) Es ist demnach keinem Zweifel unterworfen, dass 
der Judenant David im Namen des Bundes den Hans Thoman 
von Bosenberg aus dem Wege schaffen sollte und der Bärger- 
meister Bernhard Besserer sich nicht scheute, zu diesem Ver- 
brechen die Hand zu bieten. 

K Dto Jidragimtliid« tli DmrhÜMigraotitiaohaA. 

Neben diesen Tbätigkeiten als freie Grosshändlor 
oder als Aerzte trieben die Juden während eines grossen 
Teils des Mittelalters als zünftige Kleinhändler den 
Zwischenhandel mit Zinsen, indem sie das ausschliess- 
liche Becht besassen, „Schaden^S d. h. Zinseszinsen, 
zu nehmen. Was ihnen dieses ziinftige Freiheits- 
recht während dieser Zeit sicherte, war das Bedürfnis weiter 
Kreise nach einer solchen Einrichtung und die Erkenntnis, 
dass lange Zeit niemand in der Lage war, dem Bedürfnis nach 
Darlehen in derjenigen Weise gerecht zu werden, wie es 
die Juden verstanden.^^ Der Mangel an Edelmetall liess 
den Begierungen die Hilfe der Juden lange als unabweisbar 
erscheinen und die Steuerfähigkeit der kapital- 
kräftigen Judengemeinden war für die damaligen 
Landesherren höchst wünschenswert. Man ist ängstlich 
darauf bedacht, möglichst viele reiche Juden im Lande zu 
haben, um diese hoch besteuern zu können, und duldet es 
desshalb nicht, dass diese das Land verlaJasen, wie man 
andererseits besorgt ist, diesen den Geschäftsbetrieb dadurch 
zu sichern, dass man ihnen ein ausschliessliches Frei- 
heitsrecht auf ihren Gewerbebetrieb als Darleiher 
einräumt, dass man sie zu Darleiherzwangsgenossen- 
sehaften, zu Darleiherzünften macht Von diesem Ge- 
sichtspunkte aus werden die Juden die einzigen Personen 
im romischen Iteiche, welche dem kanonischen Zinses- 
zinsenverbote nicht unterworfen sind, es steht 
ihnen allein das Becht zu, rückständige Zinsen zum 
Hauptgut zu schlagen, auf diese Weise ein neues 



^ Jiger, Olms Terfassung, S. 448 f. AnsfUhrlicbes über den Rosen- 
btrger bei Scbmid-Pfitter, Ulm. Reform-Gescb., Tb. 2. Im Jabre 1546 
fihigt Albteebt von Boienberg iwei Uhner Postboten, Qeiger und Schmal- 
iifanc, ab uid verlangt ffir deren Freilattong 800 Golden, tbut es aber 
idlMnlleb um 60 Gulden. MitteU. von Prof. Dr. Egelbaaf. 

^) Yeiig]. biezn Depping, Juden im Blittelalter, 8. 182 



— 90 — 

Haaptgut ZQ bilden und daraus Zins zu nehmen. Der 
Judenzunftgenosse allein hat das Recht, Zwischen- 
handel mit Zinsen zu treiben, wie der Metzgerzunft- 
genosse allein das Recht hat, Zwischenhandel mit 
Fleisch zu treiben, welches mit dem Beile geschlagen wird, 
wie der Schuhmacherzunft allein das Recht zusteht, 
Zwischenhandel mit Schuhen zu treiben, wie den 
Schmieden der Zwischenhandel mit allen Erzengnissen 
gehört, die mit dem eisernen Hammer, wie der Zimmer- 
leutezunft der Zwischenhandel mit allen Erzeugnissen 
zusteht, die mit dem hölzernen Hammer gefertigt werden, 
wie der Krämerzunft aller Zwischenhandel eingeräumt ist, 
der mittelst Kleinwage und Elle „gehandwerkt^* wird, wie 
der Bauleutezunft, „d. h. den Bauern, die Geissei, der 
Merzlerzunft das Mässlein, dem Rate aber die Gross- 
handelswage oder das Kaufhaus gehört'* „Nee tarnen 
ita arctata sunt artificia, ut uullus ausus sit nisi de zunfta, 
in eis operari, sed quilibet civis potest pro sua domo, 
si seit artificium, 1 aborare, et quilibet, cuiuscunque cou- 
ditionis sit, potest pannos in sua valva vendere, ita 
tarnen, ut civitati solvat quatuor libras; similiter et lanam 
fabi potest quilibet yenalem habore'\ schreibt Felix Fabri^^) 
charakteristisch über das Zunftrecht. Jeder Bürger hat das 
Recht, jedes beliebige Handwerk auszuüben, wenn er sich 
dessen getraut, und das so gewonnene Erzeugnis zu yerkaufen, 
ohne dass er desshalb einer Zunft anzugehören hätte. Jeder- 
mann darf z. B. einen Dachstuhl machen und diesen einem 
andern verkaufen, ohne ein Zunftrecht zu Terletzen. Eine 
Näl\jungfer, die auf Bestellung ein Paar Kinderbeinkleider in 
ihrer Wohnung oder im Hause des Bestellers fertigt, greift 
nicht in das Schneiderzunftrecht ein; ein Bürger, der seinem 
Nachbar gegen Entgeld ein Tier schlachtet, verletzt nicht das 
Vorrecht der Metzgerzunfi, ebensowenig ein Bürger, der Fleisch 
ausserhalb der Stadt und des Zehntens, also im Zollauslande, 
kauft und in der Stadt wieder verkauft Wohl aber wird sich 
die Zimmerleutezunft sofort beim Rate beschweren, wenn ein 
Bürger Zimmerknechte einstellt und diese dritten Personen 
Zimmermannsarbeiten gegen Entgeld Tur seine Rechnung an- 
fertigen lässt; wohl wird die Metzgerzunft aufbegehren, wenn 
ein Nichtzünftler seinem Nachbar ein Stück Grossvieh durch 
seinen Knecht mit dem Beile schlagen lässt und dafür ein 
Entgeld nimmt oder wenn er von einem Bürger, der selbst 
geschlachtet hat, eine der Metzgerzuuft zustehende Fleisch- 
sorte aufkauft — denn nicht alle Fleischsorten gehören den 
Metzgern — und in der Stadt wiederverkauft Ein Taglöhner, 

^ Veesenmeyer, Tractatiu Felicia Fabri, S. 188. 



— 91 — 

der die Axt, die FleiBcherhacke, den Qärtnerspaten, die Fahr- 
mannageigel zu fuhren versteht und dem Bärger gegen Entgeld 
diese Handfertigkeit zur Verfügung stellt, greift nicht in das 
Zimmerleute-, Metzger-*, Gärtner- oder Bauleutezunftarecht ein. 
Der reine Lohnzimmermann, Lohnmetzger, Lohnpferdefahrer 
braucht kein Zunftrecht, er ist ein gedingter Hausarbeiter, 
kein Zunftmeister. Die Nätyungfer, der Pferdelmecht des 
GroBshändlers , der Gärtnertaglöhner des Geschlechters, der 
einfache Lohnschlächter, der Lohnzimmermann, der Lohnwoll- 
schläger bedürfen zu ihrem Handwerksbetriebe keines 
Zunftrechts. Sie sind nur bruderschaftspflichtig 
und zahlen die Kerzen gelder, die Kranken- und Leichen- 
kaasenbeitrage, aber sie haben kein Meisterrecht, d. h. 
kein Recht auf den Zwischenhandel mit dem der 
Zunft verliehenen Erzeugnis. So darf auch vom Rate 
aus jed^ Bürger Zinsen um sein Geld von einem andern 
Bürger kaufen, aber Zwischenhandel mit Zinsen zu 
treiben, d. h. Zinsforderungen anderer Personen aufzukaufen, 
diese zu einem neuen Haupt gut oder Kapital zu machen 
und hiefnr einen Zins festzusetzen, also „Schaden^ oder 
Zinseszins zu nehmen, ist nur den Judenzunftgenossen 
gestattet und die Landesherrschaften sind desshalb auch 
überall, wo eine solche Judendarleiherzunit eingerichtet ist, 
stets bestrebt, den Genossen dieser Zunft ihr Zunftrecht zu 
wahren. 

Die Sicherung dieser Rechte der Juden geschah zu- 
dadurch, dass der Wettbewerb auswärtiger Dar- 
leiher thunlichst beschränkt wurde. So schliesst im 
Jahre 1198 König Philipp von Frankreich mit dem 
Grafen Thibaud von Champagne einen Vertrag ab, 
nach dem beide Teile versprechen, sich gegenseitig 
ihre Juden nicht zurückzuhalten und nicht zu ge- 
statten, dass die Juden des einen Landes Darlehen 
an dieUnterthanen des andern Landes gewähren.^'') 
So räumt im Jahre 1203 die Krone von Frankreich dem 
reichsten Juden der Grafechaft Champagne, Gresselin, 
das Recht ein, im ganzen Gebiet der Krone Geld gegen 
Zinsen auszuleihen. ^'') So wird im Jahre 1268 in 
Barcelona allen Lombarden, Lucchesen, Flo- 
rentinern und Pisauern verboten, Geld gegen Zinsen 
darzuleihen.^^ So stellt im Jahre 1306 der Dauphin 
Humbert L einer jüdischen Gesellschaft einen Freiheits- 
brief ans, durch welchen derselben das Recht eingeräumt 
wird, in Grenoble eine Bank- oder Darleihergenossenschaft 
zu errichten. Den Gesellschaftern wurde gegen Bezahlung 
von 40 Franken und eine Jahressteuer von 10 Pfd. für jede 

**) Deppng, Jaden im Mittelalter, 8. 146 f^ 168, 206, 206, 196, 302. 



— 98 — 



Ptoraon Befranng Ton allen öflFentUclien LBSten emganiiiiBt «od 
ihnen gestattet, Geld gegen Zinsen ansinleihen, und 
dae mit dem Jndeueid bekräftigie Wort der O o no oeen aolHe 
anereicfaend eein, um ihnen ihr Recht gegen ihre Sdmldner 
zu yerechaffen. Alle Pfänder, welche binnen Jahresfrist 
nicht eingelöst wurden, sollten dem betreffeoden 
Juden Terfalleu sein. Der Abschluss der Darleheos- 
Terträge konnte lediglicii durch PriTatunterschrift 
erfolgen und die Schuldner konnten ohne Mitwirkung 
der Gerichte zur Zahlung angehalten werdeiL 
Den Genossensdiaftem war dabei freigestellt, ihre Bank 
Yon Grenoble weg an einen andern Ort des Delphinals 
zu yerlegen.^^ 9o erhalten im Jahre 1838 die Juden von 
Frankfurt das Recht, über die Aufnahme neuer Genosseo 
in ihre Gemeinde selbst zu entscheiden.^') So gründet im 
Jahre 1345 König Karl IV. von Böhmen in Iglau ein 
Judenviertel mit der ausgesprochenen Absicht, den 
dortigen Handel und Verkehr durch Beschaffung der nötigen 
Geldmittel zu heben. Es blüht bis zum Jahre 1426.«^ 
So verordnet im Jahre 1340 der Rat von Winterthur, 
wenn ein Bürger der Stadt Geld bei einem Fremden borge, 
solle er verpflichtet sein, dies „dem^* Juden in Winterthur 
mitzuteilen, „darumb, das dem iuden gefolge, das ihm denn 
billig werden solle." ^*) So erlaubt im Jahre 1341 König 
Johann von Böhmen der Stadt Budweis, „zwei" Juden 
bei sich aufzunehmen.^*) So erlaubt im Jahre 1364 König 
Kasimir von Polen der UniversiIÄt Krakau, für einen 
Wechsler oder Juden Sorge zu tragen, der genügende 
Mittel habe, um im Bedürfioisfalle den Studenten gegen gnte 
Pfandsicherheit Geld darzuleihen, und nicht mehr Zinsen (pro 
servitio) fordern sollte, als einen Groschen monatlich von der 
Mark.^^'Man sieht danius, wie klein noch um diese Zeit an 
den meisten Orten die jüdischen Niederlassungen sind; 
es sind eine, zwei, drei, vier JudenfEunilien, welche die ganze 
Gemeinde bilden und das Darleihergeschäft besorgen. 

Aber wie dem Rechte der einzelnen Zunftgenossenschaften 
auf den ausschliesslichen Handelsbetrieb die Pflicht gegen- 
übersteht, dieses Amt voll und ganz zu versehen, wie die 
Metzger bei Verlust ihres Privilegiums die PBidit haben, die 
Bürger, bezw. in der alten Zeit die Hofhaltung des 
Grundherrn, in ausreichender Weise mit Fleisch zu Ter- 
sorgen, wie der Krämer für Spezerei und firemdländischeB 
Gewand zu sorgen hat, wenn er nicht die Kündigung des 
Lieferantenvertrags seitens des Grundherrn gewaltigen vnll, 
so muss der Hof jude bezw. später die städtische Judenge- 

^) Maurer, Bt&dteYerfassang, Bd. 2, 8. 502 und 796. 
«*) 8tobbe, Jaden in Deutschland, 8. 118 f., 24. 



— 98 — 

nosBenschaft das Gddbedfirfius des Hofherrn beaw. in der 
späteren Zeit der StadtTerwaltong als Landesherm in aus- 
reichender Weise befriedigen, wenn sie nicht ihres Amtes 
Terhistig gehen wollen. So erlässt im Jahre 1230 König 
Ludwig IX. Yon Frankreich mit Zustimmung der Reich»» 
stünde ein Gesetz, dem zufolge künftig kein Jude mehr ge- 
zwungen werden darf, einer Landesherrschaft Geld 
zu leihen. ^^) So waren nach der Strassburger Juden- 
ordnung die Juden schlechthin verpflichtet, gegen 
Pfänder Darlehen zu geben.^) So bestimmte das Juden- 
priyileg yon Winterthur vom Jahre 1340, wenn der Jude 
einem Burger kein Geld leihen könne, solle er desshalb nicht 
gestraft worden, nur dürfen die Bürger dabei „nit gefarlich 
gesumf* werden; sollte es sich aber herausstellen, dass der 
Jude absichtlich Gefahr gebraucht habe, z. B. dass er den 
Bargern Darlehen versage, Fremden aber Dar- 
lehen gewähre, so solle der Rat den Juden dafür zur 
Strafe ziehen. Wie die Marktgemeinde aus der Hof- 
wirtschaft^ so wächst die Judengemeinde aus dem 
Hofjudentum heraus, sobald der einzelne HoQude bei der 
wachsenden Anforderung, welche die grösser werdenden Ver- 
hältnisse mit dem Herauswachsen des Burghofis zur Burgstadt 
nnd zur Bürgerstadt an ihn stellen, nicht mehr imstande ist, 
dieser gerecht zu werden. 

Sind es, wenn es sich um kleinere Darlehen handelt, 
die einzelnen Juden, bei denen diese aufgenommen werden, 
80 erfolgen die grossen Staatsanlehen nnd die Schulden- 
kontrahierungeu der städtischen Gemeinden in der Regel bei 
den Judengemeinden bestimmter Städte. So fugt z. B. am 
14. Mäiz 1260 die Familie des Jakob vom Stein den 
Bürgern von Worms durch Räubereien schweren Schaden 
zu, so dass es der Stadt an Geld fehlt und sie nimmt dess- 
halb „bei den Juden'* in Worms 300 Pfd. Hk. aut ^') So 

Iber- 



uberträgt am 5. April 1261 der Bischof Volrad von Hai 
Stadt dem Burggrafen Burkhard von Querfurt, der sich 
für des Bistums Schulden ,,bei den Juden^ in Quedlinburg 
(,,apud Judaeos in Quedlinburg'*) verbürgt hat, die 
Burg Emersleben, das Amt Quenstedt und das Amt Gaters- 
leben, das jährlich 40 Mark Steuer zahlt ^0 ^» ^^^ ^^ 
Anlehen erfolgt nicht bei einem einzelnen Juden, sondern 
„bei den Juden'* schlechtweg, die Urkunden sprechen von 
^uden^ schlechtweg, wie sie von „Bürgern*' schlechtweg 
sprechen. Wenn dabei andererseits wieder Urkunden vor- 
kommen, wo derartige Staatsanlehen mit bestimmt genannten 

**) Meyer, Angiburger Sudtrecht, S. 66. Stobbe, Juden in Deutsch- 
land 8. 118 and Anm. 102. 

^0 Aroniof, Regesten zur Geschichte der Juden, 8. 275, 280, 285. 



— 94 — 

einselnen Jaden ahgesdüosBen werden, so ist das bei kleineren 
Städten zumal leicht erklärlich. Thatsächlich bestanden ja, 
wie wir froher gezeigt haben, namentlich in den älteren 
Zeiten, die Jadenkolonien der einzelnen Städte in der Regel 
aar aas wenigen Familien. Jadengemeinden wie die in 
Nürnberg, Köln, Begensburg mit Dutzenden too 
Angehörigen bildeten eine seltene Ausnahme. So nehmen 
anfiings März 1263 die Bruder Hebrich und Werner von 
Kien und die Thalleute von Frutigen bei den Juden 
Joseph, Liebermann, Michel und Tolinus in Bern 140 Mark 
Silber, für die sich Rudolf Ton Striltlingen in ihrem 
Namen dem Bischof yon Sitten yerpflichtet hat, für 188 Mark 
durch genannte Bürgen auf, indem sie sich verpflichten, den 
betreffenden Juden am nächsten Johannistäuf erfest, dem 
24. Juni 1263, 98 Mark und auf Weihnachten 1263 den Best 
mit 90 Mark heimznzahleu.^') Hier sind also vier Juden mit 
Namen aufgeführt, welche wohl die ganze Judengemeinde 
gebildet haben. So bietet, um die Schulden seines Braders 
Albert zu bezi^en, der Herzog Johann von Braunschweig 
seine Güter zum Kaute oder Pfand ans, kann aber „bei den 
Juden^^ auf diese Weise kein Geld erhalten, wesshalb er am 
22. April 1263 seine Güter den ,3nrgern^^ von Lüneburg 
zum Pfieuide anbietet*^ So verspricht am 14. Juni 1265 der 
Bischof Iving von Würzburg den Brüdern Krato (Krafto?) 
und Konrad von Hohenlohe 200 Mark Silber zu Burglehen; 
die dem Kraft zustehenden 100 Mark sind derart zu zahlen, 
dass er auf sein Verlangen ihn bis Jakobi, den 25. Juli, von 
seinen Verpflichtungen gegen die „Juden von Würzburg*' 
befreit ü^nn der Bischof nicht bezahlen, so soll er von 
dem genannten Zettpunkt bis Martini, den 11. November, 
das Geld mit den inzwischen nach Schätzung der Juden 
aufgelaufenen Zinsen für Kraft bezahlen. Geschieht 
diess nicht, so hat ihn der Bischof bis zum 27. August für 
das Geld und die Zinsen schadlos zu halten.^*) So geben 
im Jalire 1268 die „Juden in Worms" den dortigen 
„Bürgern'^ im Namen König Richards und im eigenen 
Namen 300 Pfd. EQr.^') Man sieht, anch hier ist weder von 
einer Judengemeinde, noch von einer Bürgergemeinde 
die Rede, sondern nur von „den Juden" schlechtweg und 
„den Bürgern" schlechtweg. Wie unter den „Bürgern" aber 
zweifellos die „universitas civium", die christliche Bürger- 
gemeinde von Worms zu verstehen ist, so ist ebenso zweifellos 
unter den „Juden von Worms" die „universitas Ju- 
daeorum", die jüdische Bfirgergemeinde yon Worms als 
Körperschaft zu verstehen. So geht ein Vergleich, den am 
8. September 1268 der Graf Hermann von Henneberg mit 

**) Aronias, Regesten zur Qeschiclite der Juden, S. 285, 291, 909. 



— 95 — 

dem Bischof Berthold von Bamberg abschliesst, dahin, dass 
dieser dieBorgLiebenburgbeiBrttnn von ihmf&r 650 Pfd. 
Bamberger oder Cobnrger Oroschen kauft. Von diesem 
Gelde soU er dann den „J aden in Bamberg", denen der 
Graf yerschnldet ist, bis spätestens Michaelis, den 29. Sep- 
tember, 1268 180 Pfd. Oroschen and die aafgelaafenen 
Zinsen geben, die aber nicht zam Kapital ge- 
schlagen werden dürfen. Femer soll er den „Jaden 
in Lichtenfels" bis spätestens nächste Martini, den 
11. November, geben, was der Oraf ihnen anweisen wird, 
sowie deren nicht zam Kapital za schlagende Zinse.**) 
So hat im Jahre 1314 die Reichsstadt Esslingen ein 
Anlehen bei den „Jaden in Ueberlingen" gemacht.*') 
So nimmt im Jahre 1333, als der Delphin Hambert nach 
Neapel gereist ist, die Begentin Beatrix von Viennois in 
St. Macelline bei den „Jaden des Landes" ein Anlehen zar Be- 
streitong der Beisekoeten aaf. ^) Man sieht, bei allen diesen 
Fällen ist es nicht ein einzelner Jade, bei dem die 
Aofhahme des Darlehens erfolgt, sondern es ist die Jaden- 
gemeinde des betreffenden Orts oder politischen Bezirks 
alsDarleihergenossenschaft and wenn in zahlreichen 
anderen Fällen die Aafnahme von Geldern bei einzelnen 
Juden erfolgt, so ist bei dem engen Verbände, der zwischen 
den einzelnen Genossen bestand, mit Sicherheit anza- 
nehmen, dass derartige Anlehen yon Grandherr- 
schaften, wo nicht etwa nar ein einzelner Hof- oder 
Stadtjade, sondern eine wirkliche Jadengemeinde 
bestand, yon der ganzen Genossenschaft anf ge- 
bracht and anter solidarischer Haftbarkeit der 
Genossen übernommen wnrde, wie denn aach, sobald 
sieh einzelne Jadengemeinden einem Geschäfte nicht ge- 
wachsen vorkamen, sofort benachbarte Gemeinden 
beigezogen worden. 

Die Aaffiissang, als ob es den Christen iiberhaapt 
Terboten gewesen wäre, Zinsen zn. nehmen, ist an- 
richtige; es war dem Christen eben nar verboten, Schaden, 
1 h. Zinseszins, von seinen christlichen Brüdern za 
nehmen. Jeder Christ hatte aach im Mittelalter das freie 
Recht, sein erspartes oder sonst erübrigtes Greld einem andern 
Christen g^en die Verpflichtang zu überlassen, ihm zu be- 
stimmten Zeiten dafür ein Entgeld zu geben, nur durfte er, 
&Ils der Schuldner mit diesem Dienst im Rückstande blieb, 
daiSr keinen Schaden oder Zinseszins fordern, sondern 
dieses Becht hatte nur der Jude. Dar christliche Gläubiger 
hatte also nicht das Recht, Verzugszinsen zu verlangen, wenn 

") Depping, Joden im Mittelalter, S. 206. 

M) Bti&n, Winemb. Gegchichte, Bd. 8, ä. 146. Vergl. oben, 8. 19. 



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der Sohnldner die HeimzaUiuig oder die Zinasahlnng ver- 
zog, sondern er musste, wenn er nicht befriedigt wurde, den 
beireffenden Schnldbetrag bei einem Jaden aofiiehmen, wofnr 
er dieeem auf Kosten des Schuldners Zinsen yersprach nnd 
diese Rechtsverbindlichkeit nannte man den „Schaden." Der 
Oläubiger, welcher das Greld aufnahm, war jetst dem 
Juden für das Hauptgut und den Schaden haltbar, 
konnte aber Tom Schuldner verlangen, dass er ihn schadlos 
halte. Sein Vorteil war, dass er das Geld sofort erhielt, 
aber es drohte ihm die Oefiihr, dass der Schuldner auch 
später nicht imstande war, ihn zu befriedigen, er hatte zu 
fürchten, dass er nicht nur um sein Kapital kam, scmdem 
noch dazu die Zinsen des Juden bezahlen musste, wesahalb 
eben die Bestimmung erfolgte, dass der das Geld beim Juden 
Aufnehmende Zinsen sollte yereprecheu dürfen« Der Schuldner 
muss darum auch im Voraus das Au&ehmen des Geldes ge- 
nehmigen, weil eben der Jude das Geld nur g^;en Zins gibt, 
und diese Zinsen muss darum der erste Schuldner tragen, 
indem er entweder das Hauptgut nebst Zinsen dem Juden- 
gläubiger zahlen musste oder beides dem ersten Gläubiger 
zahlte, worauf dieser die Forderung des Juden bereinigta 
Meist wurde dabei desshalb auch gleich bestimmt, wie hohe 
Zinsen der nicht befriedigte Gläubiger dem Juden verspredien 
durfte.") 

Bekanntlich wird in den Vorschriften des alten Testa- 
ments über das Zinseszinsennehmen dieses teils überhaupt 
verboten teils aber wird darin gesagt, es solle nur verboten 
sein, von einem Genossen des eigenen Volks Zinse»- 
zinson zu nehmen, während es jedermann freistehen sollte, 
solche von Fremden anzunehmen. Auf Grund dieser An- 
schauung nun, auf welche sich auch das kanonische 
Zinseszinsenverbot stützt, kam die talmudische Theologie 
zu verschiedenen Resultaten. Während die eine kleinere Partei 
das Schadennehmen überhaupt verboten sehen wollte, erklärte 
die grössere Partei, die Vorschriften des alten Testaments 
müssen so aufgefasst werden, dass eben nur das Zinsen- 
nehmen von Juden bei Juden sündhaft sei. Was dem 
Genossen der eigenen Religionsfiunilie g^;enüber unstatthaft 
erschien, konnte dem Nichtangehörigen dieser Familie geg^H 
über als völlig berechtigt gelten. So erklärte schon im 
Jahre 1146 der Abt Bernhard von Clairrauz die Verfolgung 
der Juden aus dem Grunde für unrecht, weil, wenn dea 
Juden das Zinseszinsennehmen verboten wäre, es gewisse 
Christen noch schlimmer treiben würden.**) So wird im 
Jahre 1240 im Königreiche Aragon allen Christen verboten, 
die rückständigen Zinsen zum Hauptgut zu schlagen, 

•*) Yergl. hiesa Btobbe, Juden in Deattchkuid, 8. 114 ff. 



— 97 — 

also Schaden oder Zinseszins zu uehmeu, und auf dieso Weise 
mehr Zins zu erheben, als der ursprüngliche Pfandgegenstand 
wert gewesen war.^) So bestimmt das österreichische Judenrecht 
Yom Jahre 1244, wenn ein Christ bei einem Juden sein Pfand 
auslöse, ohne die Zinsen zu bezahlen, und diese binnen eines 
Monats nicht bezahle, so habe er Zinseszinsen zu geben.^'') 
So schlieesen im Jahre 1244 der Pfalzgraf Otto bei Rhein, 
Herzog von Bayern, Erzbischof Eberhard von Salzburg 
and die Bischöfe Rüdiger von Passau, Siegfried von Regens- 
barg, Konrad von Freising, Friedrich von Eichstedt 
and Heinrich von Bamberg mit allen Grafen und Edel- 
leuten einen dreijährigen Landfrieden von Jakobi, dem 
25. Juli an, in dem es als Landfriedeusbruch erklärt 
wird, wenn ein Christ von jemand anderem als von Juden 
Schaden nehme.^'') Man sieht, dieser Landfrieden räumt den 
Jaden ein vollständiges Monopol auf den Zinseszins ein. 
So verpflichtet sich am 29. November 1258 Egidius von Hoier 
aas Köln, einigen Rittern in bestimmten Terminen gewisse 
Geldsummen zu zahlen. Hält er einen Termin nicht ein, so 
dürfen jene das Geld bei den Juden aufnehmen gegen einen 
Zins von 3 Denaren wöchentlich für die Mark, falls es nicht 
billiger zu haben ist, Egidius aber muss ihnen den Schaden, 
den ae dadurch erleiden, ersetzen.^^) So verpflichten sich am 
24. April und 1. Mai 1272 die Bürger von Köln, dem Grafen 
Adolf von Berg jährlich 150 Mark Kölnisch zu 12 Soldi zu 
zahlen Bleibt die Zahlung aus, so hat der Graf das Recht, 
das Geld bei den Juden gegen einen Zins von drei Denaren 
Kölnisch für eine Mark und eine Woche zu entlehnen, während 
die Bürger für Kapital und Zinsen haften. '^^) So verbietet 
im Jahre 1342 König Jakob von Aragon alle Darlehensver- 
träge mit Schadenbedingung zwischen Christen. Wer auf 
Pfänder geliehen hat, muss diese zurückgeben, sobald er seine 
Forderung auf Grund des Judenzins fusses erhalten hat.^*) 
So wird in Ulm im Jahre 1376 verordnet, kein Bürger der 
Stadt, er möge Edelmann oder unedel sein, Frau oder Mann, 
Anabürger oder Eingesessener, solle Geld ausleihen und dabei 
unerlaubten Zwischenhandel mit Zinsen (gefarlichen Dies- 
kaof) treiben dürfen. Nur das Ausleihen von Geld bis zu 
eüiem Zinssatze von 10 Prozent sollte jedermann ge- 
stattet sein. Leihe jemand Geld auf liegende Güter oder 
Herrengülten aus, so sollte ihm nicht erlaubt sein, auf ein 
Pfand Herrengülten weniger als 25 Pfd. Hlr. oder Gulden zu 
leQien. Blieb jemand mit dieser Zinszahlung im Rückstande, 
80 sollte verboten sein, sich für die noch unbezahlte Summe 
wöchentlich für jedes Pfund Hlr. oder jeden Gulden 2 Pfg. 

**) Deppmg, Jaden ün Bfittelalter, S. 294 f. 

*^) Aronius, Begatten zur GeBchichte der Juden, S. 284 ff., 287, 268, 818. 

7 



— 98 — 

oder Hlr. geben zu lassen, vielmehr sollte der Gläubiger suchen, 
durch weitere Liegenschaften sich Ersatz für seinen Schaden 
zu schaffen. Betre£EB aller vor Erlass des Gesetzes ausge- 
gebenen Gelder aber wurde festgesetzt, dmr Gläubiger solle 
auf den zur Heimzahlung festgesetzten Tag sein QelA zurück- 
nehmen. Ausgenommen von dieser Bestimmung 
sollten nur die Juden sein.^^) So erklärt im Jahre 1470, 
als Kaiser Friedrich UL den Juden das Aufenthaltsrecht in 
Nürnberg yerlängerte, derselbe, Handel und Gewerbe können 
ohne Zinseszins (Schaden) nicht bestehen; es sei aber das 
kleinere Uebel, wenn man den Juden das Nehmen von Zinses- 
zins erlaube, als wenn man es den Christen zulasse.^*) Man 
sieht, nur der Jude hat jetzt noch das Recht, Zinseszinsen 
zu kaufen, also Zwischenhandel mit Zinsen zu treiben, dem 
Christen war dies yerboten. Dass diese Beyer zugung 
der Juden durch die Kirche zu Unzuträglichkeiten 
führen musste, war unumgänglich, waren doch die Juden 
jetzt ohne allen Wettbewerb und die Folgen stellen sich denn 
auch alsbald ein. So beschliesst am 29. Juni 1255 der 
Rheinische Bund in Mainz, kein Jude solle künfUg bei 
10 Maik Kölnisch Strafe mehr Zinsen als wöchentlich 
2 Denare yom Pfunde Kölner, Haller oder Strassburger 
Münze nehmen. Laute der Vertrag aber auf ein Jahr, so 
solle der Jude yom Pfunde 4 Unzen erhalten. Die Be- 
stimmung sei nötig, weil die christlichen Geldyerleiher 
aus der Kirchengemeinschaft ausgestossen und durch Richter- 
spruch zur Herausgabe der Zinseszinsen yerurteilt wenlen.^ 
So bestimmt die Augsburger Judenordnung yom Jahre 1276, 
kein Jude solle auf sein Pfand mehr an Hauptgut und Zinses- 
zinsen (Schaden) erhalten, als das Pfand wert sei.*^) 

Die Versuche, das Nehmen yon Schaden auch den 
Judenyöllig zu yerbieten, sind yon der Kirche wiederholt 
gemacht worden, konnten aber aus naheliegenden Gründen 
yon keinem Erfolg sein, da schliesslich jeder Arbeiter seines 
Lohnes wert ist und desshalb der Jude, wenn er für die 
Mühe der Bescha£fung yon Geld gegen Pfisuidsicherheit ein 
massiges Entgeld bespracht, yöllig in seinem Rechte ist. 
So wird z. B. unter König Jakob yon Aragon den Juden 
yerboten, jährlich mehr als 20 Prozent Zins zu nehmen 
oder die Zinsen zum Kapital zu schlagen.*') Mit 
Recht erklärten desshalb auch die französischen Stände, 

^) J&ger, Ulms Verfassung, S. 896 f. 
**) Stobbe, Jaden in Deutschland, 8. 107. 
^ Aronins, Regesten zur Geschichte der Juden, S. 260. 
Der betreffende Zinssatz betriügt beim Wochendarlehen 48 V« , 
Jahresdarlehen 88 V« Prozent. 

*M Meyer, Augsburger Stadtbucb, S. 54 f. 
*') Depping, Juden im Mittelalter, 8. 298. 



— 99 — 

als König Ludwig IX. von Frankreich (1226^1270) das Nehmen 
von Zinseezinsen ganz beseitigen wollte, die Banern und 
die Kanfleute können der jüdischen Gelddarleiher nicht 
entbehren; es sei aber entschieden besser, jüdische als christ- 
liche Darleiher zu haben« ^*) So bildet sich denn auch all- 
mählich betreffs des Darleihgeschäfts ein gesetzlich geordnetes 
Verhältnis in allen Ländern heraus, bei dem beide Teile wohl 
bestehen können und welches mehr oder weniger gewaltsame 
Veränderungen nur dann erleidet, wenn die Schwäche 
heruntergekommener Fürstengeschlechter dem 
krankhaften Erwerbs triebe der Juden allzugrosse 
Freiheit der Bewegung gestattet 

0. Der W«tlbewtrb dar Lombafdon val Xoir«rtiobn. 

In dieser ihrer Stellung als Geldleihergenossen- 
Bchaften standen die Juden indess nicht ohne Wettbewerber 
da; solche waren vielmehr in doppelter Weise vorhanden, 
nämlich einmal in Gestalt der Lombarden und dann in Ge- 
stalt der Kowertschen. Schon mindestens seit dem Anfang 
des 9. Jahrhunderts sehen wir, wie neben die seither im 
Handelsverkehr allmächtig schaltenden Juden christliche Wett- 
bewerber treten. So gibt z. B. im Jahre 828 Kaiser Ludwig 
der Fromme einigen Kaufleuten einen Freiheitsbrief, der 
unter anderem b^timmt, dass niemand sie beunruhigen, ver- 
leumden oder sich ihrer Schiffe namens des königlichen 
Dienstes solle bemächtigen dürfen, sondern es solle ihnen frei- 
stehen, dem Kaiser treu zu dienen, wie dies den Juden 
erlaubt sei.*^ Man sieht, die Juden sind damals noch die 
fiast unumschränkten Beherrscher des Handels- 
verkehrs, aber neben ihnen stehen christliche Ge- 
schäftsleute auf und beginnen, ihnen das seither allein 
beackerte Feld streitig zu machen. Ebenso ist es mit dem 
Darleihgeschäft; auch in diesem treten damals christ- 
liche Geldleiher den Juden zur Seite, welche den Namen 
Öffentliche Zinsleiher, „usurarii publici^ oder „Ko- 
wertschen^ f&hren. So nimmt in den Jahren 841—844 die 
Grafin Dodana, die Witwe des Grafen Bernhard von Tou- 
louse, von Christen und Juden grosse Geldsummen 
auf.**) So rät im Jahre 1091 Wirpork, die Gemahlin des 
Herzogs Konrad von Böhmen, diesem, der gegen seinen 
Bruder Wratislaus von Böhmen zu Felde ziehen will, 
wenn er Schätze gewinnen wolle, sich nach der 
Prager Vorstadt und dem Weiler Wissegrad 
(Weissengret) zu wenden. Dort habe es eine Masse reicher 
Juden mit Gold und Silber und die reichsten Kauf- 



*") Äronius, Regesten zur Geschichte der Jaden, 8. 41, 45. 



-- 100 — 

leate anfl all^r Herren Länder, die begütertsten Geld- 
wechsler und einen Markt reicher Leute für die 
Soldaten.«*) So verleiht Kaiser Friedrich L (1152— 1190) 
dem Herzog Heinrich vonOesterreich das Becht, „tenendi 
Jadaeos et usurarios sine imperii molestia et offensa.'^^) 
Man sieht, neben den Jaden stehen die Zinseszins- 
nehme r oder „nsorarii.'^ So wird am 17. September 1156 
bei der Errichtung des Herzogtums Oesterreich dem 
Herzog das Recht erteilt, ohne Einspruch des Reichs in 
allen seinen Ländern Juden und öffentliche Oeld- 
1 ei her, sogenannte „Qawertschen^, zu halten (teuere Ju- 
daeos et usurarios publicos, quos yulgus yocat 
Mgawertschin."**) So werden im August 1163 in Köln 
auf dem Judenhügel neben dem Judenkirchhof einige 
Katharer"^ verbrannt.**) So kommen im Jahre 1171 
die Juden Raobi Benjamin aus Vallendar und Rabbi Abra- 
ham der Schreiber aus Garentan nach Köln und stellen 

^) Aronias, Begesten zur Geschichte der Joden, 8.77, 122, 125. 

••) Vergl. 8. 6. 

**) Die Eatharer oder Kathaiisten waren bekanntlich eine gnos- 
tische Sekte des Mittelalters, welche Ton Indien sich teUs Qber Elein- 
asien, Griechenland, Illyrien und Bosnien nach Ober- 
italien, 8Qdfrankreich und Westdeutschland, teils aber 
Aegypten und Nordafrika nach Spanien verzweigte und im Gegen- 
satze SU dem ver&usserlichten Eirchenwesen stand. Uir Name sollte so 
Tiel als „Reine** bedeuten, weil sie die RQckkehr zum reinen Leben 
Jesu forderten. Gewöhnlich hiess man sie ,3 ul garen*', woher das 
französische Schimpfwort „Bongre**, entstand, auch hiessen sie „Pa- 
tarener (Pataria bei Mailand), „Publikaner" (?on publid usurmrii?), 
Popelitaner (von popalns? „Du Poppel*' noch heute in Schwaben ein 
Schimpfwort), Pulicianer und in den Niederlanden „Piphles^ 
oder ,,Passageren^ d. h. Vagabunden, Schw&rmer. Ihr amt- 
licher Name in der fränkischen Eanzleisprache war ,,bon homme", bonos 
homo, d. h. Freimann. Sie sind Freileute. Ihr deutscher Name 
war „Ketzer\ was man schon von „Ghasaren*^ abgeleitet bat, den 
bekannten Bewohnern der Kzim^ den Wolgabulgaren. Auch glauben 
einige, sie seien eines Stammes mit den „A Taren"*, Ton denen die Sage 
geht, sie seien nach ihrer Besiegung durch Kaiser Karl den Grossen 
alle ^fH&ndler"* geworden. (Vergl. fieyd. Le?antehandel, Bd. 1, 8. 92) 
Lombardisch heissen sie ,,Gazzari.^ Aehnlich wie die Manichfter 
übten ihre „perfecti", welche eine Art Priesterschaft bildeten, strenge Ent- 
haltsamkeit, Terwarfen die Ehe, den irdischen Besitz, den Umgang mit 
Weltmenschen, den Krieg, das Töten von Tieren und den Fleischgeniiss, 
w&hrend die „credentes** Frauen und Kinder hatten und minder strengen 
Vorschriften unterlagen. Ihre religiösen Gebr&uche waren sehr einfiich 
und bestanden nur im Gottesdienste. Ihre Grundanschauung ist ein 
dualistischer Pantibeismos, indem zwei entgegengesetzte Grundwesen, das 
Gute und das Böse, ron Ewigkeit zu Ewigkeit mit einander k&mpfen. 
Die Materie hat einige Lichtteile der Weltseele verschluDgen, die sich nach 
Befreiung sehnen, woraus der „Jesus patibilis*' entsteht Der Manichfter 
▼erwirft das alte Testament und das neue Testament gilt ihm nur in der 
Deutung des Manes. Nach dem Tode erfolgt die Bdnigung der Seele 
durch Feuer und Wasser, aber keine Auferstehung des Fleisches; das 
Ende ist der Weltbrand und die Wiederauflösnng des AUa in die beiden 



— 101 — 

sich auf der Strasse auf, am ihr Geschäft zn treiben, 
werden aber alsbald durch einen dortigen Geldwechsler, 
der sich dadurch in seinem Erwerbe geschädigt sieht, 
der Verbreitung falschen Geldes bezichtigt. Es ent- 
steht ein Auflauf, die Juden werden ins Gefängnis 
geworfen und alle Bemühungen der Kölner Judenge- 
meinde, durch Bestechung der Richter die Frei- 
lassung der Angeklagten zu erwirken, sind vergeblich; 
anch der Erzbischof, an den sich sogar die Juden mit 
Bestechungversuchen heranwagen, ist f&r dieses Mittel 
unzugängUch, die Juden werden vor Gericht gestellt, 
verurteilt und müssen gegen eine Busse von 105 Silber- 
stücken ausgelöst werden, von denen 75 dieEölner Juden- 
gemeinde und die Juden der dazu gehörigen benach- 
barten Städte, die übrigen 30 die Angeklagten bezahlen.^^) 
Wer aber waren diese Eowertschen? Die Frage ist 
zweifelhaft. Thatsache ist jedenfalls, dass als am Beginn 
des 13. Jahrhunderts die Kirche mit Verboten gegen das 
Zinseszinsennehmen vorgeht, sich dieser Angriff ebenso 
gegen die Kowertschen wie gegen die Juden richtet. 
So wird am 1. März 1227 auf einer Provinzialsynode in 
Trier verboten, Geld des Gewinns halber bei Cauwer- 
cinen oder Juden anzulegen.*^ So stellt im Jahre 1233 
Papst Gregor IX. einigen lombardischen Kaufleuten von 
Siena eine Bescheinigung aus, wobei diese als „mercatores 
camerae nostrae, campsores nostri*^ bezeichnet werden*^), 
während im Jahre 1240 König Heinrich III. von England 
alle in seinem Reiche befindlichen Kowertschen, besonders 
die Yon Siena, aus seinem Lande ausweist.**) So bestimmt 
der Artikel 31 des neuen Judenrechts für das Herzogtum 
Oesterreich vom Jahre 1244, auch die Juden dürfen 
nicht mehr Zinsen nehmen, als wöchentlich 8 Denare 
vom Pfund.**^ Es gibt also damals in Oesterreich neben 
den Juden auch noch andere Personen, die Zinsen 
nehmen. So werden im Jahre 1247 in Douai die Ko- 
wertschen betreffs ihrer eigenen und der fremden 
Kapitalien, mit denen sie Geschäfte machen, der Steuer 

ilten Reiche des Lichts und der Finsternis. Seit Kaiser Diokletian 
(284—905) wird die Sekte yom römischen Reiche, seit der Mitte des 
1 Jahrhunderts von der katholischen Kirche aufs h&rteste verfolgt, wie 
lach die persischen Sassaniden die grimmigen Feinde der ManichAer sind. 
Seitdem ziehen sie sich nach Ostasien surflck oder bestehen in geheimen 
YerbrOderuniren weiter, bis sie im 18. und 14. Jahrhundert aufs neue 
durch die AlbigenserfeldzOge den Inquisitionsbehörden der katholischen 
Kirche erliegen. 

*^ Aronins, Regesten zur Geschichte der Juden, S WO. 194, 234. 

^ Bonrquelot, Les foires de la Champagne, Bd. 2, S. 148. 

**) Depping, Juden im Mittelalter, 8. 178 f. Bourquelot, Les foires 
de la Champagne, Bd. 2, 8. 144 f. 



— 102 — 

uDtenrorfeo. **) So berichtet der Mönch Mathiaw yon Pftris 
vom Jahre 1251, dass die „usararii Transalpin!^ , sich 
sehr in England yermehrt haben. Ungestarait errichten sie 
Geschäfte in den schönsten Hänsem von London und die 
Bürgerschaft und die Geistlichkeit wage nicht, Klage dagegen 
zu erheben, weil sie sich „mercatores doxnini papae** nennen 
dürfen; eine Nachricht vom Jahre 1253 bericiitet ähnliches. 
So wird vom Jahre 1253 von einer Unterredung zwischen 
Robert Grosse-Töte, dem Bischof von Lincoln, und einem 
Predigermönche berichtet, wobei davon die Rede ist, dass die 
„Caorsins" durch die Predigermönche ans Frankreich 
vertrieben worden seien. So ist in einem Roman von Ger- 
hard von Roussilon die Rede von einer Schlacht, an der 
alles teilnahm, sogar die Gascogner, Lombarden, „Cnverts^ 
und Bastarden. ^^ So verbietet am 19. Juli 1255 Papst 
Alezander IV., als er das neu gegründete Hospital bei Ulm in 
seineu Schutz aufnimmt, diesem das Begraben von öffent- 
lichen Gelddarleihern (publici usurarii)^^); es gab also 
damals auch in Ulm Personen, denen seitens der Behörde 
der Zwischenhandel mit Zinsen von Amtewegen über- 
tragen war und es war den geistlichen Immunitätebenrken des 
Orte verboten, diesen Personen eine Grabstätte auf ihrem 
Friedhofe einzuräumen. Dass diese Personen Juden waren, 
ist nicht gesagt, wohl aber wird im Ulmer Stadtrecht vom 
Jahre 1296 bestimmt, dass etwaige Pfänder sofort seitens der 
Behörde bei den Juden hinterlegt werden sollen.^^) Immerhin 
ist denkbar, dass in der Zwischenzeit die Juden in Ulm an 
die Stelle von welschen Darleihern getreten waren. So be- 
stimmmt am 26. Februar 1261 der Herzog Heinrich m. 
yon Brabant in seinem Testament, dass alle Juden und 
Eowertschen (gawersini) aus seinem Lande vertrieben 
werden sollen ausser denen, welche wie andere Kaufleute 
Handel treiben und ohne Bürgschaft und Zinseszins 
(sine praestatione et usura) leben wollen.^*) So emeaert 
das Kölner Judenrecht vom Jahre 1266 der dortigen 
Judengemeinde ihr altes Recht, keine Cauwercini 
oder Christen, die offen auf Zins leihen, (also nicht 
gewerbsmässig ist es erlaubt) zu ihrem Nachteile in der 
Stedt Köln zu dulden. Die betreffenden Bestimmongen 
werden in Stein gehauen und öffentlich aufgestellt^*) Man 
sieht, es ist der gleiche Fall, wie wenn der Ulmer Rat der 
Mezgerzunft droht, falls sie nicht genügend Fleisch in 

*^ Bottrquelot, Lei foires de la Champagne. Bd. 2, S. 188 f. 

**) Prestel, Ulmisches ürkondenbacb, 8. 9i und 288, 148 f., U9. 
Jftger, Ulms Verfassang, 8. 894. 

^ Aronioa, Regesten zur Geschichte der Juden, 8. S79, 806. 

^ Stobb«, Juden in Deutschland, 8. 91. Aronius, Begesten cur Ge- 
schichte der Juden, S. 299. 



— 108 — 

gater Beechaffenheit in die Stadt schaffe, die fremden Metzger 
in die Stadt herein fleischwerken zu lassen.''^) So verspricht 
am 29. Joni 1267 der Herzog Johann I. von Lothringen 
and Brabant der Stadt Löwen, Juden und Gauwer- 
einen in die Stadt zu setzen und dort zu halten, wie 
dies in Brüssel geschehe ^'). So beechlieest in den 
Jahroi 1268 und 1274 die Krone yon Frankreich, um dem 
übermässigen Zinsnehmen der Lombarden, Kowertschen 
und anderer Fremdlinge ein Ende zu macüen, dass dieselben 
künftig „in regno publice super pignoribus mutuent** ^^), 
d. h. nur noch unter öffentlicher Au&icht gegen Pfänder Geld 
sollen darleihen dürfen. Man sieht hieraus, die Lombarden 
und die Kowertschen sind nicht dasselbe. So wird im 
Jahre 1268 in Barcelona allen Lombarden, Lucchesen, 
Florentinern und Pisauern verboten, Geld gegen Zinsen 
duzuleihen. ^^) So klagt im Jahre 1274 König Philipp der 
Kühne Ton Frankreich über die „usuraria prayitas*^ der Lom- 
barden, Kowertschen und anderer Fremden im Reiche.^*) 
Im Jahre 1288 wird der Kapitän oder Bürgermeister der 
Lombardengemeinde der Märkte der Champagne gewählt, 
um zu Gunsten derselben beim König von Frankreich Ge- 
leitssicherheit und Marktfreiheit zu erlangen.''*) Im Jahre 1289 
wendet sich König Karl DL von Neapel, Graf von Pro- 
vence und Anjou, in Angers gegen den Wucher der 
Lombarden, Kowertschen und anderer Fremdlinge.^^ Im 
Jahre 1294 setzt eine königliche Verordnung eine Steuer für 
alle Lombarden der Märkte der Champagne sowie der 
Städte Nlmes und der Provinz Narbonne fest.''^ In einem 
Freiheitsbriefe des Papstes Gölestin vom Jahre 1294 nennt 
dieser einige Kaufleute der Gesellschaft Ricardi in Lucca 
„mercatores et campsores camerae nostrae.*^^^ Um dieselbe 
Zeit werden einige Lombarden in Provins und Troyes 
wegen übermässigen Zinsnehmens von dem Gericht in 
Troves Terurteilt^*) Im Jahre 1295 machen die grossen 
lombardischen Handelshäuser dem Grafen von Flandern 
das Angebot, die Einkünfte der Gra&chaft in General- 
pacht zu nehmen, wenn ihnen erlaubt werde, ein Kauf- 
haus in Gent einzurichten und in der Grafschaft freien 
Ebndel zu treiben, wogegen sie dann ihre Waren von 
den Märkten der Champagne wegziehen würden. ^^ Im 
Jahre 1306 entscheidet das französische Gericht zu Gunsten 
eines lombardischen „Usurier*\ der, wäJirend er Tücher 

^ KabUng, Ulms Fleiflchereiweaen, S. 15 f. 

*) Depping, Jaden im Mittelalter, 8 178 f., 906, 802, 205. Boorqaelot, 
Lei folm de la Cluanpagne, Bd. 2, S. 145, 149. 

*) Boarqnelot. Las foixet de w Champagae, Bd. 2, S. 189. 145. 

^ Bonrquelot, Les foirea de la Champagne , Bd. 1, S. 189, 168 f., 
186 f. NQbling, Ulms Kanfliaiii ün MiUelalter, S. 54. 



— 104 — 

und Silbergeld auf die Märkte der Champagne gebradit 
hatte, beraubt worden war.^") So wird im Jahre 1340 
in Frankreich verboten, bei Italienern oder Juden, 
welche nicht in Frankreich wohnen, Geld gegen Zinsen 
aufzunehmen, bei Strafe der Entrichtung einer gleichen 
Summe an die königliche Kammer.^*) So zieht im Jahre 1344 
der Herzog Joliann IIL von Brabant, nachdem er den 
Lombarden gestattet hatte, in seinem Lande Geld auf 
Schaden auszuleihen, auf Andringen des Papstes Clemens YL 
diese Erlaubnis wieder zurück ^^), so dass seither auch in 
Brabant den Juden wieder das ausschliessliche 
Recht zum Ausleihen von Geld gegen Zinseszinsen 
zusteht und auch in Brabant die Juden wieder, wie auf den 
Märkten der Champagne, die ausschliesslichen privilegierten 
Beherrscher des Geldmarkts sind. Am 27. März 1345 verleiht 
König Philipp vonValois den Lombarden gcosse Freiheits- 
rechte.''^ Im Jahre 1346 klagt die Kirche von Meaux über 
die Lombarden und andere Fremdlinge, welche man ge» 
wohnlich „Caorsini'^ heisse.^^ So zeigt eine Rechnungsablage 
des Johann von Rampillon, königlichen Einnehmers der „Dettes 
des Lombards usuriers'S vom Jahre 1362, dass die Graf- 
schaften Champagne und Brie starken Gebrauch vom 
Gelde der Lombarden machten und dass die Mehrzahl 
der ö£fentlichen Anlehen damals auf den Märkten der Cham- 
pagne gehandelt wurde. ''^) So erlaubt im Jahre 1364 König 
Kasimir von Polen der Universität Krakau, für einen 
Wechsler oder Juden Sorge zu tragen, der genügende 
Mittel habe, um im Bedürfnisfalle den Studenten gegen gute 
Pfandsicherheit Geld darzuleihen, und nicht mehr Zinsen (pro 
servitio) fordern sollte, als einen Groschen monatlich von der 
Mark."^) Im Jahre 1376 wird in Luzern der Wechsel- 
verkehr an Juden, Lombarden und Florentiner ver- 
pachtet"^) Im Dezember 1392 gibt König Karl VL von 
Frankreich den Lombarden aus Asti das Marktrecht 
und erlaubt ihnen, 15 Jahre lang in Troyes zu wohnen 
und dort Handel zu treiben. Aehnliche Vereinbarungen er- 
folgten för Laon, Amiens, Mäcon, Lyon, AbbeTÜle, 
Meaux u. s. w. ^^, wie auch die Kaufleute und Wechsler von 
Gabors starke Geschäftsverbindungen mit Venedig und 
Spanien unterhielten, und die Märkte der Champagne 
besuchten.''") Im Jahre 1409 erlaubt König Ruprecht der 
Stadt Solothurn, „Lamparter'S d. h. Lombarden, oder 
Juden zu halten. ^^) So wird nach der „Ausweisung^^ der 

**) Bourguelot, Leg foires de U Champagne, Bd. 2, 188 f., 145, 148 f. 
**) Depping, Jaden im Mittelalter, 8. 171, 142, 172, 205. 
**) Stobbe, Jaden in Deutichland, 8. 24. 
*>) Maorer, Stadtewesen, Bd. 2, 8. 806. 



— 105 — 

Jaden ans Zürich dem Kowertschen Lorandan-Pellet aus 
Asti die Ausübung des Darlehensgeschäfts gestattet. ^^ 

Thatsache ist also, dass es ausser den Juden auch andere 
Personen gibt, welche unbeirrt Ton dem Zinseszinsen verböte 
der Päpste sich mit dem Zwischenhandel von Zinsen befassen 
and deeshalb der Kurie und deren Schützlingen, den Juden, 
dn Dom im Auge sind. Ob die „Kowertschen*^ aber ihren 
Namen Ton der Stadt Gabors haben, der Hauptstadt des 
heutigen Departements Lot am Lot in Südfrankreich, ob man 
der Ansicht Bourquelots beipflichten darf, der meint, der 
Name Kowertsche im Sinne von Banquier oder Dar- 
leiher stamme Yon der Stadt Gabors, aber die Kowertschen 
seicD dort eingewanderte Italiener gewesen, ob der Name 
Ton „Conversi^S Bekehrte, herkommt und getaufte Juden 
oder Mauren bedeutet, muss dahingestellt bleiben. Wenig 
haltbar erscheint jedenfalls die Ableitung des Namens von 
der Florentiner Handelsfamilie Gorsini, welche von 
einigen Schriftstellern geltend gemacht wurde. Gabors, das alte 
Difona oder Gadurcum, mit seiner alten Kathedrale aus 
dem 11. Jahrhundert, die Heimat des Königs Joachim Murat, 
schon im Altertum ein berühmter Tempelsitz der Silbergöttin 
Diana, der Mittelpunkt des Handels mit den nach ihm be- 
nannten berühmten Gahorsweinen, der besten Sorte der 
Pontacweine, mit seiner im Jahre 1321 von Papst Johann XXH. 
gestifteten Universität, war thatsächlich am Ende des 13. Jahr- 
hunderts (1289) eine Stadt, in der sich beinahe alle Einwohner 
mit dem Darleihen gegen Zinsen beschäftigten.^') That- 
sache ist femer, dass die Italiener und Kowertschen 
wenig Fremde an einander hatten. Die Italiener klagen wieder- 
holt über die Kowertschen als eine Landplage, welche 
die Franzosen nach Italien gebracht haben. Dagegen 
behauptet der Franzose Ducange gegen den Italiener Muratori, 
die Eahursiner seien italienischer Abstammung, indem sie 
AUS Piemont stammen, weshalb sie auch von Franzosen 
nod Italienern als Fremde betrachtet werden. '') Bichtig 
ist, dass auch Piemont von Alters her ein Land der Geld- 
wechsler ist In Asti, Ghieri, Gavore und anderen Städten 
wimmelt es von Darleihern, die von hier, dem alten Oold- 
Unde der Salassier, nach dem Delphinat, der Schweiz 
und den anderen Nachbarländern ziehen, um dort den Geld- 
handel zu treiben. Ihre Banken heissen „Gasane" und die 
Piemontesen schicken ihre Söhne in diese Zweigniederlassungen, 

▼. Malier, Geschichte der Eidgenossenschaft, Bd. 2. Kap. 4. 
Depping, Jaden im Mittelalter, S. 902, 174 f., 172. 
[adrian ?oa Yalois Notitia, S. 111. Hie olim cCaturcom) fons, 
«MC patria feneratoram füit, qoi per totam Oalliam et per Britanniam 
mnlam Italiamque diffosi mercatores se ac cambitores papae 
oesbaat Bonrqoelot, Les foires de la Champagne Bd. 2, S. 140. 



— 106 — 

um sie daselbst in der Finanzknnst aasznbilden. So konnte 
es nicht fehlen, dass es k. B. in Asti eine Menge von sehr 
vermöglichen Familien gab, unter denen sich namentlich die 
Scarampi, Asinari, Oaretti, Solan, RoTori und andere aos- 
xeichneten. Mit Recht galt deeshalb wohl das Spridiwort: 
„Qui Tült fenerari, recurrat ad Astenses et Cherienses.^ ^ 
Jedenfalls ist der Name „Kowertsche" in Frankreich ein 
Schimpfwort**), und auch der Ghibelline Dante spridit 
sehr yerächtlich Ton den Kowertschen. *^) 

In Deutschland und in der Schweiz, in welch' 
letzterer man namentlich yiele Kowertschen trifft, nannte 
man dieselben „Kauderwelsche/**^) Dar Wechslerplatz 
in Gabors war rings von Häusern lombardischer Kauf- 
leute und Wechsler umgeben, welche von diesem geschickt 
gelegenen Mittelpunkt aus ihre Greschafte nach der halben 
Welt, namentlich nach Frankreich, England, Alemannien und 
der Schweiz betrieben. Belege hielür sind in Menge vor- 
handen. Im Januar 1166 ermächtigt Papst Alexander HL 
den Bischof von Gabors, 200 Mark Silber bei den dortigen 
Darleihern zur Erbauung einer Brücke über den Lotfluss auf- 
zunehmen. ^*) Im Jahre 1216 befiehlt Papst Innocenz IIL, 
einige WechiBler aus Gabors aus dem Kloster von Troves 
zu vertreiben, welche sich dorthin vor ihren Glaubigem g^ 
flüchtet hatten.^") Im Jahre 1220 verlangt die Herzogin Alix 
von Burgund von der Gräfin Blanka von Ghampagne die 
Freilassung eines burgundischen Edelmanns, der lange Zeit 
als Teilnehmer an einer Beraubung von Bürgern der Graf- 
schaft Ghampagne und einigen Kaufleuten von Gabors 
gefangen gehalten worden war. Am 27. März 1230 bestätigt 
der Bischof Wilhelm von Gabors, die Summe von 200 Mark 
Silber vom Rat und den Bürgern von Gabors erhalten zu 
haben, um damit die Schulden des Bistums bei der Lom- 
bardengesellschaft der Juvenal zu bereinigen, und ver- 



**) Turgmnos de CastronoTO, Codicei Tanrioenaes Athenai bei Cilmlo, 
Storie di Chieri, Th. 1, Turin 18S7. Depping, Jaden im Mittelalter, 8. 174. 

**) GalU et ipu paria et forusse pejora atqne ante aliot praeatitere, 
ipsiqae non vero Itali Caorsiai sant vocati o. s. w. Moratori, IMsierta- 
tiones, 16, Th. 1. ÄDtiqaitates Italiae medü aevi, MaUand 1788. Depping, 
Juden im filittelalter, 8. 172 and 175. 

**) ,.E perö lo minor giron soggella dal aegno ano e Sodoma e 
Caorsa^ Dante „Göttliche Komödie.'' 

*^ So heilten in Ulm noch im Jahre 1746 die firemden Oarn* 
swiflchenh&ndler „Kanderer^* (Dietrich, Bf schreibang von Ulm, 8.30), 
wie man auch den welschen Hahn einen .,Kaader** oder ,,Kater" nennt. 
Grimm bringt „Kaa**, Elster, mit dem minischen „Kanka*^ und dem 
keltischen „cawci'S „gowci** zusammen. Nftheres hierüber and fiber die 
Kauderwelschen bei Grimm, Deutsch. Wörterb., Bd. 6, 8. 804, 806 IL und 
374. Schmeller Bd. 2, 8. ^2, Schmid, Schw&b. Wörterb., 8. 807. 

■*) Bonrquelot, Les foires de la Champagne, Bd. 2, 8. 160, 143. 



— 107 — 

pfiuidet den Darkihem bis zur Avsssahliuig seine Münze und 
sonstigen Gefalle.**) Im gleichen Jahre erhält Gerhard David 
von Cahors einen Freibnef für die Grafschaft Champagne 
unter der Bedingung, dass er in seiner Behausung ,,während der 
Woche^ keine Gelder ausleihe. Im November 1247 bezahlen 
Gaillard von Lari, Bertrand Jean und ihre Genossen von Ga- 
bors eine Reihe von Schulden, welche die Grafischaft Cham- 
pagne auf ihren Namen gemacht hatte. Im Jahre 1251 erhalten 
Kaufleute von Cahors und Montpellier als Sicherheit für 
Gelder, welche sie dem Leutpriester von St Ayoul inProvins 
geliehen hatten, den Ertrag der Gefalle zu Provins verpfändet 
Zu gleidier Zeit werden die Maimessen in Provins und die 
Märkte in Lagny durch den Bischof Bartholomäus von Cahors 
als Zakktätte für diese Schulden festgesetzt Im gleichen Jahre 
geben mehrere römische Bürger dem Bürger und Wechsler 
Gaillard von Lart aus Cahors Bescheinigung darüber vor 
dem Bischof von Troyes, dass die Gra&d^ Champagne 
alles sicherstelle, was er ihnen schuldig sei Es ist derselbe 
Caillard, der im Jahre 1218 Zahlungen und Darleihen gegen 
Zins für die Grafschaft Champagne besorgt und der im 
Jahre 1224 mit einer Hausg^ellschaft die Münze von 
Meaux, Provins und Troyes betreibt Um dieselbe Zeit, 
am Ende des 13. Jahrhunderts und am Anfang des 14. Jahr- 
hunderts, wird der Wechsler Jakob Jean aus Cahors mehrfiach 
in den städtischen Abrechnungen von Provins erwähnt, weil 
er der Gemeinde ein Anlehen besorgt hatte. Die Familie Jean 
hatte damals durch ihren Reichtum und ihre grossen Geld- 
geschäfte einen mächtigen Einfluss, so dass Philipp von Jean 
im Jahre 1261) Kanzler von Frankreich wurde und Gaucelin 
von Jean unter Papst Johann XXIL es bis zum Kardinal 
brachte. Ein anderes Familienglied, Bertrand Jean, erhielt 
mit Gaillard von Lart aus Cahors im Jahre 1219 von der 
Gräfin Blanka von Champagne als Lohn für treue Dienste zwei 
steuerfreie Häuser in Ptovins. Im Januar 1263 wird allen 
Einwohnern von Cahors (Caturcenses) der Besuch der Märkte 
der Champagne verboten wegen Geldsummen, welche 
die Bürger Stephan und Peter von Salvetat in Cahors den 
Brüdern Durand schulden. Im Jahre 1267 ist der Bürger 
Peter von Cahors in La Rochelle an dem Betriebe der 
dortigen Münze beteiligt, wie auch Guido von Cahors 
Vorstand der Goldmünze König Philipps des Langen von 
Frankreich ist, und ein reicher Kaufmann von Cahors, 
Raymund von Salvagnac, liefert beträchtliche Summen zum 
Zweck des Kreuzzugs gegen die Albigenser gegen Ver- 
pfandung der Gefalle von Lavaur.^*) So erklärt Benvenuto 
Ton Imola im Jahre 1379, Caturgium sei eine Stadt in Gallien, 

**) Bowquelot, Let foiiet da la Champagne, Bd. 2, S. 158, 146 f. 



— 108 — 

in der fast alle Leute Geldleiher seieii, und Brecario, der 
im Jahre 1375 starb, sagt ebenfalls, Caoisa sei eine Stadt in 
der ProYence oder im Lande Toulouse, in der fast alle 
Leute Darleiher seien *^, so dass man begreifen kann, wenn 
Dante diesen Ort als zweites Sodom und als Wuchererheimat 
bezeichnet^) Zieht man diese Nachrichten in Betracht, so 
bekommt man den Eindruck, dass die Grosskapitalisten von 
Gabors sich mehr auf die grossen Finanzoperationen für 
Staatsaulehen Yerlegt, namentlich aber, dass sie als 
Münzpächter eine grosse llolle gespielt haben, also eine 
ähnliche Bolle innehatten, wie sie die Hugenotten in Bezug 
auf das Steuerpachtwesen in späterer Zeit in Frankreich 
spielten**), und die Ansicht Bourquelots, dass im Mittelalter 
die drei Gewerbebetriebe des Geldwechslers, des Bank- 
halters und des Darleihers getrennte und dass die 
Lombarden die Geldwechsler, dieKowertschen die Bank- 
halter, die Juden aber die Pfandleiher gewesen seien, dürfte 
wenigstens für die spätere Zeit des 14. Jahrhunderts, wenn 
auch nicht für alle deutschen, so doch für die französischen 
Städte zutre£fend sein.**) 



6. Die EntwicUangsgeselilchte des IHtrlehensgeBehlfta 
bis mm Jadenkrawall rom Jahre 1848. 

A. Dm Dv lohaucitolilfl VU mm 11. lakrhuAni. 

Welche Rolle die Juden in ihrer Eigenschaft als Dar- 
leiher durch das ganze Mittelalter spielen, bis sie dieselbe 
im 15. Jahrhunderts an die Lombarden verlieren, zeigen 
uns die mannigfachsten Nachrichten. Die Niederlassungen 
der Juden in Europa sind jedenfalls yiel älter als das 
Christentum und es Uegt kein Orund vor, an den Nach- 
richten der Chroniken zu zweifeln, dass es schon vor 
Christi Geburt zahlreiche Juden auch in Deutschland ge- 
geben habe, wie diess z. B. yon Halle an der Saale yer- 
sichert wird und der Ulmer Chronist Felix Fabri auch 
yon Ulm mitteilt. Glaubhaft erscheinen derartige Berichte 
über frühen Aufenthalt yon Juden in den Ländern nördlich 



**) Für die Möglichkeit der Identität der Eowertschen mit den 
Katharern and Manich&ern spricht manchea Die Anrieht GiimmB 
(Dentsch. Wörterb., Bd. 6, Sp. 1&51), als ob die Bezeichnang .«Ifanichaer*^ 
far .«Darleiher"' (ygl. Kömer, Nachtwächter, 4. Aoftr. Heine, Bd. 15. 
S. 72) einfach ein Studentenwits des vorigen Jahrhunderts sei und soTiel 
als „Mahner** heisse, scheint denn doch etwas gewagt Die Beieichnang 
hat sicher viel älteren Ursprung. 

*^) Ranke, Französische Geschichte, Bd. 8, S. 50a Röscher, National- 
ökonomie, Bd. 4, S. 288. 

*^ Bonrqnelot, Les foires de la Champagne, Bd. 2, S. 187* 



— 109 - 

der Alpen schon darum, als man damals in Italien selbst 
denselben wohl wegen ihrer wncherischen Volksaasbentung 
wenig günstig gesinnt ist So werden z. B. unter Kaiser 
Tiberius (14—37) die Juden aus Italien vertrieben, 
worauf dieselben in grossen Scharen nach der Insel Sar- 
dinien und der Provence wandern, so dass hiedurch 
diese Gegenden plötzlich eine starke jüdische Bevölkerung 
erhalten; die betreffenden Einwanderer sollen namentlich 
den Stämmen Juda und Benjamin, bekanntlich den 
beiden von den Juden meist geehrten Stammen, an- 
gehört haben.^) Es sollen gegen 4000 Juden, namentlich 
Alexandriner, gewesen sein, welche auf diese Weise 
nach Sardinien gelangten, dessen Bevölkerung damals 
schon die Küsten ItaUens in schwerer Weise durch 
ranberische Einfalle belästigte *) , so dass die Ansicht 
nicht weit vom Ziele gehen dürfte, dass sich damals in 
Sardinien ein lebhafter Sklaven markt ftkr Spanien 
befanden haben müsse. Ebenso ungünstig wie unter Kaiser 
Tiberius liegen die Verhältnisse für die italienischen 
Jnden unter den folgenden Kaisem Caligula (37 — 41) und 
Claudius (41—54). Auch unter Kaiser Yespasian (69—79) 
nod Domitian (81—96) sind sie wenig gut daran.') Man 
sieht damals den zunehmenden Einfluss des Hellenismus 
in Italien höchst ungeme; der Wettbewerb von Byzanz, 
der sich auf dem wirtschaftlichen Gebiete für Rom durch 
dieVerlegungder Handelswege vom Mittelmeere nach 
den Donauländern immer fühlbarer zu machen beginnt, 
schärft in Italien den Hass gegen das Griechentum, dessen 
Hanptvertreter die Juden sind. Man verbietet den Juden, 
griechisch zu lehren^, und Kaiser Yespasian lässt sie 
anf Schiffe bringen und nach Arles, Lyon und Bordeaux 
schaffen, wo sie von der Bevölkerung sehr freundlich aufge- 
nommen werden.^) Erst seit Kaiser Nerva (96 — 98) tritt ein 
Umschwung in Italien ein und die Stimmung gegen die 
Jnden bessert sich wieder.*) Aus jener Zeit erhalten wir 
anch die ersten Nachrichten über jüdische Gemeinden in 
Deutschland, wenigstens scheint in Worms um jene Zeit 
das Beetehen einer solchen mit ziemlicher Sicherheit ange- 
nommen werden zu dürfen^) und auch in Schwaben ist ihr 
Vorhandensein aus einigen Judengrabsteinen®) erwiesen, 
Qsd vollends gegen den Ausgang der Römerherrschaft in 
Deutschland, am Anfange des 4. Jahrhunderts, muss es schon 
zahlreiche Juden in Deutschland gegeben haben. Wie stark 
damals die Juden geworden waren, wie sehr sie durch ihren 

^ Aromof, Regeaten zur Geschichte der Jaden, S. 1 f. 

^ Depiüne, Jaden im Mittelalter, S. 22, 24. 

^ StUin, Wirtembergiiche Geschichte, Bd. 1, S. 106. 



— 110 — 

Wucher das Volk gedrückt hatten, geht daraus herror« das8 
die römische BeichsregieruDg sich zu den ernstesten Mass- 
regehi g^en diesen Wudier genötigt sah, indem sie bei Strafe 
des Feuertodes jede Bedrückung von verschuldeten 
Christen durch jüdische Gläubiger yerbot^) und Kaiso* 
CSonstantin der Grosse (323-- 337) am 11. Dezembw 321 ver- 
ordnete, dass die Juden in Köln eben&Us in den Rat (curia) 
berufen und damit zur Steuerzahlung angehalten werd^ 
sollten, doch sollten 2 oder 3 von ihnen von der Verpflichtung 
hiezu freigelassen werden dürfen, eine Verordnung, die da- 
durch eine weitere Ergänzung feuid, dass die Reichfloiegierung 
im Jahre 331 verordnete, dass die Rabbiner, Erzsynagogen 
und Synagogenältesten, also alle Geistlichen und Gfemeinde- 
beamten, der Kölner Judengemeinde künftig von allen per- 
sönlichen Diensten der Gemeinde hnei sein und auch die 
übrigen Juden zum Kriegsdienste nicht herangezogen werden 
sollten.^) Schon im Jahre 383 hneilich wird den Juden dieses 
Vorrecht wieder entzogen und unter den Kaisern Gratian 
(367—383), Valentinian (375—392) und Theodosius (379—395) 
wird ihnen die seitherige Fieiheit von den Gremeindediensten und 
den Gemeindelasten (immunitas curialium munerum^) wieder 
entzogen, da es denn doch nicht angängig erscheine, dass dai 
Juden ein Vorrecht zustehe, wie es nicht einmal die Geist* 
liehen besitzen, welche auch erst dann sich dem geistlichen 
Stande widmen dürfen, wenn sie ihre Pflichten gegen den 
Staatsverband erfüllt haben.*) Was das Volk schon damals 
gegen die Juden erbittert, ist, dass sie unter ihm leben und 
sich auf Kosten desselben bereichem, ohne dessen Sitten 
anzunehmen.^) Es sind dieselben Klagen im Römerreiche 
gegen sie, wie sie aus dem Perserreiche damals gegen sie 
ertönen, wo sie ebenfalls die Christen in jeder Weise wirt- 
schaftlich verfolgen^), wie sich schon in den Partherkriegen 
(162—165) die mesopotanischen Juden aufs feindseligste 
gegen das römische Reich benommen und den Kampf der 
Pa^rther mit allen Kräften unterstützt hatten.^) 

Man kann den fortwährenden lebhaftesten Einfluss, den 
das Judentum mit seiner hervorragenden wirtschaft- 
lichen Machtstellung zu allen Zeiten auf den Gang 
der grossen Politik ausgeübt hat, gar nicht hoch genug 
anschlagen. Weil die Juden immer da zu finden sind, wo 
der Mittelpunkt des Weltverkehrs ist, so sind sie auch 
stets im Mittelpunkt der Politik thätig. So beteiligen 

«) DeppiDg, Jaden im Mittelalter, S. 27, 2a. 

*) AroDins, Regesten cur Geschichte der Jadeo, S. 2 f.^ 4. 

^ Cnm ne clericis auidem libemm rit, prini te difinis ministeriii 
maneipare. quam patriae debita anivena pmolfant Aronios, Resesten 
rar Getchtcnte rar Geschichte dar Jaden, 8. 8. 



— 111 — 

sidi im Jahre 390 die Juden von Avignon in hervor- 
ragendem Masse am dortigen An&taude gegen den Bischof^) 
nnd am Anfang des 5. Jahrhunderts ist ihre Stellung in 
Gallien eine derartige, dass sich die Beichsregierung wieder- 
holt genötigt sieht, aufe entschiedenste gegen sie vorzugehen, 
und ihnen am 9. Juli 425 das Recht entzogen wird, als Für- 
sprecher (judices, d. h. Rechtsanwälte^) aufzutreten oder ein 
Gemeindeamt auszuüben "^^ und im Janre 465 das Konzil von 
Vannes allen Geistlichen befiehlt, die Mahlzeiten von 
Juden zu vermeiden und deren Einladung zu geistlichen 
Mahlzeiten zu unterlassen, da die Juden die den Christen 
erlaubten Speisen als unrein verschmähen und man 
nicht dulden könne, dass die Geistlichen geringer geachtet 
werden als die Juden.'') 

Eine bessere Zeit bringt dagegen den Juden wieder die 
Ostgotenherrschaft Die ostgotischen Herrscher sind den 
Juden anfangs gnädig gesinnt, da sie deren Geld bedürfen, und 
es gelingt den Juden, ihre Stellung in Italien zu verbessern. 
So erlaubt z. B. König Dietrich von Verona (493—626) der 
Judengemeinde in Genua, die ihnen abgenommene Synagoge 
frieder aufzubauen. Was ihre Stellung im griechischen 
Bäche betrifft, so ist Kaiser Jnstinians Regierung (527 — 565) 
den Juden wenig günstig, indem sein Gesetzgebungswerk ihnen 
einen grossen TeU ihrer Freiheitsrechte nimmt, wie auch 
im ostgotischen Reiche ihre Stellung bald wesentlich 
notleidet, wofür sich die Juden damit rächen, dass sie dem 
Griechen Belisar (533—534) gegen die Ostgoten bei- 
stehen.*) Der Mittelpunkt des Judentums in damaliger 
Zeit scheint übrigens damals schon das südliche Gallien 
gewesen zu sein. Hier im Mittelpunkte des damaligen Weltr 
Verkehrs ist das Netz ihrer Sondergemeinden am dichtesten 
gewoben und ihre Thätigkeit als Warengrosshändler, als 
Sklavenhändler, als Warenkleinhändler wie als Gelddarleiher 
ist eine hochentwickelte. So fährt z. B. im Jahre 581 eine 
Anzahl Juden auf einem ihnen gehörenden Schiffe von 
Nizza nach Marseille.*) So kommt im Jahre 584 der 
Jude Armratarius mit seinem jüdischen Diener und zwei 
Christen nach Tours, um einige Schuldbeträge einzu- 
zidien, die er dem dortigen Altvikar, d. h. Altamtmann, 
Injuriosns und dem früheren Grafen Eunomins gegen Ver- 
pfändung der dortigen Gefälle geliehen hatte, wird aber 
in der Nacht auf dem Wege aus dem Hause von Leuten 
des Injuriosns ermordet und in einen Brunnen geworfen. Die 
herbeigeeilten Verwandten des Juden finden wohl die Leiche, 
nicht aber das Geld oder die Schuldscheine. Der Altamtmann 

*) Armdns, Regesten lor Geschichte der Juden, 8. 4 f.. Id. 
^ Deppiag, Juden im Mittelalter, 8. 81 f. 



— 112 — 

leugnete entschieden die Thal and beschwor seine Unschuld, 
die Juden verklagten ihn aber beim Hofgericht König 6il- 
bertSf kamen indes zum Termine nicht in die Verhandlang, 
worauf der Altamtmann freigesprochen wurde. Bfan be- 
schuldigte den Schultheissen Mediu*du8, der dem Juden eben- 
ÜEdls Geld schuldig war, der Teilnahme an dem Verbrechen.*} 

Wie schwer die Bevölkerung damals unter dem wirt- 
schaftlichen Joche der Juden seufist, beweist z. B. der Be- 
schluss des Konzils von MAcon vom 1. November 581, durch 
welchen den Behörden verboten wird, einen Juden als 
Richter oder Rechtsanwalt über einen christUchen An- 
geklagten zu bestellen oder ihm den Ertrag von öffentlichen 
Zollstätten zu überlassen, da es sonst den Anschein ge- 
winnen könnte, als ob die Christen den Juden untergeordnet 
seien.*) So wird ferner erzählt, als am 4. Juli 585 der König 
Guntram vonBurgund inOrl6ans eingezogen und von der 
Bevölkerung freudig begrüsst worden sei, habe man dabei 
namentlich sehr viele syrische und lateinische, vor allem ab^ 
hebräische Stimmen gehört und als die Juden den König 
mit den überschwänglichsten Lobeserhebungen emp&ngen 
haben, habe dieser freimütig erklärt, sie schmeicheln ihm doch 
nur, damit er ihre von den Christen zerstörte Synagoge 
auf Staatskosten wiederaufbauen lasse, er habe aber keine 
Lust, das jemals zu thun.*) Die Juden sind es denn auch, 
welche die Stadt Arles an die Franken und Burgunder 
verraten, als ihnen die Herrschaft der Westgoten unange- 
nehm wird, wie sie später die Stadt Bordeaux an die 
Normannen ausliefernd^) und die Stadt Toledo an die 
Mauren verraten, als das Konzil von Toledo Beschlüsse 
fasst, welche ihren Interessen zuwider sind. ^^) 

In zunehmendem Masse steigt damals gerade in Gallien 
und Spanien der Hass des Volks gegen die blnt- 
saugerischen Fremden, von denen man verlangt, dass sie 
entweder ihre jüdischen Sondersitten ablegen und sich 
taufen lassen oder auf die Teilnahme am öffenüichen Leben 
Verzicht leisten. Schon der heilige Hilarius von Poitiers 
wird gerühmt, weil er die Mahlzeiten und die Begrüssung 
von Juden und Ketzern auf der Strasse vermieden habe% 
und im Jahre 500 untersagt König Gundobald von Burgund 
alle Ehen zwischen Juden und Christen bei Strafe des 
Ehebruchs.') Am 11. September 506 wird auf dem Konzil von 
Agde allen Geistlichen und Laien die Teilnahme an den 
Mahlzeiten der Juden oder die Einladung von Juden 
zum Essen verboten.') Im Jahre 511—558 verbietet König 
Gilbert I. den Juden, vom Gründonnerstag bis Ostern wie zum 

*) Aromas« Regesten sor Oeschichte der Jaden, 8. 17 f., 15, 18, 4, 6, 7. 
'*) Depping, Jaden im Mittelalter, 8. 62, 44, 41. 



— 118 — 

Hohne auf den Strassen und dem Markte spazieren zu gehen.^^) 
Im An&ng September 517 verbietet das Konzil von EpaoD 
allen katholischen Geistlichen die Teilnahme an den 
Mahlzeiten Yon ketzerischen Geistlichen. Von den 
Jadenmahlzeiten aber sollen sich anch die Laien fern- 
halten. Am 23. Juni 533 verbietet das zweite Konzil von 
Orleans die Ehe zwischen Juden und Christen bei Strafe 
der Ansstossnng ans der Kirche. Am 8. November 535 be- 
stimmt das Konzil von Glermont, wer Ehen zwischen 
Jnder und Christen dnlde, solle ans der Kirche ansge- 
stossen werden; ebenso wird verboten, Juden zn Richtern 
über Christen zn setzen. Am 7. Mai 538 bestimmt das 
dritte Konzil von Orleans, wenn ein Jude einem christ- 
lichen Leibeigenen (servns) etwas von der Kirche verbotenes 
befehle, solle er dem Juden, wenn er aus dessen Hause in 
eine Kirche fliehe, nicht ausgeliefert werden. Ebenso wird die 
Ehe mit Juden bei Strafe des Ausschlusses aus der Kirche 
verboten und bestimmt, dass wer an Judenmahlzeiten teil- 
nehme, ein Jahr aus der Kirche ausgeetossen werden solle. 
Femer sollen sich die Juden vom Gründonnerstag an vier Tage 
lang nicht unter den Christen zeigen dürfen. Im Jahre 553 
verkehrt der heilige Ferreolus, Bischof von Uzes, freundlich 
mit den Juden und bekehrt viele. Er wird indess bei König 
Gilbert verklagt, dass er mit den Juden und Sarazenen 
speise und sie beschenke, worauf der König, der Verrat 
furchtet, ihn nach Paris verbannt. Erst im Jahre 558 wird 
Ferreolus wieder freigelassen, worauf er die Juden zur Taufe 
ermahnt und alle widerstrebenden Juden aus seinem Kirchen- 
sprengel austreibt. Die Nachricht ist desshalb von Bedeutung 
weil in derselben statt von Juden und Ketzern von Juden 
und Sarazenen die Bede ist, was für die Ansicht spricht, 
dass die Kowertschen bekehrte Mauren gewesen sein 
könnten. Am 1. November 581 verbietet das Konzil von 
M&con allen Christen bei Strafe des Kirchenausschlusses in 
Gemässheit einer Verordnung des Königs Gilbert, an den 
Mahlzeiten der Juden teilzunehmen, während den Juden 
verboten wird, vom Gründonnerstag bis Ostersonutag sich wie 
zum Hohn auf den Strassen und auf dem Markte zu zeigen, 
wie ihnen auch bei Strafe durch das Orisgericht geboten wird, 
den katholischen Geistlichen Ehrerbietung zu er- 
zeigen. Am 1. November 589 verbietet das Konzil von Nar- 
bonne den Juden bei Strafe von 6 Unzen Gold, ihre Toten 
unter Absingung von Psalmen zu bestatten; vielmehr sollen 
sie dabei nach ihren alten Sitten verfahren.'^) Das war indessen 
nur der Anfiemg; die Verhältnisse sollten sich bald noch 
schlimmer für die Juden gestalten. Im Jahre 590 wird ein 

^0 Aroniui, Bagetten rar Geidiichte der Juden, 8. 7, 9, 12, 15, 19. 

8 



— 114 — 

Jude, dar ein Christnsbild geraubt hatte, um es za ver^ 
brennen, deeehalb gesteinigt Am 10. Oktober 614 beelimmt 
das fünfte Pariser Konzil, kein Jude solle künftig mehr 
eine Richter- oder Stadtratsstelle bekleiden dürfen, 
ausser er lasse sich vorher taufen, eine Verordnung, welche 
am 18. Oktober 614 von König Lothar IL bestätigt wird, 
und im Jahre 624 bestimmt das Konzil von Reims, kein 
Jude solle zu einem öffentlichen Amte zugelassen und 
gegen die zunehmenden Verunglimpfungen des dirist- 
hohen Glaubens durch die Juden müsse entschieden vor- 
gegangen werden.^*) 

Es ist offenlMu: auch hier im fränkischen Reiche die* 
selbe Missstimmung gegen die herrschende Kapitalübermacht 
des Judenvolks in Fluss gekonunen wie im arabischen 
Reiche, wo der Prophet Mahommed (622—632) die heilige 
Fahne gegen ihre Uebermacht erhebt und eifrig bestrebt ist, 
ihrem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Druck entgegen- 
zutreten, wie er z. B. allen Juden verbietet, eiserne Steig- 
bügel wie die Araber zu tragen oder auf Pferden wie diese 
statt auf Maultieren zu reiten. '*) Die Folge dieser Maa»- 
regeln im fränkischen Reiche ist denn auch, dass Ueber- 
tritte von Juden zum Christentum jetzt in ziemlich 
vermehrtem Massstabe stattfinden. Solche Uebertritte vraren 
allerdings auch seither schon mannigfach erfolgt So wird 
z. B. im Jahre 360 der getaufte Jude Simeon zum 
Bischof von Metz erwählt^') und im Jahre 472 empfiehlt 
Sidonius ApoUinaris dem Biscnof Eleuiherius von Tournai 
einen Juden mit der Begründung, dass man keinen 
Juden bei Lebzeiten verdammen dürfe, indem er ja immer 
noch bekehrt werden könnte. Da femer diese Leute an- 
ständige Geschäfte machen, dürfe man sich ihrer 
wohl annehmen, wie er im gleichen Jahre dem Bischof 
Nonechius von Nantes den getauften Juden Promotns 
empfiehlt") Immerhin ist man mit dem Taufen von Juden 
nocn im 6. Jahrhundert sehr vorsichtig, wie denn z. B. am 
IL September 506 das Konzil von Agde unter dem Vorsitz 
des Enbischof von Arles bestimmt, dass Juden erst nach 
achtmonatlicher Probezeit getauft werden sollen.^^ 
Man sieht, der Zudrang der Juden zur christlichen 
Kirche ist damals sehr stark, während der Kirche wenig 
an der Erwerbung dieser neuen Glaubensgenossen liegt, und 
in der That zeichnet sich das 6. Jahrhundert durch zahl- 
reiche Judentaufen aus, welche namentlich in Frank- 
reich lebhaft stattfinden. So l^sen sich im Jahre 568 in 
Bourges zahlreiche Juden von dem heiligen Grermanus 

") Aronius, Regetten zur Oeschichte, 8. 9, 2 f., 8, 5 f., 7, 18. 
») Deppiog, JadMi im Mittalalter, 8. 42 und K8. 



— 115 — 

taufen.^') So läset sich im April oder Mai 576 in Clermont 
ein Jnde Tom Bischof Avitns taufen, worauf ihm bei der 
Prozession ein fanatischer Jude ranziges Oel auf 
den Kopf giesst Das Volk will den Juden steinigen, der 
Bischof schreitet indess ein; aber am Himmelfahrtstage fäUt 
die Menge über die Synagoge her und plündert sie, worauf 
der Bischof den Juden die Wahl zwischen Aus- 
wanderung oder Taufe lässt Die Folge ist, dass sich 
öOO Juden taufen lassen, während die anderen nach Mar- 
seille abreisen. ^^) So ist im Jahre 581 ein Grossjude 
namens Ptiscus der Geschäftsagent des Königs Gilberich 
imd liefert ihm seinen Bedarf an Levantewaren. Als 
dieser Jude einst inNogent an der Marne mit dem Bischof 
Gregor von Tours zusammentrifft, meint der König, der 
Bi8<äof solle den Priscus taufen, worauf sich ein Keligions- 
gespräoh zmschen beiden entspinnt, das aber erfolglos 
bleibt ^^), wie auch im Jahre 582, als König Gilberich yiele 
Jnden unter eigener Uebernahme der Pathenstelle taufen 
lasst, nch Priscus, als der König auch an ihn dieses Ansinnen 
stellt, dessen entschieden weigert, so dass ihn der König 
erzfimt gefSemgen setzen lässt Priscus bittet nun um Frist, bis 
sein Sohn eine Jüdin aus Marseille geheiratet habe. Unter- 
dessen entsteht ein Streit zwischen Priscus und einem ge- 
tauften Groesjuden, namens Phatir, wobei Priscus das Leben 
verliert Phatir flieht sofort aus Paris nach Burgund, 
seiner Heimat, wird aber dort von den Hinterbliebenen des 
Priscus getötet ^^) So meldet eine Chroniknachricht vom 
Jahre 587, ein Jude in Bordeaux, der den dortigen Stadt- 
piarrer Lupus verhöhnt hatte , als er im Fieber den heiligen 
Martin zum Helfer anrief^ sei zur Strafe vom Fieber ergriffen 
worden und habe sich infolge dessen taufen lassen. So er- 
fahrt im Juni 591 Papst Gregor von italienischen 
Joden, die in Geschäften nach Marseille reisen, dass 
man dort die Juden mit Gewalt zur Taufe veranlasse, 
worauf der Papst die Bischöfe von Arles und Marseille 
anweist, diess nicht zuzulassen. Liebevolle Be- 
lehrung wirke zuverlässiger.^^) Man sieht, der 
kirchlichen Oberleitung liegt an der Vornahme gewaltsamer 
Jadentaufen damals nichts. 

Dagegen finden unter König Dagobert L von Frank- 
reich immer zahlreichere Juden taufen statt *^) Da- 
gobert, der völlig unter dem Einflüsse von Byzanz stand, 
wurde zu diesem Vorgehen ebenfalls von den Griechen 
aufgemuntert, indem im JaJure 629 der Kaiser Heraklius, der 
infolge der Weissagung eines Sterndeuters fürchtete, dass sein 



^ Aroniua, Bemten zur Geschichte der Jnden, 8. 14» 16, 17, 19. 
^ Depping, Juden im tfittelalter, 8. 49. 



— 116 — 

Reich von beschnittenen Völkern yerwnstet werde, den 
Frankenkönig Imt, alle Juden katholisch tanfen za lassen, 
ein Wunsch, dem der König denn auch in ansgiebigiBter Weise 
nachkommt^*) So wird im Jahre 644 in Bonrges ebe 
grössere Ansahl Juden durch den Bischof Sulpitius getauft. 

Weldie hohe wirtschaftliche Machtstellung die 
Juden auch im 7. Jahrhundert im Frankenreiche haben, 
sieht man z. B. daraus, wenn im Jahre 633 König Dagobert 
der Abtei von St Denis einige Hitfe und das Thor beim 
Glaucinuskerker in Paris samt dem Ertrag der Zölle 
sdienkt, welche der jüdische Kaufmann Salomon dort 
im Namen des Reichs erhebt'*) Die Juden sind also 
sdion damals wie tausend Jahre spater die allma42htigen 
Generalpächter des Landes, das sie in jeder Beziehung 
aussaugen. Aber auch im Westgotenreiche in Südgallien 
sind noch im Jahre 673, als in Narbonne der Au&tand 
des Paulus gegen den König Wamba ausbricht, die Ver- 
haltnisse zwischen Christen und Juden ziemlich frenndlidi, 
bis nach der Einnahme Narbonnes durch König Wamba 
die Juden yertrieben werden^*), wie denn überhaupt die 
Griechen und Goten den Juden wenig freundlich gegen- 
überstehen und z. B. auch der byzantinische Kaiser Leo 
(717 — 741), der Bilderstürmer, bekanntlich ein Schuh- 
machersohn aus Seleucia in Isaurien, eine lebhafte 
Thätigkeit als Judenbekehrer entwickelt ^T) 

Dagegen geht es den Juden im Frankenreiche seit 
dem 8. Jahrhundert immer besser. Tief entrüstet klagt 
Papst Stephan IlL (678 — 772) in einem Schreiben an den 
Erzbischof Herbert yon Narbonne, wie er in den Tod 
erschrocken sei bei der Nachricht, dass man jetzt in Frank- 
reich den Juden sogar erlaubt habe, auf dem Lande und 
in den Vorstädten erblichen Qrundbesitz zu erwerben, 
und dass Christen die Weinberge und A eck er yon 
Juden bestellen und in den Städten in den Juden- 
häusern wohnen, dort ihre gotteslästerlichen Reden 
hOren und ihnen allerlei Dienste leisten. Die Staats- 
regierung der Karolinger fragt nach diesen Einwendungen 
des heiligen Stuhls indessen wenig; sie hat die Hilfe der 
Juden allzu notwendig, um die Kraft zu besitzen, sich 
ihrer zu entschlagen, da sie zu ihrer Grossmachtspolitik 
Geld in Menge gebraucht, und so sehen wir damals in den 
yerschiedensten Städten des Reichs sich die Juden in 
zunehmendem Masse festsetzen. So soll z. B. im Jahre 808 
Kaiser Karl der Grosse zur Hebung des dortigen Handels- 
verkehr eine Judengemeinde in Erfurt gegründet 

^*J Aroniui, Begetten *ax Oeaehiehte der Jaden, 8. 88 ff. 
**) Deppiof, Jaden ba Mittelalter, B. SB. 



— 117 — 

haben. So werden im Jahre 810 normannische 
Schiffe in einer Hafenstadt bei Narbonne ftr Schiffe Ton 
jüdischen, afrikanischen oder britischen Eanflenten 
gehalten. ^"^ Im Jahre 839 tritt der Diakon Bodo, ein 
gelehrter Alemanne, der am Hofe Kaiser Ludwigs des 
Frommen erzogen worden ist, nach einer Wallfahrt nach 
Som zum Judentum über, lässt sich beschneiden, lässt 
Haar und Bart wachsen, nennt sich Eleazar, legt Bitter- 
tracht an, heiratet eine Jfidin und wandert nach Sara- 
gossa aus. So wird im Jahre 849 ein Judenfriedhof in 
Vienne eingerichtet. So rühmt im Jahre 878 der Bischof 
Sa]omo n. Yon Eonstanz Ton dem Bischof Witgau yon 
Albeck Ton Augsburg, dass Geistliche und Laien, Vor- 
nehme und Geringe, Juden und Heiden (gentiles) ihm 
die gleiche Verehrung zollen, womit das Vorhandensein 
einer Augsburger Judengemeinde um jene Zeit er- 
wiesen ist Im Jahre 900 besteht in Worms ein Juden- 
kirchhof. Im Jahre 942 gibt es einen Judenfriedhof 
in Prag. Im Jahre 945 besitzt ein Kloster in Metz 
einen Weinberg, den fiüher ein Jude namens David 
besessen hat Im Jahre 970 erwähnt der Jude Ibrahim- 
ibn-Jakub in seinem Reisebericht eine den Juden gehörige 
Salzsiederei bei Naumburg, die an der Saale in der 
N&be der Mulde gelegen sei. Am 2. April 981 übergibt 
Kaiser Otto n. dem St. Enuneramskloster bei Regensburg 
das Gut Schierstadt in der dortigen zum Nordgau 
gehörigen Vorstadt yon Begensburg, in der Grafschaft 
des Heinrich, welches das Kloster dem Juden Samuel 
abgekauft hat'^ 

Ihren Höhepunkt hat fireilich diese Blütezeit der Juden 
in Deutschland und Frankreich schon am Ende des 9. Jahr- 
hunderts erreicht und seit dem 10. Jahrhundert sehen wir 
die Juden immer mehr aus ihrer wirtschaftlichen 
Machtstellung yerdr&ngt werden, indem es der 
Kirche gelingt, sich an deren Stelle zu setzen. So be- 
stimmen schon die Kaiser Karl der Grosse und Ludwig 
der Fromme, kein Jude solle bei VermOgensyerlust 
und Gefängnisstrafe Wein oder Getreide ver- 
kaufen oder das Schul theissenamt übernehmen und 
im Jahre 820 wird dem Bäte in Aachen der Befehl 
erteilt, in den Wohnungen der christlichen und jüdischen 
Kaufleute, welche auf dem Markte oder nach auswärts 
Handel treiben, nachzusehen, ob sich kein Gesindel dort 
aofhalte.^^ Das Bestreben der Geistlichkeit geht jetzt 
in zunehmendem Masse dahin, die Juden zu yeranlassen, 

^ AroDhis, Becesten cor Geacbichte der Juden, 8. 27, i8, 49, 51 f. 
M iL, 60, ». 



— 118 — 

dass sie sich taafen lassen. So dankt gegen Ende des 
9. Jahrhunderts ein Bischof dem Kaiser (tkr seine Unter- 
stützung bei Bekehrung der Juden. Bereits habe sich 
eine grössere Anzahl taufen lassen, seit an jedem Sabbat 
ein christlicher Geistlicher das Wort des Herrn 
in der Synagoge predige; 53 Judenknaben seien be- 
reite getauft worden und weitere sollen auf Ostern getauft 
werden. Die Juden von Chalons, M&con und Vienne 
schaffen nun aber ihre Kinder heimlich bei Nacht 
nach dem Süden, namentlich nach Arles; man sollte es 
desshalb in Arles ebenso machen. Daneben richtet sich 
jetzt das Streben der Geistlichkeit in erhöhtem Masse 
darauf, den Juden den geselligen Verkehr mit 
Christen unmöglich zu machen. So klagt am 1. Mai 888 
der Frühmesser Guntbert von Metz die Juden yon Metz 
beim dortigen Konzil an, worauf dieses allen Christen das 
Speisen und Trinken mit Juden verbietet.^') 

Am 1. Juni 982 beruft König Heinrich I. eine Synode 
nach Erfurt ein, um ihr einen Brief Torzulegen, den der 
Patriarch yon Jerusalem nachKonstantinopel gesandt 
hatte und der von dort nach Bom übermittelt worden war. 
Nach demselben hatte in Jerusalem einBeligionsstreit 
zwischen den Christen und Juden stattgefunden, wobei 
die Juden die Sarazenen durch Geld für sich gewonnen 
hatten. Ein Wunder in der Kirche des heiligen Qrabs 
habe aber für die Christen entechieden und die Juden 
Jenseite des Meers haben sich darauf taufen lassen. Im 
Jahre 936 schreibt der Herzog Peter von Venedig mit 
dem Patriarchen Marino und den Bischöfen Ton Venedig 
dem KOnig Heinrich I., dem Erzbischof Gilbert yon Mainz 
und den Bischöfen jener Gegenden, sie haben erfahren, 
ein Jude aus Jerusalem sei nach Deutschland ge- 
kommen und habe dort unter Schmähungen Christi ein 
grosses Verbrechen yom heiligen Grabe erzahlt. Man 
solle desshalb den Juden in Deutechland das yorgekommene 
Wunder erzählen und ihre Taufe anordnen. Ebenso 
solle den Juden yerboten werden, das Zeichen des Ejreuzes 
an Metallen, Tuchen oder Waren anzurühren, und alle 
Juden, die nicht Christen sein wollen, sollen be- 
schämt und yerachtet das Reich räumen. Um das 
Jahr 938 antwortet Papst Leo Vn. dem Erzbischof Frie- 
drich yon Mainz auf seine Anfrage, ob es besser sei, die 
Juden zu taufen oder zu yertreiben, er möge nicht ab- 
lassen, ihnen das Eyangelium zu predigen, und sie erst 
yertreiben, wenn sie sich nicht bekehren, denn mit den 



**) Aronini, Begetten lur Geschichte der JadeD, 8. 57. 



— 119 — 

FeindeB Oottes dfirfe man keine Gemeinschaft haben. '^ 
Um das Jahr 993 töten die Jaden Benno, den Schenken 
des Kaisers Otto in., and werden desshalb yerarteilt, ein 
goldenes Standbild des Ermordeten neben dem Dom za 
Mainz aafznstellen. Das Standbild blieb dort stehen bis 
zum Jahre 1160, wo der Erzbischof Rndolf dasselbe ein- 
schmelzen liess and das Gold anter seine Verwandten 
and Freande verteilte.^) 

Trotzdem stehen die Jaden aach noch am Anfang 
des 11. Jahrhnnderts ziemlich mächtig da, wenn aach die 
zunehmende Erbitterang des Volks damals ihre Stellang 
schon ziemlich bedroht. So ttberlässt am die Jahre 1006 
bis 1028 der Bflrger Bizmann yon Regensbar g dem 
Kloster St Emmeram dort drei Höfe bei dem Jnden- 
yiertel der Stadt Es ist diess die älteste arkand- 
liehe Erwähnnng eines abgeschlossenen deatschen 
Jadenyiertels. So erbaaen im Jahre 1012 die Jaden 
in Köln eine Jadenschale and erwerben einen Fried- 
hof. Die Lage der Jaden aber wird jetzt in steigendem 
Masse ansicher. Im Jahre 1009 zerstört der Khalif yon 
Persien die Heiliggrabkirche in Jernsalem and 
alsbald erhebt sich das Gerede, er sei hiezn yon den 
Juden yon Orleans dnrch einen hebräischen Brief 
Teranlasst worden, den ihm ein Mönch namens Robert 
gebracht habe. In allen christlichen Reichen werden in- 
folge dessen die Jaden teils yertrieben teils getötet 
Zahlreiche Jaden lassen sich aas Farcht taafen, treten 
aber bald wieder znrttck. So werden am Ende des 
Jahrs 1012 die Jaden der Stadt Mainz yon König 
Heinrich n. ans der dortigen Stadt aasgetrieben, doch 
gelingt es ihnen, am 80. Janaar 1018 wieder das Recht 
zur R&ckkehr zn erlangen. Aach anderwärts kehren seit 
dem Jahre 1014 die Jaden allmählich wieder in die Städte 
zurQck, wo man sie schont, so dass sich dieselben z. B. 
in Worms im Jahre 1084 bereits wieder eine Synagoge 
erbaaen können.^) 

Was die Kirche bei dem Vorgehen gegen die Jaden 
namentlich in Aafregang bringt, ist das, dass die Jaden 
Tor allem es sind, welche sich am eifrigsten gegen den 
Bilderdienst der kathoUschen Kirche stränben, welche 
keine (Gelegenheit yersänmen, die Wanderkraft der 
heiligen Reliqaien yor dem Volke in Zweifel zn ziehen 
ond zam Teil mit ätzender Schärfe sich in kritischen 
drängen mit der Theologie hernmschlagen. Es ist die Zeit, 
da der „Hellenismns^ in zanehmendem Masse in das 

"*) Anmhis, Bsfeslen sor GeMhichte der Juden, 8. 58 t 58, 81—66. 



— 120 — 

deutsche Geistesleben eindringt, da in den Kloster- 
schalen St. Gallen ond an anderen Orten neben die 
seitherige Beschäftigung mit der Bibel das Stndinm der 
griechischen Weltweisen tritt und die Nenplato- 
niker, Aristoteles u. s. w. immer eifriger gelesen werden. 
Üass auf diese Richtung die J u d e n ein gutes Teil hinwirkten, 
darf nicht bezweifelt werden. So belehrt im Juni 1022 
ein in Jerusalem yom dortigen Patriarchen getaufter 
Jude die Mönche Notker Labeo und Ekkehard IV. yon 
St. Gallen über die Gebräuche im Tempel in Jeru- 
salem.'<^) Um das Jahr 1018 tritt der Geistliche Wegelin, 
ehemals Hauskaplan eines Herzogs Eonrad, zum grossen 
Aerger König Heinrichs ü. zum Judentum über. In den 
Jahren 1048 — 1071 gewinnt Sigbert von Gemlaux die 
Zuneigung der Juden yon Metz dadurch, dass er Bibel- 
fibersetzungen , die auf den hebräischen Text zurück- 
gehen, yon anderen zu unterscheiden weiss und den Juden 
in allem zustimmt, wenn sie sich auf diesen hebräischen 
Text berufen können. In den Jahren 1032 — 1062 ertönen 
Klagen aus Begensburg, dass dort der Jude Abraham 
den Heiland lästere , so oft yon diesem die Bede sei. Um 
das Jahr 1038 wird geklagt, dass die Juden in Bamberg 
nicht an die Wunderkraft derBeliquien der heiligen 
Kunigunde glauben wollen, und als im April 1066 der 
erbitterte Erzbischof Eberhard yon Trier den Juden da- 
selbst die Wahl zwischen Austreibung oder Taufen 
lässt, yerfertigen die Juden eine dem Bischof ähnliche 
Wachsfigur und bewegen durch Geld einen Mönch, diese 
als Täiäing hinzustellen. Als nun der Bischof die yer- 
meintliche lebende Person taufen will, z finden sie die 
Figur an, so dass der Bischof mitten in der Kirche aus 
Schreck yom Schlage getroffen niedersinkt*^) 

Man sieht, die wirtschaftliche Stellung der 
Juden ist damals in Deutschland eine sehr starke. 
Ein unterdrfickter fremder Volksstamm darf sich der- 
artige fibermfitige Ausschreitungen im fremden 
Lande nicht gestatten. Das bestätigt denn auch das 
ürkundenmaterial yollauf.*^) In den Jahren 1061—1092 gibt 
der Herzog Wratislaus II. yon Böhmen den Deutschen 
in der Prag er Vorstadt einen Freiheitsbrief, in dem auch 
die Juden erwähnt werden. Im Jahre 1080 wird das 
Wormser Judenthor urkundlich erwähnt Am 13. Sep- 
tember 1084 yerpflanzt der Bischof Rüdiger yon Speier, 
als er den Weiler Speier zur Stadt zieht, auch Juden 
dahin und hofft, dadurch den Glanz des Orts zu yer- 



•1 



) AroDios, Ragesten cur GeBcfaichte der Juden, 8. 68, 70. 



— 121 — 

taasendfachen. Sie werden aasserhalb der Wohnplätze 
der fibrigen Bürger angesiedelt und eine Mauer wird um d en 
Bezirk gezogen, damit die Juden vor dem Volk geschfltzt 
sind. Als Miete fQr das Quartier haben die Juden dem 
bischöflichen Kapitel jährlich SVt Pfd. Speierisch zu be- 
zahlen. Die Juden dttrfen innerhalb ihres Viertels und 
in der Stadt Gold und Silber umwechseln und alles, 
was sie wollen, kaufen und verkaufen. Auch erhalten sie 
einen Begräbnisplatz. Fremde Juden brauchen keinen 
Zoll zu zahlen. Der Gemeindevorsteher des Juden- 
Viertels darf Streitigkeiten unter den Juden entscheiden, 
wie der Schultheiss unter den Borgern. Kann er eine 
Sache nicht beendigen, so hat er sie vor den Bischof oder 
Kämmerer zu bringen. Wachdienst, Verteidigung und 
Befestigung ihres Viertels haben die Juden mit ihren 
Dienern selbst zu besorgen, zu weiterem Dienst sind 
sie nicht verpflichtet. Christliche Ammen und Miets- 
knechte zu haben ist ihnen erlaubt. Geschlachtetes 
Fleisch, dessen Genuss ihnen das Gesetz verbietet, dürfen 
sie an die Christen verkaufen und diese dürfen es 
kaufen.**) Am 19. Februar 1090 nimmt Kaiser Heinrich IV. 
in Spei er die Juden Judas, des Kalonymos Sohn, David, 
des Massulam Sohn, Moses, des Guthiel Sohn, und deren 
Genossen mit ihren Kindern und allen, die sie vertreten, 
in seinen Schutz auf. Der betreffende Schutzvertrag 
enthält folgende Bedingungen: 1) Niemand darf die Juden 
angreifen. 2) Niemand darf ihnen etwas an ihrem erb- 
lichen Besitz an Höfen, Häusern, Gärten, Weinbergen, 
Aeckem, Sklaven u. s. w. wegnehmen. 8) Sie dttrfen ihr 
Eigentum mit jedermann tauschen und innerhalb des 
fieichs frei und im Frieden umherziehen, Gewerbe und 
Handel betreiben, kaufen, verkaufen. 4) Zoll von ihnen 
zu erheben oder eine andere Abgabe, ist niemand erlaubt. 
5) Ohne ihre Einwilb'gung Fremde in ihren Häusern 
anterzubringen , ist verboten; ebenso ist es niemand er- 
laubt, Pferde von ihnen zu fordern, um zum König oder 
Bischof oder zum Heerzug zu reisen. 6) Wird gestohlenes 
Gut bei ihnen gefunden, von dem sie behaupten, sie haben 
68 gekauft, so haben sie zu schwOren, um welchen Preis 
sie es gekauft haben und mttssen es dem Eigentümer um 
diesen Preis zurückgeben. 7) Ihre Kinder zwangsweise zu 
taufen oder zu rauben und zu taufen, ist bei 12 Pfd. ver- 
boten. Wer von ihnen die Taufe verlangt, hat drei Tage 
zuwarten und verliert sein Eigentum. 8) Heidnische 
Sklaven der Juden dürfen nicht durch die Taufe dem 



") Aronius, Beseiten zur Geschichte der Juden, 8. 72. 



— 182 — 

Jndendienst entfremdet werden bei Strafe von 3 Pfd. Silber 
and Rückgabe des Sklaven, der trotz seiseB Cbristentame 
dem Jaden folgen mnss. 9) Die Jaden dürfen Christel for 
ihre Arbeiten mieten, nar nicht an Sonn- and Feiertagen. 
10^ Christliche Sklaven zu kaufen, ist den Jaden verboten. 
11) Bei Streitigkeiten zwischen Jaden and Christen hat jed^ 
Teil nach seinem Gesetze Recht za geben. 12) Niemand darf 
einen Jaden zam Gotteearteil des heissen Eisens oder des 
heissen oder kalten Wassers zwingen, noch ihn geissein odo' 
ins Gefängnis werfen, sondern er soll nach seinem Gresetze 
nach 40 Tagen schwören and kann nur darch jüdische and 
christliche Zeagen zagleich überfuhrt werden; alles bm 3 Pfd. 
Silber Strafe. 13) Wer einen Jaden verwandet, zahlt 1 Pfd. 
Gold, tötet oder erwürgt ein Sklave einen Jaden, so mnss 
der Herr die Strafe zahlen oder den Sklaven aasliefem. Wer 
die Basse nicht zahlt, dem werden die Aagen aasgestochen 
and die Hand abgehauen. 14) Streitigkeiten der Juden unter 
sich werden von ihnen selbst entschieden. Wer die Wahrh^t 
verbirgt, ist von dem, den der Bischof an die Spitze der 
Synagoge gestellt hat, zum Bekenntnis der Wahrheit zu 
zwingen. Schwierige Fälle sind vor den Bischof zu bringen. 
15) Die Juden dürfen Wein, Kräuter und Arzneien an 
Christen verkaufen.*') 

Man sieht, in allen diesen Abmachungen findet sich keine 
Spur von Einschränkungen der Juden. Wir sehen die 
einzelnen Juden als Schutzbürger des Reichs in den 
deutschen Reichsverband eintreten, indem sie freie Verträge 
mit dem gewählten Vertreter der Reichsgewalt abschliesaen, 
webei die gegenseitigen Rechte und Pflichten des 
Reichs und der zu gründenden Judengemeinde genau fest- 
gesetzt sind. Sie machen Geschäfte der verschiedensten Art, 
sie handeln mit allen möglichen Dingen, sie leihen Geld 
aus, aber sie sind in jeder Beziehung freie Leute. Der für 
sie vielfach bestehende „Gassenzwang'' (Ghettozwang) 
ist vielmehr ein Ghettorecht, insofern er lediglich zu ihrem 
Schutze dient Kurz, die Stellung der Juden ist keine 
gedrückte, sondern im Gegenteil eine hervorragend 
mächtige und bevorzugte. Das 11. Jahrhundert ist die 
Zeit der höchsten Blüte des Judentums in Deutschland. 

b. Die lade&YwfoIgiuig fon 1006. 

Im Jahre 1096 findet in Deutschland eine neue 
grössere Judenverfolgung statt Schon im Dezember 1095 
war ein Brief der französischen Judengemeinden an die 
rheinischen Judengemeiuden eingetroffen, in welchem diese 
mitgeteilt hatten, dass die gegenwärtig sich in Frankreich 



M 



') AroniuB, Regelten sur Geschichte der Juden, 8. 72. 



^ 128 -^ 

ibenll sanunrinden Kreuzfahrer gedroht haben, alle Juden 
ni vertilgen, wenn sie sich nicht bekehren; sie bitten 
desshalb die deutschen Gemeinden inständig, ein Fasten 
anzuordnen and für sie zu beten, nnd als Antwort hierauf 
hatte im Januar 1096 die Judengemeinde in Mainz 
einen ansagenden Trostbrief abgesandt Bald hörte man denn 
auch etwas weiteres. Im Frühjahr 10Ü6 entsteht das Gerede, 
der Herzog Gottfried von Bouillon habe erklärt, er weirde 
das Blut Christi am Blute der Juden rächen und keinen 
äbrig lassen. Der Vorsteher der Mainzer Judengemeinde, 
der Rabbi Kalonymos, bittet infolge davon den Kaiser Heinrich IV., 
die Juden zu schützen, worauf Herzog Gottfried von Bouillon 
dem Kaiser au& bestimmteste erklärt, es sei ihm nie in den 
Sinn gekommen, den Juden etwas Böses zuzufügen. 
Bald treffen denn auch die ersten Kreuzfahrerzüge am 
Rheine ein, wodurch wie den Bürgergemeinden der 
rheinischen Städte auch den Judengemeinden starke 
Einquartierungslasten erwachsen. So müssen dieJnden- 
gemeinden in Köln und Mainz bei dem Durchzuge des 
Herzogs Gottfried von Bouillon je öOO Pfd. als Ablösungs- 
summe für die Einqnartierungspflicht bezahlen und als Peter 
Ton Amiens in Trier ankommt, verlangt er auch dort wie 
aborall auf Grund eines Schreibens der französischen 
Juden Wegzehrungsgelder von der Trierer Judenge- 
meinde, wofür er die Verpflichtung übernimmt, den Schutz 
der Angehörigen der Gemeinde vor Ausschreitungen der 
Kreuzfieüirer kräftig zu handhaben.'^) Wie notwendig diess 
war, sollte sich alsbald zeigen. Nicht allein die Kreuz- 
fahrer nehmen trotz des zugesicherten Schutzes eine 
drohende Haltung an, sondern auch die Haltung der 
einheimischen Bevölkerung gegenüber den Juden wird immer 
bedrohlicher und der Ausbruch von Feindseligkeiten kann 
nur durch Bestechungen zurückgehalten werden. Es ertönt 
der Ruf, wer einen Juden töte, dem sollen die Sünden 
Tcrgeben sein. So beteuert ein Graf Dithmar, er werde nicht 
eher das Beich verlassen, bis er nicht wenigstens einen 
Joden getötet habe. Die Jndengemeinden setzen allgemein 
Fasten an; die Kreuzfahrer pflanzen ihre Banner vor den 
Judenhäusern auf und durchbohren jeden Juden, der sich über 
seine Thürschwelle wagt Schlimm geht es vor allem in Metz, 
wo 22 Juden erschlagen werden, wahrend der Rest sich 
taufen lässt. Auch in Köln artet der Hass gegen die 
Juden gemeinde im April zu offener Gewaltthat ans. Die 
Kreuzfiüurer plündern den Synagogenschatz und zerstören die 
ThoraroUen, worauf die Juden voll Schrecken sich in die Burg 
Oures Schutzvogts, des Erzbischofs, flüchten, dort Geld an die 

*^ AroniDB, Begeiten rar Geflebidite der Juden, S. 78--68, 



- 184 — 

Armen Terteilen tind mdi durch Besabliuig Ton AUösiuigB- 
geldem an die Tmppenfiihrer Schutz Ton den KreuzÜEdireni 
erkaufen. Am 3. Mai fallen die EreiusCahrer in 3B>eier über 
die Juden her und töten ihrer 11« worauf der Bischof den 
Rost in seine Burg rettet und die Mörder mit Abhauen 
der Hand bestaraft. Am 18. Mai werden in Worms die 
Juden angegriffen und am 25. Mai werden dort eine grössere 
Anzahl Juden (800?) im Hofe der Bischofaburg yon den 
Kreuzfahrern und den Bauern der Umgegend erschlagen. 
Ebenso schlimm geht es in Mainz her, als dort die Kreuz- 
fahrer eintreffen. Wohl bringen die Juden ihr Vermögen 
noch rechtzeitig in Sicherheit und versehen sich und ihre 
Diener reichlich mit Waffen, als am 26. Mai sich Graf 
Emich mit 12,000 Kreuzfahrern und den Bauern der Um- 
gegend vor die Stadt legt; aber die Kreuz&hrer sind nicht 
mdir zu halten, obgleich der Führer Graf Emich den emst- 
licbeu Versuch macht, die Juden zu retten. Der Erzbiachof 
flieht, die bischöfliche Burg und das Buiiggrafengesäss werden 
besetzt, der Judenvorsteher Kalonymos und 53 Juden retten 
sich durch die Flucht, die anderen (1300, 1100, 900, 700?) 
werden erschlagen, obgleich sie mit bewaffneter Hand so gut 
ab möglich ihr Viertel verteidigen. Am 1. Juni lasst der 
Erzbischof den geflüchteten Judenvorsteher und seine 53 Ge- 
nossen zu Schiff nach Rädesheim bringen, wo er mit 
300 Speerreitem sich aufhält Hier erklärt er ihnen, sie nicht 
mehr retten zu können, und fordert sie zur Taufe aut Ka- 
lonymos tötet darauf seinen eigenen Sohn, wohl weil sich 
derselbe taufen lassen will, was das allgemeine Zeichen 
zum Aufruhr gibt: Die Bauern und Kreuzfahrer fallen aber 
die Juden her, Kalonymos yergreift sich persönlich am Erz- 
bischof und wird infolge dessen erschlagen, der Best von den 
Bauern getötet. Gleichzeitig geht es in Köln über die 
Juden los. Am 30. Mai plündern die Kreuzfoihrer das Kölner 
Judenviertel, 1 Mann und 2 Frauen werden getötet, den Rest 
führt der Erzbischof am 3. Juni aus der Stadt und bringt 
sie sicher, in 7 Ortschaften verteilt, unter. Ebenso töten sich 
in Trier im Juni, als die Kreuzfiahrer kommen, einige Jud^i 
samt ihren Frauen und Kindern, nachdem sich die Macht 
des erzbischöflichen Schutzvogts den Kreuzfahrern gegenüber 
als unzulänglich gezeigt hat, worauf am 20. Juni sich der 
Rest der Gemeinde taufen läset Am 27. Juni werden in 
Kerpen eine Anzahl Juden misshandelt und getauft, 
am gleichen Tage greift man die Juden in Xanten an, 
am 29. Juni bis 1. Juli in Mors. Auch hier erklärt der Graf, 
er habe nicht mehr die Macht, die Juden zu schützen, und 
sucht sie zur Taufe zu bewegen, ebenso in Geldern.'*) Am 

**) AroniiiB, Regesten rar Geschichte der Juden, 8. 84 t, 87 IF. 



— 126 — 

26. Jniii töten die Kreuzfahrer die Juden in Neuss (200?) und 
inAltenahr an der Ahr, wohin sich namentlich die Kölner 
Juden gefluchtet hatten; am 27. Juni in Weyelinghofen. 
Auch in Regens bürg werden beim Durchzuge der Kreuz- 
fahrer alle Juden getauft, kehren aber nachher wieder zu 
ihrem Glauben zurück. Möglich sind auch ähnliche Ver- 
folgungen in Prag, wenigstens taufen die durch Böhmen 
zidieiiden Kreuzfahrer üb^ull die Juden, die aber auch hier 
meist wieder abfallen. Auch in Magdeburg werden die 
Juden vertrieben.'*) 

Sicher ist offenbar nach diesen Nachrichten, dass die 
Urheber der Bewegung weder der Herzog Gottfried von 
Bouillon noch Peter von Amiens waren, sondern die- 
selben waren einfeush Ausbruche der Volkswut gegen das 
wucherische Volk, das die adeligen Grossgrundbesitzer 
und Bauern ausgeplündert hatte. Auch die Stadtbe- 
hörden und SchutzYÖgte trifft keine Schuld. Die Stadtbe- 
hörden treten zum Teil mit Einsetzung ihres Lebens, die 
bischöflichen SchutZYÖgte mit dem Kirchenausschluss iiir die 
Juden ein. Umgekommen sollen im Ganzen bei der Bewegung 
rund 4000 Juden sein.''') Die Folgen dieses Ereignisses 
waren übrigens wenig nachhaltig. Als im Jahre 1097 Kaiser 
Heinrich IV. aus Italien zurückkehrt, gestattet er allen 
gewaltsam getauften Juden sofort wieder die Rück- 
kehr zum Judenglauben und die Juden machen yon dieser 
Erlaubnis alsbald den reichlichsten Gebrauch. Dann aber 
werden sofort seitens der Reichsregierung ernste Massregeln 
ins Leben gerufen, um den beraubten Juden wieder zu 
ihrem Vermögen zu yerhelfen. So läset im Mai 1098 
Kaiser Heinrich IV. namens des Reichs in Mainz eine Unter- 
suchung über den Verbleib der Hinterlassenschaft der 
getöteten Juden anordnen. Es waren namentlich einige 
Verwandte des Erzbischo& yon den Hinterbliebenen be- 
zichtigt worden, sie haben dieses Vermögen teilweise unter- 
schlagen, ja der Erzbischof stand selbst im Verdachte, an 
dieser Unterschlagung teilgenommen zu haben, und im 
Jahre 1100 kehren die Mainzer Juden aus Speier, wohin 
sie sidi g^üchtet hatten, wieder nach Mainz zurück.'*) 

Die Kirche freilich sieht wenig gut zu dieser Glaubens- 
änderungserlaubnis der Reichsregierung, in der sie 
mit Recht einen schweren Eingriff in den ihr zustehenden 
Machtkreis sieht Die Sache hat dabei auch ihre einschneidende 



"^ Anmios, Regeaten zur Geeehichte der Juden, S. 98, 79 ff, 94, 96. 

'^ Die betreffenden Zahlenangaben der Chroniken leiden in der 
"«Sd an wesentlichen Uebertreibnngen. Kan denke an die hohen 
^gabea Aber die Bevölkerung der St&dte des Mittelalters, 
^^^^ die neuere Oeiehkhtafonchung lüi durchaus haltlos erwiesen hat 



— 186 — 

wirtschaftliche BedeDtang^ da die getauften Juden in 
den Bischofstädten, wenn sie zum Judentnm snrodEtreten, 
ans dem bischöflich-laudesherrlichen Patronate nnd 
Stenerrechte in das Patrouat der Beichskrone nnd 
deren Stenerrecbt znrfickkehren , nnd sie tritt desshalb mit 
aller Kacht der BiicktrittBerlanbnis der Krone entgegen. So 
schreibt im Jahre 1097 Papst Clemens IIL an den Bischof 
Rupert Ton Bamberg, dagegen einzosdireiten , dass die ge- 
tauften Juden wieder abfallen. So fluchten im De- 
zember 1098 einige gewaltsam getaufte Juden aus Böhmen 
und suchen, ihre Schätze, welche wohl zum grossen Teil aus 
Pfandbriefen oder wertroUen Lombardpfändern be- 
standen, heimlich nach Polen oder Ungarn zu sdiafien, 
worauf der Herzog Bretislaus, um diesen Depotunterachlagungen 
zuYorzukommen , diese SchÜze mit Beschlag belegt und den 
Juden nur ihre eigene fahrende Habe läset So macht 
sich im September 1122 der Bischof Hermann von Prag auf 
seinem Sterbebette Vorwürfe, dass er den Abfall getaufter 
Juden und den Verkehr ron Christen mit denselben 
geduldet habe.'*) 

e. nit JtdnTtiMgng ▼•! 1148. 

Wie wenig nachhaltig diese ganze Ereuzzugsrerfolgung 
wirkte, wie nach kurzer Zeit die Judengemeinden in alter 
Weise weiter bestehen, zeigen mannigfache Beispiela So ist 
im Jahre .1128 in Worms eine Synagoge und eine Jaden- 
gemeinde unter einem Erzsynagogen rorhanden. So berichtet 
eine Urkunde, dass im Jahre 1143 die Juden wieder starke 
Darlehensgeschäfte im Voigtlande betreiben.**) So kauft 
in den Jahren 1135 — 1152 die Kölner Judengemeinde 
mehrere Gebäude zu Gemeindezwecken an. So gibt es im 
Jahre 1137 in Erfurt eine Judengemeinde mit Juden- 
friedhof. So wird vom Jahre 1142 berichtet, dass diumals 
in Prag die Synagoge und viele Gebäude abgebrannt seien. 
Erst das Jahr 1146 bringt mit dem zweiten Ereuzzuge 
eine neue zweite Verfolgung der Juden in der Zeit 
vom August 1146 bis zum Juli 1147 auch in Deutschland, 
die aber ebensowenig wie die erste ron nachhaltigerem Ein- 
fluss auf die Verhältnisse der Judengemeinden begleitet war; 
im Gegenteil geht diesmal die Sache wesentlich glimpflicher 
ab, als das erste Mal, da die Behörden durch die Erlahnuig 
der früheren Zeit gewitzigt sind und thatkräftige Vorsicht»- 
massregeln bei Zeiten treffen. Die hievon betroffene Gegend 
ist in erster Linie wieder wie beim ersten Ereuzzuge das 

**) Aroniot, Regesten zur Geschichte der Joden, S. 104, 295, 120. 
**) Aronios glaubt, dsst diese üikonde erst ins Jshr 1848 zu aelsen 
sei Yergl. Aronios S. 296. 



— 127 — 

Rheinland, wo ein Mönch namens Radnlf äberall heftige 
Reden gegen die Jnden hält, welche sich in lebhafter Er- 
innerang an die Ereignisse des ersten üjreuzzngs in den Tagen 
des 23. und 24. September 1146 nach dem Lanbhüttenfest ans 
den Landorten in die königlichen Bargen und Städte flüchten, 
um anter dem anmittelbaren Schatze Ton König and Reich 
zu stehen. So ziehen damals ganze Scharen von Jaden in 
die königliche Stadt Nürnberg.'^ Aach diesmal sind die 
Kreazzagsführer redlich bestrebt, ihre Heere im Zaame 
za halten. Im Jahre 1146 beklagt sich der Erzbischof Heinrich 
TOD Mainz bei Bernhard Ton Clairyanx fiber das Aaf- 
treten des Mönches Badal£ Bernhard antwortet, die Er- 
mordang der Jaden sei nicht zu billigen, die Kirche 
erstrebe Bekehrang, nicht Vernichtang der Jaden, nicht 
der Tod, sondern die Zerstreaang sei die göttliche 
Strafe der Jaden für ihre Sünden. Anfangs November ist 
Bernhard in Mainz and veranlasst Radnlf, in sein Kloster 
zorückzakehren, dann mahnt er, die Jaden nicht za verfolgen. 
Wo sie nidit seien, treiben es die Christen noch schlimmer, 
90 dass man sie getanfte Jaden nennen sollte. Man solle 
die Jaden schonen, aber verlangen, dass sie den Kreaz- 
fahrern die Zinsen erlassen. Man sieht hieraas: Was 
deo eigentlidien wirtschaftlichen Grand des Hasses 
der Kreazfahrer gegen die Jaden bildet, ist die Aas- 
wacherang der Kreazfahrer darch die jüdischen 
Oläabiger.*^) Die Behörden, denen der Jadenschatz 
von Beichswegen übertragen ist, sind sich des Ernstes der 
Uge denn aach wohl bewasst and Hinn das Möglichste, am 
die Jaden vor Vorfallen wie beim ersten Krenzzage za 
schätzen. So wird die Jadengemeinde von Köln vom Erz- 
bischof in der Wolkenbarg bei Königswinter in Lo- 
thringen in Sicherheit gebracht, während die Häaser und 
das Vermögen der Jaden der Erzbischof in seinen eigenen 
Schatz nimmt; so flüchtet die Jadengemeinde von Halle 
zun Bischof von Halberstadt and nach dem Harz. Auch 
in Magdeburg retten sich die Jaden in den Schatz des 

**) Aronios, Begesten bot Oeachichte der Jaden, B. 205 f. 

'^) Boscher rNationalökonomie. Bd. 8, 8. 185 f.) fiadet die Or finde 
^ JodenTeriolgongen in der kaofm&nniachen Eifersacht 
der enporbiaiienden chnstüchen Bfirgergemeinden. Der aUffemeine Ein- 
dnck, der sieh am den obigen Thatsachen ergibt, dfirfte dieae Aoaicht 
nebt gerechtfertigt erscheinen Jassen. Wer gegen die Jaden vorgeht, ist 
nicht das kapitaliitisch-kattfin&Qniscbe Stadtebfirgertom — im Gegenteil, 
Bourgeoisie and Jadenscbaft halten trea Bosammen ^ es ist im Gegenteil 
der dareh den Bodenachacber aasgewacherte GroBB- nnd Kleingrond- 
beiitserstand vom Lande, der Torbfindete Edelmann nnd 
Baaer, der dam Jaden den Garaoa macht, bevor er die angestammte 
^Ue verlftSBt, am im fernen Syrien ein gefikhrliches Wfirfelspiel am 
Tod od«r Leben aaf neaer wirtsohalUicber Grandlage sa wagen. 



— 128 — 

Bischofs. Aber auch diesmal ist die Kaclit der Kreuz- 
zngsführer und Behörden trotz aller Vorsichtsmassregelu 
nicht YÖllig imstande, der herrschenden Erbitterung der ins 
ferne Syrien auswandernden Landedelleute und Bauern 
einen ausreichenden Zaum anzulegen. So werden bei Spei er 
einer Jüdin die Ohren und Daumen abgeschnitten. So wird 
im Jahre 1147 in Asch äffen bürg die Jüdin Guthaida 
ertränkt, weil sie sich nicht taufen lassen wilL So werden 
am 24. Februar die Juden in Würz bürg von den Kreuz- 
fahrern angefallen und ihrer 21 erschlagen; der Best lässt sich 
taufen, kehrt aber, wie gewöhnlich, bald wieder um. So werden 
in Böhmen beim Durchzuge der Kreuzfahrer 150 Juden 
getötet. Mau sieht, die Sache geht diesmal wesentlich 
glimpflicher yorüber, als das erstemal und schon um das 
Jahr 1150 haben sich die Judengemeinden wieder derart 
erholt, dass eine grosse Synode der Judengemeinden yon 
Spei er, Worms und Mainz stattfinden kann. Im 
Ji^e 1160 — 1173 finden sich nach Benjamin yon Tudela 
jüdische Gemeinden in Deutschland namentlich am Rheine 
yon Köln bis Cassanburg an der Reichsgrenze. An der 
Mosel sind solche in Coblenz, Andernach, Kaub, Kar- 
tania, Bingen, Worms und Mistran. £s gibt dort viele 
grosse Gelehrte und fremde Juden finden gastliche Aufnahme. 
Femer giebt es Judengemeinden in Astransburg, Duidis- 
burg (Duisburg), Mantern, Pisingas, Prag, Bamberg, 
Tsor und Regensburg an den Reichsgrenzen, wo seitens 
derselben wahrscheinlich ein heryorragender Getreide-, 
Vieh- und Sklayenhandel betrieben wurde.**) 

Um bei der zunehmenden Schwäche der Reichskrone 
thatkräftige Unterstützung zu finden, wendet sich die Reichs- 
judenschaft an die immer mächtiger werdende Kurie mit der 
Bitte um thatkräftigen Schutz gegen die steigende Erbitterung 
des deutschen Volks und diese Bitte ist denn auch alsbald 
yon bestem Erfolge begleitet, indem der Papst Alezander ni., 
(1159 — 1181) eine BuUe erlässt, in welcher er auseinander- 
setzt, dass wie den Juden nicht gestattet werden dürfe, über 
die ihnen gesetzlich gewährten Freiheiten hinaus- 
zugehen, sie auch andererseits keinen Schaden an ihren 
Rechten leiden sollen, und da sie ihn um Hilfe gebeten 
haben, wolle er aus christlicher Liebe nach dem Beispiele 
seiner Vorgänger Galiztus und Eugen ihnen seinen Schutz 
angedeihen zu lassen. Er setzt desshalb fest, kein Christ solle 
einen Juden zur Taufe zwingen dürfen; wenn aber ein 
Jude sich taufen lassen wolle, solle er yor Schmähungen 
seitens seiner Glaubensgenossen bewahrt werden; und am 
19. März 1179 bestimmt das dritte lateranische Konzil über 



Sl 



) Aronios, Begettan zur Getdüchle der Jaden, 8. 106, 110 IT., 118 ff. 



— 129 — 

die Jaden, weiin ein Jude sich taufen lasse, solle er künftig 
Beine Besitzungen nicht verlieren; denn er müsse nach der 
Taufe besser gestellt sein als vor der Taufe. Nötigenfalls 
habe die weltliche Gewidt bei Strafe der Ausstossung aus der 
Kirche solchen getauften Juden ihre Besitzungen wieder zu 
verschaffen. Weiter bestimmt er, kein Christ soUe einen Juden 
ohne Urteil der weltlichen Gewalt verwunden, töten, ihm 
sein Geld wegnehmen oder die guten Rechtsgewohnheiten 
ändern dürfen, deren sich die Juden erfreuen. Bei ihren 
Festen dürfe man die Juden nicht mit Stöcken oder 
Steinen misshandeln und niemand solle den Juden- 
friedhof verletzen oder Leichen darin um Geldes willen 
ausgraben dürfen. Von Interesse für die Stellung der 
Jnden zu dem heiligen Stuhle jener S^eit ist feiner ein 
Schreiben des Papstes Alexander III. an den Bischof von 
Tournay. In demselben erinnert die Kurie den Bischof 
daran, wie sie lange vor dessen Wahl dem Kapitel einen 
getauften Juden als Kanoniker empfohlen, das 
Kapitel aber erklärt habe, der Bischof habe darüber zu be- 
stimmen. Nun weigere sich der Bischof aber, weil er keinen 
Auftrag erhalten habe. Der Papst erklärte nun, mau dürfe 
jenen Mann nicht verachten, weil er ein geborener 
Jude sei, und befiehlt, ihn zum Kanoniker zu ernennen.**) 
Wie sehr man sich damals bemüht, die Juden durch Ver- 
Btandesgründe zur Ablegung ihres Glaubens zu bewegen, 
zeigt z. B. die Nachricht, dass in den Jahren 1120—1136 
der P&ffe Rupert von Deutz ein für Anfänger bestimmtes 
Handbuch zur Vorbereitung für Disputationen mit 
Juden schreibt, wie auch um dieselbe Zeit von dem Abt 
Rudolf von St. Pantaleon in Köln berichtet wird, dass er 
bäufig freundliche Gespräche mit den Juden geführt 
und dabei versucht habe, ihre Herzenshärte durch Güte 
zu brechen, so dass es ihm thatsächlich gelungen sei, 
dass zahlreiche Juden ihm treue Liebe gezeigt und dass ihn 
die Judenfranen aufgesucht und sich mit ihm unter- 
halten haben.*') 

Welche Zustände damals gerade in Bezug auf die Juden- 
tanfen herrschen, zeigen mannigfache Nachrichten. So wohnt 
im Jahre 1137 in Regensburg ein sehr reicher jüdischer 
Darleiher, dessen Sohn gerne zum Christentum über- 
treten möchte, dies aber aus Furcht vor seinem Vater und 
vor der Armut nicht thut, der er sich dadurch ausgesetzt 
Beben würde. Er sammelt desshalb heimlich eine Menge 
Goldes und begibt sich dann, als sein Vater abwesend ist, 
zum Erzdiakon, um seine Schätze zu übergeben und sich 

^ ") Aronios, Regesten zur Geschichte der Jaden, S. 183, 186, 188 f., 
104,101. 

9 



— 180 — 

taufen zu lassoD. Dieser nimmt Ai\s Greld in Verwahrung 
und macht dann dem Vater des Juden den Vorschlag, ihm 
das Geld zu lassen, wenn die Taufe unterbleibe. Der Vater 
tötet infolge dessen den Sohn, der Erzdiakon wird verbrannt, 
die Eltern des Juden und viele Juden aber lassen sich taufen, 
um der Wut des Volks zu entgehen. So wird femer berichtet, 
am 19. April 1158 habe in Köln ein Jude, dessen Vater 
sich hatte taufen lassen, eine Hostie auf dem Kirchhof 
vergraben, ein Priester aber dieselbe wieder aufgefunden, 
wobei sich die seltsamsten Dinge ereignet haben. So erzählte 
man sich damals überall, die Juden pflegen alljährlich 
dem Heiland zum Spott ein Wachsbild zu kreuzigen 
und dann zu schmähen, indem sie ihm alles anthnen, was 
in der Leidensgeschichte stehe. Im August 1179 &hreni einige 
Kölner Juden den Rhein hinauf, als man bei Boppard 
die Leiche eines Ghristenmädchens findet. Man beschuldigt 
desshalb die Juden des Mords, ermahnt sie zur Taufe und 
wirft sie in den Rhein, wie auch das Reich für die Frevelthat 
von den betreffenden Judongemeinden 500 Silberstücke, 
der Bischof 420 Sühnegeld einzieht, wovon die reiche 
Judengemeinde in Bonn 400 bezahlt, nachdem alle Be- 
stechungsversuche bei den Behörden seitens der 
Juden vergeblich geblieben sind. Am 17. Februar 1187 
tötet ein angeblich wahnsinniger Jude ein Christenmädchen. 
Er wird mit sechs anderen Juden erschlagen, mau plündert 
ihre Häuser und flicht die Leichen auf das Bad; die Matter 
des Mörders wird lebendig begraben, der Bruder gerädert 
und die Judengemeinde muss dem Erzbischof und 
den Grafen 120 Silberstücke Sühnegeld bezahlen. Am 
2. März 1188 findet man in Münzenberg in der Wetteran 
eine Christin in einem öffentlichen Brunnen; das Volk be- 
schuldigt die dortigen Juden dieses Mords, worauf die 
Juden unter Zurücklassung ihrer Habe und PfiLnder und der 
ThoraroUen fliehen. Der Fürst nimmt sich aber ihrer an. 
Als im Jahre 1201 Werner von Bolanden die Stadt St. 
Gk)ar belagert, geht alsbald die Sage von Mund zu Mund, 
ein hölzerner Kruzifizus, der dabei beschädigt worden sei, 
habe, wie durch das Zeugnis eines Juden bestätigt sei, 
zu bluten angefangen.*^) 

War es bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts in erster 
Linie Italien gewesen, wo sich die Juden mit Vorliebe 
aufgehalten hatten, so gelingt es dort seit der zweiten 
Hälfte des 12. Jahrhunderts den Lombarden in zunehmen«- 
dem Masse, ihr Bedürfnis an Edelmetall auf anderem W^e 
zu beschaffen, und so werden die unliebsam gewordenen 

**) Aroniiu, Regesten zur GeBchichte der Juden, 8. 1(Xn ISS, 14B f., 
188, 144 f., 146, 159. 



— 181 — 

Fremdlinge äberall iii Italien damals des Landes vorwiesen. 
So wird ihnen im Jahre 1140 der Aufenthalt in Corsika 
verboten*^), so werden sie im Jahre 1171 aus Bologna 
ausgewiesen, weil sie höhere Zinsen genommen hatten, 
als ihnen gesetzlich gestattet war. Die Bürger von 
Bologna, heisst es in der betreffenden Nachricht, haben lieber 
auf die seitherige Bequemlichkeit, immer Geld dar- 
geliehen zu erhalten, verzichtet, als sich zu Hörigen 
der Judengemeinde gemacht*^) In Scharen wandern jetzt 
die aus Italien verbannten Juden in die Provence und nach 
Bnrgund, wo sie sich alsbald in allen Städten festsetzen 
and neben zahlreichen Edelleuten und Städtebürgern sind es 
namentlich auch die geistlichen Körperschatten, welche den 
Juden überall stark verschuldet sind. So ist im 12. Jahr- 
hundert der Jude Salomon von Dijon der Gläubiger der 
beiden grössten Abteien von Burgund, der Abteien von 
St. Benigne und St Seine, so dass im Jahre 1122 die Herzogin 
Alice von Bui^nd den betreffenden Juden abfinden muss,'') 
und auch in Frankreich sich bald der Unwille weiter 
Kreise gegen die Juden geltend macht Seit dem Ausgang 
des 12. Jahrhunderts treten auch hier die Lombarden und 
Toskaner immer mehr als Darleiher hervor und machen 
den Juden einen erfolgreichen Wettbewerb. Wohl helfen die 
Landesherren und die Bischöfe auf Befehl der Papste 
den Juden, wie denn der judenfreundliche Papst Alexander III. 
auf dem lateranischen Konzil allen gewerbsmässigen 
Handel mit Zinsen den Christen verbietef^) und so den 
Jaden ihr Freiheitsrecht auf das Darleihgeschäft 
gegen Zinsen aufs neue sichert, wie überhaupt auf dem la- 
teranischen Konzil von 1170 ein den Juden sehr günstiger 
Geist herrscht'*^, aber die Reichsregierung mit dem 
Volk und der niedern Geistlichkeit ist gegen dieselben. 
Auch in Deutschland wird die Stellung der Juden 
jetzt eine immer bedrängtere. So wird im Jahre 1163 die 
Jadengemeinde in Leobschütz aufgehoben ^"^ und die 
Haltung gegen die jüdische Bevölkerung wird immer 
schlimmer, als im Jaiu'e 1170 in ganz Frankreich an 
einem bestimmten Tage alle Juden gefänglich ein- 
gezogen und eine Aufnahme ihrer Schuldforderungen 
Torgenommen wird, auf Grund deren sodann eina Ablösung 
der Schuldfordorungen in der Art durchgeführt wird, 
dass den Juden an ihren Forderungen 20 Prozent im 
Geeammtbetrage von 15,000 Mark gestrichen und die Juden 
des Landes verwiesen werden. Es ist ein allgemeiner 



"^ DeppiDg, Jaden im Mittelalter, S. 262, 182 f., 145, 188, 120 f. 
Stobbe, Juden in Deutschland, S. U9. 
Aroniua, Regesten zur Geschichte der Juden, 8. 126. 

9* 



^ 



— 182 — 

Zwangsvergleich mit 80 Prozent Dieses Jahr, schreibt 
der französische Geschichtsschreiber Rigard, verdient, ein Jabel- 
jähr genannt zu werden, denn in ihm erhielt das französische 
Volk dnrch die klagen Massregeln seiner Regierung 
seine an die Juden verpfändete Freiheit zurück. 
Dabei wurde die massvolle Haltung der Krone, wdche 
nur 20 Prozent der Schuldforderungen der Juden gestrichen 
hatte, lobend anerkannt, denn der Regierung hätte als 
Grundherrn das Recht zugestanden, von fremden Personen, 
wie es die Juden seien, alles einzuziehen*®), eine Be- 
merkung, welche völlig den damaligen Verhältnissen des 
Fremdenrechts entspricht In Scharen ziehen sich jetzt 
aus Frankreich die Juden nach den Gra&chaften 
Champagne und Brie, wo sich bald eine Reihe yon 
blühenden Judenniederlassungen entwickelt'*) 

d. Di« dritto JndniTttlblgaBg tos 1196. 

Besser steht es um den Schutz der Judengemeinden 
seitens der Reichsregierung trotz dem zunehmenden 
Hasse des Volks damals noch in Deutschland. Die 
Hohenstaufenkaiser sind infolge ihrer Grossmachts- 
Politik des Judengeldes damals viel zu sehr be- 
dürftig, um sich des fremden Volks entschlagen zu 
können. Im September 1182 bestätigt Kaiser Friedrich I. 
allen Juden yon Regensburg und dem ganzen übrigen 
Reiche, soweit sie zur kaiserlichen Kammer gehören, 
ihre Rechte, nämlich das Recht, Gold, Silber und 
andere Metalle und alle Arten von Handelsgegen- 
ständen zu verkaufen und in gewohnter Weise einzu- 
kaufen, ihr Eigentum und ihre Waren zu vertauschen and 
ihren Erwerb auf gewohnte Art zu suchen^), und als im 
Dezember 1187 die Kunde vom Falle Jerusalems nach 
dem römischen Reiche dringt und dadurch die Erbitterung 
gegen die Juden wächst, so befiehlt Kaiser Friedrich L der 
deutschen Reichsregierung, allen Geistlichen des Reichs 
aufs ernsteste einzuschärfen, künftig nicht mehr gegen die 
Juden zu predigen.^^) Eine Verstärkung dieses Hasses gegen 
die Juden bringt offenbar auch das hervor, dass die 
Anzahl der vom Auslande nach Deutschland ziehenden 
Juden damals fortwährend steigt, als in England im 
Jahre 1189 unter König Richard I. Löwenherz die Juden- 
gemeinden aufgehoben werden und in den Jahren 1192 
bis 1193 die Grafschaft Champagne diesem Beispiele 

folgt.*') Am 13. Februar 1196 entsteht in Spei er infolge 

■ ■ ■■■— »»^~^p^^— ™^ 

"*) Depping. Juden im Mittelalter, 8. 120 f. 

'*) Bourqaelot, Les foires de la Champagne, Bd 2, 8. 165 und 158. 

^*) Aronius, Regelten 2sar Qeschichte der Juden, S. 189, 145. 



— 188 — 

AafSndens der Leiche einer Christin ein Anfstand 
gegen die Jadengemeinde. Man gräbt die verstorbene 
Tochter des Kabbiners Isak aas, hängt den Leichnam aaf 
der Strasse aaf and setzt ihm Mäase aaf den Kopf. Der 
Vater löst daraaf den Leichnam aas, aber tags daraaf 
wird das Haas des Babbiners and das Jadenyiertel nieder- 
gerissen, er selbst mit 8 anderen Jaden getötet, während 
der Rest der Gemeinde darch die Flacht entkommt. Die 
Folge davon ist eine regelrechte Fehde der geflohenen 
Jaden gemein de von Spei er gegen die dortige 
Christengemeinde. Die Jaden bringen es darch Be- 
zahlung grosser Sammen dahin, dass der Brader 
König Heinrichs von Deutschland, Herzog Otto, mit 
starker Trappenmacht vor die Stadt Speier zieht 
und eine vollständige Belagerang derselben beginnt. 
Die bischöflichen Dörfer and die Hofgttter der Bürger von 
Spei er werden niedergebrannt and die Wälder der Stadt- 
gemeinde and des Bischofs niedergehaaen, die Weinreben ent- 
wurzelt, die Saaten zerstört und eben geht der Herzog daran, 
die Mauern der Stadt niederzureissen, als König Heinrich VI. 
aus Apulien heimkehrt, sich die Mörder ausliefern lässt 
and durch Vermittlung der Rabbiner Hiskia u. s. w. einen 
Friedensvertrag zu Stande bringt, durch welchen die Speirer 
BQrgergemeinde zu einer Entschädigung an die 
Speirer Judengemeinde von 500 Gulden verurteilt, 
der Neubau der Judenhäuser und der Synagoge 
genehmigt und die Rückkehr der Juden in die Stadt 
erwirkt wurde.^^) Den unmittelbaren Anlass zum Aufruhr, 
wenn auch nicht den tieferliegenden Grund — denn dieser 
war und blieb die wirtschiStliche Ausbeutung der Be- 
Tölkerung — hatte auch diesmal das Erscheinen der 
Kreuzzugstruppen gegeben, wie dies einige Wochen 
später in Boppard der Fall war, wo beim Erscheinen 
der Kreuzfahrer das aufgeregte Volk den Rabbi Salomon 
nnd andere tötete. Auch hier schritt die Reichsregierung 
sofort ein, indem der Herzog sogleich zwei Mörder hin- 
richtete und König Heinrich ein Bussgeld von 300 Geld- 
stücken von den Bürgern für die dortige Judengemeinde 
forderte**), wie auch am 26. November 1196 einige Kreuz- 
fahrer, die in Worms Gewaltthätigkeiten an den 
dortigen Juden verübten, sofort ergriffen und bestraft 
worden.**) Welche Schärfe die Misstimmung gegen das 
jüdische Grosskapitalistentum damals bereits ange- 
nommen hatte, zeigen folgende weitere Nachrichten: Im 
Jani 1196 wird dem Rabbiner Salomon in Wien, welcher 
damals als Generalpächter die Finanzen des Herzog- 

**) Aronios, Regesten zar Geschichte der Juden, 8. 151 ff. 



— 1S4 — 

toins O est er reich leitete, beim Aufbruch des Erensheers 
nach dem Orient von einem christlichen Angestellten, der 
das Krenz genommen hatte, die Summe yon 24 Galden 
gestohlen, woranf Salomon die Verhaftung des Mannes her- 
beiführt. Jammernd klagt nun die Frau des Verhafteten 
in der Kirche, man habe ihren Mann eines Jaden 
wegen gefangen gesetzt, so dass die Kreuzfahrer mit 
dem Pöbel zum Hanse des Salomon ziehen und diesen 
samt 15 weiteren Juden erschlagen. Auch hier folgt 
indess die Strafe auf dem Fusse und die beiden Rädels- 
führer werden hingerichtet**) Wie sehr damals die Re- 
gierungen, vor allem die hohenstaufischen Herrscher, 
in den Händen der Juden sind, ersieht man weiter daraus, 
wenn im Jalire 1192 der Bischof Albert von Lüttich, 
dem Kaiser Heinrich VI. Ton Hohenstaufen die Bestätigung 
yersagt hatte, einen Befehl des Papstes an den Erz- 
bischof yon Köln, ihn zu weihen, erwirkt und dabei die 
Hoffnung ausspricht, dass wenigstens der Erzbischof yon 
Reims die Weihe yollziehen werde, falls der Kölner sie 
aus Furcht yor der Macht der Juden yerweigere. **) 

6. Die frftiisOtiMke OnmdMbsldanftUfoBiig toh 18S8. 

Was den Juden so in Deutschland durch ihre 
Geldmacht bei der Regierung gelang, ihr Bleiben im 
Lande gegen den Wunsch des Volks, erreichen sie auch 
in Frankreich nach kurzer Zeit wieder, indem im 
Jahre 1198 König Philipp II. August von Frankreich 
(1180 — 1223) die Juden wieder in Frankreich zulässt, da er 
deren Geld zu seinem Kreuzzuge bedarf^*), und so be- 
haupten sich die Juden in Frankreich bis zum Jahre 1223, 
allerdings nicht ohne dass der damalige Papst Innocenz IIL 
wiederholt Vorstellungen gegen dieselben erhebt So tadelt 
derselbe im Jahre 1195 den König von Frankreich w^eii 
seiner Nachsicht gegen die Juden« über welche mannig- 
fache Beschwerden an ihn gelangt seien. Man habe ihm 
mitgeteilt, die Juden ziehen durch ihre Darlehensge- 
schäfte das Vermögen der Kirchen wie der Laien an 
sich, sie besitzen Ranze Stadtgemeinden und seien die Finanz- 
Verwalter der Landesherren, was denn doch nicht angehe, wie 
es auch nicht zulässig sei, dass man der yom Schiüdner im 
Augenblick des Darlehensabschlusses unterzeichneten Urkunde 
vor Grericht mehr Glauben beimesse als den Zeugen, welche 
der Schuldner vorbringe,^') 

Eine Aenderung tritt denn auch in Frankreich ina 
Jahre 1223 mit dem Thronwechsel ein, indem erneut eine all- 

^') AroDias, Regesten znr Geschichte der Jaden, 8. 152. 
«■) Deppiog, Juden im Blittelalter, 8. 120 ff., 18S, 158. 



— 186 — 

gemeine Jndenschnldenablösung und eine Ausweisung 
der Juden stattfindet Im Jahre 1223 bestimmt nämlich unter 
König Ludwig VlIL, dem Sohne König Philipps, die Krone 
TOD Frankreich im Einverständnis mit den Erzbischöfen, 
Bischöfen, Grafen, Freiherren und Rittern des Landes, 
dass alle Zinsverträge mit Juden, welche seit Allerheiligen, 
dem 1. November, an eingegangen worden seien, rechtsungiiltig 
sein, alle über 5 Jahre alten Schuld vertrage aber in der 
Weise ger^elt werden sollten, dass der Betrag der Haupt- 
schuld vom Schuldner nicht an den jüdischen Gläu- 
biger, sondern an die Grundherrschaft, welcher der in 
Betracht kommende jüdische Gläubiger unterstand, zurückbe- 
zahlt werden sollte, und zwar sollte dies in neun Abschlags- 
zahlungen im Laufe der nächsten drei Jahre geschehen. Die 
Reichsregierung und die Grundherren versprachen dabei, sich 
gegenseitig die ihnen untergeordneten Juden nicht zurückzu- 
behalten.^^) Diesem Vorgehen folgte denn auch die A u f h e b u n g 
der jüdischen Darleihergeuossenschaften im ganzen 
damaligen Frankreich, wie aus mannigfachen Nachrichten 
hervorgeht So beschliessen z. B. im Jahre 1239 die Stände 
des Herzogtums Bretagne, dass alle Angehörigen desselben, 
welche Schulden bei den Juden des Herzogtums hätten, von 
ihren Verbindlichkeiten gegen die Juden frei sein, die Juden 
selbst aber aus dem Lande ausgewiesen und die ihnen ver- 
pfändete Fahrnis- und Liegenschaft von den Juden den 
Schuldnern zurückgegeben werden solle, und der Herzog 
schwur bei Strafe des geistlichen Banns für sich und seine 
Nachkommen, niemals mehr Juden im Lande zu dulden oder 
za gestatten, dass ein Grundherr des Herzogtums solche auf 
seinen Gütern aufnehme, wie auch niemand mehr wegen der 
in letzter Zeit stattgehabten Judenkrawalle gerichtlich be- 
langt werden sollte, da dies der allgemeine Wille des Landes 
seL^^) Man sieht, die Massregel war auf Betreiben einmal der 
Geistlichkeit, dann aber auf das bestimmt ausgesprochene, 
durch innere Unruhen unterstützte Verlangen weiter 
Bevölkerungskreise erfolgt und die Durchführung der 
Massregel erfolgte in der Art, dass die Grundherrschaften die 
P&ndsdiiaften der jüdischen Gläubiger an sich nahmen, die 
Sdiuldsummen bei den Schuldnern einzogen und den jüdischen 
Glaubigem ausfolgten, worauf diese des Landes verwiesen 

^) Bruflsel, Usage g^n^ral des fiefs an France, Tb. 1, Bd. 2, Kap, 89. 
Deppmg, Jaden ün Mittelalter, 8. 154 f. 

**) Noveritis, qaod noB ad precadonem epfBCoponim, abbatam, baronom 
ac vasaaUoram Britanniae et peusata volantate totias terrae ejedmoB 
omnet JadaeoB de Britaimia a. 8. w. OeffenU. Aosraf des Hersogs Johann 
T0& Bretagne ca PloSrmel vom Jahre 1289. Lobineau, Geschichte der 
Bretagne, 2. Tk, üikonden« Moriee, Mtooires pour servur de preuves 
i llii^ire de Bretagne. Depping, Jaden im Mittelalter, S. 16ß. 



— 186 — 

worden. Das ist denn auch seither der Weg, anf dem jahr- 
hundertelang immer wieder, so oft es die Juden gar zn arg 
getrieben hatten, die Abhilfe erfolgt So wird im Jahre 1249 
unter dem Grafen Alphous in der Graüschaft Poitiers auf 
die dringenden Vorstellungen der Bürgermeister (Haires) und 
Bäte von Poitiers, Larochelle, St Jean d'Angelj, 
Niort und der Bürger von Saintes und St Maixent ver- 
fugt, dass alle Juden aus diesen Städten ausgewiesen und 
ihre Forderungen bei den Christen von den Behörden einge- 
zogen, d. h. geordnet werden sollen/^ Es ist das Jahr, in 
welchem die Krone von Frankreich den grossen Krieg mit 
Syrien beginnt und König Ludwig IX. der Heilige ordnet 
desshalb, beyor er seinen Kreuzzug nach Palästina antaritt^, 
eine Ausweisung aller Juden aus Frankreich an. 
Die Durchführung dieser Massregel geschieht in der Art, dass 
die Krone zunächst alle Liegenschaften beschlagnahmt, 
welche im Besitz von Juden sind/^ Dass eine derartige Mass- 
regel lediglich im Interesse der jüdischen Besitzer geschah, 
ist zweifellos. Alle diese Liegenschaften kamen daduich, dass 
die Beichsgewalt hievon Besitz ergriff, in den unmittelbaren 
Schutz des Krone; die Juden, welche diese Liegenschaften 
besassen, wurdeu dadurch unmittelbare Hintersassen der 
Reichsgewalt, Reichskammerknechte, und standen im Patronats- 
schutz, in der SchutZYOgtei der Krone, was für sie bei der 
gefahrlichen Stimmung, die gegen sie herrschte, von grösstem 
Werte war. Wie die Volksstimmung gegen die Juden damals 
war, erhellt z. B. aus der Thatsache, dass die französischen 
Kreuzfahrer darüber klagen, wie ihre Feinde, die Sara- 
zenen, sie damit verspotten, dass sie, welche das heilige Grab 
des Erlösers befreien wollen, die Mörder Jesu Christi bei sich 
im Lande dulden, und dass in den Kolouieen, welche die 
Franzosen im heiligen Lande anlegen, es von Juden 
wimmle.^') Seither bleibt denn auch den Juden in Frank- 
reich das Darleihen auf Pfänder gegen Zins verboten, wie z. B. 
aus einer Verfügung König Ludwig IX. für die Langued'oc 
vom Jahre 1284 hervorgeht, durch welche die französisdie Krone 
bestimmt, dass die Juden dieses Landes künftig ausschliesslich 
vom Handwerk und der Kaufmannschaft leben und sich 
nicht mehr mit dem Termin-^*^ und Darlehensgeschäft 
befassen sollen, ebenso wie ihnen nicht mehr gestattet sein 
sollte, Zauberei zu treiben und den Talmud zu besitzen 
oder zu lesen. Dass es bei dem Einzug des jüdischen Grund- 
besitzes durch die französische Krone sich nicht um eine 
gewaltsame Beraubung, sondern im Gregenteil um eine 



^ 



Pepphi^, Jaden im Mittelalter, S. 165 und 160. 
„TermiA'* lat „dies"', daher das Wort „üieskauf ^ d. h. „Zuskau^ 
„Diskontogesch&ft", der UrkundeD. 



— 137 — 

Schatzmassregel fiir die Juden handelte, erhellt aus 
einem weitem Erlass vom Jahre 1257, durch welchen König 
Ludwig IX. nach seiner Rückkehr aus dem heiligen Lande 
anordnete, dass den Juden durch eine hiezu besonders einzu- 
setzende kirchliche Kommission alle Liegenschaften, 
Synagogen und Kirchhöfe zurückgegeben werden 
sollen, welche die Krone vor der Abreise des Königs, nicht 
in der Absicht, sie zu behalten, übernommen hatte, 
nachdem sie geboten hatte, dass die Juden das Land verlassen 
müssen^*), und es war ein weiterer Akt dieser Ablösung der 
Judenschulden in Frankreich und der Authebung der jüdischen 
Darleihergenossenschatten, wenn im Jahre 1260 die Krone 
Terordnete, dass allen Personen, welche Schulden bei den 
Juden haben, der dritte Teil der Schuld nachgelassen 
sein sollte und betre£fs der übrigen zwei Dritteile bestimmt 
wurde, dass die Heimzahlung derselben auf zwei Termine 
zu erfolgen haben solle. Allen Gerichten wurde verboten, 
einen Christen wegen seiner Schulden bei den Juden in Hatt 
zu bringen oder denselben desshalb zum Verkaufe seiner 
Liegenschatten zu zwingen. Betreffs der von getauften 
Juden begangenen Verbrechen aber sollten künftig die Bürger- 
meister (Maires) der betreffenden Städte und nicht 
mehr die jüdischen Gerichte vorgehen. ^^) Ein weiteres 
Vorgehen gegen die Jaden findet in Frankreich im Jahre 1273 
statt, indem auf Grund eines Beschlusses des Konzils von 
Poitiers allen Amtleuten auf dem Lande verboten wird, 
Darleheusverträge von Juden mit dem Gerichtssiegel 
zu versehen und allen Christen mit Ausnahme von Notfällen 
verboten wird, künftig Geld bei Juden aufzunehmen oder 
Juden Geld zu leihen, und im gleichen Jahre verordnet das 
Konzil von Arles, dass alle öffentlichen christlichen 
Darleiher und alle Ehebrecher (adulterii) öffentlich angezeigt 
und an den Festtagen aus der Kirche ausgestossen werden 
sollten. *») 

Aehnliche wirtschaftliche Missstände, wie sie um jene 
Zeit die Juden durch ihren Zinswucher in Frankreich hervor- 
rufen haben, finden sich damals in Kastilien. Unter König 
Alphons X. (1252--1282) sind die Schulden der Christen in 
Kastilien derart angewachsen, dass man mit Billigung 
der Juden in deren Interesse bestimmt, die Christen 
sollen sich in zwei nahe gestellten Fristen wegen ihrer 
Schulden mit den Juden abfinden, wobei ebenfalls wie 
in Frankreich den Gläubigern der dritte Teil ihrer For- 
derung abgezogen wird.^^ Auch in Unteritalien sind 
damals die Verhältnisse dieselben, bn Jahre 1260 bricht in 
Neapel ein Aufstand gegen die Juden aus. Die gleichen 

^ Deppütg, Juden im Mittelalter, S. 161 ff., 288, 854. 



— 188 — 

Verhältnisse sind in Brabant, wo im Jahre 1261 Hersog 
Heinrich UI. durch Testament die Ausweisung aller 
Juden und „Conversini" verfügt, welche sich mit dem 
Zinsgeschäfte befassen, wobei bestimmt wird, daas 
alle Juden sollen bleiben dürfen, welche wie andere 
Geschäftsleute (mercatores) Handel (negocium) 
treiben würden, da man nur den schädlichen 
Zwischenhandel (praestatio-Vorkauf) und das über- 
mässige Schadennehmen (usura^ verbieten wolle. ^*) 
Wie sehr die Frage des Darleingeschäfts damals 
weite Kreise bewegte, ersieht man aus dem Bechtsgutachten, 
welches nach dem Tode ihres Gemahls Alix von Burgund 
die Witwe des Herzogs Heinrich IQ. von Brabant wegen 
der Darlehensgeschäfte bei dem berühmten Rechtsgelehrten. 
Theologen und Dominikanermönch Thomas von Aquino 
einholte. Die Frage an den betreffenden Gelehrten war dahin 
gestellt worden, wie weit es erlaubt sei, gegen die J u d e n 
durch Steuern, Dienstforderungen (contributio^ und 
Schätzungen (conflscatio) vorzugehen. Thomas erwiderte 
darauf, die Juden seien durch eigene Schuld zur bestandigen 
Dienstleistung (servitium) verurteilt und jede Landesherr- 
schaft, der sie angehören, habe das Becht, sich ihres Ver- 
mögens wie ihres eigenen zu bedienen, doch müsse desshalb 
dies auch mit Mässigung geschehen und keinesfalls 
dürfe dem Juden genommen werden, was er zum Lebens- 
unterhalte nötig habe. Es sei Chr istenpfl loht, 
sich mit denenwohl zuvertragen, welche nicht 
der christlichen Gemeinschaft angehören, damit 
der Name des Herrn nicht gelästert werde, wie 
denn auch der Apostel lehre, man solle weder die Juden 
noch die Heiden noch die EircheGottes beleidigen. 
Desshalb sollte man auch den Juden keine weiteren 
Leistungen auflegen als diejenigen, welchen sie yon 
Alters her unterworfen gewesen seien, weil jede unge- 
wohnte Leistung Unzufriedenheit und Verwirrung 
erzeugen müsse. Werde diese Mässigung beobachtet 
so könne man auch von den Juden die hergebrachten 
Steuern erheben. Was aber das Zinsgeschäft betreffe. 
80 sei es offenbar, dass den Juden der Gewinn, den sie 
durch das Nehmen von Zinsen, welche die vom Gesetz 
bestimmte Höhe überschreiten, erzielt haben, von Rechts- 
wegen nicht zukomme. Wenn die Herzogin ihren Juden 
diesen Gewinn nehme, dürfe sie ihn aber nur in dem Fall 
behalten, wenn sie selbst oder ihre Vorfahren im Herzog- 
tum das Opfer ihrer Erpressung gewesen seien. Rühre 



4» 



) Depping, Juden im Bfittelalter, ä. 177. 



— 189 — 

der betreffende Gewinn von anderen Personen her, so sei 
er Ton der Herzogin diesen anszafolgen und so eine 
Handlang zu vollbringen, die eigentlich Sache der Jnden 
selbst gewesen w&re. Finden sich also Personen, welchen 
die Jnden Summen durch die gesetzlichen Schranken 
flberschreitendes Zinsennehmen abgenommen haben, so 
mttsse das Herzogtum diese Summen den betreffenden 
Personen zurQckstellen , finden sich keine, so werde es 
sich empfehlen, die übrig bleibenden Summen zu frommen 
Werken nach dem Rate des Bischofs und anderer recht- 
schaffener M&nner oder zu gemeinnützigen Zwecken 
im allgemeinen Interesse des Landes zu verwenden.^) 

Eine wesentliche Verbesserung ihrer Lage ge- 
lingt den Juden denn auch in den romanischen 
Landern seit den 70er Jahren des 13. Jahrhunderts. 
So lässt im Jahre 1276 König Karl von Änjou-Pro- 
yence-Neapel die von den geistlichen üntersuchungs- 
gerichten wegen übermässigen Zinsnehmens gefangen 
gesetzten Juden frei und schränkt die Machtbefugnisse 
dieser Gerichte wesentlich ein. ^) Verhältnismässig spät er- 
folgte dagegen das Vorgehen gegen die Jnden in England. 
Wohl hatte schon König Heinrich m. (1216—1272) die 
Jaden ausgewiesen, doch hatten auch hier die meisten 
derselben bald wieder die Erlaubnis zur Rückkehr erhalten 
nnd die Krone hatte bei ihnen 5000 Mark zu ihrem Feld- 
zQge nach Frankreich gegen einen Zins von 2000 Mark 
aufgenommen. ^) Zu entschiedeneren Massregeln gegen die 
englischen Juden kommt es erst unter König Eduard I. 
(1272 — 1307). Auch hier ist das Vorgehen gegen die 
Jaden genau dasselbe, wie man es in Frankreich beob- 
achtet hatte. Im Jidire 1286 werden alle Juden verhaftet, 
ihre Forderungsrechte werden festgestellt und ihnen an 
denselben ein Abzug von 12,000 Pfd. Strl. gemacht ^, und 
im Jahre 1290 erfolgt sodann, nachdem im Jahre 1289 
König Eduard I. die von den Bürgern von London bean- 
tragte Ausweisung der Lombarden abgelehnt^^) 
und die Judenschaft inzwischen Zeit gehabt hatte, ihre Ver- 
hältnisse zu ordnen, die Aufhebung der englischen Juden- 
gemeinden. ^ Die englische Reichskammer übernimmt den 
Einzug aller weiteren Forderungen bei den im Rückstand 
gebliebenen Schuldnern und deren Auszahlung an die aus- 
gewiesenen Juden und zieht den Grund und Boden der 
betreifenden Juden an sich, um ihn zu verkaufen und den 
Erlös den ausgewiesenen Juden auszufolgen. 16,000 Juden 
verlassen jetzt die britannische Insel und die englische 

^) DeppiDg, Jnden im Mittelalter S. 179 f^268, 177, 278. 
*0 Rotcher, Nationalökonomie, Bd. 8, S. 187. 



— 140 — 

Gascogne und überschwemmen Frankreich, so dass 
König Philipp lY. von Frankreich, der Sohn König Lud- 
wigs Y., sich wahrscheinlich auf Wunsch der hiednrch sehr 
belästigten französischen Jnden, veranlasst sieht, im 
gleichen Jahre 1290 ein Oesetas zn erlassen, welches die 
Niederlassang aller aus England und der Gascogne 
nach Frankreich gekommenen Juden in seinem Reiche 
verbietef) So ergiesst sich der Strom der aus England 
ausgewiesenen Juden nach Deutschland und die Folge 
ist, dass hier alsbald ebenfalls ernste Yolksbe weg ungen 
gegen die wenig willkommenen G&ste entstehen. 

f. Di« Ltf« d«r dntMbMi Jvdtng«D«lBdn wftbrmid dae 18. Jikrhudcrti. 

Während so die Jaden im Auslande meist vertrieben 
werden, haben sie in D e u t s ch 1 a nd im 13. Jahrhundert 
durchweg noch eine verhältnismässig gesicherte Heimstätte 
and wir finden in den meisten Städten reich entwickelte 
Jadengemeinden, allerdings nicht ohne dass auch hier sich 
die groben Aasschreitungen gegen die Juden in starkem 
Masse häufen. Um das Jahr 1187 unternimmt der Rabbi 
Petachja aas Regensburg von Prag aus eine Reise nach 
dem Orient.^^ Im Februar 1201 tragen die Juden während 
der Belagerung von Worms durch den Gegenkönig Otto 
von Sachsen Waffen wie die christlichen Bürger und 
wirken bei der Stadtverteidigang mit^*) Als im JsSare 1204 
Herzog Ladwig von Bayern die neue herzogliche Bttrger- 
gemeinde in Landshut gründet, d. h. Landshut zu einem 
befestigten Marktflecken macht, und den Land- 
leuten, welche sich dort ansiedeln, besondere Freiheits- 
rechte gegenüber ihren Glänbigern verleiht, lässt sich auch 
ein Jude dort nieder, damit er den Einwohnern 0«ld 
gegen Zinsen vorstrecken könne.^^ Im Jahre 1205 wird in 
Halle das Jaden viertel in Brand gesteckt und man treibt 
die Juden aus der Stadt. Als Entschädigang wird der 
Stadt vom Erzbischof Albrecht von Magdeburg, dem 
die Häuser gehören, ein Bussgeld von 1000 Mark Silber 
auferlegt '^') Im Jahre 1208 kommt der Rabbiner Asarja 
aus Babylon auf einer Handelsreise auch nachDentsch- 
land. Im Jahre 1214 wird die Jadengasse in Metz 
erwähnt*') 

Die ersten Einschränkungen der Juden seitens 
der Kirche, welche jetzt in rascher Folge vorgenommen 
werden, bringt das Jahr 1215, indem das lateranische 
Konzil vom 30. November 1215 bestimmt, es sei wider- 

**) I>epinng, Jaden im Mittelalter, 8. 184. 

**) AroDiDS, Regetten zur Geschichte der Juden, 8. 144, 198 f., 159, 
162, 165, 167, 174. 



— 141 — 

sinnig, dass die Schmäher Christi Gewalt Ober Christen 
ansOben, indem die Jaden öffentliche Aemter bekleiden 
und dieselben diese SteUang zn Feindseligkeiten gegen 
die Christen missbraachen. Es wird desshalb anter 
Emeuerong der Bestimmang des Konzils von Toledo 
bestimmt, dass jeder Fürst, der kflnftig einem Jaden ein 
öffentliches Amt übertragen werde, darch die alljährlich 
stattfindende kirchliche Ihroyinzialsynode entsprechend be- 
straft werden, der betreffende jüdische Beamte aber von 
allem Oeschäftsverkehr mit Christen im Handel a. s. w. so 
lange aasgeschlossen werden solle, bis er das darch seine 
AmtstMtigkeit erworbene Oeld zar Yerwendang für christ- 
liche Arme nach Ermessen des Diöcesanbischofs aasgefolgt 
habe; sein Amt aber solle ihm schimpflich genonunen 
werden. Ebenso solle es mit Ketzern (paganis^ gehalten 
werden. Die Jadengemeinden in Südfrankreich hatten 
geheime Nachricht davon erhalten, dass man gegen die 
Jaden vorzogehen beabsichtige, and infolge dessen sofort 
eine Botschaft nach Rom geschickt, am gegen die Sache za 
wirken '^^; dieselbe konnte aber nichts aasrichten and so 
kamen die ersten jener kirchlichen Yerordnangen gegen 
den Zwischenhandel mit Zinsen zn stände, welche 
seither mit zanehmender Strenge anch in Dentschland 
Yon der Kirche zar Darchfthrang gelangen. Gleichzeitig 
hänfen sich anch in Deatschland jetzt die Angriffe gegen 
die Jadengemeinden znsehends. So werden am 16. Jnni 1221 
in Erfart 26 Jaden yon fremden Friesen and anderen 
Christen bei einem Anfrahr getötet, wobei sich die Bürger 
aufs eifrigste der Jaden annehmen; Dominikaner- and 
and Franziskaner mOn che sollen die Anstifter des 
Anfrahrs gewesen sein.^^) 

Aach sonst fliessen jetzt die Nachrichten über die 
deatschen Jadengemeinden immer reichhaltiger. 
So findet im Jahre 1228 eine Rabbinersynode in Mainz 
statt ^) So schliesst am 6. Jnni 1225 der Herzog Leopold VI. 
Ton Oesterreich mit dem König Andreas von Ungarn 
einen Friedensvertrag. Nach demselben bezahlt Oester- 
reich dem Bischof von Neatra einen Schadenersatz von 
1000 Mark bar, während für weitere 2000 Mark Schaden- 
ersatz der Jade Tekanns für Oesterreich Bürgschaft 
leistet Z^t der Jade diese Samme nicht, so wird 
Ungarn von der Verpfiichtang frei, an Oesterreich 
jährlich 1000 Mark zn zahlen. Im Jahre 1226 werden die 
Juden ans Breslau vertrieben, kanfen sich aber mit 
Geld wieder ein. ^) Im gleichen Jahre zahlen an den 

"*) AroniuB, Begeateo zur Geschichte der Jaden, & 175 ff., 188, 
188 ff., 192 t 



— 142 — 

schlesischen Zollstätten za Bosenberg und Siewierz an 
der mahrisch - kojawischen Handelsstrasse alle fremden 
Reiter oder Fassgänger mit Waren, sie mögen Ouisten 
oder Juden sein, zwei op peiner Groschen^); man sieht, 
die Juden treiben noch immer den Orosshandel. In 
Ueberlingen gibt es in demselben Jahre einen Jaden- 
kirchhof. ^^) Im Jahre 1228 besitzt das Kloster Opa- 
lovicz ein Gut bei Beitanisch, welches fOr das Lraen 
von Seelmessen für den getauften Juden Stephan 
geschenkt worden ist'^) Am 17. Juni 1280 wird in einer 
Urkunde des Klosters Gottesgnaden bei Halle als 
Mitglied einer Gesellschaft, welche die Salzquellen in 
Elmen ausbeutet, auch der Jude Dieterich von Schöne- 
beck erwähnt und seitens des Klosters verlangt, dass 
dieser Dieterich auf seine Rechte zu Gunsten des Klosters 
verzichte. '^^ Am 13. August 1280 söhnt sich König 
Heinrich Vn. von Deutschland, der Sohn Kaiser Frie- 
drichs n. von Hohenstaufen, mit dem Grafen Egino von 
Freiburg, der einige im königlichen Schutze stehende 
Juden gefangen genommen hatte, desshalb aus und be- 
stimmt, dass niemand mehr den Grafen oder seine 
Leute wegen der Klage eines Juden belästigen solle. Im 
Jahre 1231 bestätigt König Wenzel I. von Böhmen das 
Freiheitsrecht der deutschen Gemeinde in Prag. Im 
Juli 1231 wird Worms auf der einen Seite bis zum 
Judenthore durch Feuer zerstört Im Jahre 1232 gibt 
es eine Judengasse in Tirlemont in Belgien, im 
Jahre 1233 gibt es eine solche in Strassburg. Vom 
15. Oktober bis 12. November 1235 werden in Wolfs- 
hagen (Wolfsheim?) bei Kassel 16 Juden erschlagen. 
Im gleichen Jaiire sperrt der Herzog Friedrich der Streitbare, 
der letzte Babenberger, von Oesterreich bei einer 
Hungersnot auf den Bat seiner Hof Juden die Grenze, 
so dass weder zu Lande noch zu Wasser Getreide nach den 
oberen Gebieten ausgeführt werden darf.^^) Im April 1237 
erteilt Kaiser Friedrich IL von Hohenstaufen den Städten 
Wien und Wiener -Neustadt zum Dank ffir ihre Unter- 
stützung einen Freiheitsbrief, durch den unter anderem 
die Juden dieser Städte von den Aemtern ausgeschlossen 
werden, damit sie nicht ihre Amtsgewalt zur Bedrückung 
der Christen missbrauchen, da die Juden von altersher 
zur Strafe für ihre Verbrechen zur ewigen Leibeigenschaft 
(servitus perpetua) verurteilt seien und am 5. Juni 1230 ver- 
spricht Herzog Friedrich der Streitbare von Oesterreich 
denselben beiden Städten wiederholt, in Zukunft keinem 

**) Aronios, Begasten tur Qeicliiehte der Juden, S. 108, 200, 208, 
207, 2ia 224. 



— 143 — 

Jaden mehr ein städtisches Amt zu geben, womit 
dieser die Bürger bedrücken könnte. Im Oktober 1240 
gibt es eine Jndenmauer in Trier. Im September oder 
Oktober 1243 findet in Ortenbnrg bei Vilshofen in 
Niederbayern eine Judenverfolgung statt und im 
gleichen Jahre geht es in Meiningen über die Juden 
her, ebenso am 28. Juni 1244 in Pforzheim, wo 
mehrere derselben (wegen Beligionsyerbrechen ?) ge- 
rädert werden. Im Mai 1246 erlässt König Eonrad IV. 
ron Hohenstaufen den Bürgern von Frankfurt in 
Ansehung ihrer treuen Dienste auf Befehl des Kaisers 
Friedrich 11. allen Schaden und alle Verletzung, welche 
sie bei Ermordung seiner königlichen Kammerknechte der 
Juden mehr aus Nachlässigkeit und Zufall als mit 
Absicht begangen haben. Im Jahre 1247 stellt der Abt 
Gerhard von Werden auf die Bitte der Bürger von 
Helmstedt diesen eine Urkunde über ihre altherge- 
brachten Rechte aus, wobei er sich aber das Gericht über 
die dortigen Juden und Münz er vorbehält. Die Juden 
sollen dem Abte dienen, d. h. ihre Steuer soll in die 
Kanuner der Abtei fallen, wie andere Juden, die unter 
anderen Herren stehen. Man findet um jene Zeit über- 
haupt mannigfache Beziehungen zwischen den den Geld- 
wechsel besorgenden Münzerhausgenossenschaften 
und den den Discontyerkehr besorgenden Jndenge- 
meinden, wie das bei den engen Beziehungen beider 
Thätigkeiten nicht anders der Fall sein konnte.^^ So be- 
richtet eine Aufzeichnung über die Einkünfte des Erz- 
bischofe von Trier yom Jidire 1250 etwa, dass die 
dortigen Juden jährlich 150 Mark an die Münze und 
von jeder Mark eine Unze als Schlagschatz geben 
mflssen. Der Kämmerer ist zugleich Judenmeister. Muss 
ein Jude diesem Busse zahlen, so beträgt sie 30 Denare. 
Weigert er sich, muss er einen halben Vierding Gold 
geben. Bricht ein Jude den Frieden ausserhalb des 
Judenviertels, so hat der Schultheiss über ihn zu urteilen. 
Entflieht er in das Judenviertel, so hat er sich vor 
dem Kammerer zu verantworten. So muss um das Jahr 1250 
der Judenbischof von Trier namens der Judeng- 
meinde dem Erzbischof jährlich 10 Mark unverzinslich 
darleihen, wofür ihm der Erzbischof eine Kuh, einen Krug 
Wein, zwei Scheffel Weizen und einen seiner alten Pracht- 
mantel (Pallien) zu geben hat ^"^ Ferner haben die Juden 

"^ Aronifu, Regesten eot Geschichte der Juden, S. 282 f., 288, 248, 247. 

*^ Eise Verhöhnung der Juden in dem Geschenk eines alteren 
enbischöflichen Mantels zu finden, wie Aronius thut, ist man, glaube ich, 
nfeht berechtigt Jedenfalls war ein solcher bischöflicher Mantel, auch 



— 144 — 

dem Enbischof, seinem Kaplan, dem Kämmerer and seiner 
Frau je eine bestimmte Anzahl Gürtel und Seiden- 
zeuge zu neuen Kleidern zu liefern und dem Erzbischof 
an Weihnachten und an Ostern 6 Pfund und dem Kämmerer 
2 Pfund Pfeffer zu geben. Mag diese Art der Abgabe 
auch aus firflheren Zeiten Oberkommen gewesen sein, wo 
der Warenhandel bei den Juden noch eine grössere Bolle 
spielte, so darf andererseits wohl angenommen werden, 
dass bei dem praktischen Sinn der Juden in solchen 
Dingen dieselbe sicherlich in eine Geldabgabe verwandelt 
worden wäre, wenn sie keine wirkliche praktische Grund- 
lage mehr gehabt hätte. 

Weitere Nachrichten über die Juden zeigen uns das 
fortwährende Bestreben, dieselben aus dem Besitze der 
öffentlichen Aemter zu verdrängen, deren sie sich 
durch Verpfändung in der letzten Zeit in zunehmendem 
Masse bemächtigt hatten. So bestimmt im Jahre 1259 das 
Mainzer Provinzialkonzil in Fritzlar, die Juden sollen 
sofort alle weltlichen Würden und öffentlichen 
Aemter niederlegen, die sie etwa haben und um dieselbe 
Zeit bestimmt das Judenrecht des Spiegels deutscher 
Leute, kein Jude solle Bichter über einen Christen oder 
dessen Bechtsanwalt (Fürsprecher) sein dürfen. 

Wie es damals bereits um die öffentliche Sicher- 
heit in Deutschland bestellt und wie dringend notwendig 
desshalb der Besitz befestigter Heimstätten vor 
allem für die reichen Judengemeinden ist, zeigen 
weitere Nachrichten. Am 23. April 1252 wird das Juden- 
thor in Metz wieder erwähnt und im gleichen Jahre 
wird die Synagoge in Hagenau neu hergestellt Am 
25. März 1253 wird die Judenmauer in Trier genannt. Im 
Jahre 1258 fEtgen Konrad Sulgeloch und sein Bruder Werner 
mit ihren Genossen den Bürgern von Worms durch 
Strassenraub vielen Schaden zu, indem sie alle, die sie 
treffen, ausplündern und Christen und Juden das Ihrige 
wegnehmen. Am 0. Dezember 1260 wird denn auch ein 
Judenthor in Worms erwähnt. In den Jahren 1261 — 1264 
beschweren sich der Erzbischof Werner von Mainz und die 
gesamte Mainzer Geistlichkeit bei Papst Urban IV. über 
den ehemaligen Domkustos Friedrich von Eberstein, 
welcher der Mainzer Kirche durch Brand und Baub 
vielen Schaden mit seiner Bau b er bände zufüge. Haupt- 
mann dieser Bande sei zum Hohne der Geistlichen ein 

wenn er getragen war, noch von hohem Werte; es hatte bei der Kostbar- 
keit solcher Staatsgewftnder und bei der Sitte, dieselben stets in tadel- 
losestem Zustande zu tragen, wie diess die Standessitte bei hohen Personen 
▼erlangt, eine sehr praktische Bedentang, ftlr dieselben eine Absatsqnelle 
zu haben, welche die Dinge gegen vereinbarte Gegenleistungen an sich nahm. 



-^ 145 — 

Jade namens Michael. Eberstein sei ein Feind des geist- 
lichen Stands and der Papst möge desshalb einschreiten. 
Eberstein war ein eifriger Anhänger der kaiserlichen 
Ghibellinenpartei and desshalb 1242 abgesetzt and gebannt 
worden. Jener Jade Michael ist der Jade Michael von 
Landau, der 1273 nach Weihnachten mit Hilfe des Grafen 
Emich von Lein ingen der Stadt Worms vielen Schaden 
zufügt *®) 

Einen weiteren Einblick in die Verhältnisse der 
jfidischen G-eschäftsthätigkeit gibt ans die um- 
fassende Judenordnnng, welche im Jahre 1264 der Herzog 
Boleslaus von Polen erlässt Tötet ein Christ einen 
Juden 9 bestimmt dieselbe, so wird er durch die Gerichte 
bestraft und seine Liegenschaften und seine Fahrnis 
verfallen dem Herzogtum. Geschieht der Mord ohne Blut- 
vei^essen, so hat der Mörder dem Hofgericht Genugthuung 
nach dem Landesrecht zu geben. Die Juden haben das 
Becht, im Herzogtum Handel zu treiben und ihre Güter 
and Waren darin herumzufElhren, wobei ihnen besondere 
Zölle nicht auferlegt werden dürfen. Eine Abgabe von 
den toten Juden zu nehmen, ist nicht gestattet Wer ihre 
Kirchhöfe verletzt, wird nach Landesrecht bestraft und 
sein Vermögen verfällt dem Herzogtum. Wer sie in ihrer 
SjnsLgoge stört, muss dem Hofgericht 2 Pfund Pfeffer 
entrichten. Jeder Jude, der vom Richter zu der „Wandal^ 
genannten Geldstrafe verurteilt wird, muss 1 Pfund Pfeffer 
bezahlen. Jeder Jude, der einen andern Juden verwundet, 
wird vom Richter nach Landesrecht bestraft, ebenso jeder 
Christ, der sich an einem Juden vergreift. In geringen 
Sachen schwören die Juden den Eid am Eingang der 
Synagoge, in wichtigeren Sachen auf ihrem „Rhodal.^^') 
Streitigkeiten von Juden mit Juden sind in der Synagoge 
oder wo es ihnen sonst gefUlt zu entscheiden; der 
christliche Richter darf die Sache nur an sich ziehen, 
wenn es eine der Parteien wünscht Wer ein Judenkind 
raabt, wird als Dieb bestraft*^ 

Nene umfassende Angriffe auf die Juden bringen 
in Deutschland die Jahre 1264 und 1265. Am T.August 1264 
werden in Arnstadt 5 Juden getötet und am 2. April 1265 
geht es in Koblenz über die Juden her und 10 Juden 
werden erschlagen. Am 2. Mai werden inSinzig 72 Juden 
in der Synagoge verbrannt*^) Wie zähe sich trotz allem 

**) Am 20. Aogost 1274 schliesst Erzbiscbof Werner ein Geld- 
geicA&ft mit den Mainzer Juden ab. Aromas 289. 

**) Jthodal** ist die Kanzel in der Synasoge. Vergl. S. 88. 

**) Depping, Jaden im Mittelalter. 8. 194. 

^) ATOoiOB. Regelten zur Qeachichte der Juden, S. 287, 290 U 

10 



— 14« — 

Bestreben der Kirche, die Jaden ans den öffentlichen 
Aemtern sa verdrilngen, diese trotzdem mit Hilfe ihrer 
ftirchtbaren Gtoldmacht behaupten, seigen mehrAu:he weitere 
Nachrichten. Am 14. April 1266 verleiht der Ftkrst Heinrich 
von Mecklenburg der Stadt Wismar ein Privileg, 
nach dem seine Vögte, Münzer, Zöllner, Müller, 
Jaden and anderen Hofbeamten, wenn sie sich bei 
Ansttbung der vom Forsten ihnen anvertrauten Aemter 
etwas iu Schulden kommen lassen, nicht von den städtischen 
Richtern, sondern vom Forsten selbst bestraft werden 
sollten. Am 6. Februar 1267 wird im Erzbistum Ghnesen- 
Polen bestimmt, kein Jude solle künftig mehr mit der 
Erhebung von Zöllen oder mit anderen öffentlichen 
Aemtern betraut werden. Am 10. — 12. Mai 1267 erfolgen 
durch ein unter Vorsitz eines Kardinallegaten abge- 
haltenes Provinzialkonzil in Wien ähnliche BesUmmungen 
wie für die Diözese Onesen-Polen auch für die Kirchen- 
provinz Salzburg und die Stadt und Diözese Prag. 
Am 24. Juli 1267 verleihen die Grafen von Schwerin 
der Stadt Boitzenburg das lObische Kecht, doch sollte 
sich keiner ihrer Amtleute in der Stadt, er sei MOnzer, 
Zöllner oder Jude, vor dem Richter des lObischen Rechts! 
sondern nur vor den Grafen verantworten, es sei denn, 
dass er in deren Abwesenheit wegen einer Schuld - 
forderung verklagt werde. Trotz dieses Widerstands 
bleibt indess der Sieg endlich der Kirche und immer mehr 
beginnen jetzt auch in Deutschland wie 100 Jahre 
früher in Frankreich, die Ausweisungen der Juden 
aus einzelnen Landesherrschaften Platz zu greifen. So 
gibt mit der ausdrOcklichen BegrOndung, dadurch den 
Handelsverkehr der Stadt zu heben, am 26. Juni 1264 
der Herzog Barnim I. von Pommern der Stadt Greifs- 
wald das Freiheitsrecht, die dortige Judengemeinde 
auszuweisen und deren ROckkehr zu verbieten. 
Ob ein Münzvergehen vorlag, ist zweifelhaft**) 

Gleichzeitig machen sich die Folgen der Ver- 
folgungen Jetzt in zunehmender Weise auch für die 
wirtschaftliche Lage der Juden geltend. Schon seit 
Anfang des 18. Jahrhunderts hat sich die Zahl aus- 
wärtiger, namentlich lombardischer Geschäftsleute 
in Deutschland in zusehendem Masse gemehrt Der 
seitherige sehr starke Bezug von italienischen Er- 
zeugnissen seitens der Deutschen hat in erheblichem 
Masse notgelitten. Die Deutschen haben die geschäft- 
lichen Beziehungen mit Lombardien mehr und mehr 



•^ Aronint, BageztenrarGMchielitederJiidaD, 8. 896, 802 ff, 806| 286. 



— 147 — 

abgebrochen und begonnen, ihre Lerantewaren auB den 
Donaoländem zn beziehen, and die Lombarden mfissen sich 
desshalb entschliessen, den Dentschen ihrerseits abzukaufen, 
mn den üeberschuss ihrer Eigenerzeugung los zu werden. 
Wie wir in fast allen bedeutenden St&lten Judengassen 
finden, so z. B. im Herbst 1267 oder 1268 in Parchim 
and im Jahre 1270 in Strassburg^), so sehen wir 
überall jetzt neben ihnen lombardische Geschäfts- 
leute auftauchen, so z. B. in Mainz, Begensburg, Eöhi^), 
welche dorthin zum Aufkaufe gegen Austausch ihrer 
Landeserzeugnisse und der Einfubrwaren der Levante 
kommen. Waren seither die Juden als die hauptsächlichen 
Träger des Grosshandels unentbehrlich gewesen, 
so hatte das seit den Ereuzzflgen mächtig geförderte Auf- 
blfihen eines christlichen Eaufmannsstandes dieser 
SteUnng ein Ende gemacht Die Handelseifersucht 
beider war immer mehr gestiegen, Abneigung und Hass 
erhebt sich gegen die Juden und man beschränkt sie auf 
dag Darleihgeschäft, indem man ihnen die seitherige 
rechtliche und gesellschaftliche Gleichheit immer 
mehr entzieht*^ Ihren Ausgangspunkt scheint die 
damalige deutsche Bewegung gegen die Juden in 
Böhmen genommen zu haben. Im J^e 1290 entsteht 
in Prag ein Aufstand gegen die Juden und die Bewegung 
yerbreitet sich von hier aus rasch ttber ganz Böhmen, 
Mähren und Deutschland.*^) An den verschiedensten 
Orten entstehen Aufstände gegen die Juden. So findet im 
Jahre 1290 ein grosser Judenkrawall in Mflhlhausen 
im Elsass statt, bei dem es zu Gewaltthätigkeiten gegen 
die dortige Judengemeinde kommt, so dass die BÜicbs- 
regierung einschreitet und die Stadt fi'oh sein muss, als 
Kaiser Rudolf die Bürger derselbcoi von der Untersuchung 
and den der Stadt angesetzten Strafen wegen des vorge- 
kommenen Landfriedensbruchs freispricht und den 
Bürgern die Bezahlung von 200 Mark erlässt, welche 
sie infolge der Sache den Juden schuldig geworden 
waren. •^ 

Ein weiteres Vorgehen gegen die Juden erfolgt in 
Frankreich im Jahre 1304 unter EOnig Philipp dem 
Schönen, indem die französische Krone einen Staats ver- 

"^ AronhiB, Begeaten sw Geschiciite der Juden, S. 810, 814, 107 f. 

**) Roflcber, NattonalökoBOBie, Bd. 3, S. 187. Maurer Deatuhes 

3ttdteweien, Bd. 1, 8. 404. Emieo, Geschichte von Köln, Bd. 2, 8. 827. 

?Deppiog, Jaden nn Mittelalter, B. 198. 
Graf, Geschichte von Monlhaosen, Bd. 1, S. 27. Depping, Jadeo 
un Mittelaiter, 8. 217. 

10» 



— 148 — 

trag mit dem Herzogtum Bnrgand abschliesst, durch 
welchen allen französischen G-erichten verboten wird, 
Klagen von jüdischenDarleihern ans Bnrgand an* 
znnehmen, nachdem dieser Massregel die Ablösung aller 
Schulden der französischen Staatsbürger bei den bur- 
gundischen Juden durch Vertrag zwischen den beiderseitigen 
Regiemngen vorausgegangen ist, worauf im Jahre 1306 in 
ganz Frankreich eine Grundschuldenablösung statt- 
findet Vorangegangen war diesem Vorgehen zunächst eine 
Herabsetzung des Wertgehalts der Münzen, wo- 
durch eine allgemeine Erleichterung der tiefver- 
schuldeten Grundbesitzer eingetreten war. Diesem 
ersten Teil des Vorgehens der französischen Begierung 
folgte sodann die wiederholt geschilderte Begelung aller 
Pfandschulden der französischen Bürger durch die 
Krone, wobei den Schuldnern, welche binnen der 
festgesetzen Zeit bezahlten, der fünfte Teil oder 
20 Prozent ihrer Schuld nachgelassen wurde. Nach 
Ablauf des zur Abwicklung dieser G^chäfte vorgesehenen 
Zeitpunkts wurde sodann allen Juden befohlen, das 
Königreich zu verlassen und ihnen bei Todestrafe 
verboten, dahin zurückzukehren. Alle Häuser, Felder. 
Wiesen, Weingärten, Scheunen und Keller aber, welche 
noch im Besitze von Juden waren, wurden vom Reiche 
eingezogen und verkauft und der hiefür erlöste Betrag 
den ausgewiesenen Besitzern ausbezahlt, während die 
fahrende Habe von den Juden mitgenommen werden 
durfte, soweit es sich nicht um bares Geld, Edel- 
metall, Juwelen, Gold- und Silbergeschirr handelte. 
Da nämlich die Juden, um sich den Besitz ihrer wertvollen 
Pfandgegenstände zu erhalten, diese mannigfach bei 
Christen versteckt hatten, wurde ihnen befohlen, ihren Be- 
sitz in Waren umzutauschen, deren Ausfuhr ihnen 
freigestellt war, wahrend sie an barem Gelde nur 
so viel aus dem Lande führen durften, als sie zur 
Reise nötig hatten.*'^ Alle Schuldforderungen von 
Juden aber wurden für erloschen erklärt und kein 
Jude konnte mehr gegen einen Schuldner klagbar werden, 
da die Beichskammer die Einziehung dieser Forderungen 
an sich genommen hatte. Nicht besser als den Juden gieng 
es übrigens den in Frankreich angesessenen zahlreichen 
lombardischen Darleihern und Ko wertschen. Auch 
diesen wurde befohlen, binnen zwei Monaten das König- 
reich zu verlassen und nie wieder Darlehensgeschäfte zu 
machen. Nur diejenigen sollten dableiben dürfen, welche 



•") DeppiDg, Juden im MitteUlter, 8. 186 ff., 119 f., 177 U 



— 149 — 

einen gesetzlichen Handel treiben wollen. Eigene 
Kommissäre werden jetzt in ganz Frankreich mit dem 
Verkaufe der Aecker, Wiesen, Weinberge und anderen Güter 
der aasgewiesenen Juden und anderen fremden Darleiher 
beauftragt , wobei festgesetzt wird, dass die Käufer, welche 
Schätze auf den erkauften Orundstäcken entdecken, 
diese der Krone ausliefern sollen. Weiter wurden alle 
Forderungen der ausgewiesenen Juden durch die Be- 
amten der Krone, welche die betreffenden Pfandbriefe 
a. 8. w. mit Beschlag belegt hatten, namens der aus- 
gewiesenen jüdischen Gläubiger eingezogen und es 
wurde hiebei auf die Notlage der Schuldner die weit- 
gehendste Rücksicht genonunen, indem man denselben 
Stundung ihrer Schuldbeträge bis zu 40 Jahren 
einräumte, wobei die betreffenden Beamten die grOsste 
Mühe hatten, sich in dem Wirrwar von Pfandbriefen, Ab- 
machungen u. s.w., welche meist aussergerichtlich zu 
Stande gekommen waren, zurechtzufinden. Obgleich die 
Regierung nämlich, wie wir gesehen haben, bestimmt hatte, 
dass allen Schuldnern, welche sich selbst angeben würden, 
Vorteile, namentlich der Nachlass von 20 Prozent ihrer 
Schuldsumme, bei der Rückzahlung eingeräumt werden 
soUte, war ein grosser Teil derselben nur wenig geneigt, 
die Forderung zu begleichen. Viele waren eben derart an 
den Band des wirtschaftlichen Abgrunds gebracht, dass 
sie trotz diesen Vorteilen nicht in der Lage waren, von 
dem Angebot der Regierung Gebrauch zu machen. Welche 
Summen damals das französische Volk den Juden schuldig 
geworden war, erhellt aus der Nachricht, dass die amtliche 
Flüssigmachung, welche der Beichsamtmann von Orl6ans 
vomabon, neben dem baren Geld, den Juwelen und dem 
Silbergeschirr die Summe von 33,700 Pfd., 46 Schill, und 
5 Hlr. ergab. Aus dem Verkaufe der einen Judenschule 
wurde der Betrag von 840 Pfd., aus der zweiten Juden- 
schule wurden 140 Pfd. erlöst Schwieirigkeiten entstanden 
fibrigens auch hier dadurch, dass zahlreiche Juden ihr Gold 
and Silber und ihre Kostbarkeiten bei Christen versteckt 
hatten.*^ In welch' heillose Verwirrung die übermässige 
Grundyerschnldung damals das französische Volk ge- 
bracht hatte, geht daraus hervor, dass Hunderte von 
Witwen, Waisen und Armleuten, d. h. Bauern, sich unter 
den Schuldnern befanden, welche die Richtigkeit der 
ihnen zugemuteten Forderungen bestritten, wirt- 
schaftliche Existenzen, denen die Behörden einfach 
machtlos gegenüber standen. So war es gewiss bei dem 



^ Depi^g, Juden im Mittelalter, S. 187, 109. 



— 150 — 

allgemeinenUnwilleii derweitesten BerOlkernngs- 
kreise gegen das Jadentam im Interesse der per- 
sönlichen Sicherheit der Juden selbst die geeignetste 
Massregel der franaösischen Regierung gewesen , die An- 
stifter des ganzen Unglficks dadurch den Augen der Leute 
entsiehen, dass man dieselben aus dem Lande schaifte.**) 

Die treibende Kraft dieser Ausweisungsmassregeln in 
Frankreich, mit denen ähnliche Massregeln in Spanien 
Hand in Hand giengen, war der Gtogenpapst Benedikt XI. 
gewesen. Die ausgewiesenen jüdischen Gläubiger aber er- 
boten sich jetit allmählich, nachdem die französische 
Regierung Ernst gemacht hatte, den Stand ihrer 
Forderungen genau anzugeben, wenn man ihnen da- 
gegen das Recht einräume, nach Frankreich zurück- 
zukehren, ein Angebot, auf das die französische Krone 
auch eingieng, und so wurde allmählich einer steigenden 
Zahl von Juden der Aufenthalt in Frankreich wieder ge- 
stattet Die Rückkehr der Juden nach Frankreich 
erfolgte in grosser Ordnung. Jüdische Kommissare, die 
hlesu die Krone aufstellte, hatten allen Juden, welche zu- 
rückkehren wollten, Erlaubnisscheine mit Angabe des 
Niederlassungsorts auszustellen, und die ReichslandsySgte 
(s6n6chauz) und Stadtamtleute hatten die bestimmte Weisung, 
alle Juden gefänglich einzuziehen, welche ohne diese Voll- 
macht zurückkehrten. Die Jüdischen Kommissäre aber 
hatten wieder Unterkommissäre in den einzelnen Landes- 
teilen, z. B. im Dauphinft und im (Gebiete von Velay. 
welche fiir diese Teile das Geschäft Überwachten. Die 
Juden, bestimmte der Erlass rom Jahre 1315, dürfen in 
das Königreich und in die Städte zurückkehren, in welchen 
sie früher gewohnt haben und sich dort 12 Jahre lang 
aufhalten. Sie können daselbst von der Arbeit ihrer 
Hände oder vom Verkaufe kaufmannsguter Waren 
leben, auch dürfen sie Geld auf Pfänder leihen, 
während ihnen das Nehmen von „Schaden*^, d. h. Zinses- 
zinsen, verboten sein soll. Ihre alten Forderungen sind zu 
einem Drittel ihnen selbst und zu zwei Dritteln der 
Krone heimzuzahlen. Sie dürfen wegen dessen, was sie 
vor ihrer Ausweisung gethan haben, nicht verfolgt werden. 
Kein Landesherr darf in seinem I^mde andere Juden als 
seine eigenen halten und ihre Verhältnisse erleiden keine 
Veränderung, wenn sie aus dem Ghebiete eines Landeherrn 
in das Gebiet des Königs ziehen oder umgekehrt Mit 
ihren Schuldnern dürfen sie nur am Ende des Jahrs ab- 
rechnen, während es den Schuldnern jederzeit freisteht, 

**) Vslbonais, Histoire da Daaphin^, Genf 1721, Bd. 2. Dq»pmg, 
.luden im Mittelalter, 8. 902 f; 



— 161 — 

mit üuren Gläubigem äbsurechneii. Im übrigen sollten die 
alten Freiheitsrechte der Juden in Frankreich auch ferner 
Gültigkeit haben« Ihre Synagogen und Kirchhofe 
durfte sie gegen Bückerstattung des ihnen dafür 
bezahlten Kaufpreises wieder surückerwerben. 
Was Ton ihren Büchern nicht verkauft war, erhielten 
sie surück mit Ausnahme des von der Kirche verbotenen 
Talmuds. Die Krone ernannte «wei geschworene Juden- 
richter, um diese Ordnung zu vollziehen und wegen der 
Erbgüter Entscheidungen zu treffen, die seit der Aus- 
weisung unter der Hälfte ihres Werts verkauft worden 
waren. Wurde den Juden nach Yerfluss der 12 Jahre ihr 
Aufenthaltsrecht nicht verlängert, so sollte ihnen ein Jahr 
Zeit zur Verwertung ihres Vermögens gegeben 
werden.^«) 

War es damit den Juden schon im Jahre 1815 wieder 
gelungen, wenigstens auf die Dauer von 12 Jahren Zutritt 
in Frankreich zu erlangen, so glückte es ihnen wenige 
Jahre später, ihre Stellung in £esem Lande noch mehr 
zu verbessern, indem ihnen unter dem Nachfolger KOnig 
Ludwigs X. von Frankreich, dem KOnig Philipp dem 
Langen, im Jahre 1817 das Becht eingeräumt wurde, dass 
sie künftig nicht mehr der „numus mortua'' oder dem 
„Sterbfallrecht unterworfen sein sollten und ihnen das 
Erbrecht zugesichert wurde. Femer wurde bestimmt, 
dass sie in der Champagne und anderwärts ün Ver- 
hältnis zu ihrem Vermögen sollten besteuert werden 
nnd nur ihrer vorgesetzten Obrigkeit verantwort- 
lieh sein sollten. Würden sie wegen eines Verbrechens 
verhaftet, so sollten sie gegen entsprechende Bürgschaft 
wieder auf freiem Fuss gestellt werden dürfen. Weiter 
wurden sie von der Verpflichtung zum gerichtlichen 
Zweikampf befreit, nur wenn sie einen nachgewiesenen 
Mord begangen haben sollten, waren sie hiezu verpflichtet. 
Ihre Personen, Güter und Bücher sollten auf Niemands 
Klage mit Beschlag belegt werden können, ohne dass die 
ReichslandsvOgte und ^tleute vorher die Gründe des 
Klagenden angehört hatten. Endlich waren sie bei Strafe 
des Betrugs verpflichtet, nur kaufmannsgute Waren 
zu verkaufen.''^) 

Wie ün eigentlichen Frankreich, so wird auch im 
englischen Aquitanien damals die Stellung der Juden 
immer gefährdeter. Im Jahre 1320 untem^mien wilde 
Volkshaufen, die sogenannten „pastonreux^, d. h. an den 
Bettelstab gekommene Bauersleute, einen Angriff auf die 



^ Depping, Jaden Im Mitlslaller, 8. 908. 



— 152 — 

Borg YOQ Verdau an der Gk^onne, wo sich die Jaden 
der Gtegend hingeilüchtet haben, erstärmt die Barg and 
erschlägt die Besatsang. An 120 jüdische Gemeinden, wie 
Gastel-Sarrasin, Bordeaax, Agen and Foix, werden 
damals zerstört, bis in Montpellier das Haapt der Be- 
wegung geköpft und der Aafstand von den Behörden mit 
Gewalt anterdrückt wird. Der Graf von Toaloase hatte 
einige der Haapträdelsfiihrer des Aafstands verhaften lassen, 
allein mit Hilfe einiger Mönche gelang es den GtofiBuigenen, 
za entkommen. In Schaaren flüchten jetzt die Jaden nach 
Spanien, wo aber die Yolkswnt bald ebenso über sie 
losbricht. Der pästliche Bannflach gegen die Aufständigen 
erweist sich als wirkungslos and erntet noch Hohn and 
Spott Wohl schreitet im Jahre 1821 König Edaard IL 
Ton England als Herzog von Aqaitanien in der Sache 
ein and sichert den Beichsschatz der Güter der ermordeten 
Jaden, indem er dem Beichslandsvogt yon Gascognien 
erklärt, dass diese Güter der englischen Krone zustehen 
and niemand ein Becht habe, dieselben an sich za nehmen, 
aber schon im Jahre 1328 werden in Estelle, Yiana, 
Marseille and anderen Städten eine grosse Anzahl Juden 
yon den aufgeregten Volksmassen erschlagen und beraubt, 
so dass der Jammer hierüber in den Judengemeinden ein 
allgemeiner ist und in ganz Deutschland und Frankreich 
im Jahre 1828 für die Opfer dieser Aufstände in den 
Judengemeinden gesammelt wird, welche seither in zu- 
nehmender Menge nach Deutschland kommen und 
dadurch die schon vorher wenig günstige Stimmung gegen 
die Judenschaft noch vermehren/^) 



7. IMe zunelimende geaellscbaftllehe BesekriDknvg der 
Jndengemelnden rom 18. Jahrkaodert bis znm Jaden- 

krmwall ron 184Sb 

Das 18. Jahrhundert zeigt sich uns in jeder Beziehung 
als eine Zeit des tiefsten sittlichen Zerfalls. Seit 
im 10. Jahrhundert Deutschland aus einem Ackerbau- 
staat mehr und mehr ein Industriestaat geworden 
war, hatte sich zunächst im 11. Jahrhundert eine Zeit 
städtischer Blüte eingestellt, die ihren Höhepunkt unter 
dem gewaltigen Salier Heinrich m. erreicht hatte. Seither 
schon zeigten sich die ersten Keime des Zerfalls. Mehr 
und mehr sahen sich die deutschen G^werbsleute bei der 
zunehmenden Menge ihrer industriellen Erzeugnisse auf 

'< ) Depping, Jaden ün Mittelalter, B. 209 f. 



— 168 — 

den Absatz ihrer ErzengniBse in den Donauländern, in 
Rnssland and der Levante angewiesen, bis seit der 
Mitte des 12. Jahrhunderts es den Lombarden und 
Sizilianern gelang, den Deutschen, Franken und 
Engländern diesen Markt abzujagen. So erfolgte im 
13. Jahrhundert der wirtschaftliche Zusammenbruch 
erst der französischen Wirtschaftsverhältnisse, dem 
derjenige der englischen und deutschen Besitzklassen 
nachfo^fte. Hand in Hand mit dem Aufhören des 
Eörnerbaus in Deutschland infolge der zunehmenden 
Einfuhr von Bodenerzeugnissen aus den neuer- 
schlossenen Bohstoffländem sehen sich die alten Staaten 
Europas mehr und mehr auf den Gewerbebetrieb ange- 
wiesen und es beginnt jener Zeitabschnitt städtischer 
Gewerbeentwicklung, der seinen Zusammenbruch mit 
der Erschliessung Innerasiens im 13. Jahrhundert 
findet. 

Die Klagen über den Mangel an eigenem sitt- 
lichen Halt innerhalb der Christenheit wie über den 
üebermut und die Missachtung, denen die Ange- 
hörigen der christlichen Kirche infolge dieses Mangels 
an sittlichem Halt seitens der Juden und Heiden sich 
ausgesetzt sehen, sind in jener Zeit üppigsten Genus s- 
lebens der europäischen Kulturländer allgemein. So 
erwähnt im Jahre 1221 Cäsar von Heisterbach, die 
Juden und Heiden klagen allgemein über den Hoch- 
mut der Christen, verabscheuen desshalb die christliche 
Keligion und schmähen dieselbe. Im heiligen Lande 
fuhren die Christen nichts als ein zügelloses Leben, 
fröhnen dem Spiele, der Schlemmerei und der Un- 
zucht, 80 dass alles darüber empört sei. In Damiette 
sei ein Cruzifixus von den Sarazenen misshandelt 
worden. Christen werden noch immer von den Juden, 
Sarazenen und falschen Christen gekreuzigt, so 
solle kürzlich wieder ein Christ von einigen Juden 
gekreuzigt worden sein.^) 

Es war das grosse Verdienst der christlichen 
Kirche, dass sie in dieser Zeit schweren inneren Zerfalls 
die Zügel mit neuer Kraft erfasste und das gefährdete 
Schiff des Christentums durch die brandenden Wogen der 
Zeit den gefährlichen Klippen entführte, indem sie den 
Kampf gegen den inneren Feind der Kirche, den 
christlichen Sittenzerfall, wie den äusseren Feind, 
das Judentum, mit gleichen Eifer in die Hand nahm. 
Das Vorgehen der christlichen Kirche gegen die üeber- 



*) Aronius, Regelten zur Geschichte der Jaden^ 8. 187, 194, 804. 



— 154 — 

macht der Jaden auf gesellschaftlichem Gebiete 
erstreckte sich aaf imhezu alle Zweige desselben. In 
erster Linie wnrde allen Laienangehörigen nnd hiein 
weniger geeigneten Priestern der christlichen Oemeinschaft 
verboten, sich mit Jaden aber Glaabensdinge xn 
streiten. So wird am 1. Mars 1227 aaf einer Pro- 
vinzialsynode in Trier beschlossen, kein anwissender 
Priester solle in Gegenwart von Laien mit einem 
Jaden aber Glanbenssachen streiten. So bestimmt 
am 12. Mai 1267 ein Wiener Provinzialkonsil, die 
Jaden sollen künftig nicht mehr mit angebildeten 
Leaten aber den katholischen Glaaben streiten 
and nicht ihre Kinder oder Franen znrückhalten, 
wenn sie znm Christentam übertreten. Aach sollen 
sie nicht Christen zam Jadentnm verlocken oder frech 
beschneiden.^) Diese Verordnnngen ¥rar«i Ansfahrongs- 
gesetze eines päpstlichen Erlasses, der dahin gieng, duss, 
am die Bedrängnis der christlichen Kirche dorch 
die Jaden zn bekämpfen, alle Geistlichen die genannten 
Aasschreitangen der Jaden bekämpfen soUten. Be- 
sonders sollten sie Beligionsgespräche mit Juden 
möglichst hintanhalten, da hiednrch vielfach einfältige 
Lente in die Schlingen des Irrtnms geraten. Nötigen- 
falls sei die weltliche Macht zar HUfe aafzafordem; 
alle Widerstrebenden aber sollten dnrch geistliche Strafen 
and wenn es Jaden seien, dnrch gegenseitige ünter- 
stütznng derGlänbigen gezwangen werden. Man sieht 
daraas einmal, welcherZwang von den strenggläabigen 
Jaden aasgeübt warde, am ihre Angehörigen beim jü- 
dischen Glaaben za erhalten, and wie sehr manche 
Christen sich damals geneigt zeigten, znm Jadentnm 
überzntreten. Für beide Dinge liegen eine Reihe vob 
Beispielen vor. So tanft im Jahre 1220—1221 der Haas- 
kaplan des Herzogs von Brabant die Tochter eines 
Jaden in Löwen, mit dem er Religionsgespräche 
za führen pflegte, gegen den Willen des Vaters, 
nachdem sie entführt worden ist. Der Jade gevrinnt 
darch Bestechang den Bischof von Lüttich, der die 
Tochter aas dem Kloster freizageben befiehlt, woranf 
aber der Bischof beim Erzbischof von Köln verklagt 
wird. Der Papst entscheidet dahin, dass das Kloster gegen 
den Bischof za schützen sei.^ 

Wie sehr das mehr oder weniger gewaltsame Ent- 
führen von Jadenkindern zom Zwecke des Taufens 
damals Sitte war, ersieht man ans der Bestimmang des 

, Regesten zur Geschichte der Jaden, 8. 9Ca, 185 f. 



— IW — 

dsterreichischen Jndenrechts vom Jahre 1244, nach 
welcher jeder, der den Sohn eines Jaden entführte, als 
Dieb bestraft werden sollte.*) Das Entführen von Jnden- 
töchtem war also straflos, was ein weiterer Beweis für 
die niedere Stellung ist, welche die jüdische Volks- 
anschannng dem Weibe anweist 

Weitere Nachrichten stammen vom Jahre 1241. Am 
24. Mai 1241 will sich der Sohn eines Juden in Frank- 
furt a. M. taufen lassen, wird aber hieran von seinen 
Verwandten und Freunden gehindert Es entsteht hieraus 
ein Aufruhr gegen die Juden, bei dem etwa 180 Juden 
durch das Schwert oder das Feuer umkommen, das sie 
selbst an ihre Häuser legen. Der Brand zerstört die 
Hälfte der Stadt, der Best der Juden, 24 an der Zahl, 
mit dem Babbiner lässt sich in der Todesgefahr taufen. 
Da die Frankfurter Juden im Schutze des Beichs 
standen, war das Beich verpflichtet, im Namen seiner 
Hintersassen deren Interessen zu wahren ; die Sache wurde 
denn auch untersucht, doch erliess König Eonrad, der Sohn 
Kaiser Friedrichs n. von Hohenstaufen, den Bürgern von 
Frankfurt mit Bücksicht auf ihre sonst bewährte Treue 
die erwirkte Strafe und den Schadenersatz, da sich ergeben 
hatte, dass der entstandene Schaden mehr durch Nach- 
lässigkeit als durch die schlimme Absiebt der Bürger 
herbeigeführt worden war.^) 

Ein anderer Fall stammt vom Jahre 1260, in welchem 
eine Nonne Agnes, die aus einem in den Kriegsunruhen 
zerstörten deutschen Kloster zu ihrem Vater, einem 
Bitter, zurückgekehrt ist, von diesem verfuhrt wird und 
ihr Kind tötet Sie findet darauf bei einer Jüdin Sara 
in Köln ein Unterkommen als Amme und bringt bei 
dieser 5 Jahre zu, gewinnt diese zum Christentum, 
beichtet einem Predigermönch, geht nach Bom und 
wird absolviert Heimgekehrt ruht sie bei der Jüdin 
Sara aus. Als nun der Judengemahl sie erblickt, gerät 
er in Wut, weil sie seine Frau zum Christentum verleitet 
hatte, und bringt ihr drei gefährliche Stiche bei. Dann 
geht er um Mitternacht mit den Juden der Nachbarschaft 
in die Synagoge. Seine Frau Sara aber sieht im Traum, 
wie die heilige Jungfrau mit zwei Mädchen zu Agnes 
kommt und sie wieder erweckt Als Agnes am Morgen 
verschwunden ist, sprechen die Judengatten nicht von der 
Sache, da jeder Teil glaubt, der andere habe die Nonne 
begraben, bis ihnen nach kaum 40 Tagen eine Frau Grüsse 

^ Arouhis, BegeBten zur Geschichte der Jaden, 8. 284. 
^ Böhmer, Codex diflon^ 8. TS. Stobbe, Joden in Dentschland, 
S. 97. Aronine, Regeeten xnr Geschichte der Juden, 8. SM, 



— 156 — 

von A^es bestellt Sara preist nun die Macht Christi, 
der Tote belebe, ihr Mann aber, ergrimmt, hält sie zwei 
Jidire eingeschlossen, bis es ihr gelingt, mit ihren Kindern 
zu entfliehen, als ihr Mann verreist Sie lässt sich taufen, 
erhält den Namen Gertrud und wird von den Christen, 
die sie als sehr reich und edel kennen, fi*eudig aufge- 
nommen. Zwei Söhne und eine Tochter folgen ihrem 
Beispiele. Sie bleibt in der Kölner Diözese, trifft dort 
Agnes und erfährt von ihr, dass sie nicht getötet worden 
war, obgleich sie drei Wunden erhalten hatte.^) 

Wie gross die Gefahr für den weiteren ge- 
sicherten Bestand des Christentums damals 
geworden war, zeigen vor allem die mannigfachen 
Uebertritte von Christen zum Judentum. So be- 
klagt sich am 4. März 12SS Papst Gregor IX. bei der 
deutschen Geistlichkeit, wie Leutia, die nur dem Namen 
nach Christen seien, freiwillig zu den Juden gehen, 
sich beschneiden lassen und freiwillig Juden werden. 
Den KonzilbescMüssen entgegen werden den „Lästerern 
des Heilands^ öffentliche Aemter übertragen und 
die Juden nützen diese aus, um gegen die Christen 
zu wüten und sie zu Juden zu machen.^ So wird am 
3. November 1264 der Babbi Abraham aus Augsburg, 
ein zum Judentum übergetretener Christ, in Weissen- 
bürg gefoltert und verbrannt, weil er sich an 
Heiligenbildern vergriffen hatte.^ So werden am 
30. September 1270 in Weissenburg 7 Christen ver- 
brannt, welche sich zum Judentum bekehrt hatten, 
darunter ein Babbi Abraham, ein Proselyt aus Frank- 
reich, ein einstiger Barfüsserprior , und ein Babbi Isak, 
ein Proselyt aus Würz bürg.*) Im Jahre 1263 findet 
eine grosse öffentliche Disputation über die Vor- 
züge des Christentums zwischen Babbinern und 
christlichen Gottesgelehrten statt, und es sind 
namentlich die damals mächtig aufblühenden Prediger- 
mönche oder Dominikaner, welche in eifriger Arbeit 
mit dem Talmud in der Hand den Juden die Ver- 
werflichkeit der darin enthaltenen Anschauungen 
darzulegen suchen und den Babbinern vorwerfen, sie ver- 
breiten die Lehre, dass die Juden berechtigt seien, 
die Goim, d. h. die Angehörigen anderer Beligions- 
gemeinschaften, zu töten.^ Das Vorgehen der Kirche 
in dieser Bichtung nimmt denn auch damals immer schärfere 

*) Thomas von CliaQtimpr^ Bach der Wander. Qleiwitz 1875, 8. 88. 
Aronius, 8. 278. 

^ Aronius, Begesten xor Geschichte der Jnden, 8. 903, 288, 312. 
^) Depping, Joden im Mittelalter, 8. 299 f. 



— 167 — 

Formen an, indem Papst Gregor IX. (1227—1241) das 
Lesen des Talmnd verbietet and befiehlt, denselben 
überall zu verbrennen, wo man seiner habhaft werden 
könne.^ Im Jahre 1283 werden denn auch in Paris nnd 
in Montpellier die Schriften des Maimonides öffent- 
lich dorch den Henker verbrannt*), im Jahre 1240 werden 
am französischen Hofe grosse Beligionsdispnta- 
tionen abgehalten und im Jahre 1242 in Frankreich 
24 Wägen mit Talmaden öffentlich verbrannt. 

Wie die Kirche einerseits nach Kräften zn verhindern 
sachte, dass Uebertritte von Christen znm Jadentam 
stattfanden, so sah sie andererseits mit grosser Strenge 
daraaf, dass diejenigen Jaden, welche die Taafe ange- 
nommen and sich zam Christentam bekehrt hatten, anch 
bei diesem verblieben. So bestimmt das lateranische Konzil 
am 30. November 1215, da es mannigfach vorgekommen sei, 
dass getaufte Jaden Einzelnes von ihren alten Glaubens* 
brauchen beibehalten, sollen die Geistlichen daraaf achten, 
dass diess nicht mehr vorkomme, da wer sich freiwillig 
dem Christentam zuwende, durch heilsamen Zwang 
dabei festgehalten werden müsse. ^^) Was man durch 
ehrliche üeberzeugung, Belehrung und gutes Beispiel 
nicht erreichen konnte, weil es dazu leider vielen christ- 
lichen Elementen am eigenen sittlichen Halt und am 
eigenen Glauben gebrach, das suchte man jetzt durch 
äusseren Zwang zu stände zu bringen. Wie im Jahre 1229 
der ehrliche Freidank in seinem Gedichte „Bescheidenheit^ 
über die Ungläubigkeit der Juden klagt, welche be- 
zweifeln, dass eine Jungfrau (Magd) den Heiland 
geboren habe und dass es einen dreieinigen Gott 
gebe, so finden wir, wie am 30. September 1270 in Weis- 
senburg ein Jude aus Wiirzburg gerädert und zwei 
weitere Juden und eine Jüdin verbrannt werden, weil 
sie sich nicht bekehren wollen.^^) Man hetzt gegen die 
Juden, wie man kann, und siugt ihnen die schändUchsten 
lüsterungen des christlichen Glaubens nach und es ist 
wohl glaublich, dass derlei Dinge, wie sie die Chroniken 
erzählen, bei der gegenseitigen Erregtheit damals 
anch thatsächiich vorgekonmien sind. So gibt es um die 
Jahre 1239 — 1270 in Köln einen grossen Aufruhr wegen 

*) Depping, Jaden im Mittelalter, S. 156. 

*) Babbi Motes Ben Mai man, der bedeatendate jodische Geleiirte 
des Mittelaltera, seboren am 80. M&n 1186 in Cordova, siedelte 1169 
nach Fes und ll65 nach Foatat (Altkairo) aber and gl&nzte vor allem 
durch seine mathematiachen , astronomischen nnd &rstlichen Kennt- 
niae, aber auch durch seine Kenntnis der jodischen, arabischen nnd 
irieebisehenPhilotonhie. _ 

'") Aronivs, Begesten zur Geschichte der Jaden, 8.176,199,812,815. 



— 168 — 

Beliqaidnschändang. Ein Christ hatte dort ein 
Haus in der Jadengasse erworben and es an einen nea 
hereingezogenen Weber vermietet Da diesem der Weg 
in die S[irche za weit war, liess er ein Bild des Oe- 
krenzigten and za beiden Seiten desselben Bilder der 
Maria and des Johannes an die Wand malen and dorch 
ein^i Vorhang and ein Thürchen vor zadringlichen Blicken 
and Berfihrnngen schützen. Als er nan das Haas nach 
Jahresfrist wieder yerlässt and ein Jade hineinzieht, 
bleiben die Bilder dort and es entsteht das Gerede, die 
Jaden haben beim Einweihnngsschmanse dieselben mit 
Wort and That geschmäht, wobei sich namentlich die 
Jadenweiber beteiligt haben sollten. Ein Jade habe dem 
Heiland ein Messer an der Stelle in die Seite gestossen. 
wo die Lanze Christus durchbohrt habe, und es sei darauf 
Blut aus der Wunde geflossen. Die Jaden erschrecken, 
die Sache wird bekannt^ man stürmt das Haus, die Juden 
werden verhaftet, ihr Vermögen beschlagnahmt, einige 
lassen sich taufen, andere werden umgebracht, der R^t 
flieht Das Haus aber wird in ein Kürchlein mit dem 
wunderthätigen Bilde verwandelt") 

Ein weiterer ahnlicher Vorfall wird vom Jahre 1248 
gemeldet Die Juden zu Belitz verschaflen sich durch 
Besteehung einer Magd eine Hostie, die sie „zur 
Schande und Unehre des Heilands martern, hauen, stechen 
und verunehren", worauf Blut herausfliesst Da geben die 
Juden erschrocken der Magd die Hostie zurück und be- 
stechen sie, zu schweigen und die Hostie bei sich unter 
dem Dache zu verstecken. Aber brennende Lichter ver- 
raten bei Nacht den Ort des Heiligtums, die Sache wird 
entdeckt und die Juden werden verbrannt") Ein anderer 
ähnlicher Vorgang spielt in England. Im Jahre 1255 
verbreitet sich in Lincoln das Gferede, man habe ein 
vermisstes Kind in einer tiefen G-rube aufgefunden und 
es sei von den Juden in dieselbe geworfen worden, weil 
es in der Judengasse Lieder zu Ehren der heiligen 
Jungfrau gesungen habe. Es entsteht infolge dessen ein 
Judenkrawall und die dortigen Juden werden aus- 
gewiesen und wenden sich nach Frankreich.^^ 

Wie sehr die Erregung gegen die Juden damals sich 
gesteigert hatte, ersieht man aus den schweren Strafen, 
welche auf der Ermordung oder Verletzung von 
Juden standen. Während noch um das Jahr 906 ein 
Konzil in Mainz einfach bestimmt, wer aus Hass einen 



") AxtmiaB, R^mten zur Geschichte der Jodm, S. 815, S82, fifi. 
**) Deppiag, Joden in Ifitleialler, 8. 170 t 



— 159 — 

Jaden oder Heiden töte, solle als Mörder bestraft 
werden"), so wird in den Jahren 1039 — 1056 anter Kaiser 
Heinrich XEL der Mörder eines Jnden namens Viyns durch 
Abhauen der rechten Hand und Blendung bestraff) 
and das österreichische Judenrecht vom Jahre 1244 
enthält eine zunehmende Reihe von Bestimmungen fiber 
die Verletzung von Juden. Schlägt ein Christ einen 
Juden, ohne dassBlut fliesst, so hat er dem Herzog 
4 Mark Silber zu zahlen; kann er nicht zahlen, so wird 
ihm die Hand abgehauen. Verwundet ein Christ 
einen Juden, so hat er dem Herzog 12 Mark Gold, dem 
Juden 12 Mark Silber und die Eurkosten zu zahlen. 
Tötet ein Christ einen Juden, so ist er als Mörder 
nach Gebühr zu strafen und seine ganze fahrende 
and liegende Habe fällt dem Herzog zu. Wird ein 
Jude heimlich ermordet, ohne dass der Mörder durch 
Zeugen ermittelt werden kann, so will der Herzog, fSedls das 
Gericht durch die Untersuchung zu einem bestimmten 
Verdacht gelangt, den Juden gegen den Verdächtigen 
beistehen. Spottet ein Christ fiber die Judenschulen, 
so hat er dem Judenrichter 2 Pftind zu bezahlen. ^^) Ver- 
wüstet ein Christ den Judenkirchhof, so wird er 
zum Tode verurteilt und sein Vermögen vom Herzog 
eingezogen. Thut ein Christ einer Jüdin Gewalt an, 
so soU ilun die Hand abgehauen werden.^*^ Auch in 
Böhmen wird im Jahre 1254 von König Ottokar ü., 
Markgraf von Mähren, der Schutz bekannt gegeben, 
den Papst Lmocenz IV. den Juden gegen die falschen 
Anschuldigungen und gehässigen Anfälle von 
Fanatikern habe angedeihen lassen, und es werden hohe 
Geldstrafen gegen idle festgesetzt, welche den Gottes- 
dienst in den Synagogen stören oder Gewaltthätig- 
keiten gegen die Juden begehen. Als Räuber soll 
bestraft werden, wer einen Juden tötet oder ein Juden- 
kind raubt'*) So bestimmt femer das Prag er Stadtrecht 
Yom Jahre 1269, wenn ein Christ einen Juden erschlage, 
solle er wegen Erschlagung eines königlichen Kammer- 
knechts '^ bestraft werden.'*) 

^ Arooiiit, Betetten lor Gtoidiichts der Juden, S. 06, 888 f., 811. 

^) Man denke an den alten VolkBanadrack: ,,Da geht es ni, wie in 
der Jadeatchoie.** 

») Depping, Jnden im filittelalter. S. 196. 

^ Nicnt nur die Jnden sind nammerknecbto, es gibt andi noch 
andere Eammerknechte. KönigUclier Kammerknecht m jeder freie 
AagetteUto der Beichsregiemng; die SteUnng entiprickt also etwa dem 
lientigea Snbalternbeamten, w&hrend der Amtmann (minister) dem 
lifthern Beamten der heutigen Zeit entsprach. War der betreffende 
Subahernbeamte Ton edler Geburt, so hiess er Edelknecht • 



— 160 — 

Ein weiteres Mittel der Kirche, die Christen yon 
den Jaden abzusondern, ist das immer strenger durch- 
geführte Verbot des geschlechtlichen Verkehrs 
zwischen Christen und Juden. Welche Dinge in dieser 
Beziehung gerade im 13. Jahrhundert vorkamen, beweisen 
mannigfache Nachrichten. So wird am 9. Februar 1267 
im Erzbistum Gnesen -Posen bestimmt, wenn ein Jude 
Unzucht mit einer Christin treibe, solle er in strenger 
Haft gehalten werden, bis er 10 Mark Strafe erlegt habe; 
die Christin aber solle durch die Stadt gepeitscht 
und auf ewige Zeit daraus vertrieben werden. So 
bestimmt das Prag er Stadtrecht vom Jahre 1269, wenn 
ein Jude bei einer ledigen Christin auf frischer Thal 
ertappt werde, solle es ihn Haut und Haar kosten, die 
Christin aber solle dem geistlichen Gerichte überantwortet 
werden. Werde ein Jude aber bei einer verheirateten 
Christin auf frischer That ertappt, so solle er an der 
Wegscheide gepfählt und sein Vermögen vom Ge- 
richt eingezogen werden. ^^ So bestimmt das Igiaaer 
Stadtrecht vom Anfang des 14. Jahrhunderts, wenn ein 
Jude beim Ehebruch mit einer Christin ertappt and 
durch zwei Männer überfuhrt werde, sollen beide lebendig 
begraben werden, ebenso wenn ein Christ beim Ehebrach 
mit einer Jüdin ertappt und von einem Christen und zwei 
Juden überführt werde. So wird im Jahre 1221 eine 
Jüdin in Worms von einem Geistlichen verführt 
Dieser spielt die Bolle des Engels und erklärt den Eltern, 
das sei der Messias. Viele Juden strömen infolge dessen 
in das Haus, um denselben zubegrüssen, sind aber sehr 
enttäuscht, als ein Mädchen zur Welt kommt. ^^ 

Man muss sich zur richtigen Beurteilung aerartiger 
Vorkommnisse der gespannten Erwartung völUg klar sein, 
mit welcher gerade in jenen Tagen ernstester Verhältnisse 
zahlreiche Juden dem Erscheinen ihres Erlösers ent- 
gegensehen. So waren z. B., als im Jahre 1198 sich 14 Tage 
ktng nach Sonnenuntergang ein Stern von besonderer 
Grösse zeigte und mit seinem Glänze wie eine Feuerkugel 
den Himmel erleuchtete, viele Juden überzeugt, dass dies8 
ein Zeichen für das Kommen des Messias sei. So ver- 
kaufen im Jahre 1236 in Prag die Juden ihre Habe, 
rüsten sich und verlassen die Stadt, weil sie hebräische 
Briefe erhalten haben, der Messias komme, und als im 
Jahre 1241 die Tataren in Europa einfallen, halten 
namentlich die deutschen Juden dieselben für Nach- 
kommen der jüdischen Stämme, welche zur Zeit 

*^ ArontoB, Regesten lar Geschichte der Juden , 8. 802, 818, 244, 



— 161 — 

Alexanders des Grossen in den Bergen des kas- 
pischen Meers eingeschlossen wurden. Man hellte 
desshalb, jetst werde die Herrschaft der Jaden über 
die Welt kommen und unterstützte die Tartaren mit 
Wein, Waffen und Getreide, indem man den Behörden 
erklarte, die betreffenden Fässer enthalten vergifteten 
Wein fiir die Feinde, welche diesen als Koscherwein 
bestellt hätten. So erhielten die Juden auch noch Zoll- 
freiheit Der Verrat wurde aber entdeckt und die 
Juden teils mit ewigem Gefängnis teils mit dem Tode 
bestraft So schreibt im Jahre 1241 der Landgraf Heinrich 
?on Thüringen ausdrücklich dem Herzog Heinrich von 
Brabant und Löwen, die Mongolen bringen nicht nur 
die Christen, sondern auch die Heiden und Juden 
am, damit die Juden von ihrem Messiaswahne befreit 
werden. **) 

Wie diese alten Verbote des geschlechtlichen Ver- 
kehrs zwischen Juden und Christen, so werden jetzt dem 
allgemeinen Zuge der Zeit nach ständischer Glie- 
derung entsprechend auch die alten seither vielfach in 
Al^ang gekommenen Kleidervorschriften bei den 
Joden wieder strenger durchgeführt, was sich schon im 
Interesse besserer Sicherheit der Juden empfahl. So 
bestimmt das lateranische Konzil vom 30. November 1215, 
dass in allen lÄndem, in denen sich die Christen nicht 
durch die Tracht von den Juden und Sarazenen 
onterscheiden, diess künftig den Geboten des Moses ent- 
sprechend durchgeführt werden solle, da sonst durch 
Irrtum Verkehr zwischen Christen und Jüdinnen oder 
Sarazeninnen und umgekehrt stattfinden könnte. So 
beklagt sich am 4. März 1283 Papst Gregor TK. bei der 
deutschen Geistlichkeit, dass trotz der Eonzilvorschrift, 
nach welcher die Juden beider Geschlechter in allen 
Christenländem eine besondere Kleidung tragen sollten, 
dieselbe in einigen Gegenden Deutschlands von 
den Behörden eiiiach nicht durchgefürt werde. Es sei 
unwürdig für den Christen, sich durch den Verkehr 
mit den Ungläubigen zu beflecken. Die Folge ist denn 
auch ein entschiedenes Einschreiten der deutschen 
KirchenbehOrden in der Sache. So bestimmt im Jahre 1259 
ein Provinzialkonzil des Erzbistums Mainz in Fritzlar, 
die Juden sollen binnen zwei Monaten überall wieder die 
alten Abzeichen und eine besondere Tracht annehmen, 
damit man sie deutlich von den Christen unterscheiden 
könne. Am 14. lißrz 1254 beklagt sich Papst Innocenz IV. 

^ AronhiB, Begetten zur Geschichte der Jaden, S. 227 f., 202, 271, 
254 f. 

11 



- 162 — 

beim Bischof von Eonstani, dass den kirchlicheiL Ge- 
boten entgegen in dessen Stadt nnd Diösese, (m der 
anch die Stadt Ulm gehört), die Jaden keine Juaenab- 
zeichen mehr tragen, was doch nötig sei, damit kein 
sträflicher Verkehr derselben mit Christinnen statt- 
finde und sich niemand mit Irrtnm entschuldigen könne. 
Der Papst fordert desshalb den Bischof auf, dafor zu 
sorgen, dass die Juden künftig wieder ihre Abzeichen 
tragen und keinen Verkehr mit Christinnen haben. So 
wird am 9. Februar 1267 im Erzbistum Gnesen^Polen 
bestimmt, die Juden sollen bei Geldstrafe den ge- 
hörnten Hut, den sie auch in Polen früher getragen 
und lediglich aus Dreistigkeit abgelegt haben, wieder 
annehmen, damit man sie deutlich von den Christen 
unterscheiden könne. ^*) 

Nicht minder scharf zeigt sich das Vorgehen der Kirche 
gegen die Juden in den Vorschriften, welche den Juden 
eine bessere Bücksichtnahme auf die kirchlichen 
Feste der Christen auferlegen, als diese seither einzu- 
halten gewohnt waren. So bestimmt das lateranische Konzil 
vom 80. November 1215, die Juden sollen sich künftig in 
der Charwoche nicht mehr öffentlich zeigen dürfen, da 
es mannigfach vorgekommen sei, dass einige derselben an 
diesen Tagen bunt geputzt einhergegangen und dadurch 
die in Trauer versetzten Christen verspottet haben. Es 
müsse als „Schmähung des Erlösers" angesehen 
werden, wenn ein Jude in der Charwoche sich öffentlich 
zeige. Von den Begierungen wird desshalb verlangt, 
dass sie solche Juden gebührend bestrafen, damit sie es 
in Zukunft nicht mehr wagen, den Gekreuzigten in 
Gegenwart von Christen zu schmähen. So be- 
stimmt das Mainzer Provinzialkonzil in Fritzlar im 
Jahre 1259, kein Jude solle sich künftig bei Strafe von 
1 Mark Silber am Charfreitag auf der Strasse oder 
an der Hausthüre oder am Fenster zeigen. So wird 
am 9. Februar 1267 im Erzbistum Gnesen-^Polen be- 
stinunt, damit nicht die Christen von dem Unglauben 
und den schlechten Sitten der unter ihnen wohnenden 
Juden ergriffen werden, zumal da das Christentum in 
jenen Gebieten noch eine junge Pflanzung sei, sollen die 
in der Diözese wohnenden Juden nicht vermischt 
unter den Christen wohnen, sondern in einem ab- 
gesonderten Teile der Stadt oder des Dorfs ihre 
Häuser eines neben dem andern haben und zwar so, dass 
das Juden viertel von den gemeinsamen Wohnungen der 

"} Aronini, Begesten zur Qetchichte der Jaden, S. 80S(, 176, 271, 801 f. 



— 168 — 

Christen durch einen Zaun, eine Mauer oder einen Graben 
getrennt sei. Der Bischof und die Landesregierung 
soUen desshalb Christen und Juden, deren H&user durchein- 
ander stehen, durch geeignete Mittel zum Verkauf oder Aus- 
tausch derselben nach dem Schiedssprüche ehrlicher Männer 
zwingen. Sollte diese Sonderung nicht bis zum nächsten 
Johannis der Täuferfeste durchgefBhrt sein, so sollten der 
Bischof und der Landesherr yon der Kirche ausgeschlossen 
werden, falls sie nicht gegen die Widerstrebenden mit 
aller Strenge eingeschritten waren. Inzwischen aber sollten 
die Juden, wenn man das Allerheiligste an ihren Häusern 
Yorttbertrug, sich beim ersten Tone des Glöckchens in ihre 
Häuser zurückziehen und Fenster und Thüren verschliessen. 
Nach Durchführung der Sonderung aber sollten die Juden 
in jeder Stadt und in jedem Dorfe nur noch eine Synagoge 
haben. '^ So bestimmt das Iglauer Judenrecht vom 
Anfang des 14. Jahrhunderts, am Charfreitag solle kein 
Jude den ganzen Tag über mit Christen verkehren.'^) 

Von Interesse für die allgemeine Stellung der 
Juden im 18. Jahrhundert sind unter anderem die in 
den Predigten des Bruders Berthold von Begensburg 
(1250—1272) enthaltenen Stellen über die Juden. Berthold 
zeigt in diesen Schilderungen den Juden gegenüber eine da- 
mals nicht mehr gewöhnliche Mi Id e. Wohl sagt er, die Juden , 
Heiden und Ketzer seien dem Teufel verfallen und Oott nicht 
wohlgefällig, er nennt die Juden Stinker, Räuber und Diebe, 
Tor denen das Reich und die Landesregierungen die 
Christenheit viel besser schützen sollten; er gebraucht 
Gegensätze wie „ein Christ dem Namen nach, ein Jude 
an Werken." Wucherer und Jude ist ihm gleichbe- 
deutend. Dann ist es sehr charakteristisch, wenn er den 
Jndenfrauen ihre Putzsucht vorwirft, wie sie mit ihren 
gelben Bändern und Schleiern prunken, und meint, 
solche Dinge sollten nur Jüdinnen, Dirnen und die Zu- 
hälterinnen der Geistlichen tragen. Wenn man die Juden 
anter den Christen dulde, so geechdie das seitens der Kirche 
dnmal, um die Jaden an die Blarterung Christi zu mahnen, 
dann aber, weil alle Menschen, welche den Antichristen über- 
leben, vor dem jüngsten Tage Christen werden. Würden es 
aber der Juden so viele, dass sie die Oberhand über die 
Cbristen gewinnen, so solle man sich ihrer erwehren wie der 
Heiden. Dann sucht Berthold in seinen Zuhörern die An- 
häoglicfakeit an den rechten Christenglauben zu stärken, 
indem er alle Christen warnt, sich nicht durch die 
Reden der Juden in ihrem Glauben wankend machen 



") Aioniof, Bageiton zor Getehichte der Jaden, 8. 801 f., 244, 810 f. 

11 • 



-- 164 — 

zu lassen, er erinnert an das Gebot der Kirche, nach dem 
angelehrte Leute nicht mit Juden über Glaubensdinge 
streiten sollten; das sollen sie den auserwählten Meisten 
überlassen, denn die Juden seien in der heiligen Schrift gar 
wohl bewandert und haben einen feinen Plan erdacht, wie 
sie die Christen in ihrem Glauben erschüttern kcHmen. 
Den Juden müsse yerboten werden, von ihrem Glanben 
öflEentlich oder heimlich zu reden und kein ordentlidier Christ 
sollte im gleichen Hause mit einem Juden wohnen 
oder mit ihm speisen. Daneben anerkennt aber Berthold 
auch voll und ganz die mancherlei Vorzüge der Juden. 
Er rühmt, wie die Juden ehrerbietig gegen ihre Eltern 
seien, wie sie ihre kirchlidien Feiertage und Tagesgebete 
meist viel besser einhalten als die Christen, wie ihre Ehen 
meist ein Muster von Zucht und Massigkeit seien. Wenn 
es die Kinder, die vor der Taufe sterben, in der Hölle am 
besten haben, so nimmt er dabei die Judenkinder nicht 
aus, denn, sagt er, der Christ dürfe niemand betrügen, auch 
keinen Juden oder lULuber; man könne Gott in dem Vieh 
beleidigen, wierielmehr in Juden und Heiden, die doch auch 
nach Gottes Ebenbild geschaffen seien, deashalb solle die 
Obrigkeit audi die Juden an Leib und Gut schützen wie 
sie die Christen schütze. Wenn darum Schüler oder thdrichte 
junge Leute einen Judenjungen oder auch altere christiiche 
Personen einen alten Juden zum Spotte ins Wasser stossen, 
um ihn gegen seinen Willen zu taufen, so sei ein solches 
unwürdiges Gebahren zu tadeln. Erwähnung verdient endlich 
noch die Nachricht, dass nicht alle Juden in ihrem 
Glauben übereinstimmen, sondern dass sie vielerlei 
Glauben haben. *^) 

Erneute Bedeutung erlangt endlich seit dem Vorgehen 
der Kirche gegen die Juden die strenge Aufsicht über 
das von den Juden aus rituellen Gründen nicht verzehrte 
und dcsshalb an Qiristen abzugebende Schlachtfleisch. 
So werden am 16. November 1256 in Landshut meist auf 
den Verkehr mit Lebensmittel bezügliche Bestimmungen ge- 
troffen, wobei unter anderem bestimmt vnrd, dass das Fleisch 
von kranken Tieren und das von den Juden verkaufte 
Fleisch 7 Fuss von den christlichen Schlächterbänken weg 
an besonderem Orte verkauft werden solle. Uebeotreter zahlen 
5 Pfd. und werden 10 Jahre von den Bänken ausgeschlossen.*') 
So wird am 9. Februar 1267 vom Erzbistum Gnesen bei 
Strafe des Kirchenausschlusses allen Christen verboten, 
Fleisch oder andere Lebensmittel von den Juden zu 
kaufen, damit nicht diese die Christen, weil sie diese für 



11 



) Aroniu, B«g«ilea rar Oeiehidite der Joden, 8. 816, 319 f., 268. 



— 166 — 

ihre f^einde halten, bei dieser Gelegenheit hinterlistig 
yergiften. Auch die Schlachtgebühren der Jaden 
werden um jene Zeit mannig&ch neugeordnet, wobei eine 
Erhöhung derselben unter dem zunehmenden Druck der 
erstarkenden Handwerkerbewegung stattgefunden zu haben 
sdieint So einigen sich am 13. Mai 1237 die Metzger 
Ton Tuln über eine Handwerksordnung, welche unter 
anderem bestimmt, wenn ein Metzger einen Ochsen für 1 Pfd. 
Goldes kaufe, so solle der Jude für das Schächten 24 Denare 
baar beosahlen; für das Schächten von Vieb, welches für 
6 Soldi gekauft wird, hat der Jude 16 Denare Schächtgebühr 
zü entrichten; für ein Vieh im Werte von einem halben 
Pfund beträgt die Schächtgebühr 12 Denare. Kleineres Vidi, 
sog. Klauenyieh, zahlt zwei Denare Schächtlohn, ein Lamm 
zahlt einen Denar. ^ 

Eng zusammen mit den Judentaufen hängen die Ver^ 
folgungen der Juden wegen des ihnen zur Last gelegten 
Blntglaubens. Der Blutaberglaube, d. h. der Olaube, dass 
der Genuas von Menschen- oder Tierblut imstande sei, 
als Mittel gegen gewisse gefährliche Krankheiten zu 
dienen, ist bäanntlich uralt. Wir erinnern an die Sage vom 
armen Heinrich, wie sie uns der schwäbische Dichter 
Hartmann von Owen erzählt, von jenem reichen Kranken, 
dem sich ein armes Mädchen opfern will, indem sie sich aus 
fraOTi Vorsätze bereit erklärt, sich vom Arzte bei lebendigem 
lidbe zerschneiden und das Blut abzapfen zu lassen, eine 
Geschichte, welche bekanntlich damit in befriedigendster 
Weise endet, dass der betreffende Kranke das arme Mädchen 
noch reditzeitig aus den Klauen des Arztes vom Seciertische 
rettet und heiratet, und bei der nicht ausgeschlossen ist, 
dass der blutgläubige Arzt ein Jude war. Jedenfalls war 
die Ansicht, dass die Juden zeitweise Menschenblut 
gemessen, im Mittelalter allgemein verbreitet. So wird 
sdion vom Jahre 169 vor Christus erzählt, als König 
Antiochus Epiphanes von Syrien den Tempel zu Jeru- 
salem geplündert habe, sei er auf ein verborgenes Oemach 
gestossen , in welchem ein Grieche auf dem Bette gelegen sei, 
der den König um Bettung angefleht habe, da er in den Tempel 
gelockt und nicht mehr herausgelassen worden sei Auf 
dringendes Bitten hätten ihm die Aufwärter gesagt, es be- 
stehe bei den Juden ein geheimes Gesetz, das ihnen 
gebiete, jährlich zu einer gewissen Zeit einen 
Menschen zu opfern. Sie suchten daher einen Fremden 
in ihre Gewalt zu bekommen, mästeten diesen bis zur be- 
stimmten Zeit, führten ihn sodann in einen Wald, wo sie ihn 



**) Arooins, Regesten zur Geschichte der Juden, S. 221, 801. 



— 166 — 

opferten und etwas toh seinem Fleische ässen, der übrige 
Körper aber werde in eine Grabe geworfen. So wird im 
Jahre 419 in dem syrischen C&te Imnestar zwischen 
Chalcis und Antiochia von den Jnden an einem Festtage 
ein christlicher Knabe ans Kreoz geheftet und zu Tode ge- 
geisselt*^ So wird am Ende des 6. Jahrhunderts dem Juden 
Nasas in Sizilien vorgeworfen, er opfere dem Elias 
Christensklayen, so erzählt Thomas von Cbantimprei 
die Jaden los«i alle Jahre in jedem Lande, welche Stadt 
die anderen mit Christenblnt zu yersorgen habe. Die 
Jnden glauben, sie können Ton der Marter des Aussatzes, 
die sie zur Strafe erdulden, nur durch Christen blut be- 
freit werden, sie glauben, sie können nur dadurch genesen.^) 
Dieser Glauben nun ist es, welcher schon seit den 
ältesten Zeiten, namentlich aber in den Judenverfolgungen 
des 12. und 18. Jahrhunderts eine Rolle von zunehmender Be- 
deutung spielt So wird vom Jahre 1071 erzahlt, mehrere Juden 
aus Blois haben iriLhrend des Osterfestes ein Kind gekreuzigt, 
den Leichnam aber in einen Sack gethan und in die Loire 
geworfen. Nachdem sie dieses Verbrechens überfuhrt gewesen 
seien, habe sie das Gericht der Gra&chaft Chartres zum 
Feuertode verurteilt *^) So soll im Jahre 1144 während des 
Osterfestes zu Norwich der zwöUgÄhrige heilige Wilhelm von 
den dortigen Juden geknebelt, an den Galgen gehängt und 
ihm durch eine seitliche Wunde das Blut abgezapft worden 
sein. Die Juden haben dann,, heisst es weiter, den Leichnam 
im benachbarten Walde verbergen wollen, seien aber von 
dem Flurwächter überrascht worden, dem jedoch durch die 
mit Geld bestochene Obrigkeit Schweigen geboten 
worden sei. Nach kurzer Zeit aber sei das Verbrechen dennoch 
ruchbar geworden und bestraft worden.*^ So wird vom Jahre 1 160 
berichtet, dass damals die Juden von Glocester ein Kind 
gekreuzigt haben.**) So heisst es, im Jahre 1179 sei in Po n- 
toise (Pont-Isere) am 25. März vor dem Osterfeste der heilige 
Robert von den Juden geschachtet worden, indem die Juden 
dem Körper des Knaben alles Blut entzogen haben.*^ So 
sollen im Jahre 1181 die Juden von London gegen Ostern ein 
Kind namens Rodbertus in der Nähe der Eorche des heüig^s 
Edmund ermordet haben **) und im gleichen Jahre wird eruhlt, 
die Juden von Braisne haben einen von ihnen des Dieb- 
stahls und Mords besdiuldigten Qiristen, nachdem sie ihn 
vorher unter Geisseihieben durch die Stadt geschleppt haben, 

^ Depping, Jaden im Mittelalter. S. 88. 

*^ AzemoB, Regesten lar Geschiclite der JudoD, 8. 807 t 
Monomenta Germ, hist, Script Bd. 6, 8. 520. 
AcU sanctomm, Bd. 8. 8. 690, 680, 68t 
Robert Ton Toomay, BigordoB uid QuUidomt Armoricus. 



— 167 — 

gekrauEigt Als König Philipp August ton Franlcreich hierron 
Kunde erhalten habe, sei er sofort nach Braisne gekommen 
und habe zur Strafe achtzig Juden rerbrennen lassen.**) So 
▼orde am 29. Juni 1230 in Weissenburg im Elsass ein 
Knabe, der hdlige Heinrich, von den Juden gemordet. So 
soll im Jahre 1225 eine Frau in München, vom Grold der 
Juden verffihrt, ihrem Nachbar ein kleines Kind gestohlen 
und es den Juden gebracht haben, welchem diese dann das 
Blut abgezapft hab^ sollen. Bei einem zweiten Versuch ertappt, 
wurde die Unglückliche dem Gerichte übergeben, wo sie fdles 
gestand, worauf 140 Juden zum Feuertode verurteilt wurden. 
So werden an Weihnachten 1235 sieben Juden im Schlosse 
zu Westm inster in Qegenwart des Königs Heinrich HL 
des {^eichen Verbrechens überfuhrt und gestehen vor Gericht 
ein, dass sie aus Norwich ein Kind gestohlen und dann 
beschnitten haben, um es zum Osterfeste loreuzigen zu können. 
Die Schuldigen wurden ins Gefängnis geworfen. Im gleichen 
Jahre wird das gleiche Verbrechen am 1. Dezember von den 
Juden in Erfurt begangen. So werden vom 1. — 3. Januar 
1235 in Lauda an der Tauber und in Tauberbischofs- 
heim einige Judenhäuser geplündert, weil ein Christen* 
knabe ermordet worden war. Acht Juden werden vom 
Gericht wegen der Sache hingerichtet und die Leichen ver- 
brannt. Gewaltthätige sind über uns gekommen mit ihren 
Banken, melden jüdische Zeitgenossen,- mit fremden Kindern 
orreiGhen sie ihr ersehntes Ziel.**) Am 28. Dezember 1235 
werden in Fulda 32 Juden, Männer und Frauen, von Kreuz- 
fahrern und Bürgern erschlagen. Sie hatten gerichtlich 
gestanden, am Weilmachtstage die fünf Knaben eines vor der 
Stadt wohnenden Müllers, während dieser mit seiner Frau in 
der Kirche war, getötet, deren Blut in in Wachs getränkten 
Beuteln gesammelt und das Haus angezündet zu haben. Die 
(unf Leidien werden nach Hagenau zu Kaiser Friedrich H. 
Ton Hohenstaufen gebracht, wo infolge davon eine grosse Auf- 
regung unter der Bevölkerung entsteht Der Kaiser aber 
meinte: „Wenn sie tot sind, so gehet und begrabet sie; zu 
etiras anderem taugen sie nicht", wies die Kläger ab und 
sprach die Fuldaer Juden frei, ein Erfolg, der durch 
groBsartige Geschenke der Juden beim kaiserlichen 
Hofe erzielt worden sein soU.'^ Ein weiteres Beispiel ist 
folgendes: In den Jahren 1239 — 1270 wohnt in der damals sehr 
starken Judengemeinde in St. Die ein Jude, der unter seinen 
Stammesgenossen als grosser Zauberer gilt Dieser be- 
täubt seine christliche Dienerin mit einem Trank und 
fldmeidet ihr dann einen Körperteil zu unbekanntem Zweck 

") Bigordut, Histor. Gall. 

n Aioniiu, Regesteil zur Geichichte der Jaden, 8. 206 ff., 816. 



- 168 — 

ab. Die Sache wird aber bekannti die Dieaerin wird ita das 
Gericht des Herzogtmns Lothringen gebracht nnd der Jade 
von diesem zum Tode verurteilt. Man bindet ihn an 
den Schwanz eines Pferds nnd sdildft ihn zum Gralgen. Als 
er hier sagen will, wanun er die That vollbradit habe, 
hindert ihn der Henker am Reden, weil die anderen 
Jnden dem Henker Oeld dafiir yersprochen haben, 
dass er ihn nicht reden lässt Man hängt ihn an den Füssen 
auf, nach zwei Tagen kaufen die Juden den Leichnam los 
und begraben ihn.^ Im Jahre 1240 beschneiden die Juden 
zu Norwich ein Christenkind und halten es in der Absicht, 
es später zu kreuzigen, im Ghetto unter dem Namen Jumim 
verborgen. Der Vater üand nach langem Suchen sein Kind 
und führte beim Bischof Wilhelm von Bete Klage. Dieser 
liess vier des Verbrechens überführte Juden an den Galgen 
hängen.*') So werden femer am 5. August 1243 in Kitzingen 
in Bayern mehrere Juden und Jüdinnen, wahrscheinliGh 
wogen Blutgebrauchs beim Passahmahle, gefoltert, 
hingerichtet und 14 Tage au& Bad geflochten. Dann w^en 
sie auf dem Würzburger Judenlmx^hhofe beerdigt'^ Im 
Jahre 1244 wird auf dem St Benediktus-Gottesacker zu London 
der Leichnam eines Knaben gefunden, der fahle Spuren 
und Bisse sowie an mehreren Stellen hebriLische Schrifbeeichen 
aufweist Die getauften Juden, zur Erklärung dieser Zeichen 
gezwungen, Ceuiden die Namen der Eltern des Kinds und 
lasen, dass es ganz jung an die Juden verkauft worden war. 
Zu gleicher Zeit verliessen die angesehensten Jnden heimlich 
die Stadt") 

Eine Stütze gegen diese Verfolgungen der Juden 
wegen Glaubensmords finden dieselben bei der 
römischen Kirche. So bestimmt der Freiheitsbrief, den 
am 22. Oktober 1246 Papst Innocenz IV. den Juden verleiht, 
niemand solle künftig den Juden vorwerfen dürfen, dass sie 
sich für ihren Kultus des Menschenbluts bedienen, da 
ihnen das alte Testament die Anwendung jeglichen BluteB, 
vom menschlichen ganz zu schweigen, verbiete, und da in 
Fulda und mehreren anderen Orten viele Juden wegen eines 
solchen Verdachts getötet worden seien. '^) Am 5. Juli 1247 
teilt Papst Innocenz FV. allen Erzbischöfen und Igischöfen in 
Deutschland mit, es seien bittere Klagen der deutschen 
Juden an ihn gekommen, dass einige geistliche undweltr 
liehe Fürsten und andere Vornehme und Mächtige 
in den bischöflichen Städten und Sprengein gottlose 
Pläne gegen die Juden schmieden, um sie in unge- 
rechter Weise ihrer Habe zu berauben. Man besdiuldige sie 

Äroniaa, Regesten Kar Geschichte der Jaden, S. 816, 232, 289. 
Mathtas von Paris, Bd. 5* S. 89 and 519. 



^ 



— 169 — 

fälschlich, aie haben am OsterfeBte das Herz eineB getöteten 
KnaboD gemeinsain yerzehrt, weil sie glanben, das Oeeets 
schreibe dies Yor; ihr Gesetz befehle aber gerade das Gegen- 
teil Femer yerdächtige man sie gleich des Mords, wenn 
man rafallig irgendwo eine Lei che finde. Mit solchen MShrchen 
wüte man gegen sie nnd beraube sie ohne Anklage, Geständnis 
oder Ueberführnng ihres Eigentums nnd bedrficke sie dnrch 
Hunger, Haft und andere Quälereien so sehr, dass die Juden 
jetzt schlimmer daran seien lüs ihre Väter unter König 
Pharao in Aegypten, und gezwungen seien, aus den Orten, 
die sie und ihre Voreltern seit unvordenklicher Zeit 
bewohnt haben, elend in die Verbannung zu ziehen« 
Da nun der Papst nicht wolle, dass die Juden, deren Be> 
kehrung der Herr in seiner Barmherzigkeit erwarte, unge- 
recht geqaält werden, so befehle er den Bischöfen, sie 
gegen derartige Angri£Ee der geistlichen Fürsten (Prälaten), 
Vornehmen und Mächtigen mit allen Mitteln der Kirche zu 
schätKen.'*) Man sieht daraus, es sind namentlich die Aebte 
derdnrdi die zunehmende wirtschaftliche Macht der 
Juden geschädigten Klöster, welche die Leiter und 
Veranstalter der damaligen Judenhetze bilden, während 
die bischöfliche Weltgeistlichkeit mit den Fürsten 
unter Leitung Boms auf der Seite der Juden steht 

Wie wenig Eindruck freilieh dieses Vorgehen der 
Kirche bei der nun einmal herrschenden Missstimmung 
weitester Beyölkerungsschichten macht, zeigen 
zahlreiche Nachrichten. So berichtet aus dem Jahre 1250 
eine Chronik, die Ton den Juden in Saragossa angenommene 
schandliche Satzung, dass jeder, der ein Christenkind zur 
Opferung abliefere, von allen Abgaben befreit und aller Schulden 
ledig w^en soUe, sei bei dem Juden Moses in Albay-Huzet 
(AllMyuoetto) befolgt worden, der im Juni 1250 den sieben- 
jiümgen Dominikus del Val den Juden zur Kreuzigung 
überliefert habe.^ So soll im gleichen Jahre zu Oraona 
in Kastilien ein jüdischer Rabbiner in seinem Hause ein 
Christenkind geopfert haben. '^) So wird im Jahre 1255 von 
Lincoln in England berichtet, es sei vor dem Peter- und 
Paolstage der ach^ährige heilige Hugo von den dortigen 
Joden gestohlen, versteckt gehalten und später gekreuzigt 
worden, wobei die Juden ihn solange mit Buthen geschlagen 
liaben, bis er fast das ganze Blut verloren gehabt habe. 
Neanzehn Juden wurden lungerichtet, siebzig andere ins 6e- 
Sngnis gesetzt'^) So heisst es vom Jahre 1257, die Juden 

^ AnmiDa, Begesten aar Geschichte der Jaden, 8. 242, 277. 
") Acta tauet Bd. 6 des Aug., 8. 777—788. 
*^ Hearr Deaportai, Le mvitere du taug. 8. 67. 
"] Mathaoa rai Paria, Bd 6, 8. 89. 



— 170 — 

Ton London haben, um ihr Jahresopfer su begehen, ein 
Christenkind geschlachtet Im Jahre 1260 werden die Jnden 
in Weissenbnrg beschuldigt, einen Knaben getötet su 
haben.**) Im Jahre 1263 1^ in Schwein fürt die eine der 
beiden einander in der Stadt befehdenden Parteien 
das Verschwinden eines siebenjährigen Mädchens den 
Juden sor Last, so dass der Bfirgermeister nur mit Mfihe eine 
Judenverfolgung yerhindert Man behauptete dann später, 
die (Gegenpartei hBhe das Kind erschlagen«**) Im Jahre 1264 
wird Ton Hersog Boleslaue von Polen auf Grund päpst- 
licher Verordnung verboten, künftig die Juden ansuklagen, 
dass sie sich des Menschenbluts bedienen, da ihnen ja 
doch durch ihr eigenes Gesetz untersagt sei, Blut 
zu vergiessen. Wolle ein Christ einen Juden anklagen, ein 
Ghristenkind geschlachtet zu haben, so solle er die Anklage 
vor einem Gerichtshofe von S christlichen und 3 jüdischen 
Siebtem stellen müssen. Werde von diesem Gericht der 
Jude schuldig befunden, so solle er nach dem Gesetz 
bestraft werden, werde aber seine Unschuld nachgewiesen, 
so solle den Ankläger diejenige Strafe treffen, welche dem 
Schuldigen gebührt hätte. *^ 

Besonders stark tritt die Beschuldigung wegen 
Bitualmords zur Zeit der grossen Judenkrawalle am 
Ende des 13. Jahrhunderts hervor. So findet man unter 
König Budolf von Habsburg in Bern die Leiche eines 
erwürgten Kinds. Man bemächtigt sich einiger Jnden, 
die auf der Folter gesteben, einen Kitualmord begangen 
zu haben, worauf sie gerädert werden; die anderen 
Juden entfliehen aus der Stadt und beschweren sich beim 
Reichsgericht, worauf dieses die Stadt Bern auffordert, 
die Juden ihre Freistätte ruhig geniessen zu 
lassen. Bern weigert sich aber, worauf der König 
deswegen gegen die Stadt zu Felde zieht, aber 
stirbt, ohne dieselbe unterwerfen zu können, und erst nach 
des Königs Tod kommt eine Uebereinkunft zwischen der 
Stadt Bern und den Juden zu stände, nach der sie zu- 
rückkehren dürfen, aber als Schadlosbaltung 1000 Mark an 
die Stadtkammer und 500 Mark an die Kammer der Land- 
vogtei Kyburg bezahlen müssen.*^ So soll am 1. Juli 1267 
ein altes Weib in Pforzheim den dortigen Juden ein 
elternloses siebenjähriges Mädchen zum Schlachten 
verkauft haben. Die Juden, so meldet der betreffende 
zeitgenössische Bericht, legen dasselbe auf Linnen, yer- 
wundete es an fast allen Gelenken und pressten ihm das 



^ AronioB, Regelten zur Oeeehichte der Jaden, 8. ns» 806 f. 
'*) Depping, Joden im BfitteUüter, S. IM, 180 f. 



— 171 — 

Blat ans, das sie in dem Linnen sammeln, während sie 
die Leiche mit Steinen beschwert in den Flnss werfen, 
wo sie Fischer, durch die zum Himmel zeigende Hand des 
Leichnams anftierksam geworden, nach drei Tagen finden. 
Als der Markgraf von Baden kommt, nm nach der Sache 
zusehen, welche zn einem Aafrnhr fbhrt, richtet sich 
die Leiche auf nnd blntet wieder. Die kleine Tochter des 
Weibs yerr&t die Sache, weil Kinder nnd Tmnkene die 
Wahrheit sagen, worauf die jüdischen Mörder gerädert 
and mit der Alten gehängt werden, nachdem sich zwei 
derselben vorher gegenseitig erwfirgt hatten, nm den 
Schmerzen der Badstrafe zn entgehen. Am 3. Ajml 1279 
heisst es weiter, haben die angesehensten Juden von London 
ein Christenkind gebrenzigt; sie werden des Verbrechens fiber- 
föhrt und gehängt'^) Ebenso soUen in North amp ton die 
Joden ein Uhristenkmd unter Qualen gekreuzigt'*) nnd im 
Jahre 1382 soll in München ein im Vermfe stehendes Weib 
dea Juden einen Knaben verkanft nnd diese ihn am ganzen 
Körper zerstochen haben, wie auch im gleichen Jahre in 
Mainz ein Kind dmrch seine Amme den dortigen Jnden 
aberliefert und von ihnen umgebracht worden sein soll. Auch 
im Jahre 1286 sollen in München die Juden ein Kind ge- 
opfert haben. Das entrüstete Volk warf in das Haus der Mörder 
den Feuerbrand. ^^) Ferner wird Yom Jahre 1286 erzahlt, 
dass damals in München die Juden zwei Knaben gemartert 
baben, worüber das Volk so sehr in Wut geraten sei, dass es 
180 Juden, welche in die hölzerne Synagoge znsammenge- 
sperrt waren, durch ringsum angelegtes Feuer verbrannt habe. 
Im gleichen Jahre soll im Apnl in Oberwesel am Bhein 
der vierzehnjährige heilige Werner von Juden drei Tage hin- 
durch langsam zu Tode gemartert worden sein.^') 

Am schlimmsten freilich geht es in der Schweiz gegen 
die Juden los. Im Jahre 1287 wird den Juden in Bern 
yorgeworfen, sie haben zu Ostern den heiligen Budolf geraubt, 
ibn forchtbare Qualen erdulden lassen und dem Kinde endlich 
den Hals abgeschnitten. Die Hauptschuldigen wurden ge- 
rädert, ihre Mithelfer ausgetrieben. Der Rat der Stadt beschloss 
ans diesem Anlass, künftig keinen Juden mehr in seinen 
Mauern zu dulden.*^ Ebenso wird im Jahre 1289 von einem 
ritaellen Morde in Schwaben erzählt, wie auch im Jahre 1292 
iB Konstanz und Golmar Knaben aus iUmlichen Gründen 
gemordet worden sein sollen.^*) Im Jahre 1293 wird von den 

*^ Aronius, Bansten rar OeBchichte der Juden, 8. 806 f. 
*^ Floient de woroester, Chron. 222. 
^ Baden», Bavaria sancta, B<L 2> 8. 815. 
*^ Monum. Germ, biet, 17, 77. 

Morer, Helvetia aanta. 

Besportes, Le myitto du Bang, 8. 70. 



— 172 — 

Juden von Krems berichtet, sie haben ein Kind gemordet, das 
Yon Brunn fortgeschleppt worden war^^), und im Jahre 1294 
wird wiederholt ein ritneller Mord ans Bern gemeldet^*) Ebenso 
erregt ist das Volk gegen die Juden in Zflrich, wo es 
im Jahre 1294 in drohendem Aufruhr gegen den Bat das 
Blut der Juden fordert, als der Rat gegen Bezahlimg 
einer Busse yon 500 Gulden der Judengemeinde die 
Auswanderung und das sichere Geleite aus der 
Stadt zusichert So werden auch in Schaffhausen and 
Winterthur zusammen 38 Juden wegen Ähnlicher Vor- 
fälle auf Scheiterhaufen verbrannt, w&hrend der Best der 
dortigen Jndengemeinden aus der ungastlich gewordenen 
Schweiz entflieht. Besser gelingt es dem Bäte von Luzern, 
die Bewegung zu unterdrücken, indem er jede Beschul- 
digung der Juden, wie dass sie Kinder kreuzigen und 
andere Ähnliche Beleidigungen derselben, mit schwerer 
Strafe bedroht, w&hrend es in Dissenhofen am Bhein 
ebenfalls zu Hinrichtungen kommt, indem ein wegen Kinds- 
mords Verurteilter angibt, dass der Jude Michael ihm 
S Gulden fQr das Blut eines Christenkinds geboten habe, 
worauf der Jude zum Scheiterhaufen und zum Rade yer- 
urteilt wird.^^) Im Jahre 1302 wird ansBemken in Deutsefa- 
land ein ritueller Mord gemeldet^*) Im Jahre 1303 wird Ton 
den Juden zu Weissensee in Thüringen berichtet, sie haben 
an Ostern den Schüler Konrad, nachdem sie ihm die Muskeln 
zerschnitten und die Venen geöffnet hatten, um ihm alles Blut 
zu entziehen, getötet und den Leichnam in einem Weinberg 
aufgehängt Die Soldaten unter Führung Friedrichs, des 
Sohnes des Landgrafen Albert von Thüringen, legen mit den 
Bürgern der Stadt Hand an die Schuldigen. Im Jahre 1305 
sollen die Juden in Prag gegen Ostern einen Christen, der 
durch Armut gezwungen ihnen dienen musste, nackt auf ein 
Kreuz genagelt, ihn mit Buten geschlagen und ihm ins 
Gesicht gespieen haben, weeshalb sie von den entrüsteten 
Bewohnern erschlagen werden. Im Jahre 1320 wird in 
Pui ein Chorknabe der dortigen Kirche durch einen Juden 
gemordet Im Jahre 1321 töten in Annecy die Juden 
einen jungen Geistlichen und werden infolge dessen durdi 
ein Dekret König Philipps V. aus der Stadt yertrieben. Im 
Jahre 1331 werfen zu Ueberlingen am Bodensee die Juden 
den Knaben eines Bürgers namens Frey in einen Brunnen. 
Die später am Leichnam gefundenen Einschnitte liessen auf 
eine vorhergegangene Entziehung des Blutes schliessen und 
das Obergericbt liess an den Urhebern des Verbrechens, ohne 



^) Monnm. Oerm. hist, 11, 658. 

^ Depping, Jaden im Mittelmlter, S. 181. 

^ Annal. Colmsr., Bd. 8, 8. 82. 



— 173 — 

erst die ZostimmuDg des Kaisers, dessen Wohlwollen 
gegenüber den Jaden bekannt war, abzuwarten, sofort das 
Todesurteil Yollstrecken. Im Jahre 1338 fallt ein fräuldscher 
fidehnann in München den Juden zum Opfer, welche ihn ge- 
schachtet haben sollten, wesshalb sein Bruder unter den Juden 
ein grosses Blutbad anrichtet Im Jahre 1346 wird erzählt, 
die Juden in München haben sich eines kleinen Knaben 
namens Heinrich bemächtigt, ihm die Venen geöffnet und 
ilm mit mehr als 60 Stichen durchbohrt Im Jahre 1347 
sollen die Juden von Messina am Charfreitag ein Kind 
gekreuzigt haben/*^ Man sieht, an Beispielen Ar Ritual- 
morde fehlt es nicht, aber die Frage ist eben nur, wie weit 
diese Beispiele Glaubenswürdigkeit haben. 



8. Das Pfandreelit der Juden. 

ft. Dl« Jttloiiolivldaa dm dratiolitii OnndlMiilMr. 

Wir haben gesehen, wie seit den ältesten Zeiten die 
Juden das wirtschaftliche Leben der europäischen 
Völker durch nahezu YÖllige Beherrschung des inter- 
nationalen flandelsverkehrs und des Edelmetall* 
markte in Händen haben. Wie lange die Juden diese 
Stellung zu behaupten wussten, ist aus den uns überlieferten 
Nachriditen deutlich ersichtlich. Noch zur Blütezeit der 
Märkte der Champagne im 13. Jahrhundert treiben die 
Juden nicht nur Geldgeschäfte, sondern auch den leb- 
haftesten Handel mit Goldschmiedwaren, Alaun, 
Pfeffer, Kermes, Leder und anderen Dingen und audi 
in Deutschland wie in den Donauländern ist dieses 
Verhältnis dasselbe. So meldet der Levite Judas, Sohn des 
David und der Sephora, aus Köln, der im Jahre 1128 zum 
Chiistentum übertritt und den Namen Hermann erhält, 
in seiner Lebensbeschreibung, wie er schon vor 20 Jahren 
mit allerlei Waren aus Köln nach Mainz gezogen sei, denn 
alle Juden liegen dem Handel ob, weil sie nur 
durch Handel ihr Leben fristen können.^) So ver- 
kauft im Jahre 1313 der Jude Fantin von Bar an der Aube 
Leder an das Kloster Clairveaux.') Neben dem Warenhandd 
aber treiben die Juden seit den ältesten Zeiten die gross- 
artigsten Geldgeschäfte, vor allem das Pfandgeschäft, 
und seit den ältesten 2jeiten haben sich feste Gewohnheiten 
for die Darlehensgeschäfte der Juden ausgebildet, indem 
Bie stets ein Pfand vom doppelten Werte des Darlehens 

^^ Die Jaden und das ChristeDblut, Leipzig, Oermanikus. 
2 Arooioa, Remten zur Qesehiehte der JodeiL 8. 108. 
*) Bomqnelot, Les foires de la Obampagne, Bd. 2, 8. 156. 



— 174 — 

nehmen, wobei sehr ofk ganz nach heutiger Jadenge- 
wohnheit derartige Warenliefernngsgeschäfte mit 
Darlehensgeschäften rerbnnden werden. 

In welche schlimme Abhängigkeit schon seit dem 12. Jahr- 
hnndert die Ffirsten wie die grossen geistlichen Herr- 
schaften Ton den Jnden gekommen warra, zeigen ans 
eine Reihe Yon Nachrichten. Die Gelegenheit, die einzelnen 
Landesherrschaften in GeldTerlegenheit za verwickeln nnd 
sie dadaroh zar Anfiiahme yon Staats an lehen \m den 
Jaden za zwingen, boten auch damals wie immer, seit die 
Welt besteht, die Kriege derselben. Frieden ernährt, 
Unfrieden yerzehrt Eriegskosten, Militärlasten, Löse- 
gelder sind die grossen Blatsaager am Marke des Volkswohl- 
stauds Ton jeher gewesen. Beispiele dafür mögen reden: Als 
im Jahre 1107 der Herzog Swatoplok von Böhmen Ton 
König Heinrich V. gegen ein Lösegeld von 10,000 Mark Silber 
aas der Oe&ngenschalb entlassen wird, besteaert er zor Aof- 
bringang der Snmme die Kirchenstifter nnd die Stadtgemeinden 
derart, dass in den Städten die Fraaen ihre Sdunacksachen 
Yerkanfen müssen, bringt aber nor 7000 Mark zusammen, 
so dass wiederholte Steaeramlagen stattfinden. Das Bistam 
Prag mass desshalb 70 Mark Gold bezahlen und verpfimdet 
6 kostbare Kirchenmäntel für 600 Mark Silber an die 
Regensbnrger Juden; Geistliche, Laien, Jaden, Kaofleate, 
Mfinzer und Graakler müssen beisteaem.') Am 14. Mai 1224 
müssen nach einem Turnier zu Friesach in Steiennaik 
die gefangenen Ritter sich zu den Juden begeben, um 
durch kostbare Pfänder sich Lösegeld zu rersdiaffen. 
Man sieht daraus, wie der unnötige I^nk und Aufwand, 
namentlich aber der mit Glücksspielen verbundene Turnier- 
sport die Edelleute damals in die Hände der Juden bradite.*) 

Wie tief damals nachgerade die Landesherren una 
Edelleute in den Taschen die Juden stecktm, zeigen 
denn auch viele Nachrichten. Im Jahre 1906 sdiuldet die 
Herrschaft Broyes den Juden 1440 Pfd.; im Jahre 1290 
schuldet die Herrschaft Trainel den Juden 1323 Pfd«; im 
Jahre 1222 schuldet der Gra&chaft Champagne den Juden 
5600 Pfd.; im Jahre 1281 schuldet die Herrschaft Duilly 
den Juden 246 Pfd.; im Jahre 1242 schuldet die Henv 
Schaft Ghappes den Juden 166 Pfd.^) Um das Jahr 1270 
yerpfilndet Albert Rappsilber dem Nikolaus Rappsilber sein 
Erbe in Rostock für 17 Mark. Die 17 Mark, welche Albert 
dem Nikolaus zahlen sollte, soll er in drei Baten an den 
Juden Sele bezahlen, zu Ostern 7 Mark, zu Johannis dem 
Täufer 5, zu Michaelis 6 Mark.") 

•) Aronios, Becetleii mr OeteUehta der Jaden, S. 99. 18S, 814 f. 
«) BomqMloi, Im foires da la Ghttnpegne, Bd. 2, 8. ue. 



— 176 — 

Nicsht besser als bei den weltlichen Grundhenren sieht 
es freilich bei den geistlichen Grundherren, den Bi- 
schöfen nnd Klosteräbten, ans. So beschuldigt am 
29. Juli 1099 Papst Clemens IIL den Erzbischof Ruthud von 
Mainz, einen der Speirer Kirche gehörigen goldenen 
Kelch Yon den Juden erhalten und diesen nach Ableaguung 
des wirklichen Thatbeetands erst herausgegeben zu ^bon, 
nachdem er der That überfuhrt worden sei. So wird im 
Jahre 1160 nach dem Tode des Erzbischots Arnold von 
Mainz der Domschatz beraubt Den einen Teil nimmt das 
Reich an sich, der zweite Teil wird gestohlen, der dritte 
und letzte Teil aber den Juden verpfändet^) 

Welche Machtstellung die Juden namentlich der 
Geistlichkeit gegenüber sich durch ihre wirtschaftliche Ueber«' 
macht angeeignet haben, erhellt z. B. aus der Naduricht, dass 
als im Jahre 1206 der Erzbischof Albrecht von Magdeburg 
auf Besuch in Rom ist und feierlich von der dortigen 
Judengemeinde empfangen wird, er in seiner Judenfreund* 
lichkeit das jüdische Gesetzbuch küsst So bestimmt im 
Jahre 1213 der Bischof Leothold von Basel von dem Gelde, das 
Graf Rudolf von Homberg dem Bistum für die Ueberlassung 
der Einkünfte der Schutzvogtei über die Stadt Basel zahlt, 
6 Mark zur Aaslösung des dem Juden Willious ver* 
pfändeten Bischofsrings und Seidengewands. Die 
Anzahl von Klöstern und Bischo&kapiteln, welche damals den 
Joden Geld schuldig sind, dürfte denn auch nahezu genau 
so gross gewesen sein, als die Zahl der bestehenden Stifter 
überhaupt war. So schuldet im Jahre 1201 das Kloster 
Saint Bemi von Sens den grossen Champagneijuden Muiasse 
Noir und Valin 4000 Pfd. So schuldet im Jahre 1207 das 
Benignuskloster in Dijon den Juden 1700 Pfd.*) So hat um 
das JiJur 1215 das seit der Zeit der Aebte liCuthold und 
Gottfried sehr zurückgekommene Kloster zum St Leonhard 
ein Hissale, die Moralia Jobs und Heimos, ein vergoldetes 
Kreuz und 2 Leuchter, 2 Altargewänder, 3 Gewänder 
nnd ein Messgewand fttr 5 Mark bei den Juden in Ehn- 
heim, und einen Kelch, SMessgewinder und 4 Bücher 
bei den Juden in Rosheim für 9 Pfund und 30 Denare 
verpiandet^) Im Jahre 1217 verkauft der sehr verschuldete 
Propst Dietrich von Lauterberg dem Grafen Friedrich von 
Brena bei Magdeburg (?) 24 Bauerngüter, welche dieser dem 
Kloster früher verkauft hatte , zurUck unter der Bedingung, dass 
die Grafschaft dafür eine Sdiuld von 200 Mark übernehme, 
die der Propst ohne Wissen der Brüder b«i den Juden 



P Aronhif, Begesten zur Oesdiichte der Joden, 8. 95, 125, 166, 
178 £, 191. 

*) Bonrqelot, Let foirei de la Champagne, Bd. S, 8. 159. 



— 174 — 

angenommen hatte, und den Best auf andare Weise zaUa^ 
Am 26. März 1343 werden die Einkünfte der PrSbende des 
Propstes Heinrich von St. Stephan sn Mainz dem Kapitel 
dieser Kirche zugesprochen, das sie aber auf eigene Kosten 
erst Yon den Juden auslösen muss^, an welche sie der Ptopst 
rerpfiuidet hatte. Am 26. Novembcor 1243 weist der Buti^er 
(Schalk) Marquard von Nürnberg von dem Gelde, das er 
Yon dem erw^ten Bischof Heinrich von Bamberg zu fordern 
hat, den Juden von Schwein fürt 50 Mark Silber an. Am 

17. September 1246 beklagt sich Papst Innocenz lY. bei der 
Geistlichkeit von Böhmen, Polen, Russland, Preussen, 
Kassubien undPommern, dass die Predigermönche yod 
ihren Wohnungen Abgaben an die Juden bezahlen müssen. Um 
das Jahr 1260 rerkauft der Propst Dietrich von Marchthal 
einige Güter, um die Klosterschulden zu bezahlen, da es besBer 
sei, weniger im Frieden zu besitzen, als bei grossem Besitie 
sich Yon den Gläubigem drängen lassen zu müssen; denn wer 
bei den jetzigen masslosen Zinsen in die Hände der 
Juden falle, der brauche vieL Um das Jahr 1%0 
Terpfandet das Kloster Herren alb zur Bezahlung der 
Steuer an die GrafiM^aft Vaihingen den Kirchenornat 
für 4Vt Mark bei den Juden. Am 10. Juli 1260 verkaufen 
die Brüder von Scheftlarn dem Kloster Beiharting ihren 
Hof in Thal um 12 Pfd., für die sie, um die Steuern an 
Herzog Otto von Bayern zu zahlen, Stücke aus dem Kirchen- 
schatze den Juden verpfändet haben. Im Jahre 1253 
verkauft das Kloster Michelsberg bei Bamberg dem Kloster 
Michelfeld zwei Höfe für 20 Mark Bamberger Geld und 
Gewicht, da sie einen Kirchenornat nidit aus eigenen 
Mitteln einlösen können, den sie aus Not gegen Lieferung von 
Getreide den Juden gegen Zins versetzt haben. Am 

18. Februar 1267 wird ein Streit zwischen den beiden Kam- 
mergrafen des Herzogs von Oesterreich, den Juden- 
brüdern Lublin und Nekelo, und dem Bischof Konrad von 
Freising wegen 16 Lehensgütem in Urleugesdorf derart be- 
endigt, dass durch Schiedsspruch die beiden Juden alle An- 
sprüche verlieren, wenn sie dem Bischof nicht bis zum 26. Juli 
200 Mark Silber Wienerisch zahlen. Odilen sie es, so sollen 
sie den Niessbrauch haben und der Bischof Bürge für die 
Herrschaft Polendorf wegen der GMdsnmme sein, die diese 
Herrschaft dem Hadmar von Kuenring auf dessen 16 Güter 
geliehen hat, nämlich für 14 Mark Gold und Silbergeräte 
im Werte von 80 Mark und 60 Pfd. Rgsb. Groschen.^ Am 
80. August 1267 nimmt das Kloster Prüfling bei Regens- 
burg von schwerer Not bedrängt bei dem B^ensburger 

*) Aronina, Rmsten sor Gesdiichte der Jaden, 8. 281, 282, 288» 
240 f., 264, 268| 266« 



— 177 — 

Bärger Alhard 100 Pfd. auf, um die Pfänder der Kirche 
bei den Juden auszulösen und sich andere Vorteile sbu 
Terschaffen. Am 14. Februard 1259 nimmt das Neustift in 
Freising bei dem Juden Wölfiin, 20 Pfd. Münchner Pfg. 
gegen Zinsen auf. In den Jahren 1260 — 1262 bezahlt der 
Bischof Albert II. von Regensburg unter anderen Kirchen- 
schulden 100 Pfd bei dem Juden Aron. Am 6. April 1261 
überträgt der Bischof Meinrad von Halb er Stadt der Graf* 
fichaft Regenstein zur Bezahlung der Schulden, welche die 
Gra&chaft bei den Juden zu Quedlinburg unter Bürgschafts- 
leistung des Bistums gemacht hatte, die Erträgnisse der 
Amtmannschaft Neindorf. Am 29. Mai 1262 verkauft das Kloster 
Marbach an den Bürger Heinrich Tanz zu Basel aus Not 
einige Weinberge für 45 Mark Silber, da es durch die lau- 
fenden Zinsen bei den Juden schwer leidet Am 4. De- 
zember 1263 verkauft Rudolf von Strätlingen der Marien- 
kirche zu Interlaken einige Güter und Redite für 21 Mark, 
womit er die Juden bezahlt Im Jahre 1264 verkauft Kune- 
mnod von Sonnenberg, um. seinen Bruder, den Erzdiakon 
nnd Schatzmeister Arnold am Bamberger Domkapitel, aus 
den Händen der Juden zu befreien, seine Oüter in Dabers- 
mannsdorf für 50 Pfd. Bambcorger Denare an das Kloster 
Langheim. Im Jahre 1264 befreit der Propst Gerold von 
Reichesperg, soweit er kann, die Kirche und Weinberge 
von den Quälereien der Juden und Christen, legt aber dann 
sein Amt nieder, weil er die Arbeit nicht mehr tragen kann. 
Am 12. Juli 1265 schliesst der Bischof Leo von Regensburg 
einen Vergleich mit dem Herzog Heinrich von Bayern, nach 
welchem Bayern auf alle Ansprüche an die 700 Pfd. Begens- 
bnrger Denare verzichtet, welche es als Ersatz für rückständige 
Zinsen (den Schaden) des Bischofs Albert bei den Regens- 
biurger Juden zu fordern hatte, wogegen es ein Lehen erhält 
Am 5. Januar 1266 verkauft der Abt Hermann in Seligen- 
Stadt wegen der unerträglichen Schuldenlast seines 
Klosters und wegen der zu zahlenden Jiidenzinsen ge- 
wisse Güter.») 

Was gerade die Klöster und Stifter damals im 
Unterschiede zur Weltgeistlichkeit so sehr gegen die 
Joden Schaft aufbringt, ist die Thatsache, dass es den 
Juden fortwährend in zunehmendem Masse gelingt, eine 
Menge von Häusern, Höfen und anderen Liegenschaften 
in i&en Besitz zu bringen, welche seither den Klöstern Ein- 
künfte gewährt hatten. Am 30. November 1215 beschliesst 
denn Bxndk das vierte lateranische Konzil, um den zunehmenden 
Schäden abzuhelfen, eine neue allgemeine Judenordnung 

^ Aronios, Regeetpn zur Geschichte der Jadeo, S. 269, 285, 280, 295 
m, ä92, 288 K, «b, 284. 

12 



— 178 — 

Dieselbe bestimint: 1. Je mehr die Christen durdi ihre 
Religion vom Zinshandel (asnra) bei Geldgeschäften 
ssnrfickgehalten werden, um so mehr widmen sich die Juden 
diesem Geschäftszweige nud sangen dabei die Christen in kuier 
Zeit ans. Um desshidb die Christen gegen diese Bedrückung 
durch die Juden zu schützen, sollen in Znknnft alle 
Juden, wekhe unter irgend einem Vorwande übertrieben 
hohe Zinsen erpressen, von allem geschäftlichen Ver- 
kehr mit Christen ausgeschlossen werden, bis sie die 
betreffenden Christen entschädigt haben. Christen, welche 
sich weigern, dem Geschäftsverkehr mit den Juden 
zn entsagen, sollen im Notfalle hiezu durch Kirchen- 
strafen gezwungen werden. Die gleiche Strafe des Aos- 
schlusscs Tom Geschäftsverkehr mit Christen soll jeden Juden 
treffen, der sich weigert, eine Kirche für Zehnten und 
Spenden zu entschädigen, welche sie seither von den 
Christen aus Häusern u. s. w. bezogen hatte, ehe dieselben 
in die Hände der Jnden gerieten. Man sieht, die geist- 
lichen Stifter werden dadurch empfindlich in ihren Er- 
trägnissen geschädigt, dass eine zunehmende Anzahl von 
Hänseru und Hofgüteru, welche seither christlichen 
Familien gehört nud im Schutze dieser Stifter gestanden 
hatten, durch die Auswucherung ihrer Besitzer in die Hände 
Ton Juden und damit in die Steuerpflicht anderer 
Herrschaften, in der Regd der Beichsgewalt, übergehen; 
wesshalb auch der ernste Wunsch, welchen der beträfende 
päpstliche Erlass am Schlüsse ausspricht, es werde von den 
Fürsten wohl erwartet werden dürfen, dass sie in dieser 
Sache nicht den Jnden helfen, sondern den Christen 
gegen ihre jüdischen Bedrücker beistehen, wohl 
berechtigt erschien. So überträgt z. B. am SO. Juli 1269 
das Kloster Andreasberg bei Worms der dortigen Audreas- 
kirche ein Klagrecht gegen die dortigen Juden, das 
daher rührt, dass die Juden einige Häuser des Kloster- 
gebietB an sich gebracht, diese zur Erweiterung ihre 
Friedhofs abgebrochen und dadurch dem Kloster die 
Einkünfte der betreffenden Häuser entzogen haben. So 
wird am 9. Februar 1267 im Ensbistum Gnesen-Polen 
bestimmt, die Juden sollen dem Priester des Bezirks, in 
dem sie wohnen, dafür, dass sie den Platz wegnehmen, 
den eigentlich Christen bewohnen sollten, gemäss der 
Grösse des Schadens, den sie dadurch verursachen, auf 
Grund eines bischöflichen Spruchs alle Einkünfte ersetzen.') 
Die betreffenden Häuser hatten also so lange, als sie von 
Christen bewohnt waren, dem betreffenden Kloster einen 



*) AronluB, Begetten zur Geschichte der Juden, S. 174 f., 808» 810. 



— 179 — 

Zins besahlt und dieser Zins war durch den Uebergang der 
Hänser in den Besitz der Juden Ton diesen nicht melu' bezahlt 
worden, während das Kloster behauptete, ein Recht auf den 
Bezug dieses Zinses auch durch die Juden zu haben. Man 
sieht, es ist der Kampf gegen die Steuervorrechte der 
Juden, der hier seinen Anfang ninunt So yereinen sich am 
23. November 1263 das Stift in Xanten und sämtliche Stifts- 
kirchen der Stadt und Diözese Köln zu gegenseitigem 
Schutz und Beistand gegen alle Oewalttibätigkeiten. Die 
Bosheit und Frechheit der Bösewichter sei so gestiegen, dass, 
wenn man ihr nicht entgegentrete, die Geistlidien bald 
schlimmer daran sein werden als die Edelknechte und die 
Juden.»^ 

Wodurch die geistlichen Pralaturen in derartige Ab- 
hängigkeit von den Juden geraten waren, ist freilich aus 
zahlreichen Nachrichten ersichtlich. So flächtet im Jahre 1248 
der Abt Heinrich von Ebersheim aus Furcht vor König 
Friedrich IL von Hohenstaufen nach Strassburg und ver- 
schwendet dort durch prächtiges Leben das Kloster- 
vermögen. Nadbdem das Baarvermögen erschöpft ist, ver- 
pfändet er einige Höfe und den Kirchenschmuck an die 
dortigen Juden. Da die landesherrlichen Schutzvögte 
dieser Prälaten fortwährend Gteld zu ihren Kriegszügen 
imd Fehden, zu ihren prunkvollen Turnieren und Ge- 
richtstagen bedürfen, werden die geistlichen Stifter bei jeder 
Gelegenheit geschröpft und gebrandschatzt, so dass sie allmäh- 
lich immer mehr verarmen. Am 5. März 1257 ist das Kloster 
Michelsberg bei Bamberg durch häufige Beraubungen in 
solche Not geraten, dass es, um seine Mönche unterhalten zu 
können, den Juden ein Buch in vergoldetem Einband und 
anderen Kirchenschmuck hat verpfänden müssen und 
zwar solange, dass, da die Zinsen immer zum Kapital ge- 
schlagen vnirden, die Juden vom Gericht die Erlaubnis 
erhielten, die PfiLnder zu verkaufen. Abt und Kämmerer regeln 
desshalb die Einnahmen und Ausgaben des Klosters und be- 
stimmen, dass der Kämmerer zunächst von dem Juden Joseph 
den Kirchenschmuck für 62 Mark Silber und die Zinsen 
im Betrag von 15'/t Mark einlöse und die verkauften Bflcher 
wieder herbeischaffion solle. '^) 

Ganz ähnliche Verhältnisse wie an diesen Orten finden 
vir in Ulm. Auch hier sehen wir seit der Mitte des 13. Jahr- 
hunderts die Aebte von Reichen au am Bodensee, die seit- 
herigen Stadtherren und Inhaber des Patronatsrecht auf die 
Schutsvogtei der Stadt vor den Verfolgungen, der flohen- 
Btaufen sich nach Ulm flüchten und dort ein heiteres Leben 



*^ AxonioB, B«gef|Bn zur GMchiehte der Juden, S. 196, 264, 286. 

12 • 



— 180 — 

führen, so dass eine Gülte um die andere darauf geht! 
Felix Fabri meldet, dass um jene Zeit die ülmer sich be- 
strebt haben, sich von der Herrschaft des Abts von Beichenan 
fireizumachen, und dass ihnen der benachbarte Adel, offen- 
bar unter Ftthrung des Schutzvogtes der Stadt, des Grafen 
Ton Dillingen, damals bei diesem Bestreben nach Kräften 
beigestanden sei, wie auch zahlreiche Adelige der Umgegend 
damals in Ulm dauernd ihren Wohnsitz genommen haben. 
Das Mittel, welches die Ulmer Borger bei ihrem Beginnen 
anwendeten , habe darin bestanden , dass sie den Abt als 
Stadtherrn (und Inhaber der Zölle und des G^leitswesens 
der Stadt) zu hohen Ausgaben zwangen, indem sie 
von demselben verlangten, dass er die Kosten ftr die 
800 Speerreiter bezahle, zu deren Leistung er ^Is Geleits- 
herr und Zollinhaber) verpflichtet war. Diese opeerreiter, 
welche sich aus dem Landadel der Umgegend rekrutierten, 
lebten dann in Ulm auf Kosten des Abts, so lange es 
den Ulm er n geflel, so dass die Ausgaben des Abts ins 
Ungemessene wuchsen und die Zollerträgnisse nicht mehr 
ausreichten, um die Kosten der Geleitsreiterei zu 
decken.*') 

Diese Erzählung Felix Fabris findet ihre Bestätigung 
und innere Wahrscheinlichkeit einmal durch eine 
weitere Nachricht, nach welcher im 15. Jahrhundert die 
Stadt als Inhaberin der Zölle und Geleite der Um- 
gegend genötigt war, zur Sicherung des Geleits gegen 
den Herzog Georg von Bayern 500 Speerreiter 
zu unterhalten, und dann dadurch, dass im Jahre 1255 ge- 
legentlich eines schon erwähnten Vertrags der Stadt mit 
ihrem damaligen Herrn und Schutzvogt (dominus et ad- 
vocatus), dem Grafen Albert von Dillingen, festgesetzt 
wird, dass von den Gerichtsgebühren der Schutzvogt 
ein Drittel, der Stadtamtmann (minister civium, Beichs- 
schultheiss) aber zwei Drittel erhalten solle, w&hrend 
100 Jahre fi-üher der Stadtamtmann nur ein Drittel und 
Reichenaudas andere Drittel bezogen hatte. Daraus geht 
zweifellos hervor, einmal, dass damals der Abt vonBeichenan 
sein Herrendrittel an den Ulmer Steuererträgen 
nicht mehr selbst bezieht, sondern dass dessen Anteil 
der Ulmer Stadtgemeinde zufliesst, der es ohne 
Zweifel, wie dies damals fast flberall geschah, ver- 
pfändet worden war. Eine weitere Bestätigung findet 
diese Nachricht aber durch ein Klagelied des am 
22. Juni 1255 verstorbenen Abts Konrad von Zimmern 
von Keichenau, in welchem derselbe nach Beklagang 

") Veeieii]ii«7er, Tractatos FeUcii Fabri, 8. 27, 187 f. 



— 181 — 

des mancherlei Schadens und der vielen Leiden, 
welche das Kloster in dem voransgegangenen Streit 
zwischen Kaiser Friedrich IL nnd Papst innocenz IV. 
Babe erdulden mfissen, in die Worte aasbricht: 
Haec sunt, sed plora, laedente te tarnen illa 
Maxime et nrbs Ulma, tna qnondam regia yilla.^') 
Abo was der Abt am meisten bddagte, ist der Verlust der 
einst dem Kloster gehörigen Einkünfte des befestigten 
Reichsweilers Ulm. Reichenan hatte in der Hohen* 
stanfenzeit zn der pästlichen Partei gehalten nnd infolge 
dessen sich schweren Drangsalen ausgesetzt Im Jahre 1219 
hatte dieser Kampf zwischen Kaiser Friedrich IL nnd den 
P&psten begonnen nnd seither Jahrzehnte lang weiter gedauert, 
namentlich wnrden Schwaben nnd Bayern im Jahre 1238 
durch den Krieg König Heinrichs VIL mit Herzog Otto IV. 
Ton Bayern bedrängt nnd yerwüstet. Im Jahre 1239 blüht 
der Dominikanerorden mit seiner scharfen Spitze gegen 
die Judenschaft auf nnd zahlreiche Benediktiner, denen 
es in den üppigen, judendienerischen, von einem yer- 
konunmenen Feudaladel bevölkerten Stiftern des heiligen 
Benedikt nicht mehr gefallt, treten sofort in den Dominikaner- 
Orden über; in den Benediktinerklöstem sind zwei Parteien 
nnd zweierlei Aebte, ein 6hi belline nnd eine Weife; Zucht, 
Ordnung and Wohlstand gehen zu Grunde. Im Jahre 1245 
mi Kaiser Friedrich IL gebannt nnd rom Konzil zu Lyon 
abgesetzt und ein neuer schwerer Krieg entsteht infolge 
dessen im Reiche. Wohl tritt der rerschuldete Landadel und 
das Stadtcrjunkertum immer mehr auf die Seite der Hohen- 
staufen, aber die weifischen Dominikaner sind stärker 
pnd auch in den Benediktinerklöstern siegt die weifische 
judeofeindliche Richtung, was freilich die härtesten Verfolgungen 
dieser Stifter durch die Ghibellinen zur Folge hat So wird 
z.B. das Kloster Zwief alten im Jahre 1246 yon dem kaiser- 
lich gesinnten Landadel der Nachbarschaft ausgeplündert und 
Terwistet, weil es zum Papste hält nnd erst im Jahre 1249 
mit Unterstützung König Wilhelms yon Holland neu er- 
baut^*), auch das Kloster Reichenan selbst wird Ton den 
umliegenden Städten der Seegegend hart bedrängt, wozu ein 
sweimaligee Brandunglück kommt, so dass der äussere 
Wohlstand des Klosters einen bedeutenden Stoss erleidet Die 
Zeiten, wo das Kloster 60—60,000 Gulden jährlich einge- 
nommen nnd 400 Mönche und Zöglinge in seinen Mauern 

") Mone. QuelleDsammlang der Baditchen LandeBgeachichte, Bd. 8, 
8. 199. SttliD, Wirtpmb. Geschichte, Bd 2, 8. aiil. ScbOnhut, GhronU^ 
^ Bflicheoan, 8. 182 ff. Urkunde von 1297 bei Kaiser, die Bricha^ 
boediktinerabtei Elchhigen, Zeitschrift fttr Bayern 1817, Bd. 2, 8. 869. 
n«SMl in den Yerh. des Verein flir Kunst und Altertum 1889. Hft 1, 8. L 



^ Hollherr, Geschichte des Klosters Zwiefiüten, 8. 48 ff. 



— 182 — 

gehabt hatte, waren Y<Mrbei und die Armvi halte ihren Emmg 
in das Kloster gehalten. Daher jammert Abt Konrad: 
Los tibi papalis, quo dqMsait Fiidericnm, 
His oonjoucta malis, nolnit snper hoc inimicom 
Et oontemptorem fid^ sacrae riolentom 
Beddere oommissnm sibi, dam negat ipee talentom.'' ^^) 
Diees war denn anch die Zeit, in welcher die Ulmer 
den Hanptschlag gegen die Herrschaft des Abts von 
Reichenan in ihm Stadt ausübten nnd den ersten Sduitt 
sor Reichsnnmittelbarkeit dadurch YoUzogen, dass sie 
sich, wohl mit Hilfe der Ulmer Jadengemeinde, in den 
Pfandschaftsbesitz der Steuererträgnisse nnd Ge- 
fälle der Ubner Stadtgemeinde setzten, zu denen jeden&Us 
auch die Stonererträgnisse der Ulmer Judengemeinde 
gehörton. Die Ubner, meldet Felix Fabri, thaton damals 
so manches, was nach Gesetz und Recht nicht hätte 
sein sollen, und die Mönche hatten wohl das Recht auf 
ihrer Seite, aber sie vernachlässigten dasselbe and 
waren mit Blindheit geschlagen und erst als sie ihre 
Oflter und Rechte yerloren hatten, giengen ihnen die 
Augen auf. So kam es denn auch, dass das Kloster 
schliesslich sogar — im Jahre 1846 — seinen (seither nur 
verpfändeten) Elosterhof den Bürgern verkaufen 
musste, welche aus dem Zwinger des Elosterhofs 
einen öffentlichen Platz, den „Grfinhof, machten 
und dort den Oel« und Eornmarkt einrichteten, während 
der grosse Zehntstadel des Elosterhofs zur Bflrger- 
zeche oder Trinkstube umgebaut wurde. Dort auf 
dem Orflnhofe blieb denn auch der Wochen markt bis 
zur Vergrösserung der Stedt (im Jahre 1886^'^). 

In den verschiedensten Gegenden des Reichs finden 
damals derartige Aufnahmen von „Burgen^, d. h. von 
mit einer meist sehr geringen Anzahl von Familien oder 
„Bürgern^ besetzten befestigten Wohnplätzen, in den un- 
mittelbaren Reichsschutz statt; die Folge ist, dass die- 
selben künftig keinem Land esffirsten mehr unterstehen, 
sondern ihren Schutzvogt unmittelbar vom deutschen Eönig, 
dass sie statt des seitherigen bischöflichen oder abteilichen 
Burggrafen den Reichslandsvogt des betreffenden 
Bezirks als Gerichtsherrn erhalten. So nimmt im 
Jahre 1218 Eaiser Friedrich U. den Schultheissen , die 
Ratgeber und Bürger der Burg Bern in Burgund 
in seine und des Reichs Gewalt und deren Schutz auf, 
macht die Burg und die Bürger daselbst und ihre Nach- 
kommen auf ewig frei und befreit sie von allen Zinsen. 

»*) Stiliii, Wirtembeigiache Geschichte, Bd. 2, S. 201. 
'*) Veeaanmeyer, Tnustatiu Felicis Fshri, 8. 24. 



— 188 — 

die sie seither zu leisten hatten, (senritii exactione^*); auch 
die Erträgnisse der Stadt Zflrich werden im Jahre 1218 
vom Reiche eingezogen.^^ Es Ist das Jahr 1218, in welchem 
Kaiser Otto IV. von Sachsen, der Besitzer zahlreicher 
hohenstanfisch-z&hringischer Oüter, am 10. Mai 
auf der Harzbarg stirbt nnd die Schweizer Städte 
hatten wohl die Gelegenheit geschickt aosgenfltzt, um sich 
die Beichsnnmittelbarkeit zu verschaffen.^'^ Kaiser 
Otto IV. von Sachsen hatte bekanntlich im Jahre 1208 nach 
der Ermordung König Philipps von Hohenstaufen , des 
anglücklichen jüngsten Sohnes Kaiser Friedrich Botbarts, 
durch Herzog Otto von Witteisbach die Tochter des er- 
mordeten Königs geheiratet und dadurch einen grossen Teil 
der Hohenstaufen'schen HausgOter und Rechte in Schwaben 
and wohl auch die Erträgnisse der ülmer Schutzvogtei in 
seine Hände gebracht. Die Folge war damals der üeber- 
gang zahlreicher Weiler Schwabens in die Reichsunmittel- 
barkeit gewesen. So war der Weiler Esslingen im 
Jahre 1209 von König Otto IV. von Sachsen zum Reiche 
gezogen worden und dadurch im Jahre 1210 an die Höh en- 
s taufen gefallen, worauf Kaiser Friedrich n. denselben 
sofort befestigte und zur „Burg^ machte.^^^ So hatte auch 
Nflrnberg am 8. November 1219 von Kaiser Friedrich n. 
einen Freiheitsbrief erhalten, nach dem kein Borger von Nürn- 
berg einen andern SchutzTogt als den römischen König haben 
sollte.'*) Vergebens wehrte sich das Kloster Reichenau 
gegen die Wegnahme seines Patronatsrechts auf die 
Ernennung des Ulmer Schutzvogts und gegen die Er- 
setzung von üntervögten durch die Reichsgewalt; 
sein Jahrhunderte lang fortgesetzter Protest endete mit 
dem Ende seiner Herrschaft in der Stadt im 15. Jahrhundert. 
Immerhin gelingt es durch die eifrige Arbeit späterer 
pflichterfbUter Aebte oder Bischöfe einzelnen Klöstern oder 
Stiftern, sich wieder in bessern wirtschaftlichen Stand zu 
setzen. So kauft um das Jahr 1200 das Kloster Johannisberg 
im Rheingau eine neben seinem Hofe in Winkel gdegene 
Besitzung, bestehend aus Häusern, Aeckern, Weinbergen und 
Wiesen, die für 8 Mark dem Juden Elias verpfändet war. 
Um das Jahr 1203 geht das Dorf Klein-Ting, das seither 
Tom Grafen Peter von Breslau den Juden verpfändet ge- 
wesen war» an das dortige Augustinerkloster über. Am 
38. Juni 1203 wird der Steuerertrag des Falkenmeister- 
Dienstguts in Breslau, der seither dem Juden Joseph 

Piessel, (JlmischeB ürkandenbach, 8. 34 f. 
Stelteo. Aagsb. Chronik, 8. Sl. 
PfdL Geschichte von EsBÜn^n, 8. 28 ff. 
H^geJ, StftdtechroDiken, Bd. 1, 8. XIII. 



— 184 — 

gehört hatte, durch den Herzog Heinrich L der Vinoentiner- 
abtei Terausgabt.'^ Am 30. März 1204 erwirbt die Stephans- 
kirche in Wien von dem dortigen Kämmerer Gottfried 
4 Plätze neben der Judenschule gegen die Donau, die 
seither dem Juden Schlom gehört hatten. Am 31. Maiz 1227 
beschwert sich das Kloster St Emmeram in Regen sburg, 
dass die dortigen Juden widerrechtlich einige Grundstöcke 
des Klosters in Besitz genommen, dort ihre Synagoge erbaut 
und ihren Friedhof eingerichtet haben. Auch sonst be- 
schweren und kränken die Juden das Kloster in 
hohem Grade. Papst Gregor IX« weist dessbalb den Abt 
und den Prior von Prül und den Propst von Ripen an, faUs 
die Sache sich so yerhalte, die Juden in Regensbnrg 
vom Geschäftsverkehr mit den Christen aaszu- 
schliessen und sie dadurch zum Nachgeben zu zwingen.^) 

Dass dieses Vorgehen der Kurie den Juden gegenftber 
ausserordentlich wirksam war, beweisen unter anderem 
die Worte, welche im Jahre 1229 der Dichter Freidank 
schreibt: Was sich einmal in den Händen der Römer 
befinde, bekomme man kaum zurück; leichter löse 
man Pfänder bei den Juden aus. So verkauft im 
Jahre 1238 der Erzbischof Theoderich von Trier sein neues 
Haus in Koblenz, das er f&r 7 Mark bar von dem Juden 
Süsskind gekauft hat Am 9. Juli 1239 überträgt derSnb- 
diakon Blasius der Nikolauskirche in Passau unter anderem 
die Weinberge in Kossay, die aber erst für 10 Pfand 
Wienerisch bei dem Juden Bibas ausgelöst werden müssen« 
dem sie verpfändet sind. Am 1. Mai 1257 erhält das 
Kloster Maulbronn in der Diözese Speier wegen seiner 
unerträglichen Schulden, derenthalben es teils den 
Juden gegen hohe Zinsen teils anderweit hart ver- 
pflichtet ist, von Gertrud aus Spei er, der Witwe des 
Merkelin (Marx) Simeler, und ihren Kindern 90 Pfd. Hlr. 
gegen den massigen Satz von 5Vt Prozent Bei unpünktlicher 
Zinszahlung muss das Kloster nach alter Speirer Grewohn- 
heit den doppelten Satz zahlen.^) Am 24. April 1257 
zahlt ein christlich gesinnter Mann, ein Pilgrim, für das 
Kloster Benediktbeuren 5 Pfd., die dieses einem Juden 
schuldete. Am 7. Dezember 1269 verkauft Herr Haimon 
zu Montenach dem Kloster Interlaken gewisse Güter 
für 21 Pfd., um dringende Judenschulden zu bezahlen.*^) 

Der Eindruck, den man aus allen diesen Nachrichten 
bekommt, ist der, dass nicht allein die Klöster und Stifter, 
sondern auch die weltlichen Fürsten und Edelleute Deutsch- 
lands, also die gesamten grundbesitzenden Klassen, damals 

^*) Aronios, Regesten rar Geschichte der Jaden, S. 160, 161, 166, 
194 f.. 222 ff., ^ f., 270. 



— 186 — 

in eiBer Weise den Jnden Tersoliiildet waren, welche eine 
Steigemng nicht mehr znliess, so dass eine Aendemng der 
bestehenden Verhaltnisse nnnmganglich nötig war. 

b. m« JtduMhvUn gign fiAmd« Fllbito. 
o* Das DarlsDksn auf Kfiebengnt 

Eine besondere Bolle spielt im Mittelalter der Dieb- 
stahl von Eirchengat. Bei den reichen Schätzen an 
Edelmetall und kostbarem Gewand, welche die kirchlichen 
Stifter bargen, lag die Versnchong sehr nahe, dass sich 
pflichtvergessene Geistliche oder andere Personen bei Geld- 
verlegenheiten dorch Hinterlist oder Gewalt an diesen 
Schätzen vergriffen nnd durch Verpfändung solcher G^en- 
stände sich bares Gteld bei den Darleihern verscha^n. 
Seit alter Zeit finden sich denn auch infolge dessen Ver- 
ordnungen, welche das Darleihen auf Eirchengut 
oder gestohlenes Gut beschränken bezw. verbieten. 
Die Kirche hilft sich diesem ihrem zunehmenden 
▼irtschaftlichen Bückgange durch die Macht der 
Juden g^enüber dadurch, dass sie allen ihren Angehörigen 
streDge verbietet, einem Juden oder sonstigen Darleiher 
(Kowertschen) Urchliche Fahrnis zu verpfänden oder eine 
Bürgschaft einem Juden gegenüber für jemand zu leisten. 
Schon im März 806 muss Kaiser Karl der Grrosse den Bi- 
schöfen, Aebten und Aebtissinen befehlen, die Kirchen- 
schätze stets sorgfältig zu beaufsichtigen, damit nicht 
durch die Unredlichkeit oder Nachlässigkeit der 
Wächter etwas verloren gehe. Man habe ihm berichtet, 
dass jüdische und andere Kanfleute sich rühmen, sie können 
alles, was sie wollen, bei den Kirchendienern kaufen, und 
Kaiser Ludwig der Fromme bestimmt, kein Jude solle bei 
Verlost des Vermögens und der rechten Hand ein Kirchen- 
gut, es sei Gold, Silber oder sonst etwas, als Pfand oder 
för eine Schuld von einem Christen annehmen.'') Man 
sieht aus dem Alter dieser Verordnungen, wie weit dieser 
Krebsschaden zurückgeht So werden im Jahre 1024 einem 
Wormser Geistlichen kostbare Gewänder gestohlen, 
worauf man ein Schreiben an die Geistlichen der anderen 
Orte richtet, darauf zu achten, ob nicht von dem ge- 
stohlenen Gute etwas den Geistlichen oder Juden des 
betreffenden Orts gebracht werde. Wie dringend not- 
wendig eine Aufsicht der Behörden in diesen Dingen war, 
zeigen viele Nachrichten. So ist es im Jahre 1107 der 
Hauptgrund, warum damals die spanischen Maurenfflrsten 
gogen die Juden Torgehen, dass diese die Schätze der 

**) Aronios, Begesten zur Geschichte der Jaden, S. 96 f. 



— 186 — 

mauretaniBcheii Moscheen durch derartige Pfandflchafteo 
völlig ausanplüudem beginnen.'^ Unter König Heinrieb IL ^on 
England (1154—1189) wird ein Jade zu einer Geldstrale 
Temrteilt, weil er sich das Tafelgeschirr der Abtei von St 
Edmondsbnry hat verpfänden lassen. '*) Im Jahre 1181 sendet 
der Erzbischof Goifred von Narbonne seine goldenen und 
silbernen Eirchengef&sse an die Jaden, am sie einzu- 
schmelzen and das Metall für seine Bechnang zu yerkaufen, 
und anter König Philipp August von Frankreich ÜISO 
bis 1223) beschuldigt man die Juden, aus diesen Kelchen 
getranken zu haben.") So untersagen auch im 12. Jahr- 
hundert die Babbiner ihren Glaubensgenossen, Kreuze, 
Kirchengeräte, Messgewänder und Gebetbücher zu erwerben, 
während sie Schulbücher und Bechtsbücher wohl kaufen 
dürfen.") So wird im Jahre 1206 in Frankeich und in 
der Champagne allen Juden yerboten, Darleihen anf 
Kirchenge&sse und Kirchenschmuck , auf Liegenschaften 
der Eörche und blutige Gegenstände zu geben.") So rügt 
im Jahre 1207 Papst Innocenz ni. dem König von Frank- 
reich gegenüber, die Juden lassen ihre Häuser bis Mitter- 
nacht offen und nehmen gestohlenes Gut darin auf; 
auch kommen geheime Ermordungen in ihren Häusern 
vor, so sei ein armer Schüler in einem Judenhause tot auf- 
gefunden worden. Es dürfte desshalb angezeigt sein, hier 
einige Beispiele von Strenge zu geben. '^ So ver- 
pfändet im Jahre 1215 der Abt Gottfried yon St Leonhard 
in Strassburg das Messbueh, ein vergoldetes Kreuz, 
zwei Kandelaber, drei Ghorröcke und ein Messgewand 
gegen 5 Mark an die Juden von Ehnheim, und einen Kelch, 
drei Messgewänder und vier Bücher für 9 Pfd. 20 Pfg. an 
die Juden von Bodesheim.") 

Die Kirche half sich diesem Krebsschaden gegenüber 
in doppelter Weise, indem sie sowohl gegen den Innern 
Feind, die herrschende Sittenlosigkeit der Kleriker, 
als gegen den äussern Feind, die wirtschaftliche Macht 
des Judentums, thatkräftig einschritt und bei den welt- 
lichen Behörden Verordnungen durchsetzte, welche den 
Juden das Darleihen auf Kirchengut erschwerten. So 
durfte nach dem Augsburger Stadtrecht kein Jude 
auf Messgewänder, Kelche oder andere Dinge ausleihen, 
welche der Kirche zugehörten, „vean mit Gewissheit^ '^) 
So beschliesst eine Provinzialsynode in Trier anfangs 
des Jahrs 1227, kein Geistlicher soUe einem Juden oder 
öffentlichen Darleiher Bürgschaft leisten oder 

") Depping, Jaden im Mittelalter, S. U, 125, 118, 148, HS f., 158. 
*^ Stobbe, Jaden in Deutschland, 8. 128. 
*«) Mayer, Aagtlmrger Stadtrecht, S. 58. 



— 187 — 

einem Jaden einen Kirchenschmack oder Bficher 
verpfänden.**) So bestimmt der Sachsenspiegel vom 
Jahre 1224—1282, wenn ein Jade Kelche, Bücher 
oder Priestergewänder kaafe oder als Pfand nehme 
and man finde dieses Gat bei ihm, so solle man ihn als 
Dieb bestrafen; dagegen sollen andere Käufe, welche 
die Juden bei Tage and im unverschlossenen 
Hanse yomehmen, durch drei Zeugen von ihnen be- 
wiesen werden können und sie sollen dann mit ihrem 
Judeneide das hiefür bezahlte oder geliehene Geld be- 
halten dürfen, auch wenn es gestohlenes Gut sei.*^ 
So bestimmt um das Jahr 1260 der „Spiegel deutscher 
Leute^, wenn ein Jude Kelche, Bücher oder Gewänder 
ohne Gewährsmann kaufe oder als Pfand nehme, so 
solle er als Dieb bestraft werden.*^ So bestimmt das 
Meissner Judenrecht von 1266, der Jude solle jedes 
Pfand ohne Zeugen annehmen dürfen, ausgenommen 
geistliche Gewänder und anderes Kircheneigen- 
tum. Diese darf er nur unter Zuziehung zweier Christen 
and eines Juden yon gutem Bufe als Pfand übernehmen. 
Wird ein Jude wegen geistlicher Gewänder, Ornate 
and kirchlicher Geräte angeschuldigt, so muss er seine 
Bälgen (Gen^rsmänner) beibringen oder als Zeugen zwei 
Christen und einen Juden von gutem Rufe, sonst verliert er 
das Pfand und das darauf geliehene Gut. Leugnet ein Jude, 
Kircheneigentum zu haben, und man findet die Sachen bei 
ihm, 80 yerliert er diese samt dem darauf geliehenen Gelde 
and muss seinem Richter Strafe zahlen ; weitere Strafen sollen 
aber nicht erfolgen. So bestimmt am 15./24.(?) Angust 1249 
das Stadtrecht von Iglau im Herzogtum Oesterreich, 
kein Kaufmann, Krämer, Gastwirt, Jude oder sonst jemand 
solle bei Strafe kirchliches Eigentum als Pfand oder 
zur Aufbewahrung anders als vor sicheren Zeugen an- 
nehmen. So bestimmt das Prager Stadtrecht vom Jalune 1269, 
wenn man bei einem Juden Kelche, Bücher oder Mess- 
gewänder finde, ohne dass er angeben könne, von wem er 
sie als Pfönder erhalten habe, solle er dieselben ohne Ent- 
schädigung herausgeben müssen. 

Mau sieht, das Rechtsverhältnis in der Sache ist durch- 
weg gleichmässig in der Art geordnet, dass wenn ein Jude 
ein Gut als Pfand in Besitz bekommen hatte, das einem 
Christen nach dessen Angabe gestohlen worden war, 
der Jude entweder durch eine vorgeschriebene Anzahl von 
Zeugen oder durch seinen Judeneid beweisen konnte, dass 

^ Anmias, Begetten zur Gesclüclite der Jaden, 8. 196 f., 200 f. 
*^ AroDios, Regesten xur Oetchichte der Jaden, S. 277, 296, 2i4, 
311,186. 



— 188 — 

ihm das betreffende Out in der That als Pfand übergeben 
wordenwar. Es hatte also nicht der angeblich bestohlene 
Christ das Recht, im schwören, dass der betreffende Gegen- 
stand sein Eigentum sei, sondern der Jude schwor, dass 
er ihn auf rechtmässige Weise als Pfand an sich gebradit 
habe. Die in die heutigen Beditsordnungen aufgenommene 
Bestimmung, dass der redliche Erwerber einer Sache, 
welche auf unrechtmässigem Wege aus dem Besitz ihres 
Eigentümers gekommen ist, dem Eigentümer dieser Sadie 
nicht herauszugeben braucht oder nur dann, wenn er Ersatz 
dafür erhält, entspricht nämlich weder dem deutschen noch 
dem römischen Recht, sondern ist jüdischen Ursprungs. 
Das römische Recht schützt unbedingt den Eigentümer 
und gibt ihm das Recht, seine Sache Ton jedem Besitzer 
zurückzuTerlanffen, das Recht des Eigentümers geht nach 
ihm dem Recht des gutgläubigen Besitzers vor; der 
letztere muss die Sadie dem Eigentümer ausliefern 
und kann sich zum Ersatz des Schadens an den halten, 
Ton dem er die Sache erworben hat Ebenso bestinunt 
das alte deutsche Recht, dass der Eigentümer dem 
gutgläubigen Besitzer den Schaden nicht zu ersetzen 
braucht, weil einer gestohlenen oder geraubten Sache 
dieser Fehler so lange anklebt, bis sie zu ihrem Eigen- 
tümer zurückgekehrt ist; kurz nach gemeinem Rechts- 
grundsatze musste, wer eine Sache an einen andern 
verkauft hatte, diesem „Gewährschaft^ leisten, das 
heisst, er musste für allen Schaden einstehen, der 
dem Käufer etwa erwuchs, falls ihm das Recht an dieser 
Sache streitig gemacht wurde und nur für den Juden 
bestand hierin ein Ausnahmsrecht'^ 

So bestimmt der Sachsenspiegel, der Jude brauche 
dem Christen keine Gewährschaft zu leisten, falls er 
dies nicht thun wolle. Da jeder, welcher von einem Juden 
kauft, sich bei den talmudischen Rechtsverhältnissen sagen 
musste, dass diese Sache gestohlen sein konnte, da der 
Jude ja ohne Gefahr auch gestohlene Sachen kaufen konnte, 
so konnte der Christ auch keinen Erfolg erwarten, wenn sich 
diess in der That herausstellte. Die älteste Anerkennung der 
dem deutschen und römischen Rechte also vollständig 
entgegenstehenden jüdischen Rechtsanschauung stammt 
aus dem Jahre 1090, wo König Heinrich IV. der Juden- 
gemeinde von Speier das Freiheitsrecht erteilt, wenn bei 
einem Juden eine gestohlene Sache gefunden werde und 
der Jude behaupte, sie gekauft zu haben, so solle ihm das 
Recht zustehen, mit seinem Judeneide zu erhärten, um 
welchen Preis er sie gekauft habe, und wenn ihm dann der 

»') Stobbe, Juden in Deutochland, 8. 119 f., 195 f. 



— 189 — 

Eigentümer diese Summe bezahle, solle er die Sache heraas- 
geben müssen. Das betreffende Vorrecht der Jnden hat seinen 
ürsprang also im talmudischen Becht and die Beichs- 
behörden gaben mit seiner BewULigang einem Bechtssatze 
die Anerkennung, der sich durch die zonehmende Macht 
der jüdischen Verkehrsentwicklong eingebürgert hatte. Es 
heisst nämlich in der Mischnah: findet jemand seine 
Kleider oder Bücher in der Hand eines andern and es ist 
em Diebstahl festgestellt, so hat der Käufer zu schwören, 
wie viel er dafür aasgelegt hat, und erhält seine Auslage 
zorflck, damit der Verkehr nicht erschwert werde. 

Die Folge dieser Aenderung des alten deutschen 
römischen Bechts im Sinne des jüdischen Bechts, 
welche eine Folge der zunehmenden wirtschaft- 
lichen Abhängigkeit war, in welche die deutsche 
Beichsregierung unter den salischen Kaisern von den 
Juden gelangt, machte sich denn auch bald in steigendem 
Masse geltend. Bitter beschwert sich 56 Jahre später, im 
Jahre 1146, der Abt Peter von Clugny beim Könige von 
Frankreich über dieses alte, wahrhaft teuflische 
Vorrecht der Juden, das lediglich die Folge habe, 
dass die Leute das gestohlene Gut in Menge den Juden 
zutragen.'^ Gleichwohl blieb es seither bis auf den 
heutigen Tag bei der Bestimmung des Judenrechts. Dem 
Jaden ist wohl verboten, auf Kirchengut oder gestohlenes 
Gtnt darzuleihen, aber die Uebertretung dieses Gesetzes 
ist ihm in einer Weise erleichtert, dass der bestehende 
Bechtszustand geradezu eine Versuchung zur Schlechtig- 
keit ist So bestimmt Kaiser Friedrich n., als er im 
Jahre 1288 die Verhältnisse der Wiener Judengemeinde 
durch einen ausfuhrlichen Freiheitsbrief ordnet, durch 
welchen er seine Kammerknechte, die Juden in Wien, 
dem Beichsschutze unterstellt, ganz besonders, dass wenn 
bei denselben ein gestohlenes Gut gefunden werde und 
der Jude durch seinen Judeneid bekri^tige, dass er dieses 
Out um einen bestimmten Preis gekauft habe, er das ge- 
stohlene Gut nur gegen Erlegung seines Kaufschillings 
auszufolgen haben solle. So verordnet das österreichische 
Judenpriyilegium vom Jahre 1244, wenn ein Christ be- 
haupte, dass ihm ein im Judenbesitz befindliches Pfand 
durch Diebstahl oder Gewalt abhanden gekommen sei, 
der Jude auf einen gleichwertigen Gegenstand zu schwören 
habe, dass er es gutgläubig erworben und wieviel er 
dafür gegeben habe, worauf dann der Christ das Pfand 



"*) Stobbe, Jaden in DeotacUand, 8. 120 f. Depping, Jaden im 
Mittelaltnr, 8. 114. 



— 190 — 

gegen Ersatz dieses Kapitals und der seither daffiraof- 
gelaufenen Zinsen zurückerhalten solle. ^) So bestimmt 
eine Dortmunder Judenordnung vom Jahre 1258, wenn 
ein Jude ein Pfand, dessen Verkauf ihm erlaubt worden 
sei, auf den Markt schicke, und es werde von jemand mit 
Beschlag belegt, der behaupte, es sei ihm gestohlen oder 
geraubt worden, so solle der Jude nur dann schwören 
müssen, er habe es in gutem Glauben erworben, wenn 
dem Bestohlenen der Beweis gelinge, dass ihm der Gegen- 
stand wirklich gestohlen worden sei.'®) Der Eid des angeb- 
lich Bestohlenen ist idso als Bechtsmittel nicht zugelassen, 
sondern nur der Beweis. So bestimmt um das Jahr 1260 
der Spiegel deutscher Leute, wenn ein Jude Gegenstande 
öffentlich bei Tageslicht und nicht in verschlossenem Hofe 
kaufe oder beleihe und diess zu Dritt bezeugen und eidlich 
beweisen könne, so solle er sein Geld, aber ohne Zinsen, 
zurückerhalten, auch wenn das Gut gestohlen sei.'®) So 
bestimmt auch der Sachenspiegel : Hat ein Jude eine Sache 
unverhohlen und unverstohlen bei Tageslicht und nicht in 
verschlossenem Hause gekauft und die Sache erweist sich 
als gestohlen, so sollen dem Juden die Pfennige, die er 
laut seinem Eide dafür gab oder darauf lieh, ersetzt 
werden. So bestimmt das Meissner Judenrecht von 1265, 
wenn ein Christ ein Pfand, das ein Jude angenommen 
habe, als gestohlen zurückfordere, solle der Christ es 
nicht durch seinen Eid zurückerhalten, sondern der 
Jude es durch seinen Eid, dass er es als Pfand bekonunen 
habe, behalten. Hat der Jude Zeugen, so braucht er nicht 
zu schwören.*^) Wenn ein Christ mit einem Boten des 
Judenrichters wegen einer ihm gestohlenen Sache sich in 
den Schulen und im Gemeinderat der Juden erkundige, 
ob sie einer von ihnen habe, den Besitzer aber nicht er- 
mittle und die Sache dann später doch bei einem der Jud«i 
gefunden werde, so solle der Jude das daf&r gegebene 
Geld verlieren und dem Judenrichter Strafe zahlen, sonst 
aber keinen Schaden leiden. So bestimmt femer das 
Augsburger Stadtrecht, falls ein Christ ein ihm ge- 
stohlenes geerbtes Gut in der Hand eines Juden 
finde, solle es ihm der Jude gegen Erstattung des dafttr 
bezahlten Hauptguts zurückgeben müssen. Scheine dem 
Christen das Lösegeld zu hoch, so solle der Jude seine 
Berechtigung zur Forderung desselben nach Judenrecht 
erbringen.*') 

**) Aroniai, Begesten lur Geschichte der Jaden, S. 283. 
"*) Aronins, Begesten zur Qeschichte der Juden, 8. 206, 277, 206, 
298, 820. 

*>) Mayer, Augiborger Stodtrecht, S. 56. 



— 191 — 
ß. Dm Dttrleiben auf Tiere, Harnische, blotige and feuchte Oew&nder. 

Nicht minder häufig als die Diebstähle und Baub- 
anfälle auf EirchengOter waren die Diebstähle von 
Haustieren, namentlich von Pferden, und auch hier 
waren es die Juden, welche unter dem Schutze ihres tal- 
mudischen Judenfreiheitsrechts den Verbrechern in 
jeder Beziehung Vorschubdienste leisteten. So stiehlt z. B. 
in den Jahren 1260 — 1272 ein Schuhmacher Jordanus in 
Wismar ein Pferd und verpfändet es bei den Juden. 
Auch in dieser Beziehung waren desshalb Schutzbestim- 
mungen der Behörden nothwendig, welche aber, da sie 
nicht den Kernpunkt des Krebsschadens, das talmudische 
Judenvorrecht, beseitigten, wenig Erfolg hatten. So 
bestimmte die Judenordnung des Herzogs Boleslaus von 
Polen vom Jahre 1264, kein Jude solle sich ein Pferd 
anders als bei hellem Tage verpfänden lassen dürfen.'^ 
So bestimmt das Meissner Judenrecht vom Jahre 1265, 
wenn ein Christ einem Juden ein Pferd verpfände 
und dies später von Jemand anderem als sein Eigen- 
tum zurückgefordert werde, solle der Jude, wenn er 
seine Gewährsmänner nennen oder Zeugen für die Ver- 
pfändung beibringen könne, das Pferd behalten, wenn 
nicht aber, solle er das Pferd herausgeben, sonst aber 
keinen Schaden leiden. Werde der Jude von einem der 
Gewährsmänner angegriffen, so solle er durch Eid oder 
Zeugen beweisen, dass ihm das Pferd verpfändet 
worden sei, worauf ihm der Schaden von dem Bestohlenen 
zu ersetzen sei. So wird am 23. August 1268 in Oester- 
reich, Steiermark, Böhmen und Mähren bestimmt, 
kein Jude, der sich in Brunn aufhalte, solle nach 
Sonnenuntergang weder von bekannten noch unbekannten 
Leuten ein Pfand annehmen und auch bei Tage nicht 
mit Pferden, Ochsen, Kühen oder anderen Dingen, 
▼on denen der Verdacht bestehen könnte, dass sie ge- 
stohlen wären, Pfänder stellen lassen ausser mit dem 
Zeugnis zweier Stadtgeschworenen.'') 

Wie es den Juden geboten war, Geld auf Kirchen- 
geräte nur unter bestimmten Vorsichtsmassregeln darzu- 
leihen, so war ihnen auch mannigfach verboten, Harnische 
oder andere zur militärischen Ausrüstung der Bürger 
dienende Gegenstände als Pfänder zu nehmen, da hie- 
durch bei plötzlichen Truppeneinziehungen, bei 
Allarmierungen der Stadtbürgerschaften wegen eines 
üeberfalls u. s. w. leicht Gefahr entstehen konnte. Es 
war desshalb die Bestimmung getroffen, dass wenn eine 



**) Deppiog, Juden im Mittelalter, S. IM. 

'*) AxonioB, Regetten inr Geschichte der Jaden, S. 208, 806 f. 



— 190 — 

gegen Ersatz dieses Kapitals and der seither dafür auf- 
gelaufenen Zinsen znriickerhalten solle. ^) So bestimmt 
eine Dortmunder Judenordnang vom Janre 1258, wenn 
ein Jade ein Pfand, dessen Verkauf ihm erlaubt worden 
sei, aaf den Markt schicke, und es werde von jemand mit 
Beschlag belegt, der behaupte, es sei ihm gestohlen oder 
geraubt worden, so solle der Jude nur dann schwören 
müssen, er habe es in gutem Glauben erworben, wenn 
dem Bestohlenen der Beweis gelinge, dass ihm der G^en- 
stand wirklich gestohlen worden seL^) Der Eid des angeb- 
lich Bestohlenen ist also als Bechtsmittel nicht zugelassen, 
sondern nur der Beweis. So bestimmt um das Jahr 1260 
der Spiegel deutscher Leute, wenn ein JudeG^enst&ide 
öffentlich bei Tageslicht und nicht in verschlossenem Hofe 
kaufe oder beleihe und diess zu Dritt bezeugen und eidlich 
beweisen könne, so solle er sein Geld, aber ohneZinsen, 
zurückerhalten, auch wenn das Gut gestohlen sei*®) So 
bestimmt auch der Sachenspiegel : ^t ein Jude eine Sache 
unverhohlen und unverstohlen bei Tageslicht und nicht in 
verschlossenem Hause gekauft und die Sache erweist sich 
als gestohlen, so sollen dem Juden die Pfennige, die er 
laut seinem Eide dafür gab oder darauf lieh, ersetzt 
werden. So bestimmt das Meissner Judenrecht von 1265, 
wenn ein Christ ein Pfand, das ein Jude angenommen 
habe, als gestohlen zurückfordere, solle der Christ es 
nicht durch seinen Eid zurückerhalten, sondern der 
Jude es durch seinen Eid, dass er es als Pfand bekonmien 
habe, behalten. Hat der Jude Zeugen, so braucht er nicht 
zu schwören.*^) Wenn ein Christ mit einem Boten des 
Judenrichters wegen einer ihm gestohlenen Sache sich in 
den Schulen und im Gemeinderat der Juden erkundige, 
ob sie einer von ihnen habe, den Besitzer aber nicht er- 
mittle und die Sache dann später doch bei einem der Juden 
gefunden werde, so solle der Jude das daf&r gegebene 
G^ld verlieren und dem Judenrichter Strafe zahlen, sonst 
aber keinen Schaden leiden. So bestimmt femer das 
Augsburger Stadtrecht, falls ein Christ ein ihm ge- 
stohlenes geerbtes Gut in der Hand eines Juden 
finde, soUe es ihm der Jude gegen Erstattung des daf&r 
bezahlten Hauptguts zurückgeben müssen. Scheine dem 
Christen das Lösegeld zu hoch, so solle der Jude seine 
Berechtigung zur Forderung desselben nach Judenrecht 
erbringen.'*) 

**) Aronioi, Regesten lur Geschichte der Juden, S. 233. 
"*) Aroniiu, Begesten zur Qeschichte der Juden, 8. 266, 277, 206, 
298, 890. 

**) Mayer, Augtbnrger Stadtrecht, S. 56. 



— 191 — 
ß> Um Dmrieihen auf Tiere, Harnische, blatige and feuchte Oew&nder. 

Nicht minder hänflg als die Diebstähle und Banb- 
anfalle auf Eirchengflter waren die Diebstähle von 
Haustieren, namentlich von Pferden, nnd auch hier 
waren es die Juden, welche unter dem Schutze ihres tal- 
mudischen Judenfreiheitsrechts den Verbrechern in 
jeder Beziehung Vorschubdienste leisteten. So stiehlt z. B. 
in den Jahren 1260 — 1272 ein Schuhmacher Jordanus in 
Wismar ein Pferd und verpfändet es bei den Juden. 
Auch in dieser Beziehung waren desshalb Schutzbestim- 
mungen der Behörden nothwendig, welche aber, da sie 
nicht den Kernpunkt des Krebsschadens, das talmudische 
Judenvorrecht, beseitigten, wenig Erfolg hatten. So 
bestimmte die Judenordnung des Herzogs Boleslaus von 
Polen vom Jahre 1264, kein Jude solle sich ein Pferd 
anders als bei hellem Tage verpfänden lassen dürfen.'^ 
So bestimmt das Meissner Judenrecht vom Jahre 1265, 
wenn ein Christ einem Juden ein Pferd verpfände 
and dies später von Jemand anderem als sein Eigen- 
tum zurückgefordert werde, solle der Jude, wenn er 
seine Gewährsmänner nennen oder Zeugen für die Ver- 
pfändung beibringen könne, das Pferd behalten, wenn 
nicht aber, solle er das Pferd herausgeben, sonst aber 
keinen Schaden leiden. Werde der Jude von einem der 
Gewährsmänner angegriffen, so solle er durch Eid oder 
Zeugen beweisen, dass ihm das Pferd verpfändet 
worden sei, worauf ihm der Schaden von dem Bestohlenen 
zu ersetzen sei. So wird am 23. August 1268 in Oester- 
reich, Steiermark, Böhmen und Mähren bestimmt, 
kein Jude, der sich in Brunn aufhalte, solle nach 
Sonnenuntergang weder von bekannten noch unbekannten 
Leuten ein Pfand annehmen und auch bei Tage nicht 
mit Pferden, Ochsen, Kühen oder anderen Dingen, 
von denen der Verdacht bestehen könnte, dass sie ge- 
stohlen wären, Pfänder stellen lassen ausser mit dem 
Zeugnis zweier Stadtgeschworenen.'®) 

Wie es den Juden geboten war, Geld auf Kirchen- 
geräte nur unter bestimmten Vorsichtsmassregeln darzu- 
leiheo, so war ihnen auch mannigfach yerboten, Harnische 
oder andere zur militärischen Ausrüstung der Bürger 
dienende Gegenstände als Pfänder za nehmen, da hie- 
darch bei plötzlichen Trappeneinziehungen, bei 
Allarmierungen der Stadtbürgerschaften wegen eines 
Ueberfalls u. s. w. leicht Gefahr entstehen konnte. Es 
var desshalb die Bestimmung getroffen, dass wenn eine 

"^ DeppiBf, Jaden im Mittel«lter, S. IM. 

*") Aronios, Regelten rar Geichichte der Juden, 8. 208, 806 f. 



— 192 — 

solche Verpfändung dennoch geschah, der Jude den Hamiacfa 
gegen Eratattnng des ansgeliehenen Hauptguts zurückgeben 
mosste, während er des Rechts auf die bedungenen Zinsen 
rerlustig gieng.^) So bestimmt die Judenordnung von Biel 
vom Jahre 1306, die Juden sollen verpflichtet sein, alle 
Waffen, welche ihnen die Bürger der Stadt verpfänden, 
der Stadt zurückzugeben, so oft sie deren benötigt sei« 
doch sollen ihnen diese Pfänder nach dem Gebrauch um- 
gehend wieder zugestellt werden.^) Verboten war femer 
den Juden, teilweise bei Todesstrafe, Darlehen auf 
blutige oder feuchte Gewänder zugeben, da hier die 
dringende Gefahr nahe lag, dass es Mördern, Totschlägern 
oder sonstigen Verbrechern durch solche Verpfändungen 
gelingen könnte, dem Arm der Gerechtigkeit zu entgehen. 
Wie schlimm es die Juden in Bezug auf diese Dinge 
vielfach getrieben haben mussten, ersieht man daraus, dass 
die Behörde sich teilweise gezwungen gesehen hatte, auf 
die Uebertretung dieses G^tzes die Todesstrafe zu 
setzen. So verordnet z. B. das Oesterreichische Juden- 
Privilegium vom Jahre 1244, die Juden dürfen alles als 
Pfand annehmen, ausgenommen blutige oder feuchte 
Gewänder oder Kirchengewänder, und um das Jiüir 1258 
bestimmt die Dortmunder Judenordnung, während die 
Juden sonst kraft kaiserlicher Freiheitsbriefe das Becht 
haben, das auf gestohlenes oder geraubtes Gut, wenn 
es ihnen verpfändet ist, gegebene Geld vom Eigentümer 
zurückzufordern, wenn sie einen Judeneid ablegen können, 
dass sie die betreffende Sache gutgläubig erworben 
haben, solle dieses Becht künftig ausser Kraft treten in 
Bezug auf blutige Gewänder oder solche, die nass 
gemacht worden sind, um das Blut abzuspühlen, so- 
wie auf zerdrückte oder zusammengeschlagene 
Kelche, weil dabei unehrlicher Erwerb von vorn- 
herein zu vermuten sei.^^) So bestimmt ferner das Becht 
der Stadt Prag vom Jahre 1269, die Juden sollen keine 
blutigen oder nassen Gewänder als Pfand nehmen; 
thun sie es dennoch, so sollen sie wie Diebe mit dem 
Leben bestraft werden. Und die Nürnberger Juden- 
ordnung bestimmte, kein Jude und keine Jüdin sollen auf 
ein Pfand, das die Bürger nicht beleihen dürfen, einem 
Käufler oder einer Käuflerin, einem Knecht oder einer 
Magd bei Strafe von 60 Hlr. für jedes geliehene Pfund and 
kostenfreie Bückgabe des Pfands Ober 1 Pfd. Hlr. leihen, 
ohne dass derjenige seine Zustimmung gegeben habe, dem 



^) Stobbe, Juden in Deutschland, 8. 246. 

**) Aronioi, Begetten zur Qesefaichte der Juden, S. 288, 265 f., Sil. 



— 198 — 

das Pfand gehöre.'*) So verbieten auch die Judenordnongen 
von Augsburg, Weissenburg, Würzburg, Schaff- 
haas en und anderen Orten den Juden, Geld auf blutige 
oder nasse Gewänder zu leihen, in denen Leute ermordet 
worden sind. Erfolgte dies dennoch, so musste der Jude 
das Pfand ohne Ersatz herausgeben.'^ 

«. Pu "Fntonalphaä. imd du BiigioliBftnMht. 

Eine der geföhrlichsten Klippen, welche von jeher 
dem deutschen Bürger seitens der ihn auswuchernden 
Völker, der Juden und der Lombarden — denn eines 
yon beiden hat dies jederzeit besorgt und wenn der eine 
gieng, kam der andere dafilr herein — , gedroht hat, war 
die in der Herzensgute des Deutschen wurzelnde Be- 
reitwilligkeit, dem Verwandten oder Freunde durch Ueber- 
nsimievonBürgschaftsverpflichtungen beizuspringen, 
und so sehen wir auch im Mittelalter infolge der oft allzu 
leichfertigen Missachtung des Sprichworts, dass „Allzugut 
liederlich ist^, an einer Eeihe von Beispielen, wie durch 
Bürgschaftsyerpflichtungen zahllose Existenzen zu Grunde 
gerichtet werden. Konnte ein Schuldner nicht bezahlen, so 
durfte auch der jüdische Gläubiger ihn in Schuld- 
haft nehmen lassen, soweit nicht landesherrliche Be- 
stimmungen, wie z. B. in Ulm, im Wege standen. Obgleich 
alio nach jüdischem und romanischem, (oströmischem) 
Bechte keine Schuldhaft zulässig ist, machten die 
Juden doch hierin von den Bestimmungen des deutschen 
Rechts Gebrauch. Während aber ein christlicher Gläubiger 
den Schuldner in seinem Hause in Haft nimmt und ihm dort 
Wasser und Brot gibt, darf der Jude seinen Schuldner 
nur einem „ehrsamen Christenmanne^ in Gewahrsam 
geben, da es für unwürdig galt, dem Juden eine Herr- 
schaft über den Christen einzuräumen und jedes 
Zusammensein von Christen und Juden in dem- 
selben Hause unstatthaft und unpassend erschien. 
So bestimmen im Jahre 814 die Kaiser Karl der Grosse 
und Ludwig der Fromme, kein Jude solle einen Christen 
als Unterpfand yon einem Juden oder andern Christen 
in Haft oder Gewahrsam bringen dürfen, damit dieser 
nicht an seiner Ehre Schaden nehme, bei Strafe der 
Freigebung des Christen und Verlust von Schuld und 
Unterpfand.*') 

WCtrfel, NOmbergs Jadengemeinde, 8. 86. 

Stobbe, Juden in Deutschland, 8. 246, 180. 
^ Aronioi, Regesten zor Geschichte der Jaden, 8. 27. 

Leistong oder Leistmachong ist „pactum moribns introductnm et 
legibus prorindaliboB constabilitam, qao debitor ant fidejussor promittit 
osditori, d ad tempos constitatam non solvat, se cnm eerto comitata in 

18 



5 



— 194 — 

Wie wenig diese Bestimmungen freilich* in den fol- 
genden Jahrhunderten der steigenden furchtbaren Macht 
des Judentums Beachtung fanden, beweisen mannigfache 
Nachrichten. So wird im Jahre 1135 aus Frankreich 
geklagt, dass den Juden halb Paris gehöre. Sie be- 
halten die Schuldner in ihren Häusern statt des 
Gefängnisses, nachdem sie sich von ihnen haben das 
Ehrenwort geben lassen, sich nicht zu entfernen. 
Eine Aenderung erfährt dieses Verhältnis gegen das Ende 
14. Jahrhunderts, als bei der sinkenden Macht des 
Judentums es der Kirche gelingt, Ober den jüdischen 
Wuchergeist Herr zu werden und so entwickelte sich 
allmählich als Ersatz der Personalhaft im Hause 
des Juden die ritterliche Ehrenhaft des „Ein- 
lieg e r s^ oder der „Leistung^, jener Personalhaft, welcher 
sich vertragsmässig der Schuldner und seine Bürgen f&r 
den Fall der Nichterfüllung ihrer Verbindlichkeiten unter- 
warfen. ^*^ Der Leister war bekanntlich ein Bürge, 
welcher dem Darleiher versprochen hatte, auf sein Qeheiss 
zu dem Schuldner oder in ein Gasthaus einzuziehen 
und dort so lange zu bleiben, bis die Schuld samt 
Zinsen bezahlt war. Es war also eine Gefangen- 
schaft auf Ehrenwort***) Das Verbot der Aufnahme 
Ton Leistern an die Juden schaffte ihnen dabei das 
Freiheitsrecht, dass man von ihnen auf diese Weise 
kein Geld erpressen konnte. Eine Besserung der 
durch diese Standesunsitte herbeigeführten Missstände 
erfolgte erst, als gesetzlich bestimmt wurde, dass stets der 
Jude die Kosten des Einlagers solle bezahlen müssen. 
So durfte nach dem Nürnberger Judenrechte ein Jude 
weder in seinem noch in einem andern Judenhause einen 
Schuldner in Personalhaft nehmen, auch in einem christ- 
lichen Hause durften wegen jüdischer Forderungen nur 
dann Einlieger gehalten werden, wenn der Jude die 
Kosten zahlte. Diese Bestimmung nahm dem Siche- 
rungsmittel seine Bedeutung für den jüdischen Gläubiger; 
denn gerade, dass der Einlieger auf seine eigenen 
Kosten leben musste, gab der Strafe Nachdruck. Wurde 
ein christlicher Bürger einem Juden gegenüber Bürge 
und der Bürge wurde von dem Selbstschuldner ausgelöst, 

ocam astiguatum yeDtarum neqae inde decessarnm. donec creditori 
tarn de lorte qium de atoris et expensit faerit satitractam." Speidel, 
Bibiiotb. jur. Bd. 2. WQrfel, 80 f. Im Jahre 1577 wurde dai Eiulager 
wegfeD des Prasiens und Schweigens nnd der ehrenrQhrigen 
Schmahaogen der Leister darch Öffentlich angeschlagene QemtUde 
nnd Hchriften gesetslich aufgehoben. 



"*) Würfel, Nambergs Jadengemeinde, S. 80. 
^ Stobbe, Juden in Deutschland, 8. 180. 



— 196 — 

80 hatte der Jade dem Bürgen diess binnen 8 Tag'en mit- 
znteilen, wenn er daheim war; war er aber nicht daheim, 
so hatte er es nach der Nürnberger Judenordnong bei 
Strafe Yon 60 Hh*. in dessen Hause innerhalb derselben 
Frist knnd zu thun and den Bürgschaftsbrief zurückzu- 
geben, und kein Jade durfte gegen einen Selbstschuldner 
Klage erheben ohne den gerichtlichen Spruch der Bürger 
der Stadt bei Strafe des Verlusts des Anrechts auf die 
Bürgschaft Ferner war es allen Nürnberger Bürgern 
yerboten, fremden Leuten Bürgschaft gegenüber 
einem Juden zu leisten; nur wenn ein Bürger einen 
Gast hatte, der Kaufmann war, so durfte er dessen Bürge 
gegen die Juden werden, aber nur auf das Gut, das der 
Gast hatte, und bis zur Summe von 10 Pfd. Hlr. bei Strate 
Ton 10 Pfd. Hlr. Kein Bürger durfte weiter der Bürge 
eines „Gasts^, d. h. eines in der Stadt anwesenden 
Fremden, oder eines „Ausmanns^, d. h. eines auswärts 
befindlichen Fremden, gegen einen Juden werden ohne 
Erlaubnis der „Bürger vom Bat^ bei Busse des vierten 
Pfennigs yon dem Gelde, für das er Bürge geworden war, 
und kein Bürger durfte Selbstschuldner gegen einen Gast 
werden, nur ein Kaufmann durfte für den andern Bürge 
und Selbstschuldner werden, wenn dieser auch ein Kauf- 
mann war, und ein Wirt durfte Bürge oder Selbstschuldner 
eines Kaufmanns werden, der bei ihm zu Herberge war. 
Strenge war es weiter bei Strafe von 10 Pfd. Hlr. für 
jedes Leistpferd in Nürnberg den Juden verboten, Leist- 
pferde oder Leister in ihrem Hause oder im Hause 
eines anderen Juden oder eines Christen gegen Kost zu 
halten.*») 

Welche Bolle die BürgschaftsverpTlichtungen 
nicht nur von einzelnen Personen, sondern von ganzen 
Zwangskörperschaften, von Stadtgemeinden und 
Landesherrschaften, bei Staatsanlehen den Juden 
gegenüber spielten, zeigen viele Meldungen. So leistet im 
Juni 1203 die Grafschaft Champagne dem Kloster Vitry 
Bürgschaft für 400 Pfd. Provins, zahlbar der Grafschaft 
Bethel, unter Abquittierung durch die Juden. So 
schuldet um das Jahr 1241 die Abtei Quedlinburg dem 
Juden Jakob von Blankenburg 213 Mark Silber mit 
fortlaufenden Zinsen. Da diese Schuld notwendig 
bezahlt werden muss, um die Zinsenlast zu beseitigen 
and die Bürgen zu entlasten, so verpfändet die 
Abtei einige Zehnten an die Grafschaft Begenstein. 
Was die ständige Klage der damaligen Landesherr- 
schaften bildet, ist die zunehmende Schuldenlast ihrer 

*') Worfel, NOrnbergs Judeiigemeinde, S. 86. 



— 196 — 

Kassen durch die bei den unzureichenden Oefällen nicht 
bezahlbare Zinsenlast, welche alljährlich dem Haupt- 
schuldgute zuwächst und dasselbe anf diese Weise bald 
ins Ungemessene steigert. Die wirthschaftlichen Verhält- 
nisse der Beichskammer wie der Landesherrschaften 
sind denn auch im 13. Jahrhundert durch die ewig sich 
steigernden Heereslasten derart zerfallen, dass ein Zu- 
sammenbruch der Verhältnisse unausbleiblich ist So 
verschreibt z. B. am 1. März 1242 König Konrad IV. yon 
Hohenstaufen dem Propst Heinrich von Pfalzel für 300 Pfd. 
Trierisch, die ihm dieser geliehen hat, drei Juden mit 
ihrem ganzen Vermögen, nämlich Heilmann und dessen 
Schwiegersohn Heckelm von Cochem und Äron yon Cröw, 
yon denen der Papst die genannte Summe samt Zinsen 
erhalten soll. Kommen die genannten Juden ihrer Ver- 
pflichtung nicht nach, so steht dem Gläubiger das Recht 
zu, deren Häuser und fahrende Habe zu yerkaufen. Genügt 
diess nicht, so ist der Fehlbetrag aus dem königlichen 
Schatze zu decken.^*) So klagt im Jahre 1284 das Kloster 
Hirschau über die grosse Schuldenlast, in welche es durch 
das übergrosse Zinsnehmen der Juden und durch die 
auf des Klosters Kosten erfolgte Geiselschaftsleistung 
gekommen sei.^') So erlässt König Ludwig der Bayer am 
24. Noyember 1315 der Stadtgemeine Esslingen ihre 
Bürgschaft bei den Ueberlinger Juden und befreit 
am 31. Januar 1316 die Stadt yon allen Schulden und 
Bürgschaften bei denjenigen Juden, die sich auf die 
Seite des Hauses Oesterreich gestellt hatten. ^^) So 
y erspricht im Jahre 1368 eine Anzahl Bürger yon Frank- 
furt am Main behufs Sicherung der HeimzcJilung eines „bei 
den Juden^ gemachten städtischen Anlehens, auf 
Verlangen der betreffenden jüdischen Gläubiger jederzeit in 
eine beliebige Herberge zu Mainz einzuziehen.^') So yer- 
sprechen im Jahre 1374 die Bürger yon Nürnberg, für 
den Burggrafen Friedrich yon Nürnberg in einem Nürn- 
berger Gasthause entweder selbst zu leisten oder mit einem 
Knecht und einem Pferde einzuliegen, wenn sie nicht selbst 
leisten wollen, wobei die Wahl des Gasthauses den jüdischen 
Gläubigern zustehen soUte.^'^) So heisst es in einer andern 
Nürnberger Schuldurkunde yom Jahre 1375, jeder Bürge 
solle yerpflichtet sein, ein Pferd in die Häuser der ge- 
nannten Juden zu stellen und dort so lange leisten zu 
lassen, bis sie sich abgeleistet und abgegessen haben. 

Aroniat, Begesten zur Geschichte der JadeD, S. 280 f. 
Stobbe, Juden in Deatschland, S. 248. 

St&lin, Wirtemb. Geschichte, Bd. 8, S. 146. Vergl vornen 8. 19. 
Monnmenta ZoUenma, Bd. 4, No. 268. Stobbe, 24a 



— 197 — 

d. Dlo FBxBlioUulttB dM JidtadailtlhgiMhlllt. 

or. Die Oerichtsziutftndigkfiit, der Zeagenbeweis und der Reinignngseid 

der Jnden. 

Der ordentliche Gerichtsstand des Jaden im Mittel- 
alter war infolge seiner Zugehörigkeit zum Beichsbürger- 
verbande in allen Streitigkeiten mit anderen Bürgern das 
Seichsgericht, während in Streitigkeiten der Jaden anter 
sich das Gericht der betreffenden Jadengemeinde zaständig 
war. So bestimmt z. B. im Jahre 809 Kaiser Earl der 
Grosse, wenn ein Jude einen Christen verklage, so solle 
der Christ seine ünschald darch drei Zeagen nachweisen, 
der Jade aber je nach dem Wert der Sache 4, 7 oder 
9 Zeagen haben. Verklage aber ein Christ einen Jaden, 
so sollen drei Christen oder drei Jaden als Zeagen 
genügen. Um das Jahr 1090 verleiht Kaiser Heinrich IV. 
dem Jadenbischof Salomon and Genossen in Worms 
einen Preiheitsbrief. Die Jaden, laatete derselbe, sollen 
in allen Rechtssachen dem Kaiser anterstehen , nicht dem 
Bischof and dessen Kämmerer, dem Grafen and dessen 
Schnltheissen, sondern nar dem, den sie selbst hiezn aas 
ihrer Mitte erwählt and dem Kaiser zar Beleihang vorge- 
schlagen haben. Will ein Jade an den König apellieren, 
so ist ihm dazn Zeit za lassen. Die Strafe ist in Geld 
zu zahlen. Jn den Jahren 1159 — 1181 beklagt sich Papst 
Alexander m., dass die Jaden bei Streitigkeiten mit 
Geistlichen letztere vor das weltliche Gericht ziehen 
und ihre Sache darch einfache Urknnde ohne Zeagen oder 
einen beliebigen Christen oder Jaden gegen Becht and 
Vernnnft za beweisen nnternehmen, gegen sich selbst aber 
das Zeagnis erprobter Nichtjnden nicht gelten lassen. 
Da es nan aber verboten sei, geistliche Personen vor ein 
weltliches Gericht za ziehen, verbietet der Papst den 
Geistlichen, bei solchen Streitigkeiten vor Gericht za er- 
scheinen. Christen sollen nar das Zeagniss von 2 bis 
3 ehrsamen and frommen Männern znlassen, einer sei 
ungenügend. Am 19. März 1179 bestimmt das dritte late- 
ranische Konzil, das Zeagnis von Christen gegen Jaden 
sei in allen Bechtsstreitigkeiten znznlassen, da sich die 
Juden ja ihrer Zeagen anch gegen die Christen bedienen. 
Wer künftig in diesem Pankte die Jaden den Christen 
vorziehe, solle gebannt werden, denn der Jade habe 
hinter den Christen zarückzatreten, da er von 
diesem nar aas Menschlichkeit gednldet werde.**) 
Am 1. Jali 1244 verleiht der Herzog Friedrich von Oester- 

**) Aroniui, Regesten zur Geicbichte der Juden, S. 26, 76, IST, 182, 
238 1, 200. 



— 198 — 

reich, Steiermark und Erain allen Juden seines 
Landes einen Freiheitsbrief, nach dem bei Streitigkeiten fiber 
bewegliches oder unbewegliches Vermögen oder in Kriminal- 
fällen, die sich auf einen Juden bezogen, Christen nur mit 
anderen Christen und 1 Juden als Zeugen zugelassen 
werden sollten. So bestimmt in den Jahren 1224 — 1232 der 
Sachsenspiegel, kein Jude solle der Gewährsmann eines 
Christen sein müssen, wenn er nicht fQr ihn yor Gericht 
antworten wolle. Am 30. Juni 1230 werden der Juden- 
gemeinde in Regensburg ihre alten Freiheitsrechte 
bestätigt, nach denen man deren Angehörige vor keinen 
Richter bringen darf, den sie nicht selbst gewählt 
haben, und weder Geistliche noch Laien etwas durch 
Beweis yon ihnen behaupten durften, wenn kein Jude 
als Zeuge anwesend war. üeber einen Juden darf nur 
seine Schule oder das Gericht Recht sprechen. Wird 
ein Jude yon seinem Richter yorgeladen und erscheint 
auf zweimalige Ladung nicht, so hat er 4 Denare Strafe 
zu zahlen; folgt er der dritten Ladung nicht, bezahlt 
er dem Richter 36 Denare. Bei Streitigkeiten yon Juden 
unter sich spricht nicht der Stadtrichter Recht, sondern 
der Herzog oder der Oberstkämmerer des Landes. Bei 
Verbrechen gegen die Person steht die Rechtsprechung 
ausschliesslich dem Herzog zu. So bestimmt um das Jahr 1260 
der „Spiegel deutscher Leute", Juden dürfen nicht Ge- 
währsmänner für Christen sein und am 2. Dezember 1261 
yerordnet der Herzog Barnim L yon Pommern, dass die 
Juden in Stettin oder sonst in Pommern nach dem Magde- 
burger Judenrechte leben sollen. Im Jahre 1265 lässt 
wegen der wiederholten Streitereien über das Juden- 
recht der Markgraf Heinrich der Erlauchte yon Meissen 
und Osterland dieses aufzeichnen. Dasselbe bestimmte 
betreffs des Zeugenbeweises, der Jude solle den Zeugen- 
beweis gegen einen Christen wegen einer Schuld oder 
irgend einer Sache mit 2 Christen und 1 Juden ftUiren. 
wobei beide Teile nach ihrem Gesetze schwören sollten, der 
Christ aber solle seine Sache mit 2 Juden und 1 Christen 
beweisen. Die Juden haben lediglich yor ihrem Richter 
Recht zu stehen. So bestimmt das Prag er Stadtrecht 
yom Jahre 1269, kein Jude solle (in eigener Sache) Zeuge 
sein, sondern er solle nur dann Recht bekommen, wenn er 
einen Christen und einen Juden zum Zeugen habe.*^) So 
ist in Ulm für die Juden betreffs ihrer Forderungsrechte 
an Bürger das Stadtgericht zuständig, welches ihnen 



*^ Aronins, Regesten zur Geschichte der Jaden, 8. 197, 277, 288, 
811,21. 



— 199 — 

bei allen redlichen Forderungen, die sie gehörig beweisen 
konnten, zu helfen hatte.^^) 

Wie die Gerichtsordnung überhaupt damals be* 
stimmtere, den Juden weniger günstige Vorschriften 
f&r das prozessualische Verfahren erhält, so wird nament- 
lich auch der Eid der «luden jetzt mehr als seither mit 
einem religiösen Charakter umgeben. Schon Kaiser 
Karl der Grosse verordnet, wenn ein Jude gegen einen 
Juden klage, solle der angeklagte Jude sich auch nach 
seinem Gesetze verteidigen, wenn aber ein Jude gegen 
einen Christen klage, so solle der angeklagte Christ sich 
mit seinen Zeugen durch einen Eid auf Beliquien oder 
durch das Gottesurteil des Glüheisens rechtfertigen. 
Dem angeklagten Juden abersoUeman (nach der Sitte der 
Juden) einen Dornenkranz aufsetzen, ihm stehend 
die Eniee zusammenbinden und ihm einen Dorn- 
zweig von 5 Ellen um die Hüfte legen, bis er den 
Eid geleistet habe. Wenn er dann heil bleibe, solle er 
gereinigt sein.^'') Man sieht, es ist genau das Verfahren, 
welches wir bei derGerichsverhandlnng gegen denHei- 
land seitens des kaiserlich römischen Landgerichts 
in Jerusalem in Anwendung bringen sehen, die also 
auch im fränkisch-römischen Beiche weiter gilt, so 
bald es sich um denEid eines Juden gegen einen 
andern Juden handelt. Verstösse ein Jude, schrieb 
das betreffende Earolingische Judenrecht weiter vor, gegen 
ein christliches Gesetz oder begehe er ein Verbrechen 
an einem Christen und er werde überführt, so solle er die 
Strafe des Elternmords leiden, d. h. in einen Sack 
genäht und in den Abgrund gestürzt oder ver- 
brannt werden. Wesentlich milder gegenüber diesem 
strafprozessualischen Beinignngseid war das Gerichts- 
verftdiren beim gewöhnlichen civilprozessualischen Reini- 
gnngseid, wenn es sich um Bechtsstreitigkeiten 
zwischen Juden und Christen handelte. So bestimmen 
die Kaiser Karl der Grosse und Ludwig der Fromme betreffs 
des Eids der Juden gegenüber einem Christen, man 
solle Sauerampfer zweimal vom Kopfe aus im Umkreise 
seiner Füsse streuen, und der Jude solle in der rechten Hand 
die 5 Bücher Mosis halten und die Worte sprechen: So 
wahr mir der Gott helfen soll, der das Gesetz Mosis auf dem 
Berge Sinai gegeben hat und so wahr der Aussatz des 
Syrers Naaman nicht über mich kommen soll, wie er über 
jenen gekommen ist, und die Erde mich nicht verschlingen 
soll, wie Dathan und Abirai: In dieser Sache habe ich 
nichts Böses gegen Dich verübt. ^'^ 

^ J&ger, Ulms Yerfassnng, 8. 896. 



— 200 — 

Eine wichtige Neuerung in der Ableistung des 
Jadeneids erfolgt am Ende des 12. Jahrhunderts, indem 
bestinunt wird, dass künftig die Juden ihre Eide im Rechts- 
yerfahren gegen Christen auch in deutscher Sprache 
ableisten sollten. So bestimmt in den Jahren 1183 — 1200 
der Erzbischof Konrad yon Mainz eine neue Fassang 
in deutscher Sprache für den Judeneid in Erfurt^^ 
Im Jahre 1258 (?) befiehlt die Dortmunder Juden- 
ordnung, der Jude solle zum Schwur mit dem Bichter und 
Kläger in die Synagoge gehen, die rechte Hand bis zum 
Handgelenk in das dritte Buch Mosis legen, das Buch ge- 
schlossen werden und ein (Geistlicher dem Juden den Eid 
vorlesen. So oft der Jude beim Nachsprechen stockt und 
der Eid desshalb nochmals yon vorn gelesen werden muss, 
so oft muss der Jude dem Kichter Strafe zahlen. Der 
Geistliche erhält 1 Pfd. Pfeffer oder dessen Geldwert 
Hatte der Jude auf diese Weise den Eid in hebräischer 
Sprache geleistet, so musste er nochmals in deutscher 
Sprache erfolgen. Nur solche Juden, welche vor den 
Herzog vorgeladen werden, müssen auf die Gesetzes- 
rolle schwören. So bestimmt das Prager Stadtrecht vom 
Jahre 1269, wenn ein Jude einem Christen schwöre, solle 
er auf die fünf Bücher Mosis schwören.*') 

ß^ Der Uebergaog der jodischen Pfandgericlitsbarkeit an die geneinen 

bOrgerlichen Gerichte« 

Zur Durchführung eines durch die gemeinen bürger- 
lich-christlichen Gerichte gesetzlich geordneten Ver- 
kehrs betreffs des Darleihgeschäfts auf Pfander gegen 
Zins kommt es erst seit dem 13. Jahrhundert. War früher 
dieser Verkehr vor den königlichen Gerichten der 
Reichsschultheissen erfolgt, deren Gerichtsyorstande 
die Ausfertigung der Urkunden besorgten, so war es all- 
mählich den Judengemeinden gelungen, ein der christlichen 
Bürgergemeinde ebenbürtig zur Seite stehender reichsge- 
setzlich anerkannter Zwangskörper zu werden. Die Juden- 
gemeinden erhalten wie diese das Siegelrecht, ebenso 
wie dies auch die einzelnen Juden als freie Leute 
und Reichskammerknechte, d. h. Beamte des Reichs, 
so gut wie die Edelknechte haben.**) So wird im Jahre 132 
in Zürich eine Judenbescheinigung durch die Siegel yon 
drei Juden bekräftigt, indem eine darin genannte Jüdin 
erklärt, da sie kein eigenes Siegel führe, erachte sie sich 
durch die beigefllgten Siegel ihrer drei Söhne für gebunden. 

**) Aromas, Regesten cor Geschichte der Judeo, S. 28. 168, 265, 
284, 811. 

**) Btobbe, Jaden in Deutschland, S. 2ia 



— 201 — 

Der durch diese politische Selbstst&ndigmachang 
der Jadengassen oder Judenfreihöfe, welche ganz 
analog der Selbstständigmachung der Handwerker- 
gassen eder Handwerkerviertel der Vorstädte sich 
entwickelte, in seinen Gefallen geschädigte Ibsens ist dieser 
Entwicklung gegenüber im Bande mit den königlichen 
Gerichtsbeamten (jadices) anter Führang der einzelnen 
Landesherrschaften eifrig bemüht, dieselbe za anter- 
drücken. So schliessen im Jahre 1206 die Erone von 
Frankreich, die Gräfin von Champagne and der Freiherr 
Gai von Dompierre einen Staatsvertrag ab, dnrch welchen 
neben einem Zinsenmaximnm yon 2 Pfg. vom Pfand 
wöchentlich für alle Jadendarlehen festgesetzt wird, dass 
künftig jeder Schnldarkande ein besonderes Siegel 
beigedrnckt werden sollte, dessen Aafbewahrang in jeder 
Stadt hieza aafgestellten Gerichtspersonen übertragen wnrde. 
In jeder Stadt wurde jetzt ein eigener Schreiber (nota- 
rias) aafgestellt, der eine Eaation za leisten hatte; aasser 
ihm hatte niemand das Recht, die Verträge der Jaden 
aafzttsetzen and beide vertragschliessenden Teile massten 
schwören, nur die in der Vertragsarkande enthaltene Somme 
zn Lehen gegeben and genommen za haben.^^) 

Hatten also seit einiger Zeit die Jaden begonnen, ihre 
Darlehensy ertrage lediglich mit dem Siegel der be- 
treffenden Jadengemeinde vor dem Jadenmeister 
beglaabigen za lassen, so sachte man, den Jadengemeinden 
dieses Becht znr Führang eines eigenen Amtssiegels wieder 
zu entziehen. So entzieht z. B. im Jahre 1228 König 
Ladwig Vin. den französischen Jadengemeinden 
das Becht anf eigenes Siegel, weil seitens derselben 
damit grosser Missbranch getrieben worden sei, und ver- 
ordnet, dass nur solche Urkunden gerichtliche Gültigkeit 
haben sollen, welche von den Landesbehörden mit dem 
Gerichtssiegel versehen worden seien, und auch in 
England verfflgte König Richard, dass alle Schuld vertrage 
der Jaden stets in Gegenwart von zwei jüdischen und 
zwei christlichen Bechtskundigen , zwei Notaren und zwei 
Schauem, d. h. ürkundspersonen, doppelt abgefasst und eine 
Schrift dem darleihenden Juden ausgeliefert, die andere 
aber in der Lade der Stadtkämmerei niedergelegt 
werden solle. Diese Lade musste 3 Vorlegeschlösser haben, 
zu deren einem der Schlüssel in den Händen des Juden- 
richters war.*') Ebenso wird im Königreiche Aragonien 
im Jahre 1240 gegen die Habsucht der Juden und deren 
allzohohes Zinsnehmen eingeschritten. Allen Juden, wird 



u 



) Depping, Jaden im Mittelalter, S. 148, 155, 149, 294 f. 



— 202 — 

bestimmt, sollen künftig vor einem besondern Schreiber 

gfotariüs) schwören, sich an die (besetze zu halten. Der 
id darf weder in der Synagoge noch an einem ge- 
heimen Orte, sondern naryordem Gemeindegericht 
stattfinden, wo die Christen schwören. Der Jade muss 
anf das Gesetzbach Mosis and den Dekalog schwören, 
wie es die „Eidesformel von Barcelona^ yorschreibt 
Schaldarkanden von nicht beeidigten Jaden werden nicht in 
die Grandbücher eingetragen. Der Zins darf 4 Pfg. vom 
Pfand monatlich nicht übersteigen. Die rückständigen 
Zinsen znmHaaptgate za schlagen and so eine neae 
Seh nid za bilden, ist verboten; eine grössere Zinsen- 
samme als das Haaptgat beträgt, darf nicht erhoben 
werden; sobald der Schaldner so viel Zinsen bezahlt hat 
als das Darlehen beträgt — also z. B. bei einem Zins fasse 
von 10 Prozent nach 10 Jahren — darf kein Zins mehr 
berechnet werden and das Pfandschaftsverhältnis moss 
gerichtlich beendigt werden, indem entweder der Schald- 
ner sein Darlehen sammt den rückständigen Zinsen heim- 
bezahlt oder der Darleiher das Gnt zar gerichtlichen 
Versteigerang bringt, seine Forderang deckt and einen 
etwaigen Restbetrag dem Schaldner aasfolgt Von Wich- 
tigkeit war desshalb wegen dieser Bechtsbestimmang, dass 
dem jüdischen Gläubiger nach Yerflnss der 10jährigen Pfand- 
schaftszeit der angestörte Weiterbesitz des Pfands 
gewährleistet warde, ein Fall, anf den desshalb aach die 
einzelnen Judenrechte Bücksicht nehmen. So bestimmt 
z. B. König Heinrich Vn. von Hohenstaafen, als er am 
30. Juni 1230 der Judengemeinde in Begensbarg 
ihre seitherigen Freiheitsrechte bestätigt, das alle 
Güter, welche die Juden 10 Jahre lang im Pfand- 
schaft sbesitze gehabt haben, ihnen auch femer ungestört 
weiterverbleiben sollen. ^') Alle anders abgeschlossenen 
Schuldurkunden waren rechtsungültig, der Jude verlor 
seine Forderung und diese gehörte zur Hälfte dem Angeber, 
zur andern Hälfte dem Statthalter. Notare, welche unge- 
setzliche Verträge aufnahmen, wurden abgesetzt. Der 
Schaldner musste schwören, dass er die Haupts nmme 
richtig erhalten habe.^^) Aehnliche Einrichtungen 
finden sich um dieselbe Zeit allgemein in Deutschland. 
Die Aenderung, welche wir hiemit in der Organi- 
sation der Jndengemeinden eintreten sehen, hieng mit 
einem weitern verfassungsrechtlichen Vorgang 
zusammen, der sich damals allgemein im heiligen laiche 
vollzog, mit dem Uebergange der Pfand Schäften auf 



AI 



) AroDias, Regesten snr Geschichte der Joden, S. 197. 



— 208 — 

dieBarggrafeB-,Haii8grafen-, Marktgrafen-, Stadt- 
haaptmanns- (capitanens), Bürgermeister- (magister 
civium)- oder Weilermeister (maire, villicus)-Aemter, 
d. h. der vom deatschen Könige beliehenen Vorstände der 
Reichsbttrgergemeinden in den einzelnen Reichsbargen oder 
Reichsmärkten ans den Händen der geistlichen Jmmnnitäts- 
harren an die Beichsbürger. So erhält im Jahre 1207 die 
Bürgergemeinde der Begensbarger Königsstadt das Becht 
zur Aufstellung des Hansgrafen. So wird im gleichen Jahre 
in Metz das Präsentationsrecht desBeichsschnltheissen 
(Magister scabinornm) dem vereinigten Bat der 12 Oberrichter 
und dem neuerrichteten Kollegium der 18 Stadträte (Fried- 
gericht, Einung) der Bürgergemeinde unter Vorsitz des 
Bürgermeisters (magister ciyium, mair e, villicus, magister 
viilae, d. h. WeUermeister) übertragen, während die Be- 
leihung selbst durch den Bischof ais Landesherrn 
namens der Beichsgewalt erfolgt. Den Weilermeister 
aber wählte seither das vereinigte Bichter- und Stadt- 
ratskolleginm alljährlich ohne ferneres Einspruchsrecht des 
Bistums.**) Den gleichen Vorgang findet man in T r i e r, ebenso 
in Nürnberg,**) auch in Köln tritt neben das Eichter- 
kollegium (officium de Eicherzeche) ein gewählter Stadtrat 
(ofBciales parochiarum), **) wie auch in Sien a im Jahre 1209 
Kaiser Otto IV. der dortigen Eeichsbürgergemeinde das 
Recht zur freien Wahl der Stadtsiegel -Bewahrer 
(consules), des Eeichsschultheissen, den Ertrag des Eeichs- 
marktzolls(fodrum)undderEeich8münze verpfändet.**) 
Das gleiche Verhältnis besteht im Städtchen Horb in 
Schwaben.*^ Ebenso bildet sich in Ulm um jene Zeit 
neben dem Obergericht (judices) des Eeichsamtmanns 
(minister civitatis) ein Stadtrat von 10 Zunftmeistern 
und tritt mit dem stets aus 8 von 12 Eichtern 
bestehenden EichterkoUegium zu einer „Einung" von 
17 Batgebern (consules) zusammen, von denen je 2, ein 
Richterbürger und ein Zunftmeister, je einen Monat lang das 
Amt von Konsuln, d.h. Gemeindesiegelbewahrern, 
Pratoren im Sinne der altrömischen Zehnmännerverfassung 
(decemviri), verwalteten. *®) 

Dass diese ganze Entwicklung nur unter schweren 
Kämpfen erfolgen konnte, war begreiflich. So wird in 
Piacenza im Jahre 1221 die neue Verfassung vomEeiche 

^ Gemeiner, Regensborger Chronik, Bd. 1, S. 295. Heusler, Ver- 
faBsangsgescbichte von Basel, S. 471, 147,469 471,463. Hegel, Ge- 
Kbicbte der ital. Städteverfassunar, Bd. 2, B. 422 f. 

•*) Hegel, St&dtecbroniken, Nürnberg, Bd. 1, 8. XVIII. 

12 Maorer, Deatache StAdteverfasaung, Bd. 1, S. 227. 221, 

^ Böhmer, Acta Imper., 8. 766, 6B1. 

'^ Oberamtsbeachreibung von Horb, S. 110. 



— 204 — 

wieder aufgehoben.^ So wird in Köln im Jahre 1225 
den RichterbOrgem yon dem Zanffcmeisterrate der Zutritt 
in den Gemeinderat verboten, ein Verhältnis das wir in 
Ulm noch im Jahre 1292^") finden, und am 23. lanuar 1231 
wird durch Reichsgesetz im ganzen Reiche jede weitere 
Einrichtung von Einungen oder Zünften ohne Ge- 
nehmigung der Reichsbehörde yerboten und die Auf- 
hebung aUer derartigen Einrichtungen angeordnet, soweit 
sie ohne Genehmigung der geistlichen Landes- 
herrschaft und der Reichssultheissenämter erfolgt 
sind,^') wie auch die selbstgegrOndeten Gemeindemüni- 
ämter aufgehoben werden mit der Bestimmung, dass nur 
die landesherrlichen Reichsmünzen gelten sollten. ^) Bitter 
beklagen sich auf dem Reichstage zu Rayenna die 
geistlichen Landesherren, wie die Handwerks- 
zunftmeister der Vorstädte sich in die Gemeinderäte 
eindrängen; sie ahmen bei der Einrichtung ihrer neuen 
Verfassungen die Gebräuche der alten Römer nach 
und suchen dadurch zur bürgerlichen Freiheit zu ge- 
langen, dass sie sich bei ihren privatrechtlichen Streitig- 
keiten nicht mehr der königlichen Gerichte der 
Reichsschultheissen und Reichsamtleute bedienen, 
sondern dieselben vor ihre selbsteingerichteten Fried- 
gerichte oder Einungen und deren Konsuln bringen.^') 
Die geistlichen Landesherrschaften suchen sich ferner den 
Zunftver bänden gegenüber dadurch zu helfen, dass sie 
dem „Landwe k^, d. h. den Handwerkern yom Lande, 
ebenfalls gestat):en, ihre Erzeugnisse in den Städten im 
Kleinen zu vo saufen*'), und suchen durch diesen wirt- 
schaftlichen Drüv.k sie zur Nachgiebigkeit zu zwingen oder 
schaffen die neu errichteten Einungen mit Bezugnahme 
auf die Reichsge^etzgebung ab, wie dies z. B. im Jahre 1232 
das Bistum Regensburg thut; aber dieser Widerstand 
hält nicht lange^ vor und schon am 10. November 1245 
wird auch in Regensburg die Einrichtung der Einung 
mit von der Gemeinde alljährlich neu gewähltem Bürger- 
meister (procurator), Siegelbewahrern oder Pflegern (con- 
sules) und Zunftmeistern (Handwerksamtleuten, Hand- 
werkergassen- oder Handwerkerviertelsmeistern, magistri 
vicorum), diesmal in unwiderruflicher Weise ge- 
nehmigt**) Auch in Ulm geht es in ähnlicher Weise, 



**) Presse], ülmisches ürkondenbuch, Bd. 1, 8. 202 f. 

**) Fischer, Deutsche Handelsgeschichte, Bd. 2, S. 101 ff., Bd. 1, B. 518. 
Bd. 2. 8. 108. 

**) Gemeiner Regensburger Chronik, Bd. 1, 8. 8S1 1 

*') Maurer, Deutsches St&dtewesen, Bd. 1, 8. 12, 14, 241 Gemeitter, 
Regensburger Chronik, Bd. 1, 8. 845. 



— 205 — 

auch hier geht der Landesherrschaft, der Abtei 
Beichenaa,ein grosser Teil ihrer landesherrlichen Bechte 
verloren and za diesen Bechten gehört offenbar auch in 
Ulm wie in anderen Städten das Becht der Ernennung 
des Bürgermeisters des Jndenyiertels oder Jnden- 
freihofs, des Jadenhofmeisters. 

Wie die Znnftgemeinden, Znnftgassen oder Zanftyiertel 
der einzelnen Handwerke in den Vorstädten sich auf diese 
Weise ziemlich weitgehende Befugnisse betreffs der frei- 
willigen Gerichtsbarkeit erkämpfen, so gelingt dies 
jetzt auch den Judenhofgemeinden der Vorstädte, wie 
wir oben an dem Beispiel von Köln des Nähern erörtert 
haben.^') Der Abschlnss der K a u f y e r t r ä g e n. s. w. erfolgt 
vor dem Judengericht und nur die gesetzlich vorge- 
schriebene Beglaubigung durch den landesherrlichen 
Beamten, den Schreinsamtschreiber der dortigen Laurenz- 
pfarre, and die Urkundenbewahrung findet vor 
dem königlichen Gerichte statt ^'), wie z. B. auch für 
Oesterreich eine Verordnung des Herzogs Wilhelm vom 
Jahre 1396 bestimmt, alle Schuldbriefe sollen gemein- 
schaftlich vom Stadtrichter und vom Judenrichter 
gesiegelt werden. 

Weitere strengere Verordnungen betreffs der Ab- 
fassung von Schuldurkunden erfolgen erst im U.Jahr- 
hundert So wird z. B. im Jahre 1840. ;j' Botenburg 
an der Tauber verordnet, alle SchuldbrLäfe sollen alle 
zwei Jahre vor Gericht erneuert werden, widrigen- 
falls Hauptgut und Zinsen verloren sein 1 (\ilten. So wird 
auch in Frankfurt am Main am Ende des 15. Jahr- 
hunderts bestimmt, die Juden sollen ihre Schuldbriefe 
binnen zwei Jahren nach der Ausstellung einlösen 
lassen. Die Massregel bezweckte, den Gläubiger und den 
Schuldner zu zwingen, von Zeit zu Zeit jpit einander ab- 
zurechnen, und dadurch Betrügereien zu verhüten.^") 

Wie notwendig es im Interesse einer geordneten Bechts- 
pflege war, betreffs der Schuldurkunden den Juden auf 
die Finger zu sehen, zeigen zahlreiche Mitteilungen. So 
gesteht im Jahre 1397 ein Jude vor Gericht, die 
Jaden pflegen in anderen Ländern falsche Schuldur- 
kunden zu machen. Sterbe z. B. jemand, von dem sie 
eine Schnldurknnde besitzen, so machen sie eine andere 
Urkunde, in der sie den Schuldbetrag verdoppeln 
oder erhöhen, auch machen sie andere Siegel an die 
Urkunden und betrügen so die Lente.*^ So nimmt im 
Jahre 1373 die Stadt Augsburg von ihren Juden einen 

•^ Vgl. oben 8. 7 f. 

^ Stobbe, Jaden in Deutschland, S. 128 f. 



— 206 — 

Schaden, d. h. eine Entschädignngssumme, fOr yon ihren 
Bftrgern seitens der Jaden zuviel verlangten Wacher von 
Ober 100000 (?)GaIden, weil der Augsburger Jude Barach 
eine gefälschte Schaldarkunde gegen den dortigen 
Vitztum (yicedominns) ausgefertigt hatte.^) 

Nach der Ansicht des Corpus juris Canonici war der 
ursprüngliche Zustand die Gütergemeinschaft Nach 
natürlichem und göttlichem Rechte sind alle Dinge den 
Menschen so gemein wie die Luft und das Sonnenlicht Er- 
zeugungskräfte sind die menschliche Erzeugungskraft und 
die Erzeugungskraft der Grundstücke, Tiere, Körner u.s.w. 
Die Zeit ist ein Gemeingut und darf nicht yerkaoft 
werden. Der Kirchenvater Ambrosius verwirft den Ge- 
danken, als hätte der gerechte Gott den Einen zum Ueber- 
fluss, den Andern zur Dürftigkeit bestimmt Darum dürfe 
niemand so unverschämt sein, Dinge für sein Privat- 
eigentum zu erklären, welche über seinen Privatbe- 
darf hinaus dem Gemeingute entnommen seien. Mein 
und Dein ist nur durch Menschenrecht und durch den 
Sündenfall entstanden, also der Ungerechtigkeit 
entsprossen. Man kann es deshalb wohl im gewöhnlichen 
Leben dulden, aber im Notfalle hat die öffentliche 
Gewalt das Recht, die ursprüngliche Gütergemein- 
schaft wiederherzustellen, indem sie dem, der zuviel hat, 
den nötigen Anteil kraft ihres Amts wegnimmt „Dulcis- 
sima rerum possessio communis est" Diese Anschauung 
weicht vom heutigen Sozialismus, wie man sieht, 
wesentlich dadurch ab, dass sie auf religiöser Grandlage 
beruht und die entschiedene Verachtung aller irdischen 
Güter ausspricht Die Armut ist das bessere, Gott 
wohlgefälligere, der Reichtum ist nicht geradezu 
Sünde, aber eine hohe Gefahr für die Seele. Der 
Eigennutz als Triebfeder wirtschaftlicher Thätigkeit 
ist verwerflich. „Avaritia" ist Götzendienst, die „cupi- 
ditas" ist die Wurzel alles Uebels; beide sind darum aaszu- 
rotten. Alle weltliche Thätigkeit ist eigentlich ein Uebel; 
Spekulation und Wucher sind verwerflich. Der ungeheure 
Kirchenbesitz des Mittelalters mit seiner grossartigen 
Armenpflege war der Anfang dieses kommuni- 
stischen Ideals.*'^) 

Wucher, d. h. Gewinn aus der Stundung einer 
Forderung, zu nehmen, ist nach mittelalterlicher An- 

*^ Von aiiiB SBdschen prieft wegen, Ton ainen iaden, der hiesx 
Boroch** US78). „von des brives des Titztanui von Baracb.*" Stobbe,249. 
«^ Röscher, Geschichte der Nationalöko&omik, 8. 5 f. 



— 207 — 

schaanng ftlr einen Christen schlechthin und unter jeder 
Form verboten. Wer dies thnt^ ohne hieza wie der öffent- 
liche Darleiher von der Behörde berechtigt zu sein, ist 
ein Dieb und Bänber, ja noch schlimmer als ein 
solcher, die Kirche stösst ihn dämm aus nnd nimmt ihn 
nur nnter der Bedingung wieder anf, dass er Alles, was 
er erwuchert hat, wieder znrflckerstattet Wer dem andern 
em Hauptgut leiht, der darf nur dieses Hauptgnt und 
seine Auslagen zurflckyerlangen , unter keiner Form aber 
eine Vergütung f&r die Säumnis. Es ist deshalb auch 
verbotener Wucher, wenn Jemand einem andern etwas 
Terkauft und mit BOcksicht darauf, dass die Zahlung erst 
später erfolgen soll, den Preis höher stellt oder mit 
BAcksicht darauf, dass die Zahlung früher erfolgt, 
niedriger. (Discontgeschäft) Jeder derartige Abzug (Dis- 
cont) ist Wucher. Der Herr hat gesagt: „Leihet, dass 
ihr nichts dafOr hoffet^, deshalb ist der Wucher (Discont) 
schlechthin Sünde. Wer Geld für die Säumnis nimmt, 
der verkauft dem Andern etwas, was gar nicht besteht, 
setzt uns Thomas von Aquino auseinander und das Wiener 
Stadtrecht vom Jahre 1435 sagt, die Erlaubnis, Geld auf 
«Schaden" bei Juden oder Christen aufzunehmen, sei zur 
Hälfte ungültig, da man rechtlich nur einem Juden 
gegenüber verpflichtet sei, eine Forderung auf 
Schaden anzuerkennen/*) 

Ein ganz anderer Fall, als bei dem Darleihen von 
Währungsgütem, d. h. von Sachen, die einen obrigkeit- 
lich festgesetzten Preis hatten, lag vor, wenn es 
sich um das Darleihen eines freien Guts handelte, 
Der Ertrag eines wirtschaftlichen, d. h. eines durch 
den Gebrauch nicht verzehrbaren, einen mehrmaligen 
(Gebrauch (secundus usus) zulassenden Guts bestand nach 
der Bechtsauffassung des Mittelalters einmal aus dem 
«usus**, d. h. dem Nutzen, der „Beute**, welche dasselbe 
abwarf, und dann aus dem „fructus**, d. h. dem Ertrage, 
den die darauf verwendete persönliche Arbeitskraft 
dfgab. Der Bezug des ersten dieser beiden Ertrage, der 
Rente, des usus, war das Becht des Eapitalherrn, 
der zweite Teil gebührte dem arbeitenden Bewirt- 
Bchafter desselben, dem „ Armmanne ^ oder Arbeiter, 
der natürlich ebensogut gleichbedeutend mit dem Kapital- 
herrn sein konnte. Der Zins oder census, die Zehnte, 
die Gülte entsteht nun dadurch , dass ein Eapitalherr 
^in Becht auf den usus, d. h. die nach dem Ausfall 

Geschäftsbetriebs wechselnde Beute einer Unter- 

**) Stobbe, Jaden in DentacÜand, S. 116. 



— 208 — 

nehmang einem andern gegen festes Entgeld über- 
l&BSt Der Grandherr z. B. leiht einem Zinsmann sein 
Gut gegen einen Jahrzins, dieser lässt es von seinem 
Knecht bestellen nnd erhUt dafGür als Unternehmer, als 
verbindendes Zwischenglied zwischen Grundherr 
nnd Arbeiter, den Mehrertrag des nsas Qber den zu 
bezahlenden censns, beziehungsweise trftgt den ent- 
stehenden Minderertrag des nsas unter den census. 
Was die Wuchergesetzgebung des kanonischen Rechts 
bezweckte, war also nichts, als dafür Sorge zu tragen, 
dass der Anteil des Eapitalherrn am Ertrage des voii 
ihm hergeliehenen nicht verbranchbaren G^enstands 
kein übermässig grosser wurde. Der Zins sollte keine 
drückende Abgabe sein, die der Schuldner unter allen 
Umständen zu leisten verpflichtet war, sondern lediglich 
der Ausdruck der Verbindung des kapitalbedfirftigen 
Wirtschafters mit einem besitzenden Manne zu einer 
Erwerbsgesellschaft mit gemeinsamer Teilung von 
Nutzen und Schaden. Der Darleihende sagte sieh, 
dass er sich wirtschaftlich dadurch verbessern kSnne, 
wenn er auf eine bestimmte Zeit sich seines Herrenrechts 
auf den Ertrag seines Eigentums begab, und entschloss 
sich, die hiedurch wie er hoffte zu steigernde Beute 
aus seinem Besitz f&r eine gewisse Zeit einem andern 
abzutreten. Von dem Tage der Beleihung an ist von 
Rechtswegen nicht mehr der Eigentttmer, sondern der 
beliehene Unternehmer der Herr des usus und des 
fructus des dargeliehenen Gegenstands, der als solcher 
die Verwaltung oder nutzbringende Verwendung 
desselben besorgt und so lange, ais die Beleihung dauert, 
den vollen Ertrag des usus bezieht, während der Eügen- 
tflmer lediglich den ausbedungenen festen Zins erhalt 

Dabei galt aber als Grundsatz, dass der Kapital- 
eigentttmer die Leihgebühr nicht hSher ansetzen 
durfte, als der Verlust betrug, den er durch die Weg- 
gabe des von ihm dargeliehenen, durch den Gebrauch 
nicht verzehrbaren Gegenstands, des Grundstftcks, der 
Baumwolltuche, der Goldstücke u. s. w. erlitt Erhielt er 
mehr, so hatte er dies zur Abschreibung der Schuld 
im Interesse des Schuldners zu verwenden, weil eben nach 
der Ansicht der Eanonisten und Scholastiker der Eapital- 
herr, also der Käufer von fflnsforderungen, lediglieh 
befugt war, sich ausser der Rückgabe seines Hauptguts 
f Caput) den Verlust für die Weggabe seines Guts 
(Interesse) vergüten zu lassen oder den Gewinn, der ihm 
nach dem landesüblichen Zinsfuss (judicio bonorum 
mercatorum) entstanden wäre, wenn er sein Hauptgut 



— 209 ~ 

anderweitig verwendet hätte (lacram cessans). Beides 
zusammen, Hauptgnt (capat) nnd entgangener Gewinn 
und entstandener Schaden (interesse) (ttr die Vertrags- 
zeit bildet die Schuldsamme (sors). Ueber diese 
Schuldsumme hinaus weitere Forderungen an den 
Schuldner zu stellen, ist dem Christen nach Ansicht der 
Kirche nicht gestattet Dagegen ist es ihm ganz folge- 
richtig erlaubt, sich den etwaigen Schaden ersetzen zu 
lassen, der ihm dadurch entsteht, wenn der Schuldner 
zur festgesetztenZeit seiner Verpflichtung nicht nach- 
kommt, da er hiedurch behindert ist, seine Sache wieder 
selbst umzutreiben. 

Beide Faktoren sind schon in der ältesten Zeit als 
berechtigt anerkannt worden, während aller weitere Gewinn 
als Unrecht bezeichnet wird. So erkennt schon Graf Albertus 
Magnus von BoUstädt, der bekannte Dominikaner-Gelehrte, 
geboren in Lauingen 1205 (1198?), das Becht des Gläubigers 
auf den Schaden an und der Dominikaner Thomas von 
Aqoino, geb. 1224, billigt auch dem Christen den ent- 
gehenden anderweitigen landesüblichen Gewinn aus dem 
Hanptgut (lucrum cessans) als erlaubten Ertrag seines dar- 
geliehenen Geldes zu. Die Höhe war damds der übliche 
Judenzinsfuss von 10 Prozent. Wer mehr Gewinn aus 
einem Darlehen nahm, war nach der Anschauung der 
christlichen Sittenlehre ein Wucherer (usurarius), dem 
die kirchliche Gemeinschaft, der Empfang des 
Abendmahls und der Sakramente nnd ein ehrliches 
Begräbnis zu versagen waren. So meint der Lehrer der 
Staatswissenschaften Heinrich von Langenstein, den der 
Herzog Albrecht in. von Oesterreich im Jahre 1384 
an die Uniyersität Wien berief, alle Spekulation sei 
Klugheit des Fleisches und der Welt, die nicht aus 
Gott sei. Man dürfe wohl in der Art spekulieren, dass 
man mehr wiederbekomme, als man weggegeben 
habe, aber nicht so, wie die Wucherer thun, sondern 
indem man bdisches opfere, um Ewiges zu erlangen. Der 
Erde solle man darleihen für zeitlichen Gewinn, also 
sein Geld den Bauern geben, denn auch das liebe Tier 
gebe für Geringes und Massiges, das es empfange, Köstliches 
und Vieles wieder, die Tiere für ihr Futter Fleisch und 
Blnt, der Acker für ein Saatkorn das Dreissig-, Sechzig- und 
Handertfaltige ; der Staat aber sollte nicht zuviel Grund- 
zinsen entstehen lassen, denn eine allzu grosse Ver- 
mehrung der Kententitel führe zur Ueberschuldung 
des Landes; da sei es Pflicht jedes ehrlichenFflrsten, 
dagegen einzuschreiten. Auch Leibrenten, die 
Lebensversicherungen des Mittelalters, hält Langenstein für 

14 



— 210 — 

ünchristlich, da sie leicht daza yerfthren, den Tod des 
Versicherten za wünschen, and auch der gerechte 
Aasgleich der gegenseitigen Leistung (aeqnalitas) allzu 
angewiss sei, so dass jeder Vertragsschliessende hoffe, 
mehr za emp&ngen, als er hingegeben habe. Ein anderer 
Wiener Staatsgelehrter aas derselben Zeit, Heinrich yon 
Hoita, yerlangt, einem Wacherer and Spekalanten 
sollte kein ehrlicher Ghristenmensch mehr kochen, Kleider 
machen, ihn ärztlich behandeln, man sollte mit ihm 
überhaupt nicht mehr verkehren, nm ihn zom Bewnsst- 
sein seines Unrechts za bringen; auch sollte kein armer 
Christ oder eine fromme Sammlang eine Unterstfltznng 
yon ihm nehmen, denn im erspekulierten Oelde sei 
kein Segen. Das „Negotium^, d. h. der Spekalations- 
handel im Gegensatze zum ehrlichen kaufmannischen 
Handel, der „mercatura^, nimmt dem Menschen den 
Innern Frieden und jene seelische Buhe, welche 
ihn za Gott ftthrt, ist die Anschauung des Mittelalters. 
Des Menschen yornehmste Beschäftigung ist und 
bleibt nach Ansicht der christlichen Kirche der Acker- 
bau, yon der technischen Beschäftigung, der 
Industrie und dem regulären Kaufmannsgeschäft 
meinen die Kirchenyäter: „Deo non displicunt", Gott hat, 
nichts dagegen, dagegen der Spekulant (negotiator) wird 
damit abgefertigt, dass er „Deo placere non posse^, dass 
sein Thun Gott nicht wohlgefällig seL*^ 

Thomas yon Aquino, der berühmteste Theologe des 
Mittelalters, unterscheidet zweierlei Dinge, solche die 
durch den Gebranch selbst yerzehrt werden (res con- 
sumptibiles), und solche, bei denen dies nicht geschieht; 
bei den letzteren kann man sich f&r den Gebranch etwas 
yergüten lassen, also z. B., wenn man Jemanden ein Haus 
yermietet oder einen Acker, der Frucht trägt Anders bei 
den durch den Gebrauch yerzehrbaren Dingen. Bei 
diesen lässt sich der Gebrauch nicht yom Besitz der 
Sache selbst trennen; man kann nicht Jemanden ihren 
Besitz übertragen und sich dann für den Gebrauch noch 
besonders bezahlen lassen. Zu diesen Dingen aber ge- 
hören alle sogenannten Währungsgüter, d. h. diejenigen 
Verkaufsgegenstände, welche eine obrigkeitlich be- 
stimmte Taxe, eine Währung, haben, yor allem also 
die Landesmünze, dann aber aber auch alle zünftigen 
Verkaufsgegenstände, wie Brot, Fleisch, Frucht, Mehl, 
Eisen, Salz u. s. w. Alle diese Dinge, vor allem die 
Landesmünze, yerzehren sich im Gebrauche. Landes- 

'^ RoMlier, Geschichte der KationalAkonomlk, S. la 



— 211 — 

mfinze, die ausgegeben ist, bleibt verzehrt Leiht einer 
dem Andern Landesmünze, so hat der, welcher dieselbe 
empfängt^ damit das Secht, sie zn gebrauchen. Würde er 
dagegen ausser dem Hauptgate samt dem Gewinn- 
entgang und Schaden noch weitem Gewinn nehmen, 
so wäre er wie Jemand, der einem Andern Wein 
verkaufte und sich dann nicht blos den Wein, sondern 
ausserdem den Gebrauch des Weins ausbezahlen liesse. 
Er verkaufte etwas, was gar nicht existiert, das besondere 
Recht des Gebrauchs, was doch mit dem Besitz der 
Landesm&nze gegeben ist/^ Man sieht aus dieser 
Beweisführung des berühmten Scholastikers, dass das 
Mittelalter in durchaus sozial-neuzeitlicher Auf- 
fassung den einzig gerechten Begriff vom Gelde 
hatte. Es kannte nur einen Ertrag, der entstand aus dem 
Zusammenwirken von Arbeitskraft und Arbeits- 
stoff, aber jeder im Voraus festgesetzte Gewinnbezug 
dafllr, dass man eine beim Gebrauche verschwindende 
Sache auf Zeit weggab, war ungöttlicher Wucher (usura), 
der keinem Christen zustand. Wer darum absichtlicn 
Wucher (usura) nahm, d. h. wer einen höhern Preis 
ffir eine durch den Gebrauch verzehrbare Sache forderte, 
weil die Heimzahlung erst später erfolgte, der 
verkaufte seinem Nächsten die Zeit. Die Zeit lässt 
sich aber nicht verkaufen, sie ist ein Gemeingut Aller. 
Währung, das ist ein allgemein giltiger Satz im Mittel- 
alter, ist unfruchtbar, so gut wenn sie im Kasten liegt, 
vie wenn man sie ausleiht; fruchtbar ist nur die Arbeit 
(Arbeitskraft), die mit Hilfe der Naturkräfte (Arbeits- 
stoff) Güter hervorbringt Währung ist lediglich be- 
stimmt zum Gebrauche und dadurch aufgebraucht, also 
Terzehrt Bei der Währung giebt es nur einen primus 
Qsus, einen einmaligen Gebrauch, beim freien Gut, 
z. B. bei der Liegenschaft, beim Silberpokal, beim 
Schiffen. s.w., einen mehrmaligen (secundus usus); Währ- 
Qngsmünze aber ist lediglich zum Kaufen bestimmt; 
hat sie diesen Zweck erfüllt , so ist ihr Dienst zu Ende. 
War so das Erhöhen einer Forderung, also das 
Nehmen von Schadenersatz für die Stundung eines 
Terzehrbaren Guts, Wucher, so gab es auch Münzen 
und andere Gegenstände, welche nicht als verzehr- 
bar angesehen wurden, weil sie nicht allein einen Nenn- 
wert, (einen Gebrauchswert), sondern auch einen 
Handelswert hatten.*^) Als solche Gegenstände wurden 
alle Sachen angesehen, welche nicht der Landes- 

^ Boteher, GeBchichte des NatioiuilökonGinik, S. 10. 



— 212 — 

wfthrnng angehörten. Diese Sachen waren nicht allein 
Torhanden, am als Zahlnngsmittel und zum sofortigen 
Gebranch zu dienen, sondern sie waren ein Handels- 
gegenstand, der keinen von der Obrigkeit festge- 
setzten Wert hatte, sondern der Handelskonjnnktur 
unterlag. Zu diesen Gegenständen gehörte vor allem bis ins 
14. Jahrhondert das Gold, dessen Wert bei der Unsicher- 
heit der damaligen Mfinzverhältnisse, namentlich 
dengrossen Schwankungen zwischen der Relation 
Ton Gold und Silber, ein durchaus unbestimmter 
war; der Mflnzempfänger konnte damit einen Handels- 
gewinn machen und es wurde ursprünglich nicht als 
Wucher angesehen, wenn ein Christ einem andern Christen 
eine Anzahl ausländischer Münzen (Abenteuergeld) 
oder anderer ähnlicher Gegenstände leihweise fibergab nna 
dieser als Entgeld ffir deren Benfltzung einen Zins bezahlte 
Ebenso wie mit einer Anzahl fremder Münzen konnte es 
selbstverständlich mit jeder andern vertretbaren (fun- 
giblen) Handelsware gehalten werden, d. h. mit jeder 
Sache, welche nicht in denselben Stücken, sondern 
nur in gleich guter Menge geliefert werden mnsste, 
z. B. einem Ballen Baumwolltuch oder Leinwand. 
Da der Beliehene mit diesen fremden Münzen, Tuch- 
ballen u. s. w. einen Handelsgewinn machen konnte, 
lag kein Wucher vor, sondern ein redliches Zinsge- 
schäft Stieg der Wert der ungarischen, böhmischen oder 
rheinischen Goldstücke, so konnte der Beliehene einen 
Kursgewinn machen, fiel der Wert der dargeliehenen 
Sohbarchentfardel, der Leinwandfardel, der Golschentnche, 
der Edelmetallbarren, so konnte er damit Verluste er- 
leiden. So bestimmt z. B. die Ulmer Judenordnung vom 
Jahre 1385, nicht nur die Wechsler sondern auch die Juden 
sollen unbehindert redlichen, ungefährlichen Wechsel 
mit rheinischem, ungarischem, böhmischem und 
welschem Gelde treiben dürfen, da das alles „Abenteuer- 
gut** sei.****) Wucher ist dagegen, wenn einer eine Sache 
deshalb teurer verkauft, weil sie erst später be- 
zahlt werden soll, ebenso wie es Wucher ist, wenn einer 
eine künftig zu liefernde Sache deshalb billiger 
verkauft, oder wenn jemand die Heimzahlung eines 
Darlehens in fungiblen, d. h. vertretbaren Gegen- 
ständen absichtlich auf eine Zeit ausbedingt, wo 
diese Dinge teurer sind. 

Immer strenger wurden die Ansichten über den 
Wucher seit dem 16. Jahrhundert, in der Zeit 

**) NaUing, Ulmi Fiseherciimeii, a a 



— 218 — 

Merkanülisinns. Je mehr sich das Zanftweeen jetzt unter 
dem Btkckgang der Erwerbsverhältnisse verknöcherte, je 
mehr man begann, immer weitere Gegenstände, so das 
Gold, die Tücher, zn Währungsgut, zu zfinftigen 
Monopolartikeln mit festem Preise zn machen, je mehr 
sich der zflnftige Geist anch des seither dem freien 
Verkehr ttberlassenen Kaufhauses, der Wochen- und 
Jahrmärkte bemächtigte, die seither als notwendiges 
Gegengewicht gegen die Uebergriffe des Zunftgeists 
gedient hatten, um so mehr sah sich die Darleihe ein- 
geschränkt, so dass z. B. die Ulmer Wucheryer- 
ordnung vom Jahre 1501 das Ausleihen von Tüchern 
zum Spekulieren gegen Entgeld als Wucher verbietet 
So bestimmen die allerdings im Jahre 1555 wieder auf- 
gehobenen 12 Wucherartikel des Ulmer Stadtpfarrers 
Ulrich Erafft vom 9. Juli 1501 ausdrücklich: als Wucher 
anzusehen sei, wenn ein Schuldner, der dem verein- 
barten Wechsel, d. h. dem Schlussschein, und seiner 
Zusage nach dem Gläubiger rohe Barchente auf Ascher- 
mittwoch nicht bezahlt habe, dazu gedrungen werde, 4, 5 
oder 6 Gulden von einem Fardel für die Prolongation 
(fllrs „Anstehenlassen'') zu geben, oder wenn ein Schuldner, 
der die Verpflichtung übernommen habe, ihm gelieferte rohe 
Barchente auf Aschermittwoch zu bezahlen, vom Gläubiger 
Verlängerung (Zug) bis Jakobi erhalte unter der Bedingung, 
dass er den Bleicherlohn verlieren solle, wenn er auf 
Jakobi wieder verlängern wolle ; oder wenn der Schuldner 
die rohe Ware auf die Viertage nicht bezahle und Ver- 
längerung bis Jakobi erlange unter der Bedingung, der 
Glaubiger solle dann die Ware gebleicht erhalten, ohne 
dem Schuldner den Bleicherlohn zu bezahlen, oder wenn 
einer dem andern weisse Ware zu leisten schuldig sei und 
ihm statt derselben rohe gebe, und der andere rechne ihm 
dann für das Bleichgeld mehr auf, als dies in Wirklichkeit 
betrage, so dass der eine fibemommen werde; oder wenn 
einer, der Geld brauche, zu einem, der Tücher habe, komme 
and demselben solche um eine bestimmte Geldsumme abkaufe 
in der Hoffiiung, er woUe das Tuch wieder verkaufen, und 
der Verkäufer kaufe dann, wenn der Kauf abgelaufen sei, 
dem Käufer die Tücher um einen geringern Preis wieder 
ab, als er sie verkauft habe, oder wenn man Tücher 
unwechle und der, welcher wechsle, keine Tücher habe, 
sondern dem andern, mit dem er wechsle, soviel Geld 
gebe, als auf dieselbe Zeit der Tagespreis der Tücher sei ; 
das alles sei gefährlicher Wucher; noch mehr Unrecht 
aber sei es, wenn man dem Schuldner weniger Geld gebe, 
als das Tuch nach dem Tageskurs wert sei, wie es auch 



— 214 — 

Wncher sei, wenn einer Tficher auf Jakobi anstehen nnd 
einen nenen Schnldbrief machen lasse, so dass es scheine, 
als ob er wieder von nenem gewechselt habe, oder wenn 
einer einem andern Tficher leihe und daffir eine Ent- 
schädigung nehme. Wncher sei, wenn einer einem andern 
die Lieferung der verfallenen Tficher (den Wechsel) recht 
lange anstehen lasse, nnd dann f&r das Wechselgeld sich ein 
weiteres Tuchfardel geben oder das Fehlende bar darauf 
zahlen lasse, damit ein ganzes Fardel entstehe, nnd dieses 
dann auch verwechsle. Auch wenn einer einem andern, 
auf Georgi, den 23. April, ein weisses Fardel gebe mit 
der Bestimmung, dass dieser ihm auf Jakobi, den 25. Juli, 
ein rohes Fardel liefere, und dafDir ein Wechselgeld 
nehme mit der Bestimmung, der andere solle ihm anf 
Bartholomäi, den 24. August, gebleichte Tficher daf&r 
geben, und dann wieder um diese Summe wechsle, so seien 
das auch gefährliche Finten, durch welche die „üblichen 
Kaufmannswechsel übernommen" werden. Ebenso 
wenn beim Wechsel mit Bletzentfichern der Schuldner die 
Tficher auf das Ziel, auf das er gewechselt habe, nicht 
liefere, weil er keine Bletzen habe, der Gläubiger aber anf 
der Lieferung bestehe und derart mit derselben dränge, 
dass der Schuldner statt der Bletzentficher wertvollere 
ganze Währungstficher zum Preis der Bletzentficher Uefem 
mfisse und so fibervorteilt werde.''^) 

Strenge galt femer bis ins 15. Jahrhundert herein 
der Bechtsgrundsatz, dass der Pfandgegenstand stets in 
den vollen Besitz des Schuldners fibergehen mfisse. 
Es war also nicht gestattet, Geld auf ein Grundstock 
zu leihen und dessen Ertrag dem Schuldner zu lassen, 
sondern der Geldgeber musste das verpfändete Grund- 
stfick in eigene Verwaltung nehmen und den etwaigen 
Ertrag, der nach Bestreitung der Bewirtschaftungskosten 
zuzfiglich seines landesfiblichen Bentenentgangs ffir das 
dargeliehene Kapital (lucrum cessans) fibrig blieb, zur 
Abschreibung von der Schuldsumme verwenden. 
Eine Aenderung hierin kommt erst im Jahre 1420 zu 
Stande. War es seither von der Kirche strengstens ver- 
boten gewesen, den Pfandgegenstand im Besitze 
des Schuldners zu lassen und sich lediglich eine fest- 
stehende Rente verpfänden zu lassen, so wird jetzt 
von der Kirche gestattet, Liegenschaften auch in 
der Art in Pfandschaft zu nehmen, dass der Pfand- 
gegenstand im Besitze des Schuldners blieb und 
von diesem als Unternehmer weiter verwaltet wurde. So 

'•) Nübling, Ulms BmmwoUweberei, 8. 120 ff. und 186 ff. 



— 216 — . 

entstand die Einrichtung des sogenannten Rentenkaufs. 
Die rechtliche Begrtlndang dieser Einrichtung geschah 
dadarch, dass die Kirche erklärte, bei diesem Renten- 
kaufe sei ja der Schuldner in der Lage, aus dem ver- 
pfändeten Gegenstande Erzeugnisse zu gewinnen , also 
Ertrag zu ziehen, während dies bei der Satzung, also 
dem Verkaufe mit Vorbehalt der Wiedereinlösung, nicht 
angieng, weil hier der Gläubiger das Pfandgut in Besitz 
ni^m. Diese Satzung war deshalb auch als Wucher 
strenge verboten^*) 

Diese allgemeinen Grundsätze bedingen denn auch die 
ganze Einrichtung des mittelalterlichen Darleihgeschäfts. 
Das Darleihen des Gelds geschieht unter Einsetzung 
Ton Pfändern und es ist jedermann, auch dem Christen, 
auch im Mittelalter ohne Anstand gestattet, einem andern 
Geld darzuleihen und sich dafür eine Pfandsicher- 
heitdurch persönlicheBnrgschaft, Liegenschaften 
oder Fahrnis geben zu lassen, nur muss dabei stets der 
betreffende Pfandgegenstand, also auch d ie Liegenschaft, 
80 lange in den Besitz des Gläubigers überführt werden, 
bis die Auslösung desselben erfolgt, so dass also sämt- 
liche Erträgnisse des Pfandguts dem Pfandbe- 
sitzer zufallen. Von diesen Erträgnissen hat nun 
der Pfandbesitzer diejenigen Beträge abzuziehen, welche 
ihm aus der Verwaltung des Pfandguts als Auslagen 
erwachsen, und sodann den Rest zur Abschreibung an 
seinem Darlehen zu verwenden. Dass zu diesen Auslagen 
auch der Gewin nen t gang (lucrum cessans) gehörte, der 
dem betreffenden Geldherm dadurch erwuchs, dass er sein 
Geld dem andern gegeben hatte, wurde dabei als ganz in 
der Ordnung angenommen, nur durfte dieser Gewinnent- 
gang nicht höher gerechnet werden, als der gesetzliche 
Jndenzinsfuss von 10 Prozent betrug, also als die 
Summe, welche der Geldherr dem Juden gel) en musste, um 
das benfitzte Darlehen zu erhalten, da man nicht verlangen 
konnte, dass er sein eigenes Geld weggab. Die sämtlichen 
Erträgnisse des Pfandgegenstands aber fielen dem Pfand- 
besitzer zu. Der Geldherr gab dem Geldnehmer eine 
bestimmte Summe und erhielt dafür nicht eine andere 
Geldleistung, sondern dessen Pfand. Den vollen Er- 
trag der Summe erhielt von jetzt an der Beliehen e, 
den Ertrag des Pfands der Geldherr. Wie er das 
Pfand nutzbar umtrieb, war seine Sache. Vom Ertrag 
zog er die Verwaltungskosten zuzüglich des ihm ge- 
bührenden landesüblichen Zinssatzes ab, den etwaigen Rest 

") Boicher, Geschichte der Nationalökonomik, S. 10. 



- 216 — 

schrieb er bei der Rückgabe an der Schuld gat, so dass 
der Gtoldherr also den Wert seines Darleihens, das es 
bei der anderweitigen landesfiblich-kaufmänniBchen Ver- 
wendung in der Darleihzeit täi ihn gehabt hätte, also das 
Hanptgnt samt seinem Gewinnentgang und Schaden (sors, 
d. h. capnt nnd Incrnm cessans nnd damnnm emergens) 
zurückerhielt. Damit war er dann abgefunden; er hatte 
wieder, was er hingegeben hatte. 

Ganz folgerichtig war deshalb die Forderung ge- 
setzlicher Verzugsgebühren (usurae punitoriae) 
erlaubt. So wird unter Papst Alezander m. auf dem 
Konzil von Tours bestimmt, wenn jemand eine Liegen- 
schaft als Pfand für ein Darlehen erhalten habe, so 
solle er dasselbe zurückgeben, sobald er sein Haupt- 
gut und die gehabten Auslagen aus dem Ertrage 
zurückerhalten habe.'^^ Da indessen aus einem solchen 
Verhältnisse leicht ein dauernder Zustand entstehet 
konnte, wurde bestimmt, dass der Darleiher dem Schuldner 
den Pfandgegenstand entweder gegen Bezahlung 
solle zurückgeben oder, wenn diese nicht erfolge, den- 
selben solle verkaufen müssen, sobald der Geldherr so 
viel Zinsen erhalten habe, als das Hanptgnt betrag, 
also bei 10 Prozent nach 10 Jahren. Eine Folge dieser 
Bestimmung war, dass die Schutzjudenverträge der 
Landesherrschaften gewöhnlich auf 10 Jahre ab- 
geschlossen wurden. Erst als im Jahre 1420 die Kirche 
gestattete, ein Grundstück, welches im Besitze des 
Schuldners blieb, dauernd mit einem festen Zinse 
(Zehnten) an den Geldherrn zu belasten, wurde es möglich, 
mehr Zinsen aus einem Darlehen zu beziehen, als 
dessen Hauptsumme betragen hatte, indem der Pfandherr 
das Grundstück jetzt im Besitz des Schuldners lassen nnd 
auf beliebige Weise mit einem Zinse belasten konnte. ''') 

t Dtr ZlniUeinliaiidol dar Jndtn. 

Durch das ganze Mittelalter spielt die Frage der 
öffentlichen Darleiher eine hochbedeutsame Bolle. 
Man kann nicht ohne Darleiher leben, die Wirtschaft 
kann ohne Kredit nicht bestehen, aber die Besorgung 
dieser Verrichtung muss in einer Weise erfolgen, welche 
den Gesetzen der wirtschaftlichen Billigkeit ent- 
spricht So gestattet die Kirche denn jedem ihrer Ange- 
hörigen, von einem andern Zinsen, d. h. Zehnten 
(census) oder sogenannte „ Rente ^, aus dessen Wirt- 
schaftsbetriebe oder Unternehmung zu kaufen^ 



? 



Corp. jud. Canon, 8. 668 ff. 

fioBcher, Qesehichte der Nationalökonomie, 8. 10. 



— 217 — 

nur darf er seine Fordening, die er als Anteil am Oe- 
Schaftsgewinn des andern, als Dividende, erhält, des 
Gewinns wegen einem dritten nicht wiederverkaufen. 
Der Zehnten bezw. Gältenzins des Mittelalters ist also 
die festgesetzte Leistung an Naturalien bezw. LandesmOnze 
f&r üeberlassnng des Gebrauchs einer nicht ver- 
zehrbaren Sache. Er ist der landestlbliche Durch- 
schnittsanteil des Kapitalisten am Ertrage des 
Wirtschaftsbetriebs des Schuldners und dieser 
feste Bezug hat nichts Unrechtes an sich, so lange er sich 
in angemessenen Grenzen hält. Ist der Jahrgang des 
städtischen Geschäftsbetriebs oder des landwirtschaftlichen 
Hofbetriebs ein schlechter, so ist der Ertrag des Be- 
liehenen, des Handwerkers oder Bauern, ein kleiner, ist 
der Ertntg ein reicher, so macht der Beliehene ein gutes 
Geschäft 

Was nun aber völlig verboten war und von der Kirche 
als Wucher (usura) bezeichnet wurde, weil es nur dem 
gewerbsmässigen, von der Behörde belehnten Darleiher 
(usurarins) erlaubt war, war der Zwischenhandel mit 
Forderungen, d. h. der gewerbsmässige Ankauf 
von Zehntbriefen oder anderen Forder nngsrechten zum 
Zwecke der Stundung gegen Entgeld. NurdasNehmen 
Yon Zins, von Renten, von Ertraganteilen, war 
also erlaubt, nicht aber das Nehmen von Säumnis- 
gebQhr. Wie jeder Zwischenhandel auch mit anderen 
WährungsgOtern, z.B. mit Frucht, Brot, Fleisch u.8.w. 
seitens des Landesherrn nur dem hiemit beliehenen Mono- 
polisten zustand, so war der einzige, der solchen Ankauf 
von Forderungen ausüben durfte, im Mittelalter der 
^pnblicus usurarins^, der öffentliche Forderungshändler. 
DerZinszwischenhandelsberechtigte ist die Landes- 
herrschaft, der Grundherr, und in ihrem Namen und 
Auftrage der öffentliche Wucherer. 

Die Berechtigung und Notwendigkeit derartiger 
Geschäftsleute lag nahe. Der Wirtschafter braucht Geld 
zum Betriebe, er weiss aber in zahlreichen Fällen nicht, 
wohin er sich zu wenden hat. Diese Lücke füllt der 
nsararius aus. Er giebt dem geldbedürftigten Unternehmer 
das von ihm gebrauchte Geld und lässt sich dafür einen 
Schuldbrief ausstellen oder er kauft solche Zehntbriefe bei 
anderen Kapitidisten und treibt den Zehnten vom Schuldner 
ein, indem er die Gebühr für seine Mühewaltung, die 
nsora, darauf schlägt, und somit den Zins vergrössert 
Allen Christen aber ist es strenge verboten, eine be- 
stimmte Summe in der Währung des eigenen Lands 
einem andern darzuleihen und sich dafür ein Entgeld 



— 218 — 

aasznbedingeii. Die Aasstellang eines trockenen oder 
eigenen Wechsels, also die Ansstellnng eines Scheins, 
dnrch welchen sich der Anssteller verpflichtet, an einem 
bestimmten Tage eine fest bestimmte Snmme zn be- 
zahlen, ist stri^ar. 

Die Einrichtung der „öffentlichen Darleiher"" 
erfolgt auf Grand der Erkenntnis der Behörden, dass das 
Darlehensbedfirfnis anf Pfander dnrch den freien Ver- 
kehr, das einfache Darlehen gegen Pfänder nicht gedeckt 
wird. Die Behörde sagt sich, dass es besser ist, be- 
stimmten unter Aufsicht der Behörde stehenden Personen 
die Befriedigung der eine Stundung ihrer Forderungen 
bezweckenden Schuldner als Monopolgewerbe zu fiber- 
lassen, als bei freiem Wettbewerb allen Krebs- 
schäden dieser Einrichtung Thflre und Thor zu öffnen. 
Man sieht, es ist der gleiche Gesichtspunkt, aus dem 
heraus die ganze öffentlich-rechtliche zwangs- 
körperschaftliche Gestaltung des mittelalter- 
lichen Erwerbslebens erfolgt, aus dem heraus die 
angesehene grobwarenhandelnde Eaufleutezunft, die Woll- 
händlergenossenschaft, die feinwarenhandelnde Erämer- 
zunft, die Handwerkerinnung bis herunter zum priyilegierten 
Frauenwirt und Henker entsteht 

War die Gefahr fttr den öffentlichen Nutzungs- 
h an dl er, um seine Forderung zu kommen, in der Begel 
wohl keine sehr grosse, da er ja immer zwei Bürgen 
und Selbstzähler, nämlich den ersten Eigner der rftck- 
ständigen Forderung und den Pfandschaftsschuldner, 
hatte, so war daffir die Aussicht, seine Forderung nötigen 
Falls nur durch gerichtliche oder sonstige Zwangs- 
mittel erhalten zu können, ein Faktor, mit welchem 
er in hohem Grade zu rechnen hatte, und welcher das 
Gewerbe zu einem wenig angenehmen stempelte und ihm 
die Eigenschaft des Anrüchigen, Unehrlichen verlieh. 
War der öffentliche Forderungshändler einerseits ver- 
pflichtet, jedem, der ein Darlehen gegen Pfander 
verlangte, ein solches bis zum halben Werte des Pfands 
zu besorgen, so blieb ihm auch, wenn er nicht in 
Hunderten von Fällen um sein gutes Geld kommen wollte, 
nichts fibrig, als in Fällen mit Härte aufzutreten, wo der 
gemeine Mann das Gef&hl hatte, dass hier Mitleid und 
Nachsicht am Platze wäre. Dass der Jude sich za 
diesem Handwerk herbeiliess, hat ihm deshalb auch der 
gemeine Mann nie verziehen und hat dem öffentlichen 
Darleiher von Anfang an seinen Makel verschafft wie dem 
Gerichtsvollzieher (Fronboten), dem öffentlichen Henker 
und Frauenwirt, ja wie sogar dem mit dem Seciermesser 



— 219 — 

arbeiteaden Arzte, dem im Mittelalter sogenaimten 
Scheerer. Alle diese Gewerbe verlangen eine gewine 
Rauheit des Charakters, einen Orad von Hartherzig- 
keit, den der Durchschnittsmensch nicht billigen kann^ 
and man sah jeden, der sich dazu hergab, ein derartiges 
Handwerk zu treiben, wohl oder Abel mit scheelen Augen 
an, es galt nicht fOr anständig, mit derartigen Lenten 
Umgang za pflegen, man mied ihre Gesellschaft and 
reizte sie damit, den Ersatz ffir die hiednrch erfolgte 
«capitis minntio'' in anderen, minder edlen Gtonfissen zn 
Sachen, welche ihnen der in der Begel nm so reichere 
wirtschaftliche Ertrag ihres Gewerbs gestattete. Nie- 
mand zwang den Jaden gerade, sich zam öffentlichen 
Fordernngshändler herzugeben, der Menschheit diesen 
Schergendienst za leisten; wiederholt stellte es die fran- 
zösische Gesetzgebung des 13. and 14. Jahrhunderts den 
Jaden frei, sich der „gemeinen Kaufinannschaft und dem 
Handwerk'' zn widmen. Die Jaden machten davon 
keinen Gebraach, sie mieden lieber das Land. 

Was also dem Christen verboten, dem „öffentlichen 
Wucherer'' aber erlaubt ist, das ist der „Yorkaaf von 
Forderangen^, der Aufkauf von rfickständigenZins- 
and anderen Forderungen zum Zweck der Stnndang 
g^en Entgeld, der Kleinhandel mit Forderangs- 
recbten, mit Nutzangen. Wie nur der ErftmerzQnftige 
Einfuhrware in Ulm aufkanfen und daselbst mit Gewinn 
wiederverkanfen darf, wie nur der zünftige Zimmermanns- 
meister Zimmergesellenarbeiten in Ulm kaufen and da- 
selbst mit seinem Meistemutzen weiterverkaufen darf, so 
darf nar der zünftige „Fordernngshändler" (publicus 
asararios) Forderungsansprfiche (nsus^ aufkaufen und f&r 
deren Standnng ein billiges Entgela, einen Lohn, eine 
Entschädigang, einen Aufschlag (justam praestaüonem, 
justum fenus), ein Gesuch, eine SuchgeblUir (provisio) 
nehmen. So ist die usura eine gesetzlich eingerichtete 
Abgabe des Schuldners an den gewerbsmässigen usu- 
rarius f&r die Bemühungen desselben. Während der 
(Feldherr eines Unternehmers sich mit seiner Rente (usus), 
mit der Rückgabe (rendita) seines weggegebenen Kapitals, 
mit seiner vereinbarten Forderung für die Weggabe seines 
Hauptguts begnügen muss, darf der öffentliche Dar- 
leiher ein justum fenus als Entschädigung für das 
Sachen des Gelds als „Gesuch" (provisio) in Gestalt der 
asura beziehen und diesen Judenzins von 10 Prozent 
darf d^alb auch der christliche Geldherr als 
lucrum cessans zum Hauptgute schlagen, da er 
dem justum fenus oder dem gemeinen kaufmannsmässigen 



— 220 — 

Gewinnanteil entspricht, wie er jedem freien Gross- 
händler nnd Geldherrn zu beziehen erlaubt ist, eine 
gerechte Dividende ist, kein ungerechter Abgabenzins 
ohne Rficksicht auf Wohl und Wehe des Schuldners. 
Deshalb war auch jedem Christen eine Vergfitung fDr die 
Gefahr, ein „fenus lucratiTum', erlaubt, sobald es sich 
um eine besondere Gefahr handelte, wie zum Beispiel bei 
Darlehen zu Rhedereizwecken , wo Schiff und Ladung 
verloren sein konnten.''^) Usura est, quidquid accedit^ 
Usus, d. h. Forderungsrechte zu vereinbaren, ist jedermann 
berechtigt, „usura^ zu beziehen, ist Privilegium der 
lombardischen oder jüdischen Wuchergenossenschaft 
des Landes. Die „usura^ ist die Belohnung des 
Geldstunders, das „justum fenus^ desselben. 

Dem Christen ist also wohl gestattet, Rente zu 
kaufen, d. h. Forderungsrechte auf einen be- 
stimmten Tag, auf Termin, zu vereinbaren, ver- 
boten ist ihm nur, bei Nichteinhaltung dieser Verfallzeit 
Säumnisgebflhr zu nehmen. Doch ist auch dieses 
Verbot dem frühem Mittelalter fremd und erst aufge- 
kommen, seit das Konzil von Trier im Jahre 1227 sich 
zu dieser Bestimmung entschlossen hatte. Seither hielt die 
Kirche diese Bestimmung aufrecht bis zum Jahre 1571, 
wo das Nehmen von Säumnisgebühren auch dem 
Christen auf der Synode von Besannen wieder ge- 
stattet wurde, wenn bei Abschluss des Schuldvertrags die 
Vertragsschliessenden sich darüber geeinigt hatten. So 
wurde das Jahr 1227 das Geburtsjahr der öffentlich- 
rechtlich gegliederten Forderungshändlerge- 
nossenschaften oder Wuchererzünfte, welche durch 
die weiteren Konzilien von Trier im Jahre 1238, von 
Wien im Jahre 1267 und von Köln im Jahre 1300 
weitere Ausgestaltung erhalten haben, und auch Ulm hat 
damals wohl seine durch das Stadtrecht vom Jahre 1292 
als längst hergebrachte Einrichtung erwiesene 
JudendarleiherkOrperschaft bestätigt erhalten, die 
dort wahrscheinlich seit dem Jahre 1188 im Schntze 
des Klosters Reichenau und der diesem unterstellten 
Wengenpropstei bestand und 272 Jahre lang bis zur 
Austreibung im Jahre 1499, freilich unter wechselnden 
Schicksalen dieser Genossenschaft, bei sich behalten. 

Man sieht überall, wo man im Kleinverkehr mit 
Währungsgütern eine Vergütung, einen Wucher 

^*) Ueber das „Fenus naaticum/* den RhedereigeBeUschaltsvertrag mit 
hohem Dmdendenanteil des Darleihers, vgl. Brixener Synode vom Jahre 1G(3. 
^enns est, qui aliquid praestat'*, also Teilnahme am Gewinn oder Schaden, 
HandelsgeseUschaft Vergl. Nenmann, Geschichte des Wuchers, S. 49. 



— 221 — 

(osara) gestatten rnnss, gilt als das eigentlich zu yer- 
gfltenoe die Arbeit, die Mfihewaltnng; so also aach 
beim gewerbsmässigen FordernngshandeL Als dieser 
aufkommt und sich ungemein rasch Bahn bricht, kann 
man nicht anders, als dem Darleiherhandwerk einen Vor- 
teil davon zugestehen. Dennoch halt man an dem Grund- 
sätze fest, dass nnr die Arbeit des Darleihers belohnt 
wird, der f&r die Mfihe des Anfsnchens (proyisio) des 
Grelds beim G-eldherrn oder die Beschaffung des Gelds aus 
seinem eigenen Vorrat, also f&r die Bef5rderung des Gelds, 
einen Lohn verdiente. Auch hier ist der Grundsatz: 
Geld ist nichts und schafft nichts, Arbeit ist Alles. 
So entsprach die alte AufbMung vom ordentlichen 
Jndenpfande der heutigen Auffassung vom Inhaber- 
papier''^) und der Judenpfandschein des Mittelalters 
mit seinen Bürgen entsprach formell und materiell dem 
anerkannten Wechsel unserer Zeit. Wie beim heutigen 
Inhaherpapier, der Obligation auf den Träger und dem 
Wechsel, der Schuldner verpflichtet ist, j e d e m Inhaber 
seiner Schuldurkunde die darin eingerftumten Leistungen 
aoszuf&hren, so ist dies auch beim Jndenp&nde des Mittel- 
alters der FalL Nach mittelalterlichem Rechte hatte jeder 
Schuldner die Befugnis, durch Ableistung des Eids, 
dass er nichts schuldig sei, sich rechtskräftig von 
einer Forderung zu befreien, so dass jedes weitere 
Beweismittel des Klägers ungfiltig war. Besass dagegen 
der Gläubiger einen Pfandschein, also einen Wechsel, 
so konnte er, wenn auf Rückgabe dieses Pfands ge- 
klagt wurde, sich ebenso durch den Eid, dass er eine 
Forderung in bestimmter Höhe habe, dieses P&nd 
sichern. Dabei hatte der öffentliche Darleiher, aber 
nur dieser, das Vorrecht, nicht blos die Höhe der 
Hauptschuld, sondern auch der dazu gekommenen 
Wucherschuld (usura) zu beschwören, weil dem Christen 
bei Darlehen an andere Christen nur das Nehmen von 
einmaligen Zinsen in Gestalt des ihm aus der Weg- 
gabe seines Hauptguts entstehenden Gewinnentgangs 
(lucrum cessans^ bis zur Höhe des ordentlichen oder 
ngemeinen^ Juaenzinsfusses von in der Regel 10 Pro- 
zent zustand, wie er solche dem Juden zahlen musste, 
bei dem er die betreffende Summe beschafft hatte, oder die 
ihm, falls er das Gheld selbst besessen hatte, dadurch ent- 
gieng, dass er dieses Gield nicht anderweit hatte umtreiben 
and einen billigen Nutzen damit hatte erzielen können. 
Nur dufte dieser Nutzen ehea nicht höher als auf 



*) Stobbe, Juden ia DeoUcUuid, 8. 218, 11& 



— 222 — 

10 Prosent bezw. den sonst festgesetzten „gemeinen 
Jndenzinsfnss^ berechnet werden, während das Zn- 
schreiben rückständig gebliebener Zinsen zom 
Hanptgnte nnd damit die Bildung eines neuen 
Hanptgnts, also das Nehmen von Zins vom Zinse, das 
Erheben einer Gebühr f&r die Stundung einer aner- 
kannten Forderung, nur dem von der Landesherrschaft 
damit belehnten „öffentlichen Forderungshändler", dem 
„usurarius riihlicus", gestattet war. Die Verpfändung 
des Wertgegenstands an den christlichen Eapitalisten 
geschah deshalb nur auf ein Jahr; wurde nach Ablauf 
desselben die eingegangene Verpflichtung vom Schuldner 
nicht erfüllt, so hatte der Kapitalist das Becht, den nicht 
ausgelösten Pfandschein zu verkaufen und sich aaf 
diese Weise f&r den Schaden (damnum emergens), der 
ihm aus der Nichtbezahlung der Schuld erwuchs, schad- 
los zu halten. Zum Aufkauf dieser Pfandscheine war 
aber nur der Jude berechtigt 

Wie scharf sich infolge der zunehmenden Auswuchernng 
des Volks durch die Juden die VerhUtnisse gerade seit 
dem Beginne des IS. Jahrhunderts zuspitzten, so dass 
vielfach seitens der Schuldner grosse Gewaltthätig- 
keiten verübt wurden, zeigen viele Nachrichten. So 
bestimmt das österreichische Judenprivilegiom vom 
Jahre 1244, wenn ein Jude auf Liegenschaften oder gegen 
Pfandbriefe den Grossen des Landes Gheld leihe und 
dies durch Brief und Siegel beweise, so solle ihm der 
Herzog die verpfändeten Besitzungen wie andere 
Pfänder zuweisen und ihn darin gegen Gewalt 
schätzen, und wenn ein Christ einem Juden gewaltsam 
seine Pfandbriefe wegnehme oder sonst Gewalt- 
thätigkeiten in dessen Hanse verfibe, solle er wegen 
Schädigung der herzoglichen Kammer streng be- 
straft werden. So befiehlt am 9. Juni 1246 König Konrad lY. 
dem Gerhard von Sin zig, sds Burggrafen von Lands- 
kron, ohne Aufschub dem Konrad von Brauneck ftir 
einen Juden, den dieser gefangen halte, 100 Mark 
Kölnisch''') zu zahlen, damit der Jude frei komme.^^) 

Genau entsprechend der Rechtsauffassung der neueren 
Zeit vom Lihaberpapier und dem Wechsel hatte also 
auch im Mittelalter der Pfandglänbiger, wenn der be- 
treffende Pfandschein verfallen war, das Hecht, sich aas 
eigener Machtvollkommenheit mit dem Pfände bezahlt 
zu machen. So bestimmt z. B. das Judenprivilegium des 



3 Nach lieatigem Geldwerte 24000 Mark. (1 Hark Köbiisch gleich 
ark). AroDiai 289. 
**) AfoniiM, Regesten snr Geachidite der Jodeo, 8. 168, 284 f^ 299. 



— 223 — 

Herzogtums Oesterreich vom Jahre 1244, dasswenn ein 
Jade ein Pfand von einem Christen ein Jahr dnrch 
in Händen gehabt habe, ohne dass es ausgelöst worden 
sei, er dasselbe solle yerkanfen dfirfen, falls der Pfand- 
wert die geliehene Summe nicht fibertreffe, doch solle 
er vorher dem Gericht Anzeige hievon machen müssen. 
Sei das Pfand aber Jahr und Tag bei einem Jaden 
geblieben, solle niemand mehr darfiber Bede zu stehen 
haben. Wenn ein Christ behaupte, er habe einem Juden 
etwas verpfändet, und dieser leugne es, solle der Jude, 
falls der Christ die Wahrheit der Angabe des Juden be- 
streite, sich durch den Eid, dass ihm nichts verpfändet 
worden sei, von diesem Verdachte reinigen dfirfen.''^ 

So bestimmt das Ulmer Stadtrecht vom 9. August 1296^*) 
wegen Forderungen von Grundzinsen und Pfand- 
schulden solle eine einmalige Ladung durch den Fron- 
boten genfigen, kein Bfirger solle einen andern Bfirger in 
Schuldhaft nehmen dfirfen, Bfirgschaftsleistungen 
der Borger (vadimonia) unter sich sollen verboten sein, ebenso 
Ladungen vor fremde Gerichte oder geistliche Gerichte 
bei Streitigkeiten von Bflrgem mit Bfirgem, alle Pfänder 
aber, welche dem Verkaufe ausgesetzt wurden, sollten sofort 
nutzbringend „bei den Juden^ (apud Judaeos) der 
Stadt angelegt werden, falls dies m^lich war, andern Falls 
aber „unter Benachrichtigung des Eigentfimers vor Stengen^ 
verkauft werden. Pferde von Geistlichen, Rittern und Edel- 
knechten (ministri) durften fOr anerkannte Forderungen in 
den Herbergen gepfändet werden, keinem Bfirger aber 
durfte sein von am selbst bewohntes Haus mit Beschlag 
belegt werden, so lange noch andere Pfandgegenstände wie 
Zugvieh, Aecker, Wiesen u. s. w. vorhanden waren. Hatte 
einer seine Gfiter einem Andern gegen Zins geliehen, so sollte 
der Gläubiger dieses Zinspflichtigen das Becht haben, gegen 
Uebemahme des betreffenden Zinses die genannten Gfiter 
zu seiner Befriedigung an sich zu ziehen. Von der Septua- 
gesima bis zur Osteroktave durfte niemand einen Eid in 
Schuldsachen schwören; die wahrend dieser Zeit beim 
Gericht anfallenden Eide wurden vorgemerkt, mit dem Ab- 
leisten aber bis zum obigen Zeitpunkte zugewartet Klagte 
ein Bfirger während dieser geschlossenen Zeit gegen einen 
andern Borger in Schuldsachen, so musste eine einstweilige 
VerfDgung getroffen werden, wodurch eine Sicherung 
des Klägers durch ein „bei den Juden^ zu hinter- 
legendes Pfand erfolgte; die hiedurch entstehenden 
Kosten wurden dann den Kosten des Hauptverfahrens 

") Aronios, Begetten rar Geschichte der Jaden, B. 277. 
^ Piend, Uhner Urkundaihacb, Bd. 1, B. 880 t 



— 224 — 

zugeschlagen, so dass derjenige, welcher schliesslich Becht 
behielt, von diesen Kosten fi'eiblieb. Hatte ein Borger 
Lehensgflter im Qebiete der Stadt inne nnd befriedigte 
seine Gläubiger nicht, so hatte der Glänbiger, wenn er 
sein Guthaben als zu Becht bestehend nachgewiesen hatte, 
das Becht, dieses Lehen in derselben Form und mit den 
gleichen Befugnissen wie der beklagte Lehensträger in 
Besitz zu nehmen; wollte aber der Grundherr, dem das 
Lehen gehörte, den Gläubiger nicht damit beleihen, so 
stand dem Kläger das Becht zu, das betreffende Lehen 
als Pfand in Besitz zu nehmen.^) 

Ein weiteres wichtiges Vorrecht der öffentlichen 
Darleiher war, dass sie, wie heute der Wechsel- 
gläubiger, beim Bankbrnch stets das erste Becht 
auf Befriedigung hatten. So räumt im Jahre 1380 
der Herzog Friedrich von Bayern den Juden seines 
Herzogtums das Vorrecht ein, nicht nur selbst pfänden 
lassen zu dürfen, sondern auch die „ersten Gelter'' za 
sein, d. h. bei einer Zwangsvollstreckung das erste Becht 
zur Befriedigung zu haben." ^) 

So wird in dem Landfrieden, den im Jahre 1255 der 
Herzog Heinrich von Bayern, die Bischöfe Otto von 
Passau, Koni*ad von Freising, Heinrich von Bam- 
berg und zahlreiche Grafen, Freie und Dienstmannen auf 
zwei Jahre schliessen, unter anderm bestimmt, wenn ein 
Christ ein Darlehen auf Pfänder gebe und dabei eine 
Säumnisgebflhr(usura) nehme, ohne sich hiebei der 
Hilfe eines Juden zu bedienen, solle dies als Land- 
friedensbruch gelten.®') Nur die Juden sollen dies 
dfirfen; wenn ein Jude aber hiebei mehr als 2 Pfg. vom 
Pfund fBr die Woche nehme, solle er dem Bichter 1 Pfund 
geben müssen.®') 

In welcher Weise damals die Darlehensverträge ab- 
gefasst wurden, zeigen zahlreiche Beispiele. So gebraucht 
z. B. im Juni 1260 der Edelmann Ulrich von Wahrberg 
Geld und erhält solches von dem Juden Jakob. Als 
Sicherheit für sein Darlehen erhält der Jude den Zehnten 
des Dorfs Elgersheim bei Mergentheim mit allen 
Hechten auf 3 Jahre verpfändet Der Ertrag eines vierten 

*^ Bazing, Ulmer Stadtrecht in den Württ Viertebahnheften 1891, 
8. 95 ff. 

*') Stobbe, Jaden in DenUchland, 8. 249. 

**) Es Bol defaein Christen gesnch nemen noch pfant anf den 
schaden setzen, niman an (ohne) die inden oder er ist fridbrftcb. 
Der Christ darf also sowohl „Oesnch", d. h. Säomnisgebahr, berechnen, als 
seinen etwaigen Schaden sichersteUen , aber Dar anter Znhilfenabine 
drs Juden darleihers als Handwerksmonopolisten hiefQr. 

**) Aronius, Regesten aar Geschichte der Joden, 8. 262. 



— 226 — 

Jahrs soll zwischen beiden gleich geteilt werden, wobei 
Ulrich die Wahl des Jahrs zusteht Hat Jakob den Ertrag 
des ersten oder zweiten Jahrs erhalten, mnss er die Güter, 
wenn Ulrich sie auslösen will, auf Grund der Abschätzung 
genannter (christlicher) Schiedsrichter dem Schuldner 
wieder zurückgeben. Entsteht dem Juden ein rechtlich 
begründeter Verlust oder Schaden, so muss ihn Ulrich 
nach stattgehabter Verhandlung in Rothenburg ent- 
schädigen; für zugefügte Gewalt haftet aber Ulrich 
nicht Betreffs des Weinkellers soll Ulrich durch Brief 
des Jakob von seinen Verpflichtungen befreit werden. 
Der Jude ist nicht gehalten, ferner etwas zu leihen, 
ausser auf Ulrichs Wort und Handschrift Nach Aus- 
losung der Güter sind aus dem ersten Ertrage der weitere 
Gläubiger Erkarius, aus den folgenden aber die Gläubiger 
Heinrich yon Hausen und Uster zu befriedigen. Man sieht 
daraus, wie sehr damals die Güter mit Pfandschulden 
belastet sind. Ein anderes Beispiel ist folgendes: Am 
8. November 1257 erhält Simon yon Schauenburg vom 
Herzog Ludwig II. von Bayern 60 Pfund Hlr. bis zum 
10. Februar 1258 geliehen. Zahlt er sie inzwischen nicht 
heim, so sollen dem Herzog alle seine Güter in Dossen- 
heim und sein Anteil an der Burg Schauenburg verpfändet 
sein. Im Falle der Nichteinlösung verspricht er, für die 
Zinsen der 60 Pfd. Hlr. bei den Juden aufzukommen.^^) 
Man sieht, der Hergang ist folgender: Die Grafschaft 
Schauenburg erhält vom Herzogtum Bayern 60 Pfund Hlr. 
auf drei Monate gegen Zinsen und Verpfändung von 
Liegenschaft geliehen. ZaJüt die Grafschaft nach dieser 
Zeit die Summe nicht zurück, so nimmt Bayern dieselbe 
bei den Juden gegen Zinsen auf und Schauenburg ist 
dann verpflichtet, den hieraus erwachsenden Kosten oder 
»Schaden'' zu ersetzen. 

g. Die B«io1ixlikaiig Am Ztisflbnei. 

Der Zinsansatz für Darlehen auf fahrende Pfänder 
geschidi in der Begel nur nach Tagen oder Wochen, 
weil es sich bei diesen Geschäften meist um Darlehen auf 
kurze Zeit handelte. Da als Begel galt, dass der Jude 
nur gegen Zinsen lieh, war nicht der Jude verpflichtet, 
bei einem Rechtsstreit hierüber den Beweis zu fahren, 
dassZinsen ausgemacht waren, sondernder Schuldner 
mnsste den Beweis erbringen, dass das Darlehen als 
ein unverzinsliches eingegangen worden war. Ver- 
langt wurde, wenn eine Darlehensforderung samt 

*^ AroniuB, Regesten zur Geschichte der Juden , S. 262, 275, 285. 
Vergl. Nenmann, Geschichte des Wuchers in Deutechland, 8. 158 ff. 
Stobbe, Jaden in Deatschland, S. 114 ff. 

15 



— 226 — 

Zinsen hieraas rechtlich gültig sein sollte, in der Begel, 
dass der betreffende Gläubiger den Eid geleistet hatte, 
nicht mehr Zinsen nehmen zn wollen als gesetzlich 
erlaubt war und als das Hauptgut betrug. So wird 
im IS. Jidirhundert den Juden von Montpellier das 
Nehmen von Zinsen nur für solche Darlehen gestattet, 
bei denen sie gelobt hatten, nicht mehr Zinsen zu nehmen, 
als das Hauptgut betrug. ^^) 

Es gab nach mittelalterlichem Bechte zwei Arten 
von Darlehensverträgen, solche mit beschränkter 
Haftbarkeit, bei welchen lediglich ein Pfand ohne 
weitere Versprechung gegeben wurde, und dann solche mit 
solidarischer Haftbarkeit Bei ersterem Vertrage konnte 
der Gläubiger nicht auf Zahlung klagen, wenn ihm 
die aufgelaufenen Zinsen nicht mehr gedeckt wurden, 
sondern er musste das Pfand zunächst vor Zeugen dem 
Schuldner zur Auslösung anbieten und dann dreimal 
vor Gericht aufbieten, ohne den Schuldner einzuklagen. 
Nach der dritten Aufbietung durfte er es behalten; war 
es weniger wert, als die Forderung betrug, so hatte er 
keine Nachfordernng gegen den Schuldner. Anders 
war es dagegen, wenn der Schuldner dazu „gelobt" 
hatte; in diesem Falle konnte der Jude mit Klage 
gegen ihn vorgehen und wenn das Pfand nicht aus- 
reichte, den Rest der Forderung geltend machen."^ 
So bestimmt die Weissenburger Judenordnung vom 
Jahre 1312, wenn ein Jude Geld auf Pfänder ohne Zeugen 
leihe, solle er die Höhe der Schuld beschwören, aber den 
Schuldner nicht zur Auslösung zwingen dürfen, wenn 
ihm der Schuldner nicht die Heimzahlung der Schuld 
besonders gelobt habe.^*) So bestimmt das Münchner 
Judenrecht, wenn ein Jude auf Pfinder leihe, solle er das 
Hauptgut und den Arbeitslohn für seine Mühewaltung, 
die sogenannte „Gesuchgebühr^, auf demselben Pfände 
haben. Sollte das Pfand hiezu nicht ausreichen, so solle 
der Schuldner nicht verpflichtet sein, weitere Leistungen za 
thun.'*) So bestimmt die Frankfurter Judenordnung, 
wenn der Gläubiger ein Jude oder sonst des Ober- 
massigen Zinsnehmens verdächtig sei, und der Schuldner 
sich vor der Einleitung der Klage erbiete, dem Gläubiger das 
Pfand für die dargeliehene Summe eigentümlich zu über- 
lassen, solle der Gläubiger diess annehmen und die 
Pfänder behalten, selbst wenn sie die Schuld nicht 
decken**), während die Wormser Reformation be- 
stimmt, wenn das Pfand zur Deckung der Schuld nicht 



**) Depping, Jaden im Mittelalter, 8. 169. 
n Stobbe, Jaden in DeatichlMid, B. 247 f., 



127. 



— 227 — 

ausreiche, solle der Gläubiger den Best einklagen 
können „ungehindert einichs auszngs, gewonheit, 
herkommen oder anders, so dagegen furgezogen werden 
möchte.**^ Man sieht die Veränderung der Bechts- 
anschauung durch den Bomanismus und die ent- 
gegengesetzte Anschauung, die im Volke und im 
alten Ordnungsrecht weiter lebte. 

Der Kampf gegen den Wucher, d. h. gegen den 
übermässigen Gewinn, ist so alt wie die Gesellschaft. 
So erklärt schon der römische Staatsmann Cato fenerari 
nnd occidere als gleichbedeutend und TertuUian nennt 
die usura „fenoris reduntantia", also übermässiges 
fenus, gestattet also ein massiges fenus." Auch der 
Kirchenvater Hieronymus erklärt lediglich die supera- 
bundantia beim fenus als Sünde. *'') Man sieht, die 
Kirche ist nicht gegen das Zinsnehmen (census), sondern 
nur gegen das Uebermass darin. So verordnet Hippolyt, 
dass die usurarii weder zum Katechumenenamt noch zur 
Taufe zugelassen werden dürfen, und die Synode von Elyira 
bedroht im Jahre 306 die usura der Laien mit dem Eirchen- 
ausschluss. So erlaubt Kaiser Konstantin der Grosse (325) 
wohl die Forderung der centesima im Monat, also 
12 Prozent im Jahre, bei Goldzinsen (Gülten) und den 
halben Jahresertrag bei Früchten, verbietet aber jedes 
Nehmen von weiterem Gewinn. So verordnet im Jahre 345 
die 1. Synode von Karthago, „ut clericis non liceat 
fenerari.'* So bestimmt der Kirchenvater Augustinus (geb. 
354 in Hippo in Numidien) das fenus als Wechselge- 
schäft mit der Hoffnung auf Gewinn, indem er meint, 
wenn es sich hiebei auch in der Begel um Geld handle, 
80 gehöre der Warenwechsel mit Dingen wie Frucht, 
Wein, Oel u. s. w. ebenso dazu. Wer eben mehr zurück- 
zuerhalten hoffe, als er erhalten habe, sei ein fenerator 
und desshalb tadelnswert.^^) So verbietet im Jahre 398 
die Synode von Karthago, künftig einen gewerbsmässigen 
Wucherer zum Geistlichen zu weihen, und im Jahre 419 
bestimmt die 6. wichtige Synode von Karthago, „ne omnino 
coidam clericorum liceat, de qualibet re fenus acci- 
pere^*^ Den Laien ist also das fenus gestattet, den 
Geistlichen ist es verboten. Wenn ein Geistlicher 
ein Wechselgeschäft abschliesst, bestimmt die Synode, 

*^ Funk, Geschichte des Zinsfusaes, S. 10. 

*^ Fenus est, mutuam pecaniam dare, a qua aliqnid plus, quam 
dedjsti, exspectas aedpere; non pecaniam solam, sed aliqnid plosi quam 
dedisti, siTe ülad triticam sit, me yinnm, sire oleum, sive quoollbet 
tliod; si plna, qoam dedisti, exspectas aedpere. fenerator es et in hoc 
improbandna, non laudandos. Fonlc, Geschichte aes Zinsfusses, S. e ff. 

16 ♦ 



— 228 — 

solle er sich auch Währimgsinüiuse dafbr ausbedingen 
dürfen f nur dürfe es nicht mehr sein, als er erhalten 
habe. So gestattet im Jahre 538 die Synode von Orleans 
allen Geistlichen vom Diakonos an abwärts das fenns. 
So hat z. B. am das Jahr 580 zur Zeit Gregors von Tours 
ein gewisser Maurus für 400 Soldi Waren gekauft und 
für die Summe zwei Schuldscheine über zusammen 500 Soldi 
ausgestellt Er leidet nun ziemlichen Verlast an den 
Waren und bezahlt desshalb nur 410 Soldi; der Gläubiger 
besteht aber auf seiner Forderung und ruft die Hilfe des 
Papstes Gregor des Grossen an, der den Gläubiger hierauf 
auffordert, er solle als christlicher Edelmann mehr 
Güte und Milde beweisen und nicht auf dem strengen 
Rechte beharren und einen Gewinn aus dem Schaden des 
Nächsten ziehen. Gott werde ihm schon ersetzen, was er 
einem Armen geschenkt habe.^') So wird im Jahre 787 auf 
der Synode von Northumberland der gewerbsmässige 
Wucher in England verboten und im Jahre 789 folgt das 
Frankenreich durch die Synode von Aachen nach, 
indem die in Abgang geratenen Verordnungen des Konzils 
von Nicäa und des Papstes Leo gegen den Zins- 
zwischenhandel erneut werden.*^) Mehr als 1 2 Prozent 
Zinsen oder mehr als den halben Fruchtertrag zu nehmen, 
ist nicht gestattet und jede übermässige Bereicherung 
durch fenus soll nicht allein den Geistlichen, sondern 
auch den christlichen Laien verboten sein. So be- 
fiehlt im Jahre 840 König Lothar L allen Grafschafts- 
gerichten seines Reichs, künftig jeden zu strafen, der ihnen 
von den Bischöfen als Wucherer (usurarius) bezeichnet 
werde.'*) So verbietet im Jahre 855 die Synode von Va- 
lence alles übermässige Zinsnehmen (usura). So erneuert 
im Jahre 868 die Synode von Worms die Beschlüsse der 

**) Funk, Geschichte des Zinsfiisses. S. 11, 14. 

**) Item in eodem (Nicfteaoo} condlio tea in decretii papM LeoDis 
nee non et in cmnonibos, qoi dteontar apottok>ram, aicat in lege ipea 
Domiotts ipse praecepit, omnino omnibot interdictum est, ad nsaram 
aliqaid dare. Die betreffende Vorschrift des Papstes Leo I« gegen die 
nsnra lantet: Nee hoc quoque praeterenndnm esse dnximas, qaosdam 
Incri tnrpis cnpiditate captos asurariam exercere peconiam et 
fenore velle ditescere. (Also ist nor das Streben nach fiberniftssiger 
fiereichemng durch fenus verboten, d. h. der Handel mit fenns» nicht 
das fenus selbst) Quod nos non dicam in eos, qui sunt in clericali 
officio constituti, sed et in laicos cadere, qui Christianos se dici 
cupiunt, oondolemus. Quod yindicari acrius in eos, qui fuerint oomprobati 
(computati, confutati?) decemimns, nt omnis peccandi opportonitas adi- 
matur. Funk, tieschichte des Ziosfusses, 8. 19. 

*') Prohibemus, ut nemo usuram facere praesnmat post episcopi 
sui contestationem. Quod si quis post ^ns interdictum £ioere 
praesumpserit, a comitibns distringator. Funk, Geschichte des Zinsfasses, 



— 229 — 

Synode von Karthago vom Jahre 419 und yerbietet 
aUen Oeistlichen das Wechselgeschäft mit der 
Absicht aufQewinn(fenus"}. So verleiht Kaiser Basilius 
von Macedonien (867—880) dem biblischen Wucher- 
verbot volle staatliche Giltlgkeit in seinem Reiche, während 
sein Sohn, Kaiser Leo der Weise (880) von Macedonien, 
dieses Gesetz wieder aufhebt und das Giesetz Justinians 
wieder in Kraft setzt, welches den Zinsfuss von 12 Prozent 
ermässigt hatte, indem es Fürsten und Edellenten 4, den 
Eanflenten 8, dem übrigen Volk aber 6 Prozent als Census 
gestattet und nur bei überseeischen und Natural- 
darlehen 12 Prozent bewilligt hatte. So befiehlt der 
Erzbischof Hinkmar von Reims der Geistlichkeit, 
die Laien vom Wucher abzumahnen und eine Ver- 
ordnung von Soissons vom Jahre 889 verbietet wieder- 
holt allen Wucher. Auffallend ist dem gegenüber, dass 
wir ans dem 10. Jahrhundert gar keine diessbezüglichen 
Nachrichten haben, so dass man den Eindruck gewinnt, 
als ob hier die betreJDfenden Gesetze weniger scharf ge- 
handhabt worden seien. Noch im Jahre 1049 verbietet 
eine Synode von Reims einfach den Geistlichen und 
Laien, „usuras exercere."'") Auch die Synode von Gerun- 
dium in Spanien im Jahre 1078 bedroht lediglich alle 
widerstrebenden usurarii mit dem Kirchenbanne und die 
Synode von Poitiers droht nur den wuchernden Geist- 
lichen mit dem Kirchenausschluss, wie auch im Jahre 1125 
die Synode von London nur auf die usura von Geist- 
lichen die Absetzung und den Entzug des Beneficiums 
setzt *^) Auf der lateranischen Synode vom Jahre 1139 
werden alle usurarii auf Lebenszeit mit der infamia 
belegt und wenn sie ihr Gewerbe nicht aufgeben, vom 
kirchlichen Begräbnis ausgeschlossen, wie sie auch 
nur unter Vorsicht zum Sakrament zugelassen werden 
sollten. Im Jahre 1150 erklären die Kanonisten Zonaras 
und Balsamon dem Patriarchen Markus von Alexandrien, 
die Geistlichen dürfen keine Wechselgeschäfte um Ge- 
winn machen, wohl aber die Laien. Im Jahre 1163 klagt 
die Synode von Tours, das Wucherverbot werde von den 
Geistlichen durch diePfandnutzung umgangen und die 
Synode von 1179 klagt, dass so viele Personen andere Er- 
werbsarten aufgeben und sich ganz dem Wucher widmen.'*) 



*^ Fank, GeBchichte des ZinsfiiBses, 8. 16, 18, 20. 

*^ ,,Ne Ollis clericaa vel laicoa ninras exerceret'* Funk, Oo- 
achichts des Ziosfuses, 8. 20. 

**) Seditonarios nanqaam ordinandoa clericos sicat necasararioB 
uc injorianim suamm ultores; er Bchliesst also nur dieusarari tod 
der Prieelerweilie aus, nicht aber die feneratores. 



— 280 - 

Die Klagen über die Answacherung weitester 
Bevölkerungkreise seitens der Jaden mehren sich seit 
dem 13. Jahrhundert in erschreckendem Masse. Der Zins- 
satz hat anter dem herrschenden Monopolsystem 
der Jadendarleiher bei der rücksichtslosen Art 
and Weise, wie die Jaden ihrem Volkscharakter 
entsprechend dieses Monopol ausnützen, eine uner- 
träglicheHöhe erreicht. Der Retter in der allgemeinen 
Not ist auch diesem Krebsschaden gegenüber, dem die 
verlotterte Staatsgewalt des nur an seinen sici- 
lianischen Interessen hängenden Hohenstaufen- 
kaisertums thatenlos zusieht, die Kirche, vor allem 
der thatkräftige, charaktervolle und sittenreine 
Papst Innocenz III., der in jener 2ieit traurigsten, 
allgemeinsten Sittenzerfalls mit zielbewusster Hand 
das Ruder des christlichen Schiffs erfasst und die 
Richtung der Fahrt mit kundiger Hand bestinuut Schon 
seit dem Anfang des 13. Jahrhunderts sehen wir die Kirche 
gegen das übermässige Zinsnehmen der Judengemeinden 
als Oeldleiher - Genossenschaften gesetzlich einschreiten. 
Im Jahre 1200 verlangt Papst Innocenz in., dass die 
Obrigkeiten die Juden zur Wiedererstattung der 
Zinsen an ihre christlichen Schuldner zwingen sollen, 
widrigenfalls er den Juden das Marktrecht entziehen 
werde. Man solle alle öffentlichen Wucherer von der 
Kirchengemeinschaft ausschliessra und nicht kirchlich 
begraben, auch keine Gaben von ihnen annehmen. Dieser 
Erlass hat denn auch alsbald segensreiche Folgen. Im 
Jahre 1206 schliessen die Krone von Frankreich, 
die Gräfin von Champagne und der Freiherr Gul von 
Dampierre einen Vertrag ab, durch welchen betreffs 
der Zinsen, welche die Juden für ihre Darlehen fordern 
durften, festgesetzt wurde, dass diese höchstens 2 Pfennige 
vom Pfund wöchentlich sollen betragen dürfen.'^) Das ergab 
also im Jahre 52 mal 2=104 Pfg., oder, da das Pfund 
240 Pfg. hatte, 43^/8 vom Hundert, eine erschreckende 
Summe, die aber bei der Seltenheit des Edelmetalls in 
jener Zeit nicht auffallig ist und auch in heutiger Zeit 
viel mehr vorkommt, als mannigfach bekannt ist Auch 
die Synode von Avignon vom Jahre 1209 klagt, der 
Wucher werde allgemein getrieben, als sei er erlaubt; 
man solle alle Wucherer an den Sonntagen mit dem 
Kirchenbanne belegen, wie auch die Synoden von Nar- 
b onnevomJahre 1227, Ghateau-Gontier vom Jahre 1231, 
von Arles vom Jahre 1244 und von Mainz vom 



') Depping, Jaden im Mittelalter, 8. 14a 



— 281 — 

Jahre 1261 ähnliche Bestimmungen treffen**), and in England 
das Oleiche die Synode von Lambeth vom Jahre 1830 
bestimmt y indem sie alle Wahrsager, Meineidigen, Brand- 
stifter, Bäuber, Fälscher, groben Diebe und Wucherer 
mit dem Eirchenbanne belege, wobei bestimmt wurde, dass 
die Absolution erfolgen könne, wenn der unrechte Gewinn 
zurückgegeben werde. Ebenso verordnet die Synode von 
Rayenna, kein Notar solle einem Wucherer ein Testament 
machen, ohne dass der Geistliche dabei sei. 

War ursprünglich neben den Juden allen Fremden, 
auch den Lombarden, der Wucher erlaubt, so drohten 
bereits die Synode von Ayignon von 1209 und das 
lateranische Konzil von 1215 allen Christen mit dem 
Kirchenbanne, die mit Juden ein Geschäft machen, bei 
dem übermässige Zinsen verlangt werden, so dass 
nur den Juden gestattet blieb, gegen massigen Ge- 
winn Zwischenhandel mit Zinsen zu treiben, während 
den Lombarden diese Duldung nicht zu teil wurde. 
Die Synode von Sens vom Jahre 1269 verbietet, sie auf- 
zunehmen oder ihnen Kirchengebäude zu vermieten, und 
bitter klagt die Synode von Vienne, wie zahlreiche 
Stadtgemeinden den Zwischenhandel mit Zinsen ge- 
statten und die Schuldner zur Zahlung zwingen, und 
Papst Clemens V. belegt desshalb alle solche Gemeinden 
mit dem Banne, wie auch im Jahr 1261 die Mainzer 
Synode gebietet, wenn ein Wucherer einen Monat lang 
frech im Bann verharre, auch der Frau, den Kindern 
und dem Gesinde desselben die Sakramente zu verweigern, 
and da die Wucherer Schulen errichten, um ihre Kinder 
im Schreiben zu unterrichten, und Gilden zur Vertretung 
ihrer Sache gründen, dies strenge verbietet.'^ 

Die Wucherverbote wurden nun aber alsbald dadurch 
umgangen, dass man sich ein benutzbares Pfand geben 
liess und sich mit dem Ertrage desselben schadlos hielt 
oder dass man den Schuldner eine grössere Schuldsumme 
unterschreiben liess, als er erhalten hatte; oder dass der 
Geldbedürftige vom Kapitalisten gegen Kredit eine Ware 
über dem Marktpreise kaufte, um sie sofort gegen Bar 
billiger wieder zu verkaufen und so das Geld zu erhalten, 
oder dass man statt des Zinses ein sogenanntes Handgeld 
gab. Die Kirche trat infolge dessen diesen Machenschaften 
dadurch entgegen, dass den Darleihern auferlegt wurde, 
bei jedem Darlehensvertrage zu schwören, dass sie das 
Hauptgut vollständig ausbezahlt haben.*^ 



^ Funk. Geschichte des Zinsfüsses, S. 20, 27 ff. 
^ Deppmg/ Juden im Mittehater, S. 160. 



— 282 — 

Im Jahre 1240 wird im Königreiche Aragon das Zinser- 
maximnm f&r die Juden auf 4 Pfg. monatlich vom Pfoad 
festgesetzt, also auf 12 mal 4 Pfg. gleich 48 Pfg. jährlich, 
was einem Zinssatz von 20 vom Hundert entspricht; 
aueh inKastilien wird der Zinssatz auf 25 vom Hindert 
herabgemindert Man sieht den Erfolg des Voigehens 
der Kurie. Die Juden sind dort befugt, sich fOr 3 Oeld- 
stücke 4 zurückzahlen zu lassen, ebenso f&r 3 Fanegas 
Getreide 4 Fanegas. Ist das Hauptgut so lange im 
Besitz des Schuldners gewesen, dass die Zinsen dem 
Hauptgut gleichkommen (also nach 3 Jahren), so darf 
der Jude keine weiteren Zinsen verlangen. Die 
Schuldurkunde muss in Gegenwart von Zeugen durch 
den Notar aufgesetzt und das Geld dem Entleiher 
vor diesen vorgezählt oder das Getreide vorge- 
messen werden. Nur wenn die Schuldsumme 3 Maravedi 
oder weniger betrug, durfte das Darlehen auch mündlich 
ohne Zeugen abgeschlossen werden. Jeder darleihende 
Jude oder Maure (Kowertsche) musste schwören, nur den 
gesetzlichen Zinsfuss zu nehmen. Konnte der Schuldner 
die Schuld nicht heimzahlen, so sollte der Alcalde 
(Bürgermeister) demselben erst die Fahrnis und wenn 
diese nicht ausreichte, die Liegenschaft dem Gläubiger 
übergeben und dieser solange die Nutzniesung 
haben, bis er die schuldige Summe herausgezogen 
hatte. Eine Forderung, deren Zahlung nicht binnen 
6 Jahren verlangt wurde, war verjährt. Schuldurkunden 
waren nur in der Hand dessen gültig, dem der Schuldner 
sie ausgestellt hatte, und durften durch keinen anderen 
eingeklagt werden. Liegenschaften durften die Juden 
nicht behalten, sondern mussten sie im Aufstreiche ver- 
steigern. •*) 

Aehnlich sind die Verhältnisse in Südfrankreich. 
Im Jahre 1261 beschweren sich die Bürger von Monosque 
in der Provence, dass die Juden vom Pfunde monatlich 
6 Pfennig Zins nehmen, also 6 mal 12 gleich 72 Pfennig 
im Jahre oder 30 vom Hundert.*^) Im Jahre 1270 
wird von dem Prior der Dominikaner zu Poitiers 
und dem Grafen von Poitou in Verbindung mit einem 
von den königlichen Räten zu ernennenden Weltpriester 
eine Untersuchung über das Darleihensgeschäft der Juden 
in der Herrschaft Poitou angestellt Alle Pfarrer und 
Amtleute müssen in ihren Bezirken öffentlich ausrufen lassen, 
dass diejenigen, welche sich über ungebührliche Forderungen 
zu beklagen haben, sich vor der üntersuchungskommission 

**) Depping, Jaden im Mittelalter, S. 282 f., 267. 



— 233 — 

stellen und dieBer eidlich in Gegenwart von Zeugen an- 
geben sollen, wieviel sie über den gesetzlichen Zins- 
fnsLs haben bezahlen müssen, und jedem, der den Eid 
leistete und einen guten Leumund hatte, sollte bei Summen 
unter 10 Sous voller Glaube beigemessen werden, während 
bei höheren Beträgen oder wenn der Schuldner keinen 
guten Buf hatte, die Bekräftigung der Aussage durch 
Zeugen erforderlich war. Die Untersuchungsbehörde hatte 
die Befugnis, in allen Streitsachen wegen Dariehens- 
forderungen zu erkennen, wenn die Streitsumme nicht über 
100 Sous betrug; bei allen höheren Beträgen war dagegen 
das königliche Hofgericht zuständig. Kein Jude aber 
sollte gezwungen werden, mehr zurückzugeben, als er seit 
einer bestimmten Zeit über den gesetzlichen Zinsfuss ge- 
fordert hatte.**) Im Jahre 1271 bestimmt das Konzil von 
St Quentin, dass die öffentlichen Behörden künftig den 
jüdischen Darleihern besser auf die Finger sehen sollen 
und in den Jahren 1271 und 1280 wird wiederholt allen 
Juden von Frankreich von König Philipp dem Kühnen ver- 
boten, übermässigen Zins zu nehmen.**) Im Jahre 1299 
erneuert König Philipp IV. von Frankreich den zwischen 
König Ludwig IX. und den Landesherren geschlossenen 
Vertrag, nach welchem die Juden nur solche Forderungen 
bezahlt erhalten sollten, die schriftlich und ohne 
Festsetzung eines Schadenssatzes eingegangen worden 
waren und es wurde bestimmt, dass bei den Gerichten 
lediglich die Forderungen für das Hauptgut und die 
gesetzlichen Zinsen klagbar sein sollten. 

Ebenso wie in Frankreich wird auch im englischen 
Südfrankreich gegen den übermässigen Judenzinsfuss ein- 
geschritten, indem im Jahre 1284 König Eduard n. von 
England als Herr der Gascogne allen Juden befiehlt, 
sein Gebiet zu verlassen, da äagen wegen ihres über- 
mässigen Zinsennehmens an ihn gekommen seien, ebenso im 
Jahre 1314.*^) Im Jahre 1302 hatte das Herzogtum 
Burg und allen seinen Juden das Freiheitsrecht erteilt, 
auch ferner in Burgund zu wohnen und dort Handel zu 
treiben; doch sollte niemand verpflichtet sein, ihnen eine 
Zinsenschuld zu bezahlen. Im Jahre 1317 wird in 
Montpellier gegen das übermässige Schadennehmen der 
dortigen Juden eingeschritten und es wird denselben 
eingeschärft, künftig die vorgeschriebenen Abzeichen zu 
tragen.*') Auch in England selbst ist man erbost über 
die Höhe des Judenzinsfusses. Im Jahre 1264 entsteht in 
London ein Judenkrawall, weil ein Jude mehr als 



*^ Deppug, Jaden ün Mittelalter, 8. 168, 185 f., 166 and 204. 



— 284 — 

2 Pfennige wöchentlich von einem Pfund Sterling, 
also mehr als den gesetzlichen Zinsfass, gefordert 
hatte, wobei zahlreiche Juden ihr Leben einbflssen, 
die Judenhäuser geplttndert und die Synagogen 
zerstört werden. **®) 

Ebenso schlimm sieht es in Deutschland aus, wo 
das Geld minder flttssig ist als im blühenden Spanien. 
So berichtet der Bruder Berthold von Begensbnrg 
(1250 — 1278) über den Wucherzinsfuss der Juden. 
Die Juden, schreibt er, die es am ärgsten treiben, leihen 
den Schilling um 13 oder das Pfund um 4 oder höher die 
Woche aus, also gegen 87 yom Hundert im Jahre. '®^) 
Am 9. Februar 1267 wird yom Erzbistum Gnesen- 
Polen bestimmt, wenn die Juden unter irgend einem 
Vorwand von den Christen drückende und über- 
mässige Zinsen erpressen, solle ihnen alle Gemein- 
schaft mit den Christen so lange entzogen werden, bis 
sie ausreichenden Ersatz geleistet haben, und die Christen 
sollen in diesem FaUe, wenn nötig durch geistliche 
Strafen, yom Verkehr mit ihnen abgehalten werden. Den 
Fürsten aber wird aufgegeben, dieserhalb den Christen 
nicht zu zürnen, sondern yielmehr solche Bedrückungen 
durch die Juden zu yerhindern.'^^) So bestimmt das 
Prag er Stadtrecht yom Jahre 1269, kein Jude solle künftig 
yon der Mark mehr als 5 Pfg. Zins monatlich nehmen, 
yom Pfunde aber 6 und yon 30 Pfg. einen Pfennig."*) Man 
sieht, auch in Böhmen wird es jetzt rasch besser. Am 
schlimmsten freilich sieht es im Norden Deutschlands 
aus. Am 31. Juli 1270 bestimmt der Bischof Otto yon 
Minden, da das allgemeine Konzil yerordnet habe, dass 
die Juden keine schweren und übertriebenen 
Zinsen mehr yon den Christen erpressen sollen, so 
sollen die Juden yon Minden künftig yon den dort an- 
sässigen Geistlichen und Laien nicht mehr als die üblichen 
4 Denare wöchentlich yon der Mark Zinsen nehmen. '®0 
Nach dem Augsburger Stadtrecht yom Jahre 1276 darf 
kein Jude yon einem halben Pfund Pfennige mehr Zins 
nehmen als wöchentlich 2 Pfennige und yon 60 Pfennigen 
einen. '^^ Im Jahre 1310 erlaubt König Heinrich den Juden, 
wöchentlich 2 Hlr. Zins yom Einheimischen und 8 Hlr. 
yom Fremden für das Pfd. zu nehmen. ***•) Im Jahre 1335 
erlässt Papst Benedikt XII. dem Bischof yon Würzburgdie 
Zahlung aller Zinsen, welche derselbe den Juden schuldig 



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Depping, Juden im Mittelalter. 8. 149. 

Arooias, Regesten zur Geschichte der Joden, S. 320, 801, Sil, 813. 
'^ Majer, Aagsburger Stadtrecht, S. 56. 
"^) Stobbe, Ja^n in DeatBchland, S. 224. 



— 286 — 

geworden war, imd bestiiiimt, dass dieselben sich mit Rfick- 
erstattnng des ihnen schuldigen Haaptgnts zufrieden 
geben mttssen, da die Jaden dem Bischof ungesetzliche 
Zinsen abgenommen '^^ haben, und im gleichen Jahre be- 
freit der Erzbischof Heinrich von Mainz den Bat und 
die Bttrger von Mainz yon dem Eide, durch den sie den 
Juden versprochen hatten, die ihnen yon den Bürgern 
gezahlten Zinsen nicht mehr zurückzufordern.^^) 
Im Jahre 1338 wird in Frankfurt am Main der yorge- 
schriebene Judenzinssatz bei Darlehen an Bürger fQr 
jedes Pfund H&ller wöchentlich auf 1 Vt Hlr., bei Darlehen an 
Auswärtige aber auf 2 Hlr., also 32,5 bezw. 43,3 Prozent 
festgesetzt^®^) und im Jahre 1340 wird seitens des Herzog- 
tums Bayern für die Städte München, Ingolstadt und 
andere Orte bestimmt, dass die Juden dem Inländer das 
Pfund Pfennige gegen 2 Pfennige, dem Ausländer aber 
für 3 Pfennige wöchentlich leihen, also zum Bezüge Ton 
43,3 bezw. 65 Prozent berechtigt sein sollten, und die 
Judenordnung yon Winterthur bestimmt im Jahre 1840, 
wenn die Juden den gesetzlich festgesetzten Zinssatz 
überschreiten, sollen sie yerpflichtet sein, diese Mehr- 
forderung herauszuzahlen, wenn sich dies binnen einen 
Monats herausstelle; spätere Anforderungen sollten rechts- 
ungültig sein.'^) Kurz man wird im Allgemeinen sagen 
können, dass der gesetzliche Zinsfuss für derartige Juden- 
darleihen im 14. und 15. Jahrhundert zwischen 21,6 und 
86,6 Prozent schwankt'«^) 

Ein beliebtes Mittel, den durch die allzuharten 
Zinsbedrückungen der Juden notleidenden 
Schuldnern zu helfen, war die Zinsstundung, welche 
seit den Kreuzzügen immer mehr in Aufnahme kam. So 
verordnet z. B. am 31. Dezember 1199 Papst Innocenz m., 
als er den Geistlichen des Erzbistums Magdeburg be- 
fiehlt, zur Unterstützung der Christen im Morgenlande 
beizutragen, es solle allen Personen, die das Kreuz nehmen, 
Stundung ihrer Zinsen gewährt werden und mit allen 
Juden, welche sich dessen weigern, der Geschäfts- 
verkehr yon den Christen so lange abgebrochen werden, 
bis sie sich dazu herbeilassen.*®^) So ersucht im Jahre 1208 
Papst Innocenz III. die Krone yon Frankreich, alle 
Schuldner, welche gegen die Albigenser ziehen, yon 
der Zahlung der rückständigen Zinsen freizu- 
sprechen und ihnen betreffs der Heimzahlung der 
Hauptschuld Stundung bis zur Kückkehr bezw. zur 



'*^ Btobbe, Juden in Deutschland, 8 261 f.. 108, 112, 110. 
^^ Aronins, Begesten zur Geschichte der Jaden, 8. 155, 178. 



— 286 — 

gerichtiüchen Toterkl&rung zu gewähren.'^ So fordert 
am 17. — 29. April 1213 derselbe Papst die Öläubiger der 
Mainzer Kirchenproyinz zam Krenzzag auf and 
bestimmt, dass die Kreuzfahrer von der Zahlung ihrer 
Zinsen befreit sein und dass die Juden durch die 
weltlichen Gerichte gezwungen werden sollen, den 
Kreuzfahrern die Zinsen über die Dauer des Kreuzzugs 
zu erlassen. Welcher Jude sich dessen weigere, der 
solle von allen Christen vom Geschäftsverkehr und 
Umgang ausgeschlossen werden. *^^) Im gleichen Jahre 
befiehlt das Konzil von Paris, da durch die zahlreichen 
neuen eigenen Judengemeinderäte diekirchlicheGe- 
richtsbarkeit vernichtet werde, solle sich niemand 
den Strafen unterwerfen, welche die Synagogenräte 
gegen Personen aussprechen, welche die Verbrechender 
Darleiher den Bischöfen heimlich mitteilen.'**^ Die jü- 
dischen Gemeindegerichte waren also gegen Juden 
mit Strafen vorgegangen, welche es für richtig ge- 
halten hatten, Gesetzesübertretungen von Ge- 
meindegenossen betrefRs der Zinsengebote den 
Behörden anzuzeigen. Trotzdem gelingt es im Lanfe 
des 13. Jahrhunderts den Juden immer mehr, ihre Selbst- 
verwaltung herauszubilden und ihre Gemeinden zu einem 
mächtigen Staat im Staate zu machen. Ebenso werden 
am 80. November 1215 durch das damals stattfindende 
lateranische Konzil alle Teilnehmer an dem bevorstehenden 
Kreuzzuge von der Zinszahlung über dessen Dauer be- 
freit. Alle Juden sollen gezwungen werden, den Kreuz- 
fahrern die Zinsen zu erlassen; wer sich weigere, solle so 
lange vom christlichen Geschäftsverkehr ausgeschlossen 
bleiben, bis er nachgebe. Sollte ein Kreuzfiüirer seine 
Schuld dem jüdischen Gläubiger zur Zeit nicht heim- 
zuzahlen in der Lage sein, so sollen ihm die welt- 
lichen Fürsten einen Aufschub in der Art verschaffen, 
dass dem Schuldner vom Beginn seiner Reise an bis zar 
sichern Nachricht von seinem Tode oder seiner Rück- 
kehr die Zinszahlung erlassen, vom Juden dagegen 
der Ertrag des Pfandgegenstands während dieser 
Zeit nach Abzug der nötigen Auslagen auf das 
Hauptgut angerechnet werde. Dies bringe den Juden 
wenig Nachteil, indem wohl die Heimzahlung verzögert^ 
aber die Schuld nicht aufgehoben werde. '^ Das Verhältnis 
ist also dasjenige, dass der jüdische Pfandgläubiger 
während der Abwesenheit des Schuldners den gesamten 

'•^ Depping, Juden im Mittelalter, S. 154, 867. 

*I2o^'^"^""» Regcsten «nr Geschichte der Jaden, S. 178, 176, 204. 
288, 208* 



— 287 — 

Ertrag der in seiner Yerwaltang beflndlichen Pfandliegen- 
schaft bezieht, davon die Betriebsansiagen bestreitet und 
den Ueberschuss am dargeliehenen Hanptgute abzieht 
Aach das Konzil von Chatean-Qontier im Jahre 1231, 
die beiden Konzile von Lyon in den Jahren 1246 nnd 1247, 
das Konzil von Albi im Jahre 1254, von Montpellier 
im Jahre 1258, von Sens im Jahre 1269, von Arles nnd 
Poitiers im Jahre 1273, von Avignon im Jahre 1282 
verbieten den Gerichten die Fortsetzung aller wegen 
Forderungen von Juden anhängigen Kechtsstreitig- 
keiten. Es sollte dem nachgewiesenen Bechtseinwand 
Yon Christen, dass bei Abschlnss des Darlehens eine 
Zinsenüberforderung stattgefunden habe, stattgegeben 
and die Klage in diesem Falle eingestellt werden. *®*) In 
gleicher Weise werden denn auch yon Papst Gregor IX. 
wiederholt alle Kreuzfahrer yon der Zinszahlung 
während des beyorstehenden Kreuzzugs befreit, wie dies 
auch am 17. Juli 1245 durch das Konzil yon Lyon ge- 
schieht, wo y erordnet wird, dass alle Testamente yon 
Gelddarleihern, wenn die betreffenden Personen sterben, 
ohne den unerlaubten Gewinn zurückgegeben zu 
haben, rechtsungültig sein sollen. '^^ Das Gesetz 
galt für Christen und Juden; alle Geldleiher sollten den 
aogerechten Gewinn zurückgeben, den sie an Kreuz- 
fahrer gemacht hätten.*®*) 



k. Die Sif^fliokt dat PfluidiAbAben ud dU Helamhfamg dn Darlftkou 

Während nach romanischem und heutigem Bechte, 
wenn ein Pfand durch Zufall untergeht, dieses dem 
Eigentümer yerloren geht, also der Verlust den 
Schuldner trifft, muss nach altdeutschem Bechte der 
Gläubiger in diesem Falle den Pfandwert ersetzen.'^*) 
Das talmudische Recht schreibt yor, der Pfandinhaber 
solle einstehen müssen für Diebstahl, Abhandenkommen des 
Pfands in Fällen, die er durch Vorsieht hätte yermeiden 
können, während bei Ereignissen, gegen die keine Vor- 
sicht schütze, wie Feuerbrunst, üeberschwemmung u. dergl., 
die Heimzahlung der Schuld nicht yon der Bückgabe des 
Pfands sollte abhängig gemacht werden dürfen. Wird fest- 
gestellt, dass ein Jude durch Feuer, Diebstahl oder Gewalt 
sein Eigentum und die ihm übergebenen Pfänder yer- 
loren hat, und wird er um dieselben yon einem Christen 
in Anspruch genommen, so kann er sich durch seinen Eid 
lösen. Verwahrlost ein Jude einem Christen dessen Pfand, 
so dass der Christ dasselbe nicht wieder erhalten kann, 



^ Depping, Jaden im Mittelalter, & ie2 f. 
n Stobbe, Juden in Dentachland, & 120, 246. 



— 288 — 

80 muss er es dem Christen auf Qrand seines Eids er- 
setzen, bestimmt das alte Augsburger Stadtrecht yom 
Jahre 1276**^) und das Meissner Judenrecht yom Jahre 1265 
bestimmt, wenn ein Jude mit seinem übrigen Besitze 
ein Pfand durch Feuer oder Diebstahl oder Raub 
verliere und dies durch einen Eid auf sein Gesetz oder 
mit glaubwürdigen Zeugen beweise, so soUe er nicht ge- 
halten sein, das Pfand zu bezahlen.'^') So bestimmt das 
Augsburger Stadtrecht, wenn ein Jude Geld auf ein 
Pferd ausleihe, solle er das Pferd beim Fütterer einstellen 
und Bürgen dafür nehmen. Geschähe dann dem Pferd 
etwas durch Schuld des Juden, so solle der Jude den 
Schaden tragen, geschähe ihm aber etwas ohne Schuld des 
Juden, so sollen der Selbstschuldner und seine Bürgen 
den Schaden leiden."*) 

Betreffs der Heimzahlung der Darlehen an die 
Judengläubiger galt der ^chtssatz, dass wenn der 
Schuldner dem Gläubiger das Geld zurückbrachte und 
sein Pfand zurückforderte, der Gläubiger solches dem 
Schuldner vor zwei jüdischen und einem christlichen Zeugen 
ohne Widerspruch zurückzugeben hatte und dann von 
diesem Tage an keine Zinsen mehr berechnet werden 
durften. Geschah dies nicht, so haftete der Jude dem 
Schuldner für allen Schaden, der etwa durch Feuer, 
Diebstahl oder in anderer Weise dem Pfandgegenstande 
widerfuhr. Brachte der Jude an einem spätem Tage dem 
Christen sein Pfand zurück und der Christ löste es dann 
nicht ein, so fiel aller Schaden, der dem Pfandgegenstande 
später durch Feuer, Diebstahl oder Haub zustiess, dem 
Christen zur Last Geht also das Pfand unter, nachdem der 
Schuldner sich zur Heimzahlung erboten hat, so muss der 
Jude Ersatz für den Mehrwert leisten, den das Pfand über 
das Hauptgut und die Zinsenforderung hatte, er trägt also 
die Gefahr für die mora in accipiendo; befindet sich 
aber der Schuldner in mora, so hiat dieser die Gefahr 
zu tragen.'*®) So bestimmt z. B. das Meissner Juden- 
recht von 1265, wenn ein Christ, der ein Pfand gegeben 
habe, das Geld dafür bringe und das Pfand zurückfordere, 
und Zeugen stelle, nämlich zwei Juden und einen Christen 
und der Jude das Pfand nicht herausgebe, so soUen 
von diesem Tage an keine Zinsen mehr laufen, und wenn 
dann der Jude das Pfand durch Feuer, Diebstahl oder 
sonstwie verliere, solle er dem Christen zahlen, was das 
Pfand mehr wert sei als das darauf geliehene Geld mit 

''«) Stobbe, Jaden in Dentscbluid, S. 247, 131. 

1^^ Aroniua, Begetten zur Geschichte der Jaden, 8. 296. 

"«) Majer, Aagtbnrger Stadtrecht, 8. 56. 



— 289 — 

den Zinsen. Bringe aber der Jnde am folgenden oder 
einem spätem Tage dem Christen das Pfand znr Einlösung 
mit zwei Christen nnd einem Juden als Zeugen und der 
Christ I5se es nicht ein und der Jude verliere es dann 
durch Feuer, Diebstahl oder Baub mit seinem andern 
Besitze, so sei er nicht yerpflichtet, es dem Christen zu 
bezahlen. Eine Ausnahme machten jedoch bei diesen 
Vorschriften die jüdischen Feiertage; an diesen war 
kein Jude verpflichtet, ein Pfand herauszugeben. So 
bestimmt z. B. das Judenpriyilegium des Herzogtums 
Oesterreich vom Jahre 1244, kein Jude solle an einem 
judischen Feiertage zur Auslösung von Pfändern genötigt 
werden dürfen. *"•) 

Waren die Schuldner hohe Herren, so hielt es für 
die Juden oft schwer, Bezahlung zu erhalten. Die Juden 
halfen sich in diesem Falle dadurch , dass sie andere 
hohe Herren durch Zusicherung wirtschaftlicher Vor- 
teile in ihre Dienste zogen und diese zur Vollstreckung 
ihrer Forderungsrechte veranlassten. So versprechen im 
Jahre 1376 zwei ülmer Juden dem Pfalzgrafen Friedrich 
bei Bhein die Hälfte ihrer Forderung an den Qrafen 
Heinrich von Werdenberg, wenn er denselben durch 
Krieg zur Bezahlung nötige.'^*) Am schlimmsten waren 
in der Begel die Juden daran, wenn die Beichsregierung 
sich veranlasst sah, die Forderungen, welche einzelne 
Landesherrschaften an das Beich hatten, durch Erlassung 
der Judenschulden dieser Landesherrschaften zu tilgen. 
Trat formell in diesem Falle auch die Beichsregierung 
als Schuldner an die Stelle der Landesherrschaft, so 
konnten doch in der Begel die jüdischen Gläubiger nur 
mit grossen Abstrichen zu ihrer Forderung kommen. 
So erteilt z. B. König Heinrichs Vn. von Luxemburg im 
Jahre 1311 den Bürgern von Esslingen wegen ihres 
Kriegs mit dem Grafen von Wirtemberg einen zwei- 
jährigen Aufschub ihrer Judenschulden. ^|^ So befreit im 
Jahre 1312 König Heinrichs Vn. den Edelmann Konrad 
von Weinsberg zur Entschädigung fOr die Auslagen, 
die er im Beichskriege gegen den Grafen von Wirtem- 
berg gehabt hatte, von seinen Judenschulden. So 
befreit in den Jahren 1315 und 1316 König Ludwig der 
Bayer die Stadt Esslingen zum Ersatz fQr ihren Schaden 
im vorausgegangenen Beichskriege auf zwei Jahre von 
allen Zinsverbindlichkeiten und Leistungen auf Grund des 
Bürgschaftsrechts und Schuldklagen gegenüber den Juden 
von Ueberlingen und den anderen Juden, welche zu den 

"^ Aronioi, Regesten zur Geichicbte der Juden, S. 296, 284. 
^'^ Btobbe, Jaden in DeatschlMid, & 181, 249 f. 



— 240 — 

Feinden des Königs übergegangen sind. So erlässt König 
Ludwig der Bayer im Jahre 1316 den Bürgern Ton 
Heilbronn alle Gelddarlehen, welche sie von den dortigen 
Jaden erhalten haben. So erlässt König Lndwig der 
Bayer im Jahre 1823 dem Stifte Fulda alle seine Juden- 
schulden. So bestätigt im gleichen Jahre König Ludwig 
der Bayer dem Stifte Bamberg und dessen Dienstleuten 
die Befreiung von allen Judenschulden, welche sie Tom 
Kaiser Heinrich VII. erhalten hatten. So erlässt König 
Ludwig der Bayer im Jahre 1326 einer ganzen Reihe von 
Edelleuten ihre Schulden bei den Juden der Beichsvogtei 
Elsass. So verzichtet im Jahre 1338 der Herzog Heinrich 
von Bayern gegenüber den Bürgern von Straubing 
und Deggendorf auf alle seine Ansprüche, welche durch 
die Erschlagung von Juden an diesen Orten seiner Kammer 
erwachsen waren, und bescheinigt den Bürgern dieser 
Städte, das sie den betreffenden Juden nichts mehr schuldig 
seien. So spricht König Ludwig im Jahre 1341 das 
Kloster Waldsassen von allen Schulden bei seinen Juden 
frei. So befreit die Beichskammer im Jahre 1343 den 
Burggrafen Johann von Nürnberg von allen seinen 
Schulden bei 85 mit Namen aufgeführten Juden und bei 
anderen Juden, [denen er sonst noch Geld schuldig ist, 
und gebietet allen Juden, den Burggrafen seiner Schulden 
ledig zu sagen, wie denn auch im Jahre 1344 der Jude 
Moses von Gunzenhausen eine Verzichtleistungser- 
klärung auf seine Forderungen an den Burggrafen von 
Nürnberg abgibt. Im Jahre 1346 erlässt Kaiser Karl lY. 
dem Grafen von Wirtemberg seine Schulden bei den 
Juden in Colmar und Schlettstatt, welche bereits 
seinem Vater erlassen worden seien, da die Juden ihm 
mit Leib und Gut als jetzigem Beichsoberhaupt gehören. 
So bestimmt Kaiser Karl IV. im Jahre 1347, dass falls 
die Burggrafen von Nürnberg in ihren Schuldurkunden 
auf einen Erlass ihrer Schulden durch das Reich verzichtet 
haben, diese Bechtsklausel keine Verbindlichkeit haben 
solle. Ln Jahre 1348 befreit König Karl den Bischof von 
Augsburg von allen seinen Judenschulden. Im Jahre 1349 
befreit die Beichskammer die Grafen von Wirtemberg und 
ihre Unterthanen von allen Judenschulden und im gleichen 
Jahre befreit die Reichskammer den Markgrafen von Baden 
von allen seinen Judenschulden. Im Jahre 1350 befreit die 
Reichskammer die Stadt Weissenburg und die Deutsch- 
herren zu Nürnberg von allen Judenschulden.' '^) 

Gieng ein Jude mit Tod ab, so giengen seine For- 
derungen wie seine Schulden zunächst an seine Herrschaft 



IIB 



) Stobbe, Jaden i& DevtBcUuid, & 260 ff. 



— 241 — 

über and diese hatte als Schntzyogt oder Patron die 
Pflicht, sich mit den Schuldnern und Gläubigern des yer- 
storbenen Hintersassen auseinanderzusetzen, wofür ihr 
bestimmte Teile der Erbschaft als „Sterbfall" zufielen. 
So bestimmt ein reichsgerichtliches Urteil yom Jalire 1299, 
dass dem Erzbischof Gerhard von Mainz alle Forderungen 
der unter seiner Vogtei stehenden bei dem letzten Juden- 
krawalle umgekommenen Juden zufallen sollten, falls keine 
Erbsinteressenten vorhanden waren."*) 



9) IHe SteuerrerliSltiilsse im Allgemeinen nnd die 

Belehflkammerkneelitselisft. 

Die Reichskammerknechtschaft der Juden ist 
thatsächlich , wie Lambrecht ganz richtig erklärt, von 
Anfang an vorhanden. Nur ist eben Knechtschaft (ser Vi- 
tium), nicht Leibeigenschaft; der „gedingte Knecht^ 
ist kein „Sklave", sondern entsprechend dem englischen 
nEnight'* der freie Hintersasse, Zinsmann oder 
Steuerzahler eines Patrons, der freiwillige Lohn- 
arbeiter, der lediglich im Vertragsverhältnis zu 
seinem Herrn steht. Der Jude ist Beamter (minister), 
nicht Eigenmann, (servus im engem Sinn). Die Juden 
stehen als Knechte, als freie Steuerzahler im Schutze 
des Beichs und es fragt sich nur, wer diesen Schutz 
namens des Reichs handhabt.'^^ KöniglicheKammer- 
knechte, d. h. Steuerzahler, Zinsmänner des Königs, 
sind sie nur, wenn sie auf grundherrlichem Königsgut 
wohnen."*) Nicht diese Frage ist also zweifelhaft, sondern 
lediglich die Frage, wann der Jude aus den Landes- 
herrschaften in die Beichsstädte und damit in den 
unmittelbaren Schutz des Beichs gezogen ist, und 
man nimmt wohl mit Recht an, dieses Verhältnis sei erst 
nach den Jahren 1096 und 1146 allmählich entstanden, 
indem die Juden damals infolge der Judenverfolgungen 
aus den landesherrlichen Gaugrafschaften nach den reichs- 
grandherrlichen Bischofsstädten und in den Schutz 
der Kirche zogen, so dass die königliche Gewalt sich 
veranlasst sah, die burggräflichen Rechte in den 
Städten de r Kirche abzuehmen. 

"^ Lambrecht, Wirtschaftsleben, Bd. 1, S. 292 und 454 f. „Servire*' 
heilst ^fSerntiam dare** ; sendtium aber heisst Frohndienst, d. h. Herren* 
dieost oder Leistang an Geld oder Arbeit, welche man dem Pati^one als 
Kaigeld fQr die Patronatspflicht giebt. 

*'^ Aronins, Regesten zur Geschichte der Juden, S. 140 f., 80. 

"^ Der Grundsatz, dass die Juden durchwe^r Kamm er knechte des 
Königs seien, scheint ihren Anfang mit dem Landfrieden vom Jahre 1106 
genommen tu haben. (Yergl. Aronius, 8. 141). 



- 242 — 

So erfolgt die Uebernahme des Jadenschatzes 
seitens der Kaiser im 9. Jahrhundert lediglich auf Grund 
freier Vereinbarnng zwischen beiden yertragschliessenden 
Teilen. Der römische Kaiser als Patron verspricht, seinen 
gewöhnlich ans dem spanischen Arabien in das römische 
Beich übersiedelnden Klienten vor „Beunruhigung und 
Verläumdnng^, vor Eingriffen in sein rechtmässiges Eigen- 
tum und ungerechten Zoll-, Vorspann- oder Einquartierungs- 
anforderungen zu schützen; er giebt ihm das Recht, in 
seinem Machtgebiet das Marktrecht auszuüben, d. h. Handel 
zu treiben, christliche Sklaven zu mieten, Sklaven von 
auswärts einzuführen und im Lande feil zu haben, und 
sichert ihm zu, dass er nur auf Grund des Judenrechts 
zur Feuer- oder Heisswasserprobe oder zu körperlichen 
Strafen solle verurteilt werden dürfen. So nimmt um das 
Jahr 825 Kaiser Ludwig der Fromme den Rabbi Donatas 
und dessen Neffen Samuel in seinen Schutz auf, wobei 
folgende Bedingungen zwischen beiden Teilen vereinbart 
werden: 1. Der Kaiser verspricht den beiden Juden, sie 
vor jeder Beunruhigung und Verläumdung zu schfitzen. 
2. Niemand darf den beiden Juden etwas von ihrem recht- 
mässigen Eigentum wegnehmen oder einen Zoll oder einen 
Vorspann- oder Herbergdienst (Einquartierung) von ihnen 
fordern. 3. Die beiden Juden dürfen ihr Eigentum ver- 
tauschen oder verkaufen, an wen sie wollen, nach dem 
Gesetze der Juden leben und mit Ausnahme der Sonn- 
und Festtage Christen zu ihrer Arbeit mieten; auch ist 
ihnen gestattet, fremde Sklaven zu kaufen und innerhalb 
des Reichs wieder zu verkaufen. 4. Bekommen die beiden 
Juden einen Rechtsstreit mit einem Christen, so ist dieser 
von drei christlichen und drei jüdischen Richtern zu ent- 
scheiden, bekommt ein Christ aber Streit mit einem der 
beiden Juden, so kann er diesen durch christliche Richter 
fnhren. 5. Da die beiden Juden sich beschweren, die 
Christen hetzen die Sklaven der Juden auf, ihre jfidischen 
Herren aus religiösen Gründen zu verachten, und fiberreden 
sie, sich durch die Taufe von ihnen freizumachen, so 
verbietet dies der Kaiser. 6. Christen, welche dazu raten, 
man solle die Juden töten, sollen so lange die Juden dem 
Kaiser treu bleiben, eine Strafe von 10 Pfund Gold be- 
zahlen mttssen. 7. Zum Gottesurteil durch Feuer oder 
heisses Wasser oder zur GFeisselung sollen die beiden 
Juden nur dann verurteilt werden dfirfen, wenn dies 
nach dem Judenrechte zulässig ist.^^®) Mit der Besoldung 
der auf diese Weise vom Reiche flbernommenen Pflichten 
und dem Einzug der hiefflr von dem Klienten dem 

"*) AronioB, Regesten rar Gescbicbte der Joden, £L 81 C 



— 248 - 

Seiche zufidlenden Gebfibren und Dienste waren unter 
den Karolingern in der Begel wie mit der Verwaltung 
des Beicbs Oberhaupt meistens die geistlichen Fürsten 
betraut So überlässt z. B. König Karl der Einfache dem 
Erzbischof yon Narbonne die ihm zustehenden Reichsge- 
falle und Zdinten aus den Aeckern, Weingärten, Mühlen der 
dortigen Juden.^^) So beklagen sich am 22. Februar 839 
der Jude Gbiudiocus und seine Söhne Jakob und Vivacius 
bei Kaiser Ludwig, dass der Schutzbrief, den ihnen der 
Kaiser Ober ihre rechtmassig yon ihren Vorfahren ererbten 
Guter Valerianis und BagniUs erteilt habe, ihnen böswillig 
geraubt worden sei und bitten desshalb um eine 
Erneuerung desselben, was denn auch geschieht Der 
Schutzbrief bestinunt, dass die genannten Juden und ihre 
Nachkommen diese Güter mit allen Zubehörden als Ge- 
bäuden, Höfen, Weingärten, Wiesen, Weiden, Wasserläufen, 
Mühlen und Wegen, ohne Widerspruch besitzen sollen und 
dass es ihnen jederzeit freistehen solle, diese Güter zu 
verkaufen und zu vertauschen. ''^) 

Seit der Mitte des 10. Jahrnunderts nun sehen wir, 
entsprechend der allgemeinen grossen Bewegung, welche 
damals gegen die Herrschaftsrechte der Bischöfe und 
Aebte in den ihnen zum Aufenthalt dienenden aufblühenden 
Stadtgemeinden entsteht, wie auch die Ausübung des 
kaiserlichen Judenpatronats durch die geistlichen Fürsten 
lebhafte Anfechtungen erfährt So entsteht z. B. in dem 
emporblohenden Magdeburg eine heftige Bewegung zu 
dem Zweck, das Schutzrecht Ober die dortigen Juden 
und Kaufleute der Kirche zu entreissen, so dass am 
9. Juli 965 Kaiser Otto der Grosse in einem Freiheits- 
briefe, den er der Moritzkirche zu Magdeburg verleiht, 
bestimmt, die Juden und anderen Kauf leute der Stadt 
sollen wie seither lediglich unter der Gewalt des Bi- 
schofs bleiben i<o), wie auch im Jahre 973 Kaiser Otto 11. 
dem Bistum Merseburg alles überlässt, was die Mauern 
der Stadt Merseburg einschliessen, samt dem Er- 
trag der Steuern der dortigen Juden und Ka uf leute '*'), 
und im August 979 Kaiser Otto n. dem Erzbischof von 
Magdeburg den dortigen Stadtbann überlässt, so dass 
in Zukunft der bischöfliche Vogt die Gerichtsbarkeit 
über alle in der Stadt und der Vorstadt wohnenden 
Kaufleute, Juden und andere Bewohner jeglichen 
Stands ausüben solle."*) So gibt im Jahre 1004 Kaiser 
Heinrich ü. dem Bischof Wigbert yon Merseburg den 
Blrtrag der Steuern der dortigen Kaufleute und Juden 

**^ Depping, Jaden im Mittelaller, S. 61, 62. Aioning. 66. 

"V Arooiiis, Regesten zur Geichichte der Jaden, 8. 42 f., 978, 67, 69 

16» 



— 244 — 

sorftck, welche derselbe vor langen Jahren durch ein 
Taaschgesch&ft yerloren hatte. So stellt s. B. König 
Wilhelm der Eroberer von der Normandie nach der 
Eroberung Englands die Juden dieses Etoigreichs 
in seinen besonderen Schutz, erklärt ihr Vermögen als 
königliches Eigentum und bestimmt, dass niemand 
das Hecht haben solle, sich dasselbe anzueignen. 
Die Beschlagnahme des Vermögens der englischen Juden 
durch den neuen Herrscher ist also nicht etwa so auCEU- 
fassen, als ob dieser den Juden dasselbe abgenommen bitte, 
um sie zu berauben, sondern die betreffende Staatshandlnng 
der neuen Begierung bezweckt lediglich, sich in den Oe- 
nuss der hohen jödischen SteuergeftUe zu setzen. '"'^ So 
vermacht im Jahre 1086 die Gemahlin des Herzogs Boger 
Ton Apulien, des Sohns des Normannenherzogs Bobert 
Ouiscard, der Frauenkirche von Salerno den Ertrag der 
Judensteuer dieser Stadt und ihr Oemahl tritt dem 
Erzbischof von Salerno das dortige Judenyiertel mit 
allen Juden darin ab, wobei nur diejenigen Juden ebe 
Ausnahme bilden sollten, welche auf Grund und Boden 
wohnten, der dem Herzog gehörte. Alle nicht in dieser 
Stellung begriffenen Juden von Sidemo sollten dem Bistum 
zu allen Diensten und Auflagen, wie dem Grundzins, 
dem Thorzins und anderen Diensten, verpflichtet sein, 
wie sie das seither dem Herzog oder der Stadt gegeben 
hatten.'**) Mat hat also in Salerno damals zweierlei Juden, 
von denen die einen im Ghetto oder der Judengasse wohnten 
und deren Landesherr der Erzbischof war, während die 
anderen auf dem Grund und Boden der Krone von Sizilien 
wohnten und dieser steuerpflichtig waren. So erneuert in 
den Jahren 112fi — 1140 der Herzog Sobeslaus von Böhmen 
den Schutzvertrag der deutschen Gemeinde in der 
Prager Vorstadt Nach demselben führt der Böhme 
den Zengenbeweis gegen den Deutschen mit zwei 
Deutschen und einem Böhmen und umgekehrt; ebenso soll 
es bei Streitigkeiten mit Bömern und Juden gehalten 
werden. Man hat also in Prag vier nationale Ge- 
meinden, von denen jede ihre eigene Verwaltung und 
ihr eigenes Gericht hat. Alle vier aber stehen im Patronat 
der Krone von Böhmen, sind dieser steuerpflichtig und 
damit nach mittelalterlichem Sprachgebrauche „Kammer- 
knechte'' derselben. >») Am 6. April 1157 bestätigt 
Kaiser Friedrich L der Judengemeinde in Worms den 
Schutzvertrag Kaiser Heinrichs IV. ^) So sind die 
Juden in Konstantinopel das ganze Mittelalter seit 

*2 Dcpping, Juden im Mittelalter, 8. 123, 129. 

^ Arooiui, Regelten rar Qeeehiehte der Juden, 8. IOC, 128. 



— 246 — 

dem Jahre 1204 ünterthanen, Hintenaseen and Schatz- 
befohlene der Repnblik Venedig and befinden sich sehr 
wohl dabei and als König Heinrich n. (1133 bis 1189) 
von England seinen Zag nach dem heiligen Lande 
nnteminunt, setzt er den englischen Bürgern eine Stener 
von 70,000 Pfd. Sterling, den Jaden aber eine solche 
von 80,000 Pfd. Sterling an. Diese Stener worde indess 
von den Jaden nicht bezahlt, worauf die Krone die 
reichsten Jaden des Landes verwies and ihnen die 
Aaswanderang erst nach Bezahlong eines Anstrittsgelds 
von 5000 Mark erlanbte.***) 

Sind so seit dem 10. Jahrhundert etwa meist die 
Staatsbehörden im Besitze der Jadensteuern, so 
sehen wir seit dem Anfang des 13. Jahrhunderts das 
Recht auf den Ertrag der Judenschutzgelder in zu- 
nehmendem Masse wieder an die geistlichen Fürsten 
flbergehen, welche in kluger Ausnutzung der Zeityerhält- 
nisse sich dieses Becht durch Pfandschaftsyertrage yom 
Reiche zu erwerben wissen, wobei indess zahlreiche Aus- 
nahmen yorkommen. So verzichtet am 20. November 1209 
die Reichskammer unter Kaiser Otto IV. von Sachsen 
in einem Vertrage mit dem Erzbistum Mainz unter Erz- 
bischof Siegfried auf alle Ansprüche an den Ertrag der 
Jodengefalle in den Städten des Erzbistums.^*^) So leiden 
im Jahre 1210 die Juden in Passau schweren Schaden 
dorch gewaltsame Beraubung und verlangen desshalb 
von ihrem Patron, dem Bischof Mangold, Entschädigung, 
worauf sich das Bistum mit ihnen derart vergleicht, dass 
die Stadtgemeinde Passau ffir 400 Mark von allen For- 
derungen frei sein sollte, welche künftig noch Christen 
oder Juden wegen dieser Angelegenheit machen sollten. 
Am gleichen Tage vergleicht sich sodann das Bistum 
von Passau mit der Stadtgemeinde wegen der Sache in 
der Art, dass die Stadt die Bezahlung von 400 Mark an 
die Passauer Judenschaft fibemimmt und die Bürger 
Walther Isnar, Ulrich Pröbstlin und der Schneider Herbord 
den Juden 200 Pfd. Pass. Münze zahlen, während das 
Bistum ihnen dafür den Passauer Zoll verpfändet.*^ 
Am 10. Juni 1212 verpflichtet sich Kaiser Otto IV. 
Yon Sachsen dem Viztum von Rusteberg und Ulrich 
von Dullenstedt gegenüber, den Vertrag zu halten, den 
er vor seiner Kaiserkrönung mit dem Erzbistum Mainz 
geschlossen hatte, und demzufolge die Beden der Juden- 
gemeinden Mainz, Erfurt u. s, w., die unter seiner 
Gewalt standen, dem Erzbistum zufielen« Im 



"!) Deppiag, JadflD im Mittelalter, S. 899, 125, 868. 

Aradu, Begssteii lur Geschichte der Jaden, 8. 167 n., 171. 



q 



— 246 — 

Jahre 1212 tritt Kaiser Friedrich n. als König von 8i- 
zilien dem Erzbistom Cosenza den Ertrag der Jnden- 
steoer dieser Stadt and das dortige Färberbanngeld 
ab.'**) Am 3. Janoar 1216 bestätigt König Friedrich IL 
seinen Getreuen, den Joden yon Regensborg, die 
ihm yon ihnen vorgelegte Urkunde Kaiser Friedrichs I. 
und befiehlt bei Verlust seiner Onade, dass niemand 
die darin enthaltenen Freiheitsrechte solle brechen oder 
sie durch Verleumdung oder Schadenzufbgung verletzen 
dürfen. Um dieselbe Zeit fiberlässt Kaiser Friedrich IL von 
Hohenstaufen als König und Landesherr der Provence 
die Einkünfte von mehreren Juden der Kirche von 
Arles.»*) So ttberlässt König Heinrich m. (1216—1272) 
von England den Ertrag der englischen Judensteuer 
auf einige Jahre an seinen Bruder König Bichard von 
Deutschland.-") 

Um welch* ein wichtiges GefUI es sich bei der 
Judensteuer handelte, erhellt daraus, dass z. B. im 
Jahre 1217 nahezu der dritte Teil der französischen 
Steuerertrage von 7550 Pfd. von den Juden der Nor- 
mandie bezahlt wird'**) und so steigt denn auch die 
Anzahl der Staatsverträge Ober dieses Gefäll während des 
13. Jahrhunderts fortwährend. So sehen wir im Jahre 1219 
das Recht auf den Bezug der Judensteuer von Marseille 
in der Hand des dortigen Bischofs, der dieses Gefall im 
gedachten Jahre durch Vertrag mit der Judengemeinde 
auf 2 Lampreten festsetzt.'**^ Im März 1227 verleiht König 
Heinrich vn. der Hohestauie von Deutschland dem Grafen 
Wilhelm von Jülich und seinen Erben das Becht, den 
Ertrag der Steuern aller Juden, welche sich in seinem 
Lande niederlassen, frei von König und Reich zu be- 
sitzen und über sie nach freiem Ermessen zu verftkgen."^ 
So schliesst im Jahre 1280 König Ludwig IX. einen Ver- 
trag mit dem Bischof von Beziers, durch den sich die 
französische Krone alle Rechte auf den Ertrag der dortigen 
Judensteuer vorbehält mit Ausnahme dessen, was davon 
dem Bischof und den Kanonikern gehöre.^^) Man sieht, die 
französische Krone ist bestrebt, von ihrem Rechte auf das 
Judenregal zu sichern, was zu sichern ist. Wären ihre 
Rechte nicht bedroht gewesen, so wäre ein solcher Ver- 
trag nicht nötig erschienen. Am 16. Februar 1288 Über- 
lässt König Heinrich Vn. von Hohenstaufen dem Bischof 
Siegfried von Regensburg als Entschädigung für seine 
Auslagen im Reichsdienste auf Lebenszeit alle Einkünfte, 
Gerichtsgefälle und Gerechtigkeiten, welche der Reichs- 



^ 



Deppiog, Jaden im Mittelalter, 8. 189, 191 f., 151, 266, 157 f. 
ArooittB, Regesten zur Geschichte der Jaden, 8. 180, 195, 201. 



- 247 — 

kammer yon denjengen in Begensbnrg wohnenden Jaden 
zustand, deren StenergefiUe der Beichskammer gehörte.**^ 
Es gab also demnach anch in Regensbnrg zweierlei Jnden- 
bOrger, solche, welche im Patronat des Reichs standen, also 
Beichskammerknechte waren, nnd solche, die in der Vogtei 
des Bischofs standen, also bischöfliche Kammerknechte waren. 
Im Jahre 1234 nimmt Kaiser Friedrich n. yon Hohen- 
staofen in Anbetracht der Schwäche, d. h. der verhältnis- 
mässig geringen Anzahl, des Jndenyolks nnd mit 
Rflcksicht darauf, dass die in seinen Ländern lebenden 
Jaden dnrchweg nnd jeder einzeln darch gesetzliches 
Vorrecht der Kirche nnd der kaiserlichen Gewalt 
seine „besonderen Kammerknechte^ sind, anf die 
Bitte seiner beiden Kammerknechte C. nnd 0. deren 
Personen sowie ihre Söhne, Töchter nnd alle ihre Ofiter 
in seinen and des Reichs besonderen Schutz anf, 
indem er ihnen die guten Gebräuche und bewährten 
Gewohnheiten, die sie unter seinen Vorgängern hatten, 
bestätigt, nachdem sie seither den ihnen obliegenden 
Diensten nachgekommen und in der dem Reiche schuldigen 
Treue yerharrt haben. Man sieht aus dieser wichtigen 
Urkunde, wie das Jndenpatronat ein Recht des römischen 
Kaisers ist und die Judenpatronate der Landesherrschaften 
nichts anderes als Reichslehen sind. Die Aufnahme in 
den unmittelbaren Reichsschutz, welche nichts 
anderes bedeutete, als die Befreiung yon allen Steuern 
an die Landesherrschaft, war damals ein yon allen 
stärkeren wirtschaftlichen Existenzen angestrebtes Frei- 
heitsrecht und sie wird denn auch yon allerlei Bürger- 
schaften und einzelnen Personen seit dem 18. Jahrhundert 
in zunehmendem Masse erworben. So nimmt z. B. am 
18. Noyember 1284 König Heinrich VH. die Bfirgerge- 
meinde in Wflrzbnrg in den Reichsschutz auf und 
yerspricht, die Bürger nicht durch Steuern zu beschweren, 
nnd damit dies dem Bischof, der Geistlichkeit, den Juden 
nnd allen Bürgern treu gehalten werde, stellt er einen 
Freiheitsbrief darüber aus.'**) Am 8—81. August 1288 nimmt 
Kaiser Friedrich ü. seine Kammerknechte die Juden 
in Wien in den unmittelbaren Reichsschutz und er- 
teilt ihnen hierüber einen Freiheitsbrief, der im Allge- 
meinen dem Worms er Freiheitsbriefe Kaiser Heinrichs IV. 
entspricht**^ So erklärt am 18. Noyember 1244 der Erz- 
hischof Siegfried DX yon Mainz in einem Freiheitsbriefe 
an die Bürger yon Mainz, dass er den dortigen Juden 

^ Aronini, Regesten sor Geschichte der Joden, 8. 205, 204, 129, 
^f.,287. 



— 248 — 

halten werde, was er ihnen yersprochen habe.'**) So Ter- 
pfändet am 5. Februar 1247 der G^genkönig Landgraf 
Heinrich Haspe von Thüringen die Juden in Würzbarg, 
deren Steuerertrag seither der Reichskammer zustand, 
dem Bischof Hermann yon Wflrzburg uud seiner Kirche 
f&r 2300 Mark Silber. Würzburg soll die betreffende Juden- 
Steuer zu seinem Nutzen besitzen, doch sollen nach dem 
Tode des Bischofs König Heinrich oder seine Nachfolger 
am Reiche das Recht haben, dieses Stenergefall gegen Be- 
zahlung des Pfandschillings zurückzukaufen, was allerdings 
nie mehr geschah. Die Einkünfte, welche der Bischof 
hiebei yon den Juden in der Pfandschaftszeit bezogen hatte, 
sollten nicht in Anrechnung gebracht werden dürfen.'^ Im 
April 1247 wird der Freiheitsbrief der Bürger von Wien, 
welchen Kaiser Friedrich ü. ihnen yerliehen hatte, während 
seiner Fehde mit dem Herzog Friedrich dem Streitbaren, 
dem letzten Babenberger von Oesterreich von letz- 
terem aber aufgehoben worden war, dieser auf ihre Bitte 
nach dem Tode des Herzogs und dadurch stattgehabten 
Rückfall des Herzogtums an das Reich vom Kaiser Frie- 
drich n. erneuert. >^) Am 27. März 1250 nimmt der Erz- 
bischof Konrad von Köln auf die Bitte der Büi^r yon 
Dortmund zum Vorteil derselben die dortigen Juden 
mit ihren Knechten gegen eine Jahresabgabe yon 25 Hark 
Kölner Groschen in seinen Schutz. Dieselben dürfen ohne 
Schaden an Leib und Gut auswandern, sobald sie die 
Abgabe geleistet haben. Einwandernde Juden gemessen 
ebenfalls den erzbischöflichen Schutz, wenn sie die Abgabe 
bezahlen.'*^) Im August 1251 yerpfllndet König Konrad IV. 
yon Hohenstaufen dem Gottfried yon Hohenlohe f&r 
seine Dienste die Stadt Rothenburg samt den dortigen 
Juden nebst Gebsattel um 3000 Mark Silber.'^) Am 
3. April 1252 yerspricht König Wilhelm yon Holland 
yon Deutschland in einem Freiheitsbriefe fQr die Stadt 
Goslar, die dortigen Juden als seine Kammerknechte 
gnädig zu schützen, wofür sie ihm aber auch als ihrem 
Herrn und römischen König in schuldiger Weise sollten 
dienen, d. h. steuern müssen.'"^) Am 22. März 1253 weist 
der Erzbischof Konrad yon Köln den Grafen Walram 
und Otto yon Nassau 500 Mark Kölner Denare auf die 
Einkünfte aus dem Zoll, Aer Bede, der Münze und dem 
Judenschutzgelde in Siegen an. Sollten sich die 
Einkünfte aus dem Judenschutze und der Münze 
erhöhen, so sollte der Mehrbetrag zwischen dem Erzbischof 
und den Grafen geteilt werden.**®) Am 27. April 1252 

8. oben, S. 11 f. 

AronioB, Regesten zur Qeachichte der Jaden, 8.241, 245, 249, 25B. 



=? 



— 249 — 

schliesst der Erzbischof Eonrad yon Köln, da es sehr 
nfitzUch und ehrend sei, wenn er den Juden, die 
sich seinem Schutz unterwerfen wollen, diese Wohl- 
that erweise, einen zweij&hrigen Vertrag mit denselben. 
Alle .luden, welche die Stadt betreten, sollen bei allen 
ihren Geschäften unter seiner Gerichtsbarkeit stehen, 
wofttr sie ihm an Johannis dem Täufer, dem 24. Juni, und 
an Weihnachten ein bestimmtes Schutzgeld zu bezahlen 
haben. Mehr soll weder vom Vogt noch dem Kämmerer oder 
sonst jemand ihnen abgenommen werden. Nach Ablauf der 
zwei Jahre dürfen die Juden fortgehen oder bleiben. Wollen 
sie bälder auswandern, so ist ihnen dies erlaubt, wenn sie 
das Schutzgeld vorher bezahlen. Wollen sie länger bleiben, 
so soll Aber die Höhe des Schutzgelds eine neue Verein- 
barung getroffen werden. Seine weltliche Gerichtsbarkeit 
über die Juden soll sich erstrecken auf Diebstahl, Fälschung, 
Körperverletzung (Bligendait), Einschreiten gegen Juden, 
die sich dem Judenbanne nicht unterwerfen, Ehebruchs- 
faUe von Juden mit Jüdinnen und Christinnen. Zur lieber- 
führung bedarf es des Zeugnisses von Christen oder Juden. 
Kein Jude soll für die Vergehen des andern büssen. Klagen 
von Juden gegen Juden sind in Gegenwart des Anzu- 
klagenden dem Erzbischof vorzutragen, wobei der Ankläger 
sich zur Strafe der Talion verpflichten muss. Wird von 
der Judengemeinde der Ausschluss eines Gemeindeange- 
hörigen aus dem G«meindeverband einstimmig beantragt, 
so hat der Erzbischof diesen aus der Stadt zu schaffen. 
Der Judenbischof wird alljährlich von der Judengemeinde 
erwählt, f&r die Beleihung erhält der Erzbischof 5 Mark, 
nnd damit die Kölner Juden freiwillig dableiben und noch 
mehr Juden der guten Behandlung zu lieb sich nieder- 
lassen, werden der Bürgermeister, die Schöffen und der Bat 
von Köln, nachdem sie sich dem Erzbischof für die Ein- 
haltung dieser Bestimmungen verbürgt haben, aufgefordert, 
ihm zu Ehren die Juden zu fördern, zu begünstigen und 
zu schützen, wo sie können."^) So wird im März 1253 in 
einem Vertrage zwischen Gottfried von Hohenlohe und 
Engelhart und Konrad von Weinsberg über ihre gegen- 
seitigen Bechte in der Stadt Oe bringen unter anderem 
bestimmt, die Juden sollen ausschliesslich unter dem hohen- 
lohischen Vogte stehen.^'') Im September 1263 erteilt 
der Bischof Hermann von Würzburg den Juden der 
Stadt nnd Diözese einen Freiheitsbrief, den am 25. Sep- 
tember 1253 Papst Innocenz IV. bestätigt, da er die 
Ueberzeugung habe, dass es der Würde der Kirche nicht 



^ AroDtns, Regesten zur Qesdiicble der Jaden, 8. 260 f., 25B f. 



— 250 — 

widerepreche, wenn der heilige Stahl die Jaden schfitze, 
deren Verkehr mit Christen er ja dalde. Die Jaden 
hatten am den bischöflichen Schatz nachgesacht, weil man 
sie angeblich in angerechter Weise mit Diensten und 
Stenern bedrfickt hatte.'*') Am 28. Oktober 1254 bestätigt 
der Herzog Ottokar n. Przemysl yon Oesterreich, 
Markgraf yon Mähren, den Freiheitsbrief des Papstes 
Innocenz IV. fbr die Jaden vom 22. Oktober 1246 and des 
Bischofs Hermann yon Wfirzbnrg wegen ihrer Kirchhofe 
and Synagogen, ihres Eigentums and ihrer Personen.^) 
Am 10. Janaar 1255 schreibt König Wilhelm yon Holland 
yon Deatschland den Bürgern yon Worms, er werde 
ihnen so yiel Bechte geben, dass nicht nur die Christen, 
sondern aach die Jaden sich ft*eaen werden, sich in sein 
Patronat gestellt za haben.'**) Am 1. Febraar 1255 werden 
darch ein Schiedsgericht die Streitigkeiten zwischen dem 
Erzbischof Konrad yon Köln and dem Grafen Wilhelm 
yon Jülich wegen des Bechts auf den Ertrag der Jaden- 
steaer der Kölner Diözese and des erzbischöf- 
lichen Herzogstams aasschliessUch dem Erzbischof 
and der Kölner Kirche zagesprochen. Am 28. Febraar 
1255 fiberträgt der Bischof Bichard yon Worms seinem 
Kapitel seine Einkünfte in der Stadt Worms, daranter 
40 Pfand Hlr., welche die dortigen Jaden ihm alljährlich 
an Martini, den 11. Noyember, za bezahlen haben.'^ Am 
29. Noyember 1255 wird bei der Aassöhnnng des Bischofs 
Eberhard ü. yon Konstanz mit den dortigen Bfirgem 
anter anderm anter Ein willi gang der Jaden aasdrfick- 
lieh bestimmt, dass der Betrag, den die Konstanzer 
Jaden haben bezahlen mfissen, entweder zarflckgegeben 
oder mit ihrer Einwilligang behalten werden solle. Die 
Stadt hatte also wahrscheinlich die Jadengemeinde anter 
Verletzung bischöflicher Bechte besteaert. Im Jahre 1257 
schliesst die Stadt Marseille einen Vertrag mit dem 
Herzog Karl von Anjoa, Graf yon Proyence, nach dem 
der Herzog yon den Christen, Jaden and Sarazenen 
in Marseille keine höhere Abgabe als seither verlangen 
darfte,"») Im Jahre 1258 wirft die Stadt Köln dem 
dortigen Erzbischof yor, dass er die Jadengemeinde 
der Stadt in anrechtmässiger Weise besteaert habe ^*^) and 
am 28. Jani 1258 werden die Streitigkeiten zwischen dem 
Erzbischof and den Bürgern yon Köln darch Schieds- 
spruch beendet, wobei der Erzbischof erklärt, die Bürger 
dfirfen sich nicht darum kümmern, wie er seine Juden 



***) Aronias, Regesten zur Geschichte der Juden, S. 257, 259. 269. 
'**) Depping, Juden im Mittelalter, 8. 256 f. 
'**) Stobbe, Juden in DentscUand, 8. U. 



— 261 — 

behandle, da er die Kölner Jadengemeinde vom Reiche 
zn Lehen habe, deren Steuern l^ziehe und dafür ihre 
Vergehen strafe. Die Bttrger hatten sich darüber be- 
schwert, dass der Erzbischof die Juden verhaftet habeJ*^ 
Wenn die Juden vom Seich an den Erzbischof gekommen 
sind, weiss man nicht Im gleichen Jahre wird in Hil- 
desheim der dortigen Judengemeinde der Schutz 
und das Geleite aufgekündigt und ihre Synagoge ge- 
schlossen.'*^) Am 25. Juli 1258 bestätigt König Richard von 
Cornwallis von Deutschland den Bürgern und Juden 
in Worms ihre Freiheitsrechte und gibt ihnen 1000 Mark 
Silber. Die Juden aber zahlen dem Bischof und den 
Bürgern 200 Mark ftkr ihren Schutz.»*) Im Dezember 1269 
schreibt der Erzbischof Konrad von Köln den dortigen 
Bürgern, er habe den Vertrag mit seinen Kölner 
Juden mit einem neuen Zusätze versehen und lege ihnen 
desshjalb denselben vor, da er den Juden versprochen habe, 
die Bürgerschaft zu bitten, sich für die treue Einhaltung 
dieses Vertrags durch ihn zu verbürgen. Die Bürger 
sollen dafür wie seither die 4 Soldi von den Juden er- 
halten, so dass die Juden an beiden Terminen im Jahre, 
wo sie dem Bischof ihre Abgaben zahlen, den Bürgern 
als Beitrag zu den öffentlichen Bauten ebenso vielmal 
4 Soldi zahlen sollen, als sie dem Bischof Mark (zu 20 Soldi) 
zahlen. ■'*) Am 11. März 1260 lässt der Bischof Eberhard 
Yon Worms auf Bitte der dortigen Judengemeinde 
dieser eine Abschrift des ihr von Kaiser Heinrich IV. 
erteilten Freiheitsbriefs anfertigen, da wegen der Un- 
sicherheit im Lande und der Gefährlichkeit der 
Strassen keine Urkunden versandt werden können.*") 

Man sieht, wie seit der Mitte des 13. Jahrhunderts 
bereits die Streitigkeiten zwischen den geistlichen 
Stad t he rren und denReichsbürger Schäften der Städte 
am das Bei ch auf die Judenbesteuerung entsteht. So 
beklagt sich im Juli 1261 der Bischof Walter vonStrass- 
barg, dass die Bürger die Juden, mit denen sie doch 
gar nichts zu schaffen haben, ebenfalls besteuern,^) und 
verbietet deshalb dem Rate von Strassburg aufs strengste, 
die Juden künftig zu besteuern, weil sie in seinem landes- 
herrlichen Schutze stehen und nicht in dem der Stadt. *••) 
Am 22.-23. September 1261 nimmt der Bischof Robert 
von Magdeburg während der Versammlung zum Laub- 
hüttenfest die reichsten der dortigen Juden fest und 
entlässt sie erst wieder nach Bezahlung (de redemptione, 
^tdicitur) von 100,000 Mark Lösegeld. Dann lässt er in 

"*) AronioB, Regsten snr Geschichte der Jaden, S. 250 f., 270, 274. 
'"^ Maarer, Deatechei StAdteweaen, Bd. 2, 8. 795 f. 



— 262 — 

Halle und Magdeburg alle Judenhioser militirisch 
besetzen and alles Gold und Silber der Jnden wegschaffen. 
Die Bürger von Halle nehmen sich darauf der Juden 
an, worauf der Bischof die Stadt belagert und eine Fehde 
entsteht, die bis zum Jahre 1261 dauert, an welcher sich 
mehrere benachbarte Fürsten beteiligen. Die Hallenser 
und Magdeburger wollten nämlich den Judenschutz an 
sich reissen, was der Bischof dadurch vereitelte, dass er 
das Vermögen der Juden beschlagnahmte.'*^ Am 
7. Oktober 1261 vergleichen sich der Bischof Iring von 
Wfirzburg und die Bürger der Stadt in Bezug auf die 
dortigen Jnden dahin, dass die Bürger sich in den 
Geschäftsverkehr zwischen dem Bischof und den Juden 
nicht zum Schaden des Bischofs einmischen, sondern 
den Bischof sein Recht und seine Herrschaft über die 
Würzburger Judengemeinde ausüben lassen sollten, wie 
sie auch die Jnden in nichts bedrücken und sie zu keinen 
Leistungen für die Bürgerschaft anders als unter Zu- 
stimmung des Bischofs zwingen zu wollen versprachen.**^ 
Am 26. Oktober 1261 versprechen der Bat und die Bürger 
von Halberstadt auf die Bitte des dortigen Bischofs, 
die dortige Judengemeinde nach Kräften zu schützen, 
so dass weder der Bischof noch die Bürgerschaft oder 
sonst jemand ihnen Gewalt anthun oder unregelmässige 
Abgaben von ihnen erpressen sollte. Die Juden aber sollten 
daAr dem Bischof die geziemenden gewöhnlichen Dienste 
treu leisten. Ueber ihre Vergehen sollte nach altem Her- 
kommen geurteilt werden und die Juden hatten das B-echt, 
jederzeit fortzuziehen.^*'') Im Jahre 1262 verschreibt 
König Peter der Grausame von Aragon seiner Gemahlin 
Konstanze als Wittum die Stadt Gar onne und den Ertrag 
der dortigen Judenstener. Im Jahre 1262 setzt König 
Richard von Deutschland in dem Freiheitsrecht, das er der 
Stadt Hagen au im Elsass verleiht, fest, dass die dortigen 
Juden als königliche Kammerknechte nur der Beichs- 
kammer dienen und des Königs Befehl gehorchen sollten, 
ohne dass sie irgend jemand, wo es auch sei, zu anderen 
Diensten sollte zwingen dürfen. Am 9. Juli 1262 wird in 
dem Vergleich zwischen Walter von Geroldseck und 
der Stadt Strassburg bestimmt, dass die Juden die 
nächsten 5 Jahre abgabenfrei sein sollen.'**) Am 
16. Oktober 1262 bestätigt König Richard von Cornwallis 
von Deutschland den Bürgern von Hagen au das Frei- 
heitsrecht, dass seine Kammerknechte die dortigen Juden 
nur der Reichskammer dienen und desshalb von niemand 

>*^ Aronios, Regelten lar Oescbichle der Jodeo, 8. 28L 282 f^ 284. 
'n I>eppiDg, Juden in Mittelalter, 8. 800, 191. 



— 268 — 

SU ungesetzlicheii and ungewöhnlichen Diensten geiwnngen 
werden sollen.^ Am 1. Mai 1263 wird die Jndenge- 
meinde in Worms von König Richard yon Cornwallis 
Ton Deutschland wieder dem Bischof Heinrich yon Speier 
znrflckgegeben, nachdem dieselbe der Stadt Worms 220 Pfd. 
Hlr. bezahlt hat'*^; aber schon im März 1265 zahlt die 
Jadengemeinde zaWorms den dortigen Bürgern wieder 
SOOPfd.Hlr. Jahresstener.***) Am 26. Angnst 1265 schliessen 
der Bischof Iring yon Wfirzbnrg und die dortigen Bürger 
einen Vergleich, nach dem der Bürger Sintram und die 
anderen yertriebenen Freunde des Bischofs, Christen und 
Juden, in die Stadt zurückkehren dürfen und wieder in ihre 
Rechte eingesetzt werden. Klagen der Bürger gegen sie 
sollte der Bischof inGüte beilegen.'**) Am 30. Noyember 1266 
befreit König Konradin auf die Bitte der Bürger yon 
Augsburg seine Kammerknechte die dortigen Juden 
bis Oeorgi, den 24. April 1272, yon allen Leistungen an 
ihn gegen 30 Pfd. Augsburger Pfennig im ersten Jahre 
und je 10 Pfd. in den übrigen 4 Jahren. Lassen sich 
weitere fremde Juden in Augsburg nieder, so haben die 
Bürger Humloher und Ulrich Klaindienst mit den Juden 
Dayid und Liebermann deren Steuer an den König ein- 
zQschätzen; ein Einspruch des Königs hiegegen ist aus- 
geschlossen. Scheidet einer der Vier aus, so wählen die 
drei anderen einen Ersatzmann. Die Ausübung des könig- 
lichen Judenschutzes besorgen der königliche Schutzyogt, 
der Bürgermeister yon Augsburg, die Augsburger Schöffen 
und die ganze Gemeinde. Im Jahre 1270 erwerben die 
Bürger yon Augsburg auch den Ertrag der Steuergef&Ue 
der dortigen bischöflichen Juden.**®) Der Ertrag der 
Aagsburger Judensteuer fliesst also seither in die Stadt- 
kammer, gehört aber selbstyerständlich nach wie yor als 
Regal der kaiserlichen Kammer. Im gleichen Jahre 
erneuert Köln der dortigen Judengemeinde ihr altes 
Becht, keine Gauwercini oder Christen, die offen auf 
Zins leihen (also nicht gewerbsmässig ist es erlaubt) 
zu ihrem Nachteile in der Stadt Köln zu dulden. Die 
betreffenden Bestimmungen werden in Stein gehauen und 
öffentlich aufgestellt**^) Am 20. Dezember nimmt der 
Erzbischof Werner yon Mainz die Bürger und Juden 
zu Erfurt, die sich mit einander gestritten hatten, wieder 
in seine Onade und hebt seinen Bann gegen die Bürger 
auf, den er wegen der Juden über die Bürger yerh&ngt 

***) Aroniat, Regetten sor Geschichte der Jaden, 8. 285, 290, 292, 
297.817.298,808. 

^ Btobbe, Joden in Dentachland, 8. 41. 

^) Araitiu, Begeeten rar GeeeUchle der Joden, 8. 299. Slohbe, 91. 



— 254 — 

hatte. Die Jaden sollen ihre Freiheiten so lange ge- 
messen , als sich ihre Priyilegien erstrecken. ^) Am 
23. Angast 1268 erneuert der König Ottokar von Böhmen, 
Herzog von Oesterreich und Steiermark, Markgraf 
von Mahren, allen Jnden seines Beichs, da sie zu 
seiner Kammer gehören and seines Schatzes bedürfen, 
ihrer alten Freiheitsrechte."*) Am 28. April 1269 ver- 
gleicht sich die Jadengemeinde in Worms mit König 
Bichard dahin, dass sie gegen eine Jahresabgabe von 
200 Mark Silber bis zum Jahre 1275 nicht mehr weiter 
von ihm mit Stener belastet werden darf, worauf König 
Bichard dem Baugrafen Buprecht, Bruder des Bischofs 
von Worms, 20 Mark jährlich auf den 1. Mai zahlbar hei 
den Wormser Juden anweist.***) 

Mit dem Ausgang des 13. Jahrhunderts wird die 
Frage des Bechts auf den Ertrag der Jndensteuer 
unter den einzelnen Fürsten und Herrschaften immer 
brennender und sch&rfer. So werden infolge eines Staats- 
vertrags zwischen dem König Thibaud von Navarra, 
Grafen von Champagne, und seinem Schwiegervater 
König Ludwig IX., dem Heiligen, von Frankreich 
an einem hiezu insgeheim festgesetzten Tage, dem 
Kreuzerhöhungstage, also dem 14. September, 1266 alle 
Juden in den beiderseitigen Ländern gefänglich einge- 
zogen, ihre Pfandbriefe mit Beschlag belegt und auf 
diese Weise genaue Listen angefertigt, welche Juden 
nach Frankreich, nach Navarra und in die Cham- 
pagne gehören, sowie eine Statistik der Grund- 
schulden gewonnen, worauf man die betreffenden Juden 
alsbald wieder freilässt und ihnen ihre Schuld- 
titel zurückgibt Gleichzeitig wird bestimmt, dass 
alle Juden in den beiderseitigen Ländern künftig auf der 
Brust und auf dem Bficken ein Zeichen von scharlachroter 
Farbe sollen tragen müssen.'^) Am 11. Dezember 1271 gibt 
der Bischof Graf Hartmann von Dillingen der Juden- 
gemeinde in Augsburg eine Urkunde, durch die er auf 
Begehr der Bürger der Stadt die Juden, die dort 
wohnen oder sich künftig dort niederlassen werden, 
bis 11. November 1272 und von da an auf noch ein Jahr 
aller ihm schuldigen Dienste ledig spricht, wenn ihm die 
Bürger hiefdr je am 24. April 10 Pfd. Augsburger Pfennige 
bezahlen. Die Juden sollten dafür im Patronate seines 
Vogts, des Bürgermeisters, der Batmannen und der Stadt- 
gemeinde stehen, und diese die Juden in seinem Namen 
gegen Gewaltthaten und Beleidigungen, die etwa dem 

*^*) AroDioB, Regesten lor Geschichte der Judeo, S. 810. 
'^ Depping, Jaden im Mitteialter, B. lei f. 



— 266 — 

Yenprecben des Bischöfe zuwider gegen sie verübt werden 
könnten, beschützen.'") Im Jahre 1279 verbietet das Par- 
lament von Paris den königlichen Jaden inLangued'oc, 
die Juden der Abtei von St. Antonin zur Steuerumlage 
heranzuziehen.'^) Man sieht, es gibt auch hier zweierlei 
Jaden, solche, welche in der unmittelbaren Vogtei der 
französischen Krone stehen, und solche, welche dem 
Patronat eines Landesherrn unterstehen. Aehnliche 
Verhältnisse finden wir in Katalonien, wo im Jahre 1283 
die Juden bei den Kortes von Barcelona beantragen, 
man möge auch auf sie das Gesetz anwenden, nach dem 
jeder Eüiwohner in der Gerichtsbarkeit dessen stehe, 
anf dessen Burg oder Landesgebiet er wohne, einem 
Wonsch, dem die Kortes auch willfahren '^), wobei man sieht, 
dass den Juden das landesherrliche Patronat lieber 
ist, als das Keichtspatronat. Um dieselbe Zeit sichert 
der Herzog Heinrich IV. von Breslau den Juden seines 
Herzogtums den Schutz ihrer Person, ihres Ver- 
mögens, ihrer Religion, ihrer Schulen, d. h. Synagogen, 
and ihres Handels zu, mit dem Bemerken, dass dieselben 
künftig unmittelbar dem Gericht seines Pfalzgrafen 
onterstehen sollen. Wenn ein Christ einem Juden auf 
dessen Notruf nicht zu Hilfe eilen sollte, so solle er 
am Gtold gestraft werden, auch sollte es verboten sein, 
die Juden des Kindsmords anzuklagen, wenn nicht 
3 christliche und 3 jüdische Zeugen aufgestellt werden 
könnten, und jeden Ankläger, der eine solche Sache nicht 
beweisen könnte, sollte die Strafe treffen, die der be- 
zflchtigte Jude hätte leiden mfissen.'^^) Man findet derartige 
Bestimmungen von Judenvögten, welche den Judenschutz 
dadorch kräftig zu handhaben suchen, dass sie die Unter- 
thanen zur Hilfeleistung verpflichten, damals all- 
gemein. So macht z. B. im Jahre 1220 das Gericht von 
Falaise alle Bürger von Bernai daf&r verantwortlich, 
dass sie nicht herbeigeeilt seien und geholfen haben, als 
in ihrer Stadt ein Jude, der ermordet wurde, um HUfe 
gerufen habe.'^) So bestimmt im Jahre 1264 der Herzog 
Boleslaus von Polen, wenn ein Jude bei Nacht um Hilfe 
rufe, solle jeder christliche Nachbar, der ihm nicht zu 
Hilfe komme, 30 Sous bezahlen mfissen.'^^) 

In zunehmender Menge finden sich jetzt die Ver- 
pfändungen der Judengefälle. Im Jahre 1286 ver- 
pfändet König Rudolf von Habsburg dem Grafen Adolf von 
Nassau 20 Mark aus dem jährlichen Ertrag der Beichs- 



*^) Aronins, Regesten zur Geschichte der Jaden, S. 810. 

'«*) Depping, Jodea im Mittelalter, S. 801, 19Ü, 151, 196, ISS. 



— 268 — 

jadensteaer von Frankfurt am Mais.^^ Meist findet 
man jetzt, da8s sich der Ertrag der Jadenschutzstener 
derart zwischen Reichsgewalt and Landesherrschaft 
teilt, dass jeder von beiden Teilen die Hälfte der Ge- 
fälle erhUt. So tritt z. B. im Jahre 1292 das Bistum 
Magnelone der französischen Krone anter König Philipp 
dem Schönen von Frankreich die Juden seiner Herr- 
schaft ab anter der Bedingung, dass das Bistum die 
H&lfte der von diesen Juden geleisteten Steuern und 
Dienste erhalten solle. *^^ Auch in Deutschland finden 
wir damals die Judensteuern nur noch sparsam im 
Besitze der Reichsgewalt. So nimmt z. B. im Jahre 1298 
nach den damaligen Judenkrawallen in Nflrnberg, 
Augsburg u. s. w. das Reich unter König Albrecht I. 
von Oesterreich die Judengemeinde von Nürnberg 
wieder in den seitherigen Schutz und im Jahre 1299 
verpfändet das Reich unter König Albrecht I. von 
Oesterreich dem Erzbistum Mainz den Ertrag der Reichs- 
judensteuer von Frankfurt am Main, wobei sich das 
Reich yerpfiichtet, so lange als die Pfand sc haft des 
Erzbischofs währe, den Juden keine ausserordentliche 
Steuer aufzulegen.*^) Man sieht, wie es die wirtschaft- 
liche Not ist, welche die Reichsgewalt zwingt, den Er- 
trag ihrer Stenerquellen den Landesregierungen 
zu überlassen. 

So macht auch die deutsche Reichskammer, als König 
Albrecht I. yon König Philipp IV. von Frankreich das 
Königreich Arelat zurflckerhält , sofort der französischen 
Krone gegenüber das Recht auf alle Steuern der Juden 
geltend, welche in Frankreich wohnen, und zwar mit 
der Begründung, die Juden haben von Anfang an 
unter dem römischen Kaiser gestanden und seien 
desshalb auch der Gerichtsbarkeit und dem Patronat des 
römischen Reichs, dessen Inhaber Kaiser Albrecht I. 
gegenwärtig sei, unterstellt worden. Info^e Staatsyertrags 
zwischen Deutschland und Frankreich wurden denn 
auch in Frankreich an einem bestimmten Tage alle 
Juden im ganzen Lande festgenommen, ihr Vermögen 
wurde mit Beschlag belegt und ihnen aufgetragen, binnen 
eines Monats Frankreich zu verlassen und sich unter die 
Herrschaft des römischen Kaisers zu stellen. Der Anstifter 
dieser Judenaustreibung, welche wie in Frank- 
reich gleichzeitig auch in Spanien erfolgte, war der 
Gegenpapst Benedikt IX., der Aragonier Peter von 
Luna. So strömten denn in den Jahren 1306 und 1307 

"^ Stobbe, Juden in DeatadÜADd, S. 97, 96. 
^^ Depping, Jaden im Mittelalter, 8. 169. 



— 267 — 

Hunderte Yon fransösischeii Judenfamilion nach 
Bargund and Deutschland herein, wo das Reich sie 
in Franken, Schwaben and Bayern unter seinem 
Beichsschutze ansiedelte, oder sie sogen nach der Frö- 
re nee, wohin ihnen der Herzog von Berri, Statthalter 
der Langaed'oc, freien Durchzug gegen 20 Pariser 
Sons Weggeld eingeräumt hatte. Ein Teil der ver- 
triebenen Juden wanderte femer nach den Nieder- 
landen, wo ihnen z. B. der Herzog Johann U. von 
Brabant im Jahre 1308 die Gründung einer Gemeinde in 
Oenappe gestattet.*^) Wie wenig erbaut freilich die 
Borger der betreffenden Gemeinden yon diesem aufge- 
zwungenen Zuwachse waren, geht daraus hervor, dass 
z. B. in Genappe alsbald Aufstände der Bevölkerung 
gegen die neuen Ankömmlinge entstehen, deren Seele die 
dortigen lombardischen Geldwechsler und Geschäfts- 
leute gewesen zu sein scheinen, denen die eingewanderten 
Juden recht unangenehme Wettbewerber waren. Dass 
die Lombarden damals eben so gut wie die Juden 
noch als Gelddarleiher gerade in den romanischen 
Landern sehr stark in Betracht kommen, während in 
Deutschland die Juden die Oberhand hatten, steht fest 
und geht aus zahlreichen Nachrichten hervor. Wenn man 
den Juden vor die eine Thüre setzt, kommt der Lom- 
barde zur andern Thüre herein. So schliesst z. B. im 
Jahre 1315 das Delphinat unter dem Dauphin Johann von 
Frankreich einen Vertrag mit den Erben des Edelmanns 
Gaichard von Anthoine, durch welchen er diesen das 
Becht verleiht, auf ihrem Gebiete Juden, Lombarden 
and andere Gelddarleiher aufzunehmen, ohne dass 
der Dauphin die herkömmliche Abgabe von ihnen erheben 
sollte. "•) 

Wie man hier den Ertrag der Judensteuem seitens der 
Reichsgewalt immer mehr aus Geldnot den Landes- 
herren zufallen sieht, so geht es auch in Deutschland 
weiter. Wie unter König Albrecht L von Oesterreich, so 
sehen wir auch unter seinem Nachfolger, König Heinrich VII. 
yon Luxemburg, eine Beihe von Judengefällen 
durch Pfandschaft in landesherrliche Hände über- 
gehen.*^) So überlässt im Jahre 1308 Kaiser Heinrich VII. 
demBistum Strassburg die Judensteuem von Molsheim, 
Salz, Bufach u. s. w. in der Art, dass die dortigen 
Jaden der genannten Kirche steuern und ihr mit vollem 
Rechte angehören sollten, wie König Heinrich VII. auch 
dem Bistum Würzburg gegen ein Darlehen von 2300 Mark 



'^ DeppiDZ, Joden im Mittelalter, 8. 189, 262, 211, 206 f., 190. 

17 



— 268 — 

Silber den Ertrag der Jadengteaem dieser Stadt pfandweise 
fiberlassen moss.^ Wir sehen, wer von diesem Uebergang 
des Jndenschntzes an die Landesregiernngen den grdssten 
Vorteil hatte, das waren die Jnden selbst, die namentr 
lieh nnter dem Nachfolger König Heinrichs, dem König 
Ladwig dem Bayer, die besten Tage and die glSnzendate 
Stellung haben. König Ludwig r&omt den Jnden in 
Deutschland derartige Rechte ein, dass er MQhe hat, 
das deshalb murrende Volk im Zaume zu halten, 
so dass die Juden, denen es angesichts dieser Volks- 
bewegung nicht mehr recht geheuer in Deutschland 
und im burgundischen Reiche ist, den Versuch machen, 
die französische Krone zu veranlassen, dass ihnen 
wieder die Rückkehr in dieses Land bewilligt wird, 
ein Versuch, der ihnen auch nnter grossen Oeldopfern 
gelingt, indem sie von der Krone auf 12 Jahre die Er- 
laubnis erhalten, zurflckzukehren. Im Jahre 1315 fiberlasst 
die französische Reichskammer unter König Ladwig dem 
Zänker den Reichsstanden von Langued'oc die von der 
Regierung eingezogenen Liegenschaften der Jnden dieser 
Provinz, wogegen diese auf die Ertragnisse der Juden- 
steuern, welche ihnen durch die Austreibung der Jaden 
entgangen waren, Verzicht leisteten, und verordnet aaf 
die Bitte der geistlichen und weltlichen Landesherren 
von Burg und, dass alle Juden, welche nach Frankreich 
zurückkehren, wieder ihrer alten Landesherrschaft zufallen 
sollten. Die gleiche Verordnung erfolgte für das Herzogtum 
Nevers, wie denn überhaupt allen Juden auf 12 Jahre 
das Recht eingeräumt wurde, nach Frankreich zorückza- 
kehren. So gehen in ganz Frankreich die Kronliegen- 
schaften, welche früher die Judengemeinden zu Lehen 
besessen und welche die Reichskammer bei ihrer Ver- 
treibung eingezogen hatte, wieder als Lehen an die 
einzelnen Landesherrschaften über, wogegen diese auf den 
teilweisen Ertrag der JudengefiLUe zu Gunsten der Krone 
Verzicht leisten müssen. ^^*) 

Da die beteiligten Reichsjudengemeinden oder 
Reichsbürgergemeinden nnter diesen fortgesetzten Ver- 
pfändungen durch die Reichskammer wirtschaftlich sehr 
notlitten, weil diese stets damit endigten, dass die be- 
treffenden Gemeinden die Pfandschaften namens der Reichs- 
gewalt einlösen mussten, so halfen sich die betreffenden 
Körperschaften damit, dass sie die Einlösung nur unter 
der Bedingung auf sich nahmen, dass die Reichs- 
kammer sich verpflichtete, ihre Stenergefälle künftig 
nicht mehr zu verpfänden. So verpflichtet sich z. B. 

'«*) Deppiog, Jaden im Mittelalter« 8. 201. 



— 259 — 

im Jahre 1815 die Begierung: ^^ OegenkOnigs Frie- 
drich HL von Oesterreich der Stadt Hagenau 
gegenüber, den Ertrag der dortigen Beichsbftrger- 
Steuer und Heichsjadensteuer künftig an niemand 
andern mehr za Yerpftnden oder zn verkaufen als an die 
Bürger der Stadt So wird in den Jahren 1815 und 1816 
der Ertrag der Beichssteuer der Jndengemeinde 
Ton Worms vom Beiche an die Wormser Beichs- 
bürgergemeinde yerpftndet und ebenso geht es im 
Jahre 1316 in Augsbnrg.^^) So yerp&ndetim Jahre 1821 
E5nig Lndwig der Bayer dem Freiherm von Biboan- 
pierre im Elsass den Ertrag der Judensteuer von 
Ribeauville für die Summe von 400 Mark Silber mit 
der Bedingung, dass der betreffende Edelmann und seine 
Erben diese Gefölle besitzen und alle Bechte daran üben 
sollten y welche aus dieser Verpfbidung hervorgiengen.^^) 
So wird femer im Jahre 1822 der Ertrag der Juden- 
gemeinde vonBegensbnrg vom Beiche an das Herzog- 
tum Niederbayern verpfändet.****) 

Wie sich die einzelnen Körperschaften damals um die 
Judengef&Ue zanken, sieht man z. B. daraus, wenn im 
Jahre 1327 der Bat der Kölner Bürgergemeinde sich 
dem Bitter Hermann Scherfgin, dem damaligen bischöflichen 
Burggrafen von Köln, gegenüber ernstlich verbittet, 
dass er künftig wieder Gtowaltthaten gegen einzelne Mit- 
glieder der Kölner Judengemeinde sich erlaube und 
dieselben in der Burg des bischöflichen Kämmerers ein- 
sperre, wenn sie seinen Anforderungen nicht Folge leisten. 
Wenn der bischöfliche Burggraf etwas mit einem Kölner 
Jaden zn schaffen habe, solle er sich an den Vorstand der 
Jadengemeinde wenden und diesem gegenüber seine 
Ansprüche geltend machen. ^^) So wird im Jahre 1829 
der Ertrag der Judensteuer in Augsburg seitens 
der Beichskammer an den Grafen von Oettingen 
verpfändet So wird im Jahre 1881 der Ertrag der 
Steuern der Frankfurter Judengemeinde seitens der 
Seichskammer an die dortige Beichsbürgergemeinde ver- 
pfindet und dem dortigen Bat der Schutz der in Frank- 
furt wohnenden Beichsjuden auf 10 Jahre übertragen, der 
dem Beich gegenüber die Verpflichtung übernahm, die 
Jaden gegen jede unrechtmässige Gewalt zu schützen; 
selbst gegen den König und die Beichsgewalt sollte die 
Stadt verpflichtet sein, den Frankfurter Juden beizustehen, 
wenn diese das vereinbarte gewöhnliche Steuerkontingent 
flberschreiten sollten.*^ 

^ Depping, Juden im MiUelalter, 8. 191. Stobbe, Jnden in Deutacb- 
laiid, 8. 84. 60, 94. Wiener, 8. 40. 

17* 



— 280 — 

Man sieht, wie viel den Jadengemeinden daran lag, 
ihr Vermögen vor dem Hanger der aasgeleerten Beichs- 
kammer sicher zn stellen, man sieht, wieviel den Joden 
an einem kräftigen Schatz gelegen ist and wie sie diesen 
am meisten von den anfblfihenden kraftigen Stadt ge- 
meinden erwarten, so dass anch sie sich immer mehr 
entschliessen, aas der Vogtei der Landesherrschaften 
anszatreten and sich als Pfahlbürger oder Beiwohner 
in den Schatz der aafblQhenden Stadtgemeinden zn be- 
geben, indem sie diesen die Bflrgersteaer bezahlen^ 
wie die anderen Aasbürger, die geistlichen Körper- 
schaften, die Kloster, oder einzelnen Eklellente, die 
in das Ansbürgerrecht einer Stadt eintraten. Wie der 
Abt von Reichenan, das Wengenkloster, das Kloster 
Söflingen, wie zahlreiche Edellente, welche sich in den 
Schatz der Stadt Ulm stellen, dafftr eine Entschädigung 
an diese zn leisten haben, so mass der Jade, der in das 
Bürgerrecht einer Reichsstadt eintritt, dieser hiefftr ein 
Schatzgeld bezahlen, da ja der Stadtyerband dnrch diese 
Aafnahme solidarisch haftbar wird für alle Unbill, welche 
dem betreffenden Ansbfirger wiederfahrt So versteht man 
es, wenn in den kritischen Zeiten des Jahres 1S49 die 
Stadt Esslingen es als eine Erleichterang betrachtet, als 
man ihr die Verpflichtnng abnimmt, Juden in ihre Mauern 
aufzunehmen, man versteht aber auch, dass nachdem die 
Wogen wieder ruhiger geworden sind, der wirtschaftliche 
Vorteil, welcher den städtischen Kammern aus dem Ertrag 
der Judenschutzgelder zufliesst, die Aufhahme von Juden 
den Städten wieder als Vorteil erscheinen läset 

Wie sehr die S teuer kraft der geldkräftigen Reichs- 
juden gerade wie die der Reichsbürger seitens der 
Reichskammem ausgenützt wird, zeigen viele Nachrichten. 
So müssen im Jahre 1320 z. B. die f^anz(ysischen Juden- 
gemeinden unter König Philipp dem Langen der Krone von 
Frankreich eine Steuer von 100,000 Pfund bezahlen, wovon 
die Jndengemeinde von Paris 5800 Pfund und die Juden- 
gemeinden des Königreichs Navarra 15,000 Pfbnd trifft 
Die Juden waren nur schwer zur Bezahlung dieser Summe 
zu bewegen, zu der ein besonders reicher Jude, namens 
Saul, allein mit 2000 Pfd. eingeschätzt wurde, entschlossen 
sich aber schliesslich doch, das Geld zn beschaffen. Man 
sieht, hier handelt es sich nicht um die regelmässige 
jährliche Reichssteuer, sondern um einmalige 
grössere direkte Steuerumlagen, wie sie damals 
immer mehr in Gebrauch kommen, nachdem die regel- 
mässigen Ertragssteuem des Reichs verschleudert sind. 
So verpföndet im Jahre 1838 die Reichskammer unter König 



— 261 — 

Ladwig dem Baiern dem Bistum Speier die JadengefäUe 
dieser Stadt and den Ertrag des Barggrafenamts, d. h. 
die Steaergefalle der Börgergemeinde, za Landau and 
yerpflichtet sich, einen dieser Pfandgegenstände nicht ohne 
den andern einzulösen. So wird im Jahre 1227 in einem 
Schiedssprüche zwischen dem Herzog Heinrich I. von 
Schlesien und dem Bischof Lorenz von Breslau be- 
stimmt, dass alle Freie und Juden, welche in der Ka- 
stellanei, d. h. in der Burggemeinde, Beuthen Ackerbau 
treiben, den vollen Zehnten sollen bezahlen müssen. Man 
sieht auch hier wieder, die Juden sind freie Leute, 
welche als Bürger in einen Marktyerband eintreten 
nnd dort an den Nutzungen der Gemeindeliegen- 
schaften als Marktgenossen und Waideberechtigte teil- 
nehmen, weshalb sie auch als pflichtig erklärt wurden, 
hiefQr den Zehnten oder Mietzins an den Lehensherm 
and Eigentümer der Gemeindeliegenschaft zu bezahlen.^^') 



10) Die elnselnen Steuerlelatnngeii der Jaden. 

Wie anderwärts, so bezog auch im alten Königreiche 
Juda der König als Grundeigentümer den Zehnten 
TOR allen Grundbesitzern des Lands als Grundzins oder 
Grundsteuer. Die ersten bedeutenden unmittelbaren 
Steuern bei den Juden aber sind freiwillige Dank- 
opfer an Jehoya für das Heiligtum desselben gewesen. 
Die alten Kopfsteuern der Juden waren für Arme und 
Reiche gleich, aber nur für die Männer über 20 Jahre, 
womit die ersten Volkszählungen zusammenhängen, 
während die Kriegssteuer nur die Reichen zahlten. 
So ist denn auch von den den Juden im heiligen römischen 
Beiche aufgelegten Steuern die älteste die Judenkopf- 
steuer gewesen, welche von denselben unter dem Namen 
des „goldenen Opferpfennigs^ erhoben wurde. ^^ So lange 
der salomonische Tempel in Jerusalem bestana, berichten 
die Chroniken, musste jeder jüdische Haushaltungsyor- 
stand an die Schatzkammer dieses Tempels eine jährliche 
Kopfsteuer von einer goldenen Doppeldrachme be- 
zahlen; als jedoch Kaiser Titus den Tempel zerstörte, 
fiel das Becht zur Erhebung dieser Kopfsteuer der 
römischen Beichskammer zu und seither bildete die- 
selbe einen steigende Bedeutung gewinnenden Teil der 

"*) Depping, Jaden im Mittelalter, 8. 147, 198. Aronioi, Regesien 
lur Oeaehiclite der Jaden, 8. 196. 

') Boidier, Nationaiekonoinie, Bd. 4, 8. 260. 



— 262 — 

Einkünfte des römischen Reichs. Die römischen Kaiser 
der alten Zeit yerstanden es mindestens so gut wie die 
römischen Kaiser des Mittelalters, die wertvollen Eigen- 
schaften des Jndenyolks als Stenerqnelle sn wQrdigen. 
Sie standen, wie das bei der rein praktisch-nflchtemen 
Anffieuisang der Hebr&er in derartigen Dingen kaum anders 
möglich war, denselben nicht als Freunde, sondern als 
Geschäftsleute gegenüber, sie behandelten dieselben 
nach dem Grundsatze des „Do, ut des^ und der Grad 
ihres Entgegenkommens wechselte je nach der mehr oder 
weniger günstigen wirtschaftlichen Lage, in welcher 
sich der jeweilige Beherrscher des Bömerreichs befiwd. 
Herrscher wie Domitian (81—96), lassen die Juden 
tüchtig bezahlen, büssen dies aber auch damit, dass sie 
noch heute jedem Sekundaner als feige Despoten geschildert 
werden; andere, wie Severus (307), die in wirtschaft- 
licher Not sind, lassen sich zu grossen schwerwiegenden 
Einräumungen an die Juden herbei und geben ihnen das 
römische Keichsbürgerrecht, so dass die Juden des 
Bömerreichs bald aus Verfolgten zu Verfolgern der Christen 
werden. Dire beste Zeit feiern die Juden unter Kaiser 
Julian dem Abtrünnigen (361 — 368), der den salomonischen 
Tempel wiederherstellt und den goldenen Opferpfennig 
diesem wieder überlässt, während unter Kaiser Theo- 
dosius (894 — 395) diesen Opferpfennig im römischen 
Beiche wieder die Beichskammer bezieht 

Anders war es im arabischen Beiche der Abbasiden; 
hier gehörte der Opferpfennig dem jüdischen Exil archen 
und noch im Jahre 1175 regiert in Bagdad der jüdische 
^Fürst der Gefangenschaft^, der „Ezilarch^, der höchste 
jüdische Würdenträger der Juden des Ostens, der als 
solcher von allen Juden des Ostens jährlich ein Goldstück 
als Tribut *) bezieht, ii^Uirend ein weiteres Geldstück von 
jedem Juden, z. B. in Mossul, als Tribut zur Hälfte der 
Babbiner, d. h. die Kämmerei der betr. Ortsgemeinde, 
zur andern Hälfte der Emir oder Burggraf erhält, wie 
auch daselbst die Babbiner die kirchliche und bürgerliche 
Gerichtsbarkeit über die Judengemeinde haben. *) 

Ganz ähnlich finden wir denn auch die Steueryer- 
hältnisse der Juden im Mittelalter im römischen Beiche 
geordnet „Ghristianae legis et imperii praerogatiya, qna 
dominamur et viyimus, seryi suntcamerae speciales'' 
ist die Erklärung Kaiser Friedrichs H. yon Hohenstaufen, 

") Trilmtam ^ Zwangibeitrag des einzelnen Oemeindegenotfeo, 

uninittelbare Stener; das Wort h&ngt mit „Treiben,*" „Eintreibiing** m- 
Munmen. 

*) Depping, Jaden im MitteUatttr, 8. 2i IL, 28, 138 f., 189. 



— 268 — 

mit der er allen Ansprflchen an die Steuerertrftgnisse der 
Jodengemeinden von anderer Seite gegenflbertritt Die 
Jaden sind Hintersassen des Reichs and ihr Patron 
ist lediglich der rOmische Kaiser. So kam es denn 
anchf dass die Jaden dnrch das ganze Mittelalter alljährlich 
am Obersttage nnd gegen Michaelis einen „canonem'^, den 
„goldenen Opferpfennig'' , in die Kammer des römischen 
Kaisers bezahlen massten, weil sie „mit Leib und Gut 
dahin gehörten*', wie Kaiser Karl lY. erkl&rte, eine Kopf- 
steaer, welche z. B. in Nürnberg einen Jahresertrag von 
jahrlich 3 — 4000 Golden ergab ^)y and diese Kopfstener 
blieb dem Beiche denn auch von allen Jndengef&llen am 
längsten erhalten. So verspricht z. B. im Jahre 1347 
König Ladwig der Bayer den Jaden von Frank fnrt am 
Main, sich 2V4 Jahre hindurch lediglich mit dem goldenen 
Opferpfennig derjenigen Jaden zn begnügen , welche nach 
Frankfurt zarflckkehren, während der Ertrag der übrigen 
Jadengefälle den Bürgern der Stadt, d. h. der Stadt- 
kammer, znfällt und erst im 15. Jahrhundert findet sich 
bei der zunehmenden Geldnot des Reichs, dass König 
Sigismund dem Herrn Sebald Pfinzing den golden Opfer- 
pfenning von den Juden zu Nürnberg und zu Wöhrd bei 
Nürnberg versetzt, während auch in Nürnberg die Juden 
an das Beich keine weitere Anlagen mehr zu bezahlen 
haben, nachdem sie im Jahre 1418 von Kaiser Sigismund 
das Freiheitsrecht erlangt hatten, dass sie künftig ausser 
dem gewöhnlichen Opferpfennig von Beichswegen mit 
keiner andern Auflage mehr sollten beschwert werden, 
ein Privilegium, das ihnen in den Jahren 1428 und 1480 
von Kaiser Sigismund und im Jahre 1462 von Kaiser 
Friedrich in. erneuert wurde, •) 

1». Dif Solkitiagai dtr JideagtiMimdai. 

Eine weitere Abgabe, welche die Juden zu bezahlen 
hatten, war die Beichssteuer, welche die Judenge- 
meinden der einzelnen Städte wie die bürgerlichen Ge- 
meinden an das Beich oder an den betreffenden vom 
Beiche aufgestellten Pfandherm zu bezahlen hatten, so oft 
die Erhebung einer solchen Steuer erfolgte. Sind die 
direkten Steuererhebungen des Mittelalters erst nur 
ausserordentliche Zuschüsse zur Deckung augenblick- 
lichen Mangels in der Beichskammer, so werden sie seit 
dem 14. Jalirhundert immer mehr eine regelmässige 
Einrichtung. Eine der gewöhnlichsten Veranlassungen 

^ WSifel, Nflrnbergg Jadengemeiode, 8. 50. 
*) Stobbe, Jaden in Deatiehlind, 8. 280. Wflrfel, Nflmbergs Jdden- 
pamaäe, 8. 8» 50. 



— 264 — 

zur Erhebung solcher aasserordenüicher anmitteltiaren 
Steuern waren die Feldzüge , so vor allem die BömerzQge 
und Kreozzflge. So wird im Dezember 1187 nach dem 
Falle Jerusalems von Kaiser Friedrich L namens des 
Reichs auch von allen Jaden desselben eine massige Ver- 
mögenssteuer zur Bestreitung der Kosten des Kreuzzugs 
eingezogen.*) Im Jahre 1254 bezahlen die Juden von 
Worms den dortigen Borgern eine Beisteuer (Bede?) 
zu den Friedenskosten. Im Jahre 1255 kostet die 
Sicherung des Landfriedens die Stadt Worms Aber 
1000 Mark, wozu die Juden 150 Pfd. Hlr. zur Anwerbung 
Yon Söldnern beisteuern. So muss im Jahre 1259 die 
Judengemeinde in Worms der dortigen BOrgei^emeinde, 
welche damals 400 Mark fttr Söldner ausgeben muss, 
200 Pfd. Hlr. und 50 Mark Silber beisteuern, wie auch im 
Juli 1260 die Judengemeinde in Worms zu den Fehde- 
kosten der Stadt gegen Alz ei, die über 1000 Mark 
betragen, 400 Pfd. Hlr. beizusteuern hat Im November 1261 
zahlt die Judengemeinde in Worms der dortigen 
Bürgerschaft 280 Pfd. Hlr. zur Ausbesserung der 
Stadtmauer und 20 Pfd. Hlr. für die Freiheit vom Wein- 
umgeld und im Jahre 1271 zahlt die Judengemeinde in 
Worms der dortigen Bürgergemeinde 260 FfA. Hlr. zur 
Erleichterung der Kosten des Zugs gegen die Herren yon 
Lichtenstein.*) Im Jahre 1292 versucht König Adolf von 
Nassau bei den Juden in Frankfurt Geld zu erhalten, 
um die Kosten seiner Krönung zu bestreiten, wird aber vom 
Beichsschultheissen von Frankfurt hieran verhindert^ Im 
Jahre 1488 bescheidet König Albrecht IL die Judenschaft des 
ganzen Reichs nach Nürnberg und belegt dieselbe nach 
dem Beispiel der früheren Könige mit einer Schätzung, 
die teils zur Bestreitung der Krönungskosten in 
Aachen teils zu anderen Beichszwecken Verwendung 
findet.^ Die Beichsfinanzpolitik des Mittelalters ist eben 
damals längst auf dem Punkte angelangt, dass sie nur 
noch mit dem Augenblicke rechnet Um ein augenblickliches 
Bedürfnis zu decken, verzichtet man auf die wichtigsten 
ordentlichen Besteuerungsgegenstände und sieht sieb 
schliesslich mit Schrecken in die Lage versetzt, auf die 
ausserordentlichen, d. h. unmittelbaren Steuern allein an- 
gewiesen zu sein.^ Am 15. Januar 1248 befiehlt König 
Konrad lY. dem Gerhard von K in zig, sofort von den 
dortigen Juden 500 Mark, nötigenfalls durch Anwendung 

*) Äronias, Regesten zur Oesdiichte der Juden, S. 145, 267, 968, 
270, 276, 283, 817. 



*) Stobbe, Juden in Deutachlaod, 8. 98, 25. 
*) Kahler, Beichsbittorie, 8. 854. 



— 266 — 

von Haf ty für ihn einzatreiben.*) Am 7. Januar 1244 befiehlt 
König Eonrad IV. von Hohenstanfen den Bewohnern von 
Einzig und den dortigen Jaden, dass ihm die Christenge- 
meinde 60Mark, die Jndengemeinde aber 20Mark>^) umgehend 
zam Gebrauche der Beichskammer als B e d e einsenden solle J^ 
Am 16. Dezember 1266 verbannt der Bischof Heinrich IL 
von Speier die Brüder Voltzo, Hartmut und Eonrad mit 
ihren Genossen ans der Stadt, weil sie den Besitz der 
Juden frech und mit Verachtung der Beichsgewalt ohne 
Richtersprach geraubt und verhindert haben, dass das 
Bistum die gewohnte Leistung im Namen des Kelchs 
Ton den Juden empfange, indem sie dessen Sprach und 
den der Richter verachteten.*) Man sieht, die geistlichen 
Stadtherren sehen sich damals in zunehmender Weise fan 
Bezug ihrer Jndengefälle bedroht So wird, als am 
3. Oktober 1266 der Bischof Hartmann von Augsburg 
dem König Eonradin von Schwaben die Schutzvogtei 
Augsbarg flbertragt, hiebei die Bestimmung getroffeu, dass 
was das Bistnm seither von Christen oder Juden einge- 
trieben habe, auf keine Weise vom Schutzvogt dfirfe 
zurückgefordert werden.^ So verpflichtet sich am 5. Ok- 
tober 1212 König Friedrich ü. gegenüber dem Bischof 
Luitpold von Worms, Beden bei den Bürgern oder 
Juden in Worms nur durch den Bischof zu erheben.*) 
Die belasteten BOrger- und Judengemeinden helfen 
sich diesen erhöhten Anforderungen gegenüber dadurch, 
dass sie sich den Meistbetrag ihrer Leistungen seitens 
der Steuerbehörden urkundlich gewährleisten lassen. Im 
September 1266 z.B. zahlt die Jndengemeinde in Worms 
der dortigen Bflrgergemeinde eine Steuer von 250 Pfd. 
Hlr. gegen das Versprechen, im folgenden Jahre nur mit 
200 Pfd. belastet zu werden.*) Am 25. Januar 1265 be- 
stätigen der SchultheiBS Marsilius von Trier und die 
Brflder Heinrich und Diethard von Pfaffendorf, dass der 
erwählte Bischof Heinrich von Trier seinen Juden in 
Koblenz von Ostern den 5. April 1265 eine Gnade das 
ganze Jahr hindurch gewährt und sie von allen Diensten 
(servitium) befreit habe. Der Schnltheiss und die beiden 
Brflder stellen Bürgschaft für allen Schaden und Zweifel 
oder alle Feindschaft, falls der Bischof dies nicht hält*) 
Am 4. Juni 1261 beschwert sich der Bischof Walter von 
Strassburg über die Verletzung seiner Rechte durch 
die dortigen Bürger, welche seine Juden durch ungesetz- 
liche Auflagen und Quälereien belästigen und nach ihrem 

^ Arontoi, Begesten zur Geschichte der Jaden, S. 2 1 ff., 292, 296, 
m, 289 f. 

*") Nach heotigem Geldwerte etwa 4800 Mark. 



— 266 — 

Belieben Oeld von ihnen erpressen.*^ ^^ 31* Angiut 1260 
verspricht der Bischof Otto von Pas sau der dortigen 
Jadengemeinde, zwei Jahre lang weder Steuern noch 
Darlehen (Zwangsanlehen) von ihnen zn fordern, nach- 
dem sie ihm znm Bückkaofe des Zehnten in L eis be- 
hilflich gewesen seien. ") Im Jahre 1331 schliesst König 
Ludwig der Bayer einen Vertrag mit ,,seinen lieben 
Kammerknechten'', den Jaden in Frankfurt am Main 
ab, durch welchen er sich verpflichtet, sich 10 Jahre lang 
mit der gewöhnlichen Steuer zu begnügen und keine 
weiteren iüiforderungen namens des Beichs in dieser Zeit 
an die Frankfurter Juden zu machen, und im Jahre 1383 
werden in Frankfurt am Main die Beichssteuern 
auf zwei Jahre, im Jahre 1339 auf vier Jahre voraus 
erhoben, was selbstverständlich auf eine Steuerer- 
höhung hinauskommt, weil die folgenden Bechnungs* 
Zeiträume auch nicht ohne Steuern bestehen können. 
Beliebt sind namentlich seit dem 14. Jahrhundert die 
sogenannten Tontinenanleihen, eine Art Leibrenten, 
die ihren Namen von ihrem Eiflnder, dem Lombarden 
Tonti, erhalten hatten. Sie wurden vor allem in Frank- 
reich, wo sie noch heute mannigfach im Oebrauche sind, 
bald überall gang und gäbe, während ihre Einbui^erung 
in Deutschland weniger von statten gieng.^^ 

«. Dm DirartgtWl (iirrlthni) te Jalnu 

Das Servitium ist bekanntlich die Ablösung einer 
einem Bechtssubjekt zukommenden persönlichen Dienst- 
verpflichtung dnrch Geld. Es ist das Entgeld f&r eine 
Mflhewaltung, welche ein Bechtssabjekt selbst zu besorgen 
hätte, und die Juden verstehen es seit dem 18. Jahr- 
hundert in zanehmendem Masse, sich von diesen Diensten 
dnrch Geldabflndung and contingentierte Steuerleistangen 
frei zu machen. So bestimmt z. B. König Philipp der Kühne 
von Frankreich, die Juden sollen nur in Städten 
und bei festen Schlössern wohnen, aber zu den 
Frohndiensten der Bürger nicht verpflichtet sein.'*) Die 
Juden sind deshalb auch, wenn sie nicht dem stadtischen 
Verband als Bürger eingegliedert sind, sondern auf dem 
Grund und Boden eines Landesherrn bei einer Stadt oder 
Burg wohnen, nicht verpflichtet, an den Leistungen der 
betreffenden Stadtbewohner oder Bürger teilzunehmen. 

") Aromas, Regesten zur Geschichte der Jaden, 8. 280, 876. 
**) Wiener, Jaden, 8. 40. Rosclier, Nationalökonomie, Bd. 4, 8. 685. 
Kostanecki, der öffentliche Kredit in Schmoller, Forscbongen, Bd. 9, 8. 40. 
^") Depping, Jaden im Mittelalter, 8. 182. 



— 267 — 

Eine andere Leistong der Jaden war das ,,aaram 
coronariom'' , die Krönnngssteuer der Jaden. ^*) Die 
Juden mnssten nämlich dem römischen Kaiser and König 
als ihrem alleinigen Herrn and Schinnyogt, wenn er das 
Reich antrat, eine Kronsteaer geben, die ein Tribat oder 
eine Willkommsschatzong war, eine Verpflichtnng , die 
indes seitens der Jaden bisweilen angefochten wnrde. So 
weigerte sich nach dem Urfehdebach der Stadt Nürn- 
berg im Jahre 1441 der Jade Jakob von Gitadell, diese 
Steuer za bezahlen.'^) Als im Jahre 1284 König Philipp 
der Schöne Besitz von der Grafschaft Champagne 
nimmt, mtkssen ihm die Jaden derselben eine „joyense 
avenne'^ Ton 25,000 Pfand bezahlen.**) Kam der römische 
Kaiser oder König nach Nürnberg, so mnssten die Jaden 
unter Abzag der hiedurch entstehenden Kosten yon ihrer 
Beichssteaer für die Bereithaitang der für den kaiserlichen 
Hof nötigen Betten anf der Beichsbarg Sorge tragen. 
Als nan im Jahre 1485 Kaiser Friederich nach Närn- 
beig kam, weigerten sich die Jaden, dies zn than, worauf 
der Bat dahin entschied, dass, wenn die Juden ihrer Ver- 
pflichtung nicht nachkommen, der Bat die Sache selbst 
besorgen and die entstandenen Kosten bei den Juden 
einfordern lassen werde.*'') Auch sonst sehen wir die 
Juden za mannigfachen Leistungen herangezogen. 

So erscheint z. B. im Jahre 1119 die Juden ge- 
rn ein de in Born bei der Neubesetzung des päpstlichen 
Stuhls, um dem neuen Papste feierlich ihr G^etz- 
buch zu überreichen und den althergebrachten Tribut 
von 1 Pfund Pfeffer und 2 Pfund Zimmt zu tiberreichen.") 
Im Jahre 1150 bezahlen die Juden von Aix der dortigen 
Kirche einen Zins von Pfeffer und Ingwer. In Köln 
erhält der Burggraf jährlich 10 Mark von der Judenge- 
meinde und 6 Pfund Pfeffer. In Trier müssen die Juden 
im 13. Jahrhundert jährlich 150 Mark bezahlen und Ar- 
beiter in die erzbischöfliche Münze stellen, ferner mnss der 
Judenbischof dem Erzbischof jährlich 10 Mark ohne Zinsen 
leihen. Dazu kommen an bestimmten Tagen grosse Pfeffer- 
lieferangen an den Erzbischof und dessen Kammer und 
Kleiderstofflieferungen für den Erzbischof und dessen 

M) Maurer, Deutsches Städteweseu, Bd. 2, S. 512. 

^ Jakob, jud tou CitadeU suntert sich yon all den jueden zu Nürn- 
berg, welche zur Krönung unseri Herrn Kaiser Friedench zu Terehren 
▼erspiochen, kommt darumb anf zwen monate ins gefängnis und muss 
sohlen. Tut dan urfet 1441. Warfei, Nürnbergs Judengemeinde, 8. 49 f. 

>^ Depping, Juden im Mittelalter, 8. 147. 

*|) Wflrfel, Narnbergs Judengemeinde, 8. 52. 

^ Depping, Juden im Mittelalter, 8. 131 f., 142. Maurer, DentMhes 
Bttdtewesen, fid. 2. 8. 512, 572. 



— 268 — 

Kapellan, den Eänunerer and dessen Fraa. In Worms mnss 
jeder nene Jadenbischof dem Bischof 20 Pfd. Pfg. and jeder 
neae Jadenrat 60 Pfd. Hlr. entrichten, wogegen es niemand 
erlaubt ist, im Haase von Jaden Einqnartierang zu 
fordern.**) Am 20. Janoar 1261 verordnet König Konrad IV. 
von Hohenstaafen , da die Bürger von Regensbnrg von 
den Reichsfeinden hart bedroht werden, sollen die Greist- 
liehen, Laien und seine Kammerknechte, die Jaden, die 
Verabredungen der Bürger mit ihnen über die Wachen und 
Befestigungen genau beobachten.^*) Am 16. April 1252 
wird der Streit zwischen dem Erzbischof Konrad und 
den Bürgern von Köln wegen der Aendeningen der 
Münzen, der Ton den Bürgern gewünschten Abschaffung 
gewisser Zölle in Neuss u. s. w. darch einen Schiedssprach 
beigelegt, laut dem auch die Juden von Köln in den 
geschlossenen Vergleich einbegriffen sein sollten, welche 
die Mauern der Stadt hatten bewachen helfen. So schliesst 
im Jahre 1262 die Stadt Marseille Frieden mit dem 
Herzog von Anjou als Grafen der Proren ce und giebt 
darin zu, dass der Ertrag der Judensteuer von Marseille 
dem Grafen gehöre und die Juden verpflichtet sein sollen, 
zu den Kosten der Kriege des Grafen beizutragen, während 
sie von den Gemeindeabgaben der Stadt Marseille frei 
sein sollten.^) Seit dem 14. Jahrhundert zahlen die Juden 
in Schlesien dem König einen Schutzzins sowie den 
Zehnten, wenn sie Grundbesitz haben. In den Stadien 
tragen sie nur zu den Wachkosten bei. Zünftige Ge- 
werbebetriebe sind ihnen verboten. *•) So erteilt im 
Jahre 1281 König Rudolf von Habsburg dem Reichsschult- 
heissen von Frankfurt a. M. das jederzeit widerrufliche 
Recht, von jedem neu sich in Frankfurt niederlassenden 
Juden ein Dienstgeld (servitium) von einer Mark zu er- 
heben*'), und im Jahre 1285 wird in Schweidnitz be- 
stimmt, die Juden sollen von ihren Erbschaften den 
Bürgern kein servitium geben und keine solutio thun 
ausser den Wachen auf der Mauer**) und zur Sicherheit 
der Stadt und im Jahre 1315 brauchen die Juden in 
Breslau nicht zu wachen, müssen dafür aber eine Steuer be- 
zahlen**), wie sie auch ihren Grundbesitz versteuern mflssen. 
Im Jahre 1354 weigern sich die Juden von Lyon, ZQ 
den Kosten der Stadtbefestigung und zu den Militär- 
lasten beizutragen, obwohl sie davon den gleichen Nutzen 
wie die Bürger haben. Es erscheint darauf ein Gesetz, 

**) Aronius, Regesten zur Qeschichte der Joden, 8. 284, 218 f. 
*U l>0PP^g* Juden im Mittelalter, 8. 261, 196. 
* Stobbe, Juden in Üeutscfaland, 8. 97. 

Maurer, Deutsches St&dtewesea, Bd. 2, 8. 795. 



— 269 — 

durch welches aach den atenerbefreiten Klassen, den Edel- 
lenten, Geistlichen nnd Jnden, die Pflicht auferlegt wird, 
an den Gemeindelasten teilzanehmen nnd auch den Juden 
von Lyon wurde infolge dessen auferlegt, diesem Befehl 
anweigerlich nachzukommen. '*) 

d, Di« üml«fug dar Jidaoatfmr. 

Mit der wachsenden Höhe der Judensteuern begann 
denn auch die Frage derUmlegung dieser Steuergefälle 
auf die einzelnen Steuerträger eine zunehmende Bedeutung 
ZQ spielen. Da es seitens der Reichskammer Sitte war, 
die Steuer zu kontingentieren, so dass es den Juden- 
gemeinden Oberlassen blieb, zu sehen, wie sie die be- 
treffenden Summen aufbrachten, so führte diese Frage zu 
mannigfachen Streitigkeiten unter den einzelnen Juden- 
gemeinden. So beklagen sich z. B. unter König Heinrich IL 
?on England (1154 — 1189) die Juden von London, 
welche damals eine kontingentierte Reichsjudensteuer von 
35,000 Mark Silber zu zahlen haben, dass diese Steuer 
nicht im Verhältnis zur Steuerkraft der einzelnen 
Mitglieder umgelegt werde, und im Jahre 1193 schliesst 
der Burggraf (yicomte) von Beziers und Carcassonne bei 
Gelegenheit eines Anlehens, das er bei den Juden macht, 
einen Vertrag mit denselben, demzufolge er sich yerbind- 
lich macht, jede Steuer, welche er ihnen auferlege, gleich- 
massig auf die Judengemeinden von Limouz, 
Carcassonne und Aleth zu verteilen. In den 
Jahren 1321 bis 1322 wird vom französischen Parlament 
den Juden von Frankreich eine Steuer yon 15,000 Pfd. 
aufgelegt. Die Eintreibung der Beitrage bei den einzelnen 
Jaden geschah in der Langue d'oui und in der Langue d'oc 
durch eigene jfidische Beamte, welche die gerechte Um- 
legung auf Grund des Vermögens zu überwachen hatten. 
So traf die Juden der Reichslandyogtei Carcassonne 
der Betrag von 25,000 Franken, die Juden der Reichsland- 
Yogtei Beaucaire 20,500 Franken, während die Juden 
von Toulouse 2,000 Franken, die Herrschaft Rover gue 
1900 Franken, Poigard und Querie je 100 Franken 
zu bezahlen hatten, was zusammen 49,500 Franken ergab. 
Um der Zahlung sicher zu sein, mussten die reichsten 
Jaden der einzelnen Steuerbezirke Bürgschaft leisten. 
Wer nicht bezahlen wollte, durfte das Land verlassen. 
Im Jahre 1338 hebt der Dauphin Humbert n. alle seit- 
lierigen Steuerfreiheits- und sonstigen Rechte der Juden 
and Lombarden in seinem Lande auf und fahrt eine neue 
Ordnung fttr dieselben ein, nach der die Steuer künftig 

**) Deppin^, Juden im Mittelalter, 8. 228 f. 



— 270 — 

nach MliBSgabe des VemiGgeiig der einmlneii Genoaaen 
umgelegt werden sollte. Fttr dieses nene Freiheitorecht 
massten die Betreffenden der Kammer die Summe von 
1000 Onlden bezahlen.*^) 

f. DM SHüMkt d«r iidaa. 

Da das Ertrftgnis der Jndensteaem ein sehr hohes 
war, so war es Sitte, dass wenn ein Jade ans dem Gebiet 
eines vom Reiche mit dem Recht zur Aufnahme von Juden 
begabten Juden in das Gebiet eines andern derartigen 
Grundherrn verzog, eine Entschädigung des seit- 
herigen Patrons für den Schaden zu erfolgen hatte, 
den dieser durch den Verlust des betreffenden Steuer- 
zahlers an seinen Gefällen erlitt. So stellt, als im 
Jahre 1208 der reichste Jude der Grafschaft Champagne, 
Cresselin, nach Frankreich auswandert, die Gräfin 
von Champagne an EOnig Philipp sofort das Ansuchen, 
denselben zurückzugeben, was auch geschah, worauf 
Cresselin sich verpflichten musste, künftig nicht mehr 
aus der Grafschaft auszuwandern, und diese Verpflichtung 
durch Geiseln sicherzustellen hatte, wie er auch der 
l4iJidesherrschaft das Recht einräumten musste, im Falle 
seines Wegzugs alle seine ausstehenden For- 
derungen an sich zu ziehen. Frankreich dagegen 
räumte Cresselin das Recht ein, im ganzen Gebiet 
der Krone Geld auszuleihen.*^ So verlangt im 
Jahre 1208 die Witwe des Grafen Thibaud von Cham- 
pagne, dass diejenigen Juden der Grafschaft, welche 
nach Frankreich ausgewandert waren, von Frankreich 
wieder an die Champagne ausgeliefert werden. Frankreich 
kommt denn auch diesem Wunsche nach, aber nur unter 
der Bedingung, dass die betreffenden Juden lediglich 
den regelmässigen Steuern unterworfen werden. So er- 
lässt im Jahre 1280 König Ludwig IX. von Frankreich 
mit den französischen Reichsständen ein Gesetz, demzufolge 
künftig kein Jude mehr gezwungen werden darf, einer 
Landesherrschaft Geld zu leihen; auch darf keine 
Herrschaft die Juden einer andern Herrschaft zu- 
rückhalten, sondern es soll jeder Landesherrschaft frei- 
stehen, ihre Juden überall, auch ausserhalb des Königreichs, 
wo dieselben gefunden werden, zu ergreifen und festzuhalten. 
Man sieht, d